Hauses geht mir sicherlich nicht ab . Tremann ließ diese unberechtigte Gereiztheit völlig unbeachtet . Mit einer beruhigenden Milde , die seinem ernsten Antlitze eine Schönheit verlieh , gegen welche Renatus selbst in diesem Momente sein Auge nicht verschließen konnte , sprach er : Es konnte mir nicht einfallen , Herr von Arten , an Ihrem Muthe , an dem sogenannten Heldenmuthe in Ihnen zu zweifeln , der im entscheidenden Augenblicke mit Selbstvergessenheit sein Leben daran zu geben weiß . Mich dünkt , in dieser Art von Muth haben wir beide Gelegenheit gehabt , unsere Proben abzulegen . Er hielt inne , als wolle er dem Andern die Zeit vergönnen , sich auszusprechen ; da Renatus aber schwieg und sein Antlitz sich nicht erhellte , sagte Tremann nachdrücklich , wennschon mit derselben unerschütterlichen Gelassenheit : Es gibt aber einen Muth , der weniger leicht zu behaupten ist , als jener von der fortreißenden Macht einer begeisterten Masse , oder von der Erregung eines gewaltigen Augenblickes erzeugte Heldenmuth ; ich meine den moralischen Muth , jenen guten , stillen Muth des Mannes , der seine Ehre darein setzt , sich mit aller seiner Kraft in verschuldetem oder nicht verschuldetem Mißgeschicke zu behaupten , der entschlossen ist , mit jahrelang währender Arbeit , mit Sorgen und Mühen , die Niemand sieht und die in vielen Fällen Niemand sehen und kennen darf , seinen Verpflichtungen zu genügen , und der herstellen und schaffen will , was für ihn und für Andere das Geforderte und Gebotene ist . Fühlen Sie von diesem schweigenden , beharrlichen , recht eigentlich bürgerlichen Muthe etwas in Sich , Herr von Arten - nun , so brauchen Sie über Ihre Lage noch keineswegs zu erschrecken , denn ich wiederhole es Ihnen : noch ist Hülfe möglich ! Renatus konnte sich gegen die Würdigkeit dieses Mannes nicht verschließen , zugleich aber fühlte er jenen hochmüthigen Arten ' schen Aberglauben noch einmal in sich rege werden , der erst gestern dem Grafen Gerhard Anlaß gegeben hatte , ihn zu verspotten . Zum zweiten Male stellte dieser Tremann sich zwischen ihn und eine ihm drohende Gefahr . Er hatte ihm im Kampfe der offenen Feldschlacht einst durch seinen Muth das Leben erhalten ; weßhalb sollte er von dem Schicksal nicht auch bestimmt sein , ihn eben so vor dem andern Untergange zu bewahren , der ihm jetzt zu drohen schien ? Und von der Bewegung , in welche dieser Gedanke ihn versetzte , über seine sonstige enge Schranke des Empfindens fortgerissen , rief er plötzlich : Soll ich Ihnen - er wollte hinzusetzen : eben Ihnen denn Alles zu verdanken haben ? - Aber er unterdrückte diesen Zusatz , und obschon Paul das wohl bemerkte , focht es ihn nicht an . Im Gegentheil , dasjenige , was Renatus aufregte , dünkte ihn nur ein ganz Natürliches zu sein . Er hatte dem jungen Manne , der an sich völlig schuldlos an allem demjenigen war , was in Paul ' s Schicksal mit den Schicksalen der Herren von Arten zusammenhing , mit Gefahr des eigenen Lebens das Leben gerettet ; es erschien ihm also , da er sich einmal bereitwillig hatte finden lassen , die Arten ' schen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen , eben deßhalb jetzt nur folgerecht , daß er , so viel an ihm war , auch dazu that , den Freiherrn auf den Weg zu weisen , auf welchem er sein Leben ehrenhaft und würdig weiter fortzuführen vermochte . Ich war , hob Paul nach kurzer Unterbrechung also wieder an , da ich nach fast vierjähriger Abwesenheit aus dem Felde kam , Ihnen will ich es zu Ihrer Ermuthigung bekennen , ziemlich in der gleichen Lage , in der Sie gegenwärtig sind . Mein Vorgänger hatte mit den Anforderungen der Zeit nicht Schritt zu halten vermocht , wir waren durch seine Schuld in die bedenklichsten Geschäfte und Unternehmungen verwickelt , es waren bereits große Verluste vorgekommen , und da ich ohnehin nach dem Willen des verstorbenen Herrn Flies die Capitalien seiner Tochter gänzlich aus dem Geschäfte herauszuziehen hatte , fand ich mich nach meiner Heimkehr eines Tages auf dem Punkte , an dem ich , um den augenblicklich auf mich eindringenden Forderungen gerecht zu werden und mit meinem guten Namen auch meine bürgerliche Ehre und meinen kaufmännischen Credit zu erhalten , wie ich es Ihnen eben jetzt gerathen habe , Alles an Alles setzen mußte . Was heißt das in Ihrem Falle ? fragte Renatus mit wachsender Spannung . Das heißt , daß ich alles , was ich an Fonds , an Papieren , selbst an Immobilien besaß , unter den ungünstigsten Verhältnissen verkaufen mußte , um die auf unsere Firma laufenden Wechsel einlösen und dem Mißtrauen begegnen zu können , das sich durch die in meiner Abwesenheit gemachten unglücklichen Geschäfte und Unternehmungen gegen unser Haus erhoben hatte . Es kam ein Abend , sprach er langsam und nachdrücklich , es kam ein Abend , an welchem ich , nach Wochen und Monaten voll der schwersten Sorgen , voll schlafloser Nächte , mir sagen mußte , daß ich jetzt fast so pfenniglos da stände , als an dem Tage , an welchem ich in die Welt hinausgegangen war , und mir fehlten jetzt die feurige Hoffnung der ersten Jugend und die zwanzig Jahre voll rüstiger Kraft , in denen ich mir meinen Weg geschaffen und mein Vermögen erworben hatte . Ich besaß an jenem Abende , setzte er nach einem tiefen Athemzuge mit schwerem , gewichtigem Tone hinzu , nicht viel mehr , als das Bewußtsein , das Rechte gethan zu haben , nicht viel mehr , als das unbedingte Vertrauen derjenigen , mit denen ich meine Geschäfte gemacht hatte , und die Ueberzeugung , daß ich mich auf mich selbst und auf meine Arbeitskraft verlassen könne . Das aber ist ein Großes ! - Und wieder entstand eine neue Pause . Trotz seines starken Herzens hatten die Erinnerungen , welche er eben nicht häufig in sich zu erwecken gewohnt war , den ernsten Mann erschüttert , während in Renatus die widersprechendsten Vorstellungen , Gedanken und Empfindungen auf und nieder wogten . Bald fühlte er sich geneigt , sich Tremann mit Bewunderung in brüderlicher Verehrung in die Arme zu werfen ; dann wieder bedünkte es ihn , als dürfe er demselben , ohne sich etwas zu vergeben , nicht eine Genugthuung bereiten , deren er jetzt ohnehin schon vollauf genießen mußte ; denn daß ein Mann das Rechte um des Rechten willen thun , daß er fördern und Hülfe leisten könne , ohne dabei an sich selbst und an die Wirkung zu gedenken , welche diese Hülfsleistung auf das Gefühl des Geförderten hervorbringt , das einzusehen , dazu war die Seele des jungen Freiherrn nicht gemacht . Und doch fühlte er , daß er nicht schweigen dürfe , daß er Tremann mindestens ein Zeichen seiner dankenden Anerkenntniß schuldig sei . Ich bewundere Ihre Entschlossenheit , sagte er endlich , und ich wünschte , ich befände mich in so einfachen Verhältnissen , wie Sie , daß ich das Gleiche möglich machen und mich doch behaupten könnte . Unser Standpunkt ist nur wieder sehr verschieden . Tremann sah ihn prüfend an . Er hörte aus den Worten des Freiherrn , was in dessen Seele vorging , aber er gab nichts auf die hochmüthige und vorurtheilsvolle Ueberhebung , mit welcher jener seine Zustände als ganz besondere von denen des bürgerlichen Kaufmanns abzutrennen suchte ; und wie der Arzt die Ungebühr des Kranken nur als ein Krankheitszeichen ansieht , das ihn nicht beirren darf , sagte Tremann : Das ist vielleicht nicht so schwer , als es Sie dünkt , und ich bin bereit , Ihnen meine Ansicht und meine Plane für Sie mitzutheilen , wenn Sie mir vorher ein paar Fragen beantworten wollen . Haben Sie Liebe für das Landleben ? Denken Sie , Sich auf Ihren Gütern aufzuhalten ? Ich bin auf dem Lande geboren , und die Herren von Arten haben stets auf ihren Besitzungen gelebt , es ist ein Herkommen unter uns , gab er abermals ausweichend zur Antwort . Das fing Paul endlich doch zu verdrießen an . Wir haben es hier nicht mit Ihren Familien-Traditionen , Herr von Arten , sondern mit Ihren Möglichkeiten zu thun , sagte er schärfer , als er bis dahin zu dem Freiherrn gesprochen hatte , und zu der Uhr emporsehend , fügte er hinzu , daß ihm in einer halben Stunde eine Geschäftsbesprechung bevorstehe , daß er also genöthigt sei , dem Freiherrn in großen Umrissen die Möglichkeiten und Maßnahmen vorzuzeichnen , mittels deren er es für thunlich halte , die Arten ' schen Verhältnisse zu ordnen und durch Rettung eines Theiles des Vermögens die Mittel zu einer allmählichen Wiederherstellung desselben zu gewinnen . Er rieth , Neudorf und Rothenfeld sofort zu verkaufen . Für Neudorf finde sich in dem Baurath Herbert , der einst die Rothenfelder Kirche aufgeführt und bei der Gelegenheit den Werth der Neudorfer Steinbrüche habe kennen lernen , ein Käufer , da der Baurath mit Andern in Gemeinschaft eine regelmäßige Ausbeutung der Brüche unternehmen möchte . Auch auf Rothenfeld sei ein den Zeitumständen nach recht günstiges Gebot gethan . Nach dem Verkaufe dieser Güter werde Renatus die Möglichkeit besitzen , seine Wechselschulden zu tilgen , die hoch verzinsten Hypotheken von Richten theilweise abzulösen und dann Geld von der Landschaft zu geringern Zinsen auf Richten zu erhalten . Sei dies geschehen , so frage er sich , ob der Freiherr es nicht vorziehe , im militärischen Dienste zu verbleiben , in welchem er sich eine ehrenvolle Laufbahn eröffnet und den Weg zu weiterem Vorwärtskommen gebahnt habe . Man mache an einen Privatmann , welchem Stande er auch angehöre , in einer großen Stadt nicht die Ansprüche , die man gewohnt sei , an die Herren von Arten auf ihrem Schlosse zu erheben . Der Hauptmann von Arten könne in der Stadt sehr standesgemäß mit dem achten Theile der Summe leben , welche der Freiherr von Arten einst in Richten alljährlich ausgegeben habe . Ueberantworte man Richten einem rechtschaffenen und vermöglichen Pächter , nachdem man die Bauten hergestellt , das Inventarium vervollständigt und somit die Mittel vorbereitet habe , welche zur Verbesserung des Gutes unerläßlich wären , so werde man sich in der Lage befinden , jährlich einen Theil der auf Richten dann noch haftenden Schulden zu tilgen . Noch im rüstigsten Mannesalter aber könne Renatus dann wieder Herr eines Besitzes sein , der bei den Fortschritten , welche die Bodenkultur nach den neuen Forschungen und Erfahrungen der Engländer und Franzosen nothwendig auch in Deutschland machen müsse , immer noch ausreichend groß genug sein werde , ihm , wenn er dann den Abschied nehmen und , nach seinem Familien-Herkommen , sich auf seinem Gute niederlassen wolle , auch auf dem Lande ein reichliches Leben möglich zu machen und den Seinen ein schönes Erbe zu werden . Wolle Renatus aber jetzt gleich den Dienst aufgeben , um sich auf sein Stammgut zurückzuziehen , nun , so bleibe ihm nichts übrig , als den Degen ehrlich mit dem Pfluge zu vertauschen , die Landwirthschaft gründlich als einen Beruf zu erlernen , die Bewirthschaftung seines Gutes selbst zu übernehmen und zu sehen , in wie weit es ihm gelinge , mit tüchtigen Gehülfen das Gut zu heben und seine Bedürfnisse mit seinen Einnahmen in das Gleiche zu setzen , wobei denn freilich auch auf die unüberlegten Ausgaben der Baronin Vittoria Rücksicht genommen , und die Erziehung des jungen Freiherrn Valerio in eine andere Richtung als bisher geleitet werden müßte . Renatus hatte ihm schweigend zugehört . Als Tremann dann geendet hatte , dankte Jener ihm für diese gewiß sehr richtigen und höchst wohlgemeinten Auseinandersetzungen und für seine Rathschläge ; aber , sagte er , ich sehe und fühle , wo der Punkt liegt , den Sie bei Ihren Planen für meine Unternehmungen nicht in ' s Auge fassen und den ich unberücksichtigt zu lassen nicht im Stande bin , ja , den ich , selbst wenn ich es über mein Gefühl vermöchte , nicht unberücksichtigt lassen darf . Mein Onkel , Graf Berka , bemerkte mir gestern mit Recht : dem Kaufmanne , dem bürgerlichen Gewerbetreibenden , Ihnen zum Beispiel , habe alles , was Sie erwerben , nur seinen wirklichen Werth . Alles , was Sie besitzen , ist Ihnen Geld , ist Ihnen Mittel zum Zwecke . Sie geben selbst den erworbenen , liegenden Besitz mit voller Freiheit und ohne jegliches Bedenken auf , sobald es Ihnen paßt , und es ändert sich in Ihrem Sein damit nicht das Geringste , wenn Sie ein Haus , ein Gut kaufen oder es verkaufen und wieder zurückkaufen , wie der Anlaß sich eben dazu bietet . Wir aber , wir befinden uns in einer solchen Lage nicht . Unsere Verhältnisse sind völlig anders . Wir , sagte er mit besonderer Betonung , wir sind durch langjährigen Besitz Eins geworden mit unserem Grunde und Boden , mit unserem Lande und unseren Schlössern . Wir tragen ihren Namen , sie sind unser Unterscheidungszeichen . Ein junger Baum - setzen Sie ihn von seinem heimathlichen Boden fern , wohin Sie wollen - er kann auch in der fremden Erde wachsen und gedeihen . Ein Stamm , der , weithin schattend , durch Jahrhunderte seine mächtigen Wurzeln durch dasselbe Erdreich forterstreckte ... Geht aus , fiel Paul ihm in die Rede , wenn er den Boden ausgesogen hat , aus dem er seine Nahrung schöpfte . Das ist wohl möglich , entgegnete Renatus mit einem Ausdrucke von Schwermuth in seiner Stimme , die der Andere an ihm noch nicht wahrgenommen hatte , das ist möglich ; aber es ist sicher , wenn Sie es unternehmen , ihn zu entwurzeln und ihn zu verpflanzen . Und tief aufathmend , setzte er hinzu : Sie sprechen zu mir mit einem Antheile , den ich dankbar anerkennen muß . Indeß Sie haben nur die eine Seite meiner Verhältnisse im Auge , und Sie vermögen die andern in ihrer ganzen Bedeutung wohl nicht zu ermessen . Sie sagen mir : verkaufen Sie Neudorf . Aber Neudorf war der erste Besitz unseres Hauses . Der Hochmeister Winrich von Knipprode belehnte im vierzehnten Jahrhundert meinen Ahnherrn , nach der Schlacht von Rudau , mit der Feldmark Neudorf . Neudorf ist seit nahezu vierhundert Jahren unser Eigenthum . Es wäre mir , wenn ich Neudorf fortgäbe , als zöge ich mir den Boden unter den eigenen Füßen fort , um mich darauf zu verlassen , daß ich im Nothfalle fliegen lernen werde . Das vermag ich nicht . Sie sagen mir : verkaufen Sie Rothenfeld , und Sie bedenken nicht , daß in der Rothenfelder Kirche , die meine Eltern aufgerichtet haben , jetzt die Gebeine meiner Eltern , meiner Ahnen ruhen , daß ich von ihnen die fromme Pflicht ererbte , in Rothenfeld eben jenes Stift für katholische Knaben zu erhalten . Es wird Ihnen das in keinem Falle lange mehr möglich sein , warf Paul abermals dazwischen , auch wenn Sie Sich nicht zu der gedachten durchgreifenden Aenderung vermögen . Und nun vollends Richten verpachten , das Haus veröden lassen , sagte Renatus wie zu sich selber , das seit mehr als hundertfünfzig Jahren uns von Geschlecht zu Geschlecht geboren werden und sterben sah ? Unmöglich , ganz unmöglich - es muß einen anderen Ausweg geben ! Tremann erhob sich ; seine Geduld war erschöpft , seine freie Zeit zu Ende . Ich begreife Ihre schmerzlichen Empfindungen , sagte er , und ich hatte nicht erwartet , daß Sie Sich leichten Herzens zu den schweren Schritten entschließen würden . Aber täuschen Sie Sich darüber nicht , Herr von Arten , Sie haben keine Zeit , Sich Ihren Empfindungen zu überlassen . Ich sehe , und es gibt sicherlich für Sie keinen anderen Ausweg , als den , welchen ich Ihnen angedeutet habe . Sie müssen Neudorf und Rothenfeld verkaufen , Sie müssen Richten verpachten , wenn Sie Sich nicht zu persönlicher Arbeit bequemen mögen , die , wie ich fürchte , auch gegen Ihre bisherigen Gewohnheiten und wahrscheinlich ebenfalls gegen die Ueberlieferungen Ihres Hauses verstößt . Ich habe das Amt , mit dem Sie mich betrauten , nur bis zu Ihrer Rückkunft übernommen . Wollen Sie Sorge dafür tragen , daß Ihrer Frau Stiefmutter jetzt ein anderer Curator , Ihrem Bruder baldigst ein anderer Vormund gegeben werde , und wollen Sie es mir ermöglichen , daß ich in Bälde die Papiere , die ich in meiner Obhut habe , einem Anderen , vielleicht weniger Beschäftigten überliefern kann , so wird das meinen eigenen Arbeiten zu Gute kommen und ich werde es Ihnen danken . Renatus hatte sich jetzt auch erhoben . Er schnallte den Säbel wieder um , nahm den Czako zur Hand , und so auf ' s Neue in voller Uniform , entschuldigte er sich gegen Tremann , daß er ihn also lange aufgehalten , ohne von seinen guten Absichten und Meinungen den von Jenem erwarteten Nutzen gezogen zu haben . Er versprach , sobald es ihm irgend thunlich werde , Paul ' s gänzliche Entlastung zu bewirken , verhieß , die Arten ' schen Akten und die Vormundschafts-Papiere seines Bruders in kürzester Zeit an sich zu nehmen , und sie trennten sich darauf höflich , aber kalt . Der Freiherr sprach allerdings dem Kaufmanne seinen Dank und seine Anerkennung zu wiederholten Malen aus ; Paul nahm dieselben auch mit seiner gewohnten guten Weise hin , indeß sie waren sich durch diese Begegnung um keinen Schritt näher getreten , sie hatten sich nur weiter und entschiedener als je von einander getrennt empfunden . Als Paul dann auf der Wendeltreppe , die er sich aus seinem Arbeitszimmer nach Daviden ' s Wohnstube hatte legen lassen , hinaufstieg , fand er die beiden Frauen seiner bereits wartend . Er umarmte die junge Mutter , reichte Seba die Hand , und als sie ihn mit ihren immer noch schönen Augen ruhig und heiter anblickte , umarmte er auch sie . Er fühlte eine große Zärtlichkeit für sie , weil es ihm gelungen war , von ihrem Herzen eben heute eine Kränkung abzuwenden . Trotz seiner Freundlichkeit merkte Davide , deren Liebe sie hellsehend machte , dennoch , daß ihm etwas nicht ganz recht sein oder daß er eine Unannehmlichkeit zu überwinden gehabt haben müsse , und sie fragte , um ihm Anlaß zur Mittheilung zu geben , weßhalb er sie also lange habe auf sich warten lassen . Ich habe verschiedene Besprechungen gehabt , und zuletzt war Herr von Arten , der gestern von Paris gekommen ist , sehr lange bei mir , gab er ihr zur Antwort . Und wie hast Du ihn gefunden ? rief Seba , in welcher die Theilnahme für den Sohn ihrer Angelika sich augenblicklich wieder regte . Er ist ein schöner Mann geworden , breitschulterig und kräftig , ein sehr schöner Mann , gab er zur Antwort , während er sich zum Imbiß niedersetzte . Und wie ist er sonst geworden ? fragte Jene noch einmal . Nicht anders , als er gewesen ist . Es geht ihm wie dem Herrscherstamme der Bourbonen , von deren Hofe er nach Hause kommt . Er hat nichts gelernt und hat nichts vergessen . Was will das in seinem Falle besagen ? erkundigte Davide sich , der die Mißstimmung ihres Gatten jetzt erklärlich wurde . Was das sagen will , mein Kind ? Nun , er möchte sein Leben genießen , wie sein Vater und seine Ahnen es genossen haben ; möchte wie sie die Herrschaften besitzen und geachtet leben und sterben wie sie . Er hat auch recht viel schöne Empfindungen - nur zur Arbeit hat er keine Lust . Die Frauen schwiegen . Sie mochten sich erinnern , daß sie es gewesen waren , die Paul gegen seine Absicht überredet hatten , sich mit den Arten ' schen Angelegenheiten zu befassen , und da er dieses wohl errieth , sagte er , gleich darauf bedacht , ihnen jede Reue zu ersparen : Macht Euch um meinetwillen darüber keine Sorge , meine Lieben ! Ich erleide durch Renatus keine Enttäuschung , habe obenein in dieser Verwaltung mancherlei erfahren und gelernt , das mir gelegentlich von Nutzen sein wird ; und auf eine Handvoll Arbeit mehr kommt es mir glücklicher Weise nicht an . Und Du glaubst , daß er sich nicht rathen lassen , sich nicht ändern werde ? erkundigte sich Seba noch einmal . Nein ; denn wie sollten Menschen , die sich für eine besondere Abart halten , sich verständig in die der großen Gesammtheit gemeinsamen Bedingungen der Gegenwart zu schicken wissen ? - Er schüttelte das Haupt und sprach danach sehr ernsthaft : Täuscht Euch nicht darin : Alles und Jedes hat nur einen zeitweisen Bestand , eine zeitweise Möglichkeit des Bestehens . So gewiß als die fortschreitende Cultur die gemeinschädlichen Thiere in die Einöden zurückdrängen und endlich völlig ausrotten muß und wird , so gewiß muß und wird die fortschreitende Bildung , die in dem Leisten und Schaffen den höchsten Beruf des Menschen , und in der Freiheit und Genuß bereitenden Arbeit ihre höchste Ehre erkennt , über alle die Geschlechter hinweggehen , die ohne Nutzen für die Gesammtheit leben und , sich von ihr ausschließend , sich hinter Vorrechten und Vorurtheilen verschanzen und halten zu können glauben . Was werthlos für das Allgemeine ist , muß untergehen ; und kein Adelsbrief und keine Großthat irgend eines Ahnen kann dagegen schützen , kann die Allgemeinheit schadlos halten für unberechtigte Ansprüche und für hochmüthige Arbeitsscheu . Mögen sie zu Grunde gehen ! Er hatte dieses Verdammungsurtheil , dessen letzte Worte in seinem Munde und in seinem ernsten Tone etwas Gewichtiges und Furchtbares gewannen , noch nicht beendet , als die Wärterin ihm seinen Knaben in das Zimmer brachte . Der derbe Bursche streckte dem Vater die kleinen Arme entgegen , und kaum hatte dieser ihn auf seinen Knieen , als der Knabe sich mit allen seinen Kräften aufzurichten strebte , um das Stück Brod zu erlangen , das in einiger Entfernung vor dem Vater auf dem Tische lag . Die Frauen lachten über die lebhaften , wenn auch noch ungeschickten Bewegungen des kleinen Menschen , und ihm emporhelfend , rief der Vater mit sichtlichem Vergnügen : So recht , so recht , mein Sohn , hilf Du Dir selber zu Deinem Brode - ich hab ' s eben so gemacht - und ich denke , das soll uns wohl bekommen ! Geh ' nur gerade darauf los ! Und in bester Laune kehrte er nach kurzer Unterbrechung in sein Comptoir und zu seiner täglichen Arbeit zurück . Siebzehntes Capitel Renatus ward den ganzen Morgen durch seine Dienstgeschäfte und seine geselligen Verpflichtungen in Anspruch genommen . Er hatte sich bei seinen Vorgesetzten vorzustellen , alte Bekannte und Freunde aufzusuchen , und überall fand er einen Empfang , der ihn die unangenehmen Erörterungen der ersten Morgenstunde bei seinem wenig tiefen Sinne leicht vergessen machte . Allerdings wurde auch von seinen Vorgesetzten wie von seinen Freunden die Frage , ob er im Dienste bleiben oder sich auf seine Güter begeben werde , mehrfach angeregt , aber es geschah in einer Weise , welche deutlich kund gab , wie man bei einer solchen Entschließung an die vollste Freiheit von seiner Seite glaube und höchstens den Wunsch seiner künftigen Gattin , denn man deutete ihm überall an , daß man um sein Verlöbniß mit der Gräfin Rhoden wisse , als einen ihn bestimmenden Einfluß in Betracht bringe . Wohin er kam , begegnete er einer großen Zufriedenheit und den besten Hoffnungen für die Zukunft des Vaterlandes , in welche denn selbstverständlich die besten Aussichten für den Einzelnen immer mit eingeschlossen waren . Man rühmte sich nicht , wie Renatus das in Frankreich erlebt hatte , eines gewaltsamen Rückschrittes in die Zustände der Vergangenheit , aber man sprach es in den militärischen und adeligen Kreisen doch unzweideutig aus , wie man froh sei , daß jene Tage einer unnatürlichen Aufregung nun überstanden und überwunden wären , in denen die Masse des Volkes über ihre eigentlichen Grenzen hinausgetrieben und , freilich durch die Nothwendigkeit , ihrem häuslichen Leben wie ihrem Berufe und Gewerbe abwendig geworden war . Man erkannte mit Zufriedenheit , wie der Strom der Bewegung jetzt auf ' s Neue richtig eingedämmt , in sein altes Bett zurückgeleitet werde , und wie die natürliche Gliederung der Stände sich gleichsam von selber wieder herstelle , seit man in den höchsten Kreisen die schönen , würdigen Formen der Etiquette wieder strenger aufrecht halte . Besonders jedoch versprach man sich von der Verbindung der Königstochter mit dem russischen Thronfolger , dessen Gesinnungen und Charakter man höchlich pries , wie von dem engen Anschlusse an das conservative Oesterreich , daß man nun auch in Preußen schnell den phantastischen , demagogischen Freiheitsgelüsten , die einer ruhigen Entwicklung des Staatslebens im Wege ständen , das Ende machen werde . Und da man von oben herab einzelnen hartbedrängten adeligen Grundbesitzern mit großen Darlehen zu Hülfe gekommen war , sah man , wenn in Preußen auch nicht die Milliarde von Franken in Aussicht stand , mit welcher man die Ausgewanderten in Frankreich entschädigt hatte , doch für den Adel des Landes sehr beruhigt und hoffnungsreich in die Zukunft hinaus . Als Renatus dann am Abende , wie er es versprochen hatte , seinen Oheim besuchte und ihm von seinem Tagewerke Rechenschaft geben sollte , gestand er diesem , daß er dieses Tagewerk , wie er es nannte , mit einer Uebereilung , ja , recht eigentlich mit einer Dummheit angefangen habe . Der Graf begehrte natürlich zu wissen , was das heißen solle , und sein Neffe entgegnete : Ich habe gegen die ersten Grundsätze der Kriegführung gesündigt und dafür eine Schlappe davongetragen . Ich habe mir unnöthig eine Blöße gegeben , die ich mir hätte sparen können , hätte ich , wie sich ' s gebührte , erst den Grund und Boden und die Gegend genau untersucht , in die ich jetzt fast als ein Fremder zurückgekommen bin . Er erzählte darauf , wie er , statt sich erst zu seinen Freunden zu begeben , gleich am Morgen zu Tremann gegangen sei , wie dieser ihm eine Besorgniß erregende Rechenschaft über seine Angelegenheiten abgestattet , wie er selber sie im trübsten Lichte angesehen und wirklich an nichts als an den Untergang gedacht habe . Um sich aber wegen dessen , was er jetzt als seinen thörichten Kleinmuth bezeichnete , zu entschuldigen , gab er dem Oheim zu bedenken , daß er die Eindrücke seiner Kindheit , in welcher er den hohen Adel Frankreichs flüchtig durch die Welt habe ziehen sehen , niemals los geworden sei , und daß er sich , von seinem Stammbesitze abgetrennt , so elend wie ein Verstümmelter , ja , wie ein Mensch ohne seinen natürlichen Schatten erscheinen würde . Er berichtete , von dem Drange nach Mittheilung dazu verleitet , alles , was er von Tremann erfahren hatte , ließ es nicht unerwähnt , daß Herbert , der dem Grafen dem Namen nach aus den früheren Zeiten wohl bekannt war , auf Neudorf Absichten hege , daß auch von einem Käufer für Rothenfeld die Rede gewesen sei , und der Graf hörte ihm , ohne ihn zu unterbrechen , geduldig zu . Dann , als jener geendet hatte , sprach er : Ja , sie regen sich gewaltig , diese Herren vom Geldsacke und von der Hacke , und man könnte wirklich mitunter meinen , das goldene und das eiserne Zeitalter rückten gleichzeitig , und zwar zu unserem Verderben , auf uns heran . Glücklicher Weise aber hat es keine Noth mit ihnen . Ihre Interessen sind tausendfältig , kreuzen und widerstreben einander , und die unseren sind eines - eines und dasselbe durch die ganze Welt ! Ihre Habgier trennt sie von einander , unser berechtigtes Verlangen , das Unserige , seien es Rechte oder Besitzthümer , zu erhalten , zwingt uns zur Einigkeit . Wir gipfeln in dem Throne , den wir stützen , sie suchen nach einer Gestaltung , die Alle auf gleiche Höhe stellt , und sie verflachen und vernichten sich auf diese Weise , während wir uns durch unsere Gliederung und Unterordnung zugleich vertiefen und erheben . Es hat keine Noth mit ihnen und mit uns ! Ich habe sie unter den Franzosen studirt und kennen lernen , diese republikanischen Grafen von vorgestern und Prinzen von gestern ! - Er lachte . - Du hast ja selber Proben von ihnen hier bei mir gesehen . Schmutziges , habgieriges Gesindel , das Jeden für käuflich hielt , weil es selber käuflich war ! Renatus hörte dem Grafen nicht ohne Wohlgefallen zu , aber er wurde an seinen eigenen Erinnerungen und Erlebnissen irre . Indeß wie alles in sich Vollendete , hat auch die vollendete Heuchelei für denjenigen , der einer solchen nicht fähig ist , etwas , das ihn wenigstens für Augenblicke und oft für lange Zeit beherrschen und blenden kann , besonders wenn ihre Aeußerungen den persönlichen Ansichten und Wünschen dessen begegnen , an den sie gerichtet sind ; und alles , was Renatus von seinem Oheim vernahm , war dazu geeignet , ihn zu beruhigen . Freilich entsann er sich gar wohl der Vorschläge und Anträge , welche der Graf ihm eben hier in diesem Zimmer zur Zeit der französischen Herrschaft gethan hatte ; er erinnerte sich auch aller der Gerüchte , die über seinen Oheim in Umlauf gewesen waren , und des Tadels und der Unzufriedenheit , ja , des schweren Kummers , zu welchen derselbe seiner eigenen Familie Anlaß gegeben hatte . Aber der Freiherr hatte in Paris eine große Anzahl von Männern kennen lernen , von deren stürmisch durchlebter Jugend , von deren auffallenden Sinnesänderungen man sich ebenfalls das Abenteuerlichste zu erzählen wußte , und es hatte das nicht gehindert , daß man ihnen Ehre und Achtung zollte , wenn sie