Lag es an ihrer eigenthümlichen Schwankung zwischen den Bewerbungen Benno ' s und Thiebold ' s ? ... Sie regte schon seit lange jeden Abend die Phantasie ihrer Freundin auf . Auch heute durch Klagen über des Domherrn Ausbleiben ... über Thiebold ' s Fragen , die sie andeutete ... über Benno , » der sich so sicher dünkte « ... und endlich stockte sie ... Paula fragte befremdet : Du hast heute etwas - ? ! O könntest du doch für mich in die Zukunft sehen ! rief Armgart wie aus tiefster Seele heraus ... Laß das ! Laß das ! erwiderte Paula schmerzerfüllt . Armgart hob ihre Augen bittend auf ... Das Weiße darin blitzte wie Email , wie feuchtes Silber ... Paula wandte sich , als unterläge sie schon diesem Glanz und Schimmer und Armgart ' s Bitten ... Laß uns beten ! sagte sie ... beten gegen Versuchung ! Paula ! - hauchte Armgart . Morgen mußt du mir sagen - ich frage dich - Nimmermehr ! rief Paula . Ich verbiete dir alles ! ... Und wie wild erregt von einer Furcht , die sie plötzlich in allen ihren Geistern vor sich selbst ergriff , fuhr Paula fort : Ihr seid so grausam gegen mich ! Ihr tödtet mich noch ! Paula ! bat Armgart ... Ich kann ja so nicht fortleben ! sprach Paula zitternd vor Aufregung . Laßt mich doch sein , wie ihr alle seid ! Jesus Maria ! Es sprengt mir noch das Herz ! Geht das so fort , muß ich wünschen , jenes Mädchen kehrt zurück , das allein gehindert hat , daß ich im Traume sprach ! Wenn sie kam , wich jede Kraft von mir ! Ich will ja nur sein , wie alle andern Menschen sind ... Armgart wußte , daß Lucinde gemeint war , jene Lucinde , in deren unmittelbarer Nähe Paula mit der Zeit ganz von ihrer Ekstase zurückkam , doch mit großem damit verbundenen physischen Schmerz , den auch Armgart damals an der Maximinuskapelle selbst empfunden haben wollte , als sie Lucinden nach den Beschreibungen Paula ' s sofort erkannte ... Beide Mädchen standen lange schweigend und in Wehmuth verloren ... Ob sich ihnen wol vergegenwärtigte , daß Paula genesen konnte , wie alle Aerzte sagten , durch - die Liebe ? Ob sie wol ahnten , daß Bonaventura auch da von sich sagte , was er , zwischen Lucinde und Paula in der Mitte der Versuchungen stehend , am Abend jener Beichte verzweifelnd ausrief : Ein Priester bist du ! Ein Mensch ohne Leben ! Ohne männliches Zeugniß für deinen Schöpfer ! ... Das alles lag nur dunkel in ihnen . In allen jungen Mädchenherzen , ehe das Los über sie geworfen ist , zittert nur ein schmerzlichsüßes Ahnen von ihrem zukünftigen Geschick . Bald leiser , bald stürmischer meldet sich die Sehnsucht , die Pforte der Zukunft geöffnet zu sehen . Oft ist es wol plötzlich ein jugendlichschöner Gott , der aus düsterm Nebel heraus , wildfremd , wie das herrlichste Ebenbild der Mannesschöne , mit riesiger Umarmung die Harrende umfängt ; oft liegt aber auch nur ein ödes , trauervolles Einerlei auf ihrem unbestimmten Innern und alles , was ihr wird und was sie beginnt , ist ihr wie Ohnmacht und todte Dämmerung . Da rief der Wächter wieder die Stunde ... Schlaf wohl ! hauchte Paula und drückte Armgart an ihr Herz ... Armgart wollte anfangs gehen ... Aber , zur Thür des Vorgemachs angekommen , blieb sie stehen , fuhr sich mit der Hand über die Stirn und rief : Paula ! Paula ! Was hast du ? sprach diese , sie wieder näherziehend ... Ein » Du mußt - mir - ! « preßte sich von Armgart ' s Brust ... Ich begreife dich nicht - Was muß ich ? Armgart zog einen Brief aus der Brust und sagte : Paula ! Diesen Brief - an Terschka - den hab ' ich aus der Mappe - zurückbehalten ... Ich gebe ihn nicht eher ab , als bis du ihn gelesen hast ! Armgart ! rief Paula und zitterte ... Sie ergriff vorwurfsvollen Blicks den aus der Residenz des Kirchenfürsten gekommenen Brief und fragte : Von wem ist er ? Von meiner Mutter ! ... Was hat Terschka - mit meiner Mutter ! Sie lieben sich ! Paula , Paula ! Das ist mein Tod ! Armgart ! sagte Paula beruhigend ... Nur Ein Ziel meines Lebens hab ' ich ! fuhr Armgart in zitternder Erregung fort . Meine Aeltern auszusöhnen ! Sonst will ich nichts ! Wüßtest du nur , wie ich neulich in Witoborn war ! Ich war bei Hedemann ! Ich ließ mir eine Stunde lang vom Vater erzählen ! Ich lieb ' ihn mehr , als meine Mutter - nein , ich liebe auch meine Mutter - mein Gelübde hat der Himmel und ich will es vollziehen und wär ' s durch meinen Tod ... Armgart faltete die Hände und hielt sie empor zu einem Crucifix , das an der Wand hing ... Warum soll - aber Terschka nur - nicht deiner Mutter schreiben und sie - an ihn ? fragte Paula , entsetzt über den fanatischen Ausdruck der Gefühle Armgart ' s ... Wie , entgegnete Armgart ; dieser lebhafte Briefwechsel ? Diese Begeisterung , wenn er von ihr spricht ? Neulich seine schnelle Reise , um die Gräfin zu begrüßen ? Nur ein Vorwand war es , um die Mutter zu sehen ! O , schon im Hüneneck sah ich an der Eile , mit der er die Zimmer bestellte , wie er sie liebt ! Und sie , sie - sie könnte - ! Dieser Brief ist von ihr - Paula , du , du sollst ihn lesen ! Paula verwies Armgart ihr Ansinnen mit Unwillen ; denn sie wußte wol , was Armgart meinte ... Sie wußte , daß der Brief nicht erbrochen zu werden brauchte ; sie wußte , daß sie alles lesen konnte , was man ihr im Hochschlaf aus ihr Nervengeflecht legte ... Ob auch uneröffnete Briefe ? ... Versucht war es nicht ... Hier glaubte man nicht an die Unmöglichkeit . Wie eine unreine Versuchung wehrte Paula Armgart ' s überredende Geberde ab . Sie sagte schmerzerfüllt , doch entschieden : Gute Nacht , Armgart ! ... Misbrauche mein Unglück nicht ! ... Ich verbiete es dir ! ... Es muß ein Ende damit werden ... Gott wird mich erlösen ... Sei gut , Armgart ! ... Sei gut ! ... Und nun , gute Nacht ! Damit verschwand sie hinter dem Vorhang , den sie wieder fallen ließ , und schloß die Thür zu ihrem Schlafgemach ab ... Wieder tönte das Horn des Wächters ... Armgart ging zögernd auf ein Zimmer weiter zurück ... Sie hörte noch , daß sich Paula sogar einriegelte ... Dann trat sie durch eine Nebenthür auf den kalten Corridor ... Ein Diener folgte und begleitete sie mit einem Licht in ihren Thurm ... An dem Zimmer der Tante ging sie vorüber , ohne daß sie es merkte . Ein äußerster Entschluß kämpfte in ihr , ein tiefes Sinnen beherrschte ihr ganzes Sein ... Krampfhaft preßte sie den Brief , den sie in ihr Busentuch gesteckt hatte ... Schon hatte sie den Finger an das Siegel gelegt ... schon zuckte die Hand , es aufzureißen ... Sie dachte an den Beistand der Beichte , der sie leichter über die Folgen eines solchen Vergehens hinwegführen würde ... an Bonaventura ... an Benno ... Da verließ sie allmählich der wilde Muth ... Der Diener stand und harrte ihres Befehls ... Legt das - in Herrn von Terschka ' s - Zimmer ! hauchte sie . Es ist ein Brief für ihn , der - vergessen wurde ... Der Diener nahm den Brief und wandte sich den Zimmern Terschka ' s zu . Armgart verschwand in ihrem Zimmer . 6. Drei Männer , in Mäntel gehüllt , schreiten in die Winternacht hinaus ... Nicht mondhell ist sie ; nur sternenlicht ... Und weithin über das wellige Land liegt mitleuchtend die Decke des Schnees ... Grabesstill rings die Welt ... Schlummernd alles Erdenloos ... Wer flüsterte sich nicht : Gibt es denn geheimnißvolle Kräfte , die schicksalsmächtig über Raum und Zeit und das Herz in unserer Brust gebieten ? Und wer antwortete nicht : Ihr stilles Hüten glaubt man jetzt zu hören ... Winterlandschaftsstille ist - Friedensmahnruf - Sehnsuchts- - Ahnungsweckruf ... Anfangs noch hallte zwischen Terschka , Benno und Thiebold der erlebte Tag und Abend nach . Man bewunderte die Kraft der Vision , die sich so in die Vorgänge des Leichenconductes hatte versetzen können . Benno mußte Thiebold zurückhalten , der eine natürliche Erklärung , die Terschka gab , nicht wollte gelten lassen . Terschka hatte gesagt : Wer die Gegend und die Verhältnisse kennt , würde sich die Scenen , die heute vorfallen konnten , auch ohne ein Wunder haben ausmalen können ! ... Aber die Unterbrechung ? entgegnete Thiebold ... Benno antwortete statt Terschka ' s : Ich will der Natur nichts von ihren Tiefen nehmen . Aber ich glaube doch , daß wir uns durch die Gewohnheiten des Daseins in geistigen Dingen zu sehr die Sinne abstumpfen , wie in leiblichen . Ein bis in sein Alter mit den einfachsten Speisen Aufgezogener ist empfindlich für jede Veränderung seiner Nahrung . Ebenso gewöhnen wir uns durch Misbrauch unserer seelischen Kräfte die Feinfühligkeit des geistigen Spürsinns ab . Bei der Ankunft am Düsternbrook mußte die junge Gräfin etwas Unerwartetes voraussetzen ; sie dachte an die Eiche , sah sie und nahe lag das allen Bekannte . Von Armgart wurde nur bei Gelegenheit - der Hasen gesprochen , deren Spuren sich an kleinen Eindrücken links und rechts im Schnee auf den Aeckern verfolgen ließen ... In Thiebold und Benno dämmerte die Ahnung , daß Terschka es war , um dessentwillen sie von Armgart vernachlässigt wurden ... Ja , beim Weidwerkgespräch wieder sah man Terschka ' s blendende Eigenschaften . Auch Benno und Thiebold verstanden sich darauf , aber nicht so , wie er , der die Jagd verfolgen konnte bis auf alle Vorzüge neuer Entdeckungen aus den Gewehrfabriken von Suhl und Lüttich . Von Terschka sah man täglich das Erstaunenerregende . Der schmächtige bleiche , immer bewegliche Fremdling war ein Reiter , der im Sturm dahinflog . Manches Roß , das den Koller hatte , bestieg er und bändigte es wie ein Beschwörer . Noch neulich , wie ein dem Grafen Münnich gehörendes Thier sich unter ihm schmiegte , wie es die mit seiner Linken mächtig geschwungene Reitgerte über den Kopf hinweg fühlte , sich krümmte bis zur Erde und den Kopf fast in den Schnee bohrte , dann wieder aufschnellte , mit beiden Hinterfüßen sich ebenso rasch auf die Kruppe setzte , dann davonflog pfeilgeschwind und fast wie mit Scham , sich überwunden zu sehen - da war das ein Schauspiel voll Vernichtung für Benno und Thiebold ; Armgart stand dicht in der Nähe und sagte nur immer : Nein , nein , ich habe gar keine Furcht für Herrn von Terschka ! ... Nach einer halben Stunde war der Finkenhof erreicht . Versteckt lag er unter Bäumen und Wallhecken . Eine Mühle , ein Tanzhaus , eine Kegelbahn , ringsum Nebengebäude ; ein großes Anwesen . Den Finkenmüller hatten Schank und Mehlsack reich gemacht inmitten mannichfachen Elends . Auf der Saline , bei den Kalköfen , in den Moorbrennereien wurde schnell baares Geld verdient , ebenso schnell auch glitt es wieder weg und meist im Finkenhof , wo Sonntags die bekannte falschgestimmte Trompete ländlicher Musik von vier Uhr Nachmittags bis zehn Uhr zu Tanz und Jubel zu locken nicht müde wurde . Anfangs schien es auf dem Finkenhof stiller , als man erwartete . Schon besorgte man , die gräfliche Jägerei nicht anzutreffen . Man hätte sie aufs Schloß rufen können . Terschka weilte aber gern unter den hiesigen Menschen ; sie hatten ihn mit Haß empfangen ; schon waren alle für ihn eingenommen ... Wir kommen zu spät ! sagte er und deutete auf manchen Heimkehrenden , der an ihnen vorüberging und grüßte ... Dann fragte er sie ... Es hieß : Die Jäger sind da , Herr Baron ! Nun bogen sie vom Fahrweg ab und sahen den Finkenhof hell und belebt . Der jeden Morgen frisch aufgeeiste Bach schien zu dampfen . Die Kegelbahn hatte Licht . An den wie mit Fett bestrichenen Fensterscheiben hätte man Scenen aus dem vaterländischen Rekrutenleben an die gegenüberliegende Wand gemalt erblicken können : » Fritze riecht zum ersten male Pulver « oder : » Fritze macht die erste Bekanntschaft mit blauen Bohnen « , alles im Stil von Krähwinkel ausgeführt ... Im Tanzsaal ist ' s still ; aber im Wirthshaus sitzen Menschen genug und Gesang sogar gibt es . Benno sagte : Ihren Volkstanz stampfen sie ! Den lustigen Pfaffen von Ystrup ! Und schon hörte man : He , he ! Der ist zu arm , Daß Gott erbarm ' ! He , he ! Der ist zu dick , Hat kein Geschick ! Behalte die Besinnung , wer kann , der da eintritt in diesen Dampf und Dunst von Hitze und Taback und Bier und Branntwein ! Unter einem Heiligenbild an der Seite des Flurs hängt eine Lampe , eine ewige sogar ; Fidibus von dünnen Holzspänen liegen daneben : man kann sich Pfeifen und Cigarren an ihr anzünden . Die drei Gäste thun es , um ein Antidoton zu haben gegen die Dünste , die ihrer drinnen harren . Was jedoch stärkt das Ohr , diesen Gesang zu ertragen , der mit einer Festigkeit , wie wenn man Holzblöcke in die Erde rammt , den Eintretenden entgegenbraust ? ... Jetzt ertönt das » He , he ! « plötzlich schwächer und die Pfeifen gleiten einen halben Zoll aus dem Munde . Man erkennt die Eintretenden . Eine Magd , zu gleicher Zeit an zehn Fingern zehn Biergläser in der Schwebe haltend , blinzelt um den Weg zu weisen mit den Augen dahin , wo die hochgräfliche Jägerei sitzt , hinter einen Ofen von einer so pagodenhaften Dimension , daß Onkel Levinus über die gelegentliche Aeußerung studirt haben würde , zwischen den Oefen der witoborner Heide und den alten Bauten der Indier zu Dschaggernaut fände ein urweltlicher Zusammenhang statt . Und während nun hier mit dem Oberförster , mit dem Wild- und Hegemeister , mit dem Jagdzeugmeister und einem Unterförster des letzten Grafen von Dorste-Camphausen die Vorbereitungen verabredet wurden , die zu einer großen Vertilgungsjagd in einem von Thiebold de Jonge um 80000 Thaler gekauften Walde - seufzend hatte er draußen die mangelnde Floßgelegenheit am Mühlbach erwogen - gehören sollten , zu einer Jagd , die unter den scheinbaren Auspicien des nächsten Nachbars , Grafen Münnich auf Münnichhof gehalten werden sollte ; während die Zahl der Treiber , der Hunde , die Vorräthe des Jagdgeräths besprochen und von Benno mit lebhafter Orientirung die Schauplätze seiner geheimnisvollen Jugend unterschieden wurden , der Zehnterwald von der Birkenschonung , die Knüppelheide von der borkenhagener Saustiege - während dann auch noch der Finkenmüller , der Meyer , der Moorbauer ehrerbietigst in den Kreis eintraten , verfolgen wir einen Ankömmling , der langsam daherhumpelnd noch spät von Witoborn herüberkommt ... Es ist ein kleiner Mann , nicht unkräftig gebaut . Zwischen den Schultern trägt er die Last eines Buckels und unter den Armen , in ein Tuch gewickelt , einen länglichen Gegenstand , den man an einem hervorstehenden Fiedelbogen für eine Geige halten darf ... Der weiße beulenreiche Hut ist tief über den Kopf gestülpt , den ein Pflaster am Auge entstellt ... Ein grauer Mantel , angezogen wie ein Militärmantel , schützt den Wanderer auf seinem Wege , den er nur langsam fortsetzen kann , da er heute aus den Händen des Bruder Hubertus eine schlechtere Testamentszahlung vom Kronsyndikus bekommen hat , als ihm dieser in dem beim Pfarrer Huber in Witoborn niedergelegten letzten Willen zugedacht ... Es ist Stammer , der Geiger ... Alle wissen schon sein Unglück und jeder , der ihm begegnet , lacht seines Hinkens und seines Pflasters ... Besonders gram ist ihm dabei niemand ; Müllenhoff hatte schon Recht : Dies Volk hat zu lange die Milde des Krummstabs gefühlt und liebt Zechen und wildes Aufschlagen auf den Tisch und alle Sünden , die freilich dann so viele Wächter des Himmels , wie Witoborn einst zählte , auch wieder leichter vergeben konnten . Sie fehlen wol bei keiner Procession , sie werfen sich vor jedem Altar nieder , lassen sich jeden Besuch im witoborner Münster und jeden Kuß auf einen Reliquienschrein vom Küster schriftlich bescheinigen , um damit einst vor Gottes Thron oder bei einem Anliegen um freies Brennholz aus einem geistlichen Walde auftreten zu können ; aber nirgends wird auch noch soviel wildes Naturrecht geübt , nirgends soviel Holz schon von selbst gestohlen , nirgends soviel Wild im Mondlicht in die Büsche geworfen , mit Zweigen überdeckt und bei guter Gelegenheit harmlos von einem vorüberfahrenden Heuwagen abgeholt , nirgends wird dem damals nur langsamen Vorschreiten des Zollvereins und der nahen » Grenze « soviel Vortheil abgeschmuggelt für Kattun , Zucker , Kaffee , nirgends ein Hader mit dem Gutsherrn so listig geführt ... Stammer fiedelte ihnen in alles das seine lustigen Weisen hinein oder sprach sogar über die alte und die neue Zeit in offner Rede und setzte einen Refrain drauf , eine Strophe gesprochen und eine gespielt , bis der Gensdarm kam oder der Meyer oder der Finkenmüller und die Schwänke des bösen Alten verbot , dessen lästernder Mund schon einst ein halbes Kind , Lucinde damals , aus ihrem Pavillon verbannt hatte nach dem Tode des Deichgrafen . Mancher redet den Geiger an ... Er knirscht fast mit den Zähnen vor Wuth ... Mitleid wird ihm nicht ; Alle wissen ' s doch , boshaft ist er und Bruder Hubertus » der Abtödter « ist der endlich zurückgekehrte Liebling der ganzen Gegend ; die Kinder werden dem frommen Bruder doch wieder mit der dampfenden Schüssel entgegenkommen , wenn er sich mit seinem Topfe naht ; er wird die Pferde und die Kühe und die Menschen heilen - und sieht er auch aus wie der leibhafte Tod und ist sein Lachen ein Grinsen wie aus einem Knochengesicht , die Mädchen fürchten ihn nicht , wenn er ihnen einsam im Kornfeld begegnet ... sie wissen , daß er ihnen doch Briefe schreibt nach der Garnison , wo ihre Liebsten weilen , daß er ihnen doch heimlich Botengänge ausrichtet zu allen Husaren , die in Witoborn stehen ... An einem Kreuzweg sieht der racheschnaubende Stammer einen Mann , der des Weges nicht kundig scheint und nicht weiß , ob er geradeaus gehen oder lieber links sich wenden soll ... Landsmann ! ruft der andere den Geiger an ... Wo ist die Route nach Libori - Pfarrhaus - ? Stammer zeigte nach rechts : Gerade da , wo Ihr herkommt ! Oder dort drüben herum , wenn Ihr erst noch auf dem Finkenhof einheizen wollt ! Es macht kalt ! Der Verirrte war ein stämmiger Mann mit Pelzkappe und Düffelrock und rothem Comfortable um den Hals und hatte die Hände in den Seitentaschen ... Er kannte den Namen des Finkenhofes und fragte : Geht Ihr dahin ? Auf zwei Beinen . Sind Sie fremd in der Gegend ? Aus Strasburg - » O du schöne Stadt ! « sang der Geiger mit verbissener Lustigkeit . Ich bin ein Musikus , und Sie - ? Von Metier Perrükenmacher ! Möcht ' ich Ihnen meine gelben Haare verkaufen ! Eine Hand voll schlug ich heute umsonst los ! Daß dich ! Und jetzt - ? Dionysius Schneid sah inzwischen das Pflaster über der Nase seines Auskunftgebers , bedauerte ihn , plauderte allerlei Schnickschnack und klimperte zur Antwort auf die letzte Frage in der Tasche mit den Worten , Geld hält ' er genug , um bis nach Polen zu kommen ... einstweilen wär ' er hier in gräfliche Dienste getreten auf Schloß Westerhof , wenn auch noch ohne Livree ; heute Abend wollt ' er sich den Rest seiner » Bagage « aus dem Pfarrhause holen , wo ihn auf einige Tage der alte Tubbicke » logirt « hätte ... Sind Sie doch nicht gar der große Prophet , den immer Herr Tübbicke junior aus Paris erwartet ? Der , der die Welt wie ein Stück Tuch zerschneiden soll und jedem einen Fetzen gibt - ja so ! mir ( sagte Stammer innehaltend und nach einer wunden Stelle seines Leibes greifend , die ihn schmerzte ) schon meinen - Fetzen - von einem adeligen - Jagdrock - Dionysius Schneid verstand nicht diese in den Bart gemurmelte Anspielung auf die Ursache der Schmerzen , die dem Geiger durch vielleicht zu schnelles Gehen gemehrt wurden ... wol aber begriff er vollkommen die Anspielung auf die Communauté , die ihn einst mit dem jungen Tübbicke in Paris bekannt gemacht hatte ... Ha , ha , ha ! fiel er mit grobem Gelächter ein . Diese Propheten stecken jetzt alle in Prison ! Einer kriegt soviel Wasser und Brot wie der andere ! Das ist die Theilung der Propriété ! Dionysius Schneid , der sich dem seinen Witz ganz freundlich begrinsenden Geiger befreundete , schien auf dem Schloß Urlaub für die ganze Nacht genommen zu haben und ging in den Finkenhof mit . Das Lachen der Vorübergehenden über den Buckeligen reizte seine Neugier nur noch mehr und am Finkenhof angekommen sah er , welchem verwogenen alten Knaben er folgte . Stammer zog , obschon ein tiefer Verdruß an ihm nagte , seine Geige aus dem alten Tuch , nahm seinen Fiedelbogen und hielt feierlichen Einzug mit schlenkernd ausgeworfenen Beinen , frech und übermüthig einen Geschwindmarsch streichend , den er schon auf der Schwelle begann ... Ein schallendes Lachen empfing beide Ankömmlinge ... Auch Dionysius Schneid ließ die brennenden Augen vergnügt im Kreise rollen . Das Lachen und Glückwünschen belustigte ihn ... Die jungen Bursche sprangen auf und tanzten hinter dem Geiger her ... Die Alten streckten ruhig fortrauchend die Beine vor , um ihn zum Fallen zu bringen ... Stammer wich aus , warf seine gelbweißen langen Haare mit kecker Geberde hinterrücks und marschirte gerade auf den Tanzsaal zu ... Dieser war nicht geheizt , aber einige Bursche sprangen doch an , ergriffen die Mägde , die aufwarteten , und würden wenigstens einmal mit bloßer Begleitung einer Geige den Pfaffen von Ystrup gestampft haben , wenn nicht der Meyer , der Moorbauer und der Finkenmüller selbst gekommen wären und eingedenk der Gelöbnisse , die sie heute dem Pfarrer gegeben , und trotz der vielbelachten , allgemein verbreiteten und alle guten Vorsätze entkräftenden Nachricht , nächstens würde bei Herrn Müllenhoff getauft werden , Ruhe geboten hätten ... Stammer vermittelte die neue Bekanntschaft mit solchen , die sich , wenn ein anderer Geld zeigte und » anfahren « ließ , ihrerseits auch nicht » kohlen « ließen ... Die Hauptsache war Kartenspiel ... Guthmanns und Herren von Binnenthals gibt es auch im Bauernstande und aus » Schafskopf « kann man verhältnißmäßig ebenso geprellt werden , wie Piter in Pyrmont auf » Einundzwanzig « ... Stammer berechnete schon seinen Antheil , als er Herrn Dionysius Schneid mit ein paar Salzsiedern bekannt gemacht hatte , die im glücklichen Kartenspiel Meister waren ... Inzwischen hätte das Geschäft der » Herren vom Schlosse « hinter dem urweltlichen Kachelofen schon vorüber sein können . Indessen » ein Wort gibt das andere « und wo sich einmal Thiebold ' s Zunge festgehakt hat , kann sie sobald nicht wieder los . Aus einer löblichen Popularitätsbestrebung hatte man sogar dem Finkenmüller nicht abgeschlagen , von ihm , natürlich gegen Zahlung , drei » steife Grogs « anzunehmen , die er ihnen als die vorzüglichste Leistung seiner Großmagd offerirte . Die Aussicht , daß Herr de Jonge den Wald kaufte , in dem nächstens zum letzten male gepirscht werden sollte , eröffnete dem ganzen Jagd- und Waldhutpersonal glänzende Aussichten auf Schlag- und Holzvermessungstrinkgelder . Bedauern , daß im Zehnterforst die Hirsche zum letzten male junge Tannenkeime knuspern sollten , war eine hier unbekannte Sentimentalität . Nur der Meyer äußerte von der künftigen Bestimmung dieses Forstes zu Eisenbahnschwellen einige fromme Seufzer , die an Müllenhoff ' s Predigten erinnerten , der die Locomotive darzustellen pflegte wie die vom Teufel entführte Braut der Hölle , voran Satan mit einer Peitsche aus lichterlohem Kometenfeuer , hintenauf hockend Drachen und Ungethüme der Unterwelt und in den Waggons fahrend Juden und Judengenossen , Gottesläugner , Consistorialräthe , Offiziere und Gensdarmen , alles was zum Leben des neunzehnten Jahrhunderts gehöre ... Ja auch Benno seufzte : Der Zehnterwald ! Kein Holz hatt ' ich so lieb , wie das ! Stellen gab ' s da , die für ' s Edelwild ein Paradies waren ! Büsche an kleinen Wassern , wie gemacht für die Brunst , einsam wie Mutterschoos ! Brauchte da ein Jäger wol aufs Blatten zu schießen ? fiel als leiser Wehmuthsaccord vom Hegemeister ein ... Nein , sagte der Oberförster , wischte sich aber nur das » neu angefahrene « Bier aus dem greisen Barte , keine Thräne , der ganze Forst gab schon einen Ton von sich , auf den die Rehe von allen Weltgegenden hereinkamen ! Den Ton des Schweigens ! sagte Benno für sich und horchte auf die Terschka ' sche lebhaftere Seitendebatte , wo man vom Düsternbrook sprach , als von einem Gehölz , wo seit Menschengedenken kein Hund » ein Wild stellte « . Das führte denn auf das heute von Allen Erlebte ... Man legte sich freilich die Rücksichten auf , die der An- und Abstand geboten ... Man lächelte nur , munkelte , stopfte sich » mit Verlaub « eine neue Pfeife und wartete auf den , der die meiste Courage hätte , um mit der Rede durchzubrechen ... Des Küfers Stephan Lengenich entsannen sich alle von vor Jahren ... Auch Löb Seligmann war jedem bekannt . Der hatte den Küfer zurückgehalten , als dieser seine » Entlastung « feierlich vollzogen ... Dann war Löb auf den Schrei der Lisabeth und die Störung durch den Geiger und den Mönch , wahrscheinlich auf Schloß Neuhof zurück verschwunden , wo ihn schon der Präsident von Wittekind zu schätzen begann ... Das nun war der Augenblick , wo man die Geige Stammer ' s hörte und vor dem grellen Lachen , mit dem sein Eintreten empfangen wurde , sein eigen Wort nicht verstand ... Nach dem , was Onkel Levinus über die alten Dinge von Schloß Neuhof erzählt hatte , mußten die drei Herren vom Schloß wol angenehm überrascht und begierig sein , sich diesen Geiger näher anzuschauen ... Schon wurde seine Charakteristik gegeben ... Er ist im Kirchenbann ... Ein alter Kerl von fast sechzig Jahren schon ... Putzig ist ' s , wenn er allein spielt ! Immer erzählt er dazwischen eine Lüge , wie Eulenspiegel ... Oder auch manchmal eine Wahrheit ! sagte der Oberförster und betrachtete wie mit einer Auffoderung , den Geiger näher zu rufen , Herrn von Terschka ... Terschka gab den Ausschlag , daß man sich allerdings eine solche Erscheinung nicht entgehen lassen sollte ... Benno erneuerte gern eine Bekanntschaft aus seiner frühesten Jugend ... Und so war denn Thiebold schon aus , ihn zu holen ... Umringt von denen , die sich nicht zu Dionysius Schneid und zum Spiele hielten , erschien der heute so übel zugerichtete , langhaarige Buckelige ... Trüb beschienen ihn die wenigen Oellampen , deren Lichtstrahlen vollends ermatteten durch den Qualm der Pfeifen und Cigarren ... Der Dunst des Ofens zwang die drei Herren vom Schloß , von diesem mit ihren Schemeln abzurücken ... Der Finkenwirth bediente allseitig und entfernte von den Honoratioren die Nachdrängenden . Er that das wie mit Kammerherrenanstand ... Stammer schlenderte näher und grüßte trotzig ... Seine kohlschwarzen Augen lachten verschmitzt die vornehmen Frager an . Seine dünnen Beine verneigten sich fast wie mit einem frauenzimmerlichen Knix ... Dann legte er beide langen Arme , die die Geige und den Fiedelbogen hielten , auf den Rücken , als wollt ' er sagen : Nun , was soll ' s ? Terschka , der hier das Wort führte , sagte nicht ohne Würde , aber in seinem fremdartigen Dialekt : Ei Sie ! Ei Sie ! Sie haben halt das Unglück , hör ' ich , dem Herrn Pfarrer nicht zu gefallen ! Ich gefalle mir selbst nicht ! Sehen Sie nur ! Der liebe Gott hat mich nicht richtig wachsen lassen ! ... Das war mit einem Herumdrehen des Rückens die Antwort ... Sie haben , fuhr Terschka nach dem Lachen fort , hör ' ich , sehr ein großes Talent ! Auf der Geige könnte der Paganini von Ihnen lernen , sagt man ! Ich würde an Ihrer Statt mein Publikum nicht groß genug haben können ; selbst der Herr Pfarrer dürfte mir nicht fehlen , wenn ich einmal eine gute Sonate spielte ... Man murmelte und lächelte auch ihm ... Stammer ' s Gedanken weilten zwar jetzt mehr bei dem Kloster Himmelpfort , als bei Sanct-Libori , doch stellte er sich demüthig ... Schließen Sie Frieden mit Herrn Müllenhoff , fuhr Terschka , seiner Stellung eingedenk , fort . Er meint es gewiß gut mit euch allen ! Auf Ordnung und gute Sitte muß halt auch die neue Herrschaft sehen ! Ein Jünglings- und ein Jungfrauenbund ist gar so übel nicht und schließt die Freude keineswegs aus . Daß die Musik an sich Gott wohlgefällig ist , zeigt euch Sonntags jede Messe ! ... Ihr aber , Stammer , sollt ja zur Geige allerlei Schnurren vortragen können ! Nun , wenn Ihr in Euere Lügen ein paar Körner Wahrheit einmischen wollt , soll ' s uns noch einmal so lieb sein ! Trinkt und fangt dann mit einem Gespaß an ! Benno und Thiebold mußten dieser