... In ihren auf Armgart gerichteten Blicken lag : Wie benimmst du dich nur heute wieder gegen diesen besten aller deiner Bewerber ! Thiebold erzählte von Hedemann , von seiner Lebensrettung , von den Mühlenwerken und von Hedemann ' s Vettern ... Ich war in Borkenhagen ... mit meinem Freunde Benno von Asselyn zugleich , der - Sie wissen ja wol , in dem Dorfe da geboren und erzogen worden ist ... Geboren ? warf die Tante lächelnd und fast verächtlich ein ... Ganz recht ! verbesserte sich Thiebold . Wie kann ich vergessen - Mein Freund ist - Ein Spanier ja wol ? unterbrach den Einschenkenden Püttmeyer , den seine Freundinnen trotz seiner Verborgenheit au courant aller Verhältnisse der Gegend hielten und den der Wein und die Geisterwelt seltsam anregten ... Das doch wol eigentlich nicht ! berichtigte die Tante mit einem mysteriösen Lächeln . Sie mußte auf die Schüssel , die eben herumgereicht wurde , niederblicken , weil aus Paula ' s Augen ein bittender Blick sie traf ... Ein prächtiger Spaziergang ! fuhr Thiebold fort . Selbst im Winter ! Wir suchten im Wald bei Borkenhagen , in den Vorgebüschen von Schlehdorn , erst den Finkenfang , dann die Wolfshöhe und einen großen dort befindlichen Ebereschenbaum , der in Benno ' s Jugenderinnerungen - übrigens wird ja nächstens dort die große Jagd stattfinden - eine merkwürdige Rolle spielt - bitte , gnädigstes Fräulein , genirt Sie die Sonne ? ... Schon war ' s ein Strahl der abendlichen Sonne , der der Tante ins Antlitz fiel ... Thiebold war schon aufgesprungen , um den Vorhang niederzulassen ... Man bat , sich nicht zu incommodiren ... Püttmeyer wünschte gelegentlich den Tag der Jagd zu wissen , seiner Transparentbilder wegen ... Wir schreiben Ihnen das ! sagte die Tante und fuhr , auf Thiebold gewandt und zugleich ärgerlich über ein Erglühen Armgart ' s , als von Benno die Rede war , fort : Dann waren Sie gewiß auch auf dem armseligen Hof der närrischen verwilderten Alten , der dicht beim Walde vor Borkenhagen liegt ? Allerdings ! rief Thiebold vom Fenster zurückkehrend ... Armgart aber fiel mit leuchtenden Augen ein : Armselig ? Das war ehemals der schönste Bauernhof zwischen Borkenhagen und Witoborn ! Die Ställe voll Vieh , dabei fünf Pferde und die Scheuern voll Korn ... Auf dem Hof hat Benno reiten gelernt ! Da hob ihn Hedemann zuerst aufs Pferd ! Die Alten schenkten ihm sogar ein schwarzes Füllen ! Wie ich im letzten Herbst hinkam und sie daran erinnern wollte , wiesen sie mir freilich die Thür ... Aus dieser Mittheilung ersah man , daß Armgart in der ganzen Gegend zu hospitiren pflegte und überall den Bruder Gutentag machte ... Alte , verdrehte , abscheuliche Menschen sind ' s ! rief die Tante . Ruchlose sogar ! Warum hast du sie nicht lesen und schreiben gelehrt ? entgegnete Armgart ... Ich ? Ich ? Wie so ich ? Soll das eine Anspielung auf - mein Alter sein ? erwiderte die Tante und lächelte selbst sogar der Feinheit ihrer Bemerkung , ohne darum ihre zornige Aufwallung zu mildern ... Tantchen ! bat Paula und reichte ihre schöne , lange , ovale weiße Hand über den Tisch zur gereizten Verlobten des Onkel Levinus hinüber , während Armgart ' s Antlitz glühte und ihre starren Lippen sich nicht regten , eine so absichtlich verkehrte Auslegung ihrer Bemerkung zu berichtigen ... Diese Menschen , fuhr die Tante fort , sind die starrköpfigsten Bauern , die nur je hier zu Lande gelebt haben ! Gottesverächter sind sie geworden ! Ich gebe zu , sie wurden schlecht behandelt - Von einem Geistlichen ! schaltete Püttmeyer gar nicht mehr zaghaft ein ... Auch vom Landrath ! ergänzte die Tante . Solcher Trotz dann aber auch gleich ! Das kann auch nur bei uns vorkommen ! Ich seh ' und erleb ' es ja täglich ! Jetzt wieder der Streit um den Tanz im Finkenhof ! Bitte , Herr von Jonge , was man Ihnen auch erzählt hat und was Sie in Borkenhagen - mit Herrn von Asselyn - er heißt nur so , es ist ein Adoptivname - gesehen haben mögen , glauben Sie mir , diese Leute sind wie die Büffel ! Und die Hedemanns von je die obstinatesten ! Den künftigen Herrn Papiermüller nannten sie schon vor Jahren Herrn Remigius Dickschädel ! Auf solche aus dem Munde der Tante , die ja selbst einen Kopf wie von Eisen besaß , überraschend genug kommende Worte , stand seit Jahren fest , konnte keine Einrede gewagt werden . Paula ' s Auge richtete sich auf Armgart , deren Inneres vor Parteinahme zu Gunsten Hedemann ' s und ihres an Hedemanns Namen betheiligten Vaters aufloderte . Die braunen Augäpfel gingen hin und her , die Lippen öffneten und schlossen sich , die zitternden Finger drehten aus dem frischen witoborner Weißbrot kleine Vierundzwanzigpfünder wie zu einem Bombardement auf alle Welt ... Gnädigstes Fräulein ! wandte sich Thiebold zur Tante , ich weiß nicht , ob ich gut unterrichtet bin ... Ich weiß nur so viel ... Als Freund Hedemann nach Amerika ging , war der Abschied von den Aeltern auf ewig und Hedemann ließ zwei alte Leute in schönem Besitzstand zurück . Damals hatte der » so unglücklich geendete « Klingsohr , genannt der Deichgraf , die Ablösungen des ganzen Regierungsbezirks zu reguliren . Auch die alten Hedemanns wollten sich freikaufen . Auf ihrem Besitzthum haftete die Verpflichtung , dem Gutsherrn , zufällig dem Landrath , dem dieser Besitz von seiner Frau her gehörte , einen gewissen Theil des Ertrages - enfin , wie viel - kurz , ihm regelmäßig zu zehnten ! Zank hatte es schon um dieser Abhängigkeit willen genug gegeben ; denn nicht einen Baum durften die Hedemanns abhauen ohne den Willen des Gutsherrn ... Das liegt in den Verhältnissen ! sagte die Tante ... Ich glaube das ! Nun aber kam nach einem gewissen Leo Perl der Pfarrer Langelütje , der sich schon auf andern Pfarreien den schlechtesten Ruf erworben hatte und mehr Vieh- und Fruchthändler , als ein Seelsorger war ... Darüber ist allerdings nur eine Stimme ! gestand die Tante ... Die alten Hedemanns , erzählte Thiebold immer wie forschend , ob er recht berichtet wäre , waren mit ihrem Gutsherrn in Spannung und bedienten sich des Pfarrers , um zu ihrem Ziele zu gelangen . Der neue Pfarrer erbot sich dazu aufs bereitwilligste ... Die Hedemanns cedirten ihm in aller Form die Ablösung und gaben ihm die nicht unerheblichen Summen zur Realisation des Loskaufs . Gut , das Geschäft ist gemacht ; die alten Leute , die froh sind , mit dem Landrath in keine directe Beziehung gekommen zu sein , bieten auch dem Pfarrer eine Erkenntlichkeit an . Er schlägt sie nicht aus . Er nimmt sich eine Kuh aus dem Stalle ... Und noch dazu die beste ! schaltete die Tante ein ... Sie wollte jetzt schon Versöhnung mit Armgart und begann nachzugeben ... Er hat sie am Strick gleich selbst sich mitgenommen ! Inzwischen , fuhr Thiebold fort und schenkte wieder ein , indem er die schmollende Armgart fixirte ... inzwischen ließen die alten Leute , die , wie fast alle ringsum , Geschriebenes nicht lesen konnten , doch einmal von einem hausirenden Juden die Ablösungspapiere durchsehen . Es war an einem Sonntag Vormittag . Beide , der alte Mann und die alte Frau , saßen bereits in Toilette , um zur Kirche zu gehen . Die Glocken läuteten . In dem Augenblick studirt der fremde Rathgeber heraus , daß in den Papieren in Worten geschrieben eine viel kleinere Summe steht , als sich der Pfarrer von den Hedemanns hatte auszahlen lassen . Nicht wahr ? Sie waren von ihrem Seelsorger um zweihundert Thaler und ihre beste Kuh geprellt worden . Diese Menschen , von einer großen Verehrung vor allem , was geistlich ist , glaubten dem Juden nicht . Sie gingen mit ihrem Papier zum Kamp hinaus , um in der Kirche , gleich nach dem Gottesdienst , den Pfarrer selbst zu fragen . Da begegnet ihnen die Kutsche des Landraths . Hedemann ' s Vater grüßt und hält nickend sein Papier empor . Herr von Enckefuß läßt halten und frägt , was es gäbe ? Die alten Leute tragen ihren Gegenstand vor . Der Hausirer steht in einiger Entfernung . Und jedenfalls merkte Herr von Enckefuß gleich , was die Uhr geschlagen hatte . Um aber den Pfarrer zu schonen , fuhr er den Juden an , hieß ihn sich hier augenblicklich zum Teufel zu scheren - bitte um Entschuldigung ! - und behauptete rundweg zu seinem eigenen Nachtheil , der Schein lautete wirklich auf die Summe , die der Pfarrer von ihnen verlangt hätte ... Püttmeyer ergänzte : Es war gerade die Zeit , wo der Rittmeister eine noch viel größere Unthat aus Gutmüthigkeit verborgen gehalten hatte ! ... Die Tante setzte mit Rücksicht auf die noch immer finstere Armgart hinzu : Sein Herr Sohn ist dafür um so strenger ! Der bringt ja alles heraus ! Den Kirchenfürsten , den hat der junge Enckefuß verhaften helfen ! Den Hammaker hat er auch entdeckt ! Den Pater Sebastus hat er hierher geführt ! Nur den Leichenräuber von Sanct-Wolfgang hat er noch nicht aufgetrieben ... Diese Zwischenplauderei war zunächst dazu bestimmt , Armgart ' s gute Laune zu gewinnen ... Dann fing aber auch die Tante schon an , ihren Unmuth auf die Bedienung abzulenken . Sie hörte draußen sprechen , hörte die groben Tritte des die Speisen aus der Küche herzutragenden Dionysius Schneid und zischte um Ruhe ... Paula begleitete die Rede und das Benehmen der Tante mit Blicken auf Armgart , die so viel sagen wollten als : Närrchen , sei doch lieb ! Nun hört ' ich so ! fuhr nach einer Discretionspause Thiebold fort . Die alten Hedemanns blieben in der Sache zweifelhaft . Da der Hausirjude das Blinzeln des Landraths wohl verstanden und sich aus dem Staube gemacht hatte , gingen die alten Leute an die Kirche , nicht in sie hinein . Sie sahen von der Thür aus den Pfarrer im Meßornat , wie er das Hochheiligste segnete ; sie mußten vor innerm Groll umkehren . Mit dem tiefsten Zweifel in ihrer Brust vergruben sie sich in ihrem einsamen Kamp und ließen , anfangs vor Ungewißheit , vor Ahnung , dann vor sicherer Zuversicht , daß der Pfarrer sie betrogen hätte , mit der Zeit alles lässig gehen . Den Pfarrer anklagen ? Ihn unglücklich machen , die Religion schänden - ? Das ist diesen Leuten nicht gegeben . Sie bebauten noch ihr Feld , hatten auch noch Knecht und Magd ; aber ein Tiefsinn kam über sie , der sie von der Welt nichts mehr hören und sehen lassen wollte . Noch einmal wagten sie zum Schulmeister zu gehen - sie bekämpften sich , da ihnen wieder die Scheu vor einem geweihten Priester kam ... So ging der Lebensmuth der alten Leute hin . Sie ließen Hab und Gut in Verfall kommen . Einmal rief die alte Mutter Hedemann die Schulkinder an und ließ sich heimlich von denen die Urkunde vorlesen . Sie hörte leider die Wahrheit ; ein Betrug war ' s von zweihundert Thalern . Sie verschwieg ihn ihrem Alten . Zur Kirche ging nun keines mehr und Langelütje , den man meist nur in großen Wasserstiefeln sah , auf den Märkten hinter seinem Knechte stehend , beim Fruchtverkauf , der hinderte sie darin auch nicht . So in Mistrauen und Unmuth kamen die alten Leute zurück . Sie entließen den Knecht , die Magd , bestellten ihren Acker nicht mehr , brachen ihr Holz am Wallheck nicht mehr , ließen ihr Vieh sterben und verderben und behielten nichts , als was zum nothdürftigsten Unterhalt diente . Sie säen jetzt nur , was sie selbst brauchen . Jahraus jahrein besteht ihre Mahlzeit aus Bohnen , die sie in Wasser abkochen und über die sie Milch gießen . Nur zu diesem Bedarf werden die Kühe abgemolken ... Abgemistet wurde schon lange kein Stück Vieh mehr ! ergänzte die wirthschaftskundige Tante . Alles verdarb ! Sie zogen ein gefallenes Thier aus dem Stalle und ließen es einfach vorm Hofe liegen . Die Nachbarschaft machte dann dem Lärm der Hunde ein Ende , die sich um das Aas stritten . Nie brauchten sie noch Licht oder Oel ; im Winter sitzen sie um den Feuerherd , den sie mit ganzen Bäumen heizen , die sie an ihrem Wall fällen , ins Haus hereinziehen , auf den Herd legen und nun langsam abschwehlen lassen . Oft liegt das eine Ende vom halbbelaubten Baume noch draußen im Freien , vom Schnee überschüttet . Als sie in ihrer Kleidung so weit verfielen , daß sie die Lumpen mit Stroh umbanden , um sie vor dem Herabfallen zu schützen , legten sich die Nachbarn drein . Sie fanden zwei halb schon zu Kindern gewordene Menschen , die in innigster Uebereinstimmung mit sich selbst an ihrem Wahn festhielten , daß die Welt kein Vertrauen mehr verdiene und nichts überflüssiger wäre als die Religion . Man zwang ihnen dann Beistand auf , eine Aufsicht , die dann und wann den Schmutz aus ihrer verfallenen Wohnung entfernt . Der Alte sitzt und raucht aus einer Hollunderpfeife , deren Spitze und Rohr und Abguß und Kopf er sich selbst geschnitzt hat und die immer kleiner wird , weil die paar Zähne , die er hat , sie nach und nach fast ganz » aufmümmeln « . Taback ist sein einziger Luxus . Geld kennen sie nicht . Wer ihnen etwas liefert , Brot , das sie nicht mehr backen , Bohnen , die sie nicht mehr säen , den verweisen sie auf das , was ringsum auf ihrem Eigenthum noch wild wächst . Aber an dem Langelütje kam dann freilich alles heraus . Er sitzt im Jesuiten-Profeßhaus der Residenz des Kirchenfürsten . Wohl kamen bessere Geistliche , aber die alten Leute wiesen jeden ab , der sie auf ihrem verfallenen Hofe besuchte . Sie flüchteten zuletzt zur Kuh in den Stall , bis selbst unser Herr Norbert Müllenhoff müde wurde , auf dem brennenden Baumstamm am Herde zu sitzen und ihnen zu predigen ... So fand Hedemann seine Aeltern , als er im Herbste hier war . Natürlich hatte er dann Zank mit dem Landrath . Wie ' s jetzt mit den alten Leuten aussieht , weiß ich nicht ... Die Leute leben im Kirchenbann . Wäre Monika zugegen gewesen , ihr flammendes Wahrheitsgefühl hätte ohne Zweifel ausgerufen : Gerade aus Liebe zur Religion , gerade aus Verehrung vor der größten Frage der Menschheit geschah dieser Abfall von ihren äußeren Formen ! ... Und auch in Püttmeyer schürte der Wein und sein vor Jahren tiefgekränkter Denkerstolz den Ausbruch ähnlicher Empfindungen ... In Thiebold wirkte Benno ' s Urtheil nach , der bei Erzählung dieser Verhältnisse gesagt hatte : Jetzt versteh ' ich , Hedemann , warum Sie die Bibel lieber lesen , als das Brevier ... Armgart aber rief von ihrem Standpunkte : Ja , so muß man die Welt verachten können ! Was hilft es , die schlechten Menschen anklagen ? Aergern man muß sie und beschämen ! Beschämen durch unser Unglück , das man sie zwingt mit anzusehen ! Ich gehe doch noch in Witoborn zum Bischof und bitte ihn , von diesen so großen , so echt frommen , so unübertrefflich vornehmen Menschen den allerdings nur zu gerechten Bann zu nehmen ! Man schwieg jetzt ... Es war das Mahl vorüber ... Auch wurde die Tante von einem Anliegen des Dieners in Anspruch genommen ... Der Diener flüsterte ihr etwas in plattdeutscher Sprache ... Er brachte das Gesuch des alten Kirchendieners Tübbicke , der draußen harrte ... Die Tante erröthete ... aber » Herr , sprich nur ein Wort und meine kranke Seele wird gesund ! « sagte der Blick , den sie auf Paula richtete ... Diese bemerkte den Ausdruck eines der ihr schon bekannten Anliegen ... Sie hörte das Leid des Alten , der um Hülfe für sein Enkelchen bat ... Paula erhob sich ... Ihre Hand zitterte ... die blauen Augen wurden tiefdunkel ... Aus den Falten ihres weiten schwarzseidenen Kleides nahm sie einen kleinen Rosenkranz von einfachen bunten Steinkügelchen , betete einen Augenblick leise , während alle ihrem Beispiel folgten , küßte das Amulet und reichte es hin ... Armgart ergriff es in leidenschaftlichster Erregung und stürzte damit hinaus ... Die Tante nahm Püttmeyer ' s Arm , um sich von ihm in das grüne Wohnzimmer führen zu lassen ... Sie sah im Gehen auf die Uhr ... Es war schon gegen vier ... Dunkel war es geworden und der Diener sagte , daß auch der Wagen schon bereit stünde für Eschede . Thiebold hatte Paula geführt ... Eine drückend feierliche Stimmung umspann die kleine Gesellschaft , eine Stimmung , die sich mehrte durch Armgart ' s Zurückkunft ... ... Der Alte war zu glücklich ! rief sie . Das Kind wird genesen ! Paula war weiß geworden wie eine Wachskerze ... Sie riß sich los . Sie hatte Thränen im Auge und verschwand ... Gern wäre Armgart ihr nachgestürzt , aber die Tante befahl , daß sie blieb . Auch kam der Kaffee , den sie in silberner Maschine zu machen und zu credenzen hatte . Die Tante sank in einen der ringsum stehenden grünseidenen Fauteuils ... Ihr » Nick-Viertelstündchen « kam ... Und Püttmeyer sollte nun so , unter solchen wunderbaren Eindrücken , seinen ganzen Menschen zurücklassen ? Er verzweifelte fast ... Doch mußte er nach Eschede ... Der Weg war zu weit und auch dort wohnten Seelen , die er nicht ängstigen durfte ! Mochte er auch von diesen nach allem , was er heute hier erlebt , fühlen wie Armgart , als sie im letzten Herbst im Nachen zu Angelika gesagt hatte : Eine derselben würde als geflügelte Kaffeekanne dem Fegfeuer zufliegen , eine andere als geflügelter Strickstrumpf ! er mußte sich losreißen ... Auch sein Hund und seine Katze mochten nicht wenig nach ihm kratzen und winseln ... Lassen Sie sich nur recht oft bei uns sehen ! sagte ihm die Tante schon wie zum Abschied . Geben Sie Ihr Vergrabensein auf , Herr Doctor ! Solange wir auf Schloß Westerhof noch hausen werden , sind Sie uns immer willkommen ! Adieu , Herr Doctor ! Grüßen Sie in Ihrem nächsten Brief - die - die gute - liebe - Angelika ... Die Tante wurde auch schon in ihrer Art somnambul und schlief schon halb . Laurenz Püttmeyer stand da , wie ein vierzigjähriges Kind . Er sah sich um , um beim Abschied nichts zu vergessen . Es that noth , daß Thiebold ihm in die Hand gab , was er mitnehmen mußte , seinen Hut , seine Handschuhe , von denen sich nur einer in seinem Frack , der andere noch drüben im Speisezimmer befand , und nun empfahl er sich wirklich . Thiebold und Armgart , die sich ihren noch im Vorzimmer liegenden Pelz überwarf , begleiteten ihn ... Schon hörte man das Schellenklingeln der Pferde ... Schon war der Schlag geöffnet ... Man hatte dem Gaste vorsorglich noch ein heißes Kohlenbecken in den Wagen gestellt ... Man gab ihm noch eine Wildschur des verstorbenen Grafen Joseph zur Benutzung mit ... Püttmeyer war im Losreißen von dem merkwürdigsten Tage seines Lebens in einer Verwirrung , die ihm sogar den Streich spielte , daß er ein splendides Trinkgeld statt dem Diener Thiebolden in die Hand steckte ... Und Thiebold nahm den Thaler und sagte sich mit verklärter Rührung : » O das kann kommen ! Bei gewissen Stimmungen ist dem gebildetsten Menschen nichts unmöglich ! « Er gab das Geld feierlich dem Diener ... Schon rollte der Wagen dahin und Thiebold , der in bloßem Kopf stand , war nicht wenig geneigt , Armgart zum Hinaufführen den Arm zu bieten ... Schon aber war diese vorausgesprungen ... Und Thiebold , als er dem flüchtigen Reh langsam nachfolgte , dachte : Jetzt , jetzt endlich findest du wol den langersehnten , immer vergeblich gesuchten Augenblick , sie allein zu sprechen und jene Geständnisse zu machen , die dir Bonaventura in der Beichte anbefohlen hat ! ... Er faßte sich Muth , obgleich so vieles , so vieles in Armgart ' s Benehmen gegen ihn sowol wie gegen Benno anders geworden war . Oben befand sich noch die Tante unter dem magnetischen Einfluß ihrer Verdauung ... Sie trank zwar den von Armgart bereiteten Kaffee , der bekanntlich wach erhalten soll ... Ihr aber machte er die Wirkung , im Lehnsessel Reden zu halten , die etwa in folgender anakoluthischer Verwickelung sich vernehmen ließen und endlich gänzlich abbrachen : Nun , lieber Herr von Jonge ! Nun aber , bitte , bitte , lieber Herr von Jonge , nun spielen Sie uns etwas ! ... Ich hätte doch den alten Tübbicke noch etwas fragen sollen ... Bitte , Herr von Jonge ! ... Armgart ! Noch eine Tasse vielleicht , Herr von Jonge ? ... Die Schlüssel zum Archiv jeden Sonntag aus der Hand lassen , das geht nicht , Herr von Müllenhoff - von Jonge ! ... Bitte , Mozart ... Das Kind von dem jungen Tübbicke - ! Bitte , Herr von Jonge , spielen , spielen ! - Nein , man muß sagen , Müllenhoff geht in vielem zu weit ! ... Ich liebe so die Musi - ! ... Die Jagd ... Transparente Bilder von ... Wenn nur unsere Herren bald gesund und wohlbehalten von Neuhof zurückkommen ! ... Die Musik ! ... Was sie nur erlebt haben mögen - am Düsternbrook - Bitte , Herr von Jonge ! - Die - Die - Sona - Pathé - tique - von van - van von Beetho - Damit war das Gangliensystem der Tante bezwungen . Sie entschlief , ohne ihre Rede ganz beendet zu haben . Die Sonate pathétique zu spielen würde sich Thiebold in seiner Vaterstadt nie getraut haben . Die Gegenwart einer Johanna Kattendyk , einer Josephine Moppes , einer Lisette Maus , einer Betty Timpe hätte ihn unrettbar dem » Fluche der Lächerlichkeit « preisgegeben . In diesem hochadeligen Hause aber , dem , wie in vielen tausenden solcher katholischen Herrensitze Europas , principiell die Bildung des 19. Jahrhunderts halbwegs immer fremd bleibt , gestattete man ihm jede freie Variation über das große Meisterwerk , jede Zuthat aus den seinen Fingern noch geläufigern Cramer ' schen Etuden . Thiebold spielte wirklich etwas , wie die Sonate pathétique . » Ein Genuß für Götter ! « sagte er sich selbst voll Bescheidenheit . Er war in jeder Beziehung froh , daß Benno fehlte . Armgart stand an der Kaffeemaschine ... Endlich blies sie die Flamme aus ... Es wollte damit nicht so schnell gehen , wie sie wollte ... Thiebold brach mitten in seinem schönsten ad libitum ab und sprang hinzu ... Mund gegen Mund gerichtet , endete die Flamme ... Thiebold seufzte und wurde kühner und kühner durch das Bewußtsein , daß sich hier einer gemüthlichen Familienscene ein beliebiger Rahmen geben ließ ... Die Tante schlief ... Paula blieb fern ... Sollte er wieder spielen ? ... Fräulein ! sagte er leise . Ich habe Ihnen durchaus eine Mittheilung zu machen ... Armgart betrachtete ihn kalt und doch war ihr die » Liebe « schon lange ein Begriff geworden , so klar , so verständlich wie sonst nur der Glaube ... Sie fürchtete , Thiebold wollte von seiner Liebe sprechen ... Sie wollte sich eben deshalb gleichgültig zeigen ... Spielen Sie ! sagte sie . Ich lese indessen ... Nein , ich muß Sie sprechen ! betheuerte Thiebold mit gedämpfter Stimme . Ein Befehl in der Beichte verlangt es ! Der Domherr will es ! Armgart maß Thiebold mit weitgeöffneten Augen ... Wirklich , Fräulein Armgart , ich schwöre Ihnen das beim Heil meiner Seele ! Auf so hochheilige Versicherung hin winkte Armgart leise mit der Hand , deutete auf die Thür und ging mit Seufzen in den Vorsaal . Ein Blinzeln des Auges sagte , Thiebold sollte folgen . Nehmen Sie Ihren Mantel , Herr de Jonge ! sagte sie , sich im Vorsaal wendend und auf des Zögernden Nachkommen wartend ... Thiebold blickte erstaunt auf sie nieder ... Auch sie ergriff ihren Ueberwurf und hüllte sich in ihn mit Thiebold ' s Hülfe ein . Dann drückte sie ihm seinen Hut in die Hand ... Sie ging entblößten Hauptes zum Corridor hinaus ... Wohin führt sie dich denn ? sagte sich Thiebold mit gesteigertem Befremden ... Draußen war die vom Hofe hereinfallende Beleuchtung am Tage schon immer eine halbdunkle . Jetzt war der Abend hereingebrochen und in den langen Corridoren hatte man sich als Fremder ohne Licht kaum noch zurecht finden können ... Führt sie dich auf ihr Zimmer ? sagte sich Thiebold , als Armgart sich links gewandt hatte und in einem dunkeln Gange voranschritt , auf welchen fast klösterlich eine Menge Zimmer , größtentheils an den Thüren mit Hirschgeweihen geschmückt , hinausgingen ... Sie kamen an Zimmern vorüber , die der Tante und Paula gehörten , an Lauftreppen , die für die Dienerschaft bestimmt waren , an einem der vier Eckthürme , in dem auch Armgart ein eigenes Wohnzimmer hatte ... Sie wohnte halb im Stifte , halb hier ... beide Wohnungen schmolzen auf so eigenthümliche Weise zusammen , daß sie im Grunde nur eine bildeten ... in Heiligenkreuz lag oft ihre Schere und hier ihr Fingerhut ... dort arbeitete sie an der Cigarrentasche , hier an dem Aschenbecher ... dort lag zuweilen ein Schuh oder ein Strumpf , der durch einen andern , der hier sich befand , erst ein Paar bildete ... seit Weihnachten erst besaß sie infolge des entschiedensten Verlangens und nach mannichfacher Prüfung und Berathschlagung Schiller ' s Werke ... da sie Tag und Nacht darin las , so lagen sie halb in Heiligenkreuz , halb hier in ihrem Thurm . Wenn sie zwischen Heiligenkreuz und Westerhof hin- und herfuhr oder auch zu Fuß ging , begleitete sie ein Bündel von Sachen , das sie hin- und herschleppte . Oft wurde sie von der Tante dafür » Trödelliese « genannt ... Als Armgart aber auch nicht beim Eingang in ihr Zimmer anhielt , sagte Thiebold stehen bleibend : Ja aber , mein Fräulein , was wird denn nun ? ... Er mußte seine Verwunderung abbrechen und folgen ... Armgart eilte vorwärts ... sie war tief in sich verloren und schlioß nur zuweilen gelegentlich ein offen stehendes , in den Hof führendes Fenster . Die Wanderung war jetzt rechts gegangen in einen andern Corridor des großen Geviertes ... Hier kamen die Zimmer des Onkels , sein Laboratorium ... Auch an diesem - wo oft der Stein der Weisen gesucht wurde und in der Retorte sich als Resultat nur ein Pfund Berliner Neublau ergab , dessen Anfertigung ebenso viel Thaler kostete , als Groschen hingereicht haben würden , den Gegenstand in Witoborn beim Krämer zu kaufen - an zwei Ritterharnischen , die vor des Onkels Thüre Wache haltend im Dunkeln gespenstisch genug aussahen , ging Armgart vorüber , sprang dann eine Treppe hinunter , wandte sich im Erdgeschoß einem neuen Gange zu und führte Thiebold an den im untern Stockwerk befindlichen Bureaustuben , am Archiv , an der Bibliothek vorüber zu einer hohen Thür , die den Eingang in die Schloßkapelle bildete ... Wohl gingen Mägde , Schreiber an ihnen vorüber , wohl sah man über den großen , mit Sandsteinquadern gepflasterten , jetzt mit zusammengeschaufeltem Schnee bedeckten Hof hinweg im Eingangsportal wieder die hier schon gewohnten Hülfesuchenden : Armgart hielt sich bei niemand auf und huschte in die Kirche , die dem Bedürfniß der frommen Bewohner- und Dienerschaft des Hauses immer offen stand ... Dieser Raum war nun erst völlig dunkel ... Armgart blieb an der Thür stehen , ließ den vor Erstaunen sprachlosen Thiebold eintreten , legte den hohen Thürflügel wieder an und ging durch den schmalen Gang der Sitzreihen , voraus zum Altar . Dort knixte sie , wie in der Ordnung , vor dem Erlöser , und sagte zu Thiebold , der auf zwei Schritte hinter ihr stand : Nun , Herr de Jonge ! An diesem heiligen Orte - Was ist es , was Sie mir zu sagen haben ! Mein Fräulein , stotterte Thiebold , befremdet von so viel Feierlichkeit und befangen durch die Einsamkeit des weihrauchduftenden Ortes , Sie überraschen mich ! In der That ... Herr de Jonge ! Sie wissen noch nicht , daß ich mein ganzes Leben unter die Befehle der allerseligsten Jungfrau gestellt habe ! Ihr will ich vertrauen , was ich auf dem Herzen habe ! Von ihrem Rath hängt all mein Thun , all meine Entschließung ab . Was wollen - oder was sollen Sie mir mittheilen ? Armgart hatte sich vor diesen feierlichen Worten auf die erste Bank dicht am Aufgang zum Altar niedergelassen und kniete ... Allmählich gewohnte sich Thiebold ' s Auge an das Dämmerlicht der auch am Tage wenig erhellbaren Kapelle ... Die heiligen Gegenstände , die er rings erblickte , milderten die Weltlichkeit seiner Absichten , obgleich an sich diese » die reellsten « waren und nichts Geringeres bezweckten , als Armgart seine ganze Verhandlung mit Bonaventura zu erzählen ... Thiebold sah nun , daß die Betende zitterte . Den Kopf hatte Armgart aufs Pult gelehnt . So lag sie wie eine dem Himmel Angehörige ... Thiebold hätte sich schon vor ihr selbst niederwerfen mögen ; es lag ein so bestrickender Reiz in dein exaltirten Wesen , so viel Zauberisches in dieser gleichsam vor sich selbst entfliehenden , sich mit Gewalt mäßigenden und doch erglühend genug , man sah es , vorhandenen Leidenschaft , daß Thiebold nur durch die geringe » höhere Ausbildung seiner Gefühle « verhindert wurde , seiner begeisterten Stimmung die einer solchen Situation entsprechenden Worte zu geben .