Herstellung eines Dammes quer durch das Luch hindurch wurde möglich . Wo sonst die Fehrbelliner Fähre , über Sumpf und See hin , auf- und abgefahren war , erstreckte sich jetzt der Fehrbelliner Damm . Das Jahr genau zu bestimmen , wann dieser Damm gebaut wurde , ist nicht mehr möglich ; doch existiert schon aus dem Jahre 1582 eine Verordnung , in der von seiten des Kurfürsten Johann Georg » dem Capitul zu Cölln an der Spree , den von Bredows zu Kremmen und Friesack , den Bellins zu Bellin und allen Zietens zu Dechtow und Brunne kund und zu wissen gethan wird , daß der Bellinsche Fährdamm sehr böse sei und zu mehrerer Beständigkeit mit Steinen belegt werden solle « . Das große Havelländische Luch blieb in seinem Urzustand bis 1718 , wo unter Friedrich Wilhelm I. die Entwässerung begann . Vorstellungen von seiten der zunächst Beteiligten , die ihren eigenen Vorteil , wie so oft , nicht einzusehen vermochten , wurden ignoriert oder abgewiesen und im Sommer desselben Jahres begannen die Arbeiten . Im Mai 1719 waren schon über tausend Arbeiter beschäftigt und der König betrieb die Kanalisierung des Luchs mit solchem Eifer , daß ihm selbst seine vielgeliebten Soldaten nicht zu gut dünkten , um mit Hand anzulegen . Zweihundert Grenadiere , unter Leitung von zwanzig Unteroffizieren , waren hier in der glücklichen Lage , ihren Sold durch Tagelohn erhöhen zu können . Im Jahre 1720 war die Hauptarbeit bereits getan , aber noch fünf Jahre lang wurde an der völligen Trockenlegung des Luchs gearbeitet . Nebengräben wurden gezogen , Brücken und Stauschleusen angelegt , Dämme gebaut und an allen trockengelegten Stellen das Holz-und Strauchwerk ausgerodet . Die Arbeiten waren zum großen Teil unter Anleitung holländischer Werkführer und nach holländischen Plänen vor sich gegangen . Dies mochte den Wunsch in dem König anregen , mit Hilfe der einmal vorhandenen Arbeitskräfte aus dem ehemaligen Sumpf- und Seelande überhaupt eine reiche , fruchtbare Kolonie zu machen . Der Plan wurde ausgeführt und das » Amt Königshorst « entstand an dem Nordrande des kreisförmigen Havelländischen Luchs , ungefähr da , wo das vom Rhin-Luch abzweigende Verbindungsstück in das Havelländische Luch einmündet . Die Fruchtbarkeit freilich , die eben dem gewonnenen Grund und Boden von Natur aus abging , hat kein Königlicher Erlaß ihm geben können ; aber in allem andern hat der » Soldatenkönig « seinen Willen glücklich durchgeführt und Königshorst mit seinen platten , unabsehbaren Grasflächen , seinen Gräben , Deichen und Alleen , erinnert durchaus an die holländischen Landschaften des Rheindeltas . Hier wie dort ist die grüne Ebene der Wiesen und Weiden belebt von Viehherden , die hier gemischter Rasse sind : Schweizer , Holländer , Oldenburger und Holsteiner . Die Gewinnung guter Milch und Butter war von Anfang an ein Hauptzweck gewesen , und es wurde demgemäß eine förmliche Lehranstalt für die Kunst des Butterns und Käsemachens eingerichtet , wohin die Beamten und kurmärkischen Ämter eine Anzahl von Bauerntöchtern , für deren gute Führung sie verantwortlich waren , als Mägde zu schicken hatten . Diese Mägde wurden während eines zweijährigen Dienstes in allem Nötigen unterwiesen . Dann mußten sie ohne Hilfe der Holländerin eine Probe guter Butter bereiten , die der König selbst zu prüfen nicht verschmähte . Fiel die Prüfung zugunsten der betreffenden Magd aus , so verlieh ihr der König einen Brautschatz im Betrage von hundert Talern . Diese Einrichtung hat bis zum Tode des Königs bestanden und zu ihrer Zeit reiche Früchte getragen , die noch heutzutage nachwirkend sind . Auch Friedrich II. widmete dem Amte Königshorst eine besondere persönliche Aufmerksamkeit . Anfänglich ließ er den größten Teil der dortigen Ländereien zu Fettweiden benutzen , um die Einfuhr von ausländischem Schlachtvieh für den Berliner Markt entbehrlich zu machen ; in späteren Regierungsjahren aber kehrte er ganz zu dem Benutzungsplan des Gründers von Königshorst zurück und stellte das von seinem Vater begründete Lehrinstitut als » eine – wie der König in einem Erlaß vom 13. Mai 1780 sich ausdrückte – ordentliche Akademie des Buttermachens « wieder her . Bis diesen Tag gilt die Königshorster Butter ( Horstbutter ) in Berlin als die beste . Eins fehlt ihr vielleicht – das Aroma . Das Luchgras , was immer auch die Kultur zu seiner Verbesserung getan haben mag , kann nicht wetteifern mit dem süßen , saftigen , kräuterreichen Gras der Nordseemarschen . Noch weniger ist es geglückt , das Sandland der alten Horsten ( Sandstellen im Sumpf ) zu einem fruchtbaren Boden umzugestalten ; nur mühsam wird das Getreide gewonnen , das zum Unterhalt des Viehstandes nötig ist . Von der Bedeutung jener Entwässerungsarbeiten aber , die durch König Friedrich Wilhelm I. eingeleitet wurden , wird man sich am ehesten eine Vorstellung machen können , wenn man erfährt , daß die Gesamtlänge der im Luche befindlichen Gräben und Kanäle über einundsiebzig Meilen beträgt . Der Brieselang 1. Finkenkrug 1. Finkenkrug Es sauset und brauset Das Tamburin , Es rasseln und prasseln Die Schellen darin . Clemens Brentano In Tagen sommerlicher Lust : Mai , Juni , Juli und August vergeht kein Sonntag , wo nicht Scharen von Besuchern den Brieselang umschwärmten . Aber die Tausende , die kommen und gehen , begnügen sich damit , den Zipfel seines Gewandes zu fassen , die Parole lautet nicht » Brieselang « , sondern » Finkenkrug « . Und doch ist der Finkenkrug , an der südlichsten Seite der Südhälfte gelegen , ein bloßes Portal , durch das man hindurch muß , um in die eigentliche Schönheit des Waldes einzutreten ; nicht diesseits liegt die Herrlichkeit , sondern jenseits , und alles , was den Brieselang ausmacht , seinen Charakter , seine Erinnerungen , seine Schätze , alles liegt drüber hinaus . Der Finkenkrug ist nur erste Etappe . Wer den Brieselang kennenlernen will , der muß auch , rüstigen Fußes , die beiden andern Staffeln zu erreichen wissen : die Försterei und die Eiche . Nur erst wer bei der » Königseiche « steht , der hat den Brieselang hinter sich und kann mitsprechen . Wir tun es . Der geneigte Leser wolle uns folgen . Es ist Sonntag vor Pfingsten . Wir haben den Elf-Uhr-Zug benutzt und die Sonne steht bereits in Mittag , als wir landen . Wir sind zu drei : mein Reisebegleiter , ein pommersch Blut , ich selbst , und als dritter unser Führer , ein Autochthone dieser Gegenden . Das Dreieck Spandau – Nauen – Kremmen umschließt seine Welt . Er ist hager und ausdauernd wie ein Trapper , erfahren und lederfarben wie » Pfadfinder « . Er versteht auch zu sprechen . » Können Sie es glauben « , so hebt er an , » daß ich diese Straße seit zwanzig Jahren nicht gekommen bin . Ich fasse den Brieselang immer von Norden her , hier unten bin ich ein Fremder ... Ja , vor zwanzig Jahren ! Das war ein Tag , gerade so kalt , wie der heutige warm ist , und wir hatten Wahl in Finkenkrug . « » In Finkenkrug ? « » Ja , in Finkenkrug . Er mag dadurch poetisch verlieren , mehr verlieren , als er politisch gewinnt , aber ich kann es nicht ändern . Es war in Finkenkrug und ich kam mit dem Falkenhagener Oberförster des Weges . Die Pferde waren ganz weiß , der Wald glitzerte ; ich habe kein Rotkehlchen gesehen , so tot war der Wald . « » Und Sie kamen an und stießen auf das leere Nest . Jeder war zu Hause geblieben . « » Fehlgeschossen . Viele Hunderte waren da , immer neue Schlitten fuhren an , und ehe eine halbe Stunde um war , war es nicht mehr möglich , die Ankommenden und Hereindrängenden in den Stuben unterzubringen . Da rief Oberförster Brandt : ' Wir machen ein Feuer und tagen draußen . ' Allgemeiner Jubel . Er war Oberförster , und die paar Klafter Holz , die nun bald lichterloh und mit Geprassel an zu brennen fingen , wird er wohl nach oben hin verdefendieret haben . Es war ein entzückendes Bild . Der glitzernde Wald , das verschneite Haus , auf dessen weißes Dach die roten Lichter fielen , und um das Feuer herum , in Pelze gewickelt , all die havelländischen Bredows , die Ribbecks , die Hünekens , Erxleben von Selbelang , Risselmann von Schönwalde , dazwischen die Pastoren in ihren Filialreisemänteln , endlich die Kutscher und Knechte mit ihren Pferdedecken . Jede Stimme galt . Der alte Landrat von Hobe präsidierte und versicherte uns einmal über das andere , daß von Patow-Potsdam gewählt werden müsse . « » Und was wurde ? « » Nun , er wurde gewählt . Aber nicht ohne Zwischenfälle . Es muß wahr sein , nie habe ich solche Vertilgung von Grog und Glühwein gesehen . In solchem Moment höchster Hitze sprang der Oberprediger aus Kremmen , ein scharfer Liberaler , auf die Tribüne und schrie : › Was wollt Ihr jungen Most in alte Schläuche fassen ; weg mit Patow , ich stelle mich zur Wahl . ‹ Und sein Anhang rief ihm Bravo zu . Aber ein Pächter aus Pressentin , der schon völlig unter Grog stand , schrie in die Versammlung hinein : › ' runter mit ihm und hinein ins Feuer . ‹ Allgemeines Gelächter . Aber der Oberprediger , der klugerweise nicht abwarten wollte , wieviel hier Ernst oder Spaß war ( denn einige faßten bereits zu ) rettete sich durch einen Sprung und verschwand im Unterholze des Brieselang . Er hat den Tag nicht vergessen können . « So ging das Gespräch . Es war inzwischen heiß geworden , so heiß , daß unsere Phantasie mit einem gewissen Neid an dem Winterbilde hing , das unser Führer eben vor uns entrollt hatte , und schon dämmerte die Frage herauf , ob nicht ein flüchtiges » Ausspannen « , eine Lagerung an schattiger Stelle gestattet sei , als wir deutlich eine Art Janitscharenmusik vernahmen , belebende Klänge , die , immer lauter werdend , unsern Füßen ihre Elastizität wieder gaben . Wir waren am Ziel , wenigstens an einem vorläufigen . Der Finkenkrug blitzte durch das Gezweig , und in guter Haltung rückten wir auf einen kastanienumschatteten Platz , zu dem sich der Waldweg hier verbreitert . Eine Alternative , vor die wir uns plötzlich und gegen Erwarten gestellt sahen , gebot uns , mitten im Wege haltzumachen . Der Finkenkrug umfaßt nämlich eine Doppelwirtschaft : links ist Kaffee und Kegelbahn , rechts ist Bier und Büchsenstand . Dies hielt sich die Waage . Aber was zuletzt unserem Schwanken ein Ende machte , war , daß nach rechts hin , wo freilich das verlockende Seidel blühte , doch zugleich auch die minder verlockende Janitscharenmusik ihren Platz genommen hatte , die , in die Waldesferne hinein unbedingt segensreich wirkend , in nächster Nähe ihr entschieden Bedenkliches hatte . Also links . Da hatten wir es denn wirklich mal getroffen . Es war auch die Damenseite , die Seite der jungen Paare , und ich kann mich nicht entsinnen , von meinen Landsmänninnen – honni soit qui mal y pense – jemals einen so ungestört guten Eindruck empfangen zu haben . Schlank , hübsch , wohlgekleidet , munter ohne Lärm , neckisch ohne Frivolität , frei ohne » Freiheiten « , schritten sie paarweise auf und ab , spielten zwischen den Bäumen , oder flogen in der Schaukel durch die Luft . Fremde , die sich auf vergleichende Völkerkunde verstehen , würden die günstigsten Urteile von dieser Stelle mit hinweggenommen haben , wenn man ihnen , die Paare vorstellend , hätte sagen können : dies ist die Schwester eines Steinmetzen , die Braut eines Büchsenmachers , die junge Frau eines Schiffszimmermanns oder Kahnbauers . Eine kurze Rast wurde genommen , das Seidel von » gegenüber « geprobt ; dann brachen wir wieder auf , mit einem Gruß gegen das graziöse Paar , das eben jetzt im Versteckspiel hinter den Bäumen sich neckte , und traten dann in jenen schon erwähnten , an der Grenzlinie von Wald und Wiese sich hinschlängelnden Weg ein , der , zumal in Apriltagen , wenn alles wieder See und Sumpf ist und jedes Elsengebüsch zu einer Insel wird , die alten Brieselangzeiten heraufbeschwört . Heute bot die Szenerie nichts von den Bildern jener Zeit . Links zwitscherten die Vögel im Wald , nach rechts hin dehnte sich die Wiese , mit Tausendschön , Ranunkel und rotem Ampfer gesprenkelt . Alles war Heiterkeit und Friede . Unser » Pfadfinder « , der während unseres kurzen Aufenthaltes im Finkenkrug sich mehr meinem Reisegefährten als mir zu attachieren gewußt hatte , brach hier die rasch angeknüpften Beziehungen ebenso rasch wieder ab , gesellte sich mir aufs neue und antwortete eingehend und immer bereit auf meine hundert Fragen , die alsbald kurz und quer gingen wie der Weg , den er uns führte . » Sie fragen nach Wildstand und Wilddieben . Nun , der Wilddiebe hat der Brieselang wohl nicht allzuviel , aber der Walddiebe desto mehr . Sie glauben gar nicht , was in solchem Walde alles steckt und wie viele Hunderte von Menschen daraus ihre Nahrung oder doch einen Teil ihres Erwerbes ziehen . Es mag wohl zwanzig Arten von › Jägern ‹ geben , die hier im Brieselang zu Hause sind . Vielleicht noch viel mehr . « » Und das wären ? « » Ich will Ihnen nur ein halbes Dutzend nennen . Da sind die Kräuterjäger , die Käfer- , Fliegen- und Insektenjäger , die Eier- und Vogeljäger , die Laubfroschjäger , die Schlangenjäger , die Ameisenjäger . Auf dem Schwanenkruge versammeln sich im Juni allerlei Gestalten , jung und alt , die Jagd auf wilde Rosenstämme , auf › Hagebuttensträucher ‹ machen , während andere , etwas früher schon , aber mit derselben Pertinazität , dem jungen Faulbaum nachstellen . « » Dem Faulbaum ? « » Ja ! das Faulbaumholz gibt eine allerbeste Kohle für die Pulverfabrikation . Selbst Pappeln und Linden kommen gegen den Faulbaum nicht auf . Da ist denn immer Nachfrage , und so macht sich der Handel . Nun werden Sie fragen : ist das legal ? Und die Frage ist nur allzu berechtigt . Aber wer will in der Kohle noch nach der Legalität des Holzes spüren ? Wer kauft Pottasche und verlangt Ausweis über den eingeäscherten Wald ? « » Ich verstehe . Aber Sie sprachen auch von Schlangenjägern . Das klingt ja bedenklich . Sind wir hier auf Reptilienterrain ? « » Nicht gerade hier . Aber weiter rechts , nach dem Spandauer Forst hinüber , da sind die Schlangen zu Hause . « » Blindschleichen , Kolumbellen ? « » Nicht so harmlos . Die echte Kreuzotter . Es sind dort Stellen , wo sie so dicht wie Regenwürmer liegen . Diese Stellen kennen die Schlangenjäger ganz genau . Ihre ganze Waffe besteht in einem Stock , der vorn gegabelt ist . Nun lüften sie das halbverfaulte Gebälk , darunter die Kreuzotter liegt , und im nächsten Moment fahren sie mit dem Stock derart in die Erde , daß die Gabel sich wie ein Halsring um die Schlange legt . Nun ist sie wehrlos und wird durch eine zweite Manipulation in einem Behälter , meist einer Flasche , untergebracht . « » Ist dies nun wissenschaftliche Passion ? « » Unter Umständen ja . Aber zumeist Erwerb . Solche Kreuzotter hat ihren Wert . Da sind Händler , auf deren Preiskuranten die Rubrik ' Schlange ' eine halbe Spalte füllt . « » Aber wer kauft dergleichen ? « » Hunderte von Personen . Da sind zuerst die Zoologen und Toxikologen von Fach , da sind die unerbittlichen Männer der Vivisektion , die von dem harmlosen Kaninchen mal gern auf ein kleineres Ungetüm mit Giftzahn und Giftblase überspringen ( ein höherer Sport , weil gefährlich ) , und da sind endlich die chemisch-physikalischen Oberlehrer dieses oder jenes Progymnasiums , die das Naturalienkabinett in Pritzwalk oder Pasewalk auf der › Höhe der Wissenschaft ‹ zu erhalten , d.h. mit allerhand Reptilien in Glasflaschen auszustaffieren wünschen . « » Auch mit Kreuzottern ? « » Gewiß . Die Herren von der Feder glauben immer , daß sich die Welt bloß aus Autographen- und wenn es hoch kommt aus Kupferstichsammlern zusammensetzt . Sie glauben gar nicht , was alles gesammelt wird . « In diesem Augenblick , als ob uns der Beweis , » was alles gesammelt würde « , auf der Stelle geführt werden sollte , trat aus einem wilden Elsbuschboskett eine sonnenverbrannte Gestalt hervor , deren Kostüm ( eine Art Jagdtasche , aus der drei oder vier aufrechtstehende Zigarrenkisten hervorragten ; dazu ein Stock mit flatterndem Gazebeutel ) keinen Zweifel darüber lassen konnte , welcher Kategorie von Sammlern er zugehörte . Es war ein Musterexemplar . Er trat mit rascher Wendung an uns heran , machte mit seinem Käscherstock eine Bewegung wie ein Tambourmajor , wenn die Musik aufhören oder wieder anfangen soll , und sagte dann im Berliner Dialekt : » Erlauben Sie , daß ich mich Ihnen vorstelle , mein Name ist Lampe , Kalittenjäger . « Bei diesem Schlußwort wiederholte er die Bewegung mit dem Stock . Im ersten Augenblick , als er so jäh und plötzlich wie die bekannten Drei auf der schottischen Heide vor uns hintrat , erschrak ich ein wenig . Und zunächst mit Recht . Die Klasse von Jägern nämlich , der er , auch wenn er sich nicht dazu bekannt hätte , ganz unverkennbar angehörte , zählt keineswegs zu den angenehmen , am allerwenigsten zu den harmlosen Erscheinungen , wie man , ihrem Namen nach , ohne weiteres schließen sollte . Sie vereinigen den Hochmut des Turners , des Dauerläufers und des Gelehrten in sich ; jeder » steht und fällt mit der Wissenschaft « . Zu dieser Gruppe gehörte Lampe nun glücklicherweise nicht . Das Berlinertum wirkte hier als Gegengift . Seine Selbstironie brachte wieder alles ins Gleichgewicht und ließ noch einen gefälligen Überschuß . Er bat , wie gesagt , sich uns anschließen und » seine Fahne hochhalten zu dürfen « . Unsere Herzen fielen ihm gleich zu , und so ging es weiter . » Herr Lampe , Sie sind gewiß auch Kräuterjäger ? « » Nicht doch . Wer seinen Käscher mit Ehren tragen will , muß die grüne Trommel zu Hause lassen . Fauna apart und Flora apart . Sie glauben gar nicht , welche profunde Wissenschaft die Käferei ist . Hundertundzwanzig Bockkäfer bloß im Brieselang . Das will gemacht sein . « » Gewiß . Aber ich habe mir sagen lassen , daß die Dinge doch Hand in Hand gehen und daß die › Käferei ‹ , wie Sie sagen , ohne › Kräuterei ‹ gar nicht recht bestehen kann . Beispielsweise wenn Sie eine Weißdornhecke sehen , so wissen Sie auch schon , was in dieser Hecke vorkommen kann , ebenso gewiß wir wissen , wo die Kretins und die Kröpfe zu suchen sind . Ursach und Wirkung , Theorie von der Ernährung . Bergwasser . « » Ich danke Ihnen für Ihre Vergleiche . Aber Sie haben recht . Das Land und die Leute , die Kräuter und die Insekten stehen in allernächster Beziehung zueinander , und obwohl ich für strenge Scheidung bin und die Mengerei in der Wissenschaft nicht leiden kann , so kann man doch nicht käfern in absoluter Ignorierung der grünen Trommel . Rund heraus , ich kenne dies und das . Aber das ist nicht Wissenschaft . « » Ich höre , daß der Brieselang eine eigene Flora haben soll , daß hier Dinge vorkommen , die sonst in der ganzen Mark nicht mehr zu finden sind . Hat das seine Richtigkeit ? « » Gewiß . Der Brieselang hat seine eigenen Pflanzen und seine eigenen Insekten , er ist unser gelobtes Land und selbst die Rudower Wiese , in › all dem Ruhm ihrer Orchideen ‹ , muß sich gegen den Brieselang verstecken . « » Was kommt denn wohl so vor ? Ich meine zunächst von Pflanzen . « » Da haben wir zunächst das Wanzenknabenkraut . Da haben wir ferner Neottia Nidus avis , das Vogelnest . Noch seltener ist Coptolanthera rubra , der rote Rundbeutel . Die Krone von allem aber ist vielleicht Dicranum montanum , der gebirgliebende Gabelzahn . Wie der speziell in den Brieselang kommt , wo die Maulwurfshügel für alles , was Berglinie heißt , aufkommen müssen , ist mir unerfindlich . « » Und nun die Käfer . « » Nun wissen Sie , da gibt ' s kein Ende . Aber ich will es gnädig machen . Da ist der Widderkäfer , der Bastkäfer , der Feuerkäfer : dies sind die leichten Truppen . Dann kommt die Garde : der Schwarzkäfer , der Panzerkäfer . Aber das eigentlich schwere Geschütz , das den Ausschlag gibt , das ist doch Procrustes coriaceus und Saperda Seydlii . Besonders Saperda . Sie lächeln ; aber glauben Sie mir , wie unser einem zumute wird , wenn man bloß das Wort Saperda aussprechen hört , davon können Sie sich keine Vorstellung machen . Ich hatte einen legitimistisch-historischen Freund , dessen Gesicht sich immer verklärte , wenn er › Montmorency ‹ sagte ; sehen Sie , so geht es mir mit Saperda . Und sagen Sie selbst , klingt es nicht schön , apart , dies Doppel a und das r in der Mitte . Oh , wir haben auch ein Herz . « » Ist denn nun Saperda im ganzen Brieselang verbreitet ? « » Verbreitet ? Ich weiß nicht , was Sie verbreitet nennen . Wenn eine Sache verbreitet ist , nun , so ist es mit ihr vorbei , so ist sie entzaubert . Es gibt keine verbreitete Schönheit . Schönheit ist immer rar . Saperda findet sich auf einem einzigen Baum , an der Segefelderstraße . « » Davon hab ' ich gehört . « » Nicht mehr wie billig . Manche Messerklinge ist da zerbrochen worden . Der Baum sieht aus wie ein Scheibenpfahl , den hundert Kugeln gestreift , durchbohrt , zersplittert haben . Es gibt keinen unter uns , der den Baum nicht kennte . Bei Segefeld liegt der Sand wie eine Sahara . Aber wir durchwaten ihn mit Freudigkeit ; – der Weg zu den großen Pilgerstätten hat noch immer durch die Wüste geführt . « 2. Försterei Brieselang 2. Försterei Brieselang Lesen konnt ich in seinen festen Zügen Seinen lang und treu bewahrten Entschluß : Auch mit keinem Fingerdrucke zu lügen ; Sicher und wohl ward mir bei seinem Gruß Nic . Lenau Unter solchem Geplauder hatten wir eine Stelle erreicht , wo der Weg , die bis dahin innegehaltene Scheidelinie zwischen Wald und Wiese aufgebend , nach links hin scharf einbiegt . Hier schlug sich Lampe in die Tiefen des Waldes , während wir , den Weg weiter verfolgend , alsbald auf eine große Lichtung mit Gärten , Häusern und Stallgebäuden hinaustraten . Wir hatten den Zentralpunkt dieser Waldregionen erreicht : Försterei Brieselang . Daneben das » Remontedepot « gleichen Namens . Die Lichtung , die diese beiden Häuserkomplexe einschließt , hat den Charakter einer großen Waldwiese . Ein Wasserlauf , » der neue Graben « , der in früheren Jahren das Sumpfland entwässert hat und nun zum Holzflößen dient , zieht sich quer durch die ganze Breite ; eine Brücke führt darüber hin . Jenseits des Wasserlaufes aber steigt der Wald ( » die Butenheide « ) aufs neue an und schließt gegen Norden hin das Bild . Am jenseitigen Rande des Waldes : die Königseiche und Dorf Pausin . Ein Hirschgeweih über der Tür ließ uns nicht lange in Zweifel , wo wir die Försterei , für die wir einen Gruß mitbrachten , zu suchen hätten . Wir traten ein . Es war um die dritte Stunde . Der Förster , ein Mann von nah an siebzig , fuhr aus seinem Nachmittagsschlaf auf , strich sich die momentane Runzel von der Stirn und stand grüßend vor uns . Wer in solchen Momenten Haltung bewahrt , ist allemal eine liebenswürdige Natur . Wenn dies je zutraf , so hier . Wir setzten uns zunächst in eine Geißblattlaube , die den Eingang umrankte , als aber die Nachmittagsschwüle zu drücken begann , rückten wir – ein paar Forsteleven hatten sich uns zugesellt – weiter vor und stellten die Bänke ins Freie . Und nun die ganze Waldwiese samt Graben , Brücke und Remontedepot ( das zur Hälfte eine Brandstelle war ) vor uns , begann das Geplauder . Der alte Förster verstand es . » Ich darf wohl sagen « , so hob er an , » der liebe Gott hat es gut mit mir gemeint . Mein Großvater war Förster , mein Vater war Förster , ich bin Förster und meine drei Jungens sind auch Förster , oder sollen es werden . Wir haben alle Waldblut in den Adern , Brieselangblut . Ein Jahr bin ich einmal in einer Kiefernheide gewesen , aber mir wurde erst wieder wohl , als ich wieder Elsen und Eichen um mich her hatte . « » Ist der Brieselang Ihre Heimat ? « » Nicht so ganz , aber doch beinah . Wir sind auf dem Glin zu Hause . Mein Vater war in Diensten beim alten Blücher , der dazumal Groß-Ziethen hatte . Ich habe oft auf des alten Feldmarschalls Knie geritten . › Willst du auch ein Förster werden ? ‹ Das will ich . › Na , denn werd ' ein so braver Kerl wie dein Vater . ‹ Das hab ' ich nicht vergessen . Es war doch ein gnädiger , alter Herr . Als es Anno 15 wieder losging , sagte er zu meinem Vater : › Grothe , denk dir , der Deubelskerl ist wieder da ; wir müssen ihm noch mal eins geben ; aber diesmal ordentlich , daß er genug hat un nich wiederkommt . ‹ Und dabei sah er ganz ernsthaft aus , gar nicht so schabernackisch wie sonst wohl ; es mocht ' ihm wohl schwanen , daß er am Ende selber nicht wiederkommen könne . Und hören Sie , es war auch dichte dran , als er da bei Ligny unter seinem Schimmel lag ! « Wir nickten alle . Vom Walde her aber schmetterte Finken- und Drosselschlag immer frischer zu uns herüber und mit dem Daumen rückwärts deutend , sagte der alte Förster : » Ja , das klingt ins Herz . « » Das tut ' s « , erwiderte jetzt mein Reisegefährte ( den es nachgerade wohl Zeit ist aus seiner stummen Rolle zu erlösen , in der er bisher eigensinnig beharrte ) , » aber wollen Sie glauben , Herr Förster , daß es Gegenden gibt , wo die Vögel denn doch noch anders singen , so melodisch , so tieferschütternd , daß man aufhorcht , als habe man den Klang einer Menschenstimme , die ersten Töne einer wehmütigen Volksweise gehört . « » Der Tausend auch « , sagte der Förster , » Sie machen mich neugierig . « » Und diese Vögel , von denen ich spreche , die singen da , wo wir ' s am wenigsten glauben möchten , in Australien bei den Antipoden . Ein Engländer ist dort gereist , hat die Waldstimmen belauscht , hat die Töne in Noten festgehalten und zuletzt eine Art Melodienbuch herausgegeben , aus dem wir nun genau erfahren können , wie die australischen Vögel singen . « » Ist es möglich ! « » Es ist sogar gewiß . Ich habe das Buch . Und unter all diesen Stimmen ist eine , die es mir besonders angetan hat , das ist die Stimme des Leather-head . Leather-head heißt Lederkopf , ein Name , den dieser Vogel führt , weil er einen völlig kahlen Kopf hat . Ich will Ihnen die Melodie pfeifen ; sie geht leise ; Sie müssen scharf aufhorchen . « Unser Reisegefährte pfiff nun in langgezogenen Tönen die Klagemelodie des Leather-head . Selbst im Walde war es still geworden . Es war , als ob die Vögel drinnen mit zu Rate säßen . » Das ist schön « , sagte der Förster , » aber Ihr Engländer kann sich die Melodie erfunden haben . « » Ich gestehe « , fuhr unser Reisegefährte fort , » daß ich dann und wann denselben Verdacht hatte . Aber denken Sie , wo mir plötzlich die Gewißheit kam ! Sie haben vom Aquarium gehört . Nun , in dem Aquarium befindet sich auch eine Vogelhecke , die mir das Liebste vom ganzen ist . Jeder hat so seinen Geschmack . Und wie ich nun den Gang entlang komme und das Gezwitscher der anderen Vögel einen Augenblick schweigt , was höre ich da plötzlich aus der Voliere heraus ? Die leisen , langgezogenen Töne meines Leather-head , einmal , zweimal , dreimal . Mir war , als ob ich einen alten Bekannten wiedersähe . Da saß er und starrte mich lange an , wie wenn er gefühlt hätte : der hat dich verstanden . « Alles schwieg . Der Erzähler pfiff die Melodie noch einmal . Dann knipste der Förster mit den Fingern und sagte : » Nichts für ungut , aber ich bin doch für eine richtige Brieselang-Drossel ; ihr Leather-head hat mich ganz melancholisch gemacht . Ich bin für das Fidele . « » Ich auch , ich auch « , riefen die anderen . Der Lederkopf war abvotiert . Inzwischen begann sich Gewölk am Himmel zu sammeln . Dann brach die Sonne wieder durch , aber die Schwüle wuchs . » Haben Sie viel Gewitter im Brieselang ? « fragte ich . » Oft nicht , aber wenn sie kommen , kommen sie gut . Im vorigen Juli ging es hier eine Stunde toll her . Sehen Sie dort die Brandstelle ( er zeigte