fühlend . Draußen vorm Thore , wo man , und zwar nicht zu rasch , unter einer Allee von vollen , schwertragenden hier und da gestützten Äpfelbäumen hinfuhr , kam durch eine zufällige Wendung das Gespräch wieder auf den Thomas a Kempis zurück . Bei der Nennung dieses Namens wurde der schüchterne und Wahrheit liebende Siegbert blutroth ... Dankmar spielte mit seinem leichten Stöckchen und kniff es zuweilen oben am Knaufe zwischen seine blendenden Zähne . Er konnte ganz meisterhaft die Miene der Gleichgültigkeit annehmen ... Louis dachte schon gar nicht mehr an die Art , wie das berühmte Buch von der Nachfolge Christi in Egon ' s Hände gekommen war . Seine Gedanken waren mit der » Brüderschaft vom gemeinsamen Leben « beschäftigt . Egon hatte in der Allee zwischen den würzig duftenden Äpfelbäumen gesagt : Vor einigen Stunden las ich in dem Testamente meiner Mutter - du weißt , lieber Wildungen , daß ich die Mausgeburt des kreisenden Berges , den Thomas a Kempis , meine - und fühle nun recht , daß Das eine Lectüre für Menschen ist , die nur zu Fuß wanderten , selten über ihren Klostergarten hinaus kamen und alle ihre Anschauungen durch die vier Wände ihrer Zelle und den an ihnen aufgehängten Heiland regelten . Wäre ein solcher Bußprediger rasch im Wagen gefahren , hätte er eine Ahnung von der windschnellen Bewegung einer Eisenbahn gehabt , dies trübsinnige Kleben an den mageren und kahlen Bedingungen des Lebens würde ihm nie möglich gewesen sein . Dankmar erinnerte den Prinzen an Das , was er ihm im Plessener Thurm über die Bigotterie der reformirten Erziehung in der französischen Schweiz gesagt hatte . Da wären doch die Gouvernanten , Bonnen , Erzieher , Geistlichen immer unterwegs und durch ganz Europa zerstreut und überall trügen sie doch die eigentümliche Auffassung ihres Le Bon Dieu , wie sie ihn nennen , mit sich herum ... Weil dies Heuchler sind , lieber Dankmar ! sagte Egon . Ein Thomas a Kempis war ehrlich und liebte die Welt nur in dem düstern Nebelkleide , das er über das Schöne , Frische , Lachende zog . Diese Erzieher aber , die mit wenigen Ausnahmen von ihrer Einseitigkeit ein Geschäft machen , verschließen absichtlich ihr Auge jedem Dinge , das Farbe hat , und jedem Dinge , das angenehm tönt , absichtlich ihr Ohr . O welche Heuchler ! Ich erinnere nur an jenen Rafflard , von dem ich dir so oft sprach , Louis ... Rafflard , wiederholten die beiden Brüder . Doch nicht Sylvester Rafflard ? setzte Dankmar hinzu . Sylvester Rafflard ! Ganz recht ! sagte Egon . Der ist hier , fiel Dankmar ein . Hier ? Wieder in Deutschland ? Und in welcher Eigenschaft ? fragte Egon . Er bereist die Gefängnisse , sagte Dankmar und verstand den Wink nicht , den ihm Siegbert zuwarf ... Siegbert war nämlich durch Rudhard davon unterrichtet , daß Rafflard in manche Verwickelung mit Egon ' s früheren und späteren Begegnissen gerathen war . Louis kannte ihn durch Egon als einen Jesuiten und hatte Siegbert schon erzählt , daß er ihn auf seiner Herreise an der Eisenbahn , die vom Rheine abführt , erkannt hätte . Der Name Sylvester fiel ihm nicht weiter auf . Er bereist die Gefängnisse ? fragte Egon erstaunt und lachte über die Unverschämtheit eines Mannes , den er zu gut kannte , um ihn nicht auch in dieser Mission als einen Heuchler zu nehmen . Im Auftrag einer philanthropischen Gesellschaft in Paris , sagte Dankmar , die sich die Verbesserung des Looses der Gefangenen zum gemeinschaftlichen Zwecke gewählt hat . Man rühmt ihn in allen Blättern . Egon lachte und schüttelte ungläubig den Kopf . Glaubt doch Das nicht ! sagte er . Ich kenne diese Gesellschaft , sie ist sehr ehrenwerth ; ich kenne aber auch Rafflard und weiß , daß er von ihr kein Mandat empfing . Er besucht die Gefängnisse , bestätigte Dankmar . Ich bin ihm selbst begegnet , wie er von unserm Criminaldirektor höchst gewissenhaft umhergeführt wurde und sich die sorgfältigsten Notizen machte , vor denen die Beamten zitterten . Das muß ich gestehen ! sagte Egon lachend . Dieser Rafflard ist aus Meudon im Canton Lausanne gebürtig , war erst reformirter Geistlicher , spricht Deutsch und Französisch und übernahm eine Erzieherstelle in unsern östlichen Provinzen , wo er im Hause einer Baronin von Osteggen sich ziemlich lange zu behaupten wußte . Siegbert blickte bei Nennung dieses Namens nieder , weil ihn Dankmar spottend ansah . Von da , fuhr Egon fort , vertrieb ihn mein früherer Erzieher , ein braver Mann , Namens Rudhard , der jetzt entweder an den Ufern des Schwarzen Meeres lebt oder verschollen ist oder todt ... Egon ' s Begleiter wandten sich ab , um zu verbergen , daß sie wohl wußten , wo Rudhard war . Sie würden gern von ihm gesprochen haben , wenn ihnen nicht bekannt gewesen wäre , daß Rudhard wegen der Gräfin d ' Azimont seinem Zögling zürnte und aus Achtung vor der Wäsämskoi ' schen Familie eine Wiederanknüpfung mit ihm nicht , zu eifrig suchte . Von Rudhard , fuhr Egon fort , aus der Nähe der Familie Osteggen vertrieben , kam Rafflard wieder zu meiner Mutter nach Hohenberg . Dort zwar freundlich aufgenommen , fand er die Stellung , die er zu erschleichen suchte , besetzt . Der neue Pfarrer Guido Stromer übte schon einen großen Einfluß auf die Entschließungen meiner Mutter und Rafflard ' s Pläne mislangen . Er kehrte in die Schweiz zurück , benutzte aber von da aus die Bekanntschaft meiner Mutter zu einer sehr lebhaften Correspondenz , deren Endziel die glänzend vorgespiegelte Möglichkeit war , mir am Genfersee eine Erziehung zu geben , die ihres Gleichen suchte . So kam ich in das Institut des Herrn Monnard , bei dem Rafflard Lehrer war , und Rafflard wurde mein Specialerzieher . Während die äußeren Formen der geistigen Appretur , die man mir zu geben trachtete , streng kirchlich blieben , spekulirte Rafflard anders . Er dachte , die reifere Natur eines höher gestellten Adeligen wirft doch wol mit der Zeit diese künstliche Hülle eines orthodoxen Mechanismus ab , und weit besser ist es für deine Zukunft , du wirst der Vertraute , als der Richter deines Zöglings ! ... Er buhlte auf die widerlichste Art um meine Freundschaft , hob mich weit über meinen Bildungsgrad empor , verspottete im vertrauten Umgange Das , was er öffentlich vor den andern Mitschülern gelehrt , gutgeheißen , empfohlen hatte . Anfangs glaubt ' ich armer befangener , an Gewissensskrupeln leidender Knabe , diese Methode des Professors Rafflard , meines Specialerziehers , sollte mich nur prüfen . Ich lächelte über ihn , ich schauderte , ich erschrak . Aber immer sicherer machte er mich und trug mir völlige Freundschaft an , ein Mann von damals wol fast vierzig Jahren einem Knaben von funfzehn oder sechszehn ! Als diese Schändlichkeiten den höchsten Grad erreicht und fast mein sittliches Gefühl untergraben hatten , wurden sie entdeckt . Man fand einen Band des Casanova in meinem Bett und ich gestand , daß ihn Rafflard mir geliehen . Er wurde sogleich aus der Anstalt entfernt und mußte Genf meiden . Von Annecy schrieb er mir einen zärtlichen Brief , worin er mir Vorwürfe machte , daß ich die Pflichten der Freundschaft verletzt hätte . Dieser Brief machte mir großen Kummer , doch wagte ich nicht , ihn zu beantworten . Später schien Rafflard verschollen . Ich hörte , daß er nach Turin gegangen war . Manche behaupteten schon da , er wäre katholisch geworden . Ich verließ Genf , studirte in Bonn , Göttingen und führte ein sehr verkehrtes Leben , bis es mich nach dem schönen Genfersee zurückzog . Ein Vierteljahr mocht ' ich in Genf gelebt haben , als nach einer wol vierjährigen Abwesenheit Rafflard wieder auftauchte . Er behauptete , mit reichen Engländern in Italien als Hauslehrer gereist zu sein , wollte Rom , Neapel und sogar den Berg Athos in Griechenland gesehen haben . Andere behaupteten aber , er hätte in dem Jesuitenstifte zu Turin alle Weihen empfangen und sich einer langen Vorbereitung auf eine künftige Wirksamkeit unterworfen . Sogleich suchte er mich auf und weinte über das Vorangegangene ... Es ist die katzenartigste Natur , die ich je in meinem Leben gekannt habe . Denkt Euch , wie gefährlich ein solcher Mensch ist , wenn er wirklich jenem Bunde dient , woran kaum ein Zweifel ! Er spricht vollkommen drei Sprachen , kann überall wirken , in Deutschland , Frankreich und in Italien . Er kennt alle Länder nach ihren Sitten und geographischen Bedingungen . Die Gründe , warum er aus Monnard ' s Anstalt entfernt war , kannte man nicht . Es lag zu sehr im Interesse eines solchen in allen Ländern bekannten Pensionats , daß über die inneren Vorgänge das größte Geheimniß obwaltete . So konnte Rafflard wagen , in Genf wieder aufzutreten . Der alte Monnard , ein schwacher , pedantischer Mann , war gestorben . Rafflard lebte wie ein reformirter Heiliger , besuchte alle Kirchen und mischte sich in alle religiöse und politische Streitigkeiten des kleinen Freistaates . Doch erregte er überall Mistrauen und stand so wenig sicher , daß er gleich nach einem Streite , in den ich mit ihm an der Mittagstafel des Syndikus Lhardy verwickelt wurde , sich nicht mehr länger zu behaupten wagte . Ich hatte nämlich vor seiner Tartüfferie den größten Abscheu und lehnte alle seine Vertraulichkeiten ab . Als an jener Tafel das Gespräch auf den alten Monnard kam und er die Frechheit hatte , die reine reformirte Gesinnung des Verstorbenen in Zweifel zu ziehen , brach ich mit der Äußerung hervor : Es ist freilich sehr wenig rechtgläubig von dem alten Monnard gewesen , daß er einen Lehrer aus der Anstalt entfernte , der seinen Zöglingen den Casanova zu lesen gab ! Ich hatte viel von dem guten Côte d ' or des Syndikus getrunken , das rothe Traubenblut war mir in den Kopf gestiegen und so entfuhr mir die Äußerung , die plötzlich auf die ganze zweideutige Erscheinung des Professors Rafflard ein erläuterndes Licht warf . Rafflard schoß mir einen Blick wie ein Basilisk zu und verschwand bald . Ich ging , überdrüssig meiner leeren , nichtssagenden und mannichfach gehemmten Existenz , nach Lyon , kam von da nach Paris und habe Rafflard dann im Hause der Gräfin d ' Azimont , seiner früheren Schülerin , wiedergetroffen . Er wurde aber auch von dort entfernt , weil er sich in die Familienangelegenheiten mischte . Nur die alte Gräfin d ' Azimont , eine hochfahrende und den Jesuiten ganz ergebene Dame , behielt ihn für sich und intriguirt mit ihm gemeinschaftlich nach allen nur möglichen Richtungen hin . Wenn er hier ist , sollte es mich gar nicht wundern , daß er den Auftrag hat , mich und die Gräfin d ' Azimont zu beobachten , zu trennen , zu entzweien , sie nach Paris zurückzuführen , mich zu umspioniren , mir in meinen Freunden wehzuthun , mir zu schaden wo er kann . Wenn er vorgibt , die Gefängnisse zu studiren , so ist Das eine Maske für andere Pläne . In Paris hält man ihn für einen Jesuiten und ich kann wohl begreifen , daß dem Orden die Verwickelungen und Wirren im Herzen Europas auf unserer deutschen Erde keineswegs gleichgültig sind ! Als Egon geendet hatte , fuhr der Wagen gerade über den Einschnitt einer Eisenbahn und bog zur Seite ab , einer Gegend zu , die immer anmuthiger und gefälliger wurde . Es war ein Thal , das sich dem in der Ferne blitzenden Strome zu abwärts senkte und an seinen äußersten Grenzen , über den Strom hinaus , wieder von der blauen Erhöhung eines Bergrandes geschlossen wurde . Links und rechts weideten Heerden auf den gemähten Stoppelfeldern und dem noch üppigen , lachenden Grün der Wiesen , die in ein schimmerndes Birkengehölz sich verloren . Dies Vorgehölz ging zuletzt allmälig in eine dunklere Waldung über . Der Charakter der Gegend war einfach , aber außerordentlich belebend und anregend . Louis fühlte über die leichte Art , wie Egon von der d ' Azimont sprach , einen tiefen Schmerz ... Siegbert ergriff diese Erzählung Egon ' s als Mittel , um sich über des Prinzen Charakter klarer zu werden . Auch er kannte die Geschichte Louison ' s und konnte es vor seinem Herzen nicht ganz gerechtfertigt finden , daß Egon etwas leicht über so schwierige und delikate Beziehungen hinwegging ... Dankmar aber haftete an einer andern Gedankenreihe fest , die sich bei ihm durch die einfachen , vor sich hingesprochenen Worte kundgab : Diese Jesuiten ! Ja , die Jesuiten ! wiederholte Egon und zu Armand sich wendend , sagte er : Ja Das sind die rechten Brüder vom gemeinsamen Leben , von denen wir heute sprachen , Louis , und zu denen Thomas a Kempis auch gehörte . Thomas a Kempis ein Jesuit ? sagte Louis verwundert und verrieth nun einmal auch ein wenig stark seine historischen Mängel . Nein , Louis ! antwortete Egon lachend . Ich kenne , da ich in Genf viel mit der Kirchengeschichte geplagt wurde , sehr gründlich manche Dinge , die mir später von geringem Werthe wurden . Thomas a Kempis gehörte zu einer Brüderschaft vom gemeinsamen Leben . Mein guter Louis erklärte ihn darauf frischweg schon für einen Communisten ... Lachen mochten die Brüder nicht , weil sie fürchteten , den wenig unterrichteten , ihnen aber ehrenwerthen Handwerker zu verletzen . Es gab , fuhr Egon fort , im Mittelalter eine Menge von halbgeistlichen , halbweltlichen Genossenschaften , die den Mönchs- und Ritterorden nachgebildet waren . Sie hatten oft so eigenthümliche Formen , daß sie in den Ruf der Ketzerei kamen . Da waren die Beguinen , die Begharden , die Brüder und Schwestern vom freien Geiste , die Apostelbrüder , die Brüder und Schwestern vom gemeinsamen Leben . Sie gehörten Alle der Welt an , vereinigten sich aber zuweilen zu ausschließlich religiösen Übungen . Ihr innerer Zusammenhang war der der gegenseitigen Unterstützung , der Wohlthätigkeit . Manche vereinigten sogar offenbar politische Zwecke mit ihrem nächsten Berufe . Sie unterstützten die öffentliche Sicherheit . Wie es in Deutschland einen Vehmbund gab , der die Gerechtigkeitspflege in bekannter eigner Art förderte , so gab es in Spanien ähnliche Brüderschaften , die dort aus freien Stücken und Fanatismus leider der Inquisition dienten und förmlich deren Handlanger waren . Die Gewerke traten zusammen und schützten sich wechselseitig gegen die Gefahren der Gesellschaft . Die Bauhütten , aus denen der Freimaurerbund entstanden sein soll , hatten kaum einen andern Zweck ; denn gerade die Maurer , Zimmerleute , Steinmetzen reisten damals von Ort zu Ort , um bei den großen Bauten des Mittelalters mitzuwirken , und bedurften einer solchen auf gemeinschaftliche Erkennungszeichen begründeten Erleichterung einer überall leicht aufzuschlagenden Heimat . Dieser Trieb zur Vereinigung ging soweit , daß die Kalandsbrüder fast nur zur Erheiterung und gesteigerten Geselligkeit zusammentraten und auch bei einer so reinweltlichen Bestimmung vom Papste keine Bestätigung mehr fanden . Es ist dies ganze Wesen der Anfang der Freimaurerei und des Jesuitenordens , der beiden größten Genossenschaften , die sich in ähnlicher Art in unserer Zeit erhalten haben . Siegbert bewunderte diese reichen Kenntnisse ... O , sagte Egon , mein Gedächtniß ist mit vielem alten Wust beschwert und ich freue mich , daß man Gelegenheit findet , so etwas manchmal doch an passender Stelle loszuwerden . Louis behauptete , daß die Gütergemeinschaft von den Aposteln selbst wäre gepredigt worden , mußte sich aber gefallen lassen , daß Egon ihm scharf entgegnete . Mein lieber Freund , sagte er , es ist ein Unterschied , wenn eine kleine christliche Gemeinde , die in der großen , unermeßlichen Römerwelt sich bildete , sich entschließt , um ein gleiches Interesse und gegenseitige Unterstützung zu haben , zusammenzutreten und aus einem Topf zu essen , als wenn diese unermeßliche Römerwelt selbst damals ihr Eigenthum hätte zusammenbringen und mit Durchführung der langweiligsten Art zu rechnen und zu leben die Besitzquote des Einzelnen verwalten wollen . Wenn Das Communismus sein soll , daß drei arme Familien sich entschließen , statt auf drei Heerden Feuer zu machen , es nur an einem zu thun , so bin ich sehr für den Communismus . Und in diesem Sinne bin ich überzeugt , hatten die Brüder vom gemeinsamen Leben einen sehr respektablen Mittagstisch und Thomas a Kempis war ein Communist , der es sich sehr gut konnte schmecken lassen . Egon , der immer wieder zu der eigenthümlichen Sicherheit und unvertilgbaren aristokratischen Haltung emporwuchs , die Dankmarn auf der gemeinschaftlichen Reise nach Hohenberg schon aufgefallen war , gab darauf Louis die Hand und bat ihm seinen Spott ab . Ich liebe das Volk und die Arbeit , sagte nach einer Pause der unterrichtete , denkgewandte Fürst . Aber die falschen Lehrer sind , um im biblischen Stile zu bleiben , die wahren Versucher , die ihre Teufelsgestalt ablegen , um uns zuzumuthen , man könnte ganz Jerusalem gewinnen , wenn man niederfällt und sie anbetet oder sich einbildet , Steine könnten in Brot verwandelt werden ... He ! Louis , was grübelst du ? Daß ich morgen anfangen werde zu arbeiten ! sagte dieser ruhig . Und ich werde gleichfalls irgend etwas ergreifen , sagte Egon , um das Recht zu haben , so sprechen zu dürfen . Siegbert kannte die Gedankengänge seines Bruders und ermunterte ihn , sich doch einem so klaren und unterrichteten Kopfe , wie diesem jungen Fürsten Egon gegenüber , der ihnen zu einer immer bedeutenderen Erscheinung heranwuchs , über seine Idee von einer eigenthümlichen Abkürzung unserer Geisteskämpfe auszusprechen . Mein Bruder , sagte er , beneidet sehr oft die Jesuiten um ihre Organisation . Er behauptet , der Jesuitenorden in seiner Form , aber mit einem edlen Inhalte , könnte die Welt erlösen . Egon und Louis horchten auf . Ich meine , sagte Dankmar , daß denn doch aus allen Beispielen , die uns unser Freund Egon da von vergangenen Tagen angeführt hat , ein tiefes und altes Bedürfniß der Menschheit sich ergibt , sich von den zufälligen Bedingungen der Existenz , in der ein Jeder leben muß , zu befreien . Wir sind hineingeschleudert in diese Welt ohne Schutz , ohne Führer . Wir müssen ringen , auf eigene Hand unsern Antheil an , ich will nicht sagen Glück und Lebensfreude , sondern nur an der Möglichkeit zu existiren , zu gewinnen . Wir sind wie hungrige wilde Thiere , fallen ohne Schonung über die Beute her , die wir erreichen können und mäßigen uns nur durch jenes Quantum von Religion , Sittlichkeit , Gewissenhaftigkeit und gemüthlichem Temperamente , das wir entweder schon bei unserer Geburt mitbekommen haben oder in der Luft , in die wir versetzt wurden , gewinnen konnten . Ein Mensch zu sein , ist das große allgemeine Band , das uns umschließt ; aber gewährt uns dieses Menschenthum irgend einen andern Vortheil als den der Race , den der veredelten Potenz des Thieres ? Wo hab ' ich denn Brüder , die stolz sind , in mir sich selber wiederzufinden ? Wo liegt denn irgend eine Bürgschaft , daß wir die großen Zwecke des Lebens auf die einfachste , sicherste , kürzeste und glückliche Weise erreichen ? Da ist es nicht zu verwundern , daß die Menschen zu allen Zeiten gedacht haben , sie müßten sich durch Verabredung und Gesinnung noch in eine zweite moralische Welt einkaufen , die enger , umgrenzter ist als die große sichtbare , aber die Ihrigen auch liebevoller und wärmer hegt und beschützt . Die Religion , das Christenthum vor allen Dingen , sollte einst diese zweite Welt sein , wo wir als Glieder einer unsichtbaren Kirche uns zu lieben haben . Aber die unsichtbare Kirche wurde leider zu früh eine sichtbare und ihr großer Bau wurde wieder die Welt selbst , die Niemanden schützt . Es sonderten sich nun Stiftungen , Klöster , Orden von ihr ab ; Confessionen zerbröckelten diesen riesigen Tempel . Er ist Denen nur noch eine Heimat , die irgendwo einen kleinen von verfallenen Säulenschaften eingefriedigten , mit dunklem Gebüsch überwucherten Seitenhof in ihm finden , wo sie in ihrer Weise Christen sind und im Abendschimmer , von Nachtgevögel erschreckt , zu dem Geist , der in diesen Trümmern lebte , beten . Der Staat ist kein Bund der Menschheit , die Gesellschaft ist grausam und lieblos , die Fürsten behandeln die Völker wie ererbtes Eigenthum , wie ich meinen ererbten Garten behandeln würde , ich säe und ernte auf ihm und lass ' ihn mir wohlgefallen . Das Leben ist eine große Gefahr ! Wie schützt man sich anders vor ihr , als daß man zusammentritt , sich verabredet und durch gemeinschaftliche Kraft die Kraft des Einzelnen stärkt ? Ein jeder Bund dieser Art sollte die Aufgabe haben , einst der Bund der ganzen Menschheit zu werden . Ich sehe keine Möglichkeit , daß die Hebel der Geschichte , die jetzt im Großen und Offenen wirken , das Glück der Erde fördern können . Wohin sollen diese Staatenumwälzungen , diese Intriguen der Parteien , diese Leidenschaften führen ? Nirgends eine Verständigung über das Princip des Streites , nirgends eine freie , freudige Unterordnung des Einzelnen unter das Allgemeine . Ich sehe nicht ab , was uns anders retten kann , als gerade mitten in dieser Epoche der breitesten Verallgemeinerung , wo Alles erkaltet auseinanderfällt , das enge , die behaglichste Lebenswärme ausströmende Isoliren . Das hast du vortrefflich gemacht , Dankmar , sagte Egon , als Dankmar mit seiner begeisterten Rede zu Ende war . Ja , ja , so ist ' s ! Aber da müßte ein neuer Messias kommen ! Ein einzelner Mensch kann in unsern Tagen nicht mehr ein Messias sein , sagte Dankmar . Die Ideen sind es , die jetzt als Erlöser und Propheten auftreten . Die Menschheit selbst muß sich Messias sein . Die Menschheit als Menschheit ist verloren , sie kann nur durch einen Bund wieder sich selbst gerettet werden . Einen Geheimbund ? fragte der Fürst zweifelnd . Durch einen Geheimbund ! sagte Dankmar . In der Form des Jesuitenordens ? rief Egon . Nein , nein ! Ich hasse Alles an den Jesuiten , ihr Inneres und ihr Äußeres . Doch sag ' uns , was du denkst . Louis und Siegbert hörten mit großer Spannung . Dankmar rüstete sich seine ganze Meinung zu sagen . Zwölftes Capitel Die Ritter vom Geiste Ich denke , begann Dankmar , daß man etwas erfinden muß , um den großen Proceß des Zeitalters abzukürzen . Welche verlorenen Worte ! Welche geopferten Anstrengungen ! Alles rennt durcheinander , Alles leidet an der schon unmöglichen nächsten Verständigung ! Die Einzigen , die da wissen , was sie wollen , sind die Jesuiten und die Freimaurer . Jene verfolgen in ruhiger Consequenz , unbekümmert um die jeweiligen Störungen ihres sichren Friedens , das Ziel , die Menschheit in den Fesseln kirchlicher Abhängigkeit zu erhalten . Diese , ihr schnurgerades Widerspiel , sind nicht ganz so friedfertig und still , wie sie sich das Ansehen geben . Wo sie nur können , suchen auch sie ihrem Ziele den Weg zu bahnen und dies Ziel wird wol die Freiheit des Menschen von jeder positiven Bevormundung und die Ausbildung einer reinen Humanität sein . Ohne Zweifel ist diese letztere Aufgabe eine brave , aber viel zu allgemeine . Wenn man immer und immer von der Menschheit spricht , verliert man den Menschen selbst aus dem Auge , und wenn man sagt , die Besserung der Welt finge damit an , daß man sich selbst bessere , so artet eine solche Lehre nothwendig in Trägheit , Sorglosigkeit , Genußsucht aus , die ja bekanntlich auch längst der zerstörende Schwamm an den unsichtbaren Bauten der Freimaurer ist . Nimmer auch werden wir zu einem Ziele gelangen , das wir uns , ich will nur sagen , etwa über die Lage Europas willkürlich ausdenken . Wer kann die Bürgschaft geben , daß diese oder jene Form der staatlichen , kirchlichen , gesellschaftlichen Gestaltung die allgemein genügende und Jeden beglückende sein werde ? Auf eine zukünftige Schöpfung hin kann kein Bund zusammentreten , wohl aber bedarf die Zeit einen Bund für den Geist dieser Schöpfung . Der Geist ist dies allgemeine flimmernde Sonnenlicht , das über unserm Zeitalter unsichrer zittert als jemals über einer Epoche . Das christliche Zeitalter , die mittlere Zeit , die Reformation wußten , wofür die Herzen erglühten . Wir aber gehen in der Irre und benutzen die Waffen des Geistes zu jedem Kampf gegen ihn . Der Kampf der Finsterniß gegen das Licht wird mit Waffen des Geistes geführt . Les ' t nur , was so viele poetische Köpfe für die politische und kirchliche Abhängigkeit des Menschen geschrieben haben ! Die Tobsucht der Massen , die Wuth des Umsturzes wird von Waffen des Geistes unterstützt . Nichts ist jetzt dienender als der Geist , und die Entscheidung soll nur noch von der Materie kommen ! Darüber wird die sittliche Welt zu Grunde gehen ; denn die allgemeine Anarchie , das Chaos der Bildungslosigkeit , die Tyrannei der Bildungsverachtung nenn ' ich den Untergang der Welt . In einer solchen Gefahr für die Scheinwahrheit der katholischen Kirche trat einst Ignatius Loyola auf und predigte den nach innen gewandten Kreuzzug , stiftete einen geistlichen Ritterbund für die innere Mission , machte das Wort , den Glauben zur Waffe ; mancher Jesuit unterstützte seine stumpfen Gründe durch die Schärfe des Dolches . Es war ursprünglich so schlimm mit Gift und Dolch nicht gemeint . Man wollte nur einen Bund des katholischen Geistes gegen die Ketzerei stiften . Wohlan ! So stifte man einen Bund des allgemeinen Menschengeistes gegen den Misbrauch der physischen Gewalt ! Wo seh ' ich nicht die physische Gewalt ? Überall ! Das Recht des Besitzes soll das Recht des Eigenthums sein . Der Eine bewaffnet sich mit stehenden Heeren , der Andre mit der Brandfackel des Aufruhrs . Wo seh ' ich Menschen , die , ich will nicht sagen , wie die Jesuiten sagen , daß sie glauben , nicht , wie die Freimaurer sagen , Menschen , die sich lieben ; nein , wo seh ' ich Menschen , die nur denken ? Es gibt eine kleine Leiter von Begriffen , die so einfach , so tief in der Menschenbrust begründet sind , daß sie die einfachste Intelligenz erklimmen kann . Auf diese Begriffe hin reiche sich die Menschheit die Hand , beschwöre sie und erkläre feierlich , auf diesen Schwur hin , nur noch leben und sterben zu wollen ! Ein solcher Bund des freien Geistes nur funfzig Jahre in Wirksamkeit und die Streitfragen werden vereinfacht , die alten , wie Schlinggewächs wuchernden Unbilden werden von selbst verdorrt und zusammengefallen sein . Egon schwieg nachdenklich . Louis Armand aber und Siegbert waren ergriffen und schenkten diesem Gedanken ihre volle , laute Zustimmung . Nur das Eine erlaubte sich Louis zu bemerken : Werden Sie uns dadurch nicht eine neue Aristokratie stiften ? Die Aristokratie des Geistes , die vielleicht nicht so schlimm wie die der Geburt , aber doch sicher eben so lästig werden kann wie schon die des Geldes ist ? Dankmar lehnte diese Befürchtung ab . Der befreiende , erlösende , verständigende Geist , sagte er , wird niemals der der Gelehrsamkeit sein . Die Brüder des neuen Bundes beschwören gewisse Begriffe , für die sie wirken müssen . Diese Begriffe sind einfach wie das Licht der Sonne . Sie sollen keinen andern Beweis für sich haben , als daß sie erhellen und erwärmen . Sie sollen die Möglichkeit erleichtern , daß gleiche Gesinnungen sich durcheinander stärken . Sie sollen dem großen Kampfe der Zeit den starken unüberwindlichen Phalanx der Übereinstimmung geben . Sie sollen die Fahne aufstecken , unter der sich die Gleichgesinnten rasch und ohne langes Ergründen und furchtsames Ausforschen versammeln . Warum erkennen sich denn überall die Jesuiten ? Warum müssen es die Freimaurer ? Warum sollen sich nicht auch rasch die Männer von gleicher Denkungsart über die wahre Aufgabe unsrer Epoche erkennen ? Ich weiß , daß sich Lüge und Verstellung auch in meinen Bund schleichen wird . Allein unter den Mördern , die Jesuiten gedungen haben , hat der Jesuitenorden bei den gläubig Katholischen selbst nichts gelitten ; unter vielen herumziehenden Lumpen und Bettlern leidet die Maurerei an sich ebenfalls nicht : was können Verräther da thun , wo es sich nicht um verabredete Unternehmungen , verabredete Thaten , sondern lediglich um eine feste , ihre Aufgabe von selbst begreifende Gesinnung handelt ? Ich wäre schon einverstanden , sagte Egon , wenn der Bund , von dem du wirklich sprichst , als wäre er schon gestiftet , nur kein Geheimbund wäre . O wohl , lieber Egon , rief Dankmar in hoher Erregung , wohl , er ist schon gestiftet ; denn alle Welt sehnt sich nach diesem Bunde . Nur die gesinnungslosen Menschen und die Tyrannen haben nicht das Bedürfniß , sich durch die Übereinstimmung mit den Gleichgesinnten zu stärken . Wer in dieser Welt lebt und denkt , wer da fühlt , daß er , um sein Theuerstes zu sichern , nicht der materiellen Mittel allein bedürfen möchte , der steht schon an der Pforte meines neuen Tempels und begehrt Einlaß . Und Geheimes haben wir nichts , wenn wir auch geheim uns halten wollen . Wir werden einen Ritus der Aufnahme haben , uns aber nur auf Wahrheiten verpflichten , die allgemein bekannt sein dürfen . Das Kleinod liegt eine Zeitlang in einem Schrein und wird herausgenommen , offen zur Schau getragen , Allen gezeigt , wenn es Zeit ist . Nachdem es glänzte , geht es in seinen Schrein zurück . Die Natur jedes polemischen Gedankens , der sich durch Gleichgesinnte stärken soll , bedingt die