unangenehmen Gesprächsgegenstand zu unterbrechen , legte Madame Wundel ihren Mund in recht süße Falten und fragte , ob sie nicht die Ehre haben könne , dem Herrn Armenpfleger oder Fräulein Therese mit einer Tasse Chokolade aufzuwarten ? Herr Berger verneinte das eifrigst , Therese aber nahm es an . Und sie hatte ihre guten Gründe dafür . Hatte sie dann doch ein paar Augenblicke , in denen sie nicht zu sprechen , nur zu hören brauchte ; und sie bedurfte einige Zeit zum Nachdenken . Louise hatte eine Tasse geholt , sie vor Therese hingestellt und dabei nicht ermangelt , ihr eigens zu gratuliren , was sie vorhin im allgemeinen Chorus unterlassen . Dazu sagte sie : » Es wird Clara gewiß gefreut haben , Sie so bei sich zu sehen , denn Clara ist gut und nimmt den innigsten Antheil daran , wenn es ihren Bekannten wohl geht . « Madame Wundel unterließ nicht , ihrer Tochter einen mißbilligenden Blick dafür zuzusenden , daß sie ihre Nachbarin wieder erwähnte , doch kehrte sich diese nicht im Geringsten daran , vielmehr fuhr sie fort : » Es ist wahr , Fräulein Clara hat in den letzten Tagen Unangenehmes gehabt ; ich weiß nicht , ob sie Ihnen davon sagte . « » O ja , sie sprach mir davon , « entgegnete Therese . » Ich glaube , es betraf einen Vorfall im Hause der Madame Becker dort , an dem Tage , wo Marie begraben wurde . Wie war doch die Geschichte ? « » Wie wird das gewesen sein ! « erwiderte nach einigem Zögern die Becker , wobei sie verlegen die Achseln zuckte . » Ich weiß es selbst nicht mehr genau , es betraf einen jungen Herrn . « » Herrn Arthur Erichsen , « versetzte Therese . » Er hat , so viel ich weiß , ein kleines Verhältniß mit Clara und beschuldigte nun das arme Mädchen - gerade in Ihrem Hause - einer Untreue , glaube ich , die sie gegen ihn begangen . « Madame Becker hatte ihren Arm auf den Tisch gestützt , vorher aber einen starken Zug aus dem Punschglase gethan , dann blinzelte sie mit ihren etwas röthlich unterlaufenen Augen und meinte : » Nun ja , es muß etwas derart gewesen sein ; wild genug hat er sich angestellt , und wenn er mit mir so hart gesprochen hätte , würde ich ihm anders die Wege gezeigt haben - so einem Naseweis . « » Uebermüthig ist er schon , « versetzte die schlaue Tänzerin . » Was wird ' s gewesen sein ! Eine Eifersüchtelei ! Hat sich vielleicht die Clara sonstwo ein wenig den Hof machen lassen ? « » Versteht sich ! « rief die Becker erzürnt und klopfte auf den Tisch . » Da kommt so ein junger Mensch her , spricht was von guten Absichten und meint nun , dann dürfe ein anderer rechtschaffener Cavalier so ein Mädchen gar nicht mehr ansehen . « » Aber Fräulein Clara läßt sich auch von sonst Niemand ansehen , « sagte ängstlich Madame Wundel , mit einem bedeutungsvollen Seitenblick auf ihre Tochter Emilie , welche die Zähne auf einander biß und die Becker giftig ansah . Diese trank ihr Glas vollends leer , schnalzte mit der Zunge und sprach : » Hat sich was zum Ansehen ! Daran stirbt man nicht und das schadet auch Niemand . Die Clara wäre eine rechte Gans , wenn sie sich von dem Maler da hofmeistern ließe . « » Aber sie thut es doch , « bemerkte erzürnt die Wundel . » Clara ist die Tugend selbst , und einer von den jungen vornehmen Herren würde schön ankommen , wenn er sich in ihre Nähe wagen wollte . « Bei diesen Worten stieß sie ihre Nachbarin heftig unter dem Tische mit dem Fuße an , doch hatte sich diese schon zu tief mit dem Punsche eingelassen , um diese Berührung für mehr als eine zufällige zu nehmen . » Und ich sage , die Clara hatte Recht , den Maler zu verabschieden , « rief sie mit schwerer Zunge . » Da ist der Herr Graf doch ein anderer Mann , und mich freut es , daß sie ihn erhört . « So schwer diese Worte auch die Tänzerin trafen , so verzog sich doch keine Miene ihres Gesichtes , ja sie trank lächelnd ihre Chokolade , nicht ohne einen Blick auf Emilie zu werfen , die ihre Hände zusammenballte und in höchster Wuth die alte Schwätzerin gegenüber mit weit aufgerissenen Augen anstarrte . » Aber was faselt Ihr für dummes Zeug ! « sagte Madame Wundel , die mühsam an sich hielt . » Wie könnt Ihr über meine Nachbarin , über Mamsell Clara , über die genaue Freundin unserer zukünftigen Frau Armenpflegerin so etwas aussagen ! Von was schwätzt Ihr denn eigentlich ? « Therese hatte ihre Tasse ruhig hingesetzt und warf dann leicht ein : » Wir wissen wohl , wovon Madame Becker spricht , von dem Verhältniß Clara ' s mit dem Grafen Fohrbach . « » Das ist ' s , « sprach die Becker mit lallender Zunge . » Und das ist ein schönes Verhältniß , ein dauerndes Verhältniß . O Wundel , Ihr solltet euch Eurer Arbeit nicht schämen ; Ihr habt doch große Mühe damit gehabt und die Sache geschickt angefangen . Ehre dem Ehre gebührt ! « » Daß Euch der - « sprach die würdige Wittwe und wollte hinzusetzen : Ihr betrunkenes Weibsbild ! - » Wie könnt Ihr so garstiges Zeug plappern ? Ich bin eine ruhige Wittfrau ; was hätte ich mit Euren Geschichten für Arbeit gehabt ! Was gehen uns Eure schmutzigen Verhältnisse an ! Nicht wahr , Emilie ? Was hätten wir für Euch geschafft ! « » Oho ! « rief die Becker und ihr Auge funkelte zornig , » seh ' mir Einer die würdige Wittfrau ! Jetzt nennt sie das schmutzige Verhältnisse , womit sie ein so schweres Sündengeld verdient . « Der Armenpfleger hatte seine Augen langsam aus dem Hute erhoben , blickte achselzuckend gen Himmel und sagte alsdann zu seiner Braut mit leiser Stimme : » Ich glaube , es wäre besser , wir verließen diese Wohnung . « Dabei begann er sich von dem Stuhle zu erheben . Therese aber zog ihn eifrig wieder nieder , that als wolle sie ihr Sacktuch aufheben , das ihr entfallen und flüsterte ihm zu : » Es ist ein gutes Werk , Berger , wenn du noch einige Augenblicke bleibst . Hier gilt es , schlechte Menschen zu entlarven und einem unglücklichen Mädchen zu helfen . « Unterdessen hatten sich Madame Wundel sowie Emilie über den Tisch hinübergebeugt und blickten Madame Becker an , ganz mit dem zärtlichen Ausdruck eines Paares wilder Katzen , die begierig sind , einer Freundin die Augen auszukratzen . Louise hielt sich fern , sie hatte sich an ' s Fenster gestellt und blickte hämisch lachend auf die Gruppe am Tische . » Pfui ! « rief Emilie nach einer Pause , » schämt Euch , Becker , über Euer ungewaschenes Maul ! « » Larifari , « entgegnete diese laut lachend ; » ich brauche mich nicht zu schämen , ich wohne am Kanal in der Kaserne , stehe für mein Geschäft ein und heiße Becker . Ich leugne nicht , was ich treibe ; schämt ihr euch selbst , ihr - verschämte Hausarme , « setzte sie , plötzlich sehr ernst werdend , hinzu ; und dann kreischte sie : » Seh ' mir Einer die Wundel an ! Hat bei meinem Geschäft schweres Geld verdient und will sich nun meiner schämen ! O du Weibsstück ! « Die Wundel war mit ihrer Tochter Emilie in die Höhe gesprungen und es schien einen Augenblick , als wollten sich diese Bekenntnisse edler Seelen in einen erbitterten Kampf verwandeln . Doch erblickte die Wittwe vor sich das ernste , mißbilligende Gesicht des Armenpflegers , deßhalb faßte sie sich mit übermenschlicher Anstrengung , schluckte einige Mal heftig , stützte beide Fäuste auf den Tisch und sagte alsdann : » Herr Armenpfleger ! - Gott soll mich bewahren , daß ich Reden , wie das Weib da eben verführt , vor Ihren Ohren auf mir sitzen ließe . O nein ! « rief sie mit einem Anflug erkünstelter Wehmuth , » was habe ich arme Wittfrau sonst als Ihre Meinung , Herr Armenpfleger ! Stehe ich ohne Sie nicht ganz verlassen da in dieser Welt mit meinen beiden armen Würmern , ohne Hilfe , ohne Verdienst - « » Ohne Verdienst ! « hohnlachte die Becker . » Hat Sie von mir nicht schweres Geld für das Geschäft bekommen ! Aber bei Ihr bleibt nichts - Sie ist wie ein Sieb - Sie - « Hier stockte das Weib plötzlich in ihrer Rede , und wir glauben nicht , aus plötzlich eingetretenem Zartgefühl , vielmehr veranlaßt durch die Faust der Mademoiselle Emilie , welche drohend hinter dem Stuhl der Sprechenden stand . Auch duckte sich diese scheu zusammen und schien , obgleich zu spät , zu fühlen , daß sie sich hier zu Eins gegen Drei befand . » Hören Sie also , « fuhr Madame Wundel im Tone gekränkter Unschuld fort . » Ja , es ist wahr , dieses Weib da forderte mich auf , ihr in einer ihrer unsaubern Geschichten zu helfen . « » Sie sollten vermitteln zwischen Clara und dem Grafen Fohrbach ? « fragte die Tänzerin . » Ja , « schrie die Becker , indem sie , sich dann nach Emilien umsehend , mit der Faust kräftig auf den Tisch schlug . » Und sie that es , sie lieferte mir das Mädchen . « Die würdige Wittfrau warf einen Blick an die Decke des Zimmers , dann sagte sie achselzuckend und mit große Milde : » Herr Armenpfleger , man muß es der Frau verzeihen , sie geht zu viel mit gemeinem Volke um , sie hat keine Idee davon , daß es noch rechtliche Menschen gibt , die so viel als möglich Unheil zu verhüten suchen . « » Und Sie verhüteten also das Unheil ? « forschte die Tänzerin . » Ach ja , Fräulein Therese , « fuhr Madame Wundel fort . » Und ich glaube , es ist keine meiner schlechtesten Thaten . Das Weib wandte sich freilich an uns , wir aber kannten Fräulein Clara , wie Sie sie selbst kennen , und nur in der Absicht - gewiß nur in der Absicht , um die Becker von ihrer Spur abzuleiten , unternahmen wir die unangenehme Kommission - « » Ein Rendezvous zu vermitteln , « sagte Emilie , indem sie sich vordrängte . » Und kam zu Stande ? « fragte Therese . » Ja , es kam zu Stande ! « rief triumphirend die Becker . » Glauben Sie mir , wenn dies Weib seine Krallen einmal einschlägt , da hält sie fest . « » Es kam allerdings zu Stande , « bemerkte Madame Wundel nach einem abermaligen Blick an die Zimmerdecke , » aber ich brauche Ihnen nicht zu sagen , daß Clara gänzlich aus dem Spiele blieb . « » Ah , ich verstehe ! « sprach Therese freudig . » Ich danke Ihnen für diese Aufklärung . « Madame Becker ihrestheils schien das nicht sogleich zu verstehen . Endlich aber begriff auch sie , daß die Wundel sie geprellt und eine Andere zu dem bewußten Rendezvous geschickt worden war . Wie sie langsam zu dieser Erkenntniß kam , verwandelten sich alle ihre Gesichtszüge . Anfänglich war sie hohnlachend dagesessen , jetzt aber fiel ihre Unterlippe schlaff herab , ihre Augen stierten ein paar Momente starr vor sich hin ; dann aber blitzte das Feuer des Zorns in ihnen auf , ihre Lippen schloßen und öffneten sich krampfhaft , und schäumend sagte sie : » Also so wollt Ihr meine noble Kundschaft verderben ! - Ihr Pack ! « Dabei hatte sie sich langsam erhoben , hatte ihr Gesicht mit einem unbeschreiblich frechen Ausdruck auf Zollweite dem der Wittwe genähert , welche , wie das Vögelein vor dem Blicke der Schlange leider nicht im Stande war , zurückzuweichen . Leider sagen wir , denn in der nächsten Sekunde brannte eine so ungeheure Maulschelle auf der Wange der Madame Wundel , daß diese laut aufkreischend in ihren Stuhl zurückfiel . Es war eigentlich komisch anzusehen , wie im gleichen Augenblicke der Armenpfleger von seinem Sitz emporschnellte , Therese am Arme ergriff , mit zwei Schritten die Stubenthür erreicht hatte und das Zimmer verließ . Erst hinter der geschlossenen Thüre blieb er tief athmend stehen und setzte bedächtig seinen Hut auf . » Gott sei Dank ! « jubelte Therese , » daß das so gekommen ist . Glaube mir , Berger , um keinen Preis der Welt wollte ich das eben nicht gehört haben . War dir die Scene unangenehm ? « » Sie hat auch für mich ihr Gutes , « erwiderte bedächtig der Armenpfleger , indem er seine Schreibtafel herauszog , darin blätterte und durch den Namen der Wittwe Wundel einen sehr dicken Strich machte . Daß übrigens Madame Becker dem rächenden Geschick ebenfalls nicht entging , brauchen wir dem geneigten Leser nicht zu versichern . Wenn sich auch Louise Wundel von dem Kampf , der nun erfolgte , fern hielt , so waren doch die Wittwe und Emilie kräftig genug , um der Madame Becker einen gehörigen Denkzettel zu geben . Die Tänzerin blieb zaudernd auf der Treppe stehen . » Gern möchte ich Clara sprechen , « sagte sie , » doch ist es besser , ich versuche es , den Herrn Erichsen zu finden . - Komm , Berger . « Beide stiegen nun vollends die Stufen hinunter , setzten sich in den Wagen , der drunten auf sie wartete , und fuhren davon . Dreiundachtzigstes Kapitel . Clara . Vielleicht war es zufällig , daß Arthur sich an diesem Nachmittage in der Nähe der Balkenstraße befand , genug , Therese , die aufmerksam umherspähte , erblickte ihn wenige Straßen von dem Hause Clara ' s entfernt ; sie klopfte dem Kutscher an die Fensterscheiben und ließ halten . Arthur , welcher sich bei seinem Namen gerufen hörte , näherte sich dem zweisitzigen Wagen und war nicht wenig erstaunt , die schöne Tänzerin in demselben zu sehen . Sie theilte ihm auch gleich lachend den Zweck ihres Umherfahrens mit , stellte ihm den Herrn Berger vor , nannte auch diesem den Namen des Malers und fragte dann , ob er nicht Zeit habe , sie einen Augenblick zu begleiten . Sowohl Arthur als Herr Berger sahen bei dieser Aufforderung das schmale Coupé an und Ersterer sagte zu Therese , so angenehm es ihm auch wäre , sie zu begleiten , so fürchte er doch sehr , sie in ihrem Platz zu derangiren . » Aber ich muß Sie sprechen und zwar auf der Stelle sprechen , « erwiderte hartnäckig die Tänzerin ; » ich habe Ihnen Wichtiges mitzutheilen . Und was den Platz anbelangt , da kann man schon Rath schaffen , Berger ist wohl so gut und setzt sich für ein paar Minuten draußen zum Kutscher . Du kannst deinen Regenschirm aufspannen , dann erkennt dich Niemand , man hält dich höchstens für einen Lohnbedienten . « » Aber , « meinte Arthur leise , » Sie verlangen zu viel . « » Und was soll der Kutscher denken , mein Kind ! « versetzte Herr Berger . Doch hatte er den Schlag schon halb geöffnet , um hinaus zu steigen . » Machen Sie nur keine Umstände , « rief die Tänzerin dem Maler zu . » Kommen Sie geschwind herein . - Und was den Kutscher anbelangt , « wandte sie sich an den Andern , der schon draußen auf dem Tritte schwebte , » so kannst du ihm meinetwegen sagen , es sei dir hier im Wagen zu warm gewesen und du wollest draußen ein wenig frische Luft schöpfen . Weißt du , Berger , « fuhr sie leise fort , indem sie sich zum Wagen hinausbeugte , » ich mag dem Kutscher nicht laut zurufen , daß er nach der Balkenstraße , dem Hause Clara ' s , zurückfahren soll , das kannst du besorgen . « » Das hätte ich thun können und doch wieder in den Wagen hineinsteigen , « entgegnete der Armenpfleger in kläglichem Tone . » Aber es ist besser so , « sagte Therese und zog den Schlag hinter ihm zu . Arthur war lächelnd in den Wagen gestiegen . Herr Berger hatte den Bock erklettert , seinen Regenschirm aufgespannt und bot neben dem Kutscher nichts Auffallendes . Er sah in der That aus wie ein Lohnbedienter und schielte auch wie ein solcher , dessen Geschäft es ist , die Fremden auf alle Merkwürdigkeiten rechts und links aufmerksam zu machen , zuweilen hinter sich in den Wagen . » Ich komme soeben von Clara , « begann Therese in demselben . » O Herr Erichsen , wenden Sie sich nicht unmuthig weg ! Glauben Sie mir , Sie haben dieses gute und edle Mädchen unverantwortlich behandelt . Sagen Sie mir um Gotteswillen , Sie sind doch auch schon mit vielen Leuten umgegangen , Sie haben doch auch Menschenkenntniß . Schauen Sie ihr doch in das klare und unschuldige Auge , kann der Blick trügen ? Glauben Sie wirklich , Clara sei fähig gewesen , Sie zu hintergehen ? - Die gute Clara , mit dem Gemüth eines Kindes , die nicht einmal weiß , was Betrug ist ! O ich möchte fast sagen : Sie verdienen dies Herz nicht , das Sie so leichtsinnig weggeworfen . « Und nun erzählte sie ihm in aller Eile , ohne ihn zu Worte kommen zu lassen , was soeben in der Wohnung der Wittwe Wundel vorgefallen , und beschwor ihn , jetzt sogleich hinauf zu gehen , er werde die ganze saubere Gesellschaft noch beisammen finden und es werde ihm nicht schwer werden , von denselben das Geständniß wiederholt zu erhalten . Damit hielt der Wagen vor dem bekannten Hause und als Arthur , der mit klopfendem Herzen den Worten Theresens gelauscht , nun die dunkle Thüre mit den ausgetretenen Stufen vor sich sah , über die er so oft voll Freude und Glück auf- und abgestiegen war , die er darauf tief betrübt so lange vermieden , für ihn eine Ewigkeit , obgleich er das Haus selbst vermittelst der umliegenden Straßen unaufhörlich umkreist , sowohl bei Tag als bei Nacht , als er nun wieder davor stand , glaubend an die Worte der Tänzerin , da schwand aller Groll , aller Argwohn aus seinem Herzen , eine unendliche Liebe für Clara erfüllte es mehr als vordem , und nach herzlichem Dank und Gruß gegen Therese sprang er in den dunklen Hausflur hinein . Die schöne Tänzerin blickte ihm ein paar Sekunden nach , dann fuhr sie mit der Hand über die Augen und sprach zu sich selber : » Das ist mein schönstes Hochzeitsgeschenk . Ach ! die Versöhnung da oben muß entzückend sein . Wie glücklich werden sich diese Beiden fühlen , zu einander hingezogen , innig verbunden durch gleiche herzliche Liebe . « Hierauf legte sie sich seufzend und nachsinnend in die Ecke des Wagens , doch hatte sie vorher an die Scheiben geklopft und dem Herrn Berger gesagt : » So , nun kannst du wieder herein kommen . « Arthur gelangte übrigens nicht so schnell in den oberen Stock ; je höher er stieg , desto mehr Gedanken häuften sich auf sein Herz und hingen sich schwer an seine Schritte . Er gedachte jenes Abends , wo er an des Grafen Stelle das junge Mädchen empfangen , er bemühte sich , die Figur derselben auf ' s Genauste in seiner Phantasie festzustellen , und nachdem er das zum ersten Mal seit jenem Vorfalle ruhig gethan , begriff er selbst nicht mehr , daß er Jene mit Clara habe verwechseln können . Dann dachte er auch eifrig darüber nach , wo er sie nach jenem Abende wieder gesehen und ob er da wohl eine Spur von Befangenheit , irgend etwas Verlegenes in ihrem Betragen gegen ihn bemerkt . Ach ! er erinnerte sich jetzt genau , daß sie ihm den andern Tag mit offener Stirn und ehrlichem Blick wie immer entgegen gesprungen war , daß sie ihm freudig beide Hände dargereicht und daß sie darauf schüchtern wie immer und halb erröthend seinen etwas stürmischen Kuß geduldet . - Ach ! und diese süßen Küße , er hatte sie so lange entbehren müssen , er hatte so lange nicht mehr in ihr gutes , liebes Auge geblickt ! Jetzt kam ihm sein ganzer Argwohn wie ein Wahnsinn vor , jetzt konnte er es nicht begreifen , warum er nicht gleich offen und ehrlich mit Clara gesprochen , ihr seine Unterredung mit dem Grafen Fohrbach mitgetheilt und ihr gesagt : wie kann das zusammenhängen ? Noch viel weniger aber begriff er , daß er nicht gleich nach jenem schrecklichen Tage , wo er sie zum letzten Mal an der Leiche der unglücklichen Marie gesehen , zu der Wundel geeilt war , die ihm von Madame Becker als Unterhändlerin genannt worden war . Kopfschüttelnd und unzufrieden mit sich selbst stieg er die Stufen hinauf . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Clara hatte sich wieder an ihre Arbeit niedergesetzt , sobald Therese vorhin das Zimmer verlassen . Doch wollte ihr dieselbe nicht mehr so von der Hand gehen wie vor der Unterredung . Sie war in den letzten Tagen ruhiger geworden , sie hatte die Erinnerung an jene schreckliche Stunde gewaltsam zurückgedrängt , und diese trat nun zugleich mit dem stärkeren Klopfen ihres Herzens allmählig wieder lebendiger und schrecklicher vor sie hin . Warum hatte sie sich von jenem Augenblick überwältigen lassen , warum hatte sie , statt seinen Vorwürfen gegenüber zu schweigen , nicht ruhig eine Erklärung verlangt über das , was er ihre Treulosigkeit genannt ? - Sie wußte es selbst nicht . Es war vielleicht eine richtige Eingebung des Moments gewesen , es war ihr weiblicher Stolz , der sich im Gefühle gekränkter Unschuld dagegen empört hatte . Ach ! und wie hatte sie gelitten nach jener Unterredung ; wie war ihr die ganze Zukunft finster erschienen , wie alles Glück von ihr gewichen - und nirgends , nirgends ein Hoffnungsstrahl ! Jetzt - sie wußte selbst nicht warum - regte sich in ihrem Herzen ein Gefühl , als sei vielleicht noch nicht Alles verloren , als würde die Nacht in ihrem Gemüthe nicht ewig währen , als könne auch für sie noch ein neuer Tag anbrechen , nochmals die Sonne hell und glänzend aufsteigen . Herr Staiger , der vor sich seine Tochter in tiefen Träumereien sah , hatte die Feder wieder ergriffen und schrieb langsam fort , nicht ohne zuweilen einen Blick auf Clara zu werfen . Die Kinder hatten während des Besuchs diesen aufmerksam betrachtet und Marie hatte zum großen Ergötzen des Bübchens den Gang und die Haltung der zukünftigen Madame Berger nachgeahmt , worauf sich Karl veranlaßt sah , die Rolle des Armenpflegers zu übernehmen . Er knöpfte sein Jäckchen bis unter das Kinn zu , holte sich des Vaters Hut aus der Ecke und schaute unverwandt in denselben hinein , wobei er so steif als möglich auf und ab ging . Dann nahm er einen kleinen Fußschemel , trug ihn zwischen Vater und Clara an den Tisch und setzte sich selbst darauf , wobei er die Haltung des Herrn Berger auf so komische Art karrikirte , daß der Vater , der zufällig aufblickte , laut und herzlich zu lachen anfing . Auch Clara , die hierdurch aus ihren Träumen aufgeschreckt wurde , mußte lächeln , als sie die kleine Figur vor sich sitzen sah , die , den Kopf steif in die Höhe haltend , sie unverwandten Blicks betrachtete . » Es ist eigentlich nicht schön von dir , Karl , « sagte der alte Mann , » daß du Leute nachmachst , die uns besuchen . Man nennt das : Jemand verspotten ; und aller Spott thut weh . « » Aber ich will Niemand verspotten , « sagte das Bübchen , » ich habe nur Clara zum Lachen bringen wollen , denn sie schaut immer so betrübt vor sich hin und bekümmert sich gar nicht mehr um mich . « » Das kannst du gewiß nicht sagen , « erwiderte Clara , indem sie die Arme in den Schooß sinken ließ , » ich bekümmere mich um dich gerade so viel wie sonst . « Der Kleine schüttelte mit dem Kopfe . » Nicht ? « fragte Clara , » und warum glaubst du das ? « » Du spielst nicht mehr mit mir , « sagte Karl . » Du hast mir schon lange nicht mehr aus dem Bilderbuche vorgelesen , auch keinen Schlitten mehr gemacht und die Bilder , die mir Herr Arthur geschenkt , willst du gar nicht mehr ansehen . « Als Clara hierauf schwieg , sprach Herr Staiger : » Das wird Alles wieder kommen ; Clara wird dir wieder Schlitten machen und auch wieder die Bilder ansahen . « » Aber Herr Arthur hat lange keine Bilder mehr gebracht , « meinte Marie , die hinzugetreten war . » Warum läßt er sich nicht mehr sehen ? « » O ich hab ' ihn gestern gesehen , « sprach eifrig das Bübchen . » Du wirst dich irren , « versetzte Clara , indem sie erröthend mit dem Kopfe schüttelte . » Nein , ich irre mich nicht ! Er stand gestern am Ende unserer Straße ; ich konnte ihn von der Hausthüre aus gut sehen . « » Und warum riefst du ihm nicht ? « fragte Marie . » Als ich das thun wollte , ging er gerade fort , « versetzte Karl . » Er muß mich nicht gesehen haben . « » Gewiß , so ist es , « meinte Clara traurig , » er hat dich nicht gesehen . Er weiß nicht mehr , daß wir hier wohnen . « So ruhig sie dies anscheinend sagte , so stockte doch ihr Athem , als sie die Worte aussprach , ihre Augen füllten sich mit Thränen , und sie war nicht im Stande , den bunten Faden , den sie in der Hand hielt , einzufädeln . Dienstfertig drängte sich die kleinere Schwester näher , und als sie ihr Faden und Nadel aus der Hand genommen hatte , was Clara ruhig geschehen ließ , faßte diese mit ihren beiden Händen den Kopf des jungen Mädchens und drückte ein paar innige Küsse auf das blonde Haar desselben . Diesen Moment mochte Karl nicht so vorbei gehen lassen ; er sprang von der andern Seite an den Stuhl der Schwester , faßte sie mit dem Arm sanft um den Leib und sagte , er wolle auch eine Nadel einfädeln , um einen Kuß zu bekommen . Clara hatte sich gerade in herzlicher Liebe zu ihm niedergebeugt , hatte ihn wiederholt auf die kleinen frischen Lippen geküßt und ihn nothgedrungen zu sich emporgehoben , da er sich an sie hing und seine Arme um ihren Hals geschlungen hatte , wobei er lauter jubilirte und lachte als gerade nothwendig war , als die junge Tänzerin sah , daß ihr Vater sich mit einer Verbeugung eilig vom Tische erhob und der Thüre zuschritt , welche langsam geöffnet wurde . Auch vernahm sie eine Stimme , welche sagte : » Bitte um Entschuldigung , aber ich klopfte mehrmals , was man wahrscheinlich nicht gehört hat . « Es war eine ältliche Dame , von der diese Worte ausgingen , in einfacher Kleidung , der man aber ansah , daß sie den höheren Ständen angehörte . Sie hatte ein ernstes , würdevolles Gesicht , eine etwas spitze Nase und lebhafte graue Augen , mit denen sie aufmerksam das Zimmer und namentlich die Gruppe am Tisch zu betrachten schien . Der armen Clara war es zu Muthe , als träte das Verhängniß in Person , Vergangenheit und Zukunft , drohend vor sie hin . Sie hielt das Bübchen fest in ihren Armen , ja sie drückte es an sich und zwar so , als wollte sie Schutz bei demselben suchen vor etwas Erschrecklichem , was in der nächsten Sekunde über sie hereinbrechen müsse . Sie kannte die alte Dame wohl , obgleich sie nie ein Wort mit ihr gewechselt . Aber mit welchem Interesse hatte sie dieselbe betrachtet in der Kirche , auf der Straße , im Theater , wenn die Tänzerin an der uns bekannten Oeffnung im Vorhange stand und nicht davon wegzubringen war , wenn die Dame droben in ihrer Loge saß ! Da war sie wie festgebannt und mußte unverwandten Blickes hinaufsehen . O sie waren so kalt und theilnahmlos , diese Züge , nicht eine Miene bewegte sich in dem Gesicht , kaum merklich nickte sie rechts oder links , wenn sie auf einen ganz ergebenen Gruß dankte . Ja , wenn sie gesprochen , so wischte sie sich mit ihrem Sacktuch die Lippen ab , und wenn sie längere Zeit stillschwieg , was meistens vorkam , so hielt sie die spitzen Finger der linken Hand unbeweglich auf die Logenbrüstung . Wie oft hatte sie ihn - Arthur - über diese Frau gefragt , ob sie zu Haus auch so einsilbig und verdrießlich sei , ob sie denn nie freundlich spreche oder gar lache , und es hatte sie ein kleiner Schauder überflogen , ja ein Schauder , trotzdem es sie auch glücklich gemacht hatte , wenn er zu ihr sagte : » Du wirst sie ja noch kennen lernen , Clara .