Fräulein von Hülleshoven ! sagte er aber , sich dennoch einen Schwung gebend . Die unvergeßliche Reise von Drusenheim - die Reise durch die Siebenberge - diese Nacht dann mit Extrapost - ! O ich erinnere mich nie etwas Aehnliches - oder ich erinnere mich allerdings ... oder Sie vielmehr erinnere ich - das ist nämlich der bewußte Gegenstand - an den Moment , wo ich Ihnen gegenübersaß und Sie mir die Hand gaben - Wissen Sie noch ? That ich das ? sagte Armgart und blickte die neben dem Erlöser stehende Madonna an , als läse sie alles , was sie zu sprechen wagen dürfte , erst von deren Zügen ab ... Das heißt , sagte Thiebold und rückte auf der Bank etwas näher , das heißt , liebenswürdigstes Fräulein , Sie setzten ohne Zweifel damals voraus , daß Ihnen - Ich setzte nichts voraus ! sagte Armgart . Ich war in einem Zustand völliger Betäubung ... Einmal doch - ging Thiebold seinem Ziele , Bonaventura ' s Auftrag zu erfüllen , näher , - einmal doch schienen Sie völlig und sehr , sehr zurechnungsfähig - als Sie nämlich mit Innigkeit mir oder vielmehr - ja mein Freund und ich - Sie wissen - Benno von Asselyn - liebt Sie , und auch ich - ich kann bei Gott und auf Ehre ! ich kann allerdings nicht leugnen - O nicht das , Herr de Jonge ! hauchte Armgart und hielt die Hand wie zur Abwehr ... Hätt ' ich eine Ahnung gehabt , daß mein Freund Sie in sein Herz geschlossen hat , nie würde ich selbst Ihnen soviel - Beweise meiner - Hochachtung gegeben haben , meiner aufrichtigsten - Fräulein , ich kann wol sagen , stellenweise wahnsinnigen ... O nicht das ! Nicht das ! wiederholte Armgart ... O Sie kennen die Liebe nicht , diejenige , mein ' ich , die Ihr Anblick in einem - Männerherzen - entzündet , in einem Herzen , das im Stande ist - wie gesagt - einem Freunde zu Liebe selbst die schmerzlichste Entdeckung seines Lebens - Was befahl Ihnen der Domherr mir zu sagen ? unterbrach Armgart ... O mein Fräulein ! O ich bin zu tief beschämt ! O , im Wagen damals glaubten Sie , leugnen Sie es nicht , Benno , der , der säße Ihnen gegenüber ! Ja , in der » Verschwiegenheit des Dunkels « ergriffen Sie - Ihre Hand wenigstens , Ihre Handschuhe waren es - die Hand Asselyn ' s , drückten diese voll Innigkeit , ja es fehlte nicht viel , was ich dem Domherrn nicht einmal sagte - Ich beichtete ihm nämlich meinen Betrug - daß nämlich Ihre Hand die seinige - ans Herz zu drücken vermeinte - worauf - wie gesagt aber - Sie waren im stärksten Irrthum ! Nämlich der von Ihnen Beglückte war ich ! ... Und , weit entfernt nun , mein Fräulein , dem Glück eines von mir aufrichtig geschätzten Freundes - oder vielmehr eines meiner » besten Bekannten « entgegenzutreten , möcht ' ich nur eine Antwort auf die Frage haben : Soll ich ihm nicht das aufrichtige Geständniß machen , mein angebetetes , liebenswürdiges Fräulein , über das , was in jener Nacht zwischen uns allen dreien vorgefallen ist , soll ich es ihm nicht sagen , ihn aufklären - ? ... Nein ! rief Armgart ... Nein ! wiederholte sie , und noch einmal sprach sie mit fester Stimme : Nein ! Thiebold wußte nicht , wie ihm geschah ... Er mußte sich vor Schrecken über diese leidenschaftliche Ablehnung unwillkürlich umsehen ... Ich soll nicht - ? stotterte er ... Nein ! war die wiederholte Antwort , die sie nur abbrach , weil am Tabernakel hinter dem Altar plötzlich ein Geräusch gehört wurde . Es schien eine Thür gegangen zu sein ... Dennoch nahm Thiebold nach einigem Aufhorchen die Rede wieder auf und war sogar geneigt , in sein Erstaunen den Vorwurf der Undankbarkeit gegen Benno zu mischen - » von ihm selbst sollte allerdings keine Rede mehr sein « - aber Fräulein , Sie misverstehen mich ! Oder vielmehr im Gegentheil ... Der Domherr wünscht , daß ich die Wiederherstellung der Wahrheit und Benno ' s Glück befördere ! Er selbst will es übernehmen , Benno dann zu sagen - Nein ! Nein ! Nein ! Aber ich beschwöre Sie - soll denn alles , was gewesen ist , ausgelöscht - ? Ja ! Die Fahrt durch die Berge gar nicht stattgefunden - ? Nein ! Benno glaubt aber in Ihrem Herzen - Nichts soll er glauben - Das ist ja unglaublich ! Geradezu fürchterlich ! Ich habe ja mit Benno ein ganz freundschaftliches Abkommen getroffen , daß blos Ihre eigene Entscheidung - Nun sprang Arm gart auf ... Ein Ton war beiden zu gleicher Zeit vernehmbar geworden , der ganz in der Nähe dem Schließen eines Schlüssels oder dem Zufallen eines Schlosses entsprach ... Da ist ja jemand ! rief Armgart mit erstickter Stimme . Und schon war auch Thiebold aufgesprungen . Mit drei Sätzen war er auf der Erhöhung des Altars und starrte abwechselnd auf die beiden Vorhänge , die zur Seite hingen ... Hinter dem Altar war ' s ! rief ihm Armgart nach ... Thiebold hob links die rothen Vorhänge auf ... Er sah den Raum , der die Sakristei bildete ... Wer ist hier ? donnerte Thiebold , wild gereizt wie er war , in das Dunkel hinein ... Armgart , bei aller Angst mit schnell gefaßtem Entschluß , sprang an den zweiten Vorhang , als wenn ihre schwache Kraft einen hier Durchschlüpfenden zurückhalten könnte ... Auf Thiebold ' s Rufen folgte keine Antwort ... Deutlich aber vernahm man immer noch ein polterndes Geräusch , das die Anwesenheit irgendeines lebendigen Wesens bestätigte ... Es wird eine Katze sein ! sagte endlich Thiebold mit dem ganzen , überströmenden Ausdruck seiner Wehmuth , während Armgart sich bereits in gleicher Stimmung auf einen Geist vorbereitet hatte ... Sie stand starr und hielt krampfhaft den Vorhang in ihren Händen fest ... Thiebold ging im Dunkeln mit wiederholtem : Wer ist hier ? um die Hinterwand des Hochaltars herum ... Stoßen Sie sich nicht ! rief Armgart mit elegischem Schmelz . Dort steht Schrank an Schrank ... Es waren die Schränke zur Aufbewahrung der Opfergeräthschaften und Meßgewänder ... Thiebold kam auf der andern Seite Armgart entgegen und versicherte , nichts gesehen zu haben ... Er ging dann noch einmal zurück . Armgart folgte sogar ... An einer Thür , die zum Archiv führte , rüttelten beide ... sie war verschlossen ... An den Schränken rüttelten sie ... alles war unversehrt ... Wie beide auf der andern Seite wieder herauskamen und Thiebold das Erstaunen über Armgart ' s Erklärung und ihre den beiden Freunden nun schon während ihrer ganzen Anwesenheit in der Gegend bewiesene Kälte in feierlichstem Ernste wieder aufnehmen wollte , Armgart sich ihm entzog und fast entfloh , wurde die Aufmerksamkeit auf ein anderes Geräusch gelenkt , das sich leichter erklären ließ ... Peitschen knallten , Schellenbehänge von Rossen klingelten , alle Hunde des Schlosses bellten ... Sie kommen von Neuhof zurück ! rief Armgart wie erlöst ... Jetzt hätte Thiebold viel darum gegeben , wenn die Rückkunft des Onkels und Terschka ' s sich noch um eine Viertelstunde verzögert hätte ... Sich selbst gab er auf , nur in der That die Liebe zu seinem Freunde hieß ihn noch reden ... Er hatte schneidende Vorwürfe , bittere Vermuthungen auf seinen Lippen ... Im ganzen Schlosse wurde es mehr und mehr lebendig ... ... Kommen Sie ! rief Armgart . Sie sind ' s ! Damit drängte sie zur Thür ... Die Rückkehrenden waren es in der That , und Thiebold hatte sogar eine Ahnung , Benno und Bonaventura würden mitkommen ; ersterer vielleicht um ihn abzuholen und auf seinem Heimgang nach Witoborn zu begleiten ... Er konnte Armgart nicht zurückhalten , nicht um Aufklärung bitten , keines seiner aufgeregten Gefühle weiter aussprechen ... Schon gingen im Schlosse an allen Flanken die Klingelzüge ... Man hörte das Anfahren der großen vierspännigen Kutsche , des Staatswagens der Dorstes , und einer zweispännigen kleinern , die für Terschka und Benno bestimmt gewesen war ... Thiebold , mit äußerstem Schmerz das Verschwinden einer schönen Lebenshoffnung wie für ewig fürchtend , hätte wenigstens nur noch Armgart ' s Hand ergreifen mögen und er that dies auch und hielt sie fest und bat und flehte um Aufklärung ... Lassen Sie ! sagte Armgart . Das Wort war fast verletzend , vornehm sogar . Sie war plötzlich wie gereift zur Jungfrau ... Aus allen seinen Himmeln gestürzt , von Armgart ' s Kälte wie mit Eisesluft angeweht , folgte Thiebold mit langsamem Schritt ... Im Hofe - da war es lebendig ... Die Hunde sprangen und rissen an den Ketten , an die sie zur Nacht gelegt wurden ... Laternen wurden emporgehalten ... Hin und her rannten die mitgekommenen Diener ... Mit Lichtern kam der Diener , der bei Tisch servirt hatte , von der Stiege herunter und rief nach dem neuen Hausknecht , den niemand bemerken konnte ... Vorm Portal hielten die Wagen . Schon standen in der großen Eingangsflur , sich aus ihren Pelzen herauswickelnd , in schwarzen Fracks und weißen Halsbinden und Trauerhandschuhen der Onkel Levinus von Hülleshoven , Baron Wenzel von Terschka und in der That auch Benno ... Bonaventura fehlte ... Es ließ sich annehmen , daß er im Trauerhause bei seinem Stiefvater zurückgeblieben war . 5. Armgart lag , als müßte sie irgendwo ihr sie überwältigendes Gefühl aufs mächtigste ausströmen , im Arm des Onkels ... Sie küßte ihm den Reif von seinem großen graublonden Bart , in dem sich ein Antlitz verbarg - vergleichen wir ' s nur geradezu mit einem menschlich gemodelten Thierkopf ; denn gibt es gutmüthigere Augen als die des Pferdes oder eines treuen Hundes ? Stirn , Backenknochen , Nase ( mehr konnte man vor dem Barte nicht sehen ) waren hart und massiv , aber die wasserblauen Augen , ohnehin von der Fahrt und der Kälte feucht , glänzten so scheu , so gut , so treuherzig , wie - rügt den Vergleich ! - die Augen der großen Bulldoggen an den Ketten im Hof . Armgart umschlang ihn mit einer Innigkeit , als sollte alles , was durch das Gespräch in der Kapelle sich in ihrer Brust vom Gefühl einer mit Gewalt abgelehnten Liebe gesammelt hatte , doch jetzt Einem zugute kommen ... Benno grüßte einfach und schüttelte dem gewissensscheuen , im Laternenschimmer vollends geisterbleichen Thiebold die Hand ... Terschka war schon unterwegs , die Tante zu begrüßen , die allen auf halber Treppe entgegenkam , während sich oben auf dem Corridor auch Paula sehen ließ , vor der schon einer der mitgekommenen Diener mit einem silbernen Leuchter von mehreren Flammen stand und ihre zu allen Zeiten feierliche Erscheinung würdevoll beleuchtete . Gesund und wohl ? konnte man freudigst und ungehindert fragen ... Alles glücklich abgelaufen ? fragte man schon weniger ungehindert ... Denn in Gegenwart Paula ' s mochte man nicht verrathen , daß sie eine Störung des Leichenbegängnisses im Düsternbrook gesehen hätte - darüber war keinem von den Zurückgebliebenen ein Zweifel , daß wirklich dort etwas vorgefallen sein mußte ... Oben im Vorsaal ließen die Männer ihre schweren Bekleidungen und fanden , links sogleich durch das Eßzimmer schreitend , in einem heute noch gar nicht geöffnet gewesenen , inzwischen geheizten gemeinschaftlichen großen Wohnsaale im linken Thurm die Zurüstungen zum Thee . Das war denn ein traulicher Raum . Ein großer runder Tisch , höchst kunstvoll ausgelegt , war nur in der Mitte mit einer kleinen Damastdecke belegt ... Auf diesem stand schon die siedende Theemaschine ... Nähtische waren dicht noch an diesen Tisch gerückt mit weiblichen Handarbeiten ... Eine große , mit einem Blechschirm bedeckte Ampel mit mehreren Flammen , die mit metallenen Ringen an der Decke befestigt war , beleuchtete das ganze , rings mit Gemälden geschmückte , teppichbelegte Zimmer ... Die weißen Fenstervorhänge waren niedergelassen ... die Gardinen waren zugezogen ... das Feuer in einem hohen Kamin prasselte ... es war eine Stätte des Friedens ... Onkel Levinus schritt , umschlungen von Paula und Armgart , wie ein von langen Reisen Zurückgekehrter daher ... Es war ein untersetzter , stämmig gebauter Herr ... In seinem Lächeln lag sogar etwas List , jene List , die der Ausdruck des Geistes ist , den dieser immer dann hat , wo er sich waffen- und harmlos gibt . Der Junggesell zeigte sich in der chevaleresken Begrüßung der Tante , die ihm auch ihrerseits ganz holdseligst entgegenkam und jetzt nicht das Mindeste verrieth von ihren gewohnten Misbilligungen z.B. seiner Methode , die Merinoschafe aus Spanien einzuführen , seines Bohrens auf Steinkohlenlager , die sich nicht fanden , seiner Gestütsveredelungsversuche und ähnlicher Dinge , die sie seit Jahren an dem phantastischen und kostspieligen Wirthschaftsführer controliren mußte ... Terschka fragte nach dem Postpacket , das sie mitgebracht hätten von Witoborn ... Armgart wurde sogleich von der Tante bedeutet , es aus dem Wagen zu holen ... Schon sprangen drei Männer zu gleicher Zeit , den Auftrag ihr abzunehmen ... Thiebold nicht am sichersten ... ... Benno schon in beschleunigterer Hast ... Terschka der Flinkste ... Armgart hielt indeß alle zurück , bat , sich zu ruhen , und ging allein ... Benno , von einer der Tante an ihm ganz ungewohnten Eleganz , wie ein Hochzeiter , zog die Handschuhe aus und strich sich vor innerer Erregung den schwarzen Bart und sein lockiges Haar ... Und der Onkel erzählte schon : Bonaventura ' s Mutter war auf dem Schlosse noch nicht anwesend , aber das große Déjeûner dinatoire , das man zur Stärkung bei den weiten Distanzen der Wohnorte aller Geladenen mit voller Genugthuung antreffen durfte , war höchst kostbar gewesen ... Man hatte das Mahl im Stehen eingenommen ... um ein Uhr brach endlich der Zug auf ... Die Segnungen hatte dann dem Sarge der Geistliche des Sprengels gegeben , in dem das Schloß liegt ... Dann hatten die Mönche den Sarg in Empfang genommen , an der Spitze der neue Provinzial , Pater Maurus , Nachfolger des verstorbenen Henricus ... Die Beisetzung im Kloster selbst war ohne Feierlichkeit erfolgt ... Bonaventura hatte dabei etwas zu sprechen keine Veranlassung ... Im Kloster Himmelpfort hatten sich alle Eingeladenen und nur aus Rücksicht um die Dorstes Gekommenen getrennt ... Bonaventura war noch mit einem der Wagen des Präsidenten zurückgeblieben , um im Kloster den Pater Sebastus zu besuchen ... Dann hatte er wieder nach Schloß Neuhof umkehren und erst morgen im Kreise von Westerhof erscheinen wollen ... Paula hörte diesen Mittheilungen mit Aufmerksamkeit und Ergebung zu ... Benno ergänzte : Besonders geistlich sind die Gedanken der Leidtragenden nicht gewesen ! ... Der Landrath machte curiose Späße ... Ja , sagte der Onkel , Späße , die für eine Kindtaufe gepaßt hätten ! ... Niemand ging jedoch besonders darauf ein ... Die Verabredung zur Jagd ist zu Stande gekommen ? fiel Thiebold zerstreut ein ... Graf Hovden , die Hakes , Graf Münnich und andere beauftragten uns , mit der gräflichen Jägerei Rücksprache zu nehmen , sagte Terschka , und die Leute meinen , daß gerade heute Abend noch im Finkenhof das Jagdpersonal versammelt sein würde ... Herr von Asselyn schlug vor , heute Abend den Umweg über den Finkenhof zu machen ... Ich begleite ihn und so bringen wir alles in Ordnung ! Gut ! Gut ! sagte der Onkel und deutete die Autorität an , die vorzugsweise Terschka hier gebührte . Der Weg ist ja nicht weit ... Die Tante war inzwischen wieder ungeduldig geworden über Armgart , die erklärt hatte , die Post allein besorgen zu können , und nun nicht wiederkam ... Sie schien auch schon zu bemerken , daß die Männer in der That etwas im Rückhalt hatten ... Terschka sprach mit Paula und war die Artigkeit und Rücksicht selbst ... Die zurückgekommenen Diener , die in ihrer etwas altfränkischen Staatslivree , Grün mit Gold , geblieben waren , arrangirten den Thee ... Die Herren setzten sich ... Wie still , begann der Onkel mit einer wohltönenden , aber nur leisen und , wie dem Forscher ziemt , nur prüfenden Stimme ... wie still kann nun so ein wildes Menschenkind werden ! Wie lange hat doch dieser Mann in der Welt rumort ! Es ist dein Onkel , Paula ! Aber der hat die Spanne Zeit , die ihm der Schöpfer gemessen , benutzt wie sein unveräußerliches Eigenthum ! Ein schauerlicher Augenblick , als wir in dem dunkeln , schneeverschütteten Grunde an dem hohlen , blitzzerschlagenen Eichbaum vorüberkamen , wo einst der Deichgraf Klingsohr gefallen ! ... Ja , vorher schon ! ... Ich erstaunte , im Dickicht ein gewisses Kreuz wiederzufinden , das , solange der Kronsyndikus noch im Gebrauch seiner gesunden Sinne war , an jener Stelle nie stehen durfte ... Bruder Hubertus scheint es gewesen zu sein , der es wieder aufgerichtet hat ... Er ist von seiner Reise zurück ... Terschka , immer die Thür fixirend , durch die Armgart zurückkehren mußte , und eine Tasse Thee entgegennehmend , sagte : Ich bin nun fast ein halbes Jahr in der Gegend , hörte soviel vom Bruder Hubertus und sah ihn heute zum ersten mal ... Er ist erst jetzt von Wanderungen heimgekehrt , die ihn bald in dieses , bald in jenes Kloster seines Ordens , oft bis in die Schweiz hineinführen , erwiderte Onkel Levinus . Gleich beim Anblick des Kreuzes , vor der Störung an der Eiche , dachte ich mir : Jetzt muß wol der Knochenmann wieder dasein ! Welche Störung ? fragte schon vor dem » Knochenmann « die Tante und sah Thiebold an , der seinerseits zu der vom herabfallenden Lampenschimmer wie verklärten und nur auf die Erwähnung Bonaventura ' s harrenden Paula mit gedankenverlorener Andacht blickte ... Ja ! fuhr der Onkel fort , das war , um es nur zu sagen , ein recht verdrießlicher Augenblick ! Ein förmliches Todtengericht ! Ich zitterte für den Präsidenten , der neben dem Domherrn saß und die Scene erleben mußte ! Auch der Landrath , wie uns Herr von Terschka später mittheilte , soll sich furchtsam in seine Ecke gedrückt und vergessen haben , daß gerade seine Autorität hier am Platze war ... Wer weiß , wie lange diese Scene gedauert hätte , wäre nicht Herr von Terschka zum Wagen hinausgesprungen und hätte die gehemmte Ordnung des Zuges wiederhergestellt ... Tante Benigna ' s Augen hafteten an denen Thiebold ' s ... Bruder Hubertus unterstützte Sie endlich , Herr Baron ! schaltete Benno ein , den Terschka ' s gespanntes Warten auf Armgart zu stören schien ... Man hätte von ihm , soviel ich höre , diese Großmuth kaum erwarten sollen ... Welche Großmuth ? fragte Terschka . Was hat es mit dem Bruder für eine Bewandtniß ? Das zu erklären , fuhr der Onkel fast frauenzimmerlich erröthend fort , möchte - Die Tante wußte , daß die » Gegenwart der Damen « hinderlich war und fiel sogleich ein : Welche Störung fiel denn nur vor ? Paula saß jetzt , als besänne sie sich auf einen Traum , den sie vor langer , langer Zeit gehabt haben konnte ... Auch Benno sah sie auf das Wort des Onkels mit einem ehrfurchtsvollen Blicke an . Sie machte den Eindruck , als wären unter dem Schutz ihrer weit ausgebreiteten Cherubsflügel alle Dinge der Erde rein und unentweiht ... Der Zug mußte im Düsternbrook eine Biegung machen , erzählte der Onkel , sodaß wir auch im Wagen alles mit ansehen konnten , was vor uns mit dem Sarge geschah . Vier Laienbrüder trugen ihn . Voraus gingen der Provinzial Maurus und die Mönche und alle sangen . Hintennach folgten die Dienerschaften von Schloß Neuhof , die Vorstände der Wirthschaft , die Beamten der Wittekind ' schen Verwaltung . Dann erst kamen die Kutschen . Wie der Sarg an der bekannten Eiche vorüberkam , empfing ihn an dem zum Zusehen bequemsten Platze eine dort versammelte Menschenmenge ... Bauern , Knechte , Weiber , Kinder , alles dicht geschart ... Zufällig machten die Gesänge der Mönche eine Pause ... Da ertönte anfangs eine Geige ... In lustiger Melodie fiedelte irgendjemand , den man nicht sah , und gerade aus dem Menschenknäuel heraus ... Erst konnte man an einen Bettler denken , der die Gelegenheit nutzen wollte , auf die Art zu einem Almosen zu kommen ... Bald aber hörte man eine laute Stimme rufen : Schweig , Todtengräber ! Hier erst noch drei Hände voll Erde ! Ihr Heiligen ! rief die Tante erstaunend , da auch der Onkel im Erzählen feierlich die Stimme erhob ... In demselben Augenblick ging die Thür auf und Armgart kam zurück ... Sie kam ohne die Brief- und Zeitungsmappe ... Niemand fragte jetzt danach , so ergriffen war noch alles von dem eben Mitgetheilten ... Thiebold klärte Armgart rasch über das auf , wovon die Rede war ... Diese hörte wie geisterhaft und abwesend zu ... Schweig , Todtengräber ! wiederholte der Onkel . Hier erst drei Hände voll Erde ! rief die Stimme . Da trat eine hohe , kräftige Gestalt in grauem Mantel aus der Menge , hielt einen Gegenstand hoch empor , zog den Hut , als wenn er die Raben ringsum , die grauen Wolken , die kahlen zackigen Zweige , die Trauerkutschen grüßen wollte , und rief : Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof ! Nimm zu deinem himmlischen Ehrenkleid auch noch diesen Orden mit ! Ein ab instantia absolvirter Mörder empfiehlt dich der Gnade Gottes , des Heilands und der allerseligsten Jungfrau ! Erschein ' am Tage des Gerichts mit diesem grünen , damals nicht verbrannten Fetzen Tuche - Die Frauen blickten starr auf den Onkel , der alle diese Worte mit Feierlichkeit nachsprach ... Die Tante war vor Entsetzen halb aufgestanden ... Benno berichtete weiter ; denn dem Onkel stockte schon die schwache Stimme ... In diesem Augenblick , sagte er , wo wir alle die gleichen Empfindungen haben mußten , wie Sie sie jetzt allein vom bloßen Berichte haben , war die Scene bereits von Herrn von Terschka unterbrochen worden ... Doch nicht ! doch nicht ! sagte dieser von einem Nachdenken auffahrend ... Noch ehe ich aus dem Wagen war , um die Störung zu unterbrechen , war schon ein anderer Zwischenfall eingetreten ... Die Geige - Bitte ! ergänzte Benno . Erst hörte man einen schreckhaften Schrei ... Aber auch Paula erhob sich jetzt ... Armgart hatte nicht Platz genommen , obgleich ihr Terschka und Thiebold einen Stuhl holten , wie sie eintrat ... Ganz recht ! bestätigte der Onkel . Man erfuhr , daß im Dienstpersonal ein Frauenzimmer ohnmächtig geworden war . Es war das die Lisabeth , die Beschließerin von Schloß Neuhof ... Dann war - das ja wol - jener Küfer ? schaltete die Tante mit Entsetzen ein ... Stephan Lengenich ! bestätigte der Onkel . Wir erfuhren es später . Die Verwirrung des Augenblicks ließ sich nicht ganz übersehen , weil inzwischen der Zug schon weiter ging und die Mönche schon wieder sangen . Aber den Anblick alles Spätern hatten die doch noch , die nur langsam nachfuhren . In die Rede des damals ungerechterweise angeklagten Küfers hinein ertönte wieder die Geige . Ihr Spiel war so frech , so teuflisch , so voll Hohn fiel sie ein in die furchtbare Rache des Küfers , die sie gleichsam unterstützen wollte , daß jedermann dem nur danken mußte , der sich plötzlich auf den Geiger warf , ihm sein Instrument aus den Händen schlug und ihn , da er Widerstand leisten wollte , fast mit Füßen trat . Das war dann niemand anders , als unser alter guter Freund , der Bruder Hubertus ... Benno und Thiebold mußten sich mit Besorgniß Paula nähern , die wie in Erstarrung wieder in ihrem Sessel saß , während die Tante an die Thür eilte , um sicher zu sein , daß in diesem Augenblick der Erörterung mislicher Familienverhältnisse die Diener nicht hereinkamen ... Ja , das Maß ist gerüttelt und geschüttelt voll , sagte der Onkel tiefschmerzlich und die Hände gefaltet auf den Tisch vor sich hinlegend , das Maß der Ehrenkränkung , die seiner Familie ein wilder und entsetzlicher Mann hinterlassen hat ! So ging es doch mit ihm fast funfzig Jahre hindurch ! So klagen ihn todte und lebendige Zeugen an ! So öffnen sich die Gräber , um ein Geheimniß nach dem andern ans Tageslicht zu bringen ! Paula ! Du gutes , gutes , treues Kind - Auf diese liebevolle Anrede , die dem Schmerz galt , den Paula um die Ehre ihrer Familie , um Mutter und Vater empfinden mußte , hatte sie sich rasch aus dem Zimmer entfernt ... Armgart flog ihr wie ihr Schatten zu hülfreichem Troste nach ... Nun erzählte die Tante den theilweis hocherstaunenden Männern Paula ' s Traumgesicht ... Alles was sie gesehen hatte , wurde von den Männern bestätigt ... Wild , wild war der Anblick dessen , was an der Eiche geschah ! sagte der Onkel , der seinerseits an diese Visionen schon gewöhnter war . Da mußte sie wol erwachen ... Der Geiger war der Taugenichts , der alte buckelige Stammer ! Rächen wollte er sich für die Verweisung aus dem Schlosse durch den Präsidenten ... Der Küfer hatte den Fetzen Tuch , der einst vom Deichgrafen dem Kronsyndikus abgerissen war und so lange nicht gefunden werden konnte , wenn es überhaupt der echte war , auf den silberbeschlagenen Sarg , mitten unter die Ordensinsignien gelegt ! Als er das gethan , taumelte der Mann - es war auf den Schrei der Lisabeth - wie ein Kind und wurde von dem anwesenden Löb Seligmann gehalten , dem Juden , der ihn zu kennen schien . Herr von Terschka , Sie werden ja wol das Nähere von dem drolligen Musikschwärmer erfahren können ! Aber dem Geigenspieler ging es schlimm . Hubertus zertrat ihn fast ; obgleich Stammer der Bruder des Mädchens war , um das auch der Bruder Abtödter den Kronsyndikus so bitter haßte ... Die Tante , die den Onkel in der weitern Mittheilung der Geschichte des Mönchs Hubertus nicht stören wollte , entfernte sich , um nach Paula zu sehen ... Es kamen jetzt Bestandtheile eines Soupers , auch einige Flaschen Wein , die sie den Männern überließ ... Der Abtödter , hört ' ich , nennt man ihn ? fragte Terschka kopfschüttelnd , als die Diener fort waren ... Man nennt diesen Mönch so in den Klöstern und im Volke ! erklärte der Onkel . Sein eigentlicher Name ist Buschbeck ... Buschbeck ! wiederholte Terschka befremdet und wiederholte lange sinnend : Buschbeck ? Buschbeck ? ... Terschka ' s eigenes , allen hier unbekanntes Leben schien mit diesem oder einem ähnlichen Namen eine Beziehung zu haben ... Der Onkel erzählte mit gedämpfter Stimme und rasch die Abwesenheit der Frauen nutzend : Auch Sie , Herr von Asselyn , werden sich ja wol aus Ihrer auf Hof Borkenhagen verlebten Jugend des Försters Buschbeck - nein , Sie mußten ihn schon nur als Mönch gekannt haben - Es muß jener Laienbruder sein , sagte Benno , der dem alten Hedemann einmal ein Pferd mit Sympathie curirte ... Dreizehn Haupthaare von einem Scharfrichter in einem Teig von Weizenmehl und Oel eingegeben und das Pferd erhielt sich ... Der Glaube macht selig ! lachte Thiebold , der sich allmählich zu finden und schon wieder zu serviren anfing ... Aber der Onkel entgegnete : Warum ? Die Geheimnisse der Natur sind unergründlich ! Terschka , immer sinnender und ein anerkannter Virtuose der Reitkunst , fiel ein : Die Hauptsache an dem Mittel werden das Oel und vielleicht auch die Haare gewesen sein ! Wann kam denn dieser Mann hier in die Gegend ? In den Jahren vor den Befreiungskriegen , etwa 1808 , erzählte der Onkel . Es war ein schlanker und gewandter Mann , der bei den Holländern in Java gedient hatte ... In Java ! sprach Terschka leise und sein sonst schon immer wachsbleicher , fast gelblicher Teint nahm eine eigenthümliche Färbung an ... Er verlor in dem Grade seine gewohnte Elasticität , daß er jetzt ganz als der Vierzigjährige erkannt werden konnte , der er war , während sonst der viel jugendlichere Benno fast älter aussah , als er ... Er rühmte sich mancher geheimen Jägerkunst und manchem galt er für einen Freischützen ! fuhr Onkel Levinus fort ... Aber sein Lebenswandel war achtbar und stimmte wenig mit dem Ton , der damals auf Schloß Neuhof herrschte , wo ihn der Kronsyndikus anfangs zum Revierförster machte ... Es gab einst eine wilde Zeit auf dem Schlosse da , das wir heute so still und gespenstisch sahen ! ... Freiherr von Wittekind war durch die Verführungen des damaligen kasselschen Hofes in ein Leben der tollsten Liebeshändel gerathen . Immer hab ' ich gefunden , daß Männer bei einer solchen Lebensweise zuletzt von ihrer Sinnenglut förmlich unterjocht werden . Jeder Gedanke verwandelt sich ihnen in Unlauterkeit , jeder Blick auf ein Weib in Begehrlichkeit , jede Voraussetzung über die Tugend des Menschen in den frechsten Glauben an schlechte Möglichkeiten . Damals war auf dem Schlosse eine Person allmächtig , ein Frauenzimmer zweideutiger Herkunft - eine gewisse - Benno befreite den Onkel von der Verlegenheit , ganz offen über eine ominöse Beziehung zur Dechanei zu sprechen ... Legen Sie sich keinen Zwang an ! sagte er . Frau von Buschbeck hat für die Dechanei nie existirt ... Höchstens , daß jetzt ihre Schwester mit dem alten Windhack ihr Privaterstaunen austauscht , wie das hübsche Vermögen der Ermordeten , doch an zwanzigtausend Thaler , an den Bruder Hubertus testirt wurde . Die Stifter und Kirchen sind betrogen worden ! Hammaker ' s Vertraulichkeit mit der Alten beruhte auf den Codicillen , die er möglich zu machen wußte , um die durch Nück und unter Zeugenassistenz