geheime Bewahrung . War das Christenthum nicht anfangs eine Lehre , die bei geschlossenen Thüren bekannt wurde ? Wohl uns , wenn unsere Geheimnisse so große Zeugnisse für uns ablegen , daß der Bund immer größer , immer umfassender wird und endlich alle Menschen aufnimmt . Einer verwilderten Menschheit kann nicht anders geholfen werden , als daß Die , die das Bessere wollen , bei Seite treten und dem großen Haufen zurufen : Sondere sich ab , wer wie wir fühlt und denkt ! Und noch Eins , fiel Egon ein , der noch immer ungläubig blieb , überlegst du wohl , lieber Freund , woher die Jesuiten und , soviel ich weiß , auch die Freimaurer , ihre eigentliche Kraft nehmen ? Aus dem Gelde ! Freimaurer sind nur wohlhabende Leute und die Jesuiten sind an Gütern so reich ausgestattet und werden noch täglich so reich damit gesegnet , daß die Gedanken dort auch ermunternde und nachhelfende materielle Hebel haben . Diese alten Brüderschaften des Mittelalters waren unglaublich reich . Sie hatten gut entsagen und die christliche Commünauté lobpreisen ! Die Brüder und Schwestern vom freien Geiste lebten nicht vom Geist allein , sondern ihr Geist war so frei , sich es auch an irdischer Speise nicht fehlen zu lassen . Die Kalandsbrüder , die ich nannte , diese mittelalterlichen Freimaurer , die an jedem Kalandstage , dem ersten des Kalenders , monatlich zusammenkamen , um unter religiösen Formen gut zu essen und noch besser zu trinken , hatten Häuser , Liegenschaften , Zollgefälle . Die große Elbbrücke in Dresden warf ein Jahrhundert lang den grauen oder Kalandsbrüdern auf der dortigen Brüdergasse den Brückenzoll ab . Von den großen Reichthümern der geistlichen Ritterorden zu schweigen ! Die Templer waren so reich , daß sie ihre große Aufgabe unter Schwelgereien vergaßen und von Philipp von Frankreich , der ihre Güter besitzen wollte , mit Feuer und Schwert vertilgt wurden . Die St.-Johanniter und Deutschherren haben noch einen Überfluß von Gütern und Liegenschaften und Sinekuren .... Sinekuren ! unterbrach ihn Dankmar lächelnd . Das ist das rechte Wort ! Will mein Bund sich erhalten , so haben wir durch diese Parallele wenigstens schon Das gewonnen , daß wir nicht zuviel Geld haben dürfen , nicht so viel , um sine cura für die Hauptsache sein zu dürfen . Nicht zu viel , aber auch nicht zu wenig ! sagte Egon . Gerade so viel , als man für den Anfang braucht ! erwiderte Dankmar lächelnd mit einer eigenthümlichen Bestimmtheit . Bester Freund , wo käme aber auch das Wenige her ? Die Männer von Gesinnung sind arm ! Richtig ! Deshalb brauchen wir etwas Geld . Etwas ! Nicht viel , aber auch nicht zu wenig ! Egon lachte über Dankmar ' s sonderbare finanzielle Ruhe ... Das ist komisch , sagte er , ein Bund für die Freiheit , gestützt auf Actien , escomptirt vielleicht an der Börse ? Das Geld wird sich finden , muß sich finden ! behauptete Dankmar . Für einen Juristen bist du sehr Idealist ! sagte Egon fast gereizt . Geld findet sich niemals , bester Freund ! Alles findet sich , aber niemals Geld . Doch ! Doch ! Es findet sich ! wiederholte Dankmar , und durch den Ton nicht allein , in dem er die Erneuerung dieser Hoffnung vortrug , sondern auch durch eine überraschende Entdeckung , die die Freunde machten , war dies Gespräch vorläufig abgebrochen ... Sie waren nämlich schon längst in jenen anmuthigen , schattigen Park , in dem das Lustschloß Solitüde lag , eingefahren , als sie in der Ferne langsam unter der großen Hauptallee , die zum Schlosse hinaufführte , mehre sechs- und vierspännige königliche Wagen fahren sahen ... Die Anwesenheit des Hofes auf Solitüde hinderte zwar nicht im geringsten die dort erlaubte freie Bewegung des Publikums , aber die sich dem Anstand von selbst darbietenden Rücksichten machten es oft unmöglich , dann die einzelnen schönen Punkte des Schloßgartens so zu genießen , wie sie es ihrer Lage , frischen Luft und angenehmen Aussicht wegen verdienten ... Egon vollends , der eine Beziehung zum Hofe nicht suchen mochte , gerieth in Verlegenheit und wäre gern umgekehrt . Dankmar und Siegbert wagten kaum ihm zuzureden ; denn , sagten sie , wer bürgt dafür , daß der junge Fürst nicht erkannt oder wenigstens mit der höheren Hofbedienung in ein Gespräch verwickelt wird ! Und Dankmar setzte sogar hinzu : » Wer schützt dich , wenn du durchaus die Begegnung noch vermeiden willst , vor einem Akte der Herablassung ? Die königlichen jungen Herrschaften machen es sich zur Aufgabe , wo sie können , sich in Gespräche und Anreden zu verlieren . Es wird ihnen sehr schwer ; denn sie sind schüchtern und beklommen , allein die Oberhofmeisterin von Altenwyl , sagt man , dringt immer darauf und der regierende Fürst selbst hat einen Reiz dazu , sich volksthümlich zu machen , seitdem sein Bruder Ottokar so allseitige Huldigungen empfängt . Der ältere Bruder ist ohne Zweifel sehr unterrichtet und für Alles interessirt , aber zurückhaltend und sogar mistrauisch . Nur der größere Muth seiner Frau ermuntert ihn . Dann wirft er sich so gewaltsam in den Drang , sich Erfolge zu machen , daß es beängstigend wird und man aus einer solchen Begegnung mit dem Gefühle scheidet , wie man hier nur zu einem kalten Rechnenexempel der theoretischen Monarchie eine dumme und armselige Zahl abgegeben hat . Ein erwärmtes Gefühl , eine gesteigerte Hingabe an diese nicht sehr glücklichen , einsam stehenden Menschen bleibt kaum zurück . Wie es nun aber bei solchen Bedenklichkeiten zu gehen pflegt , man spricht sie aus und thut doch gerade Das , was man vermeiden wollte . Die Bedienten hatten den Schlag geöffnet , das große gußeiserne Portal des Schloßgartens stand geöffnet , sie traten in die saubergehaltenen Wege und die trotz der vorgerückten Jahreszeit noch bunt und mannichfach belebten Bosquetts ein . Siegbert erbot sich zum Führer . Er kannte hier alle verschlungenen Pfade , die an die große berühmte Terrasse führten , und auch die , welche erst die noch geöffneten Treibhäuser und einen kleinen See mit Schwänen , eine Volière mit anmuthigem Gevögel , das eine ausgestopfte Eule umschwirrte , eine andere Umzäunung sehen ließ , in welcher einige Rehe hausten , die mit ihren sanften weiblichen Augen durch die Gittersprossen lugten ... Man entschied sich dafür , den kürzesten Weg zu wählen . Nach einer der Anmuth des Gartens gespendeten Anerkennung und einigen Vergleichen , die Egon und Louis mit Versailles , besonders aber dem natürlicheren und parkähnlich gepflegten St.-Cloud zogen , kam das Gespräch auf den Hof , die Politik , den Geheimbund zurück und Egon ergriff die Gelegenheit , sich über seine künftige Stellung zu der Gesellschaft und zu diesem Staate selbst , in dem er einen so glänzenden Namen führte , auszusprechen . Dankmar ' s Verzweiflung an allem Gegebenen schien er , sich auf Louis im Gehen stützend und in dem gekieselten Sande seine noch etwas müden Füße nachziehend , nicht zu theilen . Ich werde nicht ganz zurückgezogen leben ! sagte Egon . Die große Sorge um meine ruinirten Besitzungen hat mir einstweilen ihr Pächter , dein amerikanischer Landwirth Ackermann , abgenommen . Ich will sehen , wie lange ich mich mit den Hoffnungen auf eine mögliche Wiederherstellung dieser traurigen Verwüstung beruhigen kann . Inzwischen soll mein Hauswesen vereinfacht werden . Es sind zu viel Menschen um mich . Wozu zwei Diener , die da hinter uns schleichen und aufpassen , daß doch Einer von uns ja sein Taschentuch verlieren möchte , nur um sich durch dessen geräuschvolles Aufheben nothwendig zu machen ? Wozu die vielen Frauen in meinem Hause ? Den alten Haushofmeister pensionirt man . Ich habe acht Pferde und kann mich mit vier begnügen . Mein Mittagstisch war heute überladen . In allen diesen Dingen hab ' ich die einfache Ordnung der Natur kennen gelernt und Louis wird mir beistehen , sie auch hier innerhalb der Grenzen , in denen ich nun einmal leben muß , einzuführen . Dann will ich suchen Bekanntschaften zu machen , die mir von Nutzen sein müssen , sonst vermeid ' ich sie , denn sie kosten nur Zeit . Und zuletzt - hab ' ich einen Lieblingsplan , den ich aus Paris mitbrachte ... Egon sah Louis an , der beifällig nickte . Die Andern hörten gespannt . Auch ich will einen Verein stiften , sagte Egon . Aber keinen geheimen , lieber Wildungen , und keinen , der sich auf das Wandelbarste im Menschen , auf die Gesinnung stützt . Ich denke an einen Verein zum wechselseitigen Schutze der Arbeit . Ich habe nicht umsonst mein Stemmeisen und den Hobel geführt . Ich kenne die Bedürfnisse der Arbeit , ich achte den Handwerker und fühle mit ihm . Es muß viel , viel geschehen , um ihn besser zu stellen , als dies bisher der Fall war . Aber höher noch , als der Arbeiter , steht mir die Arbeit selbst . Die wird nicht genug geehrt , die nicht heilig genug gesprochen . Und was anders kann uns von unserm Elend wahrhaft erlösen als die Arbeit ? Die Arbeit , bester Dankmar , die in ihre Rechte , in ihre Würde eingesetzt , und das hohle Treiben der Leidenschaften hört auf . Ich bin streng , ich habe die Theorie nicht der Menschenrechte , sondern der Menschenpflichten . Alles will mit der Geburt Ansprüche erworben haben auf ein Utopien von Glück und Freiheit . Niemand lehrt , daß uns die Geburt darauf anwies , das Recht , ein Mensch zu sein , durch die Arbeit zu verdienen . Ist diese Lehre erst allgemein , dann wird auch die Gelegenheit , die uns wurde , geboren zu werden , als eine Quelle des Glückes und der Freude erkannt werden . Freilich fühl ' ich , daß ich mit dieser Lehre allein stehen würde , wenn ich nicht versuchte , mit ihr in die großen Debatten unserer Zeit mit einzugreifen . Schriftliche Darstellung gelingt mir nicht , die mündliche müßte eine Tribüne haben . Ich glaube , daß ich , von einem Gegenstande gedrängt , ein Redner sein könnte . Ein übervolles Herz ist ja das erste Bedürfniß eines Redners , und ich glaube , ein solches übervolles , zum Sprechen drängendes Herz besitze ich - Die Tribüne ist da , sagte Dankmar , als Egon stockte . Laß ' dich in eine unserer deutschen Kammern wählen ! In die hiesige ! Daß ich noch mehr in der Welt Gegenstand des Spottes würde ? bemerkte Egon zögernd . Der Gegenstand des Spottes ? wiederholte Siegbert und begriff diese Zaghaftigkeit nicht . Die Welt kennt meine Geschichte , sagte Egon . Ich bin auf manche Bosheit gerüstet , die mir die Gesellschaft in den Weg legen wird . Siegbert lehnte eine solche Besorgniß gänzlich ab . Man kenne , sagte er , des Prinzen abenteuerlichen Lebenslauf und fände ihn allgemein so interessant , daß man ihn nur mit der größten Aufmerksamkeit begrüßen würde . O , sagte Egon , da haben Sie doch die exclusive Gesellschaft noch nicht weg . Ich habe ein Attentat gegen die Aristokratie der Geburt begangen . Schon längst nennt man mich vielleicht einen Communisten . Ich fühle vollkommen das Lächerliche , das meine Vergangenheit vor der Blasirtheit dieser Stände haben wird .... Nein , sagte Siegbert mit großer Wärme , Das muß ich unbedingt bestreiten . Ich bewege mich in dieser Sphäre und kann wohl sagen , die Zeiten haben sich auch hier gewaltig geändert . Es ist ein Drang auch im Adel entstanden , seine Nothwendigkeit durch ein ideelles Eingreifen in die Zeit zu beweisen . Er hat sich längst entschlossen , die Sprache der Zeit zu reden und die Besten im Adel stellen sich , unabhängig von den Thronen , zwischen Fürst und Volk als die Vertreter nicht blos des Dauer-Berechtigten , sondern des nothwendig umzugestaltenden Alten . Ja sogar die große Masse der exclusiven Gesellschaft ist von der wilden Zeit so eingeschüchtert , daß man von ihr wohl sagen kann , Noth lehrt sie beten . Man schmachtet förmlich in dieser Sphäre nach Ideen ! Ich kann Ihnen sagen , Prinz , daß Ihr Auftreten in dieser Gesellschaft mit einer Spannung erwartet wird , die Sie kaum ahnen . Ah ! Wie wäre Das ? antwortete Egon ablehnend und doch nicht ganz ohne eine angenehme Erregung ... Glauben Sie mir , sagte Siegbert und entfernte sich fast von Dankmarn und Louis , die für sich langsamer gingen , glauben Sie mir , in dieser Sphäre hat sich das Meiste überlebt . Rathlos tastet das Experiment dahin und dorthin . Die alten Künste sind ohne Wirkung geblieben und wahrhaft sehnsüchtige Blicke wirft der Hof , der denkende Adel , der besonnene Beamtenkreis auf irgend ein Zauberwort , das da helfen soll in der allgemeinen Noth und Verwirrung . Nein , ich gebe Ihnen mein Wort , man lacht nicht mehr über einen jungen deutschen Fürsten , der in Frankreich die Blouse trug und die Lage der arbeitenden Klassen studirte , indem er selbst arbeitete . Die süffisantesten adeligen Bursche aus dem Jockeyclub fühlen das allgemeine Leiden ihrer Kaste nach und ziehen den Hut vor Jedem , der ihrer Kaste Ehre macht . Wenn Sie reden , Prinz , wird man horchen . Wenn Sie Unterstützung und Mitwirkung verlangen , wird man Ihnen mit tausend Armen beispringen , und wenn man Pistolen abschießt , ich sage Das der Duelle wegen , die Sie als nothwendig anzudeuten scheinen , so wird es vor Freude sein , daß einmal aus der Sphäre der exclusiven Gesellschaft ein Gedanke , eine Thatsache sich entwickelt , wie sie sonst nur von daher zu kommen pflegt , wo man hinter dem Fortschritt gleich das Überstürzen , hinter der Reform die Revolution fürchtet . Während dieser Ermuthigungen , deren Fortsetzung und weitere Ausführung Egon mit großer Aufmerksamkeit vernahm , waren Louis und Dankmar etwas langsamer gegangen und zurückgeblieben ... Louis Armand ergriff sogleich diese günstige Gelegenheit , auf Dankmar ' s Vorschlag von einer Bundsgenossenschaft des Geistes zurückzukommen und sehr ernst darüber zu sprechen . Dankmar lehnte diesen Ernst noch ab und sagte , daß solche Gedanken oft nur in der Debatte zu entstehen pflegten und ebenso wieder in der Debatte wie Seifenblasen platzten ... O Das wäre nicht gut ! fiel aber Louis ein . Ich stoße mich , sagte Dankmar , den Egon ' s Kühle jetzt gegen sich selber mistrauisch gemacht hatte , ich stoße mich an der Nothwendigkeit , für einen solchen Geheimbund einen äußern Apparat , den man die Symbolik desselben nennt , zu erfinden . Da hat es der Prinz leichter ! Er knüpft an gegebene Zustände an . Und wird , wie Sie vielleicht nur für die Gelehrten , so seinerseits nur für die Besitzenden etwas Gutes stiften ! antwortete Louis . Das fürchten Sie ? entgegnete Dankmar . Und man vermuthet allgemein , der Prinz und Sie hätten doch eine gleiche Lehre von der Gesellschaft ... Keineswegs ! war Louis ' Antwort . Ich höre es an Allem , was ich nun von ihm über öffentliche Dinge vernommen , daß er zu den Aristokraten gehört , die eigentlich die gefährlichsten sind , zu jenen nämlich , die in ihr Wappen auch einige Symbole neuer Ideen aufnehmen . Sie sprechen , antwortete Louis , eine Besorgniß aus , die mich selbst bekümmert . Er war in Lyon nicht so . Er kam dort an , wie ein Kind , unreif , zwar überfüllt mit Wissen - In der That , ich bewundere seine Gelehrsamkeit . Glauben Sie mir ! Egon ist ein seltener Mensch und berufen , eine große Rolle zu spielen . Sie wollten von Lyon sprechen ... Nun wohl ! Er kam zu uns unreif und doch schon blasirt . Er hatte das Leben zur Hälfte schon ausgekostet . Nicht alle Verführungen waren so wie die des Herrn Rafflard von ihm abgeglitten und doch war sein Herz unschuldig . Es war der Zorn über seine Familie , über die geringen Mittel , die man ihm für seine Existenz schickte , der ihn veranlaßte , seinem Stande zu entsagen und seine Angehörigen zu reizen , zu verletzen , ich will sagen , zu bestrafen . Ein junger Mensch , der seine Ältern bestrafen will ! Das trieb ihn in jenes Extrem , dessen Durchführung ihm meine eigenthümlich zusammengesetzte , nicht ungebildete Familie , besonders aber ein sanftes , heitres Mädchen , meine Schwester , angenehm und dadurch allein möglich machte . Er hielt lange aus , oder sagen Sie , meine Schwester war so glücklich ihn lange zu fesseln . Wir siedelten nach Paris über . Meine Spezialität in vergoldetem Schnitzwerk hatte in der Stadt des Luxus mehr Gelegenheit , sich ergiebig zu machen . So zogen wir nach Paris . Man weiß , wie uns Egon dort verloren ging . Ich glaubte , ihn am Grabe meiner Schwester ganz wiedergefunden zu haben . Aber es war , ich fürchte mich es einzugestehen , vielleicht nur eine neue Abspannung , die ihn aus den Armen der schönen Gräfin d ' Azimont an das Grab Louison ' s führte . Jetzt , da die Gräfin hier ist , da er sich gesund , thatkräftig , unternehmend fühlt , ist kein Augenmerk zu versäumen , ihn den Ideen zu erhalten , die er einst im Umgang mit den Armen einsog . Ich bürge für seinen besten , seinen redlichsten Willen - aber eine Helene d ' Azimont , ein Rafflard , die Prärogative seines Standes , die Schmeicheleien seiner Stellung ... Besorgen Sie nichts , lieber Louis ! sagte Dankmar . Dieser Aristokrat ist , trotz der guten Meinung meines Bruders von dem gebesserten Stolze des Adels , so himmelweit von der üblichen Bildung unserer exclusiven Stände entfernt , daß ich glaube , er wird mit seinem Vereine zum Schutz und Schirm der Arbeit bei ihnen allein schon genugsam anstoßen . Es käme nur ... auf Etwas an ... Dankmar regte mit diesen zögernd gesprochenen Worten die Unruhe des Handwerkers nur noch mehr auf . Worauf ? sagte er . Sie sehen , wie ich vor Sehnsucht zittere , dem Volke ein treues Herz zu erhalten ! Dankmar war von der bebenden Stimme , mit der diese Worte gesprochen wurden , gerührt und bot Louis Armand die Hand . Edler , lieber Fremdling ! sagte er . Wie warm fühlen Sie für die gute Sache des Jahrhunderts ! O mein Herr , rief Louis , ich höre Sie schon viel lieber von unsern Pflichten sprechen , als meinen verlornen Egon von unsern Rechten . Geben Sie ihn nicht auf , Louis ! antwortete Dankmar , angenehm erregt von der traulichen Art , wie Egon am Arme seines Bruders sich stützte und unter den hohen Lindenbäumen vor ihnen schritt . Ich verspreche mir viel von dem Plane , diesen jungen Fürsten in unsre Kammer zu bringen . Er hat das Alter . Und über die Möglichkeit , ihn irgendwo in der Wahl durchzusetzen , hab ' ich schon nachgedacht . Die Tribüne ist ein sonderbarer Ort ! Menschen , die nie eine Meinung hatten , haben auf der Tribüne eine Meinung bekommen . Wie man in der Physik das Gewicht der Stoffe nicht auf der Wagschale absolut , sondern nach einer Vergleichung mit andern Werthbestimmungen specifisch ermittelt , so wird Egon über seine Gesinnung sich erst klar werden den Gesinnungen Andrer gegenüber . Und wie wenig wol auch zu erwarten steht , daß ihn unsre Radikalen für sich gewinnen , so dürfte es doch ebenso lange währen , bis sich Egon in der ihm völlig fremden , zu Allem schmiegsam ergebenen Kanzleigesinnung des Beamtenthums zurecht fände . Erst auf der Tribüne wird sich sein wahrer Werth sichtbar ausscheiden . Haben Sie schon über die Möglichkeit einer Wahl nachgedacht ? fragte Louis Armand . Ich erwarte , sagte Dankmar , in diesen Tagen einen Deputirten , dem es gelungen ist , dreimal gewählt zu werden . Es ist ein einfacher Landwirth , aber ein vielgerühmter Politikus , Namens Justus . Extreme Richtungen können ihn nicht gehoben haben , und so glaub ' ich fast gewiß zu sein , daß es nur seiner Empfehlung bedarf , um da , wo er die Wahl ablehnt , Jeden , den er als Ersatzmann vorschlägt , durchzubringen . Unter diesen Erörterungen hatten sich Louis und Dankmar wieder den beiden Vorausschreitenden genähert und theilten die angenehme Überraschung , die ihnen jetzt die freundliche Aussicht bot . Welch ein gefälliges Gemälde ! ... Sie hatten alle vier jene Terrasse erstiegen , deren Rückwand dichte gestutzte Bosquets , Grotten und Lauben bildeten , deren Vorderseite ein Gitter , über das hinweg man unten einen Wiesengrund , über diesen hinaus aber den Fluß , Wald und Berge sah . Alle Wege des Schloßparks sammelten sich auf diesem künstlich aufgedämmten , aber von der Natur überholten Berge . Zur Linken führte eine verschlossene Thür auf eine Verlängerung der Terrasse bis unmittelbar an die Fenster des Schlosses , dessen Stil älteren Zeiten angehörte . Diese mit Orangerie geschmückte Verlängerung , die dem Publikum geschlossen war , blieb der einzige kleine Raum , den sich der Hof für seine eigene Erholung vorbehielt . Sonst war Schloß und Park Solitüde allen Besuchern zugänglich und auch heute ging es auf dieser Terrasse lebhaft genug her . Kinder spielten im Kieselsande . Müßige Soldaten mit ihren Mädchen saßen in den Grotten . Manche Gruppe feinerer Gesellschaft lehnte sich an die eiserne Balüstrade und genoß das anmuthige hier ausgebreitete Landschaftsbild . Egon fühlte sich vom Steigen ermüdet und suchte eine Ruhebank . Man fand sie breit genug auch für seine drei Begleiter . Sie nahmen neben Egon Platz und theilten sich die Punkte mit , die Jedem an der Landschaft lieblich schienen . Louis hörte sogleich mit großer Freude , daß der links , diesseit und jenseit des Flusses liegende Wald der Schauplatz sonntäglicher Freuden des Volks war . Er trennte sich schon im Geist von der Gesellschaft , die hier neben ihm saß , und genoß die für den nächsten Sonntag gehoffte Fröhlichkeit unter jenen Tannen und jungen Eichen , auf einer Wiese , wo er in der Ferne Schaukeln und Kletterstangen unterscheiden konnte . Es sah Fränzchen ' s zierliche Gestalt über den Rasen hüpfen , bewunderte schon die kleinen Erfindungen ihres Geschmackes , die sie an ihrer Sonntagstoilette zum Vorschein bringen würde und betrübte sich nur über die von Siegbert ausgesprochene Vermuthung , daß dies schöne Wetter nicht mehr lange halten würde . Siegbert fing von den Wolken an , Louis wollte sich aber auch auf ihre Bildung verstehen . Siegbert zeigte auf einige Nebelschleier im Westen , die gerade über einem weiß aus dem Grünen hervorschimmernden und in der Sonne blitzenden Meierhof hingen und wollte eben jene kleinen Lämmerchen am Himmel Wölfe in Schafskleidern nennen , als seine Hand von zwei lieben jubelnden Kindern gehalten wurde . Es waren Paulowna und Rurik Wäsämskoi . Siegbert und Dankmar blickten erstaunt , wo die Kinder herkamen . Das rathet einmal ! riefen sie und klatschten jubelnd in die Hände . Von einer vernünftigen Erzählung war da keine Rede . Rurik zog Siegberten von der Bank auf und wollte ihm schon eine große kostbare von ihm entdeckte Blume zeigen , Paulowna verlangte , daß er mit ihr zu den Rehen ging . Er sollte Brot kaufen ; am Eingang des Schloßgartens säße eine Frau mit weißem Brote . Dabei zogen sie und zerrten ihn und wollten von schöner Aussicht und der Terrasse nichts wissen . Indem grüßte Dankmar sehr artig und Siegbert , der sich gelegentlich einmal umsehen konnte , wurde eben glühendroth . Egon fand ein junges Mädchen , dem ein Gruß von Siegbert galt , sehr anziehend . Sie war klein , aber außerordentlich zierlich . Ein Bedienter trug ihr Sonnenschirmchen . Sie selbst hatte eine Art Negligéüberwurf an , ein leichtes nankinggelbes Zeug mit einem großen herabfallenden Kragen von gleichem Stoffe . Wenn der Rock vorn aufschlug , sah man ein weißes Unterkleid mit einem goldnen Gürtel . Die schwarzen eng an die rundgewölbte Stirn gestrichenen Haare waren von einem sehr kleinen durchbrochenen , goldgelben italienischen Strohhut bedeckt . Tändelnd hatte das junge Mädchen ein Taschentuch in der Hand und schlug damit in die Luft , wie mit einer Reitgerte . Es war eine Bewegung , die die größte innere Ungeduld verrieth . Mit einer sehr gefälligen , fast vertraulichen Miene grüßte sie Dankmarn . Es war , als wollte sie ein laut hervorbrechendes Lachen unterdrücken , als sie so stolz , so graziös vorüberschwebte . Sie warf auch mit einer leichten Bewegung ihr gesticktes Battisttuch so , daß ein Zipfel in den Mund kam und sie auf ihm ihre Erregung gleichsam ausbeißen konnte . Dieser kindische Einfall , verbunden mit dem entschiedenen , fast herausfordernden Wesen , das in der übrigen Art des Mädchens lag , verräth uns , daß es wirklich Olga Wäsämskoi war , die vor der Ruhebank dahinschwebte und mit einem Bedienten sogleich verschwand . Paulowna und Rurik erzählten , daß die Mutter von dieser Fahrt gar nichts wisse . Daß sie die » Tante « von Harder in Tempelheide hätten besuchen sollen und daß Olga dem neuen Kutscher , der sehr gut und rasch fahren könne , geboten hätte : Rechts um , nach Solitüde ! ... Dankmar verzog die Lippen und hatte alle kleinen Teufel des Spottes und der Ironie in seinen Mienen , während Siegbert in die größte Verlegenheit gerieth und schon ahnen konnte , welche schlimme Scene diese eigenmächtige Idee Olga ' s bei ihrer Mutter zur Folge haben würde . Wer ist denn von Euch der Prinz Egon ? fragte Paulowna mit ungezwungener Dreistigkeit . Der bin ich , mein kleiner Engel ! sagte Egon und wollte sie auf den Schoos nehmen . Und wer bist du denn ? fragte er . Geh ! sagte Rurik und riß die Schwester wieder zu sich heran . Oho ! Das nenn ' ich einen sittsamen Bruder , sagte Egon lachend und wollte aufstehen , um Paulowna zu haschen . Diese zog sich aber zurück und sagte mehr stolz als naiv : Mein Vater war auch ein Prinz . Daran zweifl ' ich gar nicht , antwortete Egon lachend . Welche Länder gehörten ihm denn ? Siegbert fühlte die ganze Pein dieser unerwarteten Begegnung . Wie gern hätte er die Kinder entfernt ! Aber Rurik stellte sich keck vor seine Schwester und meinte : Er hieß Wäsämskoi ! Aber Onkel Rudhard sagt , daß du schlimm bist . Und wir mögen dich gar nicht . Damit rannte aber Rurik , in einiger Entfernung über seine gelungene Impertinenz laut spottend , davon ... Paulowna flog ihm nach und Siegbert sah wohl ein , daß er Olga ihr ganzes Abenteuer verderben würde , wenn er nun nicht sogleich aufstünde , ihr nacheilte und den ganzen Ausbruch ihres Jubels über dieses kühne Beginnen entgegen nähme . Er sprang geduldig den Kindern nach und holte am Fuße der Terrasse Olga ein , die dort , von den Andern ungesehen , schon auf ihn gewartet hatte und ihn , wie er so verblüfft und verlegen herunterkam , mit einem Spott und Frohlocken empfing , das zwar unendlich lieblich und bezaubernd war , ihn aber in nicht geringe Verlegenheit setzte . Inzwischen konnte sich aber Egon von seinem Erstaunen über den Namen Wäsämskoi und Rudhard kaum erholen . Dankmar ergriff daher das Wort , bat ihn , sich wieder zu setzen und gab ihm mit kurzen Worten eine Erläuterung . Dreizehntes Capitel Der König und die Königin Mein verehrter Freund , sagte Dankmar ; du siehst , wie viel sich während deiner Krankheit um dich her neu begeben hat . Jede Stunde bringt dir eine neue Aufklärung . Helene d ' Azimont , das Bild , Rafflard , Ackermann , der Thurm , alles Das tritt wie aus einem Nebelbilde wieder vor deine gestärkten Sinne . So wisse denn auch , daß von den Ufern des Schwarzen Meeres die verwitwete Schwester der Gräfin d ' Azimont hier angekommen ist mit ihren drei Kindern , diesen beiden vorlauten kleinen Schwätzern da und jener älteren Olga , der mein Bruder , der bei der Fürstin die ästhetischen Honneurs macht , sogleich wie ein treues Windspiel nachgesprungen ist . Aber Rudhard ? Rudhard ? rief Egon und drängte um Aufklärung über diesen ihm theuern Namen , den er in Lyon einst selbst geführt hatte . Daß Rudhard in die Familie Osteggen eingetreten war , schien dir nicht unbekannt ? sagte Dankmar . Nein ! Er hatte Helenen und ihre Schwester Adele erzogen . Sie kamen durch die Heirath mit dem Fürsten Wäsämskoi nach Odessa . Helene heirathete den Attaché Grafen d ' Azimont und ist mit ihrer Familie gespannt . Der Fürst Wäsämskoi starb . Das weiß ich . Rudhard begleitete die Familie , um die Kinder besser auszubilden , hieher . Rudhard hier ! Wir fürchteten Alle den zu lebhaften Eindruck , den diese Entdeckung auf dich machen würde - Um so mehr , als Ihr Alle Rudhard ' s Urtheil über mich kennt ! Aus dem Munde dieser Kinder hab ' ich ' s ja vernommen ! Egon blickte voll Betrübniß . Ich kann nicht läugnen , suchte Dankmar die Wahrheit zu mildern , daß Rudhard streng über dich urtheilt , und unter der Stellung , in welcher du dich zu einer ihm theuern Familie befindest , doppelt leidet . Die Gräfin und die Fürstin sind so verfeindet , daß sie sich noch bis zur Stunde vermieden haben . Rudhard , ein etwas trockener Pedant , ist unglücklich , daß er dem Zuge seines Herzens nicht folgen kann , wie er möchte . Denn was ich ihm auch von deiner Liebe zu ihm , von deiner Dankbarkeit , von deiner Verehrung vor seinen Grundsätzen