graubraune Wolkenwand schien den ganzen Horizont zu bedecken und die Sonnenhitze des Mittags auf ' s Neue mit sich zu bringen . Die Reisenden befanden sich eingeschlossen wie in einem Thale , ohne selbst die Richtung der Himmelsgegenden beurtheilen zu können . » Diese Thiere scheinen einen widrigen brandigen Geruch zurückzulassen , « sagte die junge Gräfin ; » es ist noch immer so schwül und drückend . Bedienen Sie sich meines Flacons , Madame ! « Der Oberst , ohne sich um die Frauen viel zu kümmern , lehnte aus dem Fenster . » Was soll das Zaudern ? Vorwärts , Tölpel ! - Was soll ' s ? « Die letzte Frage war an den alten Kosacken und den Jäger Bogislaw gerichtet , die nach einer kurzen Besprechung auf den Wagen zukamen . » Väterchen , « sagte der Kosack mit jener , den gemeinen Russen so eigenthümlichen Manier , einer directen Antwort auszuweichen , - » die Heiligen haben Dich und die Frauen zu keiner guten Stunde die Reise antreten lassen . « » Um es kurz zu machen , Herr Graf , « fiel der entschlossene Jäger ein , - » denn die Augenblicke sind kostbar - diese mit dem Lande vertrauten Leute meinen , es drohe uns eine größere Gefahr , als die vergangene : die Steppe stehe in Brand ! « Die beiden Damen hatten zum Glück die russisch gesprochene Meldung nicht verstanden , doch sahen sie an dem Zurückfahren des Obersten , an der Blässe , die unwillkürlich sein Gesicht überzog , daß eine große Gefahr im Anzuge sein mußte , und die verwöhnte pariser Lorette , die entführte Bojarendame , faßte laut aufschreiend seinen Arm . » Mein Himmel ! Graf , was giebt es ? was spricht der Mann ? ich will es wissen ! « Der Oberst machte sich ungestüm frei . » Zum Henker , Madame ! das ist kein Augenblick für Ihre Narrheiten . Unser Leben steht auf dem Spiel . - Woraus schließest Du das ? « Der Jäger wies auf die Wolkenwand ringsum , die immer dichter emporstieg und in der einzelne hellweiße Wolken emporzukräuseln schienen . Ruhig hielt der alte Kosack an der Seite des Wagens , während seine Enkel beschäftigt waren , den Jämschtschiks im Bändigen und Festhalten der fünf Pferde zu helfen . » Athmen der Herr Graf nur die Luft , die Sinne werden Sie bereits überzeugen . « In der That wurde der brandige Geruch immer schärfer , die Schwüle immer drückender . » Wie ist das Feuer entstanden - woher kommt es ? « » Gott weiß es ! - Die Colonisten oder Hirten haben es wahrscheinlich zum Schutz vor den Heuschrecken angezündet . Ich muß gestehen , daß ich selbst rathlos bin , da ich nicht einmal die Richtung des Himmels anzugeben vermag . Euer Erlaucht würden am besten thun , diesem alten Mann zu vertrauen . « Der Oberst wandte sich zu diesem : » Du siehst , daß ich Stabsoffizier bin und daß es Deine Pflicht ist , mir zu gehorchen . Wo ist die Gefahr für uns ? « Der Alte deutete ruhig ringsum im Kreise . » Ueberall ? - Sollen wir umkehren ? « Der Kosack schüttelte mit dem Kopfe . » Es nützt Nichts , Väterchen . Unter den Heuschrecken würdest Du desto schneller verbrennen . « » Weißt Du einen Ausweg - kannst Du uns führen , uns retten ? denn ich hoffe , Du wirst uns nicht verlassen . « » Nein , Väterchen , Iwan wird bei Dir ausharren . Du bist ein vornehmer Herr , aber Du verstehst Nichts von der Steppe . Willst Du mir die Anordnung überlassen ? « » Es sei ! Hundert Rubel für Dich und Jeden der Deinen , wenn Du uns rettest . « Der Alte hielt sich , nachdem er auf diese Weise das Recht , zu befehlen , erlangt hatte , mit einer Erwiederung nicht auf , sondern wandte sich sofort an seine Enkel : » Wanka , jag ' dem Feuer entgegen und sieh ' , welche Richtung es nimmt . Alexei Petrowitsch , fort , nach Mittag zu und schau ' , ob dort ein Ausweg . Olis , mein Liebling , wende Dich gegen Abend . Möge der heilige Iwan über Euch sein , Ihr hört unser Pulver . Fort ! « Die drei jungen Kosacken sprengten nach verschiedenen Richtungen in die Wolkenwand hinein . Während der Alte mit dem seltsamen6 Namen dem Jäger Bogislaw , den er rasch als den Thätigsten und Geeignetsten der ganzen Gesellschaft erkannt , einige Instructionen gab , deren Inhalt sich bald dadurch zeigte , daß Bogislaw von Zeit zu Zeit eine Pistole in die Luft schoß und wieder lud , - suchte der Graf die Damen zu beruhigen , denen die Natur der Gefahr längst nicht mehr verborgen war . Celeste war außer sich , bald weinte sie zaghaft , bald stieß sie mit französischem Wortschwall die bittersten Vorwürfe gegen ihren Beschützer aus , bald wieder bat und flehte sie , daß man die Pferde antreiben und dem Feuer entfliehen möge . Auch der Oberst war mehrere Male im Begriff , den Befehl zu geben , die Rosse , die nur mit größter Mühe festgehalten werden konnten , loszulassen , doch gab ihm ein Blick auf die ruhige Haltung des Kosacken und die Ueberlegung die Ueberzeugung , daß man der Erfahrung und dem Instinkt des greifen Eingebornen der Steppen am besten vertrauen und jede Anordnung überlassen werde . Die Hitze war fortwährend gestiegen , die umgebenden Rauchwolken begannen bereits eine röthliche Farbe anzunehmen . Durch den Wolkennebel hatten sie häufig dunkle Gestalten in vollem Lauf vorüberhuschen sehen - die Wölfe , die wilden Hunde und anderes Gethier der Steppe - aus der Luft herab hörten sie das ängstlich kreischende Geschrei großer Schwärme wilder Enten und anderer Wasservögel , die von der Gluth aufgescheucht , hoch über dem Brand weg zu ihren sumpfigen Nestern eilten . Die Minuten , die sie in der quälenden Ungewißheit zubrachten , schienen Stunden . Der Kosack Wanka war der Erste , der im vollen Carriere seines kleinen zottigen Pferdes , dem Mähne und Hufhaar verbrannt waren , zurückkam . » Fort , Djeduschka , - das Feuer ist hinter mir - kaum drei Werste entfernt und nimmt die Richtung hierher . « » Haltet die Pferde bereit , Lieblings ! Schließ ' die Fenster Deiner Karosse , Väterchen . - Auf ! « Aus dem Nebel zur Rechten jagte Alexei Petrowitsch . » Hierher ! hierher ! es ist eine Lücke in der Wand von Rauch und der Boden nur von den Heuschrecken verwüstet . « » Schießt Eure Pistolen zusammen los , daß Olis uns hört . Der heilige Andreas schütze den Jungen ! Feuer ! - Und nun vorwärts , dort hinein ! « Die Pferde wurden zur Seite gerissen und im Galopp jagte die Kutsche , von den Reitern umgeben , in die Rauchwand - von Zeit zu Zeit feuerte der wackere Jäger noch einen Schuß ab . Der Wagen war etwa zweihundert Schritt vorgedrungen , als die Dunst- und Wolkenwand sich lichtete und sie in eine verhältnißmäßig freie Atmosphäre kamen . Es zeigte sich , daß ein leiser Luftzug die Dampfwolken vor sich her trieb und die klare , helle Gluth schlug zu ihrer Linken in die Höhe und knisterte über die weite Ebene . Die Rosse jagten wie toll über die Fläche und rissen den Wagen in wilden Sprüngen über die Risse und Unebenheiten des Bodens . Züngelnd liefen die Flammen über diesen , wenn auch der Luftstrom sie in bestimmter Richtung vorwärts trieb , und an vielen Stellen jagten geradezu die Pferde durch die bereits emporschlagende Lohe . Celeste lag ohnmächtig im Wagen , die Gräfin athmete schwer , das Gesicht an das Wagenfenster gepreßt , dessen Scheiben in der Gluth bereits zersprungen waren , während der Graf mit finsterer Entschlossenheit die schreckliche Scene beobachtete . Plötzlich sperrte ein breiter Erdspalt die Fahrt und die Postillone hielten still . Der vordere Jämschtschik sprang sogleich aus dem Sattel und begann die Stränge seiner zwei Pferde zu lösen . » Was thust Du , Canaille ? « » Wo der Tod uns vor Augen , hast Du uns Nichts zu befehlen , Väterchen . Diese Pferde hindern nur den Wagen , die Heiligen werden uns durchhelfen , wenn wir allein sind ! « » Sukiensyn ! « - Eine Pistolenkugel pfiff dicht am Ohr des ungehorsamen Postillons vorüber . » Gnade , Excellenz , ich bin Dein gehorsamer Knecht ! « » Den Ersten , der uns zu verlassen wagt , « schrie der Oberst durch das geöffnete Fenster , » schieße ich nieder ! Iwan - wo bist Du ? « » Hier , Erlaucht , « entgegnete der alte Kosack , » ich untersuchte die Erdspalte . Wiederholt das Schießen ! Pascholl ! « Wiederum donnerte der Wagen davon , rechts und links von ihnen schlugen am Gestrüpp die Flammen bereits in die Höhe - die Fesseln , die Mähnen , die Schweise der Rosse waren abgesengt , kaum noch vermochten die Menschen zu athmen . » Heilige Mutter Gottes , vergieb mir Sünderin ! « jammerte Celeste in der Angst des Todes . » Das ist die Strafe dafür , daß ich die arme Nini um ihr Eigenthum bestohlen , welches mir der Russe gab , daß ich nun mit diesem Manne so elend verderben muß . « Gräfin Wanda hatte die Hände gefaltet , sie betete still - vor ihrer Seele stand in dieser letzten Stunde das Bild des jungen Tschetschenzen-Offiziers , des Imams Sohn , der einst mit ihr die ähnliche Stunde der Todesnoth getheilt . Heilige Mutter von Kasan ! - das war ein Schuß aus der Ferne , ein Signal , das nicht von den Männern um die dahin fliegende Equipage kam ! » Kuli ! Kuli ! Olis - hierher ! « donnerte die Stimme des alten Atamans . Ein zweiter Schuß - Dann brach aus der Rauchwand vor ihnen ein kleiner Reitertrupp , fünf Männer zu Pferde : zwei junge russische Offiziere und ein älterer Mann in braunem langschößigem Rock , die weiße weite Halsbinde trotz der Hitze sorgfältig um den Hals geknüpft , einen dreieckigen Hut von altmodischer Façon auf dem , mit langem schlichtem Haar umgebenen Kopf . Mit ihnen zwei Kosacken . » Zu Hilfe ! zu Hilfe ! Hierher ! « schrie der Oberst - im nächsten Augenblick waren die beiden Offiziere am Wagen - - Ein gellender Schrei erscholl aus diesem . » Da ist er ! da ist er ! Vergebung , Fürst , einer Sterbenden ! ich ließ sie im Elend ! « » Schorte wos mi ! Fürst Iwan Oczakoff , Sie in dieser Höllengluth ? « » Oberst Wassilkowitsch , so wahr ich lebe ! Wir wagten uns in die Gefahr , um eine Dame zu retten . « » Sie ist hier - doch sprechen Sie rasch , giebt es einen Ausweg aus dieser Höllengluth , die uns lebendig röstet ? « » Für den Wagen schwerlich . Hesekiah , wissen Sie Rath und Hilfe ? « Der Menonit wandte sich zu ihm . » Es muß ein Tabun hier in der Nähe sein , ich kenne den Tabuntschik , obschon er ein finsterer , menschenscheuer Greis ist . Aber es ist unmöglich , mich in diesem Rauch zu orientiren und es giebt hier überall gefährliche Erdspalten . « » Halt ! « schrie der Kosack - » still , Väterchen , so lieb Euch Euer Leben ist , ich höre einen Ton - ein Signal ! « Die Jämschtschiks hatten auf einer vom Feuer noch nicht erfaßten Stelle die Pferde angehalten . Alle lauschten gespannt , einige Augenblicke lang war Nichts zu hören , wie das Knistern und Zischen der Flammen , die fast ringsum empor schlugen - dann klang es erst leise und immer lauter , wie der Ton einer metallenen Glocke , - bald war eine Täuschung unmöglich . » Das ist die Glocke des Tabuns für die Heerden , « sagte ruhig der Menonit , - » Gott vergebe es mir , daß ich dem Manne kaum diese Menschenfreundlichkeit zugetraut habe . Der Herr ist mit uns - wir dürfen nur dem Schall der Glocke folgen , doch rathe ich Dir , Freund Offizier , die beiden Gespanne zu trennen . Diese Frauen werden sicherer fahren mit der Troika . « Der Rath war bei der rissigen Beschaffenheit des Bodens zu gut , um nicht befolgt zu werden . Im Nu waren die Stränge der zwei Vorderpferde vom Jäger Bogislaw und den Kosacken abgeschnitten , und der Erstere befahl dem Jämschtschik , voran zu reiten nach dem Schall der Glocke , um zugleich den Zustand des Weges zu prüfen . Die Todesgefahr war so groß , daß der junge Postillon , kaum die Möglichkeit der Rettung vor sich sehend , und von der drohenden Pistole des Obersten befreit , wie blind und toll davonjagte . Hinter ihm her flog , von den Reitern umgeben , der Wagen durch Rauch und Flammen . » Links ! links , Freund ! so lieb Dir Dein Leben ist ! « schrie der junge Menonit , während schon näher und näher der Schall der Glocke erklang und sie bereits den Zuruf einer menschlichen Stimme zu hören vermochten . Es war zu spät - Ein wilder , furchtbarer Schrei des Entsetzens - und vor ihren Augen verschwanden im Nebel und Rauch , kaum zehn oder fünfzehn Schritt vor ihnen , die Gestalten des Jämschtschiks und seiner zwei Pferde , wie von der Erde verschlungen . » Links ! links ! Gott sei Seele und Leib gnädig ! « Der Menonit hatte sich mit seinem Pferde quer vor das Gespann geworfen , Bogislaw riß mit Aufbietung all seiner Kraft das rechte Sattelpferd , das er bestiegen , zurück und drängte das Gespann nach Links - so flogen sie davon dem Rufen und Läuten entgegen , ohne daß Einer von dem schrecklichen Schicksal des jungen Postillons Kunde nehmen konnte ; wenige Augenblicke darauf war das Läuten vor ihnen - » Paßt auf , Brüder , « rief der Menonit , » der Graben kommt - hopp ! « Er setzte mit seinem Pferde hinüber , Iwan folgte - dann der Jämschtschik mit dem Dreigespann - ein Ruck , Angstgekreisch , - der Wagen stürzte um , aber war glücklich über den rettenden Graben , den die Hirten zur Sicherung ihres Tabuns gegen das Feuer aufgeworfen . Die Voransprengenden hatten jenseits desselben noch den jungen Kosacken Olis gesehen , wie er eifrig eine kleine Glocke schwang , die zum Herbeirufen der Heerden zu dienen schien , und neben ihm eine hohe Greisengestalt in wildem Costüm , theilnahmlos die Arme übereinander geschlagen und den Anstrengungen des jungen Mannes zuschauend . Im nächsten Augenblick waren Alle - mit Ausnahme des seltsamen Greises - um den umgefallenen Wagen beschäftigt , um den Insitzenden herauszuhelfen . Der Oberst war der Erste , der durch die geöffnete Thür sich herausschwang , sein kranker Arm schmerzte ihn durch den Stoß heftig und schien auf ' s Neue beschädigt . Er rief nach seinem Leibdiener und befahl , sogleich aus dem geretteten Gepäck ein Arzneinecessaire zu suchen , während die Damen herausgehoben , in her Nähe eines gegen die Hitze verdeckten Brunnens niedergesetzt und von den beiden jüngeren Offizieren mit Wasser benetzt wurden . Gräfin Wanda , die erst bei dem Todesruf des Jämschtschiks die während , der ganzen furchtbaren Scene bewahrte Fassung verloren und ohnmächtig geworden , erholte sich zuerst und leistete nun mit dem Kammermädchen der Französin Hilfe . Sie schlug die Augen auf , - ihr erster Blick fiel auf den jungen Fürsten , den sie auf dem Ball des General-Consuls von Meusebach sich hatte vorstellen lassen , und der sie mit sichtlichem Interesse betrachtete Eine dunkle Röthe - bei der Erinnerung an Worte , die sie in der Todesangst ausgestoßen - überzog das Gesicht der ehemaligen Lorette . Während diese kurze Erkennungsscene unter der Gruppe der vornehmen Reisenden spielte , die sich so eigenthümlich zusammengefunden , war ein noch seltsamerer Auftritt unfern von ihnen vorgegangen . Der Tabuntschik hatte sich von der zahlreichen , so plötzlich auf sein Gebiet eingedrungenen Gesellschaft zurückgezogen . Die Scene umher gewährte einen eigenthümlichen Anblick . Obschon das Feuer , so schnell wie es gekommen , sich nach dem raschen Verzehren des trockenen Grases entfernte und den Tabun - die Niederlassung der Roßhirten - ganz unberührt , gelassen hatte , da derselbe - auf der einen Seite durch die tiefe , jähe Regenschlucht , auf der andern durch einen von den Hirten aufgeworfenen und mit befeuchteter Erde abgedämmten Graben gesichert worden , so sah man doch an einzelnen , dichter mit Gestrüpp bewachsenen Stellen in der Nähe noch immer die Flammen emporschlagen , und Rauchwolken ballten sich über die freigebliebene und abgebrannte Stätte hin . Wo sie sich öffneten , sah man große Heerden Viehes - Pferde und Schaafe dicht zusammengedrängt auf der gesicherten Oase , von den Hirten oder den Knechten des Tabuntschiks bewacht , und ein eigenthümliches Schauspiel gewährte es , als diese jetzt zwischen den Schaafen zwei Wölfe hervorzerrten , die sich in der Angst vor dem Feuer unter die Heerden schmiegsam verkrochen hatten , und die sonst so gefährlichen Bestien ohne Widerstand todtschlugen . Der Tabuntschik stand in der Nähe seiner Semlanke - der kaum mannshoch aus dem Boden hervorragenden , größtentheils in diesen gegrabenen aber geräumigen Hütte , - deren Dach nach beiden Seiten hin in den Rasen selbst auslief . Er war eine hagere aber kräftige Gestalt , fast nur Sehnen und Muskeln , das von einem weißen krausen Bart umgebene Antlitz lederfarben geworden von der Gluth der Sonne und den eisigen Wettern des Winters . Ein dunkles unruhiges Auge lag unter den buschigen Brauen , die linke Wange zeigte eine tiefe querüber laufende Narbe . Die ungebeugte kräftige Haltung , durch den fortwährenden Aufenthalt im Freien , die Art seiner Beschäftigung und die einfache Nahrung über die gewöhnliche Zeit des Menschen hinausgebracht , ließ das Alter des Mannes nicht erkennen , dennoch mußte es hoch und selbst über die Jahre des greisen Kosacken reichen . Er war ganz in gegerbtes Fohlenleder gekleidet ; eine eng anschließende Jacke , Beinkleider , an denen die Haarseite nach außerhalb gekehrt war , und derbe hochhinaufreichende Stiefeln von Roßleder mit starken Sporen bildeten seine Tracht . Eine lederne Kaputze mit eingeschnittenen Oeffnungen für Augen , Ohren und Mund hing ihm über den Nacken ; in dem breiten Gürtel , auf den er die Hand stützte , staken ein kurzes Beil und verschiedene Zangen , Werkzeuge und Büchsen , die er in seinem Beruf als Besitzer großer Roßheerden brauchte ; die Hand hielt die derbe kantschuhartig geflochtene Peitsche . Der alte Kosack , der um die Geretteten genug Personen beschäftigt sah , hatte sich von ihnen gewandt und näherte sich dem einsam stehenden Tabuntschik . » Die Heiligen mögen Dich segnen , Väterchen . Wir sind gekommen , bei Dir Hilfe und ein Nachtlager zu suchen , Du wirst uns nicht von Dir weisen . « » Ich lade Niemand zu mir , « sagte finster der Roßhirt , » doch weigere ich auch Niemand mein Brod und Salz . Du bist mein Gast . - Weshalb starrst Du mich so an , alter Mann ? « Das Tageslicht war zwar dem Erlöschen nahe , aber seine letzten Strahlen brachen eben noch scharf durch die sich theilenden Rauchnebel und fielen auf das Antlitz des greifen Roßhirten . Der Ataman sprang auf ihn zu und faßte seinen Arm : » Dies Gesicht kenne ich und wenn es Methusalem ' s Alter hätte - schau ' diese Narbe auf meinem Gesicht an , Kaisermörder , und erinnere Dich an die Nacht des 23. März ! « Seine Rechte faßte nach der Pistole in seinem Gürtel . Das Antlitz des alten Tabuntschik war fast schwarz geworden , seine tiefliegenden Augen schienen Blitze zu schießen . » Tschort w twaju Duschu ! 7 Du bist verrückt . « » So wahr die Heiligen an meinem Sterbelager stehen und die finstern Geister verscheuchen mögen - ich kenne Dich , Fürst Michael , und Gott der Herr hat dem armen Kosacken der Steppe das Leben erhalten , um noch an der Pforte des Grabes seinen Todfeind zu finden . « Der Tabuntschik lächelte blos verächtlich . » Lege den Finger auf Deine eigene Wange und Du wirst das Zeichen finden , mit dem der Degen des Czaren Dich gebrandmarkt . Du mußt sterben von meiner Hand ! « Er zog den Hahn des Pistols - doch die Hand des Roßhirten drückte es jetzt zur Seite : » Ich weiß nicht , wer Du bist und welchen Anspruch Du an mich hast , « sagte derselbe finster . » Aber bedenke , daß Du mein Gast bist und ich Dein Wirth , und Fluch auf den Russen , der die heilige Sitte der Väter verletzt . Wenn die erste Stunde eines neuen Tages da ist , wirst Du , ein Greis wie ich , mich über der Gränze dieses Tabuns finden , bereit , Dir Rede zu stehen . « Er wandte sich unerschüttert von ihm und verschwand in die Semlanke . Der alte Kosack blieb in tiefem Sinnen , auf seinen Säbel gestützt , zurück . Fußnoten 1 Postillon . 2 21. Juli 1774 . 3 Roßhirt , Heerdenbesitzer . 4 Tölpel , Narr . 5 Station . 6 Historischen . 7 Der Teufel in Deine Seele ! Varna . Das Geschick der Städte und Orte wechselt wie das der Menschen ; Metropolen versanken in Schmuz und Trümmer ; wo der Handel der Welt einst sein Gold streute und Tausende fleißiger Hände thätig waren , herrscht ein Jahrzehend darauf Einsamkeit und Elend . So auch umgekehrt - die öde Stätte , die kaum genannt wird unter den Namen , läßt ein plötzlicher Umschwung zum wichtigen Stapelplatz werden . Eine halbe Welt versammelt sich an der Einsamkeit der Gräber und Glanz und Leben vergolden schmuzige Baracken . Nirgends mehr zeigt sich dieser plötzliche Wechsel , diese zauberhafte Veränderung , als gerade im Orient , jenem seltsamen Gemisch von Lethargie und flammender Leidenschaft . Wenn der Schiffer aus dem Bosporus an den felsigen , seltsam schroff geformten Westküsten des Pontus Euxinus mit günstigem Wind hinaufstreift , an der Stätte des alten Apollonia vorüber , wo jetzt das Dorf St. Nicol seine Fischerhütten ausgestreut , gelangt er mit dem milden Hauch des Südens zu einem breiten schönen Golf , der sich so weit hineinstreckt in ' s Land , daß die Flotten der Welt hier stattlich , wenn auch eben nicht sehr sicher vor Anker liegen könnten . Der Golf wird von dem Ausfluß des Dewno-See ' s in ' s Meer gebildet , oder der See bildet eine Fortsetzung des Golfes , wie man will . Im Süden erheben sich begränzend die Felsen des Galata-Vorgebirges , die Nordseite steigt in leichter Hebung plateauförmig bis an den Fuß des mächtigen Hämus , dessen breiter Kamm mit unzähligen Ausläufen vom Schwarzen Meere bis zu den Felsenwänden der Adria die bulgarischen und slavischen Provinzen der Türkei durchschneidet . Zwischen dem Gebirge und dem Golf , seine Wälle und Mauern unmittelbar in die blauen Wellen des Letzteren tauchend , liegt Varna , das Obessus der Alten . Stets ein wichtiger militairischer Vorposten Constantinopel ' s in den seit 140 Jahren andauernden russisch-türkischen Kriegen , war Stadt und Festung , nachdem ihre Wälle bei der letzten Eroberung durch Diebitsch und bei dem Bombardement durch Admiral Greigh im Jahre 1828 zerstört worden , in Schmuz und Unbedeutendheit versunken , bis plötzlich die rollenden Donner des orientalischen Krieges sie mit einem Zauberschlag zum wichtigsten Stapel- und Sammelplatz zuerst der türkischen Donau-Armee , dann selbst der westmächtlichen Expeditionscorps machten . Durch das Verdrängen der russischen Flotte aus dem Schwarzen Meere concentrirte sich der ganze Transport auf Varna ; Truppenmassen wandten sich von hier aus nach dem Feldlager des Krieges , Schumla , oder bildeten in weiten Lagerungen um die Stadt eine neue ; kolossale Vorräthe aller Art wurden hier aufgehäuft und der breite Golf wimmelte von Kriegs-und Transportschiffen jeder Gattung . Vom April bis zum Ende August 1854 war das sonst kaum 16,000 Einwohner zählende Varna eine Weltstadt , in der sich drei Welttheile - Europa , Asien und Afrika - ihr kriegerisches Rendezvous gegeben hatten . Es wird nöthig sein , einen kurzen Rückblick auf die militairischen Operationen der Schutzmächte der Türkei zu werfen , ehe wir zur Beschreibung der vorliegenden Scenen übergehen . Wir haben am Schluß des zweiten Bandes erwähnt , daß bereits zu Ende Februar die Sendungen französischer und englischer Truppen nach dem Orient begonnen hatten . Am 20. März wurden auch die ersten afrikanischen Truppen eingeschifft ; General Canrobert traf mit Bouat und Espinasse zu Anfang April in Gallipoli ein , was zum ersten Sammelpunkt der anglo-französischen Armee bestimmt war . Der Marschall St. Arnaud , der am 22. April mit einer Proclamation in Marseille den Oberbefehl übernommen , folgte im Mai ; Prinz Napoleon , der Vetter und präsumtive Thronerbe des Kaisers , hatte sich , mit einem Divisions-Commando betraut , am 1. April eingeschifft , war nach Beseitigung der über die Ausweisung der Griechen zwischen dem französischen Gesandten und der Pforte entstandenen Differenzen in Constantinopel eingetroffen und hatte den Palast von Defterdar-Burnu bezogen . Von englischer Seite folgten im März Lord Raglan , der britische Oberbefehlshaber , und der Herzog von Cambridge , dem vom Sultan das Palais Tschiragan eingeräumt wurde ; - in der Mitte des April standen bereits 40,000 Mann englisch-französischer Truppen auf türkischem Boden . Schon in Gallipoli zeigte sich der große Nachtheil , in dem die englische Armee durch die jammervolle Fahrlässigkeit ihrer Intendanzen und Verpflegungs-Commissariate gegen ihre kriegerischen und gewandteren Rivalen stand . Die Franzosen hatten rasch die besten Quartiere für sich genommen , während es dem ersten englischen Detachement , das ankam , selbst an Booten zur Landung fehlte . Es klingt unglaublich , aber es ist wahr , daß der englische Consul in Gallipoli nie Befehl erhalten hatte , für die Unterbringung der erwarteten Truppen Vorkehrungen zu treffen . Wenige Tage früher waren zwei Verpflegungs-Offiziere , die kein Wort türkisch verstanden , angekommen , um Proviant einzukaufen , das war aber auch Alles , was für die Expeditions-Armee geschehen war . Schon damals fingen daher die auf ' s Trefflichste bedienten Franzosen an , mit Spott und Achselzucken auf die Engländer zu schauen und John Bull zu hänseln , was häufig zu ernsten Händeln führte . Mitte April begannen auch die ersten Translokationen der Truppen nach Scutari , Adrianopel und Varna . Durch die strategischen Operationen der Russen gegen die Dobrudscha und Silistria beunruhigt , sahen die Alliirten ein , daß sie zum Schutz Constantinopels eine Position einnehmen müßten , um das bereits ziemlich lau gewordene Vertrauen der Türken zu stärken , und Varna wurde als Operationsbasis für alle weiteren Zwecke gewählt . Anfangs Mai trafen englische Sappeurs und Mineurs in Varna ein und steckten ein Lager am Südende der Bucht ab . Am 18. kamen Marschall St. Arnaud und Lord Raglan in Varna an , wo der bereits früher erwähnte große Kriegsrath über den Entsatz von Silistria gehalten wurde . Die Feldherren begleiteten Omer-Pascha nach Schumla und in der am Bord des Agamemnon , des Flaggenschiffs des Vice-Admirals Sir Edmond Lyons , nach ihrer Rückkehr gehaltenen Verathung wurde zuerst auf die Instruction des Kaisers die Expedition nach der Krimm berathen und beschlossen . Tiefes Geheimniß sollte diesen Beschluß begleiten , dennoch war er bald den gewandten griechischen Spionen kein Geheimniß mehr . Freilich hatten sie das Schicksal Kassandra ' s , die auch bei der modernen Iliade nicht fehlen sollte , - die Russen glaubten sich sicher und Sebastopol uneinnehmbar - von der Seeseite . Eine Belagerung zu Lande hielt man für eine Unmöglichkeit . Im Juni trafen die erste und dritte Division der französischen-Hilfs-Armee , die Divisionen Canrobert und Prinz Napoleon , zur See in Varna ein . Die Divisionen Bosquet und Forey ( die zweite und vierte ) folgten auf dem Landwege über Adrianopel . Mitte Juli standen mit den Türken und Egyptern ungefähr 100,000 Mann in Varna . Die Engländer hatten ein festes Lager bei Dewno an der Straße nach Schumla und auf der Südseite des Golfes bezogen , die Egypter und Baschi-Bozuks lagerten neben den Zuaven auf dem Campo und das Hauptcorps der Franzosen hinter dem alten Wall der Festung . Ein Treiben , wie die bewegteste Phantasie es sich nicht zu malen vermag , herrschte am Nachmittag des 20. Juli in den Straßen , Gassen und Gäßchen von Varna und auf dem Spiegel des Golfs . Eine starke Escadre der ankernden Kriegsschiffe machte sich offenbar fertig , in See zu gehen und nahm Munition und Wasser ein . Am Dewno-Kai wimmelte es von Matrosen und Mariniers , Soldaten und türkischen Lastträgern , Pferden , Kameelen und Maulthieren . Bergehoch waren hier die Munition , die Tornister , die Brotsäcke aufgethürmt . Angebundenes Schlachtvieh brüllte und blökte , betrunkene Matrosen standen und lagen überall im Wege , Jeden mit Grobheiten tractirend , der in ihre Nähe kam , schreiende Griechen , plaudernde und lachende militairische Flaneurs , marschirende Kolonnen , Araber und Lastthiere aller Art. In den Straßen , die zum Staunen der gläubigen , über solche Neuerungen die Augen zu den sieben Himmeln des Propheten schlagenden Muselmänner von den Franzosen rasch mit Namen und Nummer versehen worden , war die Bewegung und das Gedränge nicht minder groß . Der Spahi mit seinem abenteuerlichen afrikanischen Costüm und dem wehenden Mantel , der Araber mit seinem schmuzigen Burnus , den nackten Beinen und dem gelben , durch einen Strick um den Kopf befestigten Tuch ; die englischen Uniformen roth mit blauen Pantalons