Hohenfriedberg geschlagen , an welcher Prinz August Wilhelm , der eben noch Zeit zu Geplauder und Feuerwerk gehabt hatte , einen rühmlichen Anteil nahm . Die Beziehungen der drei jüngern Prinzen : August Wilhelm , Heinrich und Ferdinand , zu ihrem älteren Bruder , dem Könige , waren damals noch kaum getrübt . Es ist wahr , sie lebten , zumal wenn sie in Potsdam , also in unmittelbarer Nähe Friedrichs waren , unter einem gewissen Drucke , aber man fand diesen Druck gleichsam in der Ordnung ; er war der älteste , der begabteste und – der König . Dabei ließ er es seinerseits , um strengen Forderungen ein Gegengewicht zu geben , an Huldigungen nicht fehlen und besonders war es der Prinz von Preußen , für den er die zartesten Aufmerksamkeiten hatte . Er widmete ihm sein großes Gedicht . » Die Kriegskunst « , er widmete ihm ferner » die Geschichte seines Hauses « und sprach es in der meisterhaften Einleitung dieses Werkes vor der ganzen Welt und vor der Zukunft aus , warum er diesen seinen Bruder , der ihn einst beerben solle , als Freund und Fürsten besonders liebe . » Die Milde , die Humanität Ihres Charakters ist es , die ich so hoch schätze ; ein Herz , das der Freundschaft offen ist , ist über niedern Ehrgeiz erhaben ; Sie kennen kein anderes Gebot , als das der Gerechtigkeit , und keinen andern Willen , als den Wunsch , die Hochschätzung der Weisen zu verdienen . « So war das Verhältnis zwischen den beiden Brüdern , als die schweren Tage , die dem Unglückstage von Kolin folgten , diesem schönen Einvernehmen plötzlich ein Ziel setzten . Prinz August Wilhelm erhielt bekanntlich den Oberbefehl über diejenigen Truppen , die ihren Rückzug nach der Lausitz nehmen sollten ; Winterfeldt wurde ihm beigegeben . Die Sachen gingen schlecht und bei endlicher Wiederbegegnung der beiden Brüder fand jene furchtbare Szene statt , die Graf Schwerin , der Adjutant Winterfeldts , mit folgenden Worten beschrieben hat : » Ein Parolekreis wurde geschlossen , in dem der Prinz und alle seine Generale standen . Nicht der König trat in den Kreis , sondern Winterfeldt statt seiner . Im Auftrage des Königs mußte er sagen : › Sie hätten alle verdient , daß über ihr Betragen ein Kriegsrat gehalten würde , wo sie dann dem Spruch nicht entgehen könnten , die Köpfe zu verlieren ; indes wolle der König es nicht so weit treiben , weil er im General auch den Bruder nicht vergesse . ‹ Der König stand unweit des Kreises « , so fährt Graf Schwerin fort , » und horchte , ob Winterfeldt sich auch strikte der ihm anbefohlenen Ausdrücke bediene . Winterfeldt tat es , aber mit Schaudern , und er konnte den Eindruck seiner Worte sogleich sehen , denn der Prinz trat augenblicklich aus dem Kreise und ritt , ohne den König zu sprechen , nach Bautzen . « Im Spätherbst desselben Jahres finden wir den Prinzen wieder in Oranienburg , an selbiger Stelle , wo er uns zuerst als liebenswürdiger und aufmerksamer Sohn und geübt in der Kunst sinniger Überraschungen entgegentrat . Aber wir finden ihn jetzt in Einsamkeit und gebrochenen Herzens . Ob er sich in seiner Liebe zum König oder in seiner eigenen Ehre schwerer getroffen fühlte , ist schwer zu sagen . Gleichviel , unheilbare Krankheit hatte sich seiner bemächtigt und er litt an Leib und Seele . Über die letzten Momente seines Lebens ist nichts Bestimmtes aufgezeichnet , doch verdanke ich den Mitteilungen einer Dame , die noch den Hof des Prinzen Heinrich und diesen selbst gekannt hat , allerlei Züge und Andeutungen , aus denen genugsam erhellt , daß der Ausgang so erschütternd wie möglich war . Die Gemütskrankheit hatte schließlich die Form eines nervösen Fiebers angenommen und die Bilder von Personen und Szenen , die seine Seele seit jenem Unglückstage nicht los geworden war , traten jetzt aus seiner Seele heraus , nahmen Gestalt an und stellten sich wie faßbar und leibhaftig an sein Lager . Den Schatten Winterfeldts rief er an , und als sich die Gestalt nicht bannen ließ , sprang er auf , um vor dem Gehaßten und Gefürchteten zu fliehen . Das waren die letzten Momente Prinz August Wilhelms ; er starb im Fieber , am 12. Juni 1758 , im Schlosse zu Oranienburg . Der König war bei der Nachricht von seinem Tode tiefgebeugt ; im Volke hieß es , er sei vor Gram gestorben . 1790 errichtete ihm sein jüngerer Bruder Heinrich den oft beschriebenen Obelisken , gegenüber dem Rheinsberger Schloß , nachdem die sterblichen Überreste des Prinzen schon früher im Rheinsberger Parke beigesetzt worden waren . Dieser Punkt ist in Dunkel gehüllt , weshalb ich hier – damit Eingeweihtere es lichten mögen – die alte Version und meine eignen Aufzeichnungen aus dem Rheinsberger Park zusammenstelle . Prediger Ballhorn in seiner mehrzitierten Geschichte schreibt : » Seine Leiche wurde zuerst in einem Gewölbe der Oranienburger Kirche aufbewahrt , dann aber am 10. Juli von seinem Regimente nach Berlin abgeführt . Prinz Heinrich widmete ihm zu Rheinsberg ein prachtvolles Monument , das zugleich die Urne umschließt , in welcher sein Herz aufbewahrt wird . « Zwei Dinge erscheinen hierin unrichtig : erstlich stand das Regiment des Prinzen von Preußen damals im Felde ( Friedrich der Große schrieb eigens : » der Anblick des prinzlichen Regiments erneuert mir jedesmal den Schmerz um ihn « ) und zweitens befindet sich die Urne nicht eingeschlossen im Monument , sondern steht frei und offen an einer ganz andern Stelle des Parks . Diese Stelle , in unmittelbarer Nähe des » bekannten Theaters im Grünen « gelegen , zeigt unter einer Baumgruppe zwei Marmorarbeiten : eine große Urne auf einem Piedestal und zweitens eine Art Herme , die die trefflich ausgeführte Büste des Prinzen August Wilhelm trägt . Beide Arbeiten stehen sich , in Entfernung von etwa sechs Schritt , einander gegenüber . Das Piedestal der Urne trägt die Inschrift : » Hic cineres Marmor exhibit « , und darunter : » August Gullielm , Princeps Prussiae Natus Erat IX Die Mens . Aug . Ann . 1722 . Obiit Die XII Mens . Jun . Anno 1758 « . Die Inschrift unter der Büste aber lautet : » Hic Venustum Os Viri , veritatis , virtutis , patriae amantissimi « . ( Hier das freundliche Antlitz des Lieblings der Wahrheit , der Tugend , des Vaterlands . ) Die erste dieser Inschriften : » Hic cineres Marmor exhibit « , also : » diese Urne umschließt seine Asche « , schafft die eigentliche Streitfrage . Ruht der Prinz August Wilhelm im Dom zu Berlin , oder ruht er ( laut vorstehender Inschrift ) im Rheinsberger Park ? Vielleicht müßte die Inschrift lauten : » Diese Urne umschließt die Asche seines Herzens « . Dann hätte Pastor Ballhorn in der Hauptsache recht , nur nicht hinsichtlich der Aufstellung der Urne . An jenem Tage , als der Prinz August Wilhelm aus dem Schloßportal getragen wurde und fünfzig Bürger dem Sarge folgten , um ihm bis Havelhausen das Geleit zu geben , an jenem Tage schloß das Leben in Schloß Oranienburg überhaupt . Auf ein Jahrhundert voll Glanz und lachender Farben folgte ein anderes voll Öde und Verwahrlosung . Andere Zeiten kamen ; der Geschmack ging andere Wege – Schloß Oranienburg war vergessen . 1802 wurde der prächtige alte Bau , dessen zahlreiche Deckengemälde allein ein bedeutendes , wenn auch freilich totes Kapital repräsentierten , für zwölftausend Taler mit all und jeglichem Zubehör verkauft und der Käufer nur zur Herausgabe der eingangs erwähnten vier Jaspis- und vier Marmorsäulen ( im Treppenhause ) verpflichtet . Schloß Oranienburg wurde ein Kattunmanufaktur . Wo die Edeldamen auf Taburetts von rotem Damast gesessen und der Vorlesung des alten Pöllnitz gelauscht hatten , während die Königinmutter Goldfäden aus alten Brokaten zog , klapperten jetzt die Webstühle und lärmte der alltägliche Betrieb . Aber noch tristere Tage kamen , Krieg und Feuer , bis endlich in den zwanziger Jahren ein chemisches Laboratorium , eine Schwefelsäurefabrik , hier einzog . Die Schwefeldämpfe ätzten und beizten den letzten Rest alter Herrlichkeit hinweg . Ich entsinne mich der Jahre , wo ich als Kind dieses Weges kam und von Platz und Brücke aus ängstlich nach dem unheimlichen alten Bau herüberblickte , der , grau und verkommen , in Qualm und Rauch dalag , wie ein Gefängnis oder Landarmenhaus , aber nicht wie der Lieblingssitz Friedrichs I. Nun ist das alte Schloß der Kolben und Retorten wieder los und ledig , und frisch und neu , beinahe sonntäglich , blickt es drein . Aber es ist das moderne Allerweltskleid , das es trägt ; die Borten und Kanten sind abgetrennt und der Königsmantel ist ein Bürgerrock geworden . Noch wenige Wochen und das alte Schloß von ehedem wird neue Gäste empfangen . wie Schloß Köpenick ist es bestimmt , als Schullehrerseminar in sein drittes Jahrhundert einzutreten . Sei es . In den neuen Bewohnern wird wenigstens ein Bewußtsein davon zu wecken sein , welcher Stelle sie angehören , und , leise berührt von del Macht und dem Zauber historischer Erinnerungen , werden sie später den Namen und die Geschichte Schloß Oranienburgs in ihre Berufskreise mit hinübernehmen . Unter den Linden des Gasthofes , während der Sommerwind die Tropfen von den Bäumen schüttelte , habe ich dem Leser die Geschichte des alten Schlosses erzählt , die Bilder aufgerollt seines Glanzes und seines Verfalls . Die Frage bleibt noch übrig : Haben die letzten hundert Jahre alles zerstört ? Haben Krieg und Feuer , Retorte und Siedepfanne von dem alten Glanze kein Restchen übriggelassen ? Ist alles hin , bis auf die letzte Spur ? Der Pietät des hohen Herrn , der nun vorm Altar seiner Friedenskirche in Frieden ruht , der Pietät Friedrich Wilhelms IV. , dem es so oft zum Verbrechen angerechnet wurde , daß er das wahren wollte , was des Wahrens wert war , diesem hohen Liebessinne , der auf das Erhalten gerichtet war , haben wir allein es zu danken , daß wir der aufgeworfenen Frage mit einem » Nein « entgegentreten können – es ist nicht alles hin , es existieren noch Spuren , gerettete Überbleibsel aus alter Zeit her , und ihnen gilt zum Schluß unser Besuch . Wir verweilen nicht bei zerstreuten Einzelheiten , die da , wo sie zufällig verlorengingen , auch zufällig aufgelesen und in die Wand oder den Fußboden , als wär ' es ein Relief- oder Mosaikstück , eingelegt wurden – wir gehen an diesen Einzelheiten ohne Aufenthalt vorüber und treten in den nach West und Norden zu gelegenen Hinterflügel ein , wo wir noch einer zusammenhängenden Zimmerreihe aus der Zeit König Friedrichs I. begegnen . Daraus , daß das vorzüglichste dieser Zimmer an den vier Ecken des Plafonds mit ebenso vielen Sternen des Hosenbandordens geschmückt ist , auf dessen Besitz König Friedrich I. einen ganz besonders hohen Wert legte , würde sich mit einiger Bestimmtheit ableiten lassen , wann dieser Teil des Schlosses ausgebaut wurde . Es sind sechs Zimmer , von denen zunächst zwei durch ihre Ausschmückung unser Interesse in Anspruch nehmen . Sie bilden die beiden Grenzpunkte der ganzen Reihe , so daß das eine ( das kleinere ) dem corps de logis , also dem Mittelpunkte des Schlosses zu gelegen ist , während das andere am äußersten Ende des Flügels liegt und den Blick ins Freie auf Fluß und Wiesen hat . Das kleinere Zimmer bildete entweder einen Teil der seinerzeit viel berühmten und von Touristen jener Epoche oft beschriebenen Porzellangalerie , oder war ein Empfangs- und Gesellschaftszimmer , wo die fürstlichen Personen unter Herzuziehung ihres Hofstaats den Tee einzunehmen pflegten . Das Deckengemälde , das ich gleich näher beschreiben werde , scheint mit seinen vielen Porzellangerätschaften für die erstere Annahme zu sprechen ; ein schärferes Eingehen aber macht es beinahe zweifellos , daß es das Teezimmer war . In der Mitte des Deckenbildes erblicken wir nämlich eine starke , blühend aussehende Frauensperson mit roten Rosen im Haar ; in ihrer ganzen Erscheinung einer holländischen Teeschenkerin sehr ähnlich . Mit der linken Hand drückt sie eine blau- und weißgemusterte Teebüchse fest ans Herz , während sie mit der Rechten einen ebenso gemusterten porzellanenen Teetopf einer gleichfalls wohlbeleibten , blonden , hochrot gekleideten Dame entgegenstreckt . Diese , ihrerseits durch die Schlange , die sich um ihren weißen Arm ringelt , als Hygieia charakterisiert , hält der Teeschenkerin einen Spiegel entgegen , als ob sie ihr zurufen wolle : » Erkenne dich selbst und schrick zurück , wenn du dich als Lügnerin , d.h. deinen Tee als schlecht und unecht erkennst . « Die Malerei ist vortrefflich , man erkennt durchaus die gute holländische Schule , und viele unserer Maler werden von Glück sagen können , wenn ihre Deckengemälde sich nach 150 Jahren und länger in ähnlich guter Weise präsentieren . Auch die diesen Bildern zugrunde liegenden Ideen , denen es an Humor und Selbstpersiflage nicht fehlt , sind leichter zu verspotten als besser zu machen . Es sind doch immerhin Ideen , mit denen total gebrochen zu haben , wir häufig zur Unzeit stolz sind . Das am entgegengesetzten Ende liegende Zimmer ist aller Wahrscheinlichkeit nach das ehemalige Wohn- und Lieblingszimmer Friedrichs I. , dasselbe , in das , wie ich S. 143 beschrieben habe , am 15. April 1745 die Königin Sophie Dorothea eintrat und am Abend durch das prächtige Feuerwerk überrascht wurde , das wie eine Flammenlaube mitten aus dem Dunkel des Parks emporwuchs . Dies Zimmer , das nach drei Seiten hin Balkone hat , von denen aus man nach Gefallen den Park , das offene Feld oder den Hofraum überblickt , ist sehr geräumig , dreißig Fuß im Quadrat , und mit acht marmorierten Säulen derart umstellt , daß sie , an den vier Wänden entlang , einen deutlich markierten Gang oder Rahmen bilden , der nun das kleiner gewordene Viereck des Saales umspannt . Der Zweck dieser Einrichtung ist schwer abzusehen . Vielleicht diente das Zimmer auch als Tanzsaal und die Tänzer und Tänzerinnen hatten den inneren Raum für sich , während die plaudernden oder sich ausruhenden Paare wohlgeborgen unter dem Säulengange standen . Das Wichtigste ist auch hier das Deckengemälde . Ich schicke zunächst die bloße Beschreibung vorauf . In der Mitte des Bildes befindet sich eine weiße , hochbusige Schönheit mit pechschwarzem Haar , welches von Perlenschnüren durchzogen ist ; in der Linken hält sie eine Art Zauberlaterne , in der Rechten einen kleinen Ölkrug . Allerhand pausbackige Genien halten Tafelgerät und Kannen empor , andere entschweben mit leeren Schüsseln , noch andre kommen mit Teegeschirr herbei und gießen den Tee in kleine Schälchen . Diese Szenen füllen zwei Drittel des Bildes . Links in der Ecke hält Apoll mit seinen Sonnenrossen , vor ihm her schwebt bereits Aurora , das Haupt des Sonnengottes selbst strahlt aber nicht , sondern ist noch von einer dunklen Scheibe umhüllt . Es ist nun allerdings fraglich , ob das Schwinden des Tages und das volle Platzgreifen von Abend und Nacht , oder umgekehrt , das Schwinden der bis dahin herrschenden Nacht vor dem hereinbrechenden Tage angedeutet sein soll . Das letztere ist aber das wahrscheinlichere . Neben diesem Staatszimmer , demselben , das den Stern des Hosenbandordens in seinen vier Ecken zeigt , befindet sich ein sehr kleines Gemach , nicht viel größer als ein altmodisches Himmelbett . Dies ist das Sterbezimmer des Prinzen August Wilhelm . Die Wände sind schmucklos , ebenso die Decke , nur an der Hohlkante zwischen beiden zieht sich eine schmale Borte von schwarzem Holz entlang . Sie ist wie ein Trauerrand , der dieses Zimmer einfaßt , und mahnt deutlich an die letzten , in Dunkel gehüllten Stunden eines liebenswürdigen und unglücklichen Prinzen . Aus diesem engen Raume , der so trübe Bilder weckt , treten wir , da die übrigen Zimmer unserer Betrachtung nichts mehr bieten , wieder in den Korridor und über den noch immer imposanten Vorflur endlich ins Freie hinaus . Der Ball der untergehenden Sonne hängt am Horizont , leise Schleier liegen über dem Park , und die Abendkühle weht von Fluß und Wiesen her zu uns herüber . Wir sitzen wieder auf der Treppe des Gasthofs und blicken durch die Umrahmung der Bäume in das Bild abendlichen Friedens hinein . Musikanten ziehen eben am Hause vorüber , auf die Havelbrücke zu und in die Vorstadt hinein ; hinter den Musikanten allerlei Volk . Was ist es ? » Das Theater fängt an ; die Stadtkapelle macht sich auf den Weg , um mit dabei zu sein « . Und wir lesen erst jetzt den Theaterzettel , der , in gleicher Höhe mit uns , an einen der Baumstämme geklebt ist . » Das Testament des Großen Kurfürsten , Schauspiel in fünf Aufzügen « . Wir lieben das Stück , aber wir kennen es , und während die Sonne hinter Schloß und Park versinkt , ziehen wir es vor , in Bilder und Träume gewiegt , auf » Schloß Oranienburg « zu blicken , eine jener wirklichen Schaubühnen , auf der die Gestalten jenes Stücks mit ihrem Haß und ihrer Liebe heimisch waren . Tegel Tegel Die Hoffnung – Sie wird mit dem Greis nicht begraben . Havelabwärts von Oranienburg , schon in Nähe Spandaus , liegt das Dorf Tegel , gleich bevorzugt durch seine reizende Lage , wie durch seine historischen Erinnerungen . Jeder kennt es als das Besitztum der Familie Humboldt . Das berühmte Brüderpaar , das diesem Fleckchen märkischen Sandes auf Jahrhunderte hin eine Bedeutung leihen und es zur Pilgerstätte für Tausende machen sollte , ruht dort gemeinschaftlich zu Füßen einer granitenen Säule , von deren Höhe die Gestalt der » Hoffnung « auf die beiden herniederblickt . Wer seinen Füßen einigermaßen vertrauen kann , tut gut , Berlin als Ausgangspunkt genommen , die ganze Tour zu Fuß zu machen . Die erste Hälfte führt durch die volkreichste und vielleicht interessanteste der Berliner Vorstädte , durch die sogenannte Oranienburger Vorstadt , die sich , weite Strecken Landes bedeckend , aus Bahnhöfen und Kasernen , aus Kirchhöfen und Eisengießereien zusammensetzt . Diese vier heterogenen Elemente drücken dem ganzen Stadtteil ihren Stempel auf ; das Privathaus ist eigentlich nur insoweit gelitten , als es jenen vier Machthabern dient . Leichenzüge und Bataillone mit Sang und Klang folgen sich in raschem Wechsel oder begegnen einander ; dazwischen gellt der Pfiff der Lokomotive und über den Schloten und Schornsteinen weht die bekannte schwarze Fahne . Hier befinden sich , neben der Königlichen Eisengießerei , die großen Etablissements von Egels und Borsig , und während dem Vorübergehenden die endlose Menge der zugehörigen Bauten imponiert , verweilt er mit Staunen und Freude zugleich bei dem feinen Geschmack , bei dem Sinn für das Schöne , der es nicht verschmäht hat , hier in den Dienst des Nützlichen zu treten . So zieht sich die Oranienburger Vorstadt bis zur Pankebrücke ; jenseits derselben aber ändert sie Namen und Charakter . Der sogenannte » Wedding « beginnt und an die Stelle der Fülle , des Reichtums , des Unternehmungsgeistes treten die Bilder jener prosaischen Dürftigkeit , wie sie dem märkischen Sande ursprünglich eigen sind . Kunst , Wissenschaft , Bildung haben in diesem armen Lande einen schwereren Kampf gegen die widerstrebende Natur zu führen gehabt , als vielleicht irgendwo anders , und in gesteigerter Dankbarkeit gedenkt man jener Reihenfolge organisatorischer Fürsten , die seit anderthalb Jahrhunderten Land und Leute umgeschaffen , den Sumpf und den Sand in ein Fruchtland verwandelt und die Roheit und den Ungeschmack zu Sitte und Bildung herangezogen haben . Aber die alten , ursprünglichen Elemente leben noch überall , grenzen noch an die Neuzeit oder drängen sich in die Schöpfungen derselben ein , und wenige Punkte möchten sich hierlands finden , die so völlig dazu geeignet wären , den Unterschied zwischen dem Sonst und Jetzt , zwischen dem Ursprünglichen und dem Gewordenen zu zeigen , als die Stadtteile diesseits und jenseits des Pankeflüßchens , das wir soeben überschritten haben . Die Oranienburger Vorstadt in ihrer jetzigen Gestalt ist das Kind einer neuen Zeit und eines neuen Geistes ; der » Wedding « aber , der nun vor und neben uns liegt , ist noch im Einklang mit dem alten nationalen Bedürfnis , mit den bescheideneren Anforderungen einer früheren Epoche gebaut . Was auf fast eine halbe Meile hin diesen ganzen Stadtteil charakterisiert , das ist die völlige Abwesenheit alles dessen , was wohltut , was gefällt . In erschreckender Weise fehlt der Sinn für das Malerische . Die Häuser sind meist in gutem Stand ; nirgends die Zeichen schlechter Wirtschaft oder des Verfalls ; die Dachziegel weisen keine Lücke auf und keine angeklebten Streifen Papier verkürzen dem Glaser sein Recht und seinen Verdienst ; das Holzgitter , das das Haupt- und Nebengebäude umzieht , ist wohl erhalten und der junge Baum , der in der Nähe der Haustür steht , hat seinen Pfosten , daran er sich lehnt , und seinen Bast , der ihn hält . Überall ein Geist mäßiger Ordnung , mäßiger Sauberkeit , überall das Bestreben , sich nach der Decke zu strecken und durch Fleiß und Sparsamkeit sich weiterzubringen , aber nirgends das Bedürfnis , das Schöne , das erhebt und erfreut , in etwas anderem zu suchen , als in der Neuheit eines Anstrichs , oder in der Geradlinigkeit eines Zauns . Man will keine Schwalbe am Sims – sie bringen Ungeziefer ; man will keinen Efeu am Haus – er schädigt das Mauerwerk ; man will keine Zierbäume in Hof und Garten – sie machen feucht und halten das Licht ab ; man will nicht Laube , nicht Veranda – was sollte man damit ? Nützlichkeit und Nüchternheit herrschen souverän und nehmen der Erscheinung des Lebens allen Reiz und alle Farbe . Grün und gelb und rot wechseln die Häuser und liegen doch da wie eingetaucht in ein allgemeines , trostloses Grau . Den kläglichsten Anblick aber gewähren die sogenannten Vergnügungsörter . Man erschrickt bei dem Gedanken , daß es möglich sein soll , an solchen Plätzen das Herz zu erlaben und zu neuer Wochenarbeit zu stärken . Wie Ironie tragen einige die Inschrift : » Zum freundlichen Wirt « . Man glaubt solcher Inschrift nicht . Wer könnte freundlich sein in solcher Behausung und Umgebung ? An der Eingangstür hängen zwei Wirtshausschildereien , bekannte Genrebildszenen , die mehr an die Götzen und Kunstzustände der Sandwichsinseln , als an die Nachbarschaft Berlins erinnern , und als einziger Anklang an Spiel und Heiterkeit zieht sich am Holzgitter des Hauses eine Kegelbahn entlang , deren kümmerliches und ausgebleichtes Lattenwerk dasteht wie das Skelett eines Vergnügens . Auf halbem Wege nach Tegel sind wir endlich bis an die letzten Ausläufer der Stadt gelangt , und eine Kiefernheide beginnt , die uns , ziemlich ununterbrochen , bis an den Ort unserer Bestimmung führt . Noch ein weiter freier Platz , der nach links hin einen Blick auf den See und das Dörfchen Tegel gestattet , dann eine Wassermühle , hübsch , wie alle Wassermühlen , und eine Ahorn- und Ulmenallee liegt südlich vor uns , an deren entgegengesetztem Ende wir bereits die hellen Wände von Schloß Tegel schimmern sehen . Schloß Tegel , ursprünglich ein Jagdschloß des Großen Kurfürsten , kam , wenige Jahre nach dem Hubertusburger Frieden , in Besitz der Familie Humboldt . Alexander Georg von Humboldt , einem adeligen pommerschen Geschlechte angehörig , das im Fürstentum Cammin und im Neustettiner Kreise seine Besitzungen hatte , brachte es im Jahre 1765 durch Kauf an sich . 21 1767 wurde Wilhelm , 1769 Alexander von Humboldt geboren , aber nicht in Tegel , sondern in Berlin , wo der Vater aller Wahrscheinlichkeit nach in Garnison stand . Nach dem Tode der Eltern wurde Schloß und Rittergut Tegel gemeinschaftliches Eigentum der beiden Brüder und blieb es , bis es im Jahre 1802 in den alleinigen Besitz Wilhelms von Humboldt , der damals Gesandter in Rom war , überging . Alexander von Humboldt hat sich immer nur besuchsweise in Schloß Tegel aufgehalten , und die historische Bedeutung des Ortes wurzelt überwiegend in der vieljährigen Anwesenheit Wilhelms von Humboldt daselbst , der die letzten fünfzehn Jahre seines Lebens ( von 1820 bis 1835 ) , zurückgezogen von Hof und Politik , aber in immer wachsender Vertrautheit mit der Muse und den Wissenschaften , auf dieser seiner Besitzung zubrachte . Die Kunstschätze , die Schloß Tegel bis diesen Augenblick umschließt , gehören , wie ich bei Aufzählung derselben noch weiter hervorheben werde , nicht unwesentlichen Teils in das Gebiet des Familienporträts . Wilhelm von Humboldt selbst , seine Gemahlin , seine drei Töchter ( jüngerer , in Rom verstorbener Kinder zu geschweigen ) haben alle , sei es in Stein oder Farbe , eine so mannigfache Darstellung gefunden , daß es nötig sein wird , behufs besserer Orientierung , dem Leser einen kurzen Überblick über die Familienverhältnisse Wilhelms von Humboldts zu geben . Wilhelm von Humboldt war mit Karoline Friederike von Dacheröden ( geboren am 23. Februar 1766 , gestorben am 26. März 1829 ) vermählt . Aus dieser Ehe wurden ihm , mit Ausschluß der früh verstorbenen Kinder , drei Töchter und zwei Söhne geboren . Die beiden Söhne erhielten die großen oberschlesischen Güter , die Töchter Tegel . Die älteste Tochter , Karoline von Humboldt , blieb unverheiratet und überlebte ihren Vater um kaum zwei Jahre . Die zweite Tochter , Adelheid von Humboldt , war mit dem Generalleutnant von Hedemann vermählt und besaß Schloß Tegel als väterliches Erbteil von 1835 bis zu ihrem Tode 1856 . Nach ihrem Tode ( sie starb kinderlos ) ging Tegel nunmehr auf die dritte Schwester , Gabriele von Humboldt , Witwe des ehemaligen Gesandten in London und Staatsministers von Bülow , über . Das schöne Gut wird aber nicht im Besitz ihrer Deszendenz verbleiben , sondern fällt nach dem Ableben der Frau von Bülow , an die ältere männliche Linie , will sagen an den Besitzer der schlesischen Herrschaft Ottmachau zurück . Wir haben inzwischen die Ahorn- und Ulmenallee durchschritten und stehen nunmehr , rechts einbiegend , unmittelbar vor dem alten Schloß . Die räumlichen Verhältnisse sind so klein und die hellgelben Wände , zumal an der Frontseite , von solcher Schmucklosigkeit , daß man dem Volksmunde recht geben muß , der sich weigert , von » Schloß Tegel « zu sprechen und diesen Diminutivbau beharrlich » das Schlößchen « nennt . Man erkennt deutlich noch die bescheidenen Umrisse des alten Jagdschlosses , dessen einzig charakteristischer Zug , neben einem größeren Seitenturm , in zwei erkerartig vorspringenden Türmchen oder Ausbuchtungen bestand . Diese Erkertürmchen sind dem Neubau , der 1822 unter Schinkels Leitung begonnen wurde , verblieben , während der große Seitenturm das hübsche Motiv zur Restaurierung des Ganzen abgegeben hat . An den vier Ecken des alten Hauses erheben sich jetzt vier Türme von mäßiger Höhe , die derart eingefügt und untereinander verbunden sind , daß sie im Innern nach allen Seiten hin die Zimmerreihen erweitern , während sie nach außen hin dem Ganzen zu einer Stattlichkeit verhelfen , die es bis dahin nicht besaß . Wir treten nun ein und befinden uns auf dem niedrigen , aber ziemlich geräumigen Hausflur , der ganz im Charakter eines Atriums gehalten ist . Kurze dorische Säulen tragen Decke und Gebälk , eine einfach gemusterte Steinmosaik füllt den Fußboden und Basreliefs aller Art und Größe schmücken zu beiden Seiten die Wand . Ziemlich in der Mitte des Atriums erhebt sich , auf einem Sockel oder Fußgestell , die eigentliche Sehenswürdigkeit desselben : eine antike , mit bacchischen Reliefs verzierte Brunnenmündung , die sich vormals in der Kirche St. Calisto in Trastevere zu Rom befand . Der Sage nach soll der heilige Calixtus in dieser marmornen Brunnenmündung ertränkt worden sein , weshalb das Wasser , das aus derselben geschöpft wurde , lange Zeit für wundertätig galt . Wilhelm von Humboldt , während seines langjährigen Aufenthalts in Rom , brachte dieses interessante Kuriosum käuflich an sich und schmückte dasselbe mit folgender lateinischer Inschrift : » Puteal , sacra bacchia exhibens , idem illud , in quo , ad martyrium patiendum , circa A. C. C. XXIII , S. Calistus immersus traditur , ex ejusdem S. Calisti aede Romana Transtiberina emptionis jure huc devectum . ( Also etwa : Diese Brunnenmündung , einen Bacchuszug auf ihrer Außenseite darstellend , ist dieselbe , in welcher , einer Sage nach , der heilige Calixtus ertränkt wurde und das Martyrium erduldete , etwa 223 nach Christus . In der Kirche des heiligen Calixtus zu Trastevere bei Rom käuflich erstanden , wurde sie , die Brunnenmündung , hierher gebracht . ) Zu beiden Seiten des Atriums befinden sich verschiedene Räumlichkeiten , die alle ohne Bedeutung sind , mit Ausnahme des nach rechts hin gelegenen Studierzimmers Wilhelms von Humboldt . Vieles darin erinnert noch an seinen ehemaligen Bewohner , der hier die reifsten seiner Arbeiten überdachte und niederschrieb . Hier entstanden , seiner Familie selbst ein Geheimnis und nach seinem Tode erst aufgefunden , jene Sonette , die Alexander von Humboldt gewiß mit Recht » die Selbstbiographie , die Charakteristik des teuren Bruders « genannt hat . Hier traten in mitternächtiger Stunde jene stillen Klagen und Bekenntnisse ans Licht , zu deren sorglicher Konzipierung und Gestaltung ihm die Arbeit des Tages keine Muße gegönnt hätte ; hier schrieb er in Dankbarkeit gegen die Stille und Verschwiegenheit der Nacht : Das Leben ist an Möglichkeit gebunden , Und ihre Grenzen sind oft eng gezogen ; Der Freude Maß wird spärlich zugewogen , Des Leidens Knäuel langsam abgewunden . Allein der Mitternacht geheime Stunden Sind günstiger dem Sterblichen gewogen ; Wer um des Tages Glück sich fühlt betrogen , Der heilt im süßen Traum des Wachens Wunden ; stille , durch poetische Innigkeit ausgezeichnete Bekenntnisse , an denen sich glücklicherweise die bescheidene Hoffnung des Dichters : Vielleicht geschieht ' s , daß freundliches Gefallen Vom