, sie vernahm eine Stimme , die Flöte schwieg , der Onkel schnarchte leiser , die alte Märtens sprach über den Hof hinüber . Sie hätte aufschreien mögen , als sie hörte , daß drinnen im Zimmer die Alte aus dem Fenster erschrocken rief : Hat mir ' s doch geschwant ! ... Sie sah hinaus ... Eben kam Louis Armand . Eine Minute darauf war Louis Armand im Zimmer . In bewegtester Spannung von Freude und Furcht erregt , wartete Fränzchen , ob Louis nach ihr fragen und zu ihr eintreten würde . Wie peinlich war dem armen Kinde die Anwesenheit Sandrart ' s ! Sie hätte ihn heißen mögen mit seiner Flöte zum Kuckuk gehen und nie wieder kommen ! Vor Unruhe , vor Verzweiflung , daß sich dies Wiedersehen so fügen , unter so ihre Neigung in den Schatten stellenden Verhältnissen begeben mußte , konnte sie nicht sitzen bleiben . Sie stand auf , pflückte unruhig am Fenster welke Blätter von den Blumen und zerknitterte sie in der Hand . Sie nahm die Scheere und bohrte ein wenig in dem Sande der Töpfe und raufte einige verwelkte Blüten aus dem Kressenkasten . Louis Armand sprach von seinem langen Ausbleiben , von seinem genesenen Freunde und Gönner , von den Bestellungen , die er auf der Schiefertafel verzeichnet fand und etwas mühsam , mit Hülfe der gelehrten Frau Tischlermeisterin entzifferte . Wenn Fränzchen an die Möglichkeit seiner Liebe hätte glauben können , so würde sie gefunden haben , daß seine Stimme bewegt war und bei dem Anblick des jungen Soldaten sogar wehmüthig . Aber wie konnte sie an seine noch ihr erhaltene Theilnahme glauben , da er kein Wort von ihr sprach , sich nicht nach ihr erkundigte ! Endlich mochte sie diesen Zustand nicht mehr aushalten . So sehr ihr Stolz widerstrebte , das liebekranke Herz zwang sie , ein Zeichen ihrer Anwesenheit zu geben . Noch wußte sie nicht , sollte sie thun , als hätte sie an ihrem Bett oder der Kommode etwas zu schaffen und rasch , ganz wie von ungefähr , an der geöffneten Thür vorüberschlüpfen , oder sollte sie etwas fallen lassen , das etwa soviel sagte , als : Hörst du denn gar nicht ? Hier ist ja auch Jemand , dem sein Herz wie ein Hammer klopft und der dir am liebsten gleich um den Hals fallen möchte , wenn so etwas in dieser schrecklich anständigen Welt möglich sein dürfte ! Aus vielen Rücksichten und besonders deshalb , weil sie beim Vorüberhuschen an der Thür fürchten mußte , zu ihm hinein zu müssen , gedrängt von ihrem Gefühl , entschloß sie sich , etwas fallen zu lassen und nun fragte sich nur , was ? Die Scheere gab nicht Klang genug , obgleich die auseinanderfallenden beiden Schenkel der Scheere gleich sagen mußten : Das kann nur Franziska sein ! ... Ein Nadelkissen mit Sägespähnen gestopft gab keinen Klang . Der Fingerhut war auch zu winzig . Da dachte sie an eine Zwirnrolle . Diese bot den Vortheil , daß sie fiel und gleich weit umher lief . Sie durfte ihr nachspringen und sich beim Suchen bücken , verwickeln . Und wenn sie sich bückte , war sie sogar nicht sicher , in das Nebenzimmer mit Gewalt hineingezogen zu werden . Die Rolle fiel also und richtig ! Man kam . Aber leider gleich ihrer Zwei . Louis Armand kam und Heinrich Sandrart . Das hatte sie nicht bedacht , daß auch der junge Sergeant das Ohr spitzte und auf Alles lauschte , was sich nebenan begab . Doch war es gut , daß sich Heinrich Sandrart fast am emsigsten bückte und Louis ungehindert war , Fränzchen die Hand zu bieten und ihr die Freude auszudrücken , sie wiederzusehen . Ei ! Leben Sie denn auch noch , Herr Armand ? fragte sie . Wir glaubten schon , daß Sie nicht mehr an uns denken ! Louis warf einen theilnehmenden Blick auf Sandrart , der die Zwirnrolle zurückgab und dem beim Suchen das Blut in die Wangen geschossen war . Es ist viel von Ihnen gesprochen worden , Herr Armand , sagte Sandrart mit einer Art Eifersucht , um sich in das Gespräch mischen zu dürfen . Fränzchen wollte schon sagen : Doch mit Ihnen wol nicht ? Sie unterdrückte aber die Bemerkung , weil sie ihr selbst zu schnippisch vorkam . Louis sprach manches Freundliche , aber Unerhebliche , mit großer Ruhe . Er prüfte Franziska , er sah Sandrart an . Endlich erwähnte er den französischen Unterricht . Woher wissen Sie ... Der schlafende Onkel da im Stuhle erzählte dem Prinzen Egon Alles , was ihn glücklich und traurig macht . Franziska sah zu dem schlafenden Förster , den der Madeira überwunden hatte . Jetzt konnte sie sich denken , was Louis Alles von ihr gehört hatte ... Haben Sie den Onkel gesprochen ? ... sagte sie mit gezogenen Worten und sehr kleinlaut . Wie heißt denn Ihr Lehrer ? Herr Sylvester . Sylvester ? Das ist ein Vorname ! Ich kenn ' ihn nur bei diesem Namen ... Heinrich Sandrart wollte nun auch gesprächig , launig sein , sich in einem günstigen Lichte zeigen . Er fing an , Herrn Sylvester zu schildern ... Doch hörte Louis nicht viel darauf . Er war zu bewegt , den niedergeschlagenen Blick des jungen hocherglühenden Mädchens zu beobachten . Der Gedanke , daß sie Bälle besuchte und vielleicht von ihrer alten sittsamen Bahn gewichen war , drückte ihn peinlich . Ein näher forschendes Gespräch war nicht möglich . Denn auch der alte Märtens kam nun von unten aus der Werkstatt herauf und jetzt gab es ein Begrüßen , ein Fragen , ein Erkundigen , ein Dolmetschen und Vermitteln durch Frau Märtens , das endlos zu werden schien , aber den festen gesunden Schlaf des Försters nicht störte . Auf diesen endlich Rücksicht zu nehmen , schien Louis eine nothwendige Pflicht des Anstandes . Er ergriff seine Schiefertafel und wollte nach vorn gehen . Frau Märtens sprach von den Wirthsleuten im Vorderhause . Wie er es mit seiner » Servirung « halten wolle ? Ob er jetzt immer wieder » präsent « bliebe ? Ich denke wol , sagte Louis Armand . Ich bedarf wenig . Mein Zimmer , wo ich die Proben meiner schwachen Talente ausgelegt habe , sieht wie der Eingang zu einem vornehmen Herrn aus . Nebenan hab ' ich eine Kammer , ein leichtes Bett , einen Riegel für meine Kleider und bin zufrieden , wenn mir die Leute vorn täglich nur frisches Wasser bringen . Wenn Sie etwas rekommandiren , sagte die alte Märtens , Herr Armand , so sagen Sie ' s nur . Und ihr minder gelehrter Gatte setzte hinzu : Ich glaubte , unsre Sachen sollten nun recht Hand in Hand gehen . Mit aller Macht ! antwortete Armand . Ich nehme meinen alten Plan mit Freuden wieder auf ! Ich bleibe noch in dieser schönen Stadt , die ich nun erst kennen lernen will und gearbeitet muß nun werden nach Wohlgefallen . Die Tischlermeisterin , die trotz ihrer Pfennigblätter nach beschränkter Leute Art auf einem und demselben Gegenstande lange verweilte , sagte : Es sind ganz accurate Menschen , die die Appartements vorne logiren . Heute nahm die kleine Frau das Intelligenzzettel von der Hausthür und sagte wie ich gerade vom Markt komme : Gott sei Dank , nun ist Alles vermiethet ! Es ist eine reinliche Frau . Ihr Mann war - was begleitete er doch , Märtens ? Armand konnte die Abneigung des alten Märtens , auf ein so weitläufiges , wenn auch gebildetes Gespräch einzugehen , nur theilen . Franziska bot er die Hand . Diese gab ihm die ihrige . Da ihr das Blut zum Herzen drängte , war die Hand eiskalt . Er drückte sie theilnehmend und sah ihr fragend und forschend in ' s dunkle Auge , das sie zitternd und bewegt niederschlug . Heinrich Sandrart grüßte er leicht . So ging er . Unglücklich Liebende sehen schwarz . Sie verdächtigen Alles , auch das Unschuldigste . Wer will dem jungen Sergeanten verdenken , wenn wie ein Blitzstrahl in den ohnehin gehäuften Zündstoff seines Mistrauens der Gedanke fiel , daß Fränzchen diesen Franzosen lieber haben möchte als ihn ? Über diese Vermuthung in Vorwürfen sich Luft zu machen , hatte er kein Recht . So blieb ihm nichts übrig , als sich noch einmal an Franziska voll Liebe und Theilnahme zu wenden . Fränzchen , sagte er , gehen Sie heut Abend mit dem Onkel und mir in ' s Theater ! Der Hauptmann gibt mir frei bis zehn Uhr . Es wird die Leonore gegeben , ein so schönes Stück für Soldaten und für Mädchen , die einen Soldaten gern haben können ... Fränzchen aber , statt der Antwort , zeigte auf den Onkel , der plötzlich sehr unruhig schlief , kirschroth wurde und sich im Schlafe krümmend bewegte ... Er träumt schwer ! sagte Frau Märtens , die eben den Tisch zum Mittagessen deckte . Es drückt ihn doch nicht die Alpe ? Wirklich entfuhren dem Förster allerlei Ausrufungen , die einen lebhaften , drückenden Traum verriethen . Fort ! Fort ! sagte er . Urschel fort ! Urschel , sie soll ! ... - Feuer ! Feuer ! Es brennt - ! Sie soll ... Damit riß er sich , unterstützt von der Tischlermeisterin , die von dem Druck der » Alpen « Schreckliches zu erzählen wußte , auf und erwachte . Wird schon gegessen ? sagte er rasch orientirt , hab ' ich geschlafen ? Damit zog er die Uhr mit einem schönen Horngehäuse . Schon halb eins ! sagte er . Sandrart stand stumm und still . Er holte rasch seine Dienstmütze . Er hatte sich in seinem Flötenspiel und der Eifersucht auf den jungen , gewandten Franzosen verspätet . In der Angst , schon wieder eine Rüge » zu besehen « , wie er ' s nannte , lief er davon . Fränzchen hatte ihm ohnehin schon durch ein Kopfschütteln den Besuch des schönen Soldatenstückes abgeschlagen . Die Alte gab ihm das Zeugniß hinterher : Ein guter , aber » drömerischer « Mensch ! Die Unterhaltung beim Mittagsmahle war eben so spärlich wie das bescheidene Mahl selbst ... Die beiden alten Leute aßen wenig , Fränzchen fast gar nichts und Heunisch hatte zu gut gefrühstückt und einen garstigen Traum gehabt . Seine ersten Worte mußten der Frau Tischlermeisterin und ihrer Bildung eine sehr schmeichelhafte Anerkennung zu Wege bringen . Immer , sagte er , wenn ich von der Schneidemühle und vom Feuer träume , schmeckt ' s mir den ganzen Tag nicht . Dann liegt mir ' s ordentlich wie ein Alp auf der Brust . Wenn nur die Marzahn nicht einmal das Haus ansteckt ! Jede Nacht steht sie auf und leuchtet mir mit der Lampe in alle Winkel . Ich kann von Glück sagen , daß ich die Hunde zu Hause ließ . Erst wollt ' ich den Packan und die Jette mitnehmen , die sind die wachsamsten und schlagen gleich an . Ja sie sind Gott sei Dank vernünftiger als die Alte ! Seit sie von einem Bruder , der in Amerika gestorben ist , das Geld gekriegt hat , sieht sie alle Nacht Gespenster ! Ei , Muttersche , sagt ' ich ihr erst vor ein paar Tagen ganz fuchswild : Muttersche , Muttersche , ist sie toll ? Ich schieße ' mal drauf los , wenn sie wieder sagt : Da geht der Herr Baron über die Wiese und sucht unter der Eberesche seinen Erstgebornen ! Mann ! Mann ! sagte Madam Märtens und rückte ihrem Gatten das gekochte Rindfleisch hin zum Zerschneiden ; schweigen Sie still , Onkel ! So etwas kommt Einem die Nacht vor , daß man nicht schlafen kann ! Sie erzählte darauf eine lange Gespenstergeschichte . Als sie zu Ende war , sagte Heunisch bedenklich , wenn sie noch so fortmacht , seine Alte , so glaube er doch noch , es gäbe Hexen . Wie sie hörte , ich wollte hierher und die Fränz holen da mit ihrem Seidenhaar und dem starren , tückischen Sinn , kam sie mir in der Nacht , eh ' ich fortmachte , an ' s Bett ... Jesus ! sagte die alte Märtens . Da hätt ' ich den lebendigen Tod gehabt ! Die Courage muß man zusammen nehmen ! Heunisch , sagte sie , wenn er an ' s Wasser kommt , weiß er , wo das Waisenhaus liegt , dann sagt doch : die Kinder sollten im Waisenhaus nicht so schreien ! Der alte Tischler lachte und schenkte von dem Dünn-Bier ein , das einer seiner Lehrburschen , die des Gastes wegen nicht mit aßen , auf den Tisch stellte . Was für Kinder ? fragte die alte Märtens voll Interesse mit dem Beisatze : Diese Ursula ist wol nicht recht gescheut ? Was für Kinder ! antwortete Heunisch . So muß man da gar nicht fragen ! Urschel , sagt ' ich , schreien sie denn so die Kinder , daß du nicht schlafen kannst ? Ach , sagte sie , ich kann wol schlafen , Heunisch ; aber der Baron kommt und sagt : Schwester , was schreien denn die Jungen so ? Die Gräfin will ' s nicht hören ... Die Gräfin ! fragte wieder verwundert Madame Märtens . Heute ist ' s eine Gräfin , morgen der Baron , dann das Nantchen von der Sägemühle und auch einmal die Line vom Gelben Hirsch . Das geht Alles da durcheinander und wenn mir ' s zu bunt wird , ruf ' ich : Jette ! - Das ist mein Windspiel - Jette ! Eins , zwei - die Jette unterm Bett hervor ... angeschlagen ... ihr an die Strümpfe ein Bischen gekitzelt ... Dann schimpft sie über die Hunde und geht mit allen ihren Dummheiten zu Bett . Die Tischlermeisterin starrte . Heunisch , sagte aber ihr Mann und schenkte von dem Bier ein , das dem Onkel nicht munden wollte , daß Sie Das da im Wald so allein aushalten ! Und schon die vielen Jahre ! Es erbarmt sich ja Keiner eines so alten Hundes wie ich bin ! sagte der Förster mit einem scharfen Seitenblick auf seine Nichte , die kaum hörte und für sich träumte . Frau Märtens besann sich jetzt von ihrem Schreck . Sie wollte das ihr nicht angenehme Thema der Mitreise nach dem Forsthause nicht wieder anregen lassen , sondern setzte auf den Schrecken dieser Erzählung noch die Schrecken einer ihr bekannten wirklichen Hexengeschichte . Als sie zu Ende war , konnte Heunisch von seiner Ursula Marzahn desto unbefangener fortfahren : In der Nacht , eh ' ich abreiste , kommt sie mir wieder mit dem Wasser und dem Waisenhaus an . Und weil ich gerade vor Unruhe , wie immer , wenn ich was vorhabe , nicht schlafen konnte , so ließ ich sie heute ' mal reden und rief nicht gleich die Jette . Von wem Urschel , sagt ' ich , soll ich denn ein Compliment in ' s Waisenhaus sagen und die Jungens möchten ruhig sein ? Von der Gräfin ! sagte sie und blinzelte mit ihren kohlschwarzen Augen . Und der Baron will wol auch nicht gern das Kindergeschrei ? sagt ' ich . Da lachte sie . Es können viele Menschen das Kinderschreien nicht leiden , meint ' ich . Wem muß ich denn sagen , die Kinder sollten nicht so laut schreien ? Ich dächte , fuhr ich so im Spaß fort , ich sagt ' es lieber gleich dem König . Was , Alte ? Aber Das machte sie nun erst ganz verdreht . Was dabei der König sollte , verstand sie nicht und ganz ruhig geworden ging sie fort , wie ein bellender Hund , wenn man einen Stein von der Erde nimmt . Wenn Einer verrückt ist , muß man nur so thun , als wenn er ganz Recht hätte und dann geht er gleich in sich . Der Tischler glaubte keine Wunder , als die in der Bibel stehen , seine Gemahlin schüttelte aber den Kopf und ermuthigte den Förster , fortzufahren : Gleich darauf kommt sie wieder und sagt : Heunisch , sagt sie , er muß das Geld mitnehmen . Schön ! sagt ' ich , Urschel . Wie viel denn ? Alles ? Alles ? Urschel gut ! Die Erbschaft von dem Bruder aus Amerika ? warf Frau Märtens , die über diese schon unterrichtet war , dazwischen . Die Erbschaft von dem Bruder aus Amerika ! Das Geld , sagte sie , nimm mit und schlag ' s nur in eine Windel ; und leg ' er ' s auch noch in einen Korb und dann geh ' er an die Brücke , wo das Waisenhaus liegt ! Gut , sag ' ich , Urschel , ich gehe an die Brücke , wo das Waisenhaus liegt . Husch , schrie sie dann , in ' s Wasser ! In ' s Wasser ? Donnerwetter , sagt ' ich , Urschel , Geld wirft kein Mensch in ' s Wasser . Was sollen denn die zweihundert Louisdors in ' s Wasser ? Da schwieg sie , weil ich sie so wieder auf meine Art gefangen hatte . Märtens lachte über die Klugheit des Jägers , seine Frau tadelte aber die rationelle Auffassung solcher dunkelen Dinge und sie meinte : Man hat doch schon Exempel statuirt ... Wo soll ich denn den Korb mit dem Geld hinsetzen , Urschel , fragt ' ich , nun ? Wol mitten auf die Brücke ? Sie schüttelte den Kopf . Dann drüben an ' s Waisenhaus ? Da nickte sie . Wo denn ? Nun sah sie sich ängstlich um und flüsterte : Komm , es ist Alles still . Sie sehen ' s nicht . Hast du den Korb ? Pst ! Da steht eine Schildwacht . Hier bei der Laterne . So ! Da ! An dem Brunnen da liegt ' s ! Husch ! Mach nun fort ! Fort ! Fort ! Und das Alles können Sie bei nachtschlafender Zeit mit der Frau so zusammen diskuriren ? fragte Madame Märtens und schüttelte sich . Also da soll ich das Geld hinlegen , Ursula ? sagt ' ich , fuhr Heunisch unbekümmert um diese Frage fort . Sie nickte . Will ' s der Baron ? Sie meinte : Ja ! Will ' s auch die Gräfin ? Sie nickte wieder . Gut , Ursula , sagt ' ich , ich will mir ' s überlegen . Da lachte sie zufrieden , nahm ihr Licht und ging . Und nun rathen Sie ' mal was Neues ? Ach mein Himmel , was denn ? erschrak ordentlich Frau Märtens , als käme nun etwas Unerhörtes . Wie ich hierher komme , hatt ' ich gestern bei einem Kaufmann , der sich gutes Schießmaterial hält , er heißt Hackert , etwas Vorrath für den Herbst einkaufen wollen . Such ' ich den auf und finde ihn gerade gegenüber dem Waisenhaus . Da ist die Brücke , da steht ein Schilderhaus , da ist die Laterne , da ist der Brunnen . Nun sag ' ich doch , die Ursula war vor etwa zwanzig Jahren , ehe sie den Marzahn heirathete , wol einmal einige Zeit in der Stadt , aber seitdem nicht wieder und sie hat ' s beschrieben , just wie ' s war , ganz deutlich ; es war mir , als säh ' ich den Korb dastehen an der Laterne , neben dem Brunnen , mit den Windeln und die zweihundert Louisdors darin und die Kinder schrieen im Waisenhaus ... Hören Sie auf ! winkte die Tischlermeisterin , der es nun eisig überrieselte . Das Bild von Kindern , die im Waisenhaus vielleicht nach ihren Vätern schrieen , war ihr zu schauerlich . Bei alledem ist die Ursula , schloß Heunisch , die beste Seele von der Welt . Sie sorgt für mich armen einsamen Kerl und meinen Nachmittagsschlaf - den - den hab ' ich ihr auch - den hab ' ich ihr auch ... zu verdanken ... und die Stube hält sie im Winter warm ... und reinlich ist sie auch ... und ihr Schrank ... ihr Schrank , den mag sie ... ihr Schrank ... Diese Worte brachte Heunisch schon gähnend und wieder halb schlafend hervor . Er hatte wenig gegessen und nur mit beständigem Gähnen unterbrochen sich und den Tischgenossen durch seine Erzählung die Zeit vertreiben wollen . Der Rollsessel , auf dem er saß , war ein Großvaterstuhl , der mit einem Ruck sich vom Tische fortbewegte und ihn in Schlummer sanft in die Nähe des noch nicht gefeuerten Ofens geführt hätte , wenn seine letzte Besinnung ihn nicht auf einen höflichen Gedanken an den alten Märtens gebracht hätte , der auch gern seinen Nachmittagsschlaf hielt . Er erhob sich also rasch , sagte : Gesegnete Mahlzeit ! und warf sich ohne viel Umstände in der Kammer auf Fränzchens Bett , wo er in einer Minute entschlummert war ; der alte Märtens , unfähig sich von Gewohnheiten zu trennen , schnarchte im Großvaterstuhl . Seine Gattin nickte etwas am Fenster , frei-schwebend , auf einem einfachen Stuhl mit hoher Lehne . Fränzchen aber deckte , während Alles schlief , ab . Die Reste kamen in die Werkstatt zu den Lehrjungen . Den Tisch stellte sie wieder aus der Mitte des Zimmers an die Wand und ihr Bett schützte sie denn doch vor des Onkels staubigen Stiefeln durch ein altes Tuch , das sie ihm behutsam unterschob . Dann begann sie , die um sie waltende Stille wahrnehmend , einen Gedanken auszuführen , der einigermaßen Das , was sie bedrückte , erleichtern sollte . Sie entschloß sich , an Herrn Sylvester einen Brief zu schreiben . Zehntes Capitel Geschichte eines Briefes Fränzchen Heunisch hatte schon drei Tage auf Herrn Sylvester gewartet . Dieser sonderbare Mann war nicht mehr gekommen . Die wohlüberlegte Erklärung , die sie ihm hatte geben wollen , der in ihrem Sinne artig gewandte Dank war ihr gleichsam auf der Zunge liegen geblieben ; sie war ihn nicht los geworden . Jeden Augenblick konnte Herr Sylvester sich nun wieder sehen lassen . Wie leicht möglich , daß er mit Armand zusammentraf ! Erschrocken über diese Möglichkeit entschloß sie sich , ihm zu schreiben . Wußte sie auch seine gegenwärtige Wohnung nicht , so kannte sie doch genau seine frühere , Königsstraße Nr. 13. Sie hoffte dort schon erfahren zu können , wo sie den Brief würde abzugeben haben . Einen Brief ! Einen Brief schreiben Menschen , die wie Franziska Heunisch in beengten Verhältnissen leben , nicht so schnell wie Leute , die sich die Welt , in der sie leben , früh mit dem Gänsekiel erweitern . Nicht etwa wegen der Gedanken . Die lagen ganz klar und wohlgeformt schon im Kopfe des jungen , sich immer mehr entwickelnden Mädchens . Aber die Schreibmaterialien ! Der ganze Umstand dabei ! Was fehlte nicht Alles ! Sie nahm rasch ihren Hut , schlug ein leichtes Flortüchelchen um den Hals , klinkte die Thür leise auf und schlich die Treppe hinunter , um eine geschnittene Feder , Oblaten und Papier zu kaufen . Mit diesem Reichthum sprang sie in ihren Hinterhof zurück , nicht ohne einen Blick zu dem goldnen » Louis Armand , Vergolder « hinaufzuwerfen , nicht ohne einen sonderbaren Schreck , den sie hatte , als neben dem mit Gardinen verhangenen Fenster ihres angebeteten Freundes aus einem andern Fenster ein Kopf rasch sich zurückzog , bei dem es ihr doch fast war , als hätte sie ausrufen müssen : Himmel , Das ist ja Herr Sylvester ! In der Hausflur blieb sie eine Weile ganz betroffen stehen . Bald entdeckte sie aber in ihrer Erinnerung an diese plötzliche Erscheinung ein verschiedenes Haar und manches andere von Herrn Sylvester Abweichende . Sie mußte sich oben sagen : Du bist so lebhaft mit der Vorstellung an deinen Brief beschäftigt , daß du nichts hörst und siehst als Die Menschen , die dich armes Kind wie einen Spielball hin- und herwerfen ! Als sie wieder oben war , fand sie Alles so still und schlummernd , wie sie die kleinen Zimmer verlassen . Sie erschrak , daß sie ihr Nähtischchen nicht verschlossen hatte , doch fand sie Alles unversehrt . Sie hatte jenes Gefühl , das uns in solchen Augenblicken sagt : Ohne Leben war es inzwischen in dem stillen Raume doch wol nicht ! Kleine Geister huschten gewiß auf und ab , lasen , was sie nicht sollten , kramten , wo sie nicht durften , legten aber Alles ganz wieder so unversehrt hin , als wäre nichts geschehen ! Jetzt wollte sie schreiben und erschrak , daß sie die Tinte vergessen hatte . Es war ein Gefäß dafür da , es stand immer in der Ofenröhre , aber es war eingetrocknet ... Sie goß Wasser dazu und rührte mit einem Spahn den schwarzen Brei um . Er gab hinlängliche Flüssigkeit , um einen kurzen und bündigen Brief zu schreiben . Als sie fertig war , schloß sie das Geschriebene mit einer von den neugekauften Oblaten . Sie hatte , so oft sie in ihrem Leben schon Briefe geschrieben und mit bunten Oblaten gesiegelt hatte , immer solche Farben für diesen Zweck gewählt , wie sie dem Verhältnisse , an das sie schrieb , zukamen . Fröhlichen Menschen und Freunden leichter Art , dem Onkel nach Plessen , siegelte sie mit rothen Oblaten ; Treuen , Beständigen mit blau ; an Louis Armand hätte sie gewiß eine grüne Oblate , die Farbe der Hoffnung gewählt . Für den Professor Sylvester wählte sie eine gelbe . Glücklicherweise erwachte jetzt die alte Märtens . Fränzchen konnte also ihrem Drange sogleich folgen und den fertigen Brief in die Königsstraße Nr. 13 tragen . Sie ordnete das Band an ihrem Hute , ihr Haar , sie legte sich einen hübschen gestickten Kragen um den schönen , etwas brauninkarnirten Hals , nahm die weiße Florecharpe gar zierlich über Schulter und Arme , zog sich ein paar alte , aber sehr gepflegte dunkle Handschuhe an , verbarg den Brief in einem Taschentuche und machte sich mit der Erklärung , sie käme in einer kleinen halben Stunde wieder , auf den Weg . Die Trau Tischlermeisterin hatte es gern , wenn das junge Mädchen , dem sie im Ganzen sehr zugethan war , sich nach Tische etwas » Motion « machte . Sie nannte sie » versessener « als sie sein sollte . Franziska war es als brennte der Boden unter ihr . Sie fühlte , da sie nun den geliebten Freund wiedergesehen und er sie mit fragendem theilnehmendem Schmerze betrachtet hatte , daß sie Alles aus dem Wege räumen müsse , was sie möglicherweise von Louis ' Vertrauen trennen konnte . Auch mit Heinrich Sandrart gedachte die kleine Schönheit kurzen Prozeß zu machen und überlegte sich schon den Brief , den sie auch an diesen gleich nach des Onkels Abreise schreiben wollte . Von einer Mitreise nach dem unheimlichen Forsthause , in den engen Wald , wo die gelben Blumen auf dem Sumpfe und die weißen Zuckerkügelchen auf den gestrichenen Zwetschenbroten ihr eine grauenvolle Erinnerung boten , war jetzt , wo ihr Louise Eisold den » Muth des Herzens « eingeflößt hatte , keine Rede . Fränzchen kam in die lange geräuschvolle Königsstraße und suchte nach der Hausnummer . Sie fand sie bald . Es war ein großes stattliches Haus mit vielen Stockwerken und mit einer großen Anzahl von Fenstern . Ein Hinterhaus war nicht sichtbar . Sie hatte geglaubt , die erste Anfrage schon würde ihr die Klingel zeigen , wo sie ihr Briefchen abgeben könnte . Unten waren nur Läden , im ersten Stocke wohnten die Besitzer derselben . Im zweiten verwies man sie in den dritten . Niemand kannte einen Professor Sylvester . Niemals hatte ein französischer Sprachlehrer dieses Namens hier gewohnt . Der Gedanke , daß sie von diesem zweideutigen Manne , der » grünen Brille « , könnte getäuscht sein , kam ihr sowenig ein , daß sie , als man ihr im dritten Stocke sogar kurzweg die Thüren vor der Nase zuschlug und ein impertinentes » Wohnt hier nicht « zurief , auch noch über eine dunkle , schmuzige , steinerne Stiege in den vierten Stock stieg . Hier sah sie schon die Dächer der Nachbarhäuser . Sollte Herr Sylvester hier gewohnt haben ? Die Klingelschilder , die sie fand , konnte sie in der Dunkelheit kaum lesen . Keins zeigte Den Namen , den sie suchte . Wie sie voller Betrübniß so stand und sich deutlich zurückrief , wie ihr Herr Sylvester anfangs dieses Haus , und nur dieses , das sie im Vorübergehen oft darauf angesehen hatte , als seine frühere Wohnung genannt , war sie unentschlossen , ob sie nun hier doch noch klingeln sollte ... In dem Augenblick hörte sie einen lebhaften Wortwechsel , der hinter einer dieser schon schwarzen , verräucherten Thüren geführt wurde . Schämen Sie sich , sagte eine alte keifende Stimme ; Sie bringen ' s noch so weit , daß Sie bald Ihr festes Quartier angewiesen kriegen ! Eine andere hellere weibliche Stimme lachte laut auf . Lachen Sie nur , sagte die ältere Stimme wieder , seit dem letzten male , wo Sie gefaßt wurden , ist dem Oberkommissär schon die Geduld gerissen . Er läßt das Vögelchen nicht wieder fliegen , wenn er ' s nun beim Fittich hat ! Nur höhnischer Spott von der Andern war die Antwort . Wann bekomm ' ich meine vier Thaler ? Machen Sie ein Ende oder ... Wesen , ich rathe dir ! Verklagen Sie mich ! war die Antwort auf diese wilde , dreifach gesteigerte Apostrophe . Die Gerichte werden Ihnen anstreichen ,