für mich übrig , « fuhr Seine Durchlaucht fort , » so wäre es mir angenehm , wenn Eure Excellenz einen Gang mit mir durch die Zimmer machten . « Auf ' s Höchste geschmeichelt , verbeugte sich der Präsident , und Beide traten in das anstoßende Gemach . » Aber , Präsident , « sagte der Herzog , als sie allein waren , » was machen Sie um Gotteswillen für Geschichten ! « » Daß man mich im Verdacht hat , als mache ich seltsame Geschichten , habe ich schon bemerkt , « entgegnete der Chef der Polizei in kläglichem Tone . » Aber ich kann Euer Durchlaucht versichern , daß ich so wenig weiß , wessen man mich beschuldigt , als wenn ich ein neugeborenes Kind wäre . « » Der Teufel auch ! Da haben Sie ein schlechtes Gedächtniß oder sind wirklich wie ein unschuldiges Kind . Meinen Sie , es könnte Ihrer Majestät und der Frau Herzogin gleichgiltig sein , wenn Sie so mir nichts dir nichts einer Dame Hausarrest geben , die mit den Herrschaften so häufig en petit comité war ? « » Ah ! « machte verblüfft der Präsident , denn ihm flammte ein kolossales Licht auf . Doch sagte er schüchtern : » Ich kann Euer Durchlaucht versichern , daß ich vorher Rücksprache mit dem Gemahl dieser Dame genommen . « » In dessen Falle Sie gegangen sind ! « sprach ungeduldig der Herzog . » Kennen Sie den alten Fuchs so wenig ? Er hat einen Skandal herbeigesucht , um sich mit Anstand von seiner Frau trennen zu können ; er gab Ihnen freilich seine Zustimmung , aber eine Viertelstunde nachher verklagte er Sie bei Seiner Majestät als - roh und gewaltthätig . « » Welche Immoralität ! - Und bei Seiner Majestät sagen Sie ? « » Bei Seiner Majestät , und Dieselben sollen sich geäußert haben , das sei ein Akt der Rücksichtslosigkeit , wie ihm selten etwas Aehnliches vorgekommen . « » Ich bin verloren , « sprach der Präsident mit schmerzlicher Stimme und schielte unter seiner Nase hinweg , die betrübt herabgesunken war auf den so leeren Fleck an der linken Seite seines Frackes . » Aber was dachten Sie eigentlich bei der Geschichte ? Es heißt , Sie seien einer Spitzbubenbande auf der Spur ; aber ich bitte , wie können Sie dergleichen mit jener armen Frau zusammen bringen ! Ah ! Präsident , ich kenne Sie gar nicht mehr . « » Gott soll mich bewahren , daß ich die Baronin verdächtigen wollte ! Aber das Haus ist verdächtig , und da man sie da fand , war man quasi genöthigt , sie festzuhalten . « » Ich habe Sie nie als einen so furchtbaren Wütherich gekannt . « » Und dann kann ich auch Euer Durchlaucht versichern , daß der alte General die Verhaftung nicht nur gut geheißen , sondern auch seine Frau im höchsten Grade mir verdächtigt hat . « » Hol ' ihn der Teufel ! Aber wie gesagt , Präsident , wir müssen einlenken . Wissen Sie , man wird von Oben herab nie befehlend in Ihre Geschäfte eingreifen , aber man erwartet dagegen , daß Sie etwas thun , um allerhöchste Wünsche , deren Ueberbringer ich bin , zu erfüllen . « Der Präsident überlegte zaudernd . » Ich möchte um Alles in der Welt nicht melden , daß sich Euer Excellenz lange bedacht , « sprach ernst der Herzog . » Und thun Sie gleich , was Sie thun wollen : ich möchte gern so bald wie möglich anzeigen , daß Alles in Ordnung sei . « » Daß ich den Arrest aufgehoben , der auf den Bewohnern jenes Hauses liegt ? « » Natürlich vor allen Dingen , daß Sie die Baronin freigegeben . Mit dem andern Volke können Sie machen , was Sie wollen . « Der Präsident schüttelte leicht den Kopf und erwiderte : » So wie Euer Durchlaucht meinen , geht das nicht . Vielleicht kennen Sie das große Wort : Gleichheit vor dem Gesetze . Ich muß entweder Alle behalten oder Alle freigeben , und in letzterem Falle erklären , die Polizei habe sich geirrt . - Das wäre schrecklich . « » So thun Sie einmal das Schreckliche ; für die unglückliche Frau wird es auch besser sein , wenn man sagen kann , es sei ein Irrthum vorgefallen . - Ah ! dies schöne Weib ! « setzte er leise mit einem Seufzer hinzu , » wie wurde sie zu solch ' unvorsichtigen Geschichten getrieben ! Ich wollte nur , ich hätte mich ihrer angenommen . « Der Präsident hatte mit sich selbst gekämpft , endlich aber rief er aus : » In Gottes Namen ! Wenn ich nur einen meiner Räthe im Gewühl finde , den ich hinschicken kann ! « » Das bedarf ' s gar nicht , « sagte freudig der Herzog . » Geben Sie mir zwei Zeilen , der Baron Brand hat sich angeboten , die Sache heute Abend noch zu arrangiren . Kommen Sie , da ist Papier und Feder . « Mit einem unterdrückten Seufzer setzte der Präsident einige Zeilen auf , unterschrieb und hielt sie dem Herzog hin . Ehe er sich aber das Papier aus seiner Hand nehmen ließ , sagte er : » Bevor der Baron Brand , der mir , natürlich in einem andern Kostüm , als Unterhändler ganz recht ist , die Geschichte besorgt , möchte ich demselben noch ein paar Instruktionen geben . « » Aber , Präsident , keine Contre-Ordre ! « meinte der Herzog lachend . » Wo denken Sie hin ? « erwiderte der Präsident , und fuhr nach einer kleinen Pause , während welcher er das Papier in der Hand auf- und abbewegte , fort : » Ein Dienst ist des andern werth , Euer Durchlaucht . Hier haben Sie den Befehl , aber dafür führen Sie mich durch das gelbe Spielzimmer und den Salon , wo die Herrschaften sind , in freundlichem Gespräch . « » Arm in Arm mit dir ! « sagte laut lachend der Herzog , indem er das Papier nahm , » so fordre ich mein Jahrhundert in die Schranken . « Und dann gingen die Beiden dahin , wirklich Arm in Arm , bei den erstaunten Spielern vorbei , in den kleinen Salon , wo die Frau Herzogin , ihrem Sohne freundlich zunickend , meinte : es freue sie recht besonders , endlich auch den Polzeipräsidenten zu sehen . Ihre Majestät saß am Spieltische und ließen in diesem Augenblick eine Karte fallen , welche der Chef der Polizei aufzuheben das Glück hatte , um sich dann berauscht in den gelben Saal zurückzuziehen , wo ihm alsbald mehrere Stroh- oder todte Männer angeboten wurden . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - In dem rothen Kabinet hatte unterdessen der Baron von Brand , unbeweglich an dem Kamingesims lehnend , seinen beiden Zuhörern eine furchtbare Geschichte erzählt - die Geschichte seines Lebens . Er hatte dabei nichts verschwiegen , nichts beschönigt , er hatte sich selbst gezeichnet mit seinen schönen und herrlichen Eigenschaften , mit seinen Fehlern und Lastern . Herr von Steinfeld , der vor dem Feuer saß , hatte seine Arme auf die Kniee gestützt und ließ das Gesicht in beiden Händen ruhen . » Jetzt wissen Sie Alles , « schloß Herr von Brand . Und nach einem tiefen Seufzer , der seiner Brust entstieg , fuhr er sich mit der Rechten über das Gesicht . Graf Fohrbach hatte sich während dessen langsam erhoben , war dem Erzähler näher getreten , hatte in tiefer Bewegung seine beiden Hände erfaßt und schüttelte sie herzlich . » Es ist mir um Vieles leichter , « fuhr dieser fort , » da es mir vergönnt war , die Geschichte meines Lebens in die Herzen zweier Ehrenmänner niederzulegen , die nun gewiß Manches klarer sehen und Manches gelinder beurtheilen werden . Jetzt habe ich nur noch die Bitte , meine Lage in ' s Auge zu fassen , sie ernstlich und prüfend von allen Seiten zu beschauen und mir ihre Meinung zu sagen . « » Schrecklich ! schrecklich ! « murmelte Herr von Steinfeld . » Daß meines Bleibens hier nicht sein kann , versteht sich von selbst . Mich hält ja auch nichts zurück , als das Schicksal meiner armen unglücklichen Schwester , das , wie ich hoffe , in gute Hände gelegt sein wird . « Hugo von Steinfeld schaute einen Augenblick in die Höhe , nickte stumm mit dem Kopfe und versank dann wieder in seine Träumereien . » Was meine andern Verbindungen anbelangt , so sind dieselben theilweise schon gelöst . Für einige von Denen , die mir anhänglich waren , habe ich bereits gesorgt ; für die Uebrigen werde ich es noch thun . Dann bin ich fertig mit der Welt . « » Ah ! Sie wollen doch nicht - ? « rief der Graf erschreckt aus . » Dem natürlichen Lauf der Dinge vorgreifen ? « versetzte lächelnd der Baron . » O gewiß nicht ; das würde ja einen Schatten auf meinen Namen werfen und den theuren Freunden , die ich hier zurücklasse , unangenehm sein . - O nein , denken Sie das nicht ; ich will nur ein wenig der Lenker meines eigenen Schicksals sein , und wenn mich dasselbe zwingt , diese Welt zu verlassen , so wird es auf die alleranständigste und unbefangenste Weise geschehen . « » Baron , Sie sprechen in Räthseln . « » Die Ihnen baldigst klar werden sollen , das verspreche ich Ihnen . Doch keine vorzeitige Trauer , Herr von Steinfeld , nicht dies erschreckte Auge , Graf Fohrbach ! Denken Sie , es habe Ihnen Jemand ein vielleicht nicht uninteressantes Kapitel eines Romanes vorgelesen . Grübeln Sie nicht weiter darüber nach , schlagen Sie für heute das Buch zu ; Sie sollen in einiger Zeit den Schluß des Romanes erfahren und er wird Sie nicht unbefriedigt lassen . - Aber , coeur de rose ! « fuhr er nach einer Pause , nachdem er auf die Uhr gesehen , in dem uns bekannten leichten und gezierten Tone fort , » wir haben hier fast eine Stunde verplaudert und ich glaube , es ist unsere Pflicht , uns jetzt wieder dem Balle zu widmen . « Damit trat er von dem Kamine weg , dehnte sich ein wenig und wollte in den Saal zurück . » Noch Eins ! « bat Graf Fohrbach , ihn zurückhaltend . » Wäre es von mir indiskret , zu fragen , ob Sie bei der Geschichte mit den Achselbändern die Hand im Spiele gehabt ? O , wenn es Ihnen möglich ist , so sagen Sie es mir ; mein ganzes Lebensglück hängt daran . « » Seien Sie unbesorgt , « erwidert lächelnd der Baron , » noch eine Stunde vor dem Balle waren die Achselbänder weiß , und ich möchte Zehn gegen Eins wetten , daß sie wieder so erscheinen , ehe der Ball zu Ende geht . « » Darnach will ich schauen ! « rief entzückt der junge Mann , drückte dem Andern die Hand und eilte davon . In diesem Augenblicke trat der Herzog von der entgegengesetzten Seite in die Gallerie und als er den Bekannten erschaute , zeigte er ihm schon von Weitem ein Papier . Näher kommend sagte er : » Das hat einige Mühe gekostet , aber es ist ganz so , wie wir es gewollt . Sie können heute noch davon Gebrauch machen . - Aber was geschieht nachher mit der armen Frau ? Sie wird nicht in das Haus ihres Gemahls zurückkehren wollen . Was meinen Sie : soll ich sie unter meinen Schutz nehmen ? « » Mir wäre der von der Frau Herzogin schon lieber , « versetzte lächelnd der Baron . » Wollen sich Euer Durchlaucht erinnern , daß es mir gelang , Ihnen einige kleine Dienste zu leisten und daß Sie versprachen , mir Gleiches mit Gleichem vergelten zu wollen . « » Allerdings und ich nehme mein Wort nicht zurück . « » Nun wohlan , Sie haben jetzt die beste Gelegenheit dazu . Wenden Sie Ihren Einfluß dazu an , der Baronin v. W. ein anständiges Asyl zu verschaffen - bei der Frau Herzogin , am liebsten aber bei Ihrer Majestät selbst . « » Das wird schwer angehen , bester Baron . « » Aber es wird doch gehen , Durchlaucht , « erwiderte der Andere bestimmt . » Sehen Sie , ich gebe Ihnen Ihre Antworten von früher zurück , und wenn Sie so sprachen , so that ich mein Uebermögliches und die Sache ging . « » Ja , das wissen wir , « versetzte lachend der Herzog . » Und ich will denn gerade so thun , auf die Gefahr hin , meinen guten Ruf zu verlieren . « » Ihr herzogliches Wort darauf , Durchlaucht ? « » Mein Wort . - Und gleich will ich die Sache in ' s Werk zu setzen versuchen ; man muß das Eisen schmieden , so lange es warm ist . « Damit eilte er nach dem Tanzsaale zurück . Der Andere trat wieder in das rothe Kabinet , wo Hugo von Steinfeld noch immer zusammengekauert vor dem Kaminfeuer saß . Der Baron berührte leise seine Schulter und als er in die Höhe fuhr , zeigte ihm derselbe das erhaltene Papier und sagte mit sanfter Stimme : » Dies hier gibt mir das Recht , der Frau von W. noch heute Abend ihre Freiheit anzukündigen . « » Und dann ? « fragte der Andere , wobei ein lebhafter Blitz seinen Augen entfuhr . » Dann wird Ihre Majestät der Unglücklichen ein Asyl bei sich vergönnen , bis - « » Ah ! Baron , ich zittere ! « rief Herr von Steinfeld . - » Bis - « » Bis ihre Scheidung ausgesprochen ist , was nicht lange dauern kann , da beide Parteien vollkommen einverstanden sind und ihre Wünsche von Oben herab gewiß protegirt werden . Und dann - « setzte der Baron mit einem eigenthümlichen Blick hinzu . » Dann können wir Alle , Alle vielleicht noch glücklich werden ! « rief stürmisch der junge Mann . » O meine Elise , o mein armes , kleines Kind ! « Die Augen des Barons funkelten auf eine sonderbare Art , als der Andere so sprach ; er drückte ihm die Hand und sagte : » Wenn es Ihnen recht ist , so begleiten Sie mich nachher . « » Ah , wie danke ich Ihnen , Baron ! - Gehen wir sogleich ! « » In einer Viertelstunde , « erwiderte der Baron mit ruhigem Tone . » Kommen Sie , ich muß vorher noch einen nothwendigen Gang durch die Apartements machen . « Im großen Saal ward unterdessen beharrlich getanzt , im kleinen Salon anhaltend geplaudert , und im gelben Zimmer ziemlich stark gespielt worden . Herr von Dankwart , der , wie wir wissen , so glücklich gewesen war , zum Spiel der beiden Excellenzen gezogen zu werden , hatte sich dort behauptet und würde diesen Platz , so nahe bei den fürstlichen Personen , um Alles in der Welt nicht verlassen haben . Doch spielte er dabei ziemlich zerstreut , was ihm schon hie und da eine kleine Rüge eingetragen hatte . » Das ist zu stark ! « rief jetzt der Hofmarschall mit einem zornigen Blick auf den kleinen Mann ; » Sie sind wirklich über alle Maßen zerstreut , da haben Sie wahrhaftig meinen Buben gestochen . « » Allerdings , « fügte lächelnd der Oberststallmeister , der mit dem Blinden spielte , bei . » Herr von Dankwart ist in der That mit seinen Gedanken anderswo . Was beschäftigt denn so Ihren Geist ? « » Er wird in Gedanken bei den vortrefflichen Abbildungen sein , die ein berühmter Künstler von ihm gemacht , « sagte plötzlich eine klangvolle Stimme hinter den Schultern des kleinen Herrn . Worauf dieser rasch herumfuhr und mit zornigem Blicke einen Mann hinter sich stehen sah , der ein einfaches , aber auffallendes Kostüm trug , und obgleich nicht maskirt , ihm doch unbekannt war . Der Fremde lächelte , als er diese Worte gesprochen hatte , dann stützte er die Rechte an die Seite und die Linke auf den weißen Griff eines Tscherkessendolches , den er am Gürtel trug . » Hm ! hm ! « machte der Hofmarschall ein klein wenig verlegen , und Seine Excellenz der Oberststallmeister biß sich mit einem halb unterdrückten Lächeln auf die Lippen . » Ein Maskenscherz , « sagte nun Herr von Dankwart mit einem sehr erkünstelten Lachen . » Durchaus kein Maskenscherz , « fuhr der Fremde fort . » Es sind in Wahrheit sechs Portraits , jedes so sprechend ähnlich , wie ich nie etwas gesehen . « » Also Sie haben sie gesehen ? « fragte lauernd der kleine Mann . » Es kann sie Jedermann sehen , der den Eigenthümer besucht . « » Und wer ist dieser Eigenthümer ? « rief Herr von Dankwart mehr und mehr aufgeregt . » Ich habe keine Ursache , das zu verschweigen , « entgegnete der Andere ruhig . » Baron von Brand macht kein Geheimniß daraus , diese sechs werthvollen Abbildungen zu besitzen . « » Aber was ist denn das mit den sechs Abbildungen ? « fragte boshafter Weise der Hofmarschall . » Eine Schändlichkeit , eine Niederträchtigkeit ! « brauste endlich Herr von Dankwart auf , » die man höheren Orts nicht ungeahndet lassen wird . Wissen Sie , meine Herren , ein elender Maler , ein Sudler , den ich mit mehreren schlechten Bildern abzuweisen für nothwendig hielt , hat sich nun dafür gerächt , indem er niederträchtige Karrikaturen auf mich gemacht . Nun , ich theile dies Loos mit den bedeutendsten Männern aller Zeitalter , bin auch nicht kleindenkend genug , jenen unbedeutenden Pfuscher dafür zu fassen . Aber mit dem Herrn von Brand , der sich , wie ich schon seit einigen Tagen gehört , ein boshaftes Vergnügen daraus macht , die schlechten Blätter bald Diesem , bald Jenem zu zeigen , werde ich ein ernstes Wort reden . « » Darauf ist Herr von Brand gefaßt und sehr begierig , dies ernste Wort zu vernehmen . « Der kleine Mann maß den ihm zur Seite Stehenden , der übrigens in sehr ruhigem Tone sprach , von Oben bis Unten , und sagte dann nach einer Weile : » Und wer sind Sie , der sich hier unberufen eindringt ? « » Nicht unberufener als mancher Andere , « erwiderte der Fremde . » Uebrigens bin ich einer Ihrer Verehrer , Herr von Dankwart . Ich staune Sie an , denn Sie haben Großes geleistet . « Der Angeredete beantwortete dieses zweifelhafte Kompliment mit verächtlicher Miene und einem Achselzucken . » Ja , Sie haben Großes gethan ; Sie haben es in der kurzen Zeit Ihres Hierseins verstanden , sich durch Ihr anmaßendes Betragen , durch Ihren unergründlichen Hochmuth , durch Ihre beispiellose Grobheit bei Hoch und Niedrig verhaßt zu machen . Und das ist keine Kleinigkeit bei der allgemeinen Liebe und Achtung , welche Ihre Herrin genießt , von deren Glanze , wenn auch unverdienter Weise , etwas auf Sie überging . « Obgleich diese Worte mit großem Ausdruck gesprochen wurden , so hatte der Fremde seine Stimme doch dabei gedämpft , so daß sie nur von den Mitspielenden verstanden wurde . Doch sprang Herr von Dankwart bleich vor Zorn von seinem Stuhle auf und sagte mit zitternder Stimme : » Ihren Namen , Herr , ich muß Ihren Namen wissen ! Danken Sie es diesem Orte , daß ich nicht anders mit Ihnen verfahre . Aber wenn Ihre Unverschämtheit nicht von Feigheit begleitet ist , so werden Sie mir Ihren Namen sagen . « » Coeur de rose ! « lachte nun plötzlich der Fremde mit ganz anderer Stimme , » Sie und ich haben meinen Namen vorhin schon ausgesprochen , und der Baron von Brand wird Ihnen gern den Gefallen thun , ihn nochmals vor diesen beiden Herren zu nennen . « Die Excellenzen hoben erstaunt die Augen empor , und wenn sie auch die Stimme des Barons erkannten , und deßhalb wußten , daß er es sei , war es ihnen doch nicht möglich , auch nur einen Zug des ihnen wohlbekannten Gesichtes zu entdecken . » Eine vortreffliche Maske ! « rief der Oberststallmeister . Und der Hofmarschall setzte argwöhnisch hinzu : » Ja , recht vortrefflich ; Herr von Brand versteht das meisterhaft , zweierlei Gesichter zu zeigen . « Herr von Dankwart that einen tiefen Athemzug , dann sagte er : » Ah ! also Herr Baron von Brand ! - Nun gut , - das Uebrige wird sich finden . « Darauf setzte er sich wieder zur Spielpartie nieder , doch zitterten die Karten auffallend in seiner Hand . Der Baron zog sich lächelnd zurück , als er aber das Zimmer verlassen hatte , wurden seine Züge furchtbar ernst und er murmelte : » Das wäre in Ordnung ! Eine gräßlichere Strafe kann sich Niemand selbst vorschreiben . « - Graf Fohrbach hatte unterdessen nach den bewußten Achselschnüren gespäht , und - o Wonne ! - wie der Baron vorhergesagt , flatterten jetzt weiße von den Schultern des schönen Mädchens herab . Eugenie hatte den ersten freien Augenblick benützt , um die verhaßten Farben von sich zu werfen . Wie glänzten die Blicke des jungen Mannes , und wie verschwand bei diesen Blicken die Blässe von ihren Wangen ! Und da er als geschickter Offizier natürlicherweise gut zu manövriren wußte , so gelang es ihm , die junge Stallmeisterin von dem übrigen Gefolge abzuschneiden und sie in einem halbdunkeln Durchgange zu treffen , wo er es wagen durfte , ihr feierlich die Hand zu küssen . Eugenie aber flüsterte ihm mit einem leichten Erröthen zu : » Meine Schleifen haben das größte Recht , weiß zu sein ; denn ich hoffe , daß unser Leben nun klar vor uns liegt . Mit der Frau Herzogin sprach ich vor dem Balle , sie hat nichts gegen unsere Verbindung einzuwenden . « » Also bist du mein ! « jauchzte der überglückliche Adjutant . Und wenn nicht in diesem Augenblicke ein dicker Hoffourier , gefolgt von mehreren Lakaien , an dem Durchgange erschienen wäre , so hätte er das erschreckte Mädchen in seine Arme gedrückt . Ehe der Baron von Brand den Saal verließ , zeigte er sich nochmals bei der Präsidentin und ihrer Tochter , und nahm die zärtlichen Vorwürfe , die er hier erhielt , ruhig in Empfang ; doch besänftigte er die Damen dadurch , daß er sich noch ein paarmal rechts und links präsentiren ließ . Obgleich er aber jede Gratulation nur mit einer Verbeugung erwiderte , so war für Alle sein Verhältniß zur Tochter des Präsidenten doch eine ausgemachte Sache , und der Baron von Brand wurde förmlich als Bräutigam betrachtet . Einundachtzigstes Kapitel . Gesellschaftliches . Wieder einmal war es Nachmittags zwei Uhr längst vorüber , und wieder einmal stand das Kaffeegeschirr auf dem Tisch , an dem die Kommerzienräthin saß , gänzlich unberührt . Wenn dies vorkam , so konnte man es als ein untrügliches Zeichen ansehen , daß irgend eine Störung vorgefallen war . Aus den leblosen Gegenständen des Hauses ließ sich auf diese Art eher etwas errathen , als aus der lebenden Hauptperson - der Kommerzienräthin selbst . Denn diese saß in ihrer Sophaecke starr und aufrecht wie immer , mit unbeweglichen Gesichtszügen und für jeden Uneingeweihten war durchaus keine Aufregung , von welcher Art auch immer , an ihr zu merken . Wer sie aber genauer kannte , der sah wohl , daß sie die Augen häufig schloß und öffnete , auch abwechselnd mit ihrem gewöhnlichen Husten zuweilen heftig schluckte . Mit der rechten Hand hielt sie , wie sie immer zu thun pflegte , ihr Schnupftuch , die Linke bedeckte einige Papiere , die vor ihr auf dem Tisch lagen . Marianne stand am Fenster , den Kopf gesenkt , die Hände gefaltet und ihre Blicke waren auf den Boden geheftet . Der Kommerzienrath zeigte im Gegensatz zu den Damen mehr Leben . Er hatte die Hände unter seine Frackschöße gesteckt und brachte die rechte gelegentlich vor , um mit derselben in der Luft umher zu fahren , seine Reden bekräftigend und begleitend . Ueberhaupt sprach er heute energischer als sonst , hütete sich aber wohlweislich , dabei seine Frau anzusehen , denn er wußte wohl , daß einer jener scharfen Blicke aus den grauen Augen ihn leicht aus der Fassung zu bringen im Stande war ; er wandte sich daher auch nur an Marianne , selbst wenn er etwas sagte , was nur an die Kommerzienräthin gerichtet sein konnte . » Summa Summarum denn , « sprach er mit großer Entschiedenheit , » versteht ihr die Sachen nicht und könnt euch nicht denken , wie lähmend es für alle Geschäfte ist , eine Hand entbehren zu müssen und einen Kopf , der schon seit Jahren Alles überwachte , und , wenn auch allerdings unter meiner Leitung , fast das Ganze besorgte . Glaubt mir nur , ein solcher Teilnehmer eines Geschäfts , wie Alfons , war wie ein Generalhauptbuch , man brauchte nur irgendwo anzuklopfen und man hatte augenblicklich die Antwort . Das fehlt mir , « fuhr er achselzuckend fort ; » ich werde auch alt , kann mich an so Manches nicht mehr erinnern , weßhalb Vieles nur so so besorgt wird ; mit Einem Wort , darunter leidet der Kredit des Hauses . « Die Räthin warf ihrem Mann einen bedeutsam fragenden Blick zu , da er ihn aber nicht sah , so hustete sie auffallend , was er verstand und deßhalb augenblicklich hinzusetzte : » Natürlicherweise meine ich blos den Kredit , den die Geschäftsführung bedingt , das pünktliche und augenblickliche Besorgen aller Aufträge , welches sonst bei uns Mode war und worein wir unsern Stolz setzten . - Mögt ihr es nehmen , wie ihr es wollt : ich habe schon zweimal an Alfons geschrieben und ihn ersucht , zurück zu kommen . - Ah ! man vernachlässigt eine immense Firma wie die unsrige nicht wegen solcher Bagatellen . « Die Räthin trommelte leise auf dem Papiere unter ihrer Hand und Marianne fragte schmerzlich : » Bagatellen , Papa ? Das sind aber doch eigentlich keine Bagatellen . « » Nun , nun , ich meine in geschäftlicher Beziehung , « verbesserte sich der alte Herr , » habe ich da Unrecht ? Was Teufel genirt es die großen Banken , ob mein Schwiegersohn einmal einen dummen Streich der Art gemacht hat ! Nicht so viel ! « Dabei hatte er den Muth , über seine Handfläche zu blasen . » Und meine Wechsel sind gesucht wie keine andern . « Jetzt endlich sprach die Räthin ; zuvor aber hustete sie leicht , dann sagte sie : » Was dein geschäftliches Leben anbelangt , so magst du vielleicht Recht haben , in unser gesellschaftliches dagegen hat diese Geschichte einen schweren Riß gethan . Und das kommt daher , weil unser Haus von jeher voranleuchtend war , was Sitte und Anstand anbelangt , eine glatte , glänzende , polirte Fläche , und deßhalb sieht man auf ihr jedes Stäubchen . « » Und dieser Riß in gesellschaftlicher Beziehung , « lachte krampfhaft der alte Herr , » macht dich so bodenlos unglücklich ? Es könnte zum Lachen sein , wenn es nicht zum Weinen wäre , - einer Gesellschaft , die , um mich deines Bildes zu bedienen , auf der glatten , polirten Fläche das geringste Stäubchen entdeckt und nun sich Mühe gibt , dieselbe mit dem Essig der bösen Reden und dem Scheidewasser der Verleumdung total mit Rost zu überziehen . Und hat man das nicht gethan ? « fuhr er hitziger fort . » Ist man bei dem stehen geblieben , was man , leider Gottes ! von den unseligen Geschichten unseres Hauses erfahren ? Hat man nicht versucht , uns Allen etwas aufzubringen ? Mit Arthur anzufangen , der freilich nur ein Maler ist und bei dem es schon leicht wurde , einen Haken zu finden ; aber auch über deine arme Tochter Marianne hat man die Achseln gezuckt ; in den Kaffeeklatschgefellschaften ist dies arme sanfte Weib als eine Xantippe hingestellt worden , die ihrem Manne das Leben verleidet und ihn so zu dem Skandal getrieben . O diese Gesellschaft ! « rief er abermals und fuchtelte mit der rechten Hand in der Luft umher . » Hat sie vielleicht meinen Dokter geschont , diesen braven Kerl , der nie ein Wasser getrübt ? Haben sie ihm nicht nachgesagt , er sei eine liederliche Pflanze ? - Ja , ja , « fuhr er fort , als er bemerkte , wie ihn Marianne erstaunt anblickte , » Eduard hat ein paar arme Familien zu seinen Kunden , deren Kinder er zu Weihnachten mit Spielwaren beschenkt ; das hat man sich achselzuckend und hohnlachend in der gehässigsten Weise mitgetheilt . Aber weiter ! O ich sehe so ein gallsichtiges Gesicht vor mir , so eine Person , wie sie die Achseln zuckt und sagt : wissen Sie , Frau Hofräthin , natürlich so ein Arzt , der hat alle Gelegenheit ; aber zu bunt soll er es doch getrieben haben , der Herr Doktor Erichsen . - Hol sie Alle der - ! Und haben sie dich , « wandte er sich im vollsprudelnden Strom seiner Rede an die Räthin , » haben sie dich im Frieden gelassen , mein Schatz ? Gott bewahre