ältere Schwester trübe lächelnd . » Du bist ein kleiner Fresser , der an nichts Anderes denkt . Jetzt sind es kaum ein paar Stunden , daß wir zu Mittag gegessen haben ; wie kannst du schon wieder Hunger haben ? « » Weil ich keinen Kaffee mehr bekomme wie früher , « erwiderte finster das Bübchen ; » da hat man doch auch den Nachmittag was zu thun gehabt . « » Ich denke mir , « meinte der Vater , » du hättest gern alle Stunden mit Essen und Trinken abgewechselt . « » Das hätte ich auch , « entgegnete Karl , » und immer was Besseres . « » Und wenn du nun das Allerbeste gehabt hättest , was es gibt , dann - ? « » Dann - « wiederholte der Knabe , ohne zu verstehen , was der Vater eigentlich sagen wollte , denn von einem Kulminationspunkt hatte er noch keine Idee . » Dann wäre es dir ergangen wie den beiden Fischersleuten , die im Wassertopfe wohnten . « » Und den kostbaren Zauberfisch fingen , « rief Marie . » Ganz richtig , « versetzte Herr Staiger , indem er seine Feder niederlegte und gedankenvoll an die Decke blickte . » Die wollten auch immer etwas Besseres , zuerst Geld , dann ein Haus , dann Fürst werden , dann König , und zuletzt Pabst . Das erhielten sie und wurden auch Alles nach und nach , als aber die Frau des Fischers endlich der liebe Gott selbst werden wollte - pumps dich ! da hatten sie nichts mehr und mußten wieder in ihrem Wassertopfe wohnen und trockenes Brod essen . - Das ist ein verständiges Märchen , « fuhr der alte Mann träumerisch fort , » und wir Alle haben etwas von den Fischersleuten in uns . Heute begnügen wir uns mit einer einfachen Mahlzeit , morgen ist uns die bessere nicht mehr gut genug , denn wir wünschen alsdann dazu auch ein stattliches Zimmer , endlich ein Haus und obendrein noch gar einen Titel . « » Ich glaube nicht , daß ich so wäre , « sagte Clara . » O , ich hätte eine Grenze gewußt , bei der angekommen ich vollkommen glücklich und zufrieden gewesen wäre ! « Der alte Mann blickte seine Tochter bewegt an , dann entgegnete er : » Ich verstehe dich wohl , mein armes Kind , aber wenn auch damit für jetzt der Horizont deiner Wünsche abgeschlossen wäre , so glaube mir zu deinem Troste , daß , wenn du alles das erreicht hättest , doch die Zeit gekommen wäre , wo neue Wünsche dein Herz bewegt hätten . « Clara wollte etwas erwidern , doch wandte sie ihren Kopf plötzlich gegen die Kammer vor dem Wohnzimmer , wo man deutlich vernahm , daß dort die Thüre geöffnet wurde und sich Schritte näherten . Darauf klopfte es ziemlich laut und vernehmlich , so daß sich die kleine Marie beeilte , » Herein ! « zu rufen . Die Thüre öffnete sich und es erschienen zwei Personen auf der Schwelle , eine Dame und ein Herr , von denen sich die Erstere lachend der Tänzerin näherte , und ehe diese aufstehen konnte , freundlich ihre Hände ergriff . Es war Mademoiselle Therese , die lustig und strahlend hereintrat und sich augenblicklich auf den Stuhl niederließ , den ihr Herr Staiger hinstellte , ohne sich dabei viel um ihren Begleiter zu bekümmern , der , den Hut in der Hand , ziemlich schüchtern an der Thüre stehen geblieben war . Es war das ein Mann , vielleicht in den Vierzigen , ziemlich dürr , mit einem ernsten , eingefallenen Gesichte , hoch emporgezogenen Augenbrauen und etwas herabhängender Unterlippe . Sein Haar war einfach zurückgekämmt , und da er hiebei den Kopf etwas geneigt trug , so gab ihm das ein demüthiges Aussehen , welches noch unterstützt wurde durch die etwas gebeugte Haltung des Körpers und die verlegene Art , mit welcher er seinen Hut in beiden Händen so hielt , daß sich seine Blicke in denselben hinein , man möchte fast sagen : verkriechen konnten . Auf Momente erhob er die Augen und dann fuhr aus ihnen ein eigenthümlicher Blitz über die Tänzerin . Dieser Herr trug einen braunen Ueberrock bis an den Hals zugeknöpft , so daß man nichts sah als eine weiße Halsbinde , wodurch übrigens die fahle Gesichtsfarbe ein wenig aufgefrischt wurde . Therese hatte sich nach Clara ' s und ihres Vaters , sowie auch nach dem Befinden der Kinder erkundigt , auch gesagt , sie habe schrecklich viel zu thun und wisse nicht , wo ihr der Kopf stehe , während welcher Zeit ihr Begleiter in der Nähe der Thüre verharrte . Erst als sich Clara erhob , um denselben zu begrüßen und ihn mit einem Blick auf Therese zu bitten , gefälligst näher treten zu wollen , wandte diese den Kopf herum und sprach leichthin : » Du brauchst dich hier gar nicht zu geniren , Berger , das ist Herr Staiger und meine gute Freundin Clara ; wir sind hier ganz unter uns . Dort ist ein Stuhl , den kannst du dir mitbringen . - Mein Bräutigam , « wandte sie sich mit einer Handbewegung an Herrn Staiger , dann warf sie den Kopf etwas in die Höhe und fuhr ernster fort : » Ich brauche dir wohl nicht zu sagen , liebe Clara , daß ich meine Brautvisiten mache . - Gott ! es ist das schrecklich langweilig , « setzte sie leiser hinzu . » Ah ! da gratulire ich , « versetzte herzlich Herr Staiger , indem er dem Bräutigam die Hand schüttelte und demselben dabei mit einem kleinen Rucke zum Sitzen verhalf , denn Herr Berger schwebte einige Sekunden lang über dem Stuhle , und schien es für passend zu halten , auf diese Art die Gratulation in Empfang zu nehmen . » Da hast du viel zu thun , « sagte Clara nach einer Pause , während welcher sie den Bräutigam und ihre schöne Freundin einen Augenblick forschend betrachtet . » Es geht so , « erwiderte Therese in nachlässigem Tone ; » ich habe anfänglich gar keine Besuche machen wollen , aber Berger meint , es sei nothwendig , und ich meines Theils habe mir auch die neue Verwandtschaft ein bischen ansehen wollen . - Und das war in der That der Mühe werth , « platzte sie nach einigen Sekunden lachend heraus . » Du hättest die Gesichter sehen sollen ! Berger hat eine große und auch , was man so nennt , eine vornehme Verwandtschaft : wohlhabende Kaufleute , ja Regierungs- und Kanzleiräthe . Ich sage dir , Clara , ein Paar von diesen Damen schnitten mir Gesichter , als müßten sie Rhabarber verschlucken ; aber wie du mich kennst , hat mich das ungeheuer amüsirt . Nicht wahr , Berger , ich habe mich gar nicht blöde benommen ? « » O nein , « erwiderte der Bräutigam , wobei er seinen Hut herumdrehte und nun angelegentlich die obere Fläche betrachtete . - » Du hast ihnen recht gut gefallen . « » Das will ich meinen , « fuhr Therese lachend fort . » Auch ich bin so ziemlich mit ihnen zufrieden ; ich habe sie meiner ganzen Gnade versichert , und wenn sich deine Verwandtschaft gut aufführt , so soll sie mit mir zufrieden sein . « » Und Sie werden bald heirathen ? « fragte Herr Staiger , der den Bräutigam schon eine Zeitlang theilnehmend betrachtet hatte . Dieser schielte zu dem alten Herrn hinüber und erwiderte : » O ja , recht bald - wenn Therese will . « » Das versteht sich von selbst . Man muß doch mit der Geschichte einmal ein Ende machen . Ich hoffe , liebe Clara , du erhältst mich in deiner Freundschaft . Hast du einen Augenblick für mich übrig ? « setzte sie leise hinzu ; » ich hätte dir etwas zu sagen , was nur uns allein angeht . « » Du weißt , « entgegnete Clara erröthend , » daß wir außer der Kammer draußen nur dieses Zimmer haben . Wenn du mit mir dorthin gehen willst - « » O das ist gar nicht nöthig , « versetzte die Andere , indem sie sich erhob , » komm , treten wir an den Ofen . « Das hatte sie Alles in gedämpftem Tone gesprochen , und setzte nun mit lauter Stimme hinzu : » Berger , du wirst dich einen Augenblick mit Herrn Staiger unterhalten ; ich habe mit Clara etwas abzumachen . « Damit nahm sie diese unter dem Arm und trat mit ihr an den Ofen . Herr Berger begann , dem erhaltenen Winke gemäß , augenblicklich über das Wetter zu sprechen , und meinte , es sei noch immer recht kalt , doch da jetzt der Winter vorbei sei , habe man Hoffnung , daß , dem gewöhnlichen Laufe der Dinge nach , nun doch am Ende das Frühjahr erscheine . Therese stützte die rechte Hand auf die kleine Kinderbettlade , die hinter dem Ofen stand , und sah ihrer Freundin so fest und forschend in die Augen , daß sie dieselben niederschlug . » Nun wie steht ' s mit deiner Sache ? « fragte sie darauf . Clara erhob den Blick , schüttelte leicht mit dem Kopfe und entgegnete mit sanftem Tone : » Ich weiß von nichts , will auch von nichts wissen . « » Und er hat gar nicht einmal den Versuch gemacht , dich zu sprechen ? « versetzte die Andere , wobei sie den Kopf ärgerlich in die Höhe warf . » Nicht einmal den Versuch gemacht ? « » O doch , « sagte Clara nach einem kleinen Stillschweigen , wobei ihre Blicke abermals den Boden suchten . » Wie es mir scheint , machte er zuweilen den Versuch , mich zu sehen ; aber ich weiche ihm aus und vermeide ihn . « » Daran thust du nicht ganz unrecht , aber du mußt es nicht zu weit treiben . « » Was ist denn da noch weit zu treiben ? « sprach Clara schmerzlich . » Wer weiß , warum er mir in den Weg tritt ! Vielleicht , um seine Vorwürfe zu erneuern , wenn ich dieselben anhören wollte . « » Vielleicht auch thut ihm sein Betragen leid und er möchte dich um Verzeihung bitten . « Clara schüttelte den Kopf mit einem trüben Lächeln . » O nein , « sagte sie , » er kam ja öfters hieher in unsere Wohnung und weiß gewiß , daß ich ihm hier für ein offenes , ehrliches Wort gerne Rede stehen würde . « » Er wird sich scheuen ; er weiß nicht , wie du ihn empfangen würdest . Du mußt schon ein bischen nachgiebiger sein , mein Kind . Weißt du , « fuhr Therese fort , indem sie ihren Shawl ordnete und denselben fest um ihre schlanke Taille zog , » es ist leider einmal so in der Welt , und wenn man noch so sehr in seinem Rechte ist , so muß man sich doch zuweilen beugen und schmiegen , und immer das Ziel im Auge behalten , das man am Ende erreichen will . « Clara preßte die Hand auf ihr Herz und erwiderte : » Ach ! Therese , glaube mir , ich habe kein anderes Ziel mehr vor Augen als das , welches uns allen gemeinschaftlich ist . O er hat mein Herz gebrochen ; ich fühle das ; und nur die größte Wonne , die reinsten Freuden wären vielleicht im Stande , es zu heilen . Aber dergleichen habe ich ja nicht mehr zu erwarten ; hätte er mit mir über irgend etwas einen kleinen Streit angefangen , hätte er mich heftig wegen Fehler oder Unarten gezankt , ich wäre ihm dankbar dafür gewesen , aber er hat mir in kaltem Tone vorgeworfen , ich sei ein treuloses Geschöpf , und dabei hat er mir Worte gesagt , so fürchterlich , daß ich sie nicht vergessen kann . Es ist mir , als ob sie irgend ein böser Geist beständig neben mir ausspräche , und Nachts werden sie zu Träumen und quälen mich entsetzlich . - O das ist unerträglich ! « fuhr sie nach einer Pause fort , während welcher sie ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckt hatte . » Ich sehe ihn immer und immer vor mir stehen , wie er , mich verwünschend , die Hände gegen mich ausstreckte und wie er sagte : ich zerreiße dieses Band ; hier vor der todten Marie sage ich mich feierlich von dir los . - Ah ! entsetzlich ! « Therese hatte ihre Hand ergriffen , das arme Mädchen sanft an sich gezogen und drückte nun den Kopf derselben auf ihre Schulter nieder . Dabei küßte sie ihr innig das schwarze Haar und ließ sie eine Weile so ruhen , ehe sie ihr leicht den Kopf wieder erhob , und sie alsdann auch herzlich auf die thränenden Augen küßte . » O du bist wirklich gut , « sagte Clara , » du hast ein braves , fühlendes Herz . « » Ich bin vielleicht nicht so schlimm , als man glaubt , « entgegnete die schöne Tänzerin , und dabei zuckte ein wehmüthiger Zug um ihren Mund . » Aber , « setzte sie entschlossener bei , » keine Klagen , keinen Schmerz , liebe Clara ! Für jetzt bin ich noch nicht da , um mit dir zu weinen ; das kann später geschehen . Jetzt wollen wir einen Moment deine Angelegenheit ruhig in ' s Auge fassen , um zu ergründen , was da vorgefallen sein könnte . - Daß er die Sache nicht vom Zaune gebrochen hat , ist klar ; weißt du , liebes Kind , wenn man sich mit einer Geliebten entzweien will , ohne Ursachen zu haben , blos weil sie einem nicht mehr gefällt , so besorgt man das auf andere Art. Nein hier ist etwas vorgefallen . « » Aber ich habe nichts gethan , « sprach Clara erschrocken . Auf das hin faßte Therese lächelnd ihre beiden Hände , sah ihr in die Augen und erwiderte : » Das brauchst du mir nicht zu sagen , mein gutes Geschöpf . Herr Arthur ist sehr unerfahren , oder sehr dumm , daß er dich , mein Engel , mit deinem offenen Gesicht , und deinen klaren , ehrlichen Augen irgend etwas Schlimmen beschuldigen konnte . Es ist das rein unbegreiflich . Aber weiter Antworte mir ein bischen genau auf meine Fragen : Hast du vielleicht in der letzten Zeit oder auch früher Jemand bemerkt , der sich für dich lebhaft interessirte , der dir nachgegangen wäre , der es versuchte , dich zu sprechen , dir Briefe oder auch vielleicht Blumen geschickt ? Aber thue mir den Gefallen , liebes Kind , und genire dich nicht vor mir ; ich muß Alles wissen . « Clara lächelte einen Augenblick unter ihren Thränen hervor und entgegnete : » Ach , es ist mir hart , über so etwas zu sprechen , aber ich weiß wohl , daß du es gut mit mir meinst . - Ja , es hat sich wohl Jemand , wie du es nennst , für mich interessirt , mir auch Blumen geschickt , sogar einmal ein Billet , doch habe ich es nicht angenommen . « » Das ist gleichviel . Und wer war das ? « » Graf Fohrbach . « » Ah ! der Adjutant Seiner Majestät , « sagte Therese mit einem komischen Ausdrucke . » Nicht so übel ! sieh ! sich ! Das ist ein Faden , an dem wir uns halten können . Und Arthur kennt den Grafen ? « » O ja , sehr genau . Sollte der vielleicht über mich gesprochen haben ? « » Nichts Schlimmes , wenn du , wie du sagst , nichts mit ihm zu thun hattest . O du brauchst es nicht zu betheuern , ich kenne dich . Graf Fohrbach ist einer der anständigsten jungen Leute der Stadt . Und die Scene , die du mit Arthur hattest , ging bei der Becker vor sich ? Was machte Herr Erichsen da ? « » Ich weiß es nicht , « versetzte Clara . » Darüber habe ich dich schon fragen wollen . Was hat er wohl da zu thun gehabt ? « Therese zuckte die Achseln und erwiderte : » Die Becker ist ein schlimmes Weib und treibt ein für junge Mädchen sehr gefährliches Handwerk . Doch das verstehst du nicht ganz . Daß sie auch für den Herrn Grafen Fohrbach kleine Unterhandlungen zu führen hatte , weiß ich ganz genau . - Es wäre möglich , « sagte sie nachdenkend , » daß sich der Graf wegen dir - du brauchst nicht zu erschrecken - an die Becker gewendet . Ja , bei Gott ! das wäre möglich , daß die ihm etwas vorgeschwindelt und Arthur das erfahren . Das ist ein kleines Licht . - Und die Becker ist dir nie in den Weg getreten ? « fragte sie nach einer Pause . » O nein , bei uns war sie nie . Aber , halt einmal ! Hier im Hause ist sie doch einmal gewesen . « » Und das ist schon lange ? « » Um Weihnachten , glaube ich . Da war sie hier nebenan bei der Frau Wundel , die dort mit ihren beiden Töchtern wohnt . « Therese blickte einen Augenblick in die Höhe , dann fragte sie : » Frau Wundel - wer ist das ? « » Es ist eine sonderbare Familie , « erwiderte Clara achselzuckend . » Was sie eigentlich treiben , weiß ich nicht , sie ist eine Wittwe , arm , und lebt wie ich glaube von Unterstützungen . « » Ah ! da muß mein Bräutigam sie kennen , « versetzte Therese eifrig und rief alsdann laut : » Berger , kennst du eine Familie Wundel ? « Der Gefragte wandte den Kopf herum , nickte und entgegnete : » O ja , ich kenne sie - sehr , sie muß hier in diesem Hause wohnen . « » Was sind das für Leute ? « forschte die Tänzerin weiter . Herr Berger zuckte mit den Achseln , machte ein saures Gesicht und sagte : » Sogenannte verschämte Hausarme , aber unter uns bemerkt , nicht viel daran , haben jedoch Konnexionen , denen sie Unterstützungen aller Art zu erpressen wissen . « Therese warf ihrer Freundin einen bedeutsamen Blick zu , dann fuhr sie fort : » Werden wir dieser Familie einen Besuch machen ? « » Es lag das durchaus nicht in meiner Absicht , « gab der Bräutigam in bestimmtem Tone zur Antwort . » In dienstlicher Eigenschaft muß ich zuweilen hingehen , aber es ist mir das unangenehm genug . « » So gehe einmal in dienstlicher Eigenschaft hin , « sagte das schöne Mädchen . Und als sie Herr Berger einigermaßen erstaunt und fragend anblickte , fügte sie mit erhobenem Kopfe bei : » Ich wünsche das , mein Lieber . Nimm dir ein paar Gulden in die Hand und thue so , als habest du ihnen irgend eine Unterstützung zu bringen . « » Und du ? « fragte Herr Berger mißtrauisch . » Nun , ich begleite dich , « meinte Therese lachend . » Habe ich doch auch meine Freude am Wohlthun . « Nach diesen Worten erhob sich der Bräutigam förmlich und steif , doch schien er ziemlich an Gehorsam gewöhnt zu sein , denn er versuchte keine weitere Widerrede . Er schüttelte dem Herrn Staiger freundlich die Hand , machte Clara eine tiefe Verbeugung und schritt zur Thüre hinaus , gefolgt von Therese , die ihre Freundin nochmals auf die Stirne küßte , wobei sie ihr sagte : » Noch ist vielleicht nicht Alles verloren , gute Clara , ich will deine Angelegenheit in die Hand nehmen . « - - Hätte die Familie Wundel eine Ahnung davon gehabt , mit welch ' ungewöhnlichem Besuch sie die Aussicht hatte erfreut zu werden , so würde sie ihr Zimmer in andere Verfassung gebracht haben oder hätte ihre Thüre fest verschlossen gehalten , und das würdigste Mitglied derselben , Madame Wundel , hätte nicht auf so bereitwillige Art » Herein ! « gerufen , als von draußen sehr bescheiden angeklopft wurde . Leider geschah dies zu der unglückseligen Stunde , als die brave Wittwe im Gefühl ihrer Dankbarkeit gegen Madame Becker diese zu einer guten Chokolade eingeladen hatte . Auf dem Tische dampfte eine angenehme Kanne dieses vortrefflichen Getränks rings umher Wohlgeruch verbreitend , daneben stand ein Teller mit prächtigem Backwerk , sanft gebräunter Gugelhopfen , welcher von oben durch den darauf gestreuten Zucker wie ein Schneegebirge aussah , auch freundlich glänzender Zwieback , sowie etwas Kräftigeres : Butterbrod mit einigem Fleischwerk . Der Ofen verbreitete eine behagliche Wärme , und ein Kesselchen mit warmem Wasser , welches auf der Kohlengluth stand , und neben demselben am Boden eine Flasche Punschessenz , zeigten deutlich an , daß Madame Becker ihr Lieblingsgetränk der sanften Chokolade vorzog . Sie mochte auch schon mehrere Gläser davon zu sich genommen haben , denn ihre Wange war sanft geröthet , sie schluckte häufig ohne Ursache und ihr Lachen war mehr ein Grinsen zu nennen , auch blickte sie still in das Punschglas hinein und summte die Melodie eines bekannten Liedes . Dabei befand sich die Frau in Trauer , doch gab ihr lachendes Gesicht einen starken Gegensatz zu der schwarzen Farbe ihrer Kleider . Neben ihr saß Madame Wundel bestens aufgeputzt und strahlte vor Wohlbehagen ; sie schien soeben eine Tasse Chokolade geleert zu haben und schmatzte noch vergnügt mit den Lippen . Emilie war beschäftigt , den Gugelhopfen zu zerschneiden und nur die jüngere Tochter Louise schien am wenigsten Antheil an der Gesellschaft zu nehmen , denn sie saß auf einem Stuhle an der unteren Seite des Tisches und hatte ihren Arm nachlässig und solchergestalt über die Lehne gelegt , daß sie den Anderen zur Hälfte den Rücken zudrehte . Es klopfte also , Madame Wundel rief : » Herein ! « und die Thüre öffnete sich . - Wären aber in diesem Augenblicke der selige Becker und der selige Wundel erschienen , mit himmlischen Feierkleidern angethan und bereit , ihre theuren Hälften in ' s bessere Jenseits abzuholen , das Entsetzen hätte nicht größer sein können , als beim Anblick des Armenpflegers , der seinerseits nicht weniger erstaunt war , seine Unterlippe noch tiefer herabhängen ließ und die Augenbrauen bis an die Grenzen der Möglichkeit hinauf zog . Madame Wundel , gänzlich außer sich , ohne alle Geistesgegenwart und so überrascht jeder Verstellung unfähig , ließ beide Hände auf den Tisch sinken und starrte mit einem trostlosen Blicke den Eintretenden an . Emilie behielt mehr ihre Fassung und machte den vergeblichen Versuch , den Gugelhopfen vom Tisch verschwinden zu lassen , doch war ihre Bewegung zu heftig und rechts und links fielen die aufgeschnittenen Stücke über Tassen und Tischtuch dahin . Louise allein beharrte in ihrer Stellung , ja sie zuckte mit den Achseln und lächelte höhnisch . Madame Becker , die den Armenpfleger wohl kannte und deßhalb vollkommen das Entsetzen ihrer Freundin begriff , faßte , auch wohl von dem starken Getränk ermuthigt , sich am schnellsten wieder , schüttelte ihre Nachbarin am Arme und sagte mit ihrem breiten , gemeinen Tone und etwas sehr schwerer Zunge : » Ach , Wundel , erschreck ' Sie nur nicht so , der Herr Armenpfleger wird es wahrhaftig nicht übel nehmen , wenn arme Kreaturen , wie wir sind , sich einmal einen vergnügten Tag machen . - Was könnt Ihr auch dafür , « setzte sie mit einem pfiffigen Blinzeln hinzu , » daß es mir nun einmal in den Kopf gekommen ist , Euch mit Chokolade und was Gutem zu traktiren ! « » Ja , was kann ich dafür ! « sprach die Wundel nach einem tiefen Athemzuge , indem sie begierig diesen Rettungsanker ergriff . » Die Becker ist eine so gute Seele , eine so brave Frau und denkt gern an uns arme Leute . Ach Gott ? « fuhr sie fort und schlug ihre Augen scheinheilig auf , » wie käme auch sonst was so Gutes an uns ! « » Das mißgönnt uns der Herr Armenpfleger gewiß nicht , « sagte auch Emilie etwas gefaßter . Die erstaunten Blicke des Herrn Berger fuhren indessen , auf ' s Höchste überrascht , auf dem ganzen Tisch umher ; ihm war es unfaßlich , daß verschämte Hausarme ein solch ' angenehmes Leben zu führen im Stande seien , und wenn es ihm unbegreiflich war , woher Madame Wundel das Geld zu diesen Ausgaben nahm , so glaubte er doch nicht den Worten der Becker , namentlich nicht , als er in das Gesicht seiner Begleiterin blickte , die mit einem unnachahmlichen , höchst ergötzlichen Lächeln die Gesellschaft am Tische betrachtete . » Einen Stuhl ! - Zwei Stühle ! - « schrie nun plötzlich Madame Wundel , indem sie hastig aufsprang . » Der Herr Armenpfleger thun uns die Ehre an , sich einen Augenblick an unsern schlechten Tisch zu setzen . « Auch Emilie schnellte auf die Seite und Madame Becker erhob sich schwerfällig . » Ist es nicht wie ein Fingerzeig von Oben , « sagte diese lallend , » daß Ihr heute Euer Zimmer in so guter Verfassung habt , wo Ihr so schönen Besuch bekommt ? Ach ! und auch Fräulein Therese , « fuhr sie knixend fort ; » jetzt weiß ich , weßhalb Euch der Herr Berger die Ehre anthut , - es ist eine Brautvisite , ja wahrhaftig , eine Brautvisite . « Madame Wundel , die noch immer nicht recht ihre Sprache gefunden hatte , knixte zu wiederholten Malen und Emilie wiederholte mit einem bitterbösen Lächeln und einem Seufzer das Wort : » Brautvisite . « Louise war unterdessen ebenfalls aufgestanden und hatte zwei Stühle an den Tisch gestellt . Herr Berger ließ sich auf einen derselben zögernd nieder , auch ließ er sich erst nieder , als er sah , daß Therese es sich auf ungenirte Art bequem machte , mit vornehmem Kopfnicken den dargebotenen Platz annahm und darauf die Damen der Reihe nach musterte . » Nein , die Ehre und das Vergnügen ! « sagte jetzt auch Madame Wundel , indem sie die Hände zusammenschlug . » Hätte ich mir das doch nicht träumen lassen ! Und wollen Fräulein Therese die Gnade haben , meinen ganz ergebenen Glückwunsch anzunehmen , ebenfalls der Herr Armenpfleger nicht weniger , und wollen versichert sein , daß es mir das größte Vergnügen macht , Sie auf Ihrer Brautvisite zu sehen . - Ein schönes Paar , « sagte sie scheinbar leise zur Becker , doch so laut , daß man es allenfalls im Nebenzimmer gehört hätte . Therese that aber natürlich nicht dergleichen , vielmehr blickte sie die Wundel so unbefangen wie möglich an und versetzte : » Ja , wir machen unsere Brautvisiten und da wir zufällig im Hause waren , ja auf demselben Stockwerke , so fand es mein Bräutigam für angemessen , auch Ihnen , Madame Wundel , die Sie ihm als eine stille christliche Frau bekannt sind , ebenfalls einen Besuch zu machen . « Der Armenpfleger spitzte seinen Mund wie eine Karpfe , ließ die Augen einen Moment über den Tisch und das darauf befindliche Backwerck hingleiten und senkte sie dann auf seinen Hut hinab , wo er emsig die Firma des Fabrikanten studirte . Madame Wundel hustete leicht und sprach : » Ah ! Fräulein Therese waren also schon im Hause , schon auf demselben Stocke ? « » Allerdings , « entgegnete diese , » und zwar bei meiner besten Freundin , Clara Staiger - die Sie ja wahrscheinlich kennen , « fuhr sie nach einer Pause lächelnd fort . » O ja , wir kennen sie vom Aus- und Eingehen , « meinte die würdige Wittwe , indem sie auf dem Tisch ihre Hände über einander legte . » Wie man sich so kennt , als Nachbarn , oberflächlich . « » So , nur oberflächlich ? « erwiderte die Tänzerin , aber obgleich sie das Wort nur einmal aussprach , so schien es doch an alle Anwesenden gerichtet zu sein und sie blickte jede derselben der Reihe nach scharf an . » Sie ist ein sehr braves und geordnetes Mädchen , meine Freundin , « sagte sie darauf wie fragend . » Das ist sie , « bekräftigte die Wundel , » das ist sie , bei Gott , der Neid muß es ihr nachsagen . « » Solid , sehr solid , « meinte die Becker ; doch lächelte sie dazu auf eigenthümliche Art. Und Emilie setzte etwas boshaft hinzu : » Ein wahres Muster ; man könnte sie allen jungen Mädchen zum Exempel vorstellen . « In diesem Augenblicke wechselte die Wittwe mit Madame Becker einen Blick , der , so schnell das auch vor sich ging , von Therese nicht unbemerkt geblieben war . » O ich weiß , wie gut und lieb sie ist , « fuhr die Tänzerin fort . » Aber , « setzte sie sehr langsam und mit scharfer Betonung hinzu , » um so auffallender ist es , daß trotz allem dem Unangenehmes über ihren Lebenswandel verbreitet wurde - ja , absichtlich verbreitet wurde . « » Ah ! « machte die Wittwe mit gut gespieltem Erstaunen , » ist das die Möglichkeit ! Habt Ihr was davon gehört , Becker ? Oder du , Emilie ? Ja , die Menschen sind schlimm . « Natürlicherweise wollte Niemand etwas davon vernommen haben , und um diesen