einst nur für einander leben würden . Es lag in dem Ernst der jungen Gräfin eine zwingende Kraft , aber sie hatte die Unart , immer wieder auf denselben Gegenstand zurückzukommen , den Freiherrn an jedem Tage auf die Nothwendigkeit einer Entschließung hinzuweisen und dadurch ihn unablässig an die ganze Schwere seiner Sorgen zu erinnern . Er gestand es sich ein , daß sie in gewissem Sinne Recht habe , daß sie ein tüchtiger , ein ehrenwerther Charakter sei ; er ließ sich sogar den Vorwurf von ihr gefallen , daß es ihm an Willensstärke fehle ; indeß die Achtung , welche er ihr nicht versagen durfte , fachte die Liebe in ihm nicht wieder an . Sein Bedauern über die Unklugheit , ihr nicht aus der Ferne geschrieben zu haben , was er ihr weder verbergen konnte , noch verbergen wollte , verminderte sich dadurch nicht , und der Unfriede und die grillenhafte Lebensweise , welche in seinem Schlosse herrschten , traten ihm trotz alledem als der Uebelstand hervor , dem zunächst eine Schranke gezogen werden müsse . Daß er diese Zustände , wie sie sich während seiner Entfernung herausgebildet hatten , daß er namentlich die Doppelwirthschaft nicht fortbestehen lassen könne , erklärte der junge Schloßherr den Frauen gleich am ersten Tage . Er ließ die Wohnung seiner Eltern öffnen , richtete sich in seines Vaters Zimmern ein , ordnete an , daß man um bestimmte Stunden und gemeinsam speisen solle , und wie diese Einrichtungen ihn des Alleinseins mit Hildegard zum Theil enthoben , so zeigten sämmtliche Frauen sich aus Eifersucht gegen einander mit Einem Male seinen Wünschen und Anweisungen fügsamer , als er es erwartet hatte . Vittoria verließ ihr Gemach und stieg zur festgesetzten Zeit die Treppe bereitwillig hinauf , um der Gräfin und Hildegard die Rechte der Hausfrau in dem Versammlungszimmer und im Speisesaale nicht zu überlassen . Diese hinwieder hielten es für geboten , der Liebe und Zärtlichkeit entgegenzuarbeiten , welche Renatus immer noch für seine Stiefmutter hegte , und da die Einen wie die Andern das Bestreben hatten , den Heimgekehrten festzuhalten , an sich zu fesseln und für sich einzunehmen , mäßigte ein Jeder sich in der Aeußerung und Darstellung des Unrechtes , das er erlitten zu haben glaubte , hielt Jeder sich mit den Ansprüchen und Anklagen , die er erheben zu müssen für nöthig ansah , vorläufig noch in gewissen Schranken zurück . Das gab dem Freiherrn Hoffnung und gewährte ihm eine Genugthuung ; denn er besaß noch jenen guten Glauben des Unerfahrenen , welcher alles , was sich um ihn her gestaltet und vollzieht , als sein Werk , als die Folge seiner Anordnungen und Maßnahmen anzusehen liebt , ohne zu bemerken , welchen Antheil die Plane und Berechnungen der Andern daran haben , und ohne es gewahr zu werden , daß er oft nur ein Werkzeug ist , wo er sich als den Herrn und Meister fühlt . Er zweifelte nicht daran , daß er seinen Willen durchgesetzt habe , als Vittoria plötzlich ihren Flügel und ihre Noten wieder in das Empfangszimmer hinaufbringen ließ ; er ging mit Behagen in den Sälen umher , wenn die Frauen sich Abends um ihn versammelten , wenn Vittoria und Cäcilie und Hildegard bei ihren musikalischen Leistungen einen förmlichen Wetteifer verriethen , wenn die Frauen alle sich in freundlicher Zuvorkommenheit gegen ihn und gegen einander plötzlich überboten und keine von ihnen ein anderes Bestreben zu haben schien , als das , sich ihm angenehm zu machen und ihn so weit als möglich zufrieden und glücklich zu sehen . Die Gräfin , deren Liebling ihre älteste Tochter stets gewesen war und welche jetzt noch mehr als früher wünschen mußte , das nicht mehr junge Mädchen durch die noch immer ansehnliche Heirath mit dem Freiherrn zu versorgen , that , so viel an ihr lag , einen Jeden zur Fügsamkeit in die Anordnungen des Hausherrn anzuhalten und Hildegard zu freundlicher Ergebung , zu gewinnendem Beharren , zu förderlicher Hülfsleistung zu ermuthigen . Es hätte jedoch bei einem Charakter wie dem von Hildegard dieser Ermahnungen kaum bedurft , ja , sie waren im Grunde für sie vom Uebel , denn das Geflissentliche , welches sich in dem Wesen der jungen Gräfin ohnehin mehr , als es dem Freiherrn lieb war , überall verrieth , ward dadurch noch verstärkt . Es langweilte Renatus bald , beständig auf diese immer gleiche , ernste Ergebenheit zu stoßen , und wenn er nach seinen Unterredungen mit seiner Braut , wie Vittoria es nannte , aus dem Norden zu ihr in den Süden hinunterkam , fand er sich von seiner Stiefmutter angenehmer und heiterer unterhalten und in seinen eigenen Anschauungen über Hildegard bestärkt . Vittoria hatte ihren Stiefsohn immer vor der gefährlichen Sanftmuth und vor der herrschsüchtigen Pflichttreue seiner Braut gewarnt . Jetzt klagte sie dieselbe unumwunden der Arglist und einer niedrigen Gesinnung an . Sie nannte es unschicklich und anmaßend , daß Hildegard , ohne dazu von ihrem Verlobten ermächtigt worden zu sein , mit seinen Beamten verkehrt und von ihnen Auskunft und Rechenschaft über seine Vermögensumstände gefordert habe . Sie bezeichnete es als einen entschiedenen Verrath , daß sie dem Grafen Berka einen Einblick in Verhältnisse eröffnet , den sie selbst sich nur durch ihre Zudringlichkeit erworben habe . Sie beschwerte sich über den herzlosen Hochmuth , den Hildegard beweise , wenn sie ihr , der Wittwe des verstorbenen Freiherrn , der Mutter ihres Verlobten , gleichsam den Thaler nachrechne , dessen sie für ihre kleinen Bedürfnisse benöthigt sei ; und als Renatus , dessen offenem und großmüthigem Herzen jede Kleinlichkeit fremd und eben deßhalb auch in Anderen zuwider war , sich eines unwilligen Wortes bei dieser letzten Mittheilung nicht erwehren konnte , rief Vittoria , den Boden ihres Angriffes plötzlich wechselnd : Blick ' diesem Mädchen doch nur einmal unbefangen in das verblühte , jeder Anmuth , jedes Liebreizes so beraubte Antlitz ! Kannst Du an Liebesworte von den schmalen , blassen Lippen glauben , auf denen das Lächeln gleich zu Eis gefriert ? Kannst Du mit Freuden in solchen Armen ruhen ? Nein , dieses Mädchen ist zur Gattin , zur Mutter nicht geschaffen ! Ich müßte irre werden an Gott und an der Natur , wenn diesem selbstsüchtigen Herzen die Wonne der Mutterliebe jemals blühen könnte ! Vittoria hatte es oft erfahren , daß ihre wilde Beredtsamkeit ihre Wirkung auf den Stiefsohn nicht verfehlte . Wider ihr Erwarten aber blieb er ihr die Antwort schuldig . Das war gegen ihre Absicht , denn die Liebe , welche sie wirklich für Renatus hegte , und das Bewußtsein , daß sie mit ihrer Zukunft zum größten Theile auf seinen guten Willen angewiesen sei , machten sie in der Regel in ihren Aeußerungen vorsichtig . Sie würde sich auch nicht unterfangen haben , Hildegard mit solcher Entschiedenheit anzugreifen , ohne die Ueberzeugung , daß sie den geheimsten Gedanken des Freiherrn mit ihren Aussprüchen begegne , und sie irrte darin nicht , wenngleich er es nicht für angemessen fand , ihr dies einzuräumen . Nur Eines hatte Vittoria übersehen , daß nämlich in Renatus seit seinem Aufenthalte in der Heimath und in seinem Schlosse sich ein neues Element entfaltete : er begann sich als Oberhaupt einer Familie zu empfinden . An die Unterordnung unter ein solches als an gute , adelige Zucht und Sitte von früh auf streng gewöhnt , gefiel er sich darin , jetzt für sich in Anspruch zu nehmen , was er früher hatte leisten müssen , und die Lage , in welcher die Frauen sich ihm gegenüber befanden , erleichterte ihm die ersten Schritte auf dem Wege zur Herrschsucht , den er , in dem besten Glauben an ihre Nothwendigkeit , betrat . Er hatte am Tage seiner Ankunft den Bruch mit Hildegard beabsichtigt . Er dachte auch jetzt noch an denselben . Aber die Vorstellung , daß er diesen Schritt später so gut wie jetzt ausführen könne , daß es nur von ihm abhänge , in welcher Weise er sein Schicksal gestalten wolle , und vor Allem die ungewohnte Nachgiebigkeit , der er begegnete , wohin immer er sich wendete , schmeichelten ihm mehr , als er es ahnte . Er täuschte sich darüber keinen Augenblick , daß Hildegard ihm mehr als gleichgültig sei , ja , daß sie ihm mißfalle ; und doch konnte er in ihrer Nähe nie vergessen , was der Abbé ihm über die demüthige und hingebende Frauenliebe ausgesprochen hatte , doch mußte er , wie oft und verführerisch ihm Eleonorens Bild eben hier in der Zurückgezogenheit erschien , sich eingestehen , daß eine stolze gewaltsame Natur , wie sie , ihn auf die Länge nicht zu beglücken fähig gewesen sein würde . Denn es ging ihm wie allen den Männern , die in einem unklaren , aber darum nicht weniger richtigen Bewußtsein ihrer eigenen Schwäche vor jeder starken Frauenseele Scheu tragen . Sie sehen die Kraft als einen Fehler in den Frauen an , weil sie ihnen selber mangelt , und eben deßhalb schweben sie beständig in der doppelten Gefahr , von der Berechnung der Frauen absichtlich durch eine zur Schau getragene sogenannte unterwürfige Weiblichkeit getäuscht , oder von der wirklichen Unbedeutendheit gefesselt und beherrscht zu werden . Selbst die Mißhelligkeiten und kleinen Händel , auf welche Renatus fast an jedem Tage , so sehr man sie ihm zu verbergen strebte , zwischen den einander jetzt mit erhöhter Genauigkeit beobachtenden Frauen stieß , dünkten ihn bald nicht mehr so unerträglich , als in den ersten Tagen und Wochen , denn sie gaben ihm die Gelegenheit , sich täglich der Herrschaft bewußt zu werden , welche er über die Personen ausübte , die er als seine Familie hielt und ansah . Und weil es ihm wider sein Vermuthen und des Grafen Voraussetzungen leicht genug gelungen war , durch sein bloßes Dazwischentreten ein schicklicheres Leben und Beisammensein in seinem Schlosse herzustellen , war er bald überzeugt , daß seine Berather , daß Tremann und Graf Gerhard , der Eine aus Unkenntniß der landwirthschaftlichen Verhältnisse , der Andere , weil ihm bei dem beginnenden Alter die Kraft und Leichtlebigkeit der Jugend nicht mehr zu Gebote ständen , ihm auch von seinen Vermögensverhältnissen ein zu düster gefärbtes und eben darum kein völlig richtiges Bild entworfen hätten . Er beschloß also , künftig nur seinen eigenen Augen zu vertrauen und sich bei der Ordnung seiner Angelegenheiten vor allen Dingen von dem Sachverhalte selbst zu überzeugen , ehe er sich auf irgend welche eingehende Besprechungen mit seinen Beamten einließ oder sich gar in Verhandlungen mit Dritten weiter vorwärts wagte . Drittes Capitel Der Winter neigte sich stark zu Ende . Die Tage wurden schon wieder hell . Am Mittage , wenn die Sonne hoch stand , war die Luft leicht und warm , der Himmel dunkelblau , und der Schnee , der den Boden noch bedeckte , wenngleich er von den Dächern und Bäumen weggeschmolzen war , funkelte so hell , daß man sich belebt fühlte , als ob man im Hochgebirge wäre . Auch die lichtfreudige Lerche wirbelte sich schon wieder in gerader Linie aus ihrer Scholle zum Firmament empor und ließ aus ihrer kleinen Kehle ihre jubelnde Frühlingsverkündigung vorzeitig über die Erde hinweg erschallen . Um , wie er es nannte , nach dem Seinigen zu sehen , hatte Renatus sich gewöhnt , an jedem Mittage auszureiten . Hildegard , die man um ihrer zarten Gesundheit willen das Reiten stets vermeiden lassen , hatte ihn zum Fahren überreden wollen , um ihn begleiten zu können ; indeß er hatte das Reiten für bequemer und seinem Zwecke entsprechender erklärt und Anfangs nur Valerio , bald aber auch Cäcilie mit sich genommen , deren lebensvoller Körper sich immer nach starker , durchgreifender Bewegung sehnte . Eines Tages , als man um die festgesetzte Stunde auch wieder die Pferde für die Reiter auf die Rampe geführt hatte , kam der Freiherr mit Valerio und Cäcilien eben aus dem Schlosse heraus . Er hatte dem Sonnenschein zu Liebe einen Jagdrock von grünem Sammet angezogen , den er auf mancher Jagd in Saint Germain getragen . Er sah ungemein gut in demselben aus , und Hildegard , die , in ihren großen Shawl gehüllt , ein kleines Tuch vorsichtig um das Haupt gebunden , oben in ihrem Zimmer an dem geöffneten Fenster stand , bemerkte das mit Vergnügen . Aber auch Cäcilie sah es . Denn als er diese an ihr Pferd geleitet hatte und ihr seine Hand hinhielt , damit sie aufsteigen und er sie in den Sattel schwingen könne , rief sie Hildegarden die fröhliche Frage zu , ob Renatus nicht sehr schön aussähe oder ob jemals eine Königin einen schöneren Pagen gehabt habe , als sie . Valerio , der bereits auf seinem kleinen Schimmel saß , hatte auch diese Frage kaum vernommen , als er aus voller Brust einige von den Strophen zu singen begann , die Beaumarchais in seinem » Figaro « dem Pagen in den Mund gelegt hat und welche , auf die Marlborough-Melodie übertragen , mit den französischen Heeren durch ganz Europa gewandert waren . Valerio sang mit seiner schönen Knabenstimme : Beau page ! dit la reine , ( Que mon coeur , mon coeur a de peine ! ) Qui vous met à la gêne ? Qui vous fait tant pleurer ? Qui vous fait tant pleurer ? Nous faut le déclarer . Madame et souveraine , Que mon coeur , mon coeur a de peine ! J ' avais une marraine , Que toujours adorai ! Er wiederholte den letzten Vers zu verschiedenen Malen , warf Cäcilien , mit welcher er auf dem besten Fuße stand , einen Kuß zu und sprengte singend davon . Inzwischen war Renatus ebenfalls aufgestiegen . Er lenkte seinen Goldfuchs nach der linken Seite der Reiterin , leitete ihr Pferd vorsichtig die etwas glatte Rampe hinunter , und während er unwillkürlich das » Que toujours adorai ! « des Knaben nachsang , grüßten er und Cäcilie noch einmal nach dem Schlosse hinauf , ehe sie Valerio folgten , der den Hof bereits verlassen hatte und lustig in das Freie hinausgeritten war . Hildegard sah ihnen lange nach . Sie vergaß es , daß die Mutter sie gewarnt hatte , sich eben heute , da sie nicht ganz wohl war , der Luft am geöffneten Fenster auszusetzen , die ihr nachtheilig werden konnte . Das fröhliche Singen des Knaben hatte sie traurig gemacht . Wie die Phantasie des jungen Freiherrn sich an den letzten Vers geheftet , hatte ihre Seele sich der immer wiederkehrenden Worte : » Que mon coeur , mon coeur a de peine ! « bemächtigt , und sie wußte sich nicht zu sagen , was ihr eben heute so große Betrübniß , so großen Kummer verursachte . Es zog ihr so schmerzlich am Herzen , es regte sich ein Gedanke in ihr , der ihr früher nicht gekommen war . Sonst hatte das Frühjahr sie erheitert , dieses Mal machte sein Herannahen sie wehmüthig . Was war denn geschehen ? Was war denn anders geworden , seit im vorigen Jahre die Sonne den Schnee hinweggeschmolzen und die Lerchen eben so gesungen hatten ? Damals war ihre Seele verwirrt gewesen durch ihre Eifersucht auf die Gräfin Eleonore ; damals hatte sie sich nach dem Bräutigam gesehnt und mit banger Zärtlichkeit die Tage und die Stunden gezählt , die bis zu seiner Heimkehr noch vergehen mußten . Jetzt war Renatus da , sie sah , sie sprach ihn täglich , sie hatte ihm das Geständniß abgenommen , daß er die Gräfin Haughton trotz ihrer verführerischen Reize nie geliebt , ja , daß er ihre Hand , die sie ihm in selbstgewissem Freimuthe angeboten , zurückgewiesen habe , und doch konnte Hildegard sich ' s nicht verbergen , daß sie in den Tagen jenes bangen und doch so zuversichtlichen Sehnens glücklicher als jetzt gewesen sei . Sie beneidete Cäcilie um ihre unausgesetzte gute Laune , um ihre gedankenlose Fröhlichkeit . Sie beneidete Renatus , der sich mit Valerio und ihrer Schwester , von dem Augenblicke ganz hingenommen , an dem bloßen Sonnenscheine erfreuen konnte . Ihr war das nicht gegeben . Der frühe Tod ihres Vaters , dessen sie sich mit allen Nebenumständen klar erinnerte , die mannigfachen Sorgen , die sie mit ihrer Mutter zeitig schon getheilt hatte , ihre heimliche Verlobung und endlich alle die Erfahrungen , welche sie während der Kriegsjahre hatte machen müssen , hatten ihr den glücklichen Leichtsinn der Jugend geraubt . Ihr Sinn war von jeher ernster als der ihres Bräutigams gewesen , und wie lieb sie ihn hatte , er kam ihr immer noch nicht fertig vor . Sie erschien , sie fühlte sich reifer als er , ihm überlegen . Als sie das einmal in einer vertraulichen Unterredung gegen den Grafen Gerhard ausgesprochen , hatte dieser ihr lächelnd erwiedert , sie könne eben nichts für ihre Berka ' sche Abstammung . Den Berka lägen die Verständigkeit und die Energie so gewiß im Blute , wie den Arten der Leichtsinn und der Wankelmuth , und sie sei eben deßhalb wie ausersehen , mit ihren großen Eigenschaften den Schwächen seines Neffen zu Hülfe zu kommen . Ihr werde naturgemäß die Herrschaft im Hause und in der Ehe zufallen , und sie solle bei Zeiten darauf denken , sich des Einflusses zu bemächtigen , welchen sie auf einen Charakter wie den ihres Bräutigams , zu dessen eigenem Heile , nothwendig erlangen müsse . Sie war sich bewußt , diesen Rathschlägen mit all ihrer Kraft gefolgt zu sein , aber sie erntete davon die Früchte nicht , die sie erhofft hatte . Renatus , wie leichtgesinnt er sich auch gab , hatte das feinste Gefühl für jede ihrer Absichten und war nichts weniger als gewillt , ihr irgend einen Einfluß auf seine Maßnahmen und Entschließungen einzuräumen . Sie hatte es nach den ersten vierzehn Tagen völlig aufgeben müssen , seiner Geschäftsverhältnisse gegen ihn zu erwähnen . Spottend und dann wieder scherzend hatte er sie Schritt für Schritt von dem Boden zurückgewiesen , auf dem sie sich in bester Absicht heimisch gemacht hatte . Was sie ihm leisten , ihm sein konnte und wollte , das begehrte er von ihr nicht ; was er in ihr zu finden wünschte , den fröhlichen , ihn stets belustigenden Sinn ihrer um mehr als sechs Jahre jüngeren Schwester , den besaß sie nicht . Sie war nicht jung genug dazu , sie war überhaupt nicht mehr jung . Das war es , was ihr heute so weh im Herzen that , was ihr das erste Frühlingsahnen in der Luft so schmerzlich machte , und ihr die Thränen in die Augen preßte . Der Frühling war jetzt nahe am Wiederkehren , aber ihre Jugend war dahin und kehrte niemals wieder - niemals wieder ! Heute , bei dem ersten hellen Sonnenscheine , hatte sie es gesehen , hatte ihr Spiegel es ihr unwiderleglich dargethan , sie war verblüht ! Die Fältchen in den Augenwinkeln , die Furchen auf der Stirn , die Züge , welche sich von ihrem Munde nach dem Kinn hinuntersenkten , wie leise , wie wenig sichtbar sie auch waren , sie hatte sie heute zum ersten Male an sich bemerkt , und sie zweifelte nicht daran , Renatus hatte sie vor ihr wahrgenommen , denn er liebte sie nicht mehr , und was das Auge der Liebe übersehen hätte , dem Blicke des gleichgültigen Beobachters war es sicher nicht entgangen . Sie hatte das Fenster längst geschlossen , war längst an ihren Nähtisch zurückgekehrt . Was sollte ihr das helle , unverwüstliche Sonnenlicht ? Es vermochte ja nur der Erde , nicht ihr , nicht ihrem Antlitze neue Jugend zu verleihen . Aber war es ihre Schuld , daß sie verblüht war , daß Renatus sich erst jetzt zu seiner vollen Kraft , zu voller Männlichkeit entfaltete , während ihre schönste Zeit vorüber war ? Hatte sie es zu verantworten , daß er sie erwählt , daß er sie an sich gebunden hatte durch alle die langen Jahre ? Durch alle die langen Jahre , in denen ein frisches , wechselvolles Leben im vollen Weltgetriebe sein schönes Loos gewesen war und die sie theils in schwerer Pflichterfüllung , theils , weil er es also angeordnet , hier in der Einsamkeit vertrauert hatte ? Mit keinem Worte hatte er , seit er zu Hause war , daran gedacht , den Zeitpunkt ihrer Verbindung festzusetzen . Aus mädchenhaftem Zartgefühl , aus Ehrgefühl hatte sie nicht nach demselben fragen , nicht auf dieselbe dringen mögen ; aber auch der Zustand , in dem sie gegenwärtig mit Renatus lebte , beleidigte ihr Zartgefühl , trat ihrem Ehrgefühl zu nahe , und doch wußte sie nicht , wie sie ihn ändern , wie sie sich aus demselben befreien könnte . Es half ihr nicht , daß sie sich schmückte ! Sie konnte den verlorenen Jugendreiz damit nicht ersetzen . Es half ihr nicht , daß sie sich in nicht endender Gefälligkeit um Renatus Mühe gab . Das Zufällige , das Vittoria , das Cäcilie ihm leisteten , war immer mehr nach seinem Sinne und hatte den Vorzug , ihm , weil es unerwartet kam , eine Ueberraschung zu sein . Sie hatte es allmählich aufgegeben , ihn zu suchen , weil sie bemerken mußte , wie wenig es ihn freute , sie zu finden ; und selbst der Muth , ihn zu berathen , hatte sie verlassen , weil er durch ihre Rathschläge seine Selbständigkeit von ihr angetastet glaubte und oft , sie zweifelte nicht daran , gegen seine eigene Ueberzeugung handelte , um ihr darzuthun , daß er nicht gewillt sei , sich der ihrigen anzuschließen oder gar zu fügen . Gestern hatte sie , gekränkt von der Sorglosigkeit , mit welcher er sie mehr und mehr sich selber überließ , es ihrer Mutter zum ersten Male ausgesprochen , daß sie fühle , Renatus wolle sie verlassen ; er wolle mit ihr brechen und wolle , das Maß seiner selbstsüchtigen Grausamkeit zu füllen , sie dazu nöthigen , die Trennung zwischen ihnen zu vollziehen . Die Gräfin hatte dies zu läugnen , die Thatsachen in Abrede zu stellen , ihre Tochter zu beruhigen versucht ; indeß Hildegard war jetzt nicht mehr zu täuschen . Sie litt mehr als sie es sagen konnte . Alle ihre Hoffnungen waren auf die Ehe mit Renatus begründet gewesen , ihre ganze Vergangenheit , ihre Zukunft wurden ihr mit Einem Schlage zertrümmert , wenn Renatus sich ihr entzog , und , für sie war es gewiß , er hatte sich ihr bereits entzogen . Es verging kein Tag , an dem sie nicht Ursache hatte , ihm zu zürnen , es war schon mancher Tag gekommen , an dem sie sich gesagt hatte , daß sie ihn von einer unmännlichen Charakterschwäche finde . Wenn sie seiner dachte , und wann dachte sie nicht an ihn ? war oft eine Bitterkeit in ihrem Herzen , vor der sie selbst erschrak und die nicht ihm allein galt . Sie zürnte ihrer Mutter , weil diese sich einst ihrer heimlichen Verlobung mit Renatus nicht widersetzt hatte . Sie klagte die Gräfin eines Mangels an Menschen- und an Weltkenntniß an , weil sie nach des alten Freiherrn Tode nicht gleich auf die eheliche Verbindung der Verlobten , oder auf die Lösung des Verlöbnisses gehalten hatte . Denn damals war Hildegard noch jung , noch hübsch , noch voller Lebensmuth gewesen , damals hatte Renatus sie noch geliebt und damals hätte es ihr im schlimmsten Falle an anderen Bewerbern nicht gefehlt , damals wäre sie noch fähig gewesen , sich zu trösten , zu vergessen und ihr Herz neuer Liebe hinzugeben . Aber jetzt ? Mit selbstquälerischer Grausamkeit trat sie an ihren Spiegel heran . Sie strich die Locken , die sie seit der Heimkehr ihres Verlobten wieder zu tragen angefangen , weil er sie einst geliebt hatte , mit einer heftigen Bewegung von ihrer Stirn , sie riß das Bändchen mit dem kleinen Kreuze , das ihr am Halse hing , mit heftiger Hand entzwei . Sie wollte sich nicht mehr schmücken . Es freute sie , daß die blauen Adern unter ihrer schlaffer gewordenen Haut , auf ihrer Stirn , in ihren Schläfen stärker als in jungen Tagen sichtbar waren . Es freute sie , daß die Linie , auf der sich Hals und Nacken einen , jetzt in bräunlicher Farbe scharf hervortrat . Renatus sollte es sehen , was sie um ihn gelitten hatte . Er sollte es sehen , daß er sie verblühen machen , daß er , er allein sie um Jugend und um Glück betrogen hatte . Und er mußte ja kein Mensch , er mußte nicht Renatus , nicht ihr Renatus , nicht ihr angebeteter Geliebter sein , wenn ihr Verfall ihn nicht rühren , wenn er nicht zu ihr wiederkehren sollte , ihr Jugend und Schönheit , Hoffnung , Glauben und Glück mit einem einzigen Liebesworte , mit seiner Liebe wiederzugeben . Sie verstummte in bittern Thränen , als sie auf weitem Wege wieder zu dem alten Ausgangspunkte gelangt war . Mitten in dem Weinen erhob sie sich aber , und noch einmal trat sie an ihren Spiegel heran . Sie erschrak vor ihrem eigenen Anblicke . So hatte sie , so zerstört hatte sie noch niemals ausgesehen . Den Schmerz konnte sie der Mutter , den Triumph konnte sie Vittoria nicht bereiten . Sie durfte , sie wollte sich nicht sinken lassen , sich nicht verloren geben . Sollte Vittoria die Genugthuung genießen , sie von dem Schlosse gehen zu sehen ? Sollte sie , sie selbst mit ihren armen , weinenden Augen , den Tag erleben , an welchem die Mutter in ihren vorgerückten Jahren aus dem Schlosse , das derselben zu einer lieben Heimath geworden war , auf ' s Neue hinausziehen und sich in der kalten , fremden Welt eine neue Stätte bereiten solle ? - Das konnte , das durfte nicht geschehen . Um ihrer Mutter willen mußte sie ausharren und bleiben , mußte sie ihr eigenes Empfinden , ihr eigenes Bedürfen opfern . Und wenn es dann trotzdem geschah , wenn Renatus es vergessen konnte , was er ihr schuldig war , nun , so sollte sein die Schuld , sein ganz allein auch das Verbrechen sein , das er damit an ihrer armen Mutter , an der edelsten der Frauen , zu begehen sich nicht scheute . Daß sie selber bei ihren Planen für die Zukunft immer auf die Entfernung ihrer Mutter und ihrer Schwester gerechnet hatte , so lange diese Plane noch auf ein ausschließliches Liebesglück begründet gewesen waren , daran freilich erinnerte Hildegard sich in dieser Stunde nicht . Noch weniger machte Renatus sich bei seinem fröhlichen Ritte eine Sorge um die Gedanken und um die Zweifel , mit welchen Cäciliens daheimgebliebene Schwester sich eben beschäftigte und quälte . Es war ein strahlend schöner Tag . Die drei Reiter hatten ihr Entzücken an demselben . Die frische Luft , die sonnebeleuchtete Ebene , die sich nach der einen Seite weit wie der Horizont , und nur von ihm begrenzt , vor ihnen öffnete , hatten für die Phantasie etwas Verlockendes , und sie ritten schnell und schneller , wie man das immer thut , wo dem Auge kein festes Ziel gesetzt ist . In den ersten Tagen nach seiner Ankunft in Richten hatte Renatus noch mit erneutem schmerzlichem Bedauern die prächtige Allee vor dem Schlosse vermißt , deren Verschwinden ihn einst so ergriffen hatte , als er in den russischen Krieg gegangen war . Jetzt war er schon völlig daran gewöhnt , das Schloß ohne seine Baumeszierde vor sich zu sehen , und selbst den Verfall an den Häusern und an den andern Baulichkeiten fand er doch nicht so arg , als er es nach Tremann ' s Darstellungen befürchtet hatte . Seine Feldzüge hatten ihn mit dem Anblicke so entsetzlicher Zerstörungen vertraut werden lassen , daß es ihm keinen bedenklichen Eindruck machte , wenn die Dächer der Scheunen und Ställe , denen einst eine schöne Deckung mit Dachsteinen nicht gefehlt hatte , nur nothdürftig mit Stroh gedeckt waren , wo die Ziegel schadhaft geworden waren . Er hatte so viele Häuser ohne Thüre und ohne Fenster stehen sehen , daß eine eingesunkene Schwelle und schief hängende Thürflügel , daß Verschläge von Brettern statt der Fenster , besonders , wo es sich um die Wohnung von Leuten handelte , die im Grunde doch zufrieden waren , wenn sie unter Dach und Fach nur warm beisammen saßen , ihm nicht als ein Unglück erschienen . Und wie man in einer elenden Baracke bei rauchendem Feuer und auf hartem Boden , selbst wenn man an Nahrungsmitteln keinen Ueberfluß hatte , doch gesund und arbeitsfähig und selbst guten Muthes bleiben könne , das hatte er in seinen Feldzügen an sich selbst mehr als einmal erfahren . Heute nun vollends , wo die Sonne so herrlich schien und der frische Wind im Walde die Aeste der alten Bäume so lustig knarren machte , heute , wo die Lerche sang , als wisse sie , daß es mit dem Winter nun bald zu Ende sein und über der Furche sich in Kurzem wieder die grünen , weichen Halme schützend wölben würden , heute , wo die kluge Krähe so bedächtig auf dem letzten Reste des Schnee ' s umherging , als wolle sie mit dem Schnabel ermessen , wie hoch er denn noch liege und wie lange die Sonne wohl noch zu thun habe , bis sie mit ihm fertig werden und die schöne Jahreszeit beginnen könne , heute erschien auch dem Freiherrn seine Lage bereits wieder in ganz anderem Lichte , als an dem Morgen , an welchem er in sein Schloß zurückgekehrt war . Er war in diesen Wochen überall selbst herumgewesen , hatte überall selbst nachgehört , und mehr noch als bei diesen Ausflügen hatte er von den Leuten