Ihr Herz ist gut , auch theilnehmend , und sie hat dieses allzuernste und gemessene Wesen nur so angenommen ; gewiß , sie kann auch freundlich sein und sogar lachen . « Wie oft hatte das junge Mädchen von dieser Dame geträumt ! Und dann war sie ihr immer als böser Engel erschienen , hatte die magere Hand zwischen sie und Arthur gestreckt , hatte mit dem Kopfe geschüttelt , und darauf war Alles , Alles aus gewesen . Wenn alsdann Clara in diesen Träumen auch flehend ihre Hände nach Arthur ausstreckte , und , verzweiflungsvoll seinen Namen rufend , vorwärts strebte , ihn wieder zu erreichen , so war es doch , als treibe eine gewaltige Luftströmung die beiden Liebenden aus einander , immer weiter und weiter , bis sein Bild undeutlich wurde , ein Schatten , und dann ganz erblaßte , obgleich das Bild der alten Dame gleich lebendig , gleich starr , drohend und ernst in der Mitte stehen blieb . - Ah ! und ihr Blick war dann gerade so wie jetzt , als sie nun in Wirklichkeit in ' s Zimmer trat . Herr Staiger war ihr entgegen gegangen , hatte der für ihn Unbekannten eine respektvolle Verbeugung gemacht , und war , als diese mit einem einfachen Kopfnicken erwidert wurde , händereibend und etwas verlegen an die Seite getreten , eine Anrede erwartend . Die Dame blickte aber eben so unverwandt auf Clara , auf das Bübchen und auf Marie , die sich ebenfalls an die ältere Schwester geschmiegt , als erstere sie unaufhörlich ansah . Mochte sie nun den entsetzten Blick der Tänzerin bemerken , und ihr die weit aufgerissenen Augen der kleinen Kinder etwas komisch vorkommen , genug , sie wandte sich mit einem etwas freundlicheren Gesichtsausdruck zu Herrn Staiger , indem sie ihm sagte : » Ich habe mir erlaubt , Sie in einer gewissen Angelegenheit zu besuchen , wenn Sie nämlich ein paar Augenblicke für mich übrig haben . « Der alte Mann verbeugte sich abermals , rieb sich wiederholt und noch verlegener die Hände , denn ihm kam die Idee , als setze die Dame voraus , sie müsse nothwendig von ihm gekannt sein , was denn aber durchaus nicht der Fall war . Dabei murmelte er etwas von großer Ehre , vielem Vergnügen , und als die Dame hierauf langsam in das Zimmer hinein dem Tische zuschritt , leerte er rasch einen Stuhl , indem er Bücher und Papiere mit dem Arm auf den Boden niederstrich . In demselben Verhältniß , in dem sich die Dame dem Tische näherte , ließ Clara das Bübchen auf den Boden gleiten und erhob sich langsam von ihrem Stuhle . Dabei sah sie sehr bleich aus und ihre Hand , die sie auf dem Tische aufgestützt hatte , zitterte heftig , auch holte sie mühsam Athem , und als sie nun der Näherkommenden eine tiefe Verbeugung machte , schoß ihr das Blut in ' s Gesicht , und eine plötzliche Röthe überflog ihre vor einer Sekunde noch so blassen Züge . Die Dame ließ sich ruhig auf dem angebotenen Stuhle nieder , und als Herr Staiger , der ehrerbietig neben ihr stehen geblieben war , sich nun ein Herz faßte und sie unverkennbar fragend ansah , sagte sie : » Sie scheinen mich nicht zu kennen ; ich bin die Frau des Kommerzienraths Erichsen . « Sobald der alte Herr diesen Namen gehört , trat er unwillkürlich einen Schritt zurück , blickte die Dame mit einem wahren Erschrecken an und brachte mühsam die Worte hervor : » Oh ! - das ist zu viel Ehre ! « Die Kommerzienräthin schien übrigens gar keine Antwort zu erwarten und auch seine Worte nicht zu hören , denn sie sah unverwandt auf Clara , welche vor diesem ernsten Blick zuerst ihre Augen niederschlug , sie aber dann im Gefühl ihres redlichen und unschuldsvollen Herzens langsam wieder erhob und die Räthin ehrfurchtsvoll , aber fest anschaute . » Das ist Ihre Familie ? « sprach diese nach einer Pause , während welcher sie alle Anwesenden der Reihe nach betrachtete . » Das ist meine Familie , ja wohl , Frau Kommerzienräthin , « entgegnete Herr Staiger , der nicht im Stande war , sich so rasch von seinem Erstaunen zu erholen , und der häufig nach Clara hinüber blickte , um vielleicht auf dem Gesichte derselben lesen zu können , was das wohl zu bedeuten habe . » Es ist meine Familie , « wiederholte er . » Das ist meine Tochter Clara , das die kleine Marie , und das ist Karl . « » Und dort die Kleine ? « fragte die Räthin . » Ist eine arme Waise , « versetzte Herr Staiger , » ein verlassenes Kind , das auch hier so bei uns ist . « » Für dessen Unterhaltung Sie sorgen ? « fragte Madame Erichsen . » O ja , « sagte lächelnd der alte Mann . » Aber es ist nicht der Rede werth ; das kleine Ding macht uns weder Kosten noch Mühe . « » Und Ihre Frau ? « forschte die Räthin weiter . » Ist schon vor einigen Jahren gestorben ; es war das hart für mich , doch ließ mir der liebe Gott da meine Clara heranwachsen , und sie vertrat Mutterstelle bei den kleinen Geschwistern - ja wohl ! « » Sie sind aber nicht viel zu Hause , Mademoiselle ? « wandte sich Madame Erichsen an die Tänzerin . » Wie ich mir sagen ließ , haben Sie den ganzen Vormittag Ihre Geschäfte außerhalb demselben , und Abends ist auch Ihre Zeit meistens beschränkt . « Clara zuckte unmerklich zusammen , als die Räthin nun zum ersten Male ihre Worte direkt an sie richtete ; doch waren diese Worte ziemlich weich , ja freundlich gesprochen , weßhalb sie es auch vermochte , nach einem tiefen Athemzuge zu antworten . » Unsere Verhältnisse sind klein , « sagte sie , » und da ist auch die Arbeit gering . Wir haben zwei Zimmer , wenig Bedürfnisse , und dafür finde ich Zeit genug . « » Und haben wohl noch Muße , daneben andere Sachen zu arbeiten ? « bemerkte Madame Erichsen . » Lassen Sie doch sehen . Sie machen da eine superbe Stickerei . « Bei diesen Worten streckte sie ihre Hand aus , und Clara reichte ihr die angefangene Arbeit . Doch flammte eine tiefe Röthe auf ihrem Gesichte auf , als die Räthin nun gleichmüthig ein paar Nadeln herauszog , welche die halbfertige Stickerei zusammen hielten , diese auseinander rollte und ein Sophakissen zeigte von wirklich herrlicher Arbeit , auf ' s Sauberste ausgeführt . Es war ein Blumenkranz auf blauem Grunde , in der Mitte prangte deutlich und verrätherisch ein großes A. » In der That eine schöne Arbeit , « sprach die Räthin ; » das ist wohl der Anfangsbuchstabe des Namens Ihres Vaters ? « sagte sie nach näherem Betrachten , ohne aufzublicken . Die Tänzerin kämpfte gewaltig mit sich selbst , sie unterdrückte einen tiefen Seufzer und erwiderte mit leiser Stimme : » Ja , gnädige Frau . « Jetzt schaute diese in die Höhe ; sie schien eine andere Antwort erwartet zu haben , und blickte deßhalb forschend auf das Mädchen . Als aber Clara schweigend die Augen niederschlug , schüttelte sie lächelnd den Kopf und wandte sich an die kleine Marie , welche ihre ältere Schwester offenbar verwundert ansah . Dabei deutete die Räthin mit ihrem langen Zeigefinger auf das verhängnißvolle A. und sagte : » Du , Kleine , was soll der Buchstabe heißen ? « Einen Augenblick blieb sie die Antwort schuldig und schaute , wie Rath erholend , bald Clara , bald ihren Vater an . Doch zuckte dieser leicht mit den Achseln , jene aber schien es zu vermeiden , dem Blicke des Kindes zu begegnen . » Nun ? « fragte die Räthin abermals , » was heißt das ? « » Es heißt Herr Arthur , « entgegnete das kleine Mädchen . » Und wer ist Herr Arthur ? « forschte die Dame weiter . » Weißt du das nicht ? « » Aber ich weiß es , « sprach mit einem Male das Bübchen , indem es seinen Kopf hinter dem Arme Clara ' s hervorstreckte . » Herr Arthur ist mein Freund , der Herr Erichsen , der mir sehr schöne Drachen macht und Bilderbücher mitbringt . Er ist aber lange nicht da gewesen ; warum , das weiß ich nicht . « » So , er ist lange nicht da gewesen ? « versetzte die Räthin mit weicherer Stimme und blickte abermals angelegentlich auf die Stickerei . Clara schrak ordentlich zusammen , als das Bübchen jenen Namen genannt ; Herr Staiger rieb sich stärker die Hände , hustete verschiedene Male und sagte : » Allerdings besuchte uns Herr Erichsen zuweilen , doch in der letzten Zeit gar nicht mehr ; vordem hatten wir eine gemeinschaftliche Arbeit , wenn ich mich so ausdrücken darf ; ich übersetzte Onkel Tom ' s Hütte und Herr Arthur machte die Illustrationen dazu für die Buchhandlung Johann Christian Blaffer und Compagnie . « Die Kommerzienräthin hatte langsam ihr Tuch vor den Mund genommen und während sie hinein hustete , blickte sie lange und forschend auf Clara . Diese hatte sich gefaßt ; obgleich ihre Hand noch leicht zitterte und ihre Gesichtszüge bleicher waren , als vorhin , so hielt sie doch ihre Blicke nicht mehr niedergeschlagen , sondern schaute die alte Dame offen und ehrlich an . Sie fühlte ihr Unrecht , daß sie Arthur anfänglich verleugnet , sie wollte das nicht mehr thun , mochte auch daraus erfolgen , was da wolle , und wenn auch ihre Lippe schwieg , so sprach desto beredter ihr Auge . Dabei wollen wir gestehen , daß die Räthin diese Sprache verstand , ja sie erkannte in dem glänzenden Blicke die klare und reine Seele des Mädchens , sie las in der Gluth , welche aus diesen schönen Augen aufblitzte , ihre grenzenlose Liebe zu Arthur , und die Thränen , welche dieselben einen Moment nachher verschleierten , diese Thränen des Schmerzes waren ebenfalls für sie keine Räthsel mehr . Hatte doch das Bübchen gesagt , Herr Arthur sei in der letzten Zeit gar nicht mehr gekommen . Es war das ein eigenthümlicher Moment , und wir nehmen an , daß die Räthin , ihrer Gewohnheit gemäß , gern auf den Tisch getrommelt hätte , doch saß sie etwas zu weit von demselben entfernt . Herr Staiger räusperte sich gelinde , und Marie , sowie das Bübchen , zogen sich scheu zurück und blickten mit Furcht und Grauen in das strenge Gesicht der Dame . Doch wurden diese Züge auch allmählig weicher und weicher , und wir glauben annehmen zu dürfen , daß Clara die Gunst der Räthin gewonnen . War dieselbe doch mit der Absicht hieher gekommen , versöhnend aufzutreten , hatte sie ihrem Sohne doch schon die Leidenschaft für die Tänzerin verziehen , wegen seines Gehorsams , seiner kindlichen Liebe zu ihr , wie sie meinte , der er seine Liebe geopfert ! Sie hatte wohl bemerkt , wie schmerzlich es seinem Herzen gewesen , dem Mädchen zu entsagen , und sie hatte das nicht recht begreifen wollen . Jetzt aber , wo sie Clara vor sich sah , wo deren gewinnendes Aeußere seinen Zauber auch auf ihr Herz ausgeübt , verstand sie es vollkommen , wie Arthur schmerzlich gekämpft , welches Opfer er ihr gebracht . Daß auch noch andere Schatten zwischen diese beiden reinen Seelen getreten waren , wußte sie freilich nicht ; sie schrieb Alles Arthurs kindlicher Liebe für sie zu , und da es ihrem Stolze schmeichelte , daß der Sohn ihr dieses große Opfer gebracht , so hatte sie beschlossen , eben diesen Stolz aus ihrem Herzen zu verbannen und Arthur glücklich zu machen . Auch wollen wir nicht verschweigen , daß zugleich mit diesen edlen Gefühlen auch die Bitterkeit gegen die Kreise , in denen sie sich bisher bewegt , mitgeholfen hatte , den Entschluß zu fassen . Daneben hatte auch Eduard und Marianne , ja selbst der Kommerzienrath mitgewirkt , nicht zu übersehen der Kommerzienräthin vertrauteste Freundin , die Tutelarräthin Wasser , welche in allen ihren Kreisen verbreitet hatte , mit dem Hause Erichsen gehe es stark abwärts , denn sie wisse aus bester Quelle , Arthur werde eine Tänzerin heirathen , - Arthur , auf den sich so manche Tochter der verschiedenen Rangklassen Hoffnung gemacht , Arthur , für den die Tutelarräthin selbst eines ihrer Wässerchen bestimmt ! Die Pause , die wir hier in unserer Erzählung gemacht , fand auch in Wirklichkeit in der , obgleich ohnedies vorher schon spärlichen Unterhaltung der Anwesenden in der Staiger ' schen Wohnung statt . Daß ein Augenblick der Erklärung heranrücke , fühlten Vater und Tochter wohl . Es war eine Pause der peinlichsten Ungewißheit , es sollte jetzt ein Moment kommen , entscheidend für das Glück oder Unglück zweier Leben . Die Kommerzienräthin hatte die Stickerei wieder zusammengerollt , und selbst die Nadeln wieder sorgsam eingesteckt , dann sagte sie mit ruhiger Stimme : » Beendigen Sie Ihre Arbeit so bald als möglich - Clara , « - bei diesem Worte blickte sie in die Höhe - » und wenn Sie dieselbe beendigt haben , so bringen Sie sie mir . « Das waren an sich unbedeutende Worte , welche die Dame gesprochen , doch war es Clara gerade , als habe sich der Himmel geöffnet und als habe ein Engel ihr tausend Worte des Trostes und der Hoffnung zugerufen . Sie preßte ihre Hände auf das wildschlagende Herz , sie blickte innig und dankend in die Höhe , als wolle sie dort etwas Sichtbares erspähen , die mächtige Hand , welche Segen auf sie herabgestreut . - Ach ! und doch waren diese Worte nur ein vorübergehender Sonnenblick , und gleich darauf verhüllten wieder schwarze , drohende Wolken ihren schönen heiteren Himmel . Sie gedachte jener Stunde am Sarge der unglücklichen Marie , sie hörte seine vernichtenden Worte - es war ja Alles für sie verloren ! Und im Uebermaß des tiefen Schmerzes drückte sie ihre Hände vor die Augen und weinte laut hinaus . Freude und Schmerz hatten gleich heftig ihre Seele erfaßt , und da nun der Letztere die Oberhand behielt , so fühlte sie sich um so tiefer von der Höhe herabgestürzt , auf welche sie die tröstlichen Worte der Mutter Arthurs erhoben . Da fühlte sie mit einem Male , daß zwei Hände die ihrigen erfaßten und sanft von ihrem Gesichte wegzuziehen versuchten , und als sie das fühlte , zitterte sie heftig , denn aus diesen Händen strömte eine Wärme auf die ihrigen über , eine Wärme , die sich ihrem Gesichte mittheilte und dieses plötzlich tief erglühen ließ . Fest und innig hatte Jemand ihre Finger erfaßt und zog sie ihr langsam vom Gesichte herab . Aber es durchschauerte sie so dabei , daß sie unwillkürlich die Augen schließen mußte , doch nur auf einen Moment , eine Sekunde , denn darauf vernahm sie eine bekannte Stimme , die ihr leise und schmeichelnd sagte : » Meine gute , gute Clara - mein innig geliebtes Mädchen ! « Es war ganz sonderbar , als sie nun die Augen öffnete , daß sie Niemand vor sich sah , ja , sie mußte die Blicke herabsenken , um Jemanden wahrzunehmen , der zu ihren Füßen lag , der abwechselnd ihre Hände küßte , dann wieder flehend zu ihr aufblickte und dazwischen sprach : » O meine gute , gute Clara , verzeihe mir - verzeihe mir , mein unschuldiges Mädchen ; ich habe Alles erfahren . « Wie sich Arthur in das Zimmer geschlichen , war Allen unbegreiflich ; aber es unterlag keinem Zweifel , daß er da war , und daß er voller Freuden da war , glücklich und selig . Jetzt sprang er hastig in die Höhe , ohne Clara ' s Hand loszulassen , vielmehr zog er sie hastig zu seiner Mutter hin , die in Ermanglung eines Tisches sanft auf die zusammengewickelte Stickerei trommelte . » Das ist meine Clara ! « rief er jubilirend , » nicht wahr , eine liebe und schöne Clara , und nicht wahr , Mama , Sie haben nichts mehr gegen uns Beide ? « Hierauf hustete die Kommerzienräthin laut und geräuschvoll , aber sie that es in diesem Augenblicke nur , um ihre heftige und unschickliche Rührung zu verbergen . Herr Staiger genirte sich weniger , denn obgleich sein Mund lächelte , floßen ihm doch die Thränen über die Wangen herab , so daß die kleine Marie ganz bestürzt darüber war und alle Anwesenden der Reihe nach erstaunt ansah . Das Bübchen allein schien von der Wiederkunft Arthurs nur die praktische Seite zu bedenken ; es schaute äußerst vergnügt auf seinen Freund und sah im Geiste eine Menge ungeheurer Bilderbücher , sowie Drachen mit den allerlängsten Schwänzen . Wir , die wir dies niederschreiben , und der geneigte Leser , der es liest , befinden uns in dem Falle , als ständen wir gerade vor der geöffneten Thüre der Staiger ' schen Wohnung und als sähen wir , selbst unbemerkt , all ' diese Glückseligkeit , all ' diese leuchtenden Augen , all ' diese Thränen der Freude . Wenn uns auch Niemand übel nehmen wird , daß wir mitfühlend einen Augenblick stehen blieben , die schöne Gruppe betrachtend , Mancher hoffend auf ein ähnliches Glück , so halten wir es doch für passend , gleich darauf still vorüberzugehen , nachdem wir leise die Thüre vor jedem ferneren neugierigen Blicke verschlossen , und somit auch dieses Kapitel beendigt haben . Vierundachtzigstes Kapitel . Whist mit dem todten Mann . Vor dem Hause , welches der Baron Brand in dieser Eigenschaft bewohnte , hielt ein schwerer Reisewagen vollständig bepackt und bespannt ; die Laternen waren angezündet , die beiden Postillone standen neben ihren Pferden , und ein Diener in einfacher Reiselivrée hatte den Schlag geöffnet und irgend etwas herausgenommen , welches er einer Kammerfrau einhändigte , die auf dem hohen Hintersitze des Wagens dicht in einen Mantel mit Kaputze eingewickelt saß . Darauf schloß der Bediente den Schlag , zog die Ledermütze in ' s Gesicht und sagte zu dem einen Postillon : » Jetzt wird ' s bald losgehen , es kann keine Viertelstunde mehr dauern . « Nach diesen Worten nahm er zwei Mäntel , die er über den Schlag gelegt hatte , einen großen und einen kleinen , auf den Arm , und stieg die Treppen hinauf . Der Baron befand sich in seinem kleinen Salon , er stand hier neben einem hohen Fauteuil , in welchem die Baronin von W. saß . Obgleich es in dem Zimmer sehr warm war , so saß diese doch zusammengekauert da , als friere sie , und dabei hielt sie den Kopf tief auf die Brust herabgesenkt . Neben ihr stand ein uns wohlbekannter kleiner Knabe , der seine Hände um einen ihrer Arme geschlungen hatte , den Kopf fest an ihre Schulter drückte und zugleich aufwärts schaute in das Gesicht des Herrn von Brand , der zuweilen mit den Fingern durch das dichte , krause Haar des Kindes fuhr , wobei sich ein trauriges Lächeln auf seinen Zügen bemerklich machte . » So wären wir also fertig , « sagte der Baron nach einer Pause . » Du gehst nach Dornhofen , dessen Kauf ich gestern in Richtigkeit brachte . Beil wird mit den nothwendigen Papieren und allem Uebrigen wahrscheinlich schon morgen folgen . Wie ich heute vom Grafen Fohrbach vernahm , von dem Kriegsminister nämlich , ist deine Scheidung von dem General schon so gut wie ausgesprochen ; in ein paar Wochen , meine liebe Schwester , bist du frei . « Bei diesen Worten faßte die schöne Frau nach ihrem Kinde , drückte ihre Lippen auf seine Stirn , dann sprach sie mit leiser Stimme : » Aber , Henry , du bist mir immer noch eine Antwort schuldig . Warum schickst du mich von hier fort ? Oder , wenn du es für besser hältst , daß ich jetzt nicht in der Residenz bleibe , warum gehst du selbst nicht mit ? Steinfeld weiß ja um die traurige Geschichte unseres Hauses , und daß du mein Bruder bist . Ich weiß nicht , Henry , wie mir ist , aber ich meine , ich sollte dich nicht aus den Augen lassen , ja ich spreche es aus , da ich überzeugt bin , daß du nicht abergläubisch bist - es ist mir immer , als drohe dir ein Unglück . Du hast Feinde . « » Aber er hat auch Waffen , « sagte der Knabe , der seinen Kopf aus den Händen der Mutter losgemacht hatte und muthig in die Höhe schaute . » Du hast recht scharfe Waffen , nicht wahr ? Und wenn man die hat , braucht man sich vor keinen Feinden zu fürchten . « » Waffen habe ich allerdings , « erwiderte der Baron dem Kinde , da er es vermeiden zu wollen schien , die Fragen seiner Schwester direkt zu beantworten . » Doch gibt es Feinde , « setzte er hinzu , indem er den Kopf mit einem trüben Lächeln schüttelte , » gegen die man keine Waffen gebrauchen kann . « » Warum nicht ? « fragte der Knabe . Und die Baronin seufzte tief . » Man ist deßhalb doch nicht wehrlos , « fuhr der Baron fort , während er sich hoch aufrichtete . » Weißt du , mein Sohn , wenn die Feinde mit den Waffen in der Hand kommen , so geht man ihnen gerade so entgegen ; fassen sie uns aber mit List , Falschheit und Heuchelei , so stellen wir ihnen das Gleiche entgegen ; und da fragt es sich dann immer noch , wer der Klügste ist ? « » O , du bist der Klügste , « sprach entschieden das Kind und öffnete seine großen Augen weit . » Herr Beil hat es immer gesagt . « Der Baron nickte mit dem Kopfe , doch antwortete er erst nach einem kleinen Stillschweigen , wobei er gedankenvoll vor sich hinblickte : » O ja , ich war zuweilen recht klug , aber dafür auch wieder so unklug , daß oft eine Stunde zerstörte , was ich in langen Tagen vorher mühsam aufgebaut . - Doch da führen wir ein Gespräch , welches meine Behauptung rechtfertigt ; so etwas ist unklug für eine Abschiedsstunde . « » Ja , für eine Abschiedsstunde , « sagte Frau von W. mit leisem Ton . Dann hob sie plötzlich den Kopf in die Höhe , faßte mit ihren beiden Händen die Rechte des Barons und sprach mit einer Stimme , welche das tiefe Weh ihres Herzens verrieth : » Aber ich sehe dich bald wieder , Henry , nicht ? - in den nächsten Tagen , das versprichst du mir ? « » Ich glaube , daß ich dir das versprechen kann , « erwiderte ruhig der Baron , » wenn mich nämlich alle meine Entwürfe und Pläne nicht im Stiche lassen und meine Voraussetzungen nicht trügen . « » Aber bald , Henry . « » Ich denke wohl , meine gute , gute Lucie . Doch es ist acht Uhr , « sagte er beinahe unruhig . » Wenn du noch länger zögerst , wirst du sehr spät ankommen . « » Warum treibst du mich so von dir ? « fragte sie mit weicher Stimme . » O , ich hätte dir noch so viel zu sagen , was mir im Augenblicke gar nicht in den Kopf kommen will ; aber wenn du mir bis morgen Zeit läßt , so wird mir Alles wieder einfallen . « » Zeit bis Morgen ! « versetzte er lächelnd . » Ich kenne das , nein Lucie , für heute muß es geschieden sein . - Für heute , und für morgen , « setzte er mit plötzlich veränderter Stimme hinzu . » O mein Gott ! « Bei diesen Worten beugte er seinen Kopf tief herab und drückte seine Lippen fest und innig auf die weiße Stirne seiner Schwester . - » Ja , meine geliebte Lucie , « sagte er nach einer längeren Pause , » gehe jetzt , denn sonst ist des Abschiednehmens kein Ende . Und doch , da du gehst , ist es mir , als sänke meine Lebenssonne unter und ließe mich in schwarzer Nacht allein . « Frau von W. war rasch aus dem Fauteuil aufgestanden und hatte beide Arme um den Hals ihres Bruders geschlungen . » Henry ! « flehte sie , » laß mich nicht abreisen , laß mich bei dir bleiben ! Warum willst du nicht vor der Welt erklären , daß du mein Bruder bist ? O laß uns zusammen ein friedlich stilles Leben führen ! « » Das ist zu spät ! « entgegnete er nach einer Pause . Doch war der Ton , mit dem er das sagte , so eisig kalt , so schrecklich , und dabei der Blick seiner Augen so wild und starr , daß die arme Frau ihn erschreckt betrachtete . » Nicht dieses Wort , Henry , « bat sie , » nicht diesen Blick ! Du versinkst wieder in deine seltsamen Träumereien . Starre nicht so vor dich hin . Es ist ja Niemand da , der dich und mich bedroht . « » Sagt ' ich nicht , es sei zu spät ? « fuhr er nach einem längeren Stillschweigen empor , und setzte darauf in leichterem Tone hinzu , als er in die bleichen , schreckensvollen Züge seiner Schwester blickte : » Zu spät , sagt ' ich ? Ich wollte sagen : spät genug . Und das ist es auch , meine gute Lucie . - Der Zeiger der Uhr steht auf Acht ; so lebe denn wohl , mein Kind , so lebe wohl , meine Schwester , so lebe wohl , mein Alles , was ich auf dieser Welt habe ! « Nach diesen Worten , die er leidenschaftlich herausgestoßen , machte er sanft ihre Hände von seinem Nacken los , drückte dieselben schweigend an seine Lippen , schaute einen Augenblick mit zusammengebissenen Lippen in die Höhe , und dann beugte er sich schnell zu dem Knaben herab , den er in seine Arme nahm und unzählige Mal auf die frischen Lippen und die leuchtenden Augen küßte . » Adieu , Lucie ! adieu , ihr Lieben ! « - Und als traue er seiner eigenen Stärke nicht , klingelte er heftig mit einer Glocke , die auf einem der Tische stand , und als der Kammerdiener erschien , sagte er : » Den Mantel für die Frau Baronin . « - Der alte Diener verbeugte sich , ging hinaus und ließ die Thüre offen , unter welcher nun der Bediente erschien , den wir vorhin unten am Wagen gesehen . Noch einmal wandte sich die Baronin ihrem Bruder zu und reichte ihm beide Hände , die er an seine Lippen drückte . Noch einmal küßte er den Knaben innig auf die Stirn , dann schritt er der Thüre zu , begleitete die Baronin an die Treppe und kehrte in sein Zimmer zurück . - Da aber wurde sein Schritt so wankend , daß er sich mit der einen Hand fest am Tische halten mußte , während er sich mit der andern über die Augen fuhr . Es überfiel ihn ein Schwindel , doch dauerte er nur ein paar Sekunden , worauf es dem Baron möglich war , an das Fenster zu treten . Er drückte seine brennende Stirn an die kalten Scheiben und blickte auf den Wagen nieder , der soeben von dem Bedienten geschlossen wurde . Die Postillone schwangen sich in die Sättel - er sah noch einmal das Gesicht der Schwester , die aufwärts schaute , ihn suchte , fand und darauf auch das Kind an das Fenster des Wagens hob . Dann zogen die Pferde an und der Wagen rollte davon . - » O haltet ! haltet ! « sagte er droben , der einsam zurückgeblieben . » Ich Thor , sie nicht noch eine halbe Stunde länger gehalten zu haben ! - - Und doch , es ist besser so . Leb wohl - leb wohl auf ewig ! « - - - » Der Augenblick hätte mir eigentlich erspart werden können , « sprach er nach einer Pause halblaut zu sich selber , » wie noch mancher andere , der auch nicht angenehm sein wird , durch eine sicher treffende , mitleidige Kugel , deren so viele an meinem Kopf vorübersausten . Aber wer kann seiner Bestimmung entgehen ? Nun , das Schwerste wäre überstanden ; was jetzt noch kommt , ist Kinderspiel und nicht der Rede werth . « Er machte einen raschen Gang durch das Zimmer und als er sich nach einigen Sekunden im Spiegel beschaute , schien er mit seinem Aussehen zufrieden zu sein . Seine Züge waren wieder gänzlich beruhigt und nachdem er den Bart etwas emporgekräuselt , bemerkte man nichts mehr von dem Sturme , der wenige Minuten vorher noch sein Herz erschüttert . » Herr von Steinfeld ! « sagte der Kammerdiener , der geräuschlos in das Zimmer getreten war . Worauf der Angemeldete eintrat und von dem Baron freundlichst empfangen wurde . » Sie kommen absichtlich ein paar Minuten zu spät , « sagte er , » ich verstehe Sie vollkommen . Aber Sie sahen sie doch noch ? « » O gewiß , « erwiderte der Andere ; » sie reichte mir die Hand zum Schlage heraus . « » Es ist ein gutes Weib , « meinte träumerisch der Baron , » und ich hoffe , sie wird glücklich sein .