habe sie krank gemacht . Nun aber sei er ja da , nun also werde sie genesen . Renatus konnte den Spott in den Worten seiner Stiefmutter nicht überhören , indeß er mochte sich nicht gleich in dieser Stunde mit den kleinen Mißhelligkeiten und Eifersüchteleien befassen , deren Aeußerungen er in jedem Briefe gefunden , welchen er von Hause erhalten hatte , und schnell die Treppe und den langen Korridor hinaufgehend , folgte er dem Diener , der ihn bei der Gräfin ansagen sollte , während er selbst in seine Zimmer zu gehen und sich nach der langen Fahrt umzukleiden wünschte , ehe er vor seiner Braut erschien . Er hatte jedoch den Korridor noch nicht verlassen , als eine in Bewegung bebende Stimme die Worte ausrief : Wo ist er ? Ach , wo ist er ? Und da er , diese Stimme erkennend , sich umwendete , eilte Hildegard mit ausgebreiteten Armen , den Kopf wie in einer Verzückung erhoben , auf ihn zu und drückte ihn stumm und sprachlos , als wolle sie ihn nicht mehr lassen , an ihr Herz . Die Mutter , die Schwester waren ihr auf dem Fuße gefolgt , der Diener stand dabei , das Kammermädchen , welches den Frauen einige Kleidungsstücke zuzutragen hatte , kam ebenfalls den Gang herauf , und wenn diese Begegnung in dem kalten Vorsaale , im Beisein einer ihm fremden Dienerschaft , schon nicht nach dem Wunsche des jungen Freiherrn war , so lag in dem Wesen , in dem Tone , ja , selbst in der gewaltsamen Innigkeit , mit welcher seine Braut ihn umarmte , etwas , das , statt ihn zu erwärmen , ihn erkältete , weil es ihn unwillkürlich von sich selber abzog und ihn zum Beobachten nöthigte , wo er sich einer einfacheren Ausdrucksweise der Empfindung arglos und willig hingegeben haben würde . Fasse Dich , liebe Hildegard , fasse Dich ! mußte er sie zu wiederholten Malen ermahnen ; aber sie schüttelte stumm und immer noch sprachlos das Haupt , und Renatus war endlich genöthigt , sie mit sanfter Gewalt von seinem Herzen aufzuheben , um die Mutter , um Cäcilie begrüßen und Hildegard in das Zimmer geleiten zu können , wohin die Andern ihnen folgten . Die Gräfin hatte sich , weil sie in dem fremden Hause so wenig als möglich an dem Bestehenden zu ändern gewünscht , als sie nach Richten gezogen war , in dem sogenannten Fremdenflügel niedergelassen , der einst von der Herzogin bewohnt worden war . Hieher hatte sie ihre Möbel bringen lassen und sich , so weit dies möglich war , ganz so eingerichtet , wie in den Räumen , die sie in der Stadt zuletzt inne gehabt hatte . Hier wie dort hingen die weißen , schlichten Vorhänge in langen , regelrechten Falten an den Fenstern hernieder . Das kleine , alte Klavier , das schlichte Sopha , die Bilder der Königin und des Prinzen Louis Ferdinand , es stand und hing hier Alles so wie dort ; auch die strenge Ordnungsliebe , die glänzende Sauberkeit herrschten hier wie dort . Renatus kannte Alles wieder , Alles ; selbst den Myrtenstock am Fenster in dem alterthümlichen , gemalten Topfe , und doch war es ihm so fremd , doch ängstigte es ihn - so wie Hildegard ' s stumme Liebe , wie ihr Blick ihn ängstigte , der sich gar nicht von ihm wendete , wie ihre langen Händedrücke ihn beängstigten . Was war denn mit seiner Braut geschehen ? Die Mutter fand er , wie er sie verlassen hatte . Sie war immer noch die edle , stattliche Frau mit den breiten Wangenflächen , mit dem sanften Lächeln und dem guten , mütterlichen Ausdrucke . Cäcilie war noch gewachsen , war voll , stark und hübsch geworden , weit hübscher noch , als ihre erste Jugend es hatte erwarten lassen ; nur Hildegard hatte sich in einer Weise verändert , daß es Renatus schwer fiel , ihr zu verbergen , wie ihn dies überrasche . In ihrem dunkeln , engen Morgenrocke , mit der fest anliegenden , kleinen weißen Haube über dem glatt gescheitelten Haare sah sie ihm wie eine Nonne , wie eine barmherzige Schwester aus , und ihr Behaben ließ ihn vollends an ihr irre werden . Er kam nicht über die Frage hinaus : Was stellt das vor ? was soll das bedeuten ? Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren , daß er verurtheilt sei , in einer Komödie eine ihm aufgedrungene und nicht natürliche Rolle zu spielen . Er mißfiel sich in derselben , er fand sich lächerlich in ihr ; aber Hildegard mißfiel ihm noch weit mehr . Er war froh , wenn die Mutter , wenn Cäcilie mit ihm sprachen , er konnte es endlich gradezu nicht mehr ertragen , sich von seiner Braut mit dieser schwermuthsvollen Liebe ansehen zu lassen , und von einer plötzlichen Ungeduld ergriffen , fragte er sie , ob sie krank sei . Krank ? O nein , glücklich bin ich , unaussprechlich glücklich , entgegnete sie ihm , so glücklich , daß ich ' s noch nicht fassen , noch nicht glauben kann ! Aber diese Antwort machte das Uebel ärger , und lachend , um seine wahre Empfindung zu verbergen , sagte er : So will ich mich umkleiden gehen , damit Du Zeit gewinnst , Dich zu beruhigen ! - Und den Anderen freundlich zunickend , verließ er sie . In seinem Zimmer angelangt , warf er seine Kleider von sich und ging mit heftigen Schritten in dem großen Raume auf und nieder . Das Herz war ihm still in der Brust , zum Erschrecken still , und seine Gedanken wirbelten mit einer Schnelle durch seinen Kopf , daß er ihnen kaum zu folgen vermochte . Es war unmöglich , er konnte sein Wort nicht halten . Dieses Mädchen konnte er nicht heirathen . Daß er Hildegard nicht liebe , das hatte er lange , das hatte er eigentlich schon am Tage nach seiner Verlobung gewußt ; dennoch hatte er es für möglich gehalten , sich mit ihr zu verbinden , um seinem Versprechen nachzukommen , und er hatte gemeint , auch ohne die eigentliche Liebe glücklich an ihrer Seite leben zu können . Sie war immer schwärmerisch , immer überspannt , immer von einer großen Empfindsamkeit gewesen . Aber die Schwärmerei , welche ihr vor Jahren einen eigenthümlichen Reiz verliehen , die Empfindsamkeit , die ihn bei dem Abschiede mit sich fortgerissen hatte , kleideten sie jetzt nicht mehr . Sie sah so verblüht aus . Bittoria hatte Recht , man sah es , daß sie beständig kränkelte , daß sie beständig den Schnupfen haben mußte ; und dazu diese Gefühlskomödie , dieses Zurschautragen der Empfindung ! Wie schön , wie frei war Vittoria , die man mitten aus dem Schlafe erweckt und die von seiner Ankunft eben so wenig eine Kenntniß gehabt hatte , in ihrer Freude gewesen ! Wie herzlich hatte ihn die Mutter , mit wie fröhlicher Zärtlichkeit hatte Cäcilie ihn empfangen ! Er brauchte nicht an Eleonore , an dieses herrlichste der Weiber zu denken , um sich zu sagen , daß Hildegard nicht für ihn passe , daß er zu jung , zu lebensvoll und , der flüchtigste Blick in seinen Spiegel rief es ihm zu , ein zu schöner Mann sei , um ein Mädchen wie Hildegard an den Altar und in sein Haus zu führen . Es war unmöglich ! Aber was sollte er thun ? Sollte er es ihr gleich jetzt , gleich heute sagen , daß er sie nicht liebe ? Sollte er warten und die Zeit walten lassen ? War es denkbar , daß sie ihm bei längerem Beisammensein weniger mißfiel ? Durfte er darauf rechnen , daß sie vielleicht selber einsehen lernen würde , wie wenig sie und er zusammen paßten ? Sollte er ihr schreiben - mit der Mutter sprechen ? Sollte er abreisen ? - Damit war freilich nichts gewonnen ! - Und doch hätte er es am liebsten thun mögen , hätte er nicht nach dem Seinigen sehen müssen und wäre Vittoria nicht dagewesen , die er liebte , die wiederzufinden er so glücklich gewesen war . Der Diener hatte des Freiherrn Kleider noch nicht ausgepackt , als dieser etwas die Treppe hinaufstürmen hörte , und im nächsten Augenblicke warf sich ein Knabe mit dem Ausrufe : Mein Bruder , willkommen , mein lieber Bruder ! ihm in die Arme . Ein blühenderes , ein schöneres Geschöpf war kaum zu denken . Weit größer , als seine Jahre es erwarten ließen , das braune Gesicht von einer Fülle schwarzen Haares umlockt , die schönen Lippen vom Lachen umspielt , die großen Augen vor Freude funkelnd , und leicht und kräftig in jeder Regung und Bewegung , entzückte Valerio den jungen Freiherrn durch sein bloßes Erscheinen ; und jene Liebe für die Kindheit , welche die Frauen meist als ein ihnen besonders eigenes und angeborenes Gefühl bezeichnen , während die Männer sie oft in ganz gleichem , wenn nicht in einem höheren und edleren Grade besitzen , bemächtigte sich urplötzlich seines Herzens . Er konnte nicht satt werden , den schlanken Knaben anzusehen . Er hörte es mit unsäglichem Vergnügen , wie Valerio ihn immerfort seinen Bruder , seinen geliebten Bruder nannte , wie er sich freute , daß der Bruder nun wieder da sei , wie er den Bruder bewunderte , der alle die Schlachten gefochten hatte . Nie zuvor waren die Worte » mein Bruder « zärtlicher an des Freiherrn Ohr gedrungen , es hatte Niemand mit so voller , kindlich vertrauender Liebe zu ihm emporgesehen . Und diese Zuversicht , diese vertrauende Bruderliebe des schönen Knaben , den er hatte geboren werden sehen , den er auf seinen Armen getragen hatte , sollte er Lügen strafen , sollte er jemals wieder entbehren müssen ? Nimmermehr ! - Vittoria war der Stern seiner Jugend gewesen , ihre Liebe und Freundschaft hatten seine bis dahin einsame und freudlose Kindheit in Glück verwandelt . Jetzt konnte er es ihr vergelten , es ihr in ihrem Sohne mit Genuß vergelten , und er gelobte sich , es zu thun . Nur mit Widerstreben , nur , um ihn nicht in fremder Hand zu lassen , hatte er den Brief , der gegen Vittoria Zeugniß gab , von dem Grafen Gerhard angenommen . Renatus hatte nicht daran gedacht , ihn jemals gegen sie zu brauchen oder dem Willen seines Vaters entgegen zu handeln . Nur darüber war er mit sich nicht eins gewesen , ob er ihn Vittoria übergeben solle oder nicht , ob es gerathen sei , die alte Wunde aufzureißen und sich zum ausdrücklichen Mitwisser von Valerio ' s unrechtmäßiger Geburt zu machen , oder ob er besser thue , dasjenige , was begraben sei , auch begraben bleiben zu lassen . Und wie er heute Vittoria wiedergesehen hatte , wie jetzt Valerio in seiner Schönheit und Liebe vor ihm stand , zweifelte er nicht mehr , was hier zu thun ihm zieme . Hätte er sich doch am liebsten selbst vor der Erinnerung an dasjenige bewahren mögen , was diese beiden ihm so theuren Wesen von ihm trennen konnte ; und rasch entschlossen , nahm er seine Brieftasche zur Hand , suchte aus derselben den bewußten Brief hervor , betrachtete ihn sorgfältig , um sich zu überzeugen , daß er sich nicht irre , und warf das Blatt dann in das Feuer des Kamins . Was machst Du da ? fragte Valerio , dessen Neugier alles , was der Freiherr that , beschäftigte . Ich verbrenne einen Brief . Weßhalb das ? Weil ich Dich liebe , mein Valerio , mein lieber , lieber Bruder ! gab Renatus ihm zur Antwort , indem er ihm die Arme entgegenhielt . Valerio sprang an ihm empor und sagte lachend : Du gibst grade solche Antworten , wie die Mutter . Der Freiherr fragte ihn , was er damit meine . O , versetzte der Knabe , solche Antworten , bei denen man nicht weiß , was sie will , und über die man sich freut , auch ohne daß man sie versteht ! Aber da Du jetzt zu Hause bist , lieber Bruder , will ich Dir auch Alles sagen und Dich immer fragen . Der Freiherr , der es wohl bemerkte , wie stolz es den Knaben machte , einen fertigen Mann als seinen Bruder ansprechen und behandeln zu können , forderte ihn , von Valerio ' s Weise mehr und mehr gefesselt , freundlich auf , mit dem Sagen und Vertrauen nur gleich zu beginnen ; indeß Valerio weigerte sich dessen . Noch sei es nicht an der Zeit , noch sei es Winter ; aber im Frühlinge , wenn der Schnee geschmolzen und Alles wieder grün sei , dann werde er es ihm schon sagen . Er fing darauf , während Renatus sich säuberte und kleidete , von der Mutter , von der Gräfin und von Hildegard zu erzählen an : wie Hildegard ihn in die Stadt und in die Schule schicken wolle , wie er Hildegard nicht leiden könne , wie Cäcilie weit besser , aber weit besser sei , und wie auch die Mutter Cäcilien viel lieber habe . Renatus ließ ihn immerfort gewähren , aber er konnte sich aus dem planlosen Geplauder des Knaben doch bald überzeugen , daß derselbe durch das beständige Zusammensein mit Erwachsenen eine bedenkliche Frühreife erlangt und daß man ihm weit mehr als wünschenswerth den Zaum und Zügel habe schießen lassen . Auf des Bruders Frage , was Valerio denn lerne , was er treibe , entgegnete dieser , der Pfarrer käme Tag um Tag , ihm Unterricht zu geben , und an den anderen Tagen lerne er mit der Mutter und mit Cäcilie Italienisch und Französisch . Hätten die keine Zeit , so zeichne er oder er spiele Klavier . Als Renatus sich erkundigte , wer ihn darin unterweise , sagte er sehr bestimmt , darin unterweise ihn Niemand , das könne er von selbst ; und er hatte denn auch gleich , ohne um Erlaubniß zu fragen , aus des Freiherrn Taschenbuch den Bleistift herausgenommen und auf den Rand eines der Papiere , die zur Einwicklung von des Freiherrn Besteck gedient hatten , eine Menge von kleinen Figuren in den wunderlichsten Stellungen und Sprüngen , oft nur mit wenig Strichen , aber mit so vollkommener Sicherheit hingeworfen , daß Renatus sich des Erstaunens und des Lachens nicht erwehren konnte . Sein Wohlgefallen an Valerio ward immer größer . Er meinte , nie eine so reine Freude genossen zu haben , als die Liebe für diesen Knaben sie ihm bereitete , und er begriff seinen Oheim nicht , der mit solcher Wärme und Anerkennung von Hildegard sprechen und dieses schönen , lebensvollen Knaben kaum Erwähnung , und zwar mit Abneigung hatte Erwähnung thun können . Zweites Capitel Renatus war während der Feldzüge viel umhergeworfen worden . Er hatte gelernt , sich in den verschiedensten Verhältnissen schnell zurechtzufinden und auf verschlungenen Wegen seines Pfades nicht zu fehlen ; aber eine so absonderliche Wirthschaft , wie die in seinem Schlosse , war ihm nirgend vorgekommen , und es war ihm leichter , überall leichter gewesen , sich durch fremde Verkehrtheiten durchzuschlagen , als im eigenen Hause und in der eigenen Familie Ordnung zu schaffen , besonders für ihn , der Ruhe und Frieden herstellen sollte , während er keinen anderen Gedanken hegte , als das einzige , in der allgemeinen Uneinigkeit anscheinend fest bestehende Verhältniß , seine Verlobung mit Hildegard , so bald als möglich aufzulösen . Er kannte das Schloß kaum wieder , er konnte in seinem Vaterhause nicht heimisch werden , und nur allmählich vermochte er es einzusehen , wie man zu einer so grillenhaften Benutzung der verschiedenen Räumlichkeiten gelangt war und weßhalb man sich in einer so unbequemen und unzweckmäßigen Weise eingerichtet hatte . Allerdings hatte Hildegard ihm davon geschrieben , aber die Ungehörigkeit dieser Lebensweise stellte sich in der Wirklichkeit noch ganz anders als auf dem Papiere dar , und der Eindruck , welchen Renatus davon empfing , war ein sehr verdrießlicher . Vittoria hatte gleich nach dem Tode ihres greisen Gatten die Zimmerreihe verlassen , die sie mit ihm getheilt und die der verstorbene Freiherr auch mit seiner ersten Frau bewohnt hatte . Was sie dazu bestimmt hatte , darüber sprach sie sich nicht aus , aber Renatus konnte es sich denken ; und als er dann eines Tages , neben ihr am Fenster stehend , in einer der Scheiben den Namen des Mannes eingeschnitten fand , dessen Brief an Vittoria er vernichtet hatte , blieb ihm kein Zweifel über die Beweggründe , durch welche seine Stiefmutter eben zu der Wahl dieser im Erdgeschosse gelegenen Räume veranlaßt worden war . Da man diese Wohnung seit einem halben Jahrhunderte wenig benutzt und während der Feldzüge die jüngeren Offiziere in dieselben einquartiert hatte , waren die altfränkischen Möbel , die Tapeten , die Vorhänge in denselben sehr arg mitgenommen . Für dergleichen fehlte jedoch der Baronin das Auge ganz und gar . Was sie an diese Räume fesselte , war völlig unabhängig von dem Zustande , in dem sie sich befanden . Ihr genügten sie . Sie schätzte es daneben , daß sie zu ebener Erde lagen , daß sie nicht nöthig hatte , eine Treppe zu steigen , wenn sie während der schönen Jahreszeit sich im Freien aufzuhalten wünschte , und für den Winter hatte sie sich auch nach ihren eigenthümlichen Bedürfnissen eingerichtet . Das schöne , große Bett aus ihrem Schlafgemache , einige Ruhesessel , ein Polsterlager , das sie sich bald nach ihrer Verheirathung hatte machen lassen , ihr Flügel und ihre Musikalienschränke waren in das große Gemach hinuntergebracht , in welchem Tag und Nacht die Feuer in den beiden Kaminen nicht erlöschen durften , weil es Vittoria nie verließ , wenn sie nicht zu einem Besuche in die Nachbarschaft fuhr . Neben ihr wohnten ihr Sohn und ihre Kammerfrau , und obschon es der Letzteren an Sinn für Ordnung nicht gebrach , wollte es ihr jetzt , wo die Baronin , ganz sich selber überlassen , ihren Neigungen nachgeben konnte , nicht gelingen , Herr über die phantastische Unordnung zu werden , in welcher Jene sich schon um deßhalb wohlgefiel , weil sie den entschiedensten Gegensatz zu den Gewohnheiten der Gräfin Rhoden bildete . Wäre Renatus nicht zu nahe dabei betheiligt gewesen , so würde der Weiberkrieg in diesem Schlosse ihn belustigt haben . Jetzt indessen war das anders . Da Vittoria die eigentliche herrschaftliche Wohnung nie betrat , hatte die Gräfin es auch nicht für angemessen erachtet , sich ihrer zu bedienen ; und weil Vittoria oft am Tage schlief und dann bis tief in die Nacht hinein am Flügel musizirte , war die Gräfin darauf bedacht gewesen , sich vor solcher Störung ihrer Ruhe zu bewahren . Vittoria wohnte also im Erdgeschoß des linken Flügels , die Rhoden ' sche Familie im zweiten Stockwerk der rechten Seite . Alle übrigen Zimmer waren zugeschlossen , und man hatte zwei Treppen und die ganze Flucht der langen Gänge zu durchwandern , ehe man aus dem einen feindlichen Lager in das andere gelangte . Das hatte jedoch für die Betheiligten nur wenig auf sich , denn die Gräfin und Hildegard vermieden die Baronin so sehr , als es nur möglich war , und Cäcilie , deren blühende Gesundheit die Kälte nicht zu scheuen brauchte , focht die Unbequemlichkeit nicht an . Schon seit Jahren aß man nicht mehr gemeinsam . Vittoria liebte es nicht , sich an eine bestimmte Stunde zu binden , die Gräfin und Hildegard verlangten auch in diesem Falle nach einer strengen Pünktlichkeit , und wie über die Zeit , so hatten die Frauen sich auch über die Wahl der Speisen nie vereinigen können . Gaetana besorgte die Küche der Baronin , die Gräfin hielt mit ihren Dienstboten nach ihrer Weise Haus . Hildegard warf es Vittoria vor , daß sie sich mit ihrer süßen , fetten Kost unförmlich stark und träge mache , die Baronin hingegen wollte sich nicht zu einer Ernährung bequemen , bei welcher man so wie Hildegard verfalle und an den Nerven leide , und die Folge davon war , daß den ganzen Tag im Schlosse des Kochens und des Bratens kein Ende war , daß der Amtmann über den gewaltigen Verbrauch von Brennholz klagte , daß die beiden Haushaltungen einander der unverantwortlichsten Verschwendung ziehen und daß Renatus gleich in den ersten Stunden von beiden Seiten mit Beschwerden und mit Anschuldigungen , mit Rathschlägen zu einer Aenderung und mit Forderungen und Ansprüchen behelligt wurde , die ihm , eben weil sie sammt und sonders kleinlich waren und den rechten Punkt des Uebels nicht berührten , äußerst lästig dünkten . Das waren jedoch im Grunde alles nur sehr unwesentliche Dinge gegen den Zwiespalt , den Renatus in sich trug , gegen dasjenige , was er mit sich selber und mit seiner Verlobten abzumachen hatte . Der erste Eindruck , welchen er von Hildegard empfangen hatte , änderte sich auch im längeren Beisammenbleiben nicht . Sie war anderthalb Jahr älter als der Freiherr und nie schön gewesen . Nur die an blonden Mädchen schnell vorübergehende Frische der Jugend hatte sie diesem einst reizend gemacht . Jetzt , wo Renatus auf der Höhe seiner männlichen Kraft und Schönheit stand , näherte Hildegard sich ihrem dreißigsten Jahre , und weil sie magerer geworden war , traten die Kleinlichkeit und die Schärfe ihrer Züge unangenehm hervor . Dazu hatte , wie jedes Zeitalter den Menschen eine bestimmte Physiognomie anbildet , so daß nur wenig bevorzugte Naturen sich unabhängig von dem allgemeinen Typus zu freien und eigenartigen Persönlichkeiten ausbilden , die Stimmung , welche vor und während der Freiheitskriege in Deutschland herrschend gewesen war , auch der jungen Gräfin Rhoden ihren Charakter aufgeprägt . Die schweren Sorgen , welche jeder Einzelne zu tragen hatte , die Nothwendigkeit , für das Allgemeine bedeutende Opfer zu bringen und sich eben deßhalb in seinen eigenen Bedürfnissen zu beschränken , die Ergebung in große Unglücksfälle , zu der so Viele sich veranlaßt fanden , endlich die Selbstverläugnung , welche die deutschen Frauen und Mädchen an dem Siechbette der Verwundeten und Kranken über sich genommen , hatten Hildegard vortrefflich erzogen , aber ihr auch ein eigenthümliches Gepräge aufgedrückt . Sie war sparsam und fleißig , anspruchslos in allen ihren Bedürfnissen , großer , ausdauernder Treue und Hingebung fähig , von einem starken Pflichtgefühle beseelt , und man hätte diese Tugenden vielleicht noch höher schätzen müssen , weil sie dieselben mit vollem Bewußtsein übte und in sich ausgebildet hatte . Grade diese Absichtlichkeit nahm ihr indessen die Natürlichkeit . Die Sanftmuth , deren sie sich befleißigte und die sie in ihrem ganzen Wesen kund zu thun strebte , wurde in ihrem Mienenspiele zu einem süßlichen Ausdrucke , ihre Hingebung ließ sie empfindsam erscheinen , und daneben machte ihre Strenge gegen sich selbst sie gegen die Anderen unduldsam . Mit jener Unerbittlichkeit und Selbstgenügsamkeit , denen man bei beschränkten Menschen , so Männern als Frauen , überall begegnet , hatte sie sich ein Tugendideal geschaffen , dem sie sich nachzubilden trachtete , und ohne den verschiedenen Naturen und Lebensbedingungen der Anderen irgend eine Rechenschaft zu tragen , verwarf sie Alles und Jeden , sofern sie ihrem Ideale nicht entsprachen . Da sie in all ihrem Thun und Treiben berechnend geworden war , hatte sie bei dem Wiedersehen mit Renatus ihm gleich die ganze Fülle ihrer Liebe und die tiefe Innerlichkeit derselben darzuthun gestrebt . Aber sie hatte sich diese Scene so tausendfältig vorgestellt , sich dieselbe so oft und in allen ihren Einzelheiten so genau und mit so leidenschaftlichen Farben ausgemalt , daß die Wirklichkeit weit hinter der erwarteten Glückseligkeit zurückblieb . Hildegard war also trotz ihrer anscheinenden Versunkenheit völlig im Stande gewesen , nicht nur über sich selbst , sondern auch über ihren Verlobten genaue Beobachtungen anzustellen , und sie waren nicht dazu geeignet gewesen , sie über ihre Zweifel an seiner Liebe zu beruhigen . Schon daß er nicht zuerst nach ihr verlangt hatte , daß er nicht graden Weges zu ihr gekommen war , hatte , wie sie es nannte , ihrem Herzen wehe gethan , und daß er dann so lange mit Valerio in seinem Zimmer und von ihr fern verweilen können , war für ihre Seele noch weit entmuthigender gewesen . Alle ihre schlimmsten Ahnungen gingen in Erfüllung . Weinend sank sie ihrer Mutter , nachdem Renatus das Zimmer verlassen hatte , in die Arme ; unter Thränen kleidete sie sich an ; und diese Thränen trugen nicht dazu bei , sie zu verschönern . Es war vergebens , daß die Mutter ihr Muth einsprach , daß sie Renatus mit der Ermüdung entschuldigte , welche die unausbleibliche Folge einer langen Winterreise sei . Obschon auch der Gräfin das Erschrecken und die Kälte des Freiherrn sichtbar genug gewesen waren , gab sie der verzagten Tochter zu bedenken , daß in jeder langen Trennung der Keim zu gegenseitigem Mißverstehen liege . Sie erinnerte Hildegard daran , wie schnell , wie plötzlich einst ihr Verlöbniß mit Renatus geschlossen worden sei und wie das wahrhaft bräutliche Zusammengehören , wie ein Zuversicht gebendes Liebesverhältniß sich noch gar nicht zwischen ihnen habe gestalten können . Vor Allem jedoch warnte sie die Tochter , ihre Zweifel dem Wiedergekehrten zu verrathen . Sie beschwor sie , sich zu erheitern , sich zu schmücken , dem Verlobten unverhohlen die Freude kund zu geben , welche sie empfinde . Aber durch die lange Gewohnheit , sich in ihren Gefühlen mit Selbstbeobachtung und mit Selbstbewußtsein darzustellen , war Hildegard völlig unfähig geworden , sich zwanglos gehen zu lassen , und sie hatte kaum eingesehen , daß die Mutter Recht habe und daß sie wohl thun werde , wenn sie ihr folge , als sie sich auch schon in eine neue Rolle hinein versetzte , die ihr freilich noch weniger wohl anstand , als die bisher von ihr aufrecht erhaltene Kundgebung der stummen Liebe . Sie war jetzt fest entschossen , ihren Kummer zu verbannen , sie wollte sich mit aller ihrer Energie aus der sehnsuchtsvollen Braut in die glücklich Liebende verwandeln ; indeß eine Miene , welche man durch lange Jahre festgehalten hat , läßt sich nicht leicht verwischen . Ihr lächelnder Mund wollte nicht mehr zu dem schwermüthigen Blicke , die Art , in welcher sie sich hüpfend dem Bräutigam an den Hals warf , nicht zu dem elegischen Tone ihrer Sprache passen , und wenn sie bei dem Eintritte des Geliebten nach fröhlicher Kinder Weise in die Hände klatschte , machte das einen solchen Gegensatz zu der wehmüthigen Neigung ihres Hauptes , die ihr zur anderen Natur geworden war , daß Valerio , der nicht von des Bruders Seite wich , und weder gewohnt war , seine Gedanken zu verbergen , noch den Ausdruck seiner Einfälle zurückzuhalten , eines Tages bei Hildegard ' s Anblick laut zu lachen anfing . Wie kommst Du denn in ein grünes Kleid , fragte er , und obenein mit solchen langen Locken ? Du siehst wie eine vergnügte Trauerweide aus ! Die Gräfin schalt den Knaben . Auch Renatus wies ihn mit strengem Wort in seine Schranken ; aber Hildegard mißfiel auch ihm , seit sie zum Aufputze ihre Zuflucht nahm , mehr noch als am ersten Tage , und doch vermochte er das trennende Wort gegen sie nicht auszusprechen . Er konnte sich nicht entschließen , einem Weibe , das ihm liebend gegenüber stand , mit Härte zu begegnen . Er fühlte sich sehr unglücklich , ja , er betrachtete es als eine Erniedrigung , daß er sich genöthigt sah , sich der Zärtlichkeit eines ungeliebten Mädchens zu überlassen , welches offenbar entschlossen war , seine Kälte nicht zu beachten , seine Liebe durch ihre Geduld und Treue zu gewinnen und sich ihm nützlich und angenehm zu machen , indem es schon jetzt die Hälfte seiner Mühen und Sorgen auf sich nahm . Ohne daß er es von ihr begehrte , sprach ihm Hildegard ihre Ansicht über seine Verhältnisse aus , von denen sie durch ihre eigenen Beobachtungen und Erkundigungen weit vollständiger unterrichtet war , als Renatus es erwartete . Sie hatte denn auch mit reiflicher Ueberlegung jene Plane entworfen , von denen sie ihrem Bräutigam in ihren Briefen zum Oefteren gesprochen , und sie waren natürlich ganz auf jene Ausschließlichkeit des liebenden Beisammenseins berechnet , welchem Hildegard einst in der Stunde der ersten Trennung von dem Verlobten mit dem Ausrufe : Ich und Du - und Du und ich ! ihren Ausdruck gegeben hatte . Ihrem Sinne widerstanden Tremann ' s Rathschläge , von denen sie sich mit ihren sanften und doch eindringlich bohrenden Fragen bald durch den Freiherrn Kenntniß zu schaffen wußte , keineswegs . Denn Vereinfachung der Zustände war gerade dasjenige , worauf ihr Augenmerk gerichtet war . Sie stimmte daher der Meinung Tremann ' s auch völlig bei , daß man Neudorf und Rothenfeld verkaufen solle ; sie hoffte mit dem Grafen Gerhard , daß der König , wenn er sähe , wie bedrängt Renatus sei und wie sehr er und seine Braut entschlossen wären , ihre Verhältnisse zu regeln , sich ihrer annehmen würde , und sie hatte bereits die genauesten Berechnungen über die Summe angestellt , welche man der Baronin aussetzen müsse , wenn diese mit ihrem Sohne erst an einem beliebigen anderen Orte ein Unterkommen gefunden haben würde . Daß die Gräfin Rhoden und Cäcilie sich mit dem kleinen , ihnen eigenen Vermögen nach der Hauptstadt zurückwenden würden , nahm Hildegard als selbstverständlich an , und sie erging sich also , so oft der Anlaß sich ihr dazu bot , in den Schilderungen des friedlichen und vollendeten Glückes , dessen sie und der Geliebte theilhaftig werden würden , wenn sie , von Sorgen und Widerwärtigkeiten nicht belastet , hier in Richten einzig auf einander angewiesen ,