sich an die deutschkatholische Richtung angeschlossen . Louise Eisold , die nicht einmal in dieser Richtung ihre volle Befriedigung fand , las und hörte nur von freien Gemeinden , so war sie auch schon darauf bedacht , ihre Versammlungen aufzusuchen und sich mit ihren Geschwistern in ihre Register einschreiben zu lassen . Sie fand hier etwas , was sie erregte , erschütterte , über das Gemeine erhob . Sie durfte da nicht nur lieben , sie wurde auch ermuthigt zu hassen . Ja der Haß , Das linderte ! Dies volle Ausströmen eines zornentflammten Gemüthes , Das war ihr Bedürfniß ! Was sich in Euch längst verwischt hat durch die Bildung , die historische Kritik , die bei Euch längst eine ruhige Reflexion geworden ist , Das war bei Louise Eisold noch in lodernder Flamme . Der Papst , Rom , die Hierarchie und im Politischen die gleichen Traditionen des monarchischen Principes waren ihr im Grunde der Seele so verhaßt , wie wir in unserm Egoismus nur Das hassen , was sich unserm nächsten Vortheil entgegenstemmt . Louise Eisold hatte in den Tagen der Revolution in der Nähe der Barrikaden gestanden . Ihr Enthusiasmus veredelte den Rausch gemeinerer Naturen , die sie zum Kampfe anfeuerte . Sie trug Steine , sie rettete Verwundete , sie half , wo ihre durch den Moment dreifach gesteigerte Kraft zur Hülfe ausreichte . Eine theatralische Eitelkeit war ihr dabei fern . Sich in Männerkleider zu werfen , mit einem befiederten Hute zu kokettiren , die Amazone zu spielen , Das würde ihr elend erschienen sein . In ihr lebte nur die Sache . Die Liebe zum Volke , dem sie angehörte , hob ihre Brust , sie war die eigenthümliche Verklärung alles Dessen , was unklar , unsicher und doch so tief geahnt und tief gefühlt in dem modernen Bewußtsein der Volksmassen schlummert . Da sagte sie nun auch über Hackert : Ach , Fränz , was ist äußere Schönheit ! Und wär ' ich reizend wie du , wär ' ich so schön wie Melanie Schlurck , die Kalte , die Hoffärtige , ich liebte nur einen Mann von starkem Geist . Was läge mir an Danebrand ' s Gestalt ? Aber er hat nur die körperliche Kraft und ein gutes Herz und das ist Alles . Und das ist Alles , Louise ? Nur ein gutes Herz ? fragte Franz , fast geängstet . Das allein kann ich nicht lieben , Franziska ! fuhr Louise bitter fort . Ich weiß es nicht , ob Hackert gutmüthig ist , manchmal zeigt er ein Herz . Aber er ist wahr , er ist wild , struppig , wie sein Haar . Kaum daß er ein Wort redet . Er wirft sich auf ' s Sopha , springt wieder auf und stampft mit dem Fuß und wettert . Er hat mich kaum beachtet . Als man die Eisenstäbe vor sein Fenster schlug , sah er mich zum ersten male an und weinte . Geh ' ich noch immer um ? fragte er mit zitternder Stimme . Ich erzählte ihm , wie man ihn noch kürzlich getroffen hätte , am Rande der Galerie , die auf ein Dach führt . Es ist mein ruheloser Geist ! sagte er und schluchzte fast . Er wurde wie ein Kind und erzählte mir , wie ihm Das gekommen wäre und wen er liebe . Und wenn ich sie einst sähe , sagte er , und sie in meinem Arme mir nur eingestehen wollte : Ja Fritz , es ist wahr , du warst es , der mich küssen lehrte ! Dann wollt ' ich alle Fesseln sprengen . Alle Kronen der Welt aus Himmelshand schlüg ' ich aus , wenn ich Das nur hörte ; Licht und Glanz fiele in mein Leben , ich würde rasen , jubeln und mich in den Strom der Freude werfen . Nehmt mich ! Bindet mich ! Macht aus mir was Ihr wollt ! Ich will falsches Geld münzen , will stehlen , lügen , mit jedem ehrlichen Manne oder auch einem Gauner Freundschaft trinken und endlich einmal etwas ergreifen auf dieser Welt , das mich hält , wenn sie nur sagte : Fritz , ich war die Melanie , die ... - Ach , Franziska , dieser Augenblick mußte damals gekommen sein , als ich dich auf den Fortunaball holte . Am Morgen war er sanft und demüthig , freundlich gegen gute Menschen , die sein Bestes wollten , und am Abend kam er nach Hause in einer Aufregung , so stolz , so spöttisch , so tückisch , als gehörte die Erde sein . So lange er bei uns wohnte , lebte er wie ein scheues Wild , das vor den Menschen flieht . Er sagte , er fliehe die Höhlen des Verbrechens , er fühle sich nicht stark , mit seinem Vortheil einen moralischen Zank anzubinden . Er wisse noch nicht , wohin er umschlagen sollte . Wenn man die Menschen hasse , könne man nicht suchen , ihnen durch Tugend zu gefallen . Oft erzählte er mir von den Bällen , wohin ihn zweideutige Menschen einlüden , und Das wußt ' ich , daß er einmal nach irgend einer glücklichen Begegnung mit Melanien das Leben von der leichtesten Seite wieder nehmen würde . Da kommt er an jenem Abend , stößt Liebe und Güte von sich und antwortet fast wie Einer , der auf jede vernünftige Rede unvernünftig genug sagt : Laßt mich , ich muß tanzen ! Da hielt es mich nicht . Ich mußte ihm folgen und Gott sei gedankt , ich rettete ihm sein Leben . Ganz gut , gut , sagte Fränzchen , aber wie kann man nur so wilde Feinde haben ! Sie sagte Das mit Anspielung auf den Überfall und als wenn Hackert diese Feinde verdiente . Kluge und ungewöhnliche Menschen müssen Feinde haben , antwortete Louise . Sie finden aber auch Freunde . Danebrand war edel genug , Den zu schützen , den du liebst , und Hackert war so undankbar , dich zu verlassen ... sagte Fränzchen sich erhitzend , da sie die Neigungen ihrer Freundin nicht theilte . Er hatte Recht , antwortete Louise nach längerem schmerzlichen Sinnen , mein Loos ist geworfen . Am Morgen nach dem Fortunaball , wie ich an der Leiche stand , kam er und sah mich weinen . Er war eben erst gekommen und erfuhr ' s schon im Hause unten , was geschehen war . Louise , sagte er , ich verlasse Sie ! Sie haben mir große Freundschaft erwiesen ! Sie haben mich heute vielleicht vom Tode gerettet . Aber der Rausch , der mich gestern wahnsinnig machte , ist heute vorüber . Ich besinne mich auf meine Pflichten und will den Versuch machen , ein anderes Leben zu beginnen . Ich schwieg ; ich fühlte selbst , daß ich mehr gethan hatte , als mich ihm achtbar erscheinen ließ . Fränzchen , es gibt Beweise der Liebe , die zu viel sagen , und so war mir ' s um ' s Herz . Ich saß auf dem Bett des Todten und weinte . Hackert reichte mir seine Hand und dankte für alle meine ... Güte , wie er ' s nannte . Er wollte mir beistehen bei dem Leichenbegängniß . Ich sagte : Ich danke Ihnen , Hackert , ich habe Brüder und Danebrand . Auf den Namen Danebrand sagte Hackert : Ich schäme mich dieser Nacht und verdiene Ihre Theilnahme so wenig , daß ich anfangen will , an meine Besserung zu denken . Es hat mir Jemand Verwendung und Thätigkeit versprochen . Ich will sehen , wie lange sich mit den Menschen gehen läßt , ohne sich selbst zuwider zu werden . Ich fragte : Doch um Gottes willen nicht Pax ? Doch nicht die Polizei ? Er schwieg und sagte : Lassen Sie mir nur meinen Weg ! Die Miethe zahl ' ich so lange fort , bis sich ein Anderer für mich gefunden hat . Ich sagte wieder : Hackert , lassen Sie Das ! Nein , Louise , Sie sind arm und Ihr Alle bedürft es ! antwortete er , gab mir dann Geld , dann die Hand und ging ruhig aus der Thür . Am meisten wußt ' ich wohl , daß er sich seines kranken Zustandes wegen , der auf dem Balle sich wieder gezeigt hatte , schämte ... Ich hatte den Todten , Hackert zog in der Stille aus und Danebrand kommt wieder ... weil ich ihm nun doppelt danken muß . Das ist zu traurig , sagte Franziska und hielt die Hand ihrer bitterlich weinenden Freundin , die ihren neuen Kummer , daß Hackert vielleicht gar in die Hände der Polizei gerathen war , noch einmal aussprach . Schmelzing , fuhr sie dann fort , Schmelzing zog dann auch aus . Ich war froh , ihn los zu sein , den neugierigen Schleicher , der , obgleich taub , nur horchte . Nach einigen Tagen kam ein Miether , über den ich anfangs erschrocken bin . Erinnerst du dich vom Fortunaball des Mannes mit der schwarzen Binde ? Den die Polizei festnahm ? sagte Fränzchen erschrocken . Mit dem frechen , goldbehangenen Mädchen ? Die sind doch nicht ... bei dir eingezogen ? Nur er , antwortete Louise . Er hatte acht Tage gesessen , sagte er , ganz unschuldig , wie er versicherte ... Louise ! Solche Menschen nähm ' ich nicht in meine Nähe ! rief Fränzchen und ließ vor Schreck fast den Mund offen , daß die weißen Zähne glänzten . Es ist ein feiner , artiger alter Mann , sagte Louise rasch , in dem sich die elende Polizei doch wol geirrt hat . Wenn schon ! Aber das Frauenzimmer ! Sie heißt Auguste Ludmer und ist eine Tochter eines ehemaligen Beschließers im Gefangenhause zu Bielau , sagte Louise . Ein verwildertes Mädchen , das früher in unserm Hause Nr. 17 wohnte und keinen guten Leumund hat . Sie ist schon am Tage nach dem Fortunaball sogleich freigelassen . Was sie mit dem Engländer - er heißt Murray - vorhatte , weiß ich nicht . Er ist entweder geizig oder sparsam ; darüber bin ich nicht im Reinen . Als ich ihn an das Mädchen erinnerte , seufzte er . Ich erklärte ihm , daß ich wohl ihn , aber diese Person nicht aufnehmen würde . Er blickte dabei scharf unter seiner Binde hervor und antwortete : Sie haben da zwei Kammern ! Seh ' ich aus wie ein Mann , der noch auf schlimmen Wegen Frauenliebe sucht ? Wenn das Mädchen bei mir ist , steh ' ich für ihre Tugend . Er sah mich dabei so fest , so streng an , Fränz , daß ich den Blick niederschlug . Es war mir fast , als hört ' ich die Worte aus der Bibel : Wer unter Euch sich rein dünkt , werfe den ersten Stein auf sie ! Er verlangte , wenn das Mädchen zu ihm zurückkäme , daß ich ihr Schmelzing ' s Kammer gab . Da ich noch keinen rechten Muth dazu hatte , sagte er : Soll die Schmach der Sünde denn ewig sein , ein Verbrechen nie vergessen werden ? Franziska , wie mich der Mann darauf angesehen hat , werd ' ich in meinem Leben nicht vergessen . Er wurde größer an Figur . Durch die schwarze Florbinde schimmerte das eine Auge durch , als wollt ' er mich durchbohren . Aber nicht voll Wuth war der Blick , sondern voll Schmerz . Wissen Sie , mein Kind , fuhr er fort , daß ich die Polizei nicht habe überzeugen können , warum ich arm leben will und eine von Gold behangene Buhlerin am Arme hatte ; wissen Sie , daß ich gezwungen wurde , ein Haus als Wohnung zu wählen , wo ich unter den Augen einer heimlichen Aufsicht stehe ? Man nannte mir dieses . Ich protestirte wegen Augusten , die bei mir bleiben und tugendhaft leben wollte . Man lachte mich aus . Je mehr ich gegen dies Haus sprach , desto kürzer war der Bescheid , ich wäre für einige Zeit ein Observat und müßte hier wohnen . Dies Haus ist bewacht . Hier nebenan wohnte noch vor kurzem ein Spion , Namens Schmelzing . So bin ich hergezogen . Nehmen Sie mich also nur , mein Kind , und wenn jenes unglückliche Mädchen kommen sollte , so verstoßen Sie sie nicht . Ich muß sie für verloren halten , aber käme sie zu mir zurück , so hätte sie viel überwunden . Sie würde am Orte ihrer Schande arm und sehr , sehr gering leben müssen . Und nun ? fragte Fränzchen fast zitternd über die Gefahren ihrer Freundin und bei sich überlegend , ob sie nun wol jemals wagen könnte , sie zu besuchen . Murray wohnt bei uns , sagte Louise , das Mädchen ist aber nicht gekommen . Und vor einem solchen Nachbar fürchtest du dich nicht ? Er ist am Tage nicht viel zu Hause , liest des Nachts , schläft bis späten Morgen und lebt still und einsam .. Ich könnte des Nachts nicht ruhig schlafen , meinte Franziska . Warum ? Ich halte ihn für einen weisen Mann . Er sprach mit solchen Worten , wie sie mich immer erschüttern . Er kennt ganz das Elend der Menschen und weiß , wie nahe das Unglück an den Rand des Verbrechens führt . Franziska gedachte jetzt plötzlich der Verse Louis Armand ' s. Jetzt verstand sie sie schon besser . Jetzt , erregt von der höheren Begeisterung und thatkräftigen Schwärmerei , die in Louisens Augen lagen , konnte sie nicht umhin , die Worte vor sich laut hin zu sprechen : Des Volkes Tochter ! Arme Bettlerin , Du bist nicht arm , was auch dein Elend spricht ! Die Nachbarin ließ ihre Truhe auf , Greif zu ! Zum Bagno geht dein Lebenslauf - Und wenn zum Tod - nur stolz ! Und weine nicht . Was ? rief Louise . Was summst du da ? Wie Louise diese Worte hörte , horchte sie hoch auf . Erschüttert und ergriffen fragte sie , was Das für ein Lied wäre ? Und Fränzchen , voll Wehmuth und durch die warme Hingebung der unglücklichen Freundin innerlichst selbst erschüttert , zog ihr Nähkästchen auf und wollte ihr das Gedicht des Handwerkers geben . Sie vergriff sich aber und gab ihr Heinrich ' s Verse . Louise las davon eine halbe Strophe . Nein , rief sie , Das ist Wasser , Das sind die Feuerworte nicht ! Wo hast du die ? Fränzchen sah nach und verbesserte rasch ihren Misgriff , indem sie die rechten Verse aufschlug . Ah ! rief Louise , las und sprang auf ; Das sind Worte des Lebens , die vom Himmel kommen ! Und mit zitternder Stimme , bebend vor innerer , das ganze Herz umwühlender Bewegung , las sie die Verse mit steigendem Affekte auch im Vortrage laut und nachdrucksvoll und steigerte sich in ihrer grenzenlosen Nichtbefriedigung in eine so schwindelnde Höhe der Leidenschaftlichkeit , daß sie vor Wehmuth laut zu schluchzen anfing und gerade die Absicht des Dichters erreichte , der der Proletarierin verbieten wollte , zu weinen , während sie dennoch weinte . Franziska hatte auf der Zunge einzugestehen , wie sie in den Besitz dieses Gedichtes gekommen wäre . Auch sie hatte das Bedürfniß , sich in die theilnehmende Brust einer so gefühlsstarken Freundin auszuschütten . Diese aber , da eine Thurmuhr gerade laut in der Nähe schlug , sagte : Franziska , ich muß nun gehen und für unser Mittagessen sorgen . Seit dem Fortunaball ist mein Karl finster gegen mich . Er hat bei Willing ' s zuviel Schlimmes über mich hören müssen ! Ach , auch darum muß ich Danebrand freundlich sein ! Erzähl ' mir , was du auf dem Herzen hast , am nächsten Sonntag . Wir wollen in ' s Feld gehen . Ich thu ' s der Kleinen wegen und auch Line und Wilhelm haben am Sonntag keine Zeitungen auszutragen . Ich trage das Kleine . Du nimmst Heinrich und Riekchen an der Hand . Danebrand trägt in einem Ranzen , was wir im Walde verzehren können . Oder ist dir Das zu arm , Fränzchen ? Du bist vornehm ! Wie schöne Kleider du hast und wie schön du bist ! O Louise , sagte Fränzchen erröthend , was sprichst du ! Ach , ich will schon glücklich sein , mit dir gehen zu können . Willst du ? Nächsten Sonntag ? Ich hole dich ab ... Nein , nein , nicht in unser schlimmes Haus ! Wir kommen um zwei Uhr am nächsten Sonntag dich hier abzuholen . Und bringe mit , wen du lieb hast ! Den Sergeanten , nicht wahr ? Nein ! sagte Franziska entschieden und bestimmt . Von Dem sind die feurigen Verse nicht ! Wo hast du sie her ? Willst du mir versprechen , mir sie abzuschreiben ? Ich schreibe sie dir ab ! Ach , Fränzchen , sonst las ich solche Flammenworte einmal über und sie hatten sich mir gleich eingeprägt , wie in Erz gebrannt . Jetzt drückt auf meine Gedanken soviel , mein Kopf geht so wirr , daß ich das Leichteste nicht behalten kann . Und dann muß ich ' s Abends lesen , wenn Alles um mich still ist , die Kinder schlafen , die paar Uhren picken , die ich noch immer aufziehe - ich will Die verkaufen , die noch da sind und die dem Großvater gehörten , die andern haben die Leute zurückgeholt ... ach , es ist mir oft , als wenn der alte Mann im Zimmer huschelt und kein Weiser rückt an , ohne daß ich nicht denke : Den hat er mit seiner todten Hand eben gerückt und nun wird er gleich schlagen lassen ! Und immer ist ' s mir , als schlüg ' es vier . Ich sehe Hackerten die Kinder schlafen bringen und höre nicht , wie der Alte ruft : Louise komm doch und drück ' mir nur die müden Augen zu ! Beide Mädchen weinten ... Als Louise aufstand , den Hut und die Echarpe holte und zum Abschied sich rüstete , griff Fränzchen ganz verstohlen in ihr Tischchen , holte das Goldstück und wollte es mit bittender Miene , ohne ein Wort zu sagen , in Louisen ' s schwarze Handschuhe gleiten lassen , deren einen sie in der Aufregung sich ausgezogen hatte und eben wieder anzog . Louise lehnte aber lächelnd diesen Beweis von geräuschloser , mit einem einzigen stummen Blick der Bitte ausgesprochenen Herzensgüte ab . Ich bin glücklich , sagte sie , daß ich dir anzeigen konnte , wir haben die Bosheit der Florentine abgeschüttelt . Es geht jetzt so leidlich ! Lieber Himmel , von den Begräbnißgeldern des Alten haben wir ja noch gerade soviel übrig behalten , als ich an Florentinen verliere . Gott ist in großen Dingen , wo wir Hülfe von ihm erwarten und denken , es müsse durchaus nach unserm Wunsche und Willen gehen , fast immer hart und unerbittlich , und in kleinen Dingen , wo er Verlust durch Gewinn wie durch einen Zufall ausgleicht , ist er wieder so grundgütig , daß wir uns beschämt fühlen und unsern Kleinmuth bereuen . Bis Sonntag schreibst du mir das göttliche Gedicht ab und wenn du was recht Gescheutes anstellen willst , so bringe Den mit , der es gemacht hat , und wär ' s ein Student ! Mit dieser , unter Thränen hervorblitzenden Schelmerei schied das aufgeregte Mädchen . Sie umarmte Franziska und ging ohne viel Rücksicht auf die hinter ihr herbrummende , durch dies Ignoriren verletzte Frau Tischlermeisterin Märtens durch deren Zimmer rasch davon . Man hörte , wie sie das Gitter der Küche zufallen ließ und unverweilt die Treppe hinuntersprang . Für Fränzchen hatte dieser Besuch die wohlthätige Folge , daß er ihr Kraft gab , fest auf ihrem Gefühle zu beharren . Hatte sie geschwankt , ob sie nicht den Onkel , der so gut war und nichts Unangenehmes im Leben leiden mochte , beim Abschied durch die Bereitwilligkeit erfreuen sollte , Heinrich Sandrart ' s Bewerbung sich gefallen zu lassen , so war ihr von Louisen ' s heldenmüthigem Wesen eine wunderbare Kraft zugeströmt . Lag nicht in Allem , was dies Mädchen ihr erzählt und von ihren stillen Herzenskämpfen mitgetheilt hatte , das volle , große , gewaltige Geständniß , daß sie ein unaussprechliches Bedürfniß einer großen und feurigen Liebe hatte ? Sie vergegenwärtigte sich , wie oft ihr diese arme Arbeiterin , die vor einem Übermaß von Pflichten kaum zu sich selber kommen konnte , gestanden hatte , daß in ihr ein nicht zu bewältigender Drang der Liebe läge ! Sie hatte früher dies Geständniß nicht fassen können , jetzt fühlte sie den übermächtig stärkenden Hauch einer reinen , dem Herzen befehlenden Willenskraft . Daß Louise jemals dem Danebrand gehören würde , glaubte sie nicht . Sie sah in Allem , was der Freundin seit dem Fortunaball geschehen war , nur eine Art Sühne für das Unrecht , das sie bei ihrem tugendhaften Pflichtgefühle begangen zu haben glaubte . Aber Das wußte sie auch , ganz würde sich dies starke Herz niemals unter das Joch der Rücksichten beugen . Das ist nur , sagte sie , eine Zeit der Trauer , die sich Louise auferlegt hat , aber unwahr gegen sich selbst wird sie niemals werden . Die lügt nicht , wie ich nicht lügen will ! So fand sie nach einiger Zeit , während Frau Märtens brummte und über das abscheuliche , » keinem « Menschen » ästimirende « unhöfliche » Subjekt « , die Louise Eisold , polterte , die » die ganze Suppe « mit dem » Sprachmaitre « und Herrn Sandrart und der Reise nach Hohenberg nicht etwa eingebrockt , sondern » eingefädelt « hätte , der Onkel Heimisch . Neuntes Capitel Stilles Leid und stille Schuld Der so gern nur wohlgemuthe Jäger Leberecht Heunisch kam in rosenrothester Laune von seinem Prinzen Egon . Er , der so gewohnt war , nicht viel auf seinen Schultern zu tragen und der selbst von dem Nächsten , was um ihn her sich ereignete , nicht viel sehen und wissen mochte , hatte eine Menge lästiger Drangsale von seinem Gemüthe abgeworfen . Gleich wie er von seinem genesenen , zum erstenmale ordentlich gesehenen hohen Patrone kam , begegnete ihm Dankmar Wildungen , den er seit dem Abschied vom Gelben Hirsch für den Prinzen selbst gehalten hatte . Nun wußte er doch , wo er auch diesen Freund und Gönner hinbringen sollte . Es war ein » Bekannter « des Prinzen ! Diese Thatsache nahm ihm , als er Dankmarn rasch eilen sah , um Egon zu begrüßen , alle Skrupel . Es lag wieder das helle , goldne , klare Nichts vor seinen Augen ; der ganze blaue Himmel schien in seine blauen treuherzigen Augen zurück und nur Heinrich Sandrart , der Sergeant , und das Fränzchen und der alte französische Sprachmaitre ... Die waren noch ein paar lästige Wölkchen für seine Behaglichkeit . Er war von Egon und von dem frohen Wiedersehen des guten Rathgebers Dankmar in die Kaserne gegangen , um den Sergeanten abzuholen ... In seiner Patentuniform , wie er sie immer trug , kam der Sergeant mit dem Förster mit , nicht ohne Hoffnung , Fränzchen würde doch wol vielleicht dem Onkel zum Abschied eine für ihn tröstlichere Erklärung geben . Der junge Krieger hatte eine freundliche Zusprache nöthig , denn seit dem Fortunaball geschah Vieles , um seinen sonst so fröhlichen leichten Sinn zu kränken . Sein rundes volles Gesicht , dem ein Bärtchen an der Oberlippe und ein damals noch erlaubter demokratischer Kinnbart gar männlich stand , war seit einiger Zeit nicht aus Liebeskummer allein entfärbt . Der Lieutnant von Aldenhoven hatte ihm die Äußerung : Wir sind hier nicht im Dienst , Herr Lieutnant ! sehr übel genommen ... Man fand Heinrich Sandrart schon lange nicht von der ordonnanzmäßigen Botmäßigkeit , die die Gesetze der Disciplin in ihrer soldatesken Übertreibung mit sich brachte . Gerade , daß ihn gegen mancherlei Anklagen , die man bis zum Major seines Bataillons gegen ihn vorbrachte , dieser in letzter Instanz in Schutz nahm , ihn entschuldigte , eine brave Haut nannte , die man nicht kopfscheu machen müsse , gerade darin lag ein Grund mehr für einige Offiziere , ihm das offenste Unrecht anzuthun . Man konnte ihm zwar nicht nachsagen , daß er wie einige vorlaute und schon mehrfach bestrafte Krieger von den neuen Ideen angesteckt war , er besuchte keine verbotenen Gesellschaften , er war harmlos , gutmüthig und liebte nur das Vergnügen und die Frauen , man wußte , daß er um einer spröden Liebe halber schmachtete und zog ihn damit auf . Allein schon einige junge Krieger der Garnison waren , ohne zu den absichtlichen Wühlern zu gehören , dadurch , daß sie etwas Apartes für sich in Anspruch nahmen , aus dem Verbande der großen disciplinarischen Kette , die das ganze Institut der stehenden Heere aufrecht erhält , herausgeglitten und hatten in den Theorieen jener bald stilleren , bald lauteren Wortführer einen Anhalt für rein persönliche Misstimmungen gefunden . Dem Major von Werdeck sagte man ja etwas Ähnliches nach ! Er sollte früher nie über Politik nachgedacht , ja sogar so ruhig , so loyal sich immer verhalten haben , daß man ihn anfangs an der Spitze einer Compagnie älter werden ließ , als es sein Wunsch sein konnte . Später erhielt er Beförderung ; aber wie lange ließ man ihn warten , weil er immer zu den Geduldigen gehört hatte ! Plötzlich wurde er verdrießlich . Man wollte ihn in eine entfernte Garnison zur Linie schicken , er schlug die Stellung aus und zog die alte geringere vor . Er las Zeitungen , bildete sich ein Urtheil und machte mit Niemanden Partei . Jedes Ding , jede Frage wollte er gewissenhaft prüfen und durch das Prüfen kam er vom politischen Köhlerglauben , den man Loyalität , Treue nannte , zum Zweifel , den man Liberalismus , demokratische Gesinnungslosigkeit schalt . Erst einmal in der Minorität , ging es dem Major wie jedem rechtschaffenen Manne . Er fand seine Ehre darin , einem eigenen Nachdenken seine Überzeugungen zu verdanken und sonderte sich immer mehr von den Andersgesinnten ab . Längst würde er seinen Abschied genommen haben , wenn ihn nicht zwei Dinge daran verhinderten . Einmal galt es von dem Staate , dem er angehörte , für angenommen und feierlich beschworen , daß ein neuer , volksthümlicher Geist die Seele des Ganzen werden sollte . Anderntheils sagte er sich , daß , wenn auf einem schwierigen , mit Kampf verbundenen Posten Jeder immer sogleich weichen wollte , man sich nicht wundern dürfte , wenn das Gute überall unterliege . Seine Untergebenen hielten mit leidenschaftlicher Vorliebe an ihm fest , so streng er auch sein konnte und so hoch er auch seinerseits die Nothwendigkeit der Disciplin anschlug . Er wiederholte oft den Schiller ' schen Spruch : » Ein freies Leben ist ein paar sklavischer Augenblicke wol werth « . Daß Soldaten wählen sollten , daß man den Geist der Parteiung in die geschlossenen Glieder einer Armee verpflanzte , war ihm ein Gräuel . Die muthige Art , mit der er kurz und bündig manchem Parteihaupte gegenüber einen solchen Satz aussprach , hatte immer wieder zur Folge , daß die ihn umwühlende Intrigue sich etwas zurückzog und vorsichtiger zu Werke ging . Aber seine sogenannte Wiederherstellung in dem Vertrauen seiner Kameraden hatte nicht lange Dauer . Er verstieß nur zubald wieder gegen das System , das nun einmal in diesen Reihen gelten und die Kluft zwischen dem Alten und Neuen immer mehr erweitern sollte . Was man von ihm selbst nicht wußte , setzte man endlich bei der offen zur Schau getragenen Gesinnung seiner Frau über ihn voraus . Die Besatzung wurde gerade jetzt viel mit Exerciren gequält . Schon am frühen Morgen war der Major auf einer großen Ebene vor der Stadt gewesen und hatte die schon tausendmal gemachten Manövres wiederholen lassen . Sein schmerzliches : Guten Morgen , Kinder ! als Alles vorbei , hatten die Soldaten wohl verstanden . Es war eilf Uhr und Sandrart war schon übermüdet . Dies hinderte ihn aber nicht , sich rasch anzukleiden und mit dem Förster Heunisch , der , auch einst Soldat , die ewige Fuchserei ( namentlich » in dieser Zeit « ! ) nicht begreifen konnte , zu Fränzchen zu gehen . Onkel Heunisch war sehr angeregt . Der freundliche Empfang des jungen Fürsten hatte ihm wohlgethan . Auch dem Madeira hatte er lebhaft zugesprochen . Er war etwas zum polternden Zank aufgelegt und wiederholte alle die schlimmen und ärgerlichklingenden Reden , die er schon mehrmals gegen Fränzchen ausgesprochen hatte . Diese war ruhig und reizte ihn dadurch doch noch etwas mehr als nur zum Scherz . Endlich mußte sich sogar Sandrart in ' s Mittel legen und ihn besänftigen . Brummend setzte sich der Jäger in einen Lehnsessel , ließ sich , um seinen brennenden Durst zu stillen , von einem Burschen der Werkstatt leichtes Bier kommen , steckte eine Pfeife an , rauchte eine Weile , trank nun und entschlief . Sandrart nahm seine Flöte und blies : Ach , wenn du wärst mein eigen ! Madame Märtens klemmte die Brille auf die Nase und studirte mit Wißbegier das neueste Hellerblatt , das sie mit dem Schneider drüben zusammenhielt . Dieser nickte , dankbar für die Flöte , herüber . Fränzchen nähte und malte sich hinter ihren Blumen aus , wie es wol am nächsten Sonntag sein müßte , wenn es ihr recht , recht gefallen sollte ... Plötzlich ließ sie zitternd die Arbeit sinken . Sie hatte Jemanden kommen hören