er hat es nicht gewollt - er hat es nicht gewollt ! Paul hatte sie dieses Mal zu Ende sprechen lassen ; nun er schwieg , befand sie sich offenbar in einer Verlegenheit , und er beeilte sich nicht , sie aus derselben zu befreien . Die Kriegsräthin war ihm stets ein Gegenstand der Abneigung gewesen , und ihr jetziges Auftreten war nicht dazu geeignet , diese Abneigung zu vermindern . Der Graf hatte mit seinem Worte Recht gehabt : die schöne Laura verstand es nicht , mit Anstand alt zu werden . Die dicken , falschen Locken , die falschen Zähne , welche in herausfordernder Weiße aus dem stets lächelnden Munde hervorsahen , die geschminkten Wangen und der schäbige und doch auffallende Ausputz ihrer Trauerkleider machten sie lächerlich , während ihre schlecht erheuchelte Betrübniß sie Paul noch widerwärtiger erscheinen ließ . Wünschen Sie noch etwas ? fragte er ; sonst bitte ich Sie , mir zu sagen , wie viel Sie für das Begräbniß aus Ihrer Tasche hergegeben haben , damit ich es Ihnen wiedererstatte , denn ich bin beschäftigt . Sie zog ein Taschenbuch aus dem großen , schwarzen Sammet-Pompadour , blätterte darin herum , nahm einen Bleistift zu Hülfe , rechnete eine Weile , versicherte danach , daß sie im entferntesten nicht darauf gehofft hätte , daß Herr Tremann ihr auch damit noch zu Hülfe kommen wolle , wie sie sich aber in einer Lage befinde , in welcher sie benutzen müsse , was die Großmuth ihrer gütigen Gönner für sie zu thun geneigt sei , und sie schloß endlich mit der Antwort , daß sie fünf Thaler und zwölf Groschen zu der Beerdigung zugeschossen habe . Paul nahm einen Zehnthalerschein aus seiner Kasse . Als die Kriegsräthin ihre Börse hervorholte und Miene machte , nach dem Gelde zu suchen , welches sie herauszugeben hatte , sagte er ihr , sie möge sich nicht bemühen , sondern den Ueberschuß für etwaige noch nachträgliche Ausgaben behalten . Damit hoffte er , indem er ihr ein Lebewohl bot , ihrer nun auch ledig zu sein . Indeß sie erhob sich zwar von ihrem Sitze , aber sie blieb nahe bei dem Pulte stehen , sah sich im Zimmer mehrmals um , schien gehen und dann doch wieder nicht gehen zu wollen , so daß Paul , obschon er das Erkünstelte in ihrem Betragen klar durchschaute , sich doch veranlaßt fand , sie zu fragen , was sie suche oder was sie sonst noch etwa wolle und begehre . Was hätte ich hier zu suchen , rief sie mit einem Seufzer , oder was könnte ich Anderes begehren , als Ihnen , mein verehrter Herr Tremann , meine Dankbarkeit für alle Ihre Wohlthaten an meinem lieben , seligen Weißenbach zu beweisen ! Und ich glaube , ich kann das , ich kann das wirklich , so wie ja die Maus auch dem Löwen helfen konnte ! - Sie sah sich nochmals in dem Zimmer um , trat dann an das Pult heran und sprach : Ich weiß nicht , Herr Tremann , in wie weit Sie von der Liebschaft unterrichtet sind , welche die Cousine und Pflegemutter Ihrer Frau Gemahlin mit dem Grafen Gerhard von Berka seiner Zeit gehabt hat ; aber .... Sie hielt inne , da Paul ' s finstere Miene ihr Scheu einflößte . Er ließ sie schweigend stehen , denn er war peinlicher berührt , als er es ihr zu zeigen für nöthig fand , und er ging mit sich zu Rathe , ob er sie sprechen lassen oder sie von sich weisen solle . Aber obgleich jedes ihrer Worte ihm durch den Ton und die plötzliche Vertraulichkeit dieser Frau zu einer doppelten Kränkung wurde , entschloß er sich endlich doch , sie anzuhören . Was bringt Sie dazu , mir die Frage vorzulegen , welche Sie an mich gerichtet haben ? fragte er sie . Meine Dankbarkeit , Herr Tremann , nur meine Dankbarkeit , und , setzte sie hinzu , auch die alte Freundschaft für das Flies ' sche Haus . Freilich hat Seba es jetzt ganz vergessen , daß ich ' s gewesen bin , die sie zuerst unter die Menschen und in die Gesellschaft gebracht hat , und daß ich ihre Manieren und ihre Haltung formirte . Ich habe auch , was an mir gewesen ist .... Ich bin sehr beschäftigt , unterbrach sie Paul , dem die Weise der Kriegsräthin immer unleidlicher werden mußte , und der zu merken anfing , worauf es abgesehen war . Ich bin sehr beschäftigt , haben Sie also die Güte , Sich an das Wesentliche zu halten , Frau Kriegsräthin ! Wie Sie wünschen , wie Sie wünschen ! versicherte sie . Aber , Herr Tremann , erlauben Sie mir nur zu meiner Rechtfertigung noch ein paar Worte . Sie sind ein erfahrener Mann , Herr Tremann , und Sie haben gewiß die Frauen kennen gelernt . Sie wissen , wie die Mädchen sind . Seba ließ sich nicht abhalten , an den Herrn Grafen zu schreiben , Brief auf Brief und Jahr und Tag . Das war sehr unrecht , und ich sagte ihr immer .... Und diese Briefe ? fragte Paul , der seine Ungeduld nur mühsam unterdrückte . Die Kriegsräthin schlug die Augen nieder . Diese Briefe besitze ich , sagte sie . Sie besitzen diese Briefe - Sie ? Wie kommen Sie dazu ? fuhr Paul auf , dem das Blut in die Wangen stieg , obschon er seiner Empörung und seinem Zorne Gewalt anthat . Wie kommen Sie , Frau Kriegsräthin , zu diesen Briefen ? Sie machte eine Bewegung mit beiden Händen , als wolle sie andeuten , sie könne sich dessen kaum erinnern . Ich fand mich , Sie wissen es ja , Herr Tremann , als mein armer , guter Weißenbach seiner Versuchung unterlegen war , genöthigt , mir mein Brod zu suchen . Da nahm Graf Berka mich als Haushälterin , und ich kann sagen , als eine Freundin in sein Haus , und .... Und er , Graf Berka , also ist ' s , der Ihnen diese Briefe übergeben hat ? fragte Paul bestimmt . Die Kriegsräthin schlug voll Demuth ihre Blicke nieder . Der Herr Graf hatte keine Geheimnisse vor mir , sagte sie . Er wußte , daß man mir vertrauen könne , und , fügte sie hinzu , dächte ich nicht , daß ich nicht mehr jung bin , daß der Herr mich abberufen und diese Briefe dann einmal in unbedachte Hände fallen könnten , so hätte ich gegen Sie , Herr Tremann , und gegen Niemanden dieser Angelegenheit erwähnt . Aber Mademoiselle Flies hat mich nicht vorgelassen ; hat , als ich ihr geschrieben , meinen Brief zurückgeschickt - was sollte ich da machen ? Paul ' s Verachtung gegen die Kriegsräthin , seine Verachtung gegen den Grafen , der solche Briefe aufbewahren und sie , wenn man das wenigst Schlimme von ihm denken wollte , so schlecht aufbewahren konnte , daß sie einer Person wie dieser in die Hände fallen mochten , schwellten die Adern auf seiner Stirn . Wo sind die Briefe ? fragte er kurz und kalt . Die Kriegsräthin brachte aus ihrem Pompadour ein ansehnliches Packet Papiere hervor , das mit einer Schnur über Kreuz zusammengebunden war . Hier , sagte sie ; aber sie reichte sie Paul nicht hin , sondern hielt sie fest , als fürchte sie , daß sie ihr entrissen werden könnten . Sind das die Briefe alle , welche Graf Berka von Mademoiselle Flies erhalten hat ? Alle , so viel ich weiß . Paul ging mit sich zu Rathe ; die Kriegsräthin verwandte kein Auge von ihm . Was verlangen Sie für diese Briefe ? fragte er darauf . Die Kriegsräthin ließ einen Ausruf der Entrüstung hören . Sie betheuerte , daß es ihr nur darauf angekommen sei , dem Wohlthäter ihres Gatten ihre gute und anhängliche Gesinnung zu bezeigen , um wo möglich seine Geneigtheit und das Zutrauen , das er doch einst zu ihr gehabt habe , wieder zu erlangen . Sie brachte es endlich bis zu der unter Thränen gethanen Erklärung , daß sie , die Kinderlose , sich immer der Hoffnung hingegeben habe , sich in ihrem Pfleglinge einen Sohn zu erziehen ; aber Seba habe sie durch ihr Dazwischentreten auch um dieses Glück gebracht , und sie würde in ihren Herzensergüssen kein Ende gefunden haben , hätte Paul sie nicht noch einmal mit der nackten Frage unterbrochen , was sie für die Briefe fordere . Ihren Beistand - weiter nichts ! rief die Kriegsräthin , sich die Augen trocknend . Paul schüttelte verneinend das Haupt . Ich bin nicht gewohnt , solche Wechsel in Blanco auszustellen . Nennen Sie die Summe . Sie haben für meinen Mann so viel gethan .... Täuschen Sie Sich nicht , Frau Kriegsräthin , ich bin nicht im entferntesten gesonnen , auch nur irgendwie ein Aehnliches für Sie zu thun ! bedeutete er ihr . Aber , hob sie noch einmal an , wenn ich diese Briefe .... Da hielt sich Paul nicht länger . Wenn Sie die Unwürdigkeit begehen sollten , von diesen Briefen irgend einen Gebrauch zu machen , der Mademoiselle Flies verletzen könnte , so würde ich zunächst den Grafen Gerhard fragen , auf welche Weise Sie in den Besitz derselben gelangt sind ! sagte er . So wahr Gott lebt , ich habe sie von ihm selbst ! rief die Kriegsräthin erschrocken aus . Dann behalten Sie sie ; aber ich mache von dieser Stunde ab den Grafen verantwortlich für jeden Mißbrauch , den Sie mit denselben treiben ! Und nun , Adieu , Frau Kriegsräthin ! - Er drehte ihr den Rücken und wollte das Zimmer verlassen . Darauf jedoch hatte sie es nicht abgesehen . Sie trat rasch hinzu , legte die Briefe auf sein Pult und sagte : Sie mißtrauen mir , Herr Tremann ; aber wie unrecht Sie mir auch thun , ich will es Ihnen nicht vergelten . Da sind die Briefe ! Seba soll sehen , ob ich ihre Freundin war und bin . Da sind die Briefe - alle ! Thun Sie nun , was Ihnen von Ihrem Herzen und von Ihrer Generosität geboten wird . Sie blieb stehen . Paul nahm eine Feder in die Hand . Was denken Sie jetzt zu unternehmen , da Ihr Mann gestorben ist ? Der Herr Graf hat mir schon längst dazu verhelfen wollen , daß ich eine Concession erhielte , möblirte Zimmer zu vermiethen ; aber um das anzufangen , um die Möbel anzuschaffen .... Brauchen Sie Geld , natürlich ! Wie groß ist die Summe , deren Sie zu bedürfen glauben ? Ich habe mir das oftmals ausgerechnet ; dreihundertfünfzig Thaler wären doch das Wenigste - das Allerwenigste ! meinte sie . Paul fand diese Summe viel zu hoch . Nach einigen kurzen Erklärungen wurden sie jedoch des Handels einig . Er ließ sich von ihr einen Schein unterschreiben , daß sie ihm gegen die von ihm empfangene Summe sämmtliche in ihrem Besitze gewesenen Briefe Seba ' s an den Grafen Berka ausgehändigt habe , so daß , falls noch jemals derartige Briefe zum Vorschein kommen sollten , sie als Fälschung anzusehen wären . Und nachdem die Kriegsräthin sich noch verpflichtet hatte , sich niemals mehr , weder schriftlich noch mündlich , an Seba zu wenden , zahlte er selbst ihr die bedungene Summe aus und entließ sie , froh , sich ihrer endlich entledigen zu können . Als er allein war , sah er die von der Kriegsräthin nach ihrem Datum geordneten Briefe noch einmal flüchtig an . Die vergilbten Blätter rührten ihn . Er dachte all der trügerischen Hoffnungen , all der verzweifelnden Leidenschaft , mit denen sie geschrieben worden waren , aber er hätte ein Heiligthum zu entweihen geglaubt , hätte er gelesen , was nicht für ihn bestimmt gewesen war . Er nahm das ganze Päckchen , trat an das Feuer des Kamines , warf die Blätter hinein und blieb bei ihnen stehen , bis das letzte derselben in Asche zerfiel und zerstob . Die Begegnung mit der Kriegsräthin , die ganze Angelegenheit hatte ihn verstimmt ; indeß er war mit derselben noch nicht am Ende , denn er hatte seine Abrechnung noch mit dem Grafen selbst zu halten , um Seba wo möglich ein für alle Mal vor den Verletzungen , die ihr von dieser Seite kommen konnten , sicher zu stellen , und er beschloß nach kurzem Ueberlegen , dies sofort zu thun . » Hochgeborener Herr ! « schrieb er . » Ich habe so eben von Ihrer ehemaligen Haushälterin , der verwittweten Kriegsräthin Weißenbach , eine Reihe von Briefen erhalten , die eine edle und von mir hochverehrte Frau in dem Vertrauen jugendlicher Liebe und in dem Glauben an die Ehrenhaftigkeit des von ihr damals geliebten Mannes geschrieben hat . Beides , ihre Liebe wie ihr Vertrauen , waren ein Irrthum , und ich wünsche sie vor jeder unangenehmen Erinnerung an dieselben , wie sie ihr durch die Weißenbach leicht bereitet werden könnte , fortan zu bewahren . Indem ich es unerörtert lassen will , auf welche Weise jene Briefe in die Hände und den Besitz der Kriegsräthin , die sie mir gegenüber als einen Handelsartikel zu betrachten für angemessen hielt , gelangt sind , erlaube ich mir , bei Ew . Hochgeboren anzufragen , ob sich vielleicht noch andere Briefe jener Dame in Ihrem Gewahrsam befinden . Sollte das der Fall sein , so bin ich nach der heute gemachten Erfahrung gezwungen , Ew . Hochgeboren an die Herausgabe dieser Briefe als an die Erfüllung einer sittlichen Pflicht zu erinnern , wogegen ich Ihnen auf mein Wort versichern kann , daß in dem Besitze der betreffenden Dame nichts , gar nichts mehr vorhanden ist , was an Sie erinnern könnte . Ich habe es wohl nicht nöthig , Ew . Hochgeboren noch besonders darauf aufmerksam zu machen , daß die Schreiberin jener Briefe von dem Mißbrauche , der mit denselben getrieben worden ist , nicht Kenntniß hat und nicht Kenntniß erhalten wird . Diese Beleidigung und Kränkung sind von ihr durch mich glücklicher Weise abgehalten worden . Die Angelegenheit ist also zwischen Ew . Hochgeboren und mir zu ordnen , und ich habe dabei nur noch zu bemerken , daß ich der Kriegsräthin gegenüber meine Maßregeln in der Art genommen habe , daß neue Ansprüche und Erpressungen auf Anlaß ähnlicher Papiere von ihrer Seite künftig nicht mehr zu befürchten sind . Ihrer baldigen Antwort entgegensehend Paul Tremann . « Er hatte diesen Brief eben erst einem Boten zur Besorgung gegeben und wollte sich in das Comptoir verfügen , in welchem inzwischen seine Gehülfen angekommen und an ihre Arbeit gegangen waren , als man ihm den Freiherrn von Arten-Richten meldete . Es war seit lange von der Rückkehr desselben die Rede gewesen , aber sie kam Paul doch jetzt völlig unerwartet , und weil er voraussah , daß die Besprechung , welche er mit Renatus haben mußte , eine längere Zeit erheischen würde , begab er sich erst zu seinen Leuten , um mit ihnen das Nöthige zu bereden und ihnen seine Befehle zu ertheilen , während er den Freiherrn ersuchen ließ , ihn in dem Privatzimmer , in welchem Paul sich bis dahin aufgehalten hatte , zu erwarten . Renatus war der Gang zu diesem Besuche schwer geworden , und die Bemerkungen des Grafen Gerhard hatten nicht dazu beigetragen , ihm denselben zu erleichtern . Er war beunruhigt durch den Gedanken , wie Paul im Grunde über ihn und über jene seine Maßnahme urtheilen möge , nach welcher er ihm vor Jahren seine Angelegenheiten anvertraute . Er für sein Theil war jetzt sehr geneigt , diesen Schritt für eine romantische und großmüthige Unbesonnenheit zu halten , um derentwillen er von sich nicht schlechter dachte , die er aber doch bereute . Der Graf hatte ihm mit seiner Schilderung der rastlosen Habgier , die jedem Kaufmanne inne wohnen sollte , ein widerwärtiges Bild in die Seele gedrückt ; indeß weder das Haus , in das er getreten war , noch der Raum , in welchen man ihn jetzt gewiesen hatte , stimmten mit des Grafen Voraussetzung zusammen . Der wohlanständige Hauswart , der ernsthafte Diener in schwarzer , bürgerlicher Kleidung , die mit Teppichen nach englischer Weise belegten Fluren und Korridors , auf denen der Tritt nicht hörbar war , konnten eben so wohl in dem Hause einer Herzogin ihren Platz finden , und dieses Zimmer , in welchem Renatus den Kaufmann zu erwarten hatte , trug vollends ein beruhigendes Gepräge . Die dunklen Tapeten , die zurückgezogenen dunklen Fenstervorhänge , der große Schreibtisch und die wenigen schweren Armstühle , die in dem Zimmer standen , sahen sehr würdig aus . Die großen Special-Landkarten an den Wänden , die nicht unbedeutende Bibliothek , welche die eine Seite des Gemaches einnahm , und eine Reihe von Modellen zu Maschinen , die auf einem der Tische aufgestellt waren , hätten auch in das Zimmer eines Gelehrten gehören können . Renatus , der viel Freude an allem Zusammenstimmenden besaß und durch den Anblick desselben , wie durch eine angenehme Luft , sehr leicht besänftigt wurde , hätte sich wahrscheinlich auch jetzt diesem wohlthuenden Eindrucke bereitwillig hingegeben , hätte ihm nicht die ihm bevorstehende Unterredung mit ihren unerläßlichen Erörterungen gar zu schwer auf dem Herzen gelegen und hätte er es verschmerzen können , daß er hier als ein Fremder auf den Herrn eben dieses Hauses warten mußte , das einst seiner Familie angehört hatte . Er hatte auf die Einladung des Dieners in einem der alterthümlichen Lehnstühle Platz genommen , die vor dem Kamine standen , und wie er von dem knisternden Feuer zu den Ausschmückungen des Simses hinaufblickte , leuchtete ihm das Arten ' sche Wappen mit seinem fortis in adversis , hell von den Flammen angestrahlt , vertraut und doch schmerzlich entgegen . Er zweifelte nicht , daß auch diese hochlehnigen Eichensessel , daß der schwere , schön geschnitzte Tisch , der jetzt den Modellen und Maschinen zum Träger diente , daß diese große , altmodische Uhr einst Arten ' scher Besitz gewesen waren , welcher bei der Versteigerung des Hausrathes an die neuen Eigenthümer direkt oder indirekt übergegangen war ; und ungeduldig den großen , langsam fortrückenden Zeiger der Uhr verfolgend , wollte er sich eben erheben , als die Thüre , welche nach dem Comptoir ging , sich lautlos öffnete und , eben so lautlos hereintretend , der Herr dieses Hauses vor ihm stand . Willkommen in Deutschland ! sagte er ; und ich bitte um Verzeihung , daß ich Sie warten ließ ! Ich war dazu genöthigt , um jetzt völlig zu Ihrer Verfügung zu sein . Seit wann sind Sie zurück ? Renatus antwortete , daß er schon gestern gekommen sei ; aber er konnte sich in den geschäftsmäßigen , wennschon sehr verbindlichen Ton des Andern nicht gleich finden , er konnte überhaupt sich noch nicht Rechenschaft von demjenigen geben , was in ihm vorging . Das Arten ' sche Gesicht , Paul ' s mit jedem Lebensjahre wachsende Aehnlichkeit mit dem verstorbenen Freiherrn verfehlten ihre Wirkung auch jetzt wieder nicht auf dessen Sohn . Aber dieser Mann in der dunkeln , bürgerlichen Tracht , auf dessen hoher Stirn die Sorge ihre Spur in leichten Furchen zurückgelassen hatte und in dessen braunem Gelocke hier und da bereits ein weißer Silberfaden schimmerte , war das noch derselbe Offizier , der feurige Krieger , der einst wie ein Sanct Georg mit seinem flammenden Schwerte zwischen Renatus und den Tod getreten war ? Auch jenem Jünglinge , mit dem der junge Freiherr einst in Seba ' s Zimmer so feindselig an einander gerathen war , glich Paul jetzt nicht mehr . Die frische Farbe seines Antlitzes war bleicher geworden , alle seine Züge hatten sich gefestet . Der Mund , der Blick der Augen waren ernster , die Stimme selbst dünkte Renatus tiefer geworden zu sein , und wie ihm damals der Schwung und das Feuer des jungen Fremden eine unruhige Eifersucht eingeflößt hatten , so setzte ihn jetzt etwas Mächtiges , etwas Gebieterisches in dem Wesen dieses Mannes in Verwunderung , obschon er selbst sich ihm gegenüber , in der glänzenden Uniform , in der straffen , regelrechten Haltung , mit dem Degen an der Seite , entschieden als der Vornehmere , als das Mitglied einer höheren Kaste bedünkte . Auch war es ein Ton nachlässiger Vornehmheit , mit welchem er Tremann aufforderte , sich gar nicht zu geniren , er könne warten , denn er habe Zeit . So besitzen Sie , antwortete Tremann ihm in der früheren , freien Weise , was mir in der Regel fehlt , und ich denke , wir machen uns eben deßhalb gleich an unsere Geschäfte . Wollen Sie ablegen ? Ich bitte ! Renatus , der bis dahin nicht ohne Absicht noch immer seinen Säbel an der Seite und seinen Czako in der Hand behalten hatte , hakte den Säbel los , stellte ihn in die Fensterbrüstung , stülpte den Czako darüber , zog die Handschuhe aus , fuhr sich , in den Spiegel blickend , der über dem Kamine hing , einige Male mit der feinen Hand durch sein wohlgepflegtes , blondes Haar und setzte sich dann mit einem unterdrückten Seufzer , wie Einer , der an eine schwere Arbeit geht , an dem Tische nieder , an welchem Tremann bereits vor ihm Platz genommen und auf dem er verschiedene Aktenstücke und Papiere ausgebreitet hatte . Sie waren eigenthümlich anzusehen , der schöne , kräftige Geschäftsmann , der mit selbstgewisser Sicherheit sich zu seiner Arbeit anschickte , und der jüngere , eben so schöne und kräftige Offizier , dem sich das Unbehagen an dem Ungewohnten , das er über sich zu nehmen hatte , in jedem Zuge ausprägte . Mit jener kurzen Uebersichtlichkeit , zu welcher es nur ein sehr klarer Kopf bei völliger Beherrschung seines Stoffes bringt , setzte Tremann dem Freiherrn den Zustand aus einander , in welchem dessen Vermögensverhältnisse sich befänden . Er wiederholte ihm und erklärte ihm ausführlicher , als es in seinen Briefen geschehen war , daß die allmählich aufgehäufte Schuldenlast und die daraus erfolgenden Zinszahlungen es jetzt völlig unmöglich machten , die Angelegenheiten in der gewohnten Weise fortzuführen , und er kam darauf zurück , daß es großer , durchgreifender Entschlüsse bedürfe , wenn man zufriedenstellende Erfolge erzielen wolle . Er trug die Summen zusammen , welche allmählich auf Rothenfeld und Neudorf aufgenommen worden waren , erinnerte Renatus daran , daß man sein mütterliches Capital , welches der verstorbene Freiherr zur ersten Stelle auf Richten eintragen lassen , noch vor dem Ausbruche des Krieges mit der Zustimmung von Renatus auf eine zweite Hypothek gestellt habe , weil es nothwendig gewesen sei , neue namhafte Capitalien herbeizuschaffen , die man gegen dritte Hypotheken nicht habe erhalten können , und schließlich hielt er dann den gegenwärtigen Werth der Güter jener Schuldenlast gegenüber , welcher dieselbe freilich noch immer überstieg , aber doch nicht mehr in solcher Weise überstieg , daß es für Renatus möglich gewesen wäre , sich noch als einen reichen Mann zu betrachten . Die unwiderlegliche Gewalt der Zahlen übte auf Renatus in diesem Falle eine erschreckende Wirkung . Indeß er war von Jugend auf gewohnt , mit sicheren Hoffnungen , mit dem Glauben an das Fortbestehen seiner ausgezeichneten Verhältnisse in die Zukunft zu sehen , und sich von dem unangenehmen Eindrucke rasch emporraffend , sagte er mit der vornehmen Leichtigkeit , die er ebensowohl als der verstorbene Freiherr , wenn es ihm paßte , anzunehmen wußte : Das klingt allerdings bedenklich und würde auch bedenklich sein , wenn man genöthigt wäre , in diesen immer noch ungünstigen Zeiten zu dem Verkaufe eines solchen Besitzes zu schreiten ; glücklicher Weise ist das nicht der Fall ! Tremann , der mit großem Bedachte und reiflichem Ernste seine Auseinandersetzungen gemacht und sich dabei so schonend als möglich geäußert hatte , weil er gerecht genug war , den jungen Freiherrn nicht für die ungünstige Lage verantwortlich zu machen , in welche seine Güter durch die Schuld seines Vaters gebracht worden waren , fühlte sich durch das ganze Betragen und durch die Leichtfertigkeit des Freiherrn doch bewogen , diese Schonung nicht weiter zu üben , und trocken und ohne allen Umschweif sagte er : Wie die Weltlage und unsere industriellen und gewerblichen Verhältnisse sich mir darstellen , ist ein rasches Steigen der Güterpreise nicht vorauszusehen , und wenn Sie Sich jetzt nicht entschließen , Neudorf und Rothenfeld so bald als möglich zu verkaufen , werden Sie nach drei Jahren nicht mehr im Stande sein , auch nur Richten zu behaupten . Renatus wurde plötzlich blaß . Er konnte die frühere leichte Weise solchem Ausspruche gegenüber nicht mehr aufrecht erhalten , und Tremann schien es auch gar nicht auf eine Gegenäußerung von ihm abgesehen zu haben . - Ich mußte mich , fuhr er fort , als ich mich , Ihrem Wunsche gemäß , dem Amte unterzog , das mein verstorbener Compagnon nach Ihres Herrn Vaters Tode von Ihnen übernommen hatte , erst selber genauer über eine Menge von landwirthschaftlichen Fragen und namentlich über die Zustände in Ihren Provinzen unterrichten , da man ohne eine vollständige Einsicht in diese Dinge nur ein schlechter Berather sein würde , und der ehemalige Amtmann Ihres Herrn Vaters , der Gutsbesitzer Steinert , ist mir dabei mit seiner Einsicht und , ich darf sagen , mit seinem guten Willen , Ihnen behülflich zu sein , sehr nützlich gewesen . Nach seinen Mittheilungen ist seit fast dreißig Jahren , seit dem Tode Ihres Großvaters , wie Steinert es nannte , so gut wie gar nichts in die Güter hineingesteckt , wohl aber alles aus ihnen herausgezogen worden , was sie irgend herzugeben vermochten . Der Krieg und die untüchtige Verwaltung des jetzigen Amtmanns , mit dem man aus Vorschnelle und Bequemlichkeit , ohne ihn zu kennen , auf lange Jahre hinaus einen Vertrag gemacht hatte , der ihn halbwegs wie einen Pächter hinstellt , der aber keine Caution irgend einer Art geleistet hat , sind unheilvoll dazugekommen . Die Güter befinden sich in dem völligsten Verfalle . Sie haben allerdings in Richten ein großes Schloß , in Neudorf eine Kirche und ein Pfarrhaus , in Rothenfeld die neue katholische Kirche und daneben sogar noch jene Art von Seminar . Das sind Baulichkeiten genug , aber es sind unfruchtbare , geldkostende Gebäude , und es fehlt an allem Nöthigen - es fehlt an Scheunen und an Ställen , es fehlen Wohnungen für eine größere Anzahl Leute , die herbeigezogen werden müßten , wenn man die Verbesserung des Bodens ernstlich betreiben wollte . Man müßte vierzig , fünfzig Tausend Thaler in die Hand nehmen können , um auf den drei Gütern nur die nothwendigsten Gebäude herzustellen . Man müßte eine eben so große Summe anwenden , um ein Vieh-Inventar herbeizuschaffen , wie es einem solchen ausgesogenen Güter-Complexe nothwendig wäre , und müßte die Mittel haben , durch die ersten Jahre nicht nur diesen Viehstand , sondern auch die Leute völlig durchzuhalten , bis die Güter selber den Aufwand wieder tragen könnten . Wo wollen Sie diese Capitalien , diese Mittel finden ? Wie wollen Sie es machen , diese neuen Capitalien besten Falles aus dem gegenwärtigen Ertrage der Güter , neben den ohnehin laufenden alten Zinsen zu verzinsen ? Er nahm , da Renatus keine Antwort darauf zu geben vermochte , die Papiere zur Hand , welche den letzten Jahresabschluß des Amtmanns enthielten , und jene andern Berichte , die er sich vierteljährlich von ihm hatte senden lassen . Der gegenwärtige Reinertrag der Wirthschaft hatte , da Renatus sich allmählich in der französischen Hofgesellschaft auch an einen größeren Aufwand gewöhnt hatte , kaum die Höhe der Summe erreicht , welche er sich in den beiden letzten Jahren als Zuschuß nach Paris hatte nachsenden lassen , und um den Haushalt und die Bedürfnisse der Baronin und ihrer Gäste zu bestreiten , hatte man gelegentlich von den Kaufleuten in den kleinen , den Gütern nahe gelegenen Städten einzelne Beträge in verschiedener Höhe entnommen , die sie , weil alle diese kleinen Kaufleute die Vermögenslage des Freiherrn kannten , nur unter den ungünstigsten Bedingungen hergegeben hatten . Sie waren , da auch hier sich Zins zu Zins gefügt , zu einer Summe angewachsen , die Renatus in Erschrecken versetzte , und zum ersten Male seiner selber nicht mehr Meister , rief er , sich gegen die Stirn schlagend : Furchtbar , furchtbar ! Da ist ja gar kein Ausweg möglich ! Er war aufgestanden und hatte mit hastiger Hand die Haken und Knöpfe seiner Uniform geöffnet , es wurde ihm angst und bange . Wie verkörpert stiegen die Berechnungen gewaltig vor ihm in die Höhe und drängten auf ihn ein . Alle , alle , alle gegen den Einen , gegen ihn ! Hier war für ihn kein Durchhauen möglich - und hier zu unterliegen war nicht , wie in einer guten Sache auf dem Schlachtfelde , eine Ehre - hier zu unterliegen war ein Schimpf ! Tremann , der ihn seit dem Beginne ihrer Unterredung genau beobachtet hatte , errieth und sah , was in dem jungen Freiherrn vorging , und , wie bei allen tüchtigen Menschen , waren seine Theilnahme und sein Mitleid leicht erregbar , wo er an die Möglichkeit einer nachhaltigen Hülfe glauben konnte . Nur Muth , Herr von Arten ! rief er ; die Sache steht allerdings nicht sonderlich , doch ist sie keineswegs verloren , noch ist sie zu halten , Sie müssen nur den Muth nicht sinken lassen ! Aber der natürliche und wohlgemeinte Zuspruch brachte auf das jetzt doppelt verletzbare Gemüth des Freiherrn nicht die beabsichtigte Wirkung hervor ; denn die feinen Augenbrauen zusammenziehend , sagte er : An Muth hat es noch keinem Arten je gefehlt , und wenigstens diese Eigenschaft unseres