! Du warst die Mutter dieser sauberen Familie und es ist dir lange gelungen , alle diese Unanständigkeiten zuzudecken . « Hier schöpfte er tief Athem , setzte seine beiden Arme in die Seite und fuhr dann nach einer Pause fort : » Aber Eins hat mich amusirt , daß sie nämlich über mich gesagt , ich sei nicht so schlimm , sei von jeher ein lustiger , alter Herr gewesen und wenigstens kein Heuchler . « » Aber um Gotteswillen ! Papa , woher weißt du alle diese schrecklichen Geschichten ? Das kann dir doch Niemand in ' s Gesicht gesagt haben . « » Freilich hat man mir ' s in ' s Gesicht gesagt , aber weißt du , darin hat man eine eigene Manier ; es kommt so eine schleichende Canaille , nicht um dir zu sagen : Herr Kommerzienrath , Der und Der hat das über Sie gesagt ; fassen Sie ihn ! O nein ! sondern er spricht mit niedergeschlagenen Augen von der verderbten Welt , von der Sucht , Jeden zu verleumden , sieht dich dabei achselzuckend an , seufzt , kurz , geberdet sich so auffallend , daß du deutlich siehst , er habe was auf dem Herzen . Du fragst ihn ; er läßt dich lange bitten . Endlich mißt er dir das Gift tropfenweise zu , indem er spricht : man sagt so allerlei , man will das und das wissen , man glaubt dies , man glaubt das , und schlägt dir so eine Ohrfeige nach der andern hin mit lauter Man ' s , die ungreifbar sind . - Gott soll mich bewahren , sagt er auf dein Drängen , daß ich Personen nenne , ich will in keine Geschichten hinein kommen ; aber daß man allgemein spricht , was ich Ihnen vorhin erzählt , das können Sie mir auf mein Wort glauben . So geht er fort , nachdem er dir einen Dolch in ' s Herz gestoßen ; und an der Ecke schaut er sich um , ob du noch nicht wankest oder hinfallest . - Und wegen solchem Volke sollen wir uns grämen ? « fragte er schließlich mit einem Tone so entschieden , wie man ihn eigentlich nicht an dem alten Herrn gewöhnt war . » Ich nicht ! « Die Kommerzienräthin hatte aufmerksam zugehört , obgleich sie sich ihrem Gesichte nach ebenso gut mit etwas ganz Anderem hätte beschäftigen können . Sie hustete leicht und erwiderte : » Es ist das wahr , was du eben gesprochen . « » Nun , Gott sei gelobt , daß du es endlich einsiehst ! « » Hat mir doch die Wasser , « fuhr die Räthin fort , ohne auf die Worte ihres Gemahls zu achten , » gerade in Betreff Eduards einen wahrhaft impertinenten Brief geschrieben . « » Du hast da überhaupt schöne Korrespondenzen , « schaltete der alte Herr händereibend ein . Und Marianne setzte mit leiser Stimme hinzu : » Madame Wasser ist ganz auf die Seite meiner Schwägerin Bertha getreten . « » Um sie auszuhorchen und viel Böses über uns zu hören , denn - ! « rief der alte Herr . Doch machte ihn ein Blick seiner Frau verstummen . Diese hatte ihren Kopf drohend erhoben , als sie sich so unterbrochen sah , und sagte dann , nachdem sie leise auf die Briefe getrommelt : » Die Wasser schreibt mir , es sei doch ein bischen stark von Eduard gewesen , das bewußte Kind der Person in sein eigenes Haus zu bringen . Was man über dieses Kind denke , habe er schon daraus entnehmen können , daß sämmtliche Dienstboten des Hauses - vortreffliche Dienstboten , wie die Wasser sagt - darauf hin augenblicklich gekündigt hätten . « Der Kommerzienrath lachte krampfhaft hinaus , er hatte dazu den Moment benützt , als die Räthin schwieg und einen der vor ihr liegenden Briefe entfaltete . - » Ich habe es von jeher für meine Pflicht gehalten , « las die Räthin aus diesem Brief , » Ihnen nur die Wahrheit zu sagen ; deßhalb erlaube ich mir auch , Ihnen ein paar Worte zu bemerken , was die Einladung anbelangt , welche Sie für die nächste Woche an die Meinigen ergehen ließen . Nehmen Sie mir nicht übel , hochverehrteste Frau Räthin , ich kann Sie für dieses Mal nicht acceptiren , denn es ist mir zu schmerzlich , dort Leute zu sehen , die hinter Ihrem Rücken die Nase rümpfen , die Ihnen freundlich in ' s Gesicht sind und unter sich die gehässigsten Dinge über Ihr Haus aussagen ; ja recht gehässige Dinge . - Und was das Schlimmste ist , beste Frau Räthin , man kann ihnen noch nicht einmal in Allem widersprechen . Sie wissen , wie schätzenswerth es mir stets war , in Ihrem Hause so gut und freundlich aufgenommen worden zu sein . Aber - doch erlassen Sie mir das Uebrige ; o könnten Sie sehen , wie sehr es mich angegriffen hat , Ihnen die vorliegenden Zeilen zu schreiben ! Im Uebrigen bin ich wie immer mit alter Freundschaft Ihre Albertine Wasser , verwittwete Tutelarräthin . « » Ein vortrefflicher Brief das , « meinte der Kommerzienrath . » Aber da du einmal bei der Korrespondenz bist , so laß uns auch hören , was deine theure Freundin Louise schreibt . « Die Bitte des Gemahls wäre eigentlich überflüssig gewesen , denn Madame Erichsen hatte schon unaufgefordert das andere Billet eröffnet und las : » Liebe Lotte ! Du hast uns auf nächste Woche zu einer Soirée eingeladen und , wie ich höre , sollen viele Leute kommen . Nimm mir nicht übel , aber ich würde das an deiner Stelle nicht thun . Die traurigen Geschichten deines Hauses sind noch zu neu und die Leute sagen , das entwickle sich noch immer mehr . Wie ich denke , liebe Lotte , weißt du , aber wir Beide können nun einmal die Welt nicht anders machen . Ich schreibe dir eilig , damit du deine Einladungen noch nicht machst . Wenn die Menschen nur nicht so böse wären ! Aber glaube mir , Viele haben die Probe der lebenden Bilder und die Geschichte mit der Doktorin F. noch lange nicht vergessen . Daß ich am allerwenigsten auf Stadtgeklatsch etwas gebe , brauche ich dir wohl nicht zu sagen ; auch wundert mich gar nichts mehr , denn die Menschen sind zu bösartig , und wenn ich auch gewiß nicht dazu beigetragen habe und beitragen werde , dergleichen Klatschereien zu verbreiten , so kann ich dir doch nicht verschweigen , daß in der That das Gerede geht , du beabsichtigest , um der ganzen Gesellschaft zu zeigen , daß du dich um ihre Meinung gar nicht kümmerst , uns deine neue Schwiegertochter zu präsentiren , die sogenannte Braut des Herrn Arthur . Soll ich dir nochmals wiederholen , daß dergleichen Verleumdungen auf mich nicht den geringsten Eindruck machen ? Ich halte das für überflüssig ; denn du weißt , wie sehr ich bin und bleibe deine treue Freundin Louise . « Die Hand der alten Dame zitterte leicht , während sie die Briefe zusammenfaltete und vor sich hinlegte . » Und das schreiben deine bewährtesten Freundinnen , Mama ? « fragte schmerzlich Marianne . » Es ist doch ein wahres Sprichwort , « bemerkte zornig der alte Herr , » Gott bewahre mich vor meinen Freunden , mit meinen Feinden will ich schon fertig werden . Und die sogenannten Feinde unseres Hauses , eigentlich nur die Feinde von Mama , « setzte er mit Nachdruck hinzu , » wie haben sie sich benommen , seit diese traurigen Geschichten ruchbar wurden ! Ich will nur an den Doktor und namentlich an die Doktorin F. erinnern . - Gesteh ' es mir , Charlotte , « wandte er sich an seine Frau , » die neuliche Unterredung mit der Letzteren , die liebevollen Worte , die sie zu dir sprach , haben selbst dich ergriffen und gerührt . « » Warum selbst mich ? « fragte strenge die Räthin , ohne dabei einen Zug ihres Gesichts zu verändern . » Ah ! selbst dich , - das kann man in dem Falle doch wohl sagen , « meinte behutsam der alte Herr . » Du hattest doch ein Vorurtheil gegen die Doktorin . « » Ja , ich hatte es , « erwiderte nach einer Pause die Räthin . Und als sie nach diesen Worten in ihr Sacktuch hinein hustete , klang dieser Husten viel weicher , auflösender als sonst . » Nun , wenn ich recht verstanden habe , « entgegnete etwas heiterer Herr Erichsen , » so war das ein gutes Wort , das Mama eben aussprach . « » Und Mama hat so Recht darin , « sagte liebevoll Marianne , indem sie sich dem Sopha näherte . » Glauben Sie mir , die Doktorin F. ist eine herrliche , vortreffliche Frau . « Die Räthin schaute ihre Tochter mit einem einigermaßen argwöhnischen Blicke an . » Und höheren Orts sehr gelitten , « fügte wichtig der Kommerzienrath bei . » Ich weiß bestimmt , daß sie zuweilen in die kleinen Cirkel der Frau Herzogin kommt . « Die Räthin schaute ihren Mann an . » Und mir ist das sehr angenehm , « fuhr Marianne fort , » denn ich bin überzeugt , die Doktorin wird denen die Geschichten unseres Hauses auf wahre und gute Art auseinandersetzen . « Der Blick der Räthin , den sie jetzt auf ihre Tochter warf , war nicht mehr argwöhnisch , ja man hätte glauben können , sie nicke mit dem Kopfe , doch war dies , wenn es wirklich geschehen , so undeutlich , daß man es nicht recht behaupten konnte . » Was übrigens die höhere Gesellschaft anbelangt , « sagte der Kommerzienrath , indem er sich in die Brust warf , » so kennt man dort das Haus Erichsen , und wenn wir gewollt hätten , würde es uns ein Kleines gewesen sein , uns dort hinein zu lanciren , zum furchtbaren Aerger deiner Freundin Wasser und deiner treuen Louise . - Wie steht Arthur mit all den Leuten ? « fuhr er nach einer Pause eifriger fort . » Vortrefflich ! und selbst wenn er jenen sonderbaren Streich ausgeführt hätte - « Die Räthin schaute ernst auf ihren Mann . » Nun ja , ich sage , wenn er ihn ausgeführt hätte , so hätte ihm das bei den vernünftigen Leuten da oben nicht den geringsten Schaden gethan . « Der Blick der Räthin wurde fragender . » Weißt du , Charlotte , man kann über Alles sprechen . Die Sache ist , wie ich höre , vorüber . Nun gut , Arthur erzählte mir neulich , daß ihm einer seiner Bekannten , Graf Fohrbach , Adjutant Seiner Majestät und Sohn Seiner Excellenz des Herrn Kriegsministers , der im Begriff steht , eine der Hofdamen Ihrer Majestät zu heirathen , das schöne Fräulein von S. - eine alte Familie - gesagt , Arthur soll sich nur auf ihn , den Grafen verlassen - er wolle - im Falle - daß Arthur - « Hier stockte der Kommerzienrath , denn der Blick seiner Frau war außerordentlich scharf geworden . » Und was denn ? « fragte sie ungeduldig . » Nun , sich verheirathen mit - « » Nun denn , mit - ? « » Du weißt ja schon , Charlotte , mit jener Tänzerin . Man setzt ja nur den möglichen Fall , und in dem Falle würde sich die Gräfin Fohrbach ein Vergnügen daraus machen , die Madame Erichsen bei sich zu sehen . « Die Räthin schüttelte den Kopf und sagte in bestimmtem Tone : » Unmöglich ! « » Natürlich , für deine treuen Freundinnen wäre so etwas unmöglich , namentlich für solche , die selbst mit einem verdächtigen Herkommen zu kämpfen haben und die von jeher des weitesten Mantels der christlichen Liebe bedurft , um ihre Blößen zu bedecken . Aber man spricht ja vergeblich darüber ; die Sache ist vorbei . « » Der arme Arthur ! « seufzte Marianne . » Arthur ist eine noble Seele , « fuhr der alte Herr mit einem Anflug von Rührung fort , » Arthur ist selbstständig . Er konnte sagen : das ist einmal mein Glück und ich will glücklich sein . « » Und ungehorsam gegen seine Eltern , « versetzte streng die Räthin . » Allerdings , aber ich bin fest überzeugt , jenes arme Mädchen - sie hätte nichts gegen unsern Willen gethan . « Hier lächelte die Räthin zum ersten Mal während der Unterredung , aber es war ein unangenehmes Lächeln , ein spöttisches Lächeln . » Gewiß , Mama , « sagte Marianne in festem Tone , » sie würde das nicht gethan haben . Das Mädchen hat einen festen , herrlichen Charakter . « » Und wer hat euch das gesagt ? « fragte mißtrauisch die Räthin . Vater und Tochter wechselten schnell einen Blick , woraus Letztere fortfuhr : » Eduard sprach mit uns darüber ; er kam zufällig als Arzt in das Haus . « » Wie so - zufällig ? « fragte noch immer argwöhnisch die Räthin . » Ganz zufällig ! « nahm Herr Erichsen das Wort . » Du erinnerst dich doch der Geschichte mit dem Kinde , welches Eduard zu sich in ' s Haus nahm und das zu so schlimmem Gerede Veranlassung gab . Nun , man kann den armen Wurm doch nicht auf die Straße werfen und da erbot sich denn Arthur , es in jene Familie zu thun . « Die Räthin trommelte leise auf den Tisch und sagte dann : » Das sind saubere Geschichten . Nun , sie werden Herrn Arthur schön empfangen haben ! « » Sehr schön , « erwiderte ernst Marianne ; » liebevoll nahmen sie das verwaiste Kind auf , obgleich sie selbst nicht viel haben , und Mamsell Clara behandelte es ganz wie ihre eigenen Geschwister . - So sagte nämlich Eduard , « setzte sie hastig hinzu , als sie bemerkte , daß ihr die Mutter einer sonderbaren Blick zuwarf . » Und Eduard sieht öfters nach dem Kind , « fuhr der Kommerzienrath fort , » aber in letzter Zeit auch nach ihr selber - nach der Tänzerin nämlich . Und er meint , das Mädchen leide furchtbar , und er hat mir neulich unwillig gesagt - ja , ich kann es dir nicht verschweigen , Charlotte , wenn gleich - auch dein Unmuth - « Hier schien sich der Fluß seiner Rede vor dem strengen Angesicht seiner Gattin abermals im Sand verlaufen zu wollen . Doch munterte ihn ein Blick Mariannens auf und er fuhr muthig fort : » Eduard sagt also , es sei - eine Schande , daß man ein so liebliches und gutes Geschöpf so unglücklich und langsam dahin welken sehen müsse . « Die grauen Augen der Räthin schauten bald den alten Herrn , bald Marianne an ; doch war der Blick derselben nicht mehr ganz so scharf und kalt wie bisher . Auch wurde der Husten immer auflösender , und - wenn man sich so ausdrücken darf - trommelten ihre Finger nicht mehr in Dur , sondern in Moll . Nach einer Pause sprach sie jedoch : » Ihr schmiedet da ein artiges Komplott gegen mich ; Arthur wird euch sehr dankbar dafür sein . « » Ich habe gedacht , « erwiderte Marianne , » daß Sie so sprechen würden , Mama . Aber bei Allem , was mir und Ihnen heilig ist , schwöre ich Ihnen zu , daß Arthur mit uns nie über diesen Gegenstand geredet , Ja er vermeidet es , die Sache zu berühren , und gab mir schon einige Mal zur Antwort : Laß das ruhen , es ist vorüber . « » Das ist brav von Arthur , « meinte die Räthin mit sanfterer Stimme , » daß er so den Willen seiner Mutter respektirt . - Aber was will denn Eduard , daß er sich der Sache so annimmt ? « » Der handelt auch nicht ganz aus eigenem Antriebe und noch weniger im Auftrage Arthur ' s. Du weißt , welche große Stücke der Leibarzt des Königs auf deinen Sohn hält ; nun , der hat ihn neulich wegen der Geschichte vorgenommen . « » Ei sieh doch ! « sagte erstaunt die Räthin . » Wenn der mit seinem ewigen Spott sich jener Demoiselle ernstlich annimmt , da möchte freilich etwas Absonderliches dahinter sein . « » Das habe ich mir auch gedacht , « fuhr der alte Herr trocken fort , » aber ich kann dir sagen , Charlotte , daß der alte Leibarzt jenes Mädchen schätzt und liebt . Er hat sie am Todtenbette eines kleinen Schwesterchens von ihr kennen gelernt und sprach darüber wahrhaft enthusiastisch . Das sei ein reiches und edles Herz , meint er , ein Gefühl , warm und rein , wie er selten welches gefunden , kurz ein Geschöpf , über das man die Hände wehklagend zum Himmel erheben möchte , daß die Verhältnisse es hinderten , glücklich zu sein und glücklich zu machen . « » Nun , « versetzte die Räthin mit etwas schärferem Tone , » dazu könnte ja bei dem Leibarzte Rath werden ; er hat ja selbst zwei Söhne ; vielleicht ließe sich da ' was arrangiren . « Marianne warf ihrem Vater einen wahrhaft trostlosen Blick zu und auch dieser zuckte die Achseln , Beide , wie sie glaubten , ungesehen von der Mama . Doch hatten deren graue Augen blitzschnell nach rechts und links geguckt , starrten aber jetzt wieder gerade vor sich hin , als sie sagte : » Es ist bedauerlich , daß meine Angehörigen , die mich umgeben , so leicht durch den äußern Schein zu bestimmen sind . Bei dieser Sache ist es wahrhaftig ein Glück , daß Arthur so respektabel ist und sich meinen Wünschen , meinen vernünftigen Gründen ohne Weiteres fügt . « » Was mir eigentlich unbegreiflich ist , « fuhr dem alten Herrn heraus , » denn wer das Mädchen einmal gesehen , versteht nicht , wie man es selbst dem Willen der Eltern zulieb so leicht aufgeben kann . Mir ist das , namentlich bei dem Charakter Arthurs , gänzlich unverständlich . « Die Räthin sah lächelnd vor sich nieder . » Aber Arthur leidet ebenfalls sehr , « meinte Marianne ; » das sieht man ihm deutlich an . Er hat sich in letzter Zeit sehr verändert ; glauben Sie mir , Mama , wenn er auch Ihren Befehlen folgt , so wird ihm sein Gehorsam Zeitlebens nachgehen , und wer weiß , ob er nicht später einmal bedauert , gehorsam gewesen zu sein ! « Die Räthin hatte leise auf ihre Briefe getrommelt , sich dann mit dem Schnupftuche die Stirne abgewischt und entgegnete nun nach einem ziemlich langen Stillschweigen : » Ja , Arthur ist recht gehorsam gewesen , und es ist das , wie schon gesagt , sehr respektabel von ihm . Er vertraut seiner Mutter , von der er weiß , daß sie fest an ihren Grundsätzen hängt , der Leidenschaft nicht leicht Gehör gibt und vor allen Dingen selbst prüft , ehe sie einen einmal gefaßten Beschluß zu ändern pflegt . « Die letzteren Worte waren mit einem ganz andern Ausdruck gesprochen worden , fast warm und gefühlvoll , so zwar , daß der Kommerzienrath seine Tochter erstaunt anblickte , worauf diese einen tiefen Athemzug that , sich niederbückte und , während sie sanft die Hand auf den Arm ihrer Mutter legte , diese auf die Stirn küßte . Die Kommerzienräthin raffte ihre Briefschaften zusammen , erhob sich von dem Sopha , wobei sie lächelnd sagte : » Die Sitzung ist aufgehoben , aber ich will euch nicht verschweigen , daß es mir leichter um ' s Herz ist , als vor einer Stunde , wo ich mit diesen beiden Briefen in ' s Zimmer trat . Da war ringsum für mich Alles schwarz bezogen , jetzt hat sich ' s etwas aufgeklärt und es ist als schimmerte ein kleiner Lichtstrahl in mein Herz . - Komm , Marianne . « Damit gingen die beiden Damen fort , der Kommerzienrath blieb allein zurück und verhalf sich nachträglich noch zu einer Tasse wenn gleich schon ziemlich kalten Kaffees . Dabei aber schien er plötzlich guten Humors geworden zu sein und es war rührend und komisch zugleich , wie er nach genossenem Kaffee zum Zimmer hinaus tänzelte . Zweiundachtzigstes Kapitel . Die Familie Wundel . Der Brief , den Herr Blaffer an jenem denkwürdigen Abend dem Herrn Staiger geschrieben hatte , war der Post übergeben worden und glücklich an seine Adresse gelangt . Der alte Mann hatte bedenklich den Kopf geschüttelt , nachdem er ihn gelesen , aus tiefster Brust dazu geseufzt und bei sich überlegt , ob er seine Tochter Clara davon in Kenntniß setzen solle oder nicht . Doch sah er wohl ein , daß sich ein solch trauriger Umschwung in ihren Verhältnissen vor der Tochter nicht lange würde verheimlichen lassen , denn leider kannte er für den Augenblick keine anderen Quellen , welche im Stande gewesen wären , ihm die verkümmerte Einnahme zu ersetzen . Er lächelte , wenn er an all ' die schönen Träume dachte , denen er sich in den letzten Wochen so leichtsinniger Weise hingegeben . Clara las den Brief des Buchhändlers , ohne eine große Bewegung zu verrathen , doch zitterte ihre Hand , als sie ihn wieder zusammenfaltete und dem Vater zurückgab . » Und was meinst du ? « fragte sie mit tonloser Stimme . » Sollte das wohl von ihm kommen ? « Herr Staiger hätte hierauf um Alles in der Welt kein Ja geantwortet ; er fühlte wohl , daß das ein neuer Dolchstoß für das unglückliche Mädchen gewesen wäre . Er entgegnete also : » O nein , meine gute Clara ; wer weiß , wie das zusammen hängt ! Mich hat Herr Blaffer nie leiden können , und wenn Herr Arthur mit uns nicht zerfallen wäre , so hätte mir der Andere meine Arbeit vielleicht doch genommen . « - So sagte er , dachte aber anders ; er ahnte vielmehr einen Zusammenhang , ohne sich klar zu werden , worin dieser eigentlich bestehe . Ja , es gab Augenblicke , wo er Arthur für schuldiger hielt , als dieser in der That war . Leider machte sich die entzogene Arbeit und das hiedurch verminderte Einkommen nur zu bald in der Haushaltung der armen Leute fühlbar . Obendrein hatten sich die Ausgaben des Herrn Staiger wegen des kleinen Mädchens noch vermehrt , und dabei wollte er sich nicht dazu verstehen , für die Unterhaltung desselben das Geringste anzunehmen , obgleich Doktor Erichsen , der , wie wir wissen , zuweilen in das Haus gekommen , ihm das dringend angeboten hatte . » Das war früher nicht ausgemacht , « hatte ihm der alte Mann geanwortet ; » ich nahm das Kind gerne auf , weil es arm und hilflos in der Welt dastand ; auch sind die Kosten für dasselbe ja nicht der Rede werth . Und dann , « hatte er mit sehr gezwungenem Lächeln hinzugesetzt , » sind wir nicht so arm , als der Herr Doktor wohl glauben , und es ist uns wahrhaftig ein Vergnügen , auch etwas Gutes zu thun . « Eigenthümlich war es , daß Clara das fremde Kind außerordentlich lieb gewonnen hatte . Ihr war es wie ein Geschenk Arthurs , und wenn sie so neben ihm saß , ihm sein Kleidchen geordnet oder seine Haare geglättet , so versank sie oft in Träumereien und dachte : » Ich erziehe mir hiemit einen lebendigen Zeugen meiner Unschuld . Das Kind wird größer und älter werden , es wird fühlen und begreifen , wie ich Arthur geliebt und noch liebe , denn ich habe ja keine Ursache , das hier vor den Meinigen zu verschweigen ; es wird auch schon noch sehen , was hier bei uns geschieht , wie hier so gar nichts Heimliches und Unrechtes vorfällt , wird erkennen , daß ich ja nie im Stande gewesen bin , treulos zu werden und wird dann - vielleicht wohl erst nach langen , langen Jahren , « fügte sie mit trübem Lächeln bei , » im Stande sein , ihm das alles zu sagen und ihm so die Augen zu öffnen - über das Unrecht , das er an mir begangen . « - Wohl hätte ihm Clara das alles selbst sagen können , denn wenn Arthur seit jenem Vorfall auch nicht mehr in das Haus kam , so fühlte sie wohl , daß er ihren Weg zum Oefteren durchkreuzte . Wenn sie in den Theaterwagen stieg oder denselben an der Thüre ihres Hauses verließ , so begann ihr Herz heftiger zu schlagen , der Athem stockte ihr zuweilen plötzlich und sie vermied es alsdann , rechts oder links zu schauen . Sie wußte auch ganz genau , daß es nur des geringsten Zeichens von ihrer Seite bedürfe , nur ein Stehenbleiben , einen Blick um sich her , um ihn augenblicklich heran zu ziehen . Doch das wollte sie gerade vermeiden . Sie war zu stolz , sie fühlte sich zu sehr verletzt , um nach dem , was er ihr Alles gesagt , eine Erörterung herbeizurufen , wenn sie eine solche auch zuweilen herbeiwünschte . Aber diesen Wunsch hatte sie nur , wenn sie allein war , wenn sie trotz des dunkeln Zimmers ihr Gesicht noch hinter ihren Händen verbarg , damit Niemand sehen möge , wie ihre Lippen schmerzlich zuckten , wie die Thränen unaufhaltsam aus ihren Augen herabfloßen . Die kleine Schwester Clara ' s war schon verständig genug , um weder diese noch den Vater zu befragen , warum sie ihr Leben so plötzlich geändert habe . Sie dachte sich , es müsse eine Ursache haben , daß namentlich die Küche des Hauses noch unendlich einfacher , als dies früher geschehen , besorgt wurde . Das Bübchen dagegen konnte dies gar nicht begreifen und verlangte fast jeden Tag Aufklärungen , warum denn beinahe gar kein Fleisch mehr käme , und immer Kartoffeln mit Suppe abwechselten . » Ihr seid alle sehr dumm , « sagte es , » daß ihr es nicht besser haben wollt , und morgen verlange ich einen Kalbsbraten , übermorgen Kuchen und dann so fort . « Vater Staiger konnte seine Klagen in diesen Fällen nur beschwichtigen , wenn er ihm irgend ein Märchen erzählte . Er hatte jetzt leider auch recht viele Zeit zum Märchenerzählen , denn wenn er auch durch die Rekommandation eines alten Bekannten eine kleine Arbeit erhalten hatte , so war diese doch nicht der Art , daß sie seinen Geist in Anspruch nahm . Es waren nämlich ein paar Abschriften , die er zu befolgen hatte , und bei deren Anfertigung ihm volle Muße blieb , seinem kleinen Sohn auf alle möglichen Fragen zu antworten . Da die Jahreszeit schon vorgerückt und es nicht mehr so kalt war , so hatte Herr Staiger seinen Tisch näher an ' s Fenster gebracht und so konnte er auch Abends länger schreiben , ohne ein Licht anzünden zu müssen . Ihm gegenüber saß Clara mit einer Stickerei beschäftigt , eine Stickerei , die sie in besseren Tagen angefangen , und die sie nicht lassen konnte , langsam zu vollenden . Marie hatte sich des kleinen Kindes angenommen und zeigte ihm Bilder in einem großen , halb zerrissenen Buche - ein Amusement , welches das Bübchen durchaus nicht mehr befriedigte . » Das ist Alles dummes Zeug , « sagte er mit großer Bestimmtheit , » und das brauche ich nicht mehr anzusehen , denn ich weiß es genau . Auch ist Alles nicht wahr , was in dem Buche steht , und es gibt keine Riesen , die kleine Buben auffressen . Ich habe noch nie einen lebendigen gesehen . « » Das glaube ich wohl , « entgegnete lächelnd Herr Staiger , » diese Riesen lassen sich auch nur sehen , wenn die Kinder über alle Beschreibung unartig sind . Und ich hoffe , so arg schlimm bist du doch nicht . « » O er ist schon schlimm genug , « bemerkte die kleine Schwester , » denn er hat gestern meiner Puppe das linke Bein ausgerissen und hat ihr auch den Kopf abgeschlagen . « » Das ist aber sehr häßlich von dir , Karl , « sprach Clara , » Jetzt hast du alle deine eigenen Sachen entzwei gemacht , und nun verdirbst du auch die von Marie ! « » Die Puppe war nicht mehr schön , « erwiderte der Knabe , und wollte auch nicht Seiltanzen . « » Kannst denn du Seiltanzen ? « fragte der Vater . » O ja , wenn ich will , - aber ich will nicht . Und es ist auch nicht wahr , wenn Clara sagt , ich mache meine Spielsachen entzwei ; das Schönste habe ich doch noch . « Bei diesen Worten griff er in die Tasche seiner Höschen und zog den Rest einer Mundharmonika hervor , auf welcher er auch sogleich zu blasen anfing und die kläglichsten Töne hervorbrachte . Glücklicherweise liebte er sehr das Piano , und wenn er einen Ton so lange anhielt , bis fast gar nichts mehr zu hören war , so blickte er zu gleicher Zeit wie in tiefe Gedanken versunken nachsinnend vor sich hin , als wolle er den Ton verfolgen , der sich scheinbar in weite , weite Fernen verlor . Plötzlich aber verstärkte er ihn , brach dann schrillend ab und sagte : » Clara , ich habe Hunger . « » Das ist man bei dir gewohnt , « antwortete die