endlich zu einer würdigen Abklärung ihres Lebens , zu Ueberzeugungen durchgedrungen schienen , mit denen man sich einverstanden zu erklären vermochte . Wie durfte der Neffe auch an der ehrlichen Wandlung und sittlich-patriotischen Erhebung seines Oheims zweifeln , wenn der König , in dessen unbedingter Verehrung der junge Freiherr auferzogen und den er gewöhnt worden war , als die irdische Verkörperung der höchsten Gerechtigkeit zu betrachten , den Grafen zu Gnaden angenommen und ihn mit einem seiner höchsten Orden ausgezeichnet hatte ? Der Autoritätenglaube , welchen er zu den Pflichten seines Standes zählte , zwang den Freiherrn , das eigene Urtheil der Ansicht seines Königs unterzuordnen , und anzuerkennen , gelten zu lassen und zu verehren , was dem Landesherrn , dessen menschliche Beschränktheit doch natürlich stets auf fremdes Urtheil , auf fremde Angaben zurückzugehen sich genöthigt sah , von Dritten als ein Ehrenwerthes und als der Anerkennung würdig geschildert worden war . Sein Vertrauen in des Oheims Einsicht steigerte sich beständig , und die mannigfache Kenntniß , welche derselbe von allen praktischen Dingen zu haben schien , überraschte den Neffen . Auch über Tremann ' s Angelegenheiten zeigte der Graf sich völlig unterrichtet . Er erzählte , wie Tremann von der Flies das von Arten ' sche Grundstück in der Hauptstadt an sich gebracht , wie er es parzellirt , wie er die Bewilligung erhalten habe , hinten im Garten dem Wasser entlang eine Straße anzulegen , und wie er sich dadurch nicht nur aus einer bedenklichen Verlegenheit gerettet , sondern auch ein namhaftes Capital gewonnen und seinen großen Credit aufrecht erhalten habe . Sie haben sich , sagte der Graf , zusammengethan , wie ich neulich hörte , als ich einmal ausnahmsweise , denn ich liebe meine eigene Küche , mit einem Bekannten im Hôtel zu Mittag aß ; sie haben sich zusammengethan , Euer Steinert , dieser Tremann und der Baurath Herbert . Sie sind es , die ihre Absichten auf Neudorf und auf Rothenfeld gerichtet haben . Sie wollen bei Euch in der Provinz , wo der Boden und der Arbeitslohn noch billiger sind als hier , Fabriken anlegen , Oelund Zuckersiedereien , und , was weiß ich , was sonst noch Alles . Steinert , der Marienfelde schon besitzt , soll so viel als möglich von dem Rohprodukte auf eigenem , den Fabriken gehörendem Boden erzielen . Herbert übernimmt die Bauten . Steinert ' s Sohn haben sie ein Jahr hindurch in England gehabt und nun nach Amerika hinübergeschickt , damit er sich in dem Fabrikwesen umsehen solle , und Tremann , der jetzt hier bereits wieder zu den großen Firmen zählt , findet für jede seiner Unternehmungen Theilnehmer und Capital , wobei denn , wie sich das nach Meinung dieser Leute wohl gebührt , dem Erfinder der Löwenantheil anheimfällt . Die Continentalsperre hat sie alle klug gemacht , und was wir Bonaparte auch nachzutragen haben , die Industrie des Festlandes hat er mit einem Federzuge um Jahrhunderte gefördert . Der Graf erwähnte darauf noch in derselben abfertigenden Weise verschiedener anderer Gewerbtreibenden , die in kurzer Zeit große Vermögen erworben hatten ; aber Renatus hörte es nicht mehr . Es war ihm unheimlich , zu denken , wie Andere sich bereits Rechnung auf Gewinn von dem Ertrage seiner Güter machten ; und wie sich in solcher Lage die Vorstellungen dem Menschen leicht zum Bilde verkörpern , kam er sich wie ein von Jägern vorsichtig umstelltes Wild vor , dem zwar die freie Bewegung innerhalb des Reviers , aber kein Entrinnen mehr vergönnt ist . Er sah sich im Geiste schon auf Richten eingebannt , von Neudorf und Rothenfeld qualmte der Rauch aus den Schloten der Oelmühlen und Zuckersiedereien , er meinte den Donner der Minen zu hören , mit denen man in den Steinbrüchen hinter Neudorf die Felsen sprengte , und von seinem Mißempfinden fortgerissen , rief er : Wenn ich mir denke , daß diese Compagnie sich bei uns einzunisten denkt .... Wo denken sie sich denn nicht einzudrängen ? erwiederte mit lachendem Achselzucken der Graf . Und vor Allen dieser Monsieur Tremann ! Da - er stand auf , ging an seinen Schreibschrank , schob einige Papiere , die auf demselben lagen , mit rascher Hand zur Seite , und seinem Neffen ein Blatt hinhaltend , fügte er hinzu : Da , lies einmal , welch eine Epistel ich heute von dem Patron erhalten habe . Renatus that , wie Jener begehrte ; indeß die Wirkung des Schreibens war eine andere , als der Graf erwartet haben mochte , denn mit sichtlicher Mißbilligung fragte sein Neffe : Aber wie konnte das auch geschehen ? wie konnte die Person zu diesen Briefen kommen ? Da Sie ihr dieselben nicht gegeben haben können , so muß sie sie entwendet haben . Was werden Sie denn thun ? Was ich thun werde ? lachte der Graf , Nichts ! Ich werde dem Herrn Tremann die Zeit vergönnen , den Landwehr-Major zu vergessen , der ihm noch im Kopfe spukt , und sein Arten ' sches Blut , an das er sicherlich auch mit Vergnügen denkt , allmählich zu beruhigen . Wenn man als verständiger und gewiegter Mann sich noch um solche Jugendsünden kümmern sollte , da hätte man viel zu thun , vorausgesetzt , daß man ein Paar rothe Backen besessen und gesunde Glieder in der Uniform gehabt hat . - Aber den Scherz bei Seite ! Du denkst doch hoffentlich jetzt nicht daran , Deine Angelegenheiten diesem Tremann noch länger zur Ausbeutung zu überlassen ? Renatus sagte , wie Tremann selbst gefordert habe , daß er ihn davon entbinden möge . So thue es , je eher , desto lieber ! sprach der Graf . Du bist jetzt hier , gehst jetzt nach Hause . Sieh ' Dir an , wie die Verhältnisse dort sind , und da ja zwischen heute und morgen nichts entschieden zu werden braucht , so kann man überlegen , was zu machen ist . Bringe mir die Berichte einmal her , vielleicht vermag ich etwas für Dich zu thun . Ich komme im Frühjahre in unsere Provinz . Der Regierungs-Präsident , der Direktor der Landschaft sind alte Freunde von mir . Man muß die Dinge nur anzufassen , höchsten Ortes richtig darzustellen wissen ! Es geht Unsereinem nicht gleich an Hals und Kragen , und wenn man sich bei Anlaß Deiner Hochzeit an die rechte Stelle wendet , so kommt man Dir , da Hildegard und die Mutter sehr geschätzt sind , wohl zu Hülfe . Sind wir denn Hans und Kunz , daß wir uns nur mit so brutalen Mitteln wie Krethi und Plethi aus der Affaire ziehen könnten ? Der Graf war bei diesen Auseinandersetzungen äußerst heiter geworden . Das wirkte auf Renatus vortheilhaft zurück . Nach kurzer Berathung kamen der Oheim und der Neffe dahin überein , daß der junge Freiherr gleich jetzt an Tremann schreiben und die sofortige Aushändigung der Geschäftsakten und Dokumente begehren solle , weil Renatus sie mit sich zu nehmen wünsche . Das brachte die Unterhaltung denn auch auf die Abreise des Freiherrn , und der Graf rieth ihm mit einer gewissen Dringlichkeit , dieselbe zu beschleunigen und auch seine Hochzeit so bald als möglich zu begehen . Da dies seinem Neffen beides auffiel , sagte Jener unumwunden , Renatus möge nicht vergessen , daß er gegenwärtig der letzte Arten sei und daß er seinem Hause schulde , endlich für die Erhaltung dieses alten Geschlechtes Sorge zu tragen . Nebenher sei Hildegard durch den langen Brautstand muthlos und an sich selber irre geworden , habe ein Mißtrauen in Renatus ' Zuneigung zu ihr , und es sei auch für Renatus selber nöthig , daß er sich von dem Gerede frei mache , das über ihn im Gange sei . Der junge Freiherr fuhr auf . Er begehrte zu wissen , was das sagen wolle ; sein Oheim suchte ihn zu beschwichtigen , und da Jener in ihn drang , meinte der Graf , er selber habe nicht recht dahinter kommen können , um was es sich dabei handle . Graf Stammburg , der Attaché der preußischen Gesandtschaft , welcher dieser Tage mit Privat-Depeschen von London angekommen sei , habe das Gerücht von einem Liebeshandel , einem Bekehrungsplane , einer Verführungs- oder Entführungsgeschichte hierhergebracht , in welcher der Name eines katholischen Geistlichen mit Renatus ' Namen und dem Namen der bekannten Schönheit , der Gräfin Haughton , wunderlich verschlungen zu gleicher Zeit genannt worden wären . So viel stehe fest , daß die englische Gesellschaft die Gräfin zurückgewiesen , daß sie sich auf ihre Güter begeben habe und in das Ausland zu gehen beabsichtige . Käme sie bei ihrer Reise etwa nach Berlin , so sei es , was auch immer zwischen ihr und dem Freiherrn vorgegangen wäre , gewiß das Beste , wenn derselbe bei ihrer Ankunft nicht in der Hauptstadt und wo möglich schon vermählt sei , um sich damit gegen seine eigenen Erinnerungen wie gegen die möglichen Ansprüche der Gräfin eine Schutzwehr zu bereiten . Renatus war sehr betroffen . Er konnte es nicht ertragen , von sich und von Eleonoren in solcher Weise sprechen zu hören oder einen Verdacht gegen seine Ehre auf sich sitzen zu lassen . Um sich zu rechtfertigen , erzählte er dem Oheim seine Erlebnisse bis in ihre kleinsten Einzelheiten , und es war lange nach Mitternacht , als die Beiden noch bei einer Flasche Wein beisammen saßen . Der Graf war ein vortrefflicher Zuhörer . Er verstand zu fragen , sprechen zu lassen und zu schweigen . Als Renatus aber alle seine Mittheilungen geendet und dem Grafen selbst sein erkaltetes Empfinden für seine Braut nicht verborgen hatte , rieth dieser ihm nur noch entschiedener , gleich an einem der nächsten Tage nach seiner Heimath aufzubrechen . Er pries Hildegard in gewohnter Weise auf das wärmste , meinte , jedes Feuer erlösche , wenn man es zu lange ohne Nahrung lasse . Auch Renatus brauche nur in der Nähe seiner Braut zu sein , um die alten Flammen wieder auflodern zu fühlen . Dazu gab er ihm des Königs bekannten Widerwillen gegen alles , was irgend nach einem romantischen Abenteuer aussähe , zu bedenken . Es sei nicht rathsam , meinte er , wenn der König jetzt zum ersten Male von Renatus , gerade auf Anlaß eines so vieldeutigen Gerüchtes , sprechen höre , ohne daß man durch den Hinweis auf seine nahe Vermählung mit einer ihm von Jugend auf verlobten Braut jene Verdächtigungen entkräften könne . Für die Herstellung von Renatus ' Vermögen und Besitz sei des Königs Gunst die erste und die einzige Bedingung , und die Gräfin Rhoden , die Mutter wie die Töchter , besäßen diese Gunst . Der Graf kam allmählich auch auf die Baronin Vittoria zu reden , erwähnte mit Bedauern , daß sie seinen verstorbenen Schwager wohl manche unangenehme Erfahrung habe machen lassen , und meinte , da heute einmal zwischen ihnen Alles , wie es sich zwischen so nahen Blutsverwandten und zwischen Männern zieme , welche die Welt und das Leben kennen gelernt hätten , durchgesprochen würde , so wolle er Renatus denn auch vertrauen , daß er in Bezug auf dessen Stiefmutter ein sehr wichtiges Dokument besitze . Es sei ein Brief , der Brief eines im Felde gebliebenen italienischen Offiziers an die Baronin . Er , der Graf , sei sonst , wie Renatus es heute gesehen habe , eben kein sorgfältiger Aufbewahrer von Papieren , indeß dieses sei ihm doch der Mühe werth erschienen , und da man nicht wissen könne , wie Alles sich einmal im Leben füge , so sei er bereit , es Renatus auszuhändigen . Die Mittheilung kam dem Freiherrn höchlich unerwünscht . Sein Schamgefühl wie sein Ehrgefühl lehnten sich gegen diese Enthüllung des Verrathes auf , welchen Vittoria gegen seinen Vater begangen hatte ; und daß ein Anderer , als eben er und sein verstorbener Vater , sich das Recht zuerkennen durfte , seine Stiefmutter zu verurtheilen , that ihm auch um ihretwillen weh . Wäre er seiner ersten Eingebung gefolgt , so würde er das Anerbieten von sich gewiesen haben , aber die flüchtigste Ueberlegung ließ ihn erkennen , daß ein Zeugniß gegen die Baronin , gegen die Frau , die seines Vaters Gattin gewesen war und seines Hauses Namen trug , nicht in fremden Händen bleiben dürfe ; und sich überwindend , sagte er so ruhig , als er es vermochte , daß er es seinem Onkel natürlich nur Dank wissen könne , wenn er ihm den Brief abtreten wolle . Der Graf holte ihn also sofort herbei . Der Zufall spielt oft wunderbar , meinte er . Ein Italiener , der uns hier zur Zeit des russischen Feldzuges im Hause erkrankte und am Typhus starb , hatte das Blatt an Vittoria in seiner Brieftasche . Die Weißenbach , welche des Kranken gewartet und dann später sein Hab und Gut an sich genommen hat , brachte mir das Schreiben . Es war in der That nur ein einzelnes Blatt , wie man es aus einer Schreibtafel herausreißt , los zusammengelegt , mit Bleistift geschrieben , die Buchstaben und die Zeilen unregelmäßig ; man mußte annehmen , daß ein Kranker , ein Sterbender sie hingeworfen hatte . Die Aufschrift aber war von einer anderen Hand . Sie trug in festen , sichern Lettern Vittoria ' s Namen mit genauer Angabe ihres Wohnortes und der Stadt , in deren Nähe Schloß Richten gelegen war . Ohne den Neffen anzusehen - und diese Rücksicht wußte Renatus sehr zu würdigen - reichte er ihm über die Schulter hin das Blatt . Wer weiß , wie Du es einmal brauchen kannst , Deine Stiefmutter im Zaume zu halten , sagte er . Ich habe , wie ich Dir bekennen will , durch die bloße Andeutung , daß ich von dem Dasein eines solchen Briefes wisse , Ruhe und Frieden in Richten geschafft , und die Gräfin und Hildegard haben mich seitdem für einen großen Psychologen , ja , für einen halben Zauberer angesehen . Du wirst viel zu schlichten und zu schaffen finden , denn auch der Junge ist ein wahrer Satan , aber vielleicht auch ein Genie , und wenn Du etwa von dem Briefe einmal Gebrauch zu machen denkst .... Das werde ich niemals ! fiel Renatus ihm in die Rede . Hüte Dich , mein Lieber ; man soll so etwas nicht sagen ! meinte der Graf . Das Leben nimmt uns oft sonderbar beim Worte ! Es entstand eine Pause ; Renatus schickte sich zum Fortgehen an . Der Graf fragte ihn , wann er nach Hause zu reisen denke , und er entgegnete , daß er schon morgen aufbrechen möchte , daß er jedoch erst noch einmal zu Tremann gehen und seine Papiere an sich nehmen müsse . Der Graf hingegen meinte , daß Renatus deßhalb ja nicht noch einmal mit Tremann zusammen zu kommen brauche , sondern daß diese Sache sich auch schriftlich abthun lasse ; und nach kurzem Hin- und Widerreden kamen sie überein , daß der Graf gleich jetzt zwei Zeilen an Tremann schreiben solle , um dem Neffen ein neues unwillkommenes Begegnen zu ersparen . Der Graf , der es unter der Franzosenherrschaft wohl gelernt hatte , rasch und gewandt mit der Feder umzugehen , setzte sich sofort an seinen Schreibtisch nieder . Warte , sagte er , dabei kann ich ihm gleich auf seinen ritterlichen Brief von diesem Morgen die ihm gebührende Antwort vergönnen . Als er geendet hatte , bot er seinem Neffen das Billet zur Ansicht dar . Es lautete : » Mein Neffe , der Freiherr Renatus von Arten-Richten , welchen der Wunsch , seine Heimath und seine Braut baldmöglichst wiederzusehen , zu beschleunigter Abreise veranlaßt , hat mich beauftragt , die sämmtlichen in Ihrem Gewahrsam befindlichen , ihm zustehenden Papiere und Dokumente von Ihnen zurückzufordern . Ich ersuche Sie also , mir dieselben gegen einen von dem Freiherrn unterzeichneten Empfangsschein zustellen zu lassen . Bei dieser Gelegenheit bemerke ich zugleich auf Ihr Schreiben von heute früh , daß es mir gegen die Ehre und gegen die sittliche Pflicht eines jeden Mannes zu verstoßen scheint , entwendete Papiere käuflich an sich zu bringen , daß es aber fern von mir ist , Sie deßhalb zu einer Rechenschaft zu ziehen , da jene mir entwendeten Briefschaften völlig werthlos für mich sind . « Der Graf sah , daß die letzten Zeilen dieses Briefes nicht nach dem Sinne seines Neffen waren , aber er wußte dem Ausdrucke dieses Mißfallens vorzubeugen . Man muß diesen Herren doch gute Sitten lehren , sagte er spöttisch , und ihnen zeigen , wie ein Cavalier mit Ihresgleichen umzugehen hat . Sie möchten sich am liebsten auch in der Gesellschaft in Reihe und Glied mit Unsereinem stellen , weil sie einmal im Felde neben uns gestanden haben . Aber die Tage folgen einander und gleichen einander nicht ! wie die Franzosen richtig sagen . Er ersuchte Renatus darauf , ihm den Empfangsschein , dessen er für Tremann benöthigt war , zu schreiben . Sie verabredeten , daß sie am nächsten Tage noch zusammen speisen wollten , und Renatus , der von der Menge der verschiedensten Eindrücke aufgeregt war , trug jetzt selbst ein Verlangen , nach Richten zu kommen , um seine Zustände und Verhältnisse einmal durch eigene Anschauung und Erfahrung zu prüfen und wo möglich zu einem Abschlusse zu bringen , der es ihm vergönnte , sich in Ruhe auf sich selber zu besinnen . Viertes Buch Erstes Capitel » Die Tage folgen einander und gleichen einander nicht ! « wiederholte sich der Freiherr , als er in seiner Reisekalesche einsam durch die tief verschneiten Haiden gen Osten nach seiner Heimath fuhr . Er empfand das jetzt noch lebhafter , als es sich ihm bei seiner Reise durch Deutschland dargestellt hatte . Gerade sechs Jahre waren es her , seit er mit dem preußischen Contingente , am Ausgange des Winters , denselben Weg gegangen war ; aber sie waren dahin , die jugendlichen Liebes- und Ruhmesträume , welche ihm damals die Brust geschwellt hatten . Ihm winkte jetzt nicht mehr das Wiedersehen mit seinem Vater , nicht mehr die Aussicht , mit seinen fröhlichen Kameraden in seiner Väter Schloß heitere Tage zu verleben , und Vittoria und ihren Sohn in Freuden zu umarmen . Er war noch jung genug , indeß die großen Ereignisse , die ungewöhnlichen Schicksalswechsel , die er an sich hatte vorüberziehen sehen und in denen er selbst betheiligt gewesen war , die Gefahren und Nöthen , die er überstanden , die Vorgänge in seiner Familie und namentlich die Erfahrungen , die sich ihm in Paris in den letzten Wochen und Monaten aufgedrängt hatten , machten , daß er sich älter , in der That weit älter dünkte . Dazu trat die Sorge jetzt nahe und näher an ihn heran . So lange er in Frankreich gewesen war , hatte er sie wie eine ferne , weit entlegene Gebirgsreihe nur in unbestimmten umrissen und nur gelegentlich vor sich gesehen . Jetzt , da er sich auf der altbekannten Straße wiederfand , da jede Station ihm eine halbvergessene Erinnerung wachrief , tauchte auch die ganze Kette seiner Sorgen immer deutlicher vor ihm empor , und er konnte , wohin er den Blick auch wendete , es nicht hindern , daß sie sich hoch und höher aufzuthürmen schienen , bis er sich endlich wie von ihnen umringt und seinen ganzen Horizont von ihnen in einer Weise eingeschlossen fühlte , daß es ihm jeden freien Ausblick hemmte und ihm den Athem einzuengen drohte . Was ging ihm nicht alles durch den Kopf ! - In diesem Gasthofe war er gewesen , als er mit seinen Eltern , in Begleitung der Herzogin , nach der Stadt gefahren war . Er erinnerte sich , wie man ihn in den Wagen der Herzogin gebracht hatte , damit die Mutter Ruhe hätte , und wie heiter sein Vater an dem Tage gewesen war . Vor jenem Kruge hatte man ihm auf der Rückreise zu trinken geben lassen , und der Krüger hatte nach der Frau Baronin gefragt , die unter Seba ' s Obhut mit dem Caplan in der Stadt schwer krank zurückgeblieben war . Nun lebten sie alle nicht mehr : nicht sein Vater , nicht seine Mutter , nicht der Caplan und nicht die Herzogin ! Und wie ihm das auch weh that , sie konnte er nicht beklagen . Das Leben dünkte ihm kein so großes Glück . Brauchten sie alle es doch nicht zu hören , was er von Tremann und von dem Grafen hatte hören müssen ! Er dachte mit einer zärtlichen Genugthuung daran , daß sie mit weniger beschwertem Sinne , als er , durch ihr Dasein gegangen waren , und daß nur er allein die Erbschaft ihrer Sorgen auf sich nehmen mußte . Sie hätten denselben zu stehen nicht mehr vermocht . Vor dem Hause , vor welchem er auf seinem eiligen Ritte nach dem väterlichen Schlosse damals , als er seinem Regimente Quartier bestellen wollte , mit Steinert zusammengetroffen war , mußte er auch jetzt wieder verweilen . Man hatte die Posthalterei dahin verlegt , es war die letzte Station , auf der er seine Pferde wechselte . Der Posthalter , der den jungen Freiherrn trotz der sechsjährigen Entfernung augenblicklich wiedererkannte , bewillkommte ihn mit lebhaftem Zuspruche . Wie vor sechs Jahren , hatte Renatus jedoch auch jetzt keine Neigung , darauf einzugehen . Jetzt wie damals fürchtete er , irgend welche ihm unwillkommene Berichte zu vernehmen , denn Gutes war ihm von Hause schon seit langer Zeit nicht mehr gekommen . Und sich wie Einer , der geschlafen hat und weiter zu schlafen denkt , tief in die Wagenecke zurücklehnend , befahl er , sobald die Pferde vorgelegt waren , weiter zu fahren . Es war noch früh am Morgen , als das Schloß sich vor seinen Augen erhob . Die Stattlichkeit desselben freute ihn , da er es jetzt zum ersten Male als sein Eigenthum begrüßen sollte , aber seine Besitzesfreude war nicht rein . Wehmüthige Erinnerungen und schwere Sorgen warfen ihre trüben Schatten über sie . Man hatte am verwichenen Tage die Kalesche des Freiherrn auf Kufen gesetzt und die Räder untergebunden , denn der Schnee lag hier noch auf dem ganzen Lande fest . Er reichte vor den niedrigen Häusern der Insassen bis an die halbverstiemten kleinen Fenster hinauf . Nun steckten aus den Thüren sich hier der Kopf einer Alten , dort ein paar Kindergesichter unter ihren dicken Pelzmützen hervor , als mit dem Schalle des Posthorns zugleich das Klingeln der Schlittenschellen ertönte , und der Schlitten , von den starken Gäulen fortgezogen , eilig durch das Dorf fuhr . Die winterliche Einsamkeit , das Anschlagen der Hunde , das sich von Hof zu Hof fortsetzte , bis es aus dem Bereiche des Schlosses an des Freiherrn Ohr klang , hatten etwas Melancholisches für ihn , dem jetzt seit Jahren das belebte Treiben der heitersten aller Städte zu einer lieben Gewohnheit geworden war . Da er sich in Berlin so plötzlich zum Aufbruche entschlossen und auch seine Abreise von Paris schneller , als er es erwartet hatte , gekommen war , konnte man hier in Richten natürlich auf seine Ankunft noch nicht vorbereitet sein . Das eiserne Gitter in dem Hofthore war geschlossen , kein Laden in beiden Stockwerken geöffnet . Man hätte das Schloß für unbewohnt ansehen können , wäre nicht aus den Schloten der Rauch emporgestiegen . Der Postillon ließ auf ' s Neue sein Horn erklingen , um Einlaß zu erhalten . Der Freiherr betrachtete während dessen , wie der graue Rauch , von der Sonne erhellt , an dem lebhaft gefärbten Himmel in graden , sich kräuselnden Säulen in die Höhe stieg , die Gegend , das Klima , sein Schloß und sein ganzer Zustand kamen ihm plötzlich so fremd , so wenig als zu ihm gehörend vor , daß er über die Gleichgültigkeit erschrak , mit der er , hier umherschauend , auf das Oeffnen seines Hauses wartete . Der Bursche , der das Thor aufmachte , kannte den Freiherrn nicht . Er war noch ein Knabe gewesen , als Renatus fortgegangen war . Aber der Stallknecht , der hervorkam , riß voll freudiger Bestürzung seine Mütze von dem Kopfe und rief , während er sich mit den Händen gegen die Lenden schlug , dem Schlitten nachlaufend : Der Herr ! Herr Jesus , unser junger , gnädiger Herr ist da ! der Herr ist da ! Der Ruf brachte im Hofe Alles schnell in Bewegung . Der Kutscher , ein Paar der andern Leute eilten nach der Rampe . Die Thüre des Schlosses ward rasch aufgemacht , es kamen ein Diener , einige Mägde zum Vorschein , man umringte Renatus , man küßte ihm die Hände , aber es waren lauter fremde Gesichter . Nicht Einer von den Leuten , die früher im Schlosse gewesen waren , fand sich unter den Begrüßenden , so daß es dem Schloßherrn endlich eine wirkliche Erquickung war , als Vittoria ' s italienische Kammerfrau , ihr rothseidenes Tuch wie sonst um das dicke , schwarze Haar geschlungen , aus einem der unteren Zimmer zum Vorschein kam . Wo ist die Signorina ? fragte Renatus lebhaft , und der bloße Klang dieses einen Wortes erwärmte ihm das Herz . Hier , Signor , hier ! Im Bette ! Sie schläft noch , aber sie wird glücklich sein über ein solches Erwecktwerden ! Kommen Sie , kommen Sie , Herr Baron ! Wie glücklich wird meine Signorina sein ! Die treue Seele ließ dem Freiherrn kaum die Zeit , sich seines Pelzes und seiner Reisestiefel zu entledigen ; dann ihn mit sich fortziehend , öffnete sie die Thüre von Vittoria ' s Gemach und meldete mit ihrer starken , lauten Stimme : Signora , liebe Herrin , unser Herr ist da ! Unser junger Herr , unser Herr Baron ! Das Feuer brannte hell im Kamine , Gaetana riß die Fensterläden auf , daß die emporkommende Sonne durch die gefrorenen Scheiben blendend hell hineinschien , und von dem grellen Lichte schnell erweckt , richtete Vittoria sich auf ihrem Lager rasch empor , sah den Eintretenden mit ihren mächtigen Augen voll Erstaunen an und rief dann , ihm ihre Arme entgegenbreitend : Renatus , lieber Renatus , mein Sohn , mein Freund ! Aber welche Freude , aber welch ein Glück ! Sie konnte sich nicht genug thun . Er hatte sich zu ihr niedergebeugt , sie nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn wieder und wieder . Wie Du schön geworden bist , wie groß , wie stark ! sagte sie Mal auf Mal , und wenn sie ihn von sich entfernt hatte , als könne sie ihn nun besser betrachten , so zog sie ihn wieder zu sich heran , um ihn auf ' s Neue zu umarmen . Plötzlich aber brachen ihre Thränen gewaltsam hervor , und die Augen verhüllend , sprach sie : Ich glaubte , ich sei alt , sehr alt ! Aber nur ein Bißchen Hoffnung , nur ein Sonnenstrahl des Glückes , und das Leben und die Jugend sind wieder da ! - O , ich bin jung wie Du , seit ich Dich wiedersehe ! Ehe er es hindern konnte , hatte sie in der Freude seines Herzens seine Hand ergriffen und an ihre Lippen gedrückt . Ihre Warmherzigkeit , die Rückhaltlosigkeit , mit welcher sie sich an ihre Empfindung hingab , bezauberten Renatus , und wie ihr in der lebhaften Bewegung das seidene Tuch vom Haupte glitt , daß die Fülle ihres schwarzen Haares sie und ihr volles , marmorfarbiges Gesicht umfloß , übte auch ihre Schönheit den alten , lieben Reiz auf ihren Stiefsohn aus . Sie fragte nach seinem Ergehen , aber sie fragte , wie es die Weise ihres phantastischen Sinnes war , bald nach Diesem , bald nach Jenem . Er sollte erzählen , und doch war sie es , die ihm erzählte , wie traurig , wie verlassen sie hier im Schlosse lebe , wie schön Valerio geworden sei , wie sie es hier gar nicht ertragen haben würde , hätte sie Valerio und Cäcilie nicht gehabt , hätte sie sich nicht damit getröstet , daß Renatus wiederkommen und seiner armen , kleinen Mutter das Leben wieder leicht und lieblich machen werde . Nur des Freiherrn , ihres verstorbenen Gatten , erwähnte sie mit keinem Worte , und Renatus mochte ihre Freude durch keine schmerzliche Erinnerung stören . Es fiel ihr gar nicht ein , daß Jemand , der von einer Reise kommt , ein Verlangen nach Nahrung oder den Wunsch hegen könne , sich umzukleiden . Sie dachte nicht daran , daß er von der mehrtägigen Fahrt ermüdet sein müsse ; selbst daß sie aufstehen und sich ankleiden lassen könne , kam ihr nicht in den Sinn . Sie war froh und glücklich , sie war immer noch die alte Vittoria , die im Augenblicke ihre Welt zu finden wußte , und wie sonst riß sie Renatus mit sich fort , daß er sich fröhlich und erquickt in ihrer Nähe fühlte . Mit einem Male jedoch erhob er sich von dem Sessel , auf welchem er vor Vittoria ' s Lager Platz genommen hatte , und sich selber scheltend , sprach er : Aber ich sitze hier bei Dir , Signorina , und ich muß zu meiner Braut , zu Hildegard ! Das ist wahr ! so geh ' , so eile ! Sie wird sich freuen , die gute Hildegard ! Aber sie ist immer unwohl , immer unwohl , die gute Hildegard ! entgegnete Vittoria . Auf seine Frage , was seiner Verlobten fehle , fügte die Baronin hinzu , Hildegard habe den Schnupfen , immer den Schnupfen , sie sei immer erkältet und leide , wie sie sage , an den Nerven . Sie behaupte , die Sehnsucht