, Blinde , Lahme mit Krücken , Bittende mit Briefen in der Hand , da verstand er , daß ihm heute auch noch das hohe Glück zu Theil werden sollte , Zeuge der vielbesprochenen ekstatischen Zustände der jungen Gräfin zu sein ! Am geheimnißvollen Schleier der Isis zu stehen ist nichts Kleines . Püttmeyer ' s Athem , ohnehin nur kurz , stockte vollends . Mechanisch ließ er sich von dem Diener seiner Umhüllungen entkleiden . Fast hätte er auch sein großes weißes Halstuch abbinden lassen , das einer schützenden Ueberbinde ähnlich sah . Die rasche Hülfe eines jungen , in eleganter Toilette hinzuspringenden Mannes schützte ihn vor dem Misverständniß und dem Verlust eines schönen Knotens , den ihm die Frau Steuerinspector Emminghaus mit eigener Hand heute früh gebunden hatte ... Der junge hülfreiche Mann war Thiebold de Jonge ... Mit seinem nur » scheinbaren Adel « hatte er sich nicht an dem Leichenbegängniß betheiligen wollen . Tante Benigna ersah mit sichtlichem Wohlgefallen , wie der vorzugsweise von ihr gern gesehene und ein für allemal geladene Gast sich schon wieder nützlich machte ... Paula wurde von Armgart geführt ... Hoch und schlank schritt sie dahin . Den schweren Sammetmantel hatte man ihr schon abgenommen . Sie war unter ihm in schwarze Seide gekleidet . Alle Thüren wurden aufgerissen . Die Diener kannten schon , wie sie sich in solcher Lage zu benehmen hatten ... Paula schwebte förmlich ... Die Frauen führten sie in ihre Zimmer . Püttmeyer , voll Staunen und die Hände faltend , blieb mit Thiebold allein . Thiebold hatte für eine seiner gewohnten geistreichen Aeußerungen , die in diesem Augenblick lautete : » Nicht wahr ? Doch merkwürdig ? « nie so viel Zustimmung gefunden . Im großen Vorsaal , der etwas düster war , da ein über ihm befindlicher Balcon ihm das Licht nahm , befand sich an der Thür das Weihwasser ... Tante Benigna und Armgart hatten sich beim Eintreten trotz der Aufregung durch Paula ' s Zustand benetzt ; Paula war vorübergegangen ... Vom Vorsaal schritt man zur Rechten in ein geräumiges , wenn auch nicht zu großes Wohnzimmer . Hier war alles mit Teppichen belegt . Die Vorhänge waren von grüner Seide . Ein Flügel stand aufgeschlagen , auf dem ohne Zweifel Thiebold eben einige Fingerübungen gemacht hatte , denn mit so wenig Virtuosität , wie er sie besaß , hier Effect zu machen , hätte er sich nicht für möglich gedacht . Sopha , Stühle , alles war mit grüner Seide überzogen . Die Etagèren und kleinen Schränke waren von dunkelbraunem Holze und in gothischen Formen . Die Bilder stellten Scenen aus dem Leben der Apostel und Heiligen dar . An frommen Büchern und Provinzialzeitungen war kein Mangel ... Püttmeyer kämpfte nicht wenig , wie er es anstellen sollte , über Dinge , die hier so leicht genommen wurden , sein ganzes Erstaunen auszudrücken . Er kannte Erfahrungen dieser Art nur aus Büchern . Er hatte Abends » bei Schönians « , wo er jeden Abend seine zwei Gläser - Gerstenschleim trank , oder an seine ihn besuchenden Verehrerinnen sich , wenn er um Erklärung angegangen wurde , dahin geäußert , daß das klare und intellectuelle Leben des Menschen die Centripetalität , d.h. das Streben zum Mittelpunkt wäre , aber das Gefühls- und nervöse Leben die Centrifugalität . Er hatte oft geäußert , daß man einer solchen Verrückung und Umkehrung dieser Thätigkeit , wenn sie auch Krankheit wäre , getrost nachgeben und der großen Weltseele näher zu kommen suchen sollte . Da die Visionen der Gräfin keineswegs recht in die christlichen Anschauungen passen wollten , da sie , wie Armgart ' s Mutter noch vor kurzem bei Piter Kattendyk etwas zu vorschnell geglaubt hatte , keineswegs immer mit Christus und der Gottesmutter » im Jenseits « verbunden zu sein behauptete , so hatten die Priester ringsum noch keine besonders entschiedene Meinung über sie aussprechen mögen . Aber die hohe Stellung der Gräfin hinderte ein Einschreiten dagegen . Dann war von der Residenz des Kirchenfürsten , als noch Michahelles allmächtig war , die Weisung gekommen , an den Vorfällen nichts zu stören , sie gehen zu lassen , wie sie gingen , und erst die Ankunft des Domherrn und Archipresbyters von Asselyn abzuwarten , der Bericht erstatten sollte . Umsomehr konnte Püttmeyer die Ansicht von bösen Dämonen und einem unheiligen Zustande bekämpfen ; vollends da , als er hörte , daß Paula vorzugsweise von großen unermeßlichen bunten Ringen sprach , durch die allemal erst ihr geistiges Auge hindurchdringen müsse , wie durch ein großes , riesig aufgezogenes Perspectiv ... Und als Armgart ihn zum ersten male besuchte und die Rede von Paula ' s Visionen war , hatte sie ihm gesagt : Des Magnetiseurs bedarf sie nicht . Der Onkel macht sie durch einfache Berührung hellsehend . Vor Jahren durfte der ehemalige Porteépée-Fähnrich von Asselyn , jetzige Domherr , nur in der Nähe sein , so fühlte sie den Strom , der ihr durch die Fingerspitzen wie in glühenden Tropfen abfiel , und was man sie fragte , sah und hörte und las sie . Erst sind ' s immer große bunte Ringe , die sie sieht , dann sind ' s grüne Wiesen , darüber leuchtet Violett- und Rosaschein und nun begegnet ihr alles , was diesseit und jenseit der Erde lebt , sowol die großen Jagdhunde des Onkels , wie die Heiligen Gottes , sowol Tantens verlegte Ueberschuhe , wie König David mit seiner Harfe ! Thiebold stellte dem Doctor sich selbst vor und äußerte im Mäcenaston seine Freude , einen so » berühmten Dichter « persönlich kennen zu lernen ... Benno hatte ihm einige Erläuterungen über ihn gegeben und gern hätte er schon à la Piter Kattendyk gesagt : Speisen Sie bei mir ! Ich habe bereits so vieles Schmeichelhafte von Ihnen gehört und » gelesen « ! fuhr er fort . Und besonders von Fräulein Angelika Müller ! Haben Sie lange keine Nachricht von dieser Vortrefflichsten ? Ich habe immer gerechnet , Ihre Verbindung bald annoncirt zu hören . Herr Doctor , Herr Doctor ! Ich sollte meinen , es wäre Zeit ... Püttmeyer konnte so raschem Redestrom nicht folgen , wodurch Thiebold veranlaßt wurde aufs neue auf Angelika zurückzukommen und den Geist , das Gemüth , vorzugsweise aber die himmlische Geduld dieser Einzigen zu rühmen ... Püttmeyer bestätigte alles das , seufzte tief auf und sagte wiederholentlich : Laissez passer ! Laissez passer ! Laissez passer ! Wie so ? entgegnete Thiebold mit elegischem Blick und fuhr sich mit den bei Ankunft des vierspännigen Wagens wieder von ihm angezogenen weißen Handschuhen in sein in Witoborn , wo er mit Benno bei Hedemann wohnte , schön frisirtes Blondhaar und verschluckte eine sentimentale Wendung , die etwa sagen wollte : Auch du mußt dich ja an verklungene Hoffnungen gewöhnen ! ... Denn Armgart war sonderbarerweise auch ihm das nicht mehr , was sie einst gewesen ... Ein Räthsel umspann die Freundin , ein Räthsel , » glücklicherweise « , konnte er in seiner » Bosheit « sagen , auch für Benno ... Ein Diener trug eben eine sonderbare Last an ihnen vorüber ... Es war ein Kissen voll kleiner Gegenstände , wie Nadeln , Ringe , Brochen , Gebetbücher , Rosenkränze , Crucifixe ... Der Diener ging damit schnell , aber fast auf den Zehen in die noch offenstehende Thür , durch welche man Paula in die innern Gemächer geführt hatte ... Auf Püttmeyer ' s Erstaunen gab ihm Thiebold eine Erklärung . Der Zudrang zu Paula ' s Wunderkraft nehme immer mehr zu . Der Onkel Levinus verböte zwar die Abgabe der hundert Dinge , die die Gräfin nur einmal zu berühren brauchte , um sie heilkräftig zu machen , auch Tante Benigna nähme Rücksichten auf Paula ' s Gesundheit und Ruhe und dennoch besäße man die Freundlichkeit und » stellenweise « die Schwäche , der Aufregung der ganzen Provinz und der Zeit ohnehin » Rechnung zu tragen « ... In der That hätte oft ein Schreiber in der Rechenei der gräflichen Güter unausgesetzt mit dem Zurücksenden solcher Dinge zu thun und obgleich der exacte Sinn des Onkels jedem dabei schreiben lasse , er bedauerte diese Gegenstände so zurückschicken zu müssen , wie sie gekommen wären , ließe sich der Volksglaube doch nicht nehmen , daß diese Gegenstände von der wunderthätigen jungen Gräfin , der Seherin von Westerhof , wirklich berührt worden wären . Man empfange ablehnende Antworten und doch wären schon die Briefe den Leuten geweiht und wirkten auch . Im ganzen Lande stünde fest , daß eine von Gräfin Paula berührte Wachskerze nur angezündet zu werden brauchte am Bette eines Leidenden und alsbald würde sein Uebel verschwinden ... Püttmeyer thaute vor dieser mittheilsamen Suada auf ... Auch er erzählte von Armgart ' s Besuch ... Fräulein Armgart von Hülleshoven , sagte er , erzählte mir , daß die Comtesse vor allem an sich selber glaube . Sie sagte mir : Wie sollte meine Freundin denn diese eigenthümliche Kraft sich deuten , die ihr ganzes Sein immer wie aufwärts zieht ? Es ginge ja durch ihr Inneres , und das ganz körperlich , manchmal ein Strom quer über den Rücken hinweg , als müßte sie sich beugen und , wenn sie wollte und dabei an Gott dächte , theilte sich dieser Strom und liefe in die Arme und Fingerspitzen aus , aus denen es ihr dann wie heiße Tropfen perlte ! Schon als Kind hätte ihre süße Freundin diesen Strom gehabt und oft zu Fräulein Benigna , ihrer Erzieherin , gesagt : Tante , ich könnte mich rückwärts biegen wie ein Ring und so mit dem Kopf auf die Erde kommen ! Und einmal - doch ich bitte Sie - Herr Baron - Bitte recht sehr ! versicherte Thiebold seine Discretion und erröthete über seinen » scheinbaren Adel « ... Püttmeyer wollte nur entschuldigen , daß er so viel allein sprach ... Einmal , Herr Baron , war Fräulein Benigna , die die Wirthschaft des Grafen Joseph führte , voll Verzweiflung zu diesem in sein Studirzimmer gestürzt und hatte ihn gerufen , zu Hülfe zu kommen . Da sahen sie Comtesse , so schlank und lang sie schon war , mit aufgelöstem Haar auf der grünseidenen Decke ihres Bettes stehen , im langen spitzenbesetzten Hemde und hochaufgerichtet wider die Wand , dicht zwischen dem Weihwasserkessel , dem Crucifix und dem Bilde ihrer Mutter sich anstemmend und gegen die Wand sich so furchtbar drängend , als wollte sie die Mauer eindrücken ... Thiebold strich sich die Frisur , als fühlte er , wie sie sich » vor Horreur « sträubte .... Ja , Herr Baron ! fuhr Püttmeyer erregt fort . Fast unglaublich , aber Fräulein Armgart versicherte es . Der Mond stand gerade gegenüber und schien Comtessen ins Antlitz . Comtesse war bei völliger Besinnung und sagte nur immer : Ich muß das so ! Die Aerzte sprachen damals , wie ich wol verstand , von der Entwickelung des weiblichen Lebens und konnten nur Vorbaumaßregeln anempfehlen , wenn die Anfälle sich wiederholten ... Aber sie kamen wieder mit allen Schrecken von Bewegungen , die oft aller uns geläufigen Gesetze von der Schwere und Centripetalkraft der Dinge spotteten . Das kranke Mädchen konnte sich gegen die Wand abstemmen und in der Schwebe mit ganzer Körperschwere erhalten . Somnambulismus fehlte damals noch . Vielmehr stellte sich in ihrem fünfzehnten Jahr eine starke Reaction des Körpers in seinen Muskeln und sozusagen irdischern Theilen ein . Der Gang wurde träge , hängend , Comtesse fingen zu hinken an . Nun kamen sie auf die berühmten Streckbetten einer süddeutschen Stadt . Das zweijährige Liegen in einer fast ununterbrochen gleichen Lage schloß ihr allerdings wol die Pforten des Phantasielebens auf ; doch bald trat immer deutlicher Clairvoyance hinzu . Sie kannte ihren Zustand . Sie hielt ihn so werth , daß sie , wie Fräulein Armgart versicherte , in der Beichte sich der Eitelkeit anklagte . Da ihr Befinden , einige vorübergehende Störungen ausgenommen , kein eigentlich krankes war , wenn sie sich in ihrer gewohnten Weise erhielt , so blieben von ihr die Zumuthungen künstlich magnetischer Einwirkungen fern . Sie hatte ihre bestimmten Zeiten des Schlafes , bestimmte Bedingungen , wie den langen Anblick des Wassers , des Metalls , des Schnees , die ihr ein waches Träumen verursachten . Dann durfte nur der Herr Baron von Hülleshoven leise einmal mit der Hand über sie hinstreifen und sie antwortete auf jede Frage , die er an sie richtete . Sonst wirkt , hör ' ich , alles auf sie , was sie lieb hat , selbst das Anstreifen - ihrer großen Doggen ! Sie ist im Bann des Wohlbefindens bei gewissen Menschen ebenso , wie im Bann des Schmerzes bei andern . Hört sie von Hoffnungen , die auf sie gerichtet werden , so nimmt sie ihr Brevier , liest die entsprechende Tagzeit und glaubt , ihr Gebet müßte geholfen haben ; wenigstens zöge es sie , sagte Fräulein Armgart , mit ganzer Seele zu den Leidenden hin ... Seit einiger Zeit vollends soll die Heilkraft und die Sehergabe außerordentlich geworden sein ... Hier wurde Püttmeyer ' s förmlich in einen reißenden Strom gebrachte Rede von demselben Diener unterbrochen , der eilends und erschreckt zurückkehrte , das Kissen mit den Gegenständen von vorhin noch auf der Hand ... Was ist ? fragte Thiebold ... He spreekt ! sagte der Diener auf plattdeutsch und eilte bestürzt vorüber ... Sie spricht ? ... wiederholten beide ... Thiebold , mit jenem Vorwitz , » den auch nur er haben konnte « , zog den Doctor , der sich sträubte , näher , beschritt die offene Thür , kam durch ein Zwischenzimmer , fand wieder eine Thür offen , dann einen schwersammetnen blauen Vorhang , lüftete diesen und ließ ihn plötzlich sinken ... Es war ein kleines Durchgangscabinet , noch vor Paula ' s Schlafzimmer ... Hier lag die Schlafende auf einem Ruhebett und sprach in vernehmlichen Worten . 4. Dies Vorcabinet war ein Neubau , der eine frühere Unterbrechung der Wohn- und Schlafzimmer durch einen Gang verhinderte und verdeckte . Von einem obern Zimmer hatte es ein durch gedämpftes Glas hereinfallendes Kuppellicht ... Das Schlafzimmer daneben war fast dunkel , aber die dunkeln Schatten leuchteten bunt . An den Fenstern prangten praktikable bunte Läden von bleigefügten , schön zusammengestellten alten Kirchenfenstertrümmern ... Es sah hier aus wie der Eingang in eine Kapelle ... In dem Vorcabinet , beschienen von dem matten Kuppellicht , lag Paula , völlig angekleidet auf einem Ruhebett ... Die Haare glänzten golden ... Ihre Augen waren geschlossen , ihre Blicke lächelten ... Armgart stand zu Paula ' s Häupten , selbst geisterhaft wie eine Botin aus jenem Traumreich , von dem einst der griechische Sänger sagte , es hätte zwei Ausgangspforten , eine von Elfenbein , aus dieser kämen die unwahren Träume , eine von Horn , aus dieser kämen die zutreffenden ... Die Tante hielt Paula ' s Hände ... Thiebold wagte nicht einzutreten , zog sich aber auch nicht zurück und winkte vielmehr dem Doctor , der so kreideweiß war , wie seine Halsbinde ... Deutlich hörte man die langsam und hellgesprochenen Worte : O die liebe , liebe , liebe Sonne ! ... Wie glitzert das im Schnee ... Ein Brillant auf jeder Tannenspitze ... Ach , ach ! ... Das ist ein Schatz - im Düsternbrook ... Im Düsternbrook ? Püttmeyer glaubte , die Seherin wäre in dem Reiche der ewigen Kreise , Tangenten und Sekanten - Der Düsternbrook lag nur drei Meilen von hier ... St ! sagte aber Thiebold schon , nur auf eine Ahnung hin , Püttmeyer könnte sich erläuternd oder anzweifelnd bewegen ... Püttmeyer schluckte nur seine Angst hinunter und hielt sich an einen Stuhl , um nicht das Gleichgewicht zu verlieren ... Nun kommen sie ! fuhr die Träumende fort ... Wie sie so lieblich singen , die Mönche ! ... Silberbeschlagen ist der Sarg ... Laienbrüder tragen ihn ... Die Armen ! Wie die Füße so nackt durch den Schnee müssen ! ... Alle singen : Dona eis pacem ... Wie heißt das , Fräulein - Schwarz ? ... Die Träumende schwieg ... Thiebold stand schreckergriffen . Er glaubte , » versichert sein zu dürfen « , daß die Gräfin drei Meilen weit das eben stattfindende Begräbniß des Kronsyndikus sähe ; aber was sollte dann Fräulein Schwarz , die doch wol niemand anders sein konnte , als ihre frühere Gesellschafterin , jene Lucinde , der Benno ein lateinisches Wörterbuch gekauft hatte ? War denn diese bei dem Begräbniß zugegen ? Püttmeyer schlich athemlos einen Schritt näher ... Die Gräfin sprach schon wieder laut , doch etwas unverständlicher ... Erst allmählich unterschied man die Worte : Die Wagen nehmen ja kein Ende ... Ich zähle schon dreiundzwanzig ... in dem ersten hinter den Franciscanern sitzt der Präsident von Wittekind ... Neben ihm der Domherr ... Wieder eine Pause ... Dann der Onkel mit Benno - ! fuhr Paula fort ... Wieder schwieg sie ... Es geht so langsam ... Den Schnee schütten die Bauern auf ... Da läuft ein Reh über den Weg ... Alles ringsum Wald ... Aber die Menschen ... Singen die und sie läuten auf dem Schlosse ... Der Zug kann jetzt nicht durch ... Jetzt schweigen die Mönche ... Einer singt ... Pater Ivo ... » Maria , Maienkönigin ! Dich will der Mai begrüßen ! « ... Der Mai in diesem Winter ! ... Püttmeyer kannte ja auch den Mariensänger , den Grafen Johannes von Zeesen , der mit seinem Husch ! Husch ! die Melusinen verjagte ... In der dritten Kutsche ... fuhr Paula den Bebenden fort zu erzählen ... da sitzt der Herr von Terschka ... Bei ihm der Landrath ... Wie jung ist der heute wieder ! ... ... Herr von Enckefuß ist ganz geschminkt und schön frisirt ... Die Mönche singen ... Wie scheint die liebe Sonne auf den silbernen Sarg ! ... Ein Kissen liegt auf ihm mit allen Orden des Onkels ! ... Wie funkelt das ! ... Vierzehn Mönche sind es ... Zwei fehlen ... Sebastus und Hubertus fehlen ... Sebastus ? - sagte , seinem Temperament verfallend , Thiebold halblaut ... Den seh ' ich ja jetzt auch ! ... hauchte Paula , als wenn sie Thiebold ' s Frage gehört hätte und alle , auch wol drinnen die Frauen , mochten denken : Den Sohn des Mannes sieht sie , der erschlagen wurde von dem Todten , den sie eben begraben ? Der liegt recht krank ! fuhr Paula fort . Er liegt im Krankenkämmerchen von Himmelpfort ... Ach , das ist da eng und klein ! ... Durch ein Gitter ... Da kann er in eine andere Zelle sehen , nicht acht Schritte lang ... Das ist die Kapelle der Kranken ... Fünf Schritte breit ist auch die nur ... Maria von altem bunten Holze ... Neben ihr - dahin also legen sie ihre Weihnachtskrippchen ? ... Ein Oechslein ... ein Eselein ... wie zum Spiel für Kinder ... Gebt sie ihm doch ! ... Geht das Eselchen nicht durch das Gitter ? ... Es geht ... Armer Pater , spiel ' mit dem Krippchen der Franciscaner ! ... Lange blieb es jetzt drinnen still ... Tante Benigna sprach endlich laut und betonte die Worte so scharf , als könnte Paula dadurch verhindert werden , ferner ihren Geist außerhalb der körperlichen Hülle dahin schweifen zu lassen ... Armgart aber schien das höchste Verlangen zu tragen , vom Leichenbegängniß mehr zu wissen ... Nein ! Nein ! Komm ! sagte die Tante mit Entschiedenheit ... Laß sie doch , Tante ! bat Armgart ... Sie träumt das nur so - komm ! ... Sie sieht es nicht ... Die Tante hatte schon die Vorhänge ergriffen und bedeutete die Männer , sich nicht den Zwang anzulegen , zu leise aufzutreten ; man dürfte getrost ganz laut sprechen ... Schon wollte sich entfernend Püttmeyer in Andacht , Thiebold in Bewunderung ausbrechen , als Armgart , die sich nicht trennen konnte und jetzt weit über dem mit einer seidenen Decke belegten Ruhesopha hingestreckt lag und das in glatten Scheitel gewundene Haar der Freundin streichelte , hastig winkte und die Tante bedeutete , Paula schiene einen heftigen Schmerz zu fühlen ... Schnell wandte sich die Tante ... Da sie gleichfalls zu sehen glaubte , daß sich Paula durch irgendetwas erschreckt fühlen mußte , kehrte sie zurück ... Der Vorhang , der die Männer von dem Gemache trennte , fiel wieder zu ; aber sie hörten die angsterfüllte Stimme der Träumenden in kurzen Sätzen die Worte ausstoßen : Wer stört nur da - die Ruhe des Todten ? ... Der Zug hält ja ... Wer spricht ? ... Das ist die Eiche , an der ... Wer spricht nur immer und predigt so laut ? ... Ha ! ... Herr von Terschka springt aus dem Wagen ... Die Mönche schweigen ... Benno ... Gensdarmen ... Der - Jude ... Merkwürdig ! rief Thiebold , dem das Traumsprechen Paula ' s an sich nicht neu war , und ergriff die Hand des zitternden Doctors , dem der Angstschweiß auf die Stirne trat . Was mag denn nur vorgefallen sein ? ... Nichts mehr wurde hörbar ... Man vernahm ein Murmeln der Gräfin , ein unverständliches Sprechen , wie durch die Zähne ... Dann war alles still . Die Tante kam heraus und sagte , scheinbar voll Beruhigung und doch voll Bestürzung : Sie ist erwacht ! Jetzt - in einem Augenblicke - flüsterte Thiebold ... Wo ich , konnte die Tante für sich hinzusetzen , schon die Freude habe zu sehen , wie dieser liebenswürdige junge Mann förmlich schon unter dem Umstand leidet , seinen Hut nicht holen und sich bei etwas Vorgefallenem nützlich machen zu können ... Wie ganz anders das , als einst z.B. mein Levinus war ! ... Im Erwachen weiß sie nichts mehr von dem , was sie im Traumschlaf gesehen ? fragte Püttmeyer im Gehen und athemlos vor Beklemmung ... Kein Wort weiß sie dann ! bestätigte die Tante . Sie können sich denken , wie diese Dinge uns aufregen . So besonders lebhaft sprach sie seit lange nicht wieder , und wir glaubten schon den höchsten Grad erreicht zu haben ... Sie werden sehen , daß sich unser Engel nach einigen Minuten erholt hat und am Arm ihrer Freundin eintritt , als wenn nichts geschehen wäre ... Was mag nur die plötzliche Störung gewesen sein ! Und gerade da , an - der verhängnißvollen Eiche ? ... So kamen sie in das behagliche Wohnzimmer zurück ... Und Sie dürfen in der That annehmen , meine Gnädigste , begann Püttmeyer , daß das alles - Na natürlicherweise ! fiel Thiebold ein und erklärte es für » selbstverständlich « , daß die Herren , die gegen Abend zurückkommen würden , alles das als wirklich so vorgefallen bestätigen würden ... Püttmeyer mußte bedauern , daß die weite Entfernung Eschedes ihn zwang , unmittelbar nach dem Diner sich schon in den Wagen zu setzen , der ihn heute früh abgeholt hatte , und wieder in sein Städtchen zurückzufahren ... Die Tante war inzwischen mit der Nachfrage um das Diner beschäftigt . Die Störung des Leichenbegängnisses nahm sie allmählich für etwas wirklich Vorgekommenes , vielleicht doch nur Unverfängliches . Sie wüßte , sagte sie , wie schreckhaft Paula wäre und wie schon die geringste Abweichung von dem , was in der Ordnung , sie in Verwirrung bringen könnte ... Thiebold schwebte hoch über der Erde . Er erzählte eine Anzahl von Geschichten , die ihm die alten Holzvermesser seines Geschäfts , die Förster und Holzschläger auf seinen Reisen als glaubhafte » Ahnungen « versichert hätten . Er behauptete , in Canada englische , aus Schottland gebürtige Soldaten gesehen zu haben , die am zweiten Gesicht krank waren ; krank , betonte er , wenn man krank eine so wunderbare Gabe nennen könnte , die sogar ansteckend sein soll ; ja in der That , Herr Doctor - ! Thiebold versicherte , daß ihm Hedemann erzählt hätte , wenn in einer schottischen Compagnie nur ein einziger Geister sähe , sähen bald alle welche . Selbst der Oberst von Hülleshoven , der doch gewiß ein Mann ohne Vorurtheile wäre , hätte dies versichert - Nun kam die Tante von einer Inspection des jenseit des großen Empfangssaales gedeckten Tisches zurück und Thiebold mußte von dem hier bedenklichen Obersten schweigen ... Die Tante reichte Püttmeyern den Arm ... Thiebold bedeutete , auf Paula und Armgart warten zu müssen . Die Tante bat ihn zu kommen ; die jungen Damen würden nicht ausbleiben ... In der That erschien , als die drei Vorausgegangenen in einem fast im Styl eines klösterlichen Refectoriums angelegten , rings mit kunstvoll ausgelegten hohen Schränken und krystall- und silberbeschwerten Büffets versehenen Zimmer an ihren Stühlen standen , Paula , geführt von Armgart . Beide kamen wie aus der Märchenwelt . Paula wie eine Fee , Armgart wie ein ihr dienender Elfe . Jene in heiterer Sicherheit , ahnungsvoll im Besitz ihres Reichthums und in der Fülle ihrer Gaben , sie ohne Anspruch auf Dank verschenkend ... Diese der Erde angehörender , minder zuverlässig , eher wie das Licht des Mondes gehalten gegen den Strahl der Sonne ... Beide hätten Kränze auf ihren schönen bleichen Häuptern tragen sollen , Paula von himmelblauen Winden , Armgart von grünem Epheu ... Armgart klammerte sich an ihre Freundin , wie wenn diese das Geheimniß auch ihres Lebens hielt ... Paula , selbst so hülfsbedürftig , selbst so schwankend bewegt von ihrem innerlich bangen , äußerlich zwar noch immer glänzenden , aber doch ungewissen Geschick , bewegt von ihrer stillen Liebe , bewegt von ihrem Naturlose , das sie sogar von dem , was ihr eben geschehen war , selbst nichts wissen ließ , schwebte sicherer dahin als Armgart , die fast mit scheuem Gewissen zur Erde blickte ... Das Mittagsmahl stand in seltsamem Gegensatz zu dem eben Erlebten . Suppe , Rothwild , Auerhähne , grünes Kraut und Kastanien - und hinter jedem Stuhl vielleicht ein abgeschiedener Geist ! In einem Winkel des Zimmers auf einem Fußsessel , vielleicht mit der Trauerhaube die Schwester des Kronsyndikus , Paula ' s längst verstorbene Mutter ... Vielleicht Graf Joseph , der eben an einer alten , neuvergoldeten Rococo-Wanduhr die zufällig schnurrenden Gewichte aufzog ... Wer hätte nicht außer sich vor Staunen fragen mögen : Wie ist dir denn nun das , du Heiligste deines Geschlechts ? Wie fühlst du dich nur ? Was sahst du denn am gespaltenen Eichbaum ? Wer predigte nur so laut ? Kann das wirklich derselbe Mund sein , der vorhin ein wunderbares Ferngesicht erzählte und der jetzt so den silbernen Löffel leert , wie wir , völlig harmlos von des Doctors bedauerlicher Abreise spricht und sogar Armgart neckt , die » ein Buch über Philosophie zu schreiben scheine ; denn so , wie sie sich seit einigen Tagen umgewandelt hätte , das könnte nur eine Gelehrte , die freilich auch von Angelika soviel Mathematik gelernt hätte « ... Thiebold war glücklicherweise der Mann , der jetzt über die schwierigsten Fragen wie über schwindelnde Brückchen hinwegschlüpfte , dabei jeden niederfallenden Knäuel einer Bemerkung episodisch aufhob und ein seltenes Gemisch von geselligen Tugenden zur Bewunderung der Tante bot , die solchen Männerschlag in der Welt für unmöglich gehalten hatte . Püttmeyer versank in ein stillbeschauliches Grübeln ... er sah Paula starr an , verwechselte sein Messer mit der Gabel , nahm zum Braten zu gleicher Zeit Compot und Salat und beging all die Diätfehler , vor denen ihn seine Verehrerinnen in Eschede beim Abschied so ernstlich gewarnt hatten . Thiebold hatte dabei ganz nach Moppes ' und Piter ' s Theorie die Art , den Wein einzuschenken , als wär ' s Wasser . Da fand kein Nöthigen statt , kein Abwarten , ob ein Glas schon ganz geleert war ; wie er in sein Haar griff , um seinen Scheitel zu ordnen , ebenso leicht griff er an die Flasche . Die Tante fand das alles entzückend . Sie lebte auf in dem heitern Anblick , wie die beiden Mädchen wol ein halb Dutzend mal dieselbe Geberde machen mußten , die Hand auf ihre Gläser zu legen und dem Einschenkenwollen zu steuern , während Thiebold ebenso oft dann , ohne sich in seinen Reiseberichten über Amerika , Paris , London und Kocher am Fall stören zu lassen , die Wassercaraffe ergriff und die Wassergläser der Damen bedachte . Er ist allerliebst ! sagte ihr zwischen Paula und Armgart hin- und hergehender Blick ... Nur Ein Diener konnte dabei bedienen , da zur Vertretung der gräflichen Würde beim Leichenbegängniß fast die ganze Dienerschaft abwesend war und der neuhinzugetretene Dionysius Schneid für ein unmittelbares Bedienen der Herrschaften zu wenig Geschick zeigte ... Im Strom seiner Mittheilungslust und einer bei dem Gefühl , » mit Geistern zu Mittag zu speisen « , höchst natürlichen Aufregung gerieth Thiebold wiederholt auf Armgart ' s Aeltern . Er konnte diese Erwähnungen nicht länger zurückhalten ; denn bald hatte er vom Obersten eine entschlossene That , bald von der Oberstin eine überraschende Aeußerung zu berichten . Die Tante ermuthigte ihn auch , sich keinen Zwang anzulegen , denn diese Veränderung hatte allerdings stattgefunden : sie war völlig geneigt zur Versöhnung . Ihre Sorge um Armgart wurde zu groß ; im Stifte Heiligenkreuz konnte des jungen Mädchens Bleiben nicht sein . Sie hatte bisjetzt die schlechteste Stelle , jährlich nur zwanzig Thaler baar und kaum sechzig in Naturalien . Die Verhältnisse in Westerhof wurden zu schwankend ; die Ansiedelung des Obersten von Witoborn mit dem auf die Hedemann ' schen Mühlenwerke gerichteten Plane war vor der Thür ; Onkel Levinus wurde je älter je grilliger ; Tante Benigna sah demnach ganz gern , daß Thiebold ihre Schwester und ihren Schwager zugleich pries ... Thiebold wurde dabei auch von ihr nur immer Herr von Jonge genannt