, in einfacher Gesellschaftstoilette , war augenscheinlich nur zu einem kurzen Rundgang erschienen . Lutz trug schon den Winterüberzieher und den kleinen schwarzen Hut auf dem hellen Kopf — er wollte wohl die Daniel heimbegleiten . Agathe glaubte , er sei gegangen . Plötzlich — während sie mit dem Assessor schwatzte , fühlte sie etwas , das einer leichten Berührung glich , doch unendlich viel zarter und flüchtiger war . Sie wandte den Kopf . Lutz stand noch immer in der Thür — allein . Er beobachtete sie . Nach einem schnellen , scheuen Blick sprach sie weiter . Wie innerlich gut ihr diese kurze Beachtung that — wie es schon ein Erleben von Freude war , gegen das alles andere nichtig wurde — verschwand . Die Daniel kam , in den Pelz und einen Spitzenshawl gewickelt , wieder zu ihm und redete leise auf ihn ein . Er machte eine ungeduldige Bewegung , schließlich folgte er ihr hinaus . Und gleich stand er aufs neue an derselben Stelle , den Hut noch auf dem Kopf . Agathe war es mit einem Mal , als habe sie ungeheuer viel Champagner getrunken . Sie lachte zu allem , was Raikendorf sagte und sah ihn mit glänzenden , übermütigen Blicken an . Als sie dazwischen herumtanzten , verlangte sie keck , auf ihren alten Platz geführt zu werden . Da hatte Lutz auf sie gewartet , und an den fremden Gesichtern vorüber grüßten ihre Augen sich . Jemand fragte den Maler , ob er die Absicht habe , während des ganzen Balles den Überzieher anzubehalten . “ Ja — so ! — Ich wollte längst gehen — ich muß ja fort , ” antwortete er . . . . . Seine Stimme — seine leise , hastige , absonderliche Stimme wieder zu hören . . . — Nun würde er aufgeweckt sein , nun würde er gehen . . . . Nein , er ließ sich den Mantel von einem jungen Manne abnehmen und auch den Hut entreißen . Lachend zeigte er , daß er keinen Frack trug , ein paar Komiteeherren klatschten Beifall und zogen ihn tiefer in den Saal . Agathe wurde von andern Tänzern geholt , schlenderte mit Freundinnen in den Räumen umher , nahm unter Eugenies Schutz , die als verheiratete Frau das Recht erworben hatte , Mutterstelle an ihr zu vertreten , eine Portion Eis und ein Stückchen Kuchen zu sich — überall fand sie Lutz in ihrer Nähe . Ob es nicht eine Selbsttäuschung war ? Das Glück hatte etwas so Unwahrscheinliches . “ Traumwandlerin , ” rief Eugenie sie an , “ sollen wir Dich in unserm Wagen nach Haus schicken ? Wir wollen im Restaurant noch ein Glas Bier trinken . Oder möchtest Du auch noch bleiben ? ” “ Bleiben , bleiben ! ” Walter lachte . — Agathes Bitte klang inständig , als hinge ein Schicksal davon ab . “ Was werden die Alten sagen , wenn Du Dich unter unserm Schutz so unsolide beträgst ? ” “ Laß das Würmchen , ” entschied Eugenie . “ Siehst Du nicht , daß sie ohne Muttern gleich viel lebendiger geworden ist ? ” Lutz hatte Agathe angesprochen — im Tabaksqualm des Restaurants — zwischen zwei und drei Uhr morgens — und sie gefragt , ob sie kürzlich Nachricht von Woszenskis gehabt habe . Und dann bat er sie , ihn mit ihrer Schwägerin bekannt zu machen . Er erinnerte sich ihrer also doch noch . Agathe mußte am andern Morgen eine ordentliche Strafpredigt über sich ergehen lassen . Für ein junges Mädchen schicke es sich nicht , nach einem Ball mit Männern in der Kneipe zu sitzen . Wenn Walter es seiner Frau erlaube , so wäre das seine Sache . Sie sollte künftig nicht mehr mit Walter und Eugenie ausgehen . Das Komitee hatte eine Art von Nachfeier verabredet . — Lutz wollte auch kommen . Würde Papa sie hindern — gut — so ging sie eben heimlich . Aber sie bat Mama himmelhoch , wie sie noch niemals gebeten hatte — denn sie fand es unwürdig , dies Quälen und Betteln , das die andern jungen Mädchen immerfort mit ihren Eltern aufführten . Und die gute , süße , liebste Mama brachte Papa schließlich dazu , verdrossen ein “ Ja ” zu sagen . — Man blieb nur im kleinen Saal — gar nicht viel Menschen . Es wurde geradezu auffallend , wie Lutz ihr den Hof machte . Er tanzte zwar nicht mit ihr — er tanzte überhaupt nicht — aber er beobachtete sie , an die Thür zum Rauchzimmer gelehnt , mit einem heiteren und befriedigten Lächeln . So völlig ging er in dieser Beschäftigung auf , daß er allen Herren , die ihn begrüßten , zerstreute und kurze Antworten gab . Dann zog er sich zu einer Cigarette zurück . “ Agathe , kommst Du mit , ich suche Walter , ” sagte Eugenie , als dieser Zeitpunkt eingetreten war , faßte ihre Schwägerin unter den Arm und zog sie ins Rauchzimmer . “ Laß Dir nicht zu sehr merken , daß Du ihn gern hast , ” flüsterte sie ihr ins Ohr und verließ sie nach wenigen Sekunden in einer langen Unterhaltung mit dem Maler . Lutz sprach viel und lebhaft , Agathe hatte nur halblaute , kindische Töne als Antwort , wie ein furchtsames kleines Mädchen . Er mußte sie für dumm und albern halten . . . . die schöne , einzige Gelegenheit , ihm zu gefallen , ging ungenützt vorüber . Eugenie hatte sich für den Abend einen treuherzigen Fähnrich zum Opfer erkoren . Es machte ihr den größten Spaß , damit ihren Mann und den kahlköpfigen Hauptmann , der viermal in der Woche bei ihnen vorsprach , zu ärgern . Sie ging auf die Passionen des rotbäckigen Knaben in Uniform ein , ließ sich von seiner Mutter erzählen und von seinen Leibgerichten . Und dem wurde sehr heiß , der rote steife Tuchkragen erstickte ihn fast , seine Brust durchglühte tiefe ritterliche Verehrung für diese anbetungswürdige Frau . Wie sonderbar — Agathe sah sich schon beinahe am Ende ihrer Kraft , nun das wahre Leben doch erst beginnen sollte . Sie war oft entsetzlich müde : bei weiteren Wegen in der Stadt wußte sie plötzlich gar nicht mehr , wo sie sich befand und vermochte sich nur mit der größten Anstrengung zu besinnen . Dann kam ihr das Straßentreiben , an das sie doch von Kindheit auf gewöhnt war , unheimlich fremd vor , die Häuser und die Schilder an den Läden , als habe sie sie niemals vorher gesehen und die Menschen wie Maschinen , die nicht aus eigenem Willen gingen und sich bewegten , sondern von irgend einem geheimnisvollen Mittelpunkt aus geleitet , seelen- und leblos an ihr vorüberschnurrten und glitten . In dieser Zeit erfuhr Agathe , ein junger Mann aus ihrem Kreise liebe sie . Er warte nur auf eine Anstellung als Richter und wolle dann um sie anhalten , sagten ihr die Freundinnen , und die hatten es von seiner Mutter . Seine Neigung war verschwiegen und bescheiden . Schon jahrelang kannte ihn Agthe , war ihm immer freundlich begegnet und hatte nie geahnt , daß in ihrer Nähe ein ernstes , ausdauerndes Verlangen nach ihrem Besitz lebte . Der Gedanke war ihr unerträglich . Er empörte sie . Kein Funke von Mitleid erwachte in ihr — sie behandelte den jungen Mann von dem Augenblick an mit eisigem Hochmut . Er wurde irre an ihrem Charakter , sie schien ihm Freude an der Grausamkeit zu haben . Aber das war ihr gleichgültig , denn er beleidigte sie . Er sollte sich nicht unterstehen , sie zu lieben — er sollte sich nicht mit seinen Träumen in den Zauberkreis wagen , der um sie und den Einen gezogen war , dem ihr Herz gehörte . “ Gestern bin ich in den Anlagen der Daniel begegnet ” , sagte Referendar Dürnheim , “ ist die aber abgefallen ! Die Treppe bei dem chinesischen Tempelchen kam sie herauf , hielt sich am Geländer und schleifte sich nur noch so vorwärts . Was hat denn die ? ” “ Nichts mehr hat sie , ” wurde ihm geantwortet , “ mit ihr und Lutz soll ' s aus sein . ” “ Ach so — na — wegen dem . . . ” “ Er spricht ja jetzt vom Heiraten . ” Ein lautes Gelächter folgte . “ Der eignet sich auch schon zum Ehemann ! ” “ Die alte Schweidnitz — die exaltierte Person , läuft ihm ja nach wie ' ne Wahnsinnige . ” “ Das war doch kostbar , als er die Villa beschrieb , die er mit ihrem Gelde bauen wollte , wenn er sich entschließen könnte . . . . Da hätten Sie dabei sein müssen . Ein famoser Kerl . . . ” Der Sprecher wurde angestoßen . Agathe Heidling war in der Nähe . Vor jungen Damen redete man doch nicht in dem Ton . Sie hatte den Ton gehört . Diese widerwärtigen Männer ! — — Nein — die Schwester von Lutz war Fräulein Daniel doch wohl nicht . Aber eine Schauspielerin konnte sich unmöglich eingebildet haben , sein Weib werden zu wollen . . . . die selbst erzählt hatte , daß sie mit einer Wandertruppe auf den Dörfern herumgezogen war und mit dreizehn Jahren den alten Moor gespielt hatte — die sich schminkte und von wer weiß wie vielen Männern alle Abende vor dem Publikum im Arm gehalten und geküßt wurde . . . . . . Die war doch kaum als ein richtiger Mensch zu betrachten — als ein Mensch wie Agathe selbst . Es kam ein Sonntag , an dem Eugenie in der Breiten Straße mit Herrn von Lutz verabredete , ihn zum Kaffee bei sich zu erwarten . Und wenn es nicht ein bedeutungsvolles Merkmal war , daß der Maler , der für das Wesen und die Formen der bürgerlichen Provinz-Eleganz stets eine lächelnde Verachtung zeigte , sich ihr in diesem Falle soweit anbequemte , zwischen zwölf und ein Uhr mittags der Breiten Straße seine Gegenwart zu gönnen — dann wußte Agathe nicht , welche Zeichen sie sonst noch erwarten sollte . Eugenie gab ihr recht . — — Wie oft , seit Ada sich für Kain mit grünen Blättern kränzte , haben Mädchen vor klaren Bächen und Metallplatten , vor venezianischen Krystallen und zerbrochenen Scherben gestanden . . . . Wie oft haben sie selig und zweifelnd , in zaudernder Unsicherheit oder lächelndem Selbstbewußtsein sich für den Geliebten geschmückt . . . . Und wie oft haben sie fehlgegriffen in der Bangigkeit ihres Herzens — den Schmuck gewählt , der dem unbekannten Geschmack des erwarteten Gebieters am wenigsten zusagte ! Wie schwer ist die Wahl zwischen dem schönsten Anzug und dem kleidsamsten — zwischen Putzsucht und Eitelkeit . Und er soll ja nicht ahnen , was man für ihn gethan — das Festlichste soll alltägliche Gewohnheit scheinen . Aber die Hand bebt und Flimmerfunken tanzten vor den Augen — warum fällt heute — nur heute , das Löckchen am Ohr so absichtlich — warum will an diesem einzigen von allen Tagen die Schleife nicht gelingen ? — — Schon standen die Mokkatäßchen geleert auf Eugenies silberglänzendem Kaffeetisch — der Hauptmann und der Fähnrich rauchten — Walter rauchte — Eugenie hielt eine Cigarette zwischen den Fingern und Agathe saß still und steif , die Hände im Schloß gefaltet . Der Hauptmann schlug einen gemeinsamen Spaziergang vor — Lutz war noch nicht erschienen . Die Herren empfahlen sich . Agathe blieb zum Abend bei den Geschwistern . Nach Mitternacht mußte sie doch endlich gehen . Nun war es wohl zu Ende . Er hatte sein Bild nach Paris absenden wollen , der Tischler ließ ihn im Stich — es war der letzte Termin zur Annahme bei der Jury — er hatte es selbst packen und am Sonntag Nachmittag zur Bahn hinausfahren müssen . Herr von Lutz erzählte es Agathe , als er sie acht Tage später im Kunstverein traf . In ihr war alles still und stumm — es mochte ja so gewesen sein . Ein abgestorbenes Gefühl im Herzen . . . . . Sie wunderte sich über ihre große Ruhe . Lutz fragte , ob ihre Schwägerin jeden Sonntag Gäste empfange ? Ob er heute kommen dürfe ? Er würde sie doch auch treffen ? “ Ich bin meistens dort , ” antwortete sie ohne Freude . Sie bereitete sich nicht vor — sie änderte nichts an ihrem Anzug . Am liebsten wäre sie überhaupt zu Haus geblieben , so sehr fürchtete sie sich , noch einmal Ähnliches durchleiden zu müssen , wie am letzten Sonntag . Und gerade heute wollten die Eltern auch mitgehen . Während sie zwischen ihnen in der Pferdebahn saß , betete sie in krampfhafter Andacht alte Gesangbuchverse . Eins ist Not , ach , Herr dies Eine Lehre mich erkennen doch . Alles andre , wie ' s auch scheine , Ist ja nur ein schweres Joch , Darunter das Herz sich naget und plaget Und dennoch kein wahres Vergnügen erjaget — Erlang ' ich dies Eine , das alles ersetzt , So werd ' ich mit Einem in Allem ergötzt . Seele , willst Du dieses finden , Such ' s bei keiner Kreatur — Laß , was irdisch ist , dahinten , Schwing Dich über die Natur , Wo Gott und die Menschheit in Einem vereinet , Wo alle unsterbliche Fülle erscheinet — Da , da ist Dein bestes , Dein seligstes Teil , Dein Ein und Dein Alles — Dein ewiges Heil ! — — Wenn sie sich soweit bezwingen konnte , nichts mehr zu erwarten — gar nichts — dann vielleicht — dann hatte Gott vielleicht Erbarmen — — . Im Flur bei Walters hing der wohlbekannte Paletot von Lutz am Haken , und darunter standen die großen närrischen Überschuhe . — — Ängstlich horchte Agathe auf seine Unterhaltung mit Mama — die beiden hatten doch auch gar keine Berührungspunkte . Warum wollten die Eltern sie heute durchaus begleiten ? Wie kam es nur ? Es war ganz unmöglich , sich vorzustellen , daß Lutz jemals mit den Eltern auf freundschaftlichem Fuß verkehren konnte , trotzdem er doch fein und geschmeidig war . — Ach , du lieber Himmel , nun fing Papa sogar an , mit ihm über Kunst zu sprechen — so ganz von oben herab . Wie pedantisch das alles klang , und Lutz hörte ihm auch nur zerstreut zu , bis er plötzlich lebendig wurde und sich für einen Franzosen , den ihr Vater als überspannt bezeichnete , leidenschaftlich begeisterte . In seiner Gegenwart trat Walters geistige Unbedeutendheit peinlich hervor , und Eugenies Wesen wirkte aufdringlich , absichtlich . Hätte sich Agathe nun der Unterhaltung bemächtigen können , reizende , überraschende Sachen sagen — ihn fesseln — ihn in Erstaunen versetzen . . . . . . Aber sie wußte es schon im voraus — alles war vergebens . Was konnte ihn denn entzücken ? — Ihn ? — Ihre Stimme war auch wieder fort . Wären nur ein paar Freunde noch da gewesen , die Aufmerksamkeit abzulenken . Eugenie beobachtete sie — Mama ahnte auch schon — warum waren die Eltern mitgekommen , wenn ihnen nicht jemand verraten hätte , daß sich etwas anspann . . . . Und doch , und doch — ihn neben sich , ganz nahe zu haben , ihn ruhig betrachten zu dürfen — das war tiefe Freude . Und sie versuchte , sich zu laben , sich zu sättigen und ruhig zu werden in der Freude . — Er war ihr fremd — so bei Tage und im häuslichen Kreise . Er und das fieberhaft geliebte Traumbild waren nicht ganz ein und derselbe — es hatte unter ihrer zärtlichen Pflege Züge angenommen , die mit dem Leben nicht genau übereinstimmten . Aber der Lebendige besaß doch die größere Macht . Er sah nicht so weiß und zart aus , wie in der dunklen Theaterloge — seine Farbe war eher fahl , die Augen von leicht geröteten Rändern umgeben . Die Art , wie er seinen kleinen , weichen Schnurrbart mit den Fingern mißhandelte , konnte einen nervös machen — es zeigte sich darin etwas Friedloses . Und auch in dem fortwährenden Wechsel des Ausdrucks auf dem beweglichen Gesicht . Aber das Märchenprinzen-Profil . . . . Der Maler und Heidlings wurden aufgefordert , zum Abend zu bleiben . Bei Tisch geriet plötzlich die Rede auf Heiraten . Walter sagte , vor der Ehe wisse man überhaupt nicht , was Liebe sei . Agathe blickte erstaunt zu ihrem Bruder hinüber , seine Augen ruhten mit innigem Stolz auf Eugenie . “ Der Trauschein vom Standesamt muß eine große Sicherheit geben , ” rief Lutz lachend . Regierungsrat Heidling zog die Stirn mißbilligend in Falten . “ Wie das kommt , ” warf Lutz hin , “ man sieht ein Mädchen so und so oft und hat sie doch nicht bemerkt — da hört man aus der Ferne ein Wort von ihr zu einem anderen — das trifft — irgendwie — irgendwo — man sieht sie eigentlich in diesem Augenblick zum ersten Mal . ” Agathe saß verwirrt und bange lächelnd neben ihm . Wie sonderbar — er konnte sie doch nicht meinen ? In allem , was er sagte , entdeckte sie einen geheimen Sinn , für sie allein berechnet . Ja — ganz gewiß — er wendete sich am meisten zu ihr . Eugenie , welche die Männer sonst so sehr anzog , schien ihn nicht zu interessieren . Frau Heidling sagte ihrer Tochter eines Abends sanft und schonend : “ Liebes Kind — Du bist ein verständiges Mädchen — Papa hat mir gestern erzählt : Herr von Lutz steht gar nicht in gutem Ruf , und Papa wünscht nicht , daß er in unser Haus kommt . ” Onkel Gustav aber besuchte Lutz in seinem Atelier und machte Agathe eine ausführliche Beschreibung von der silberblauen Chaiselongue , den Louis-quinze-Stühlen , dem ganzen Interieur , das — ach wie lange schon — Herberge und Heimat ihrer leidenschaftlichen Träume war . Agathe fragte sich trotzig , warum Adrian Lutz schlimmer sein sollte als ihr Bruder Walter ? Wenn die Eltern nur wüßten . . . . sicherlich würden sie dann Adrian nicht so ungerecht verurteilen . Er war ihnen nicht sympathisch — das war ' s im Grunde . Unbestimmte Erinnerungen alter Volksmärchen , die aus tiefen , verborgenen Quellen ihrer Phantasie tränkten , weil sie des kleinen Mädchens erste Geistesnahrung gewesen , redeten ihr nun tröstlich von den Prüfungen zur Treue , zum Ausharren , der der König die Geliebte unterwirft — durch brennendes Feuer und stechende Dornen muß sie wandern und durch tiefe , dunkle Nacht — alles muß sie verlassen , was ihr lieb war — an der Hand der anderen , der Falschen , tritt er ihr entgegen . . . Und am Schlusse läuten doch die Hochzeitsglocken , und er hebt sie zu sich empor — sie , die nicht an ihm gezweifelt hat . Laß adlermutig Deine Liebe schweifen Bis dicht an die Unmöglichkeit hinan . Kannst Du des Freundes Thun nicht mehr begreifen , So fängt der Freundschaft frommer Glaube an . Das flüsterte Agathe sich zu mit der Neigung des jungen empfindungsvollen Menschen für das Pathos , für die hohen , tönenden Worte und die hohen , begeisterungstrunkenen Gefühle . Sie liebte Lutz — und sie glaubte an seine Reinheit wie an seine Schönheit , wie an ihre Liebe — glaubte blind , mit Fanatismus — dem Märtyrer gleich , der seinem Gotte Jubellieder singt , während die wilden Tiere seine Glieder zerreißen und er das Herzblut zu des Herrn Ehre opfern darf . Heidlings hörten lange nichts von Martin Greffinger . Nachdem der Regierungsrat es durch heftige Scenen und eindringliche Ermahnungsbriefe versucht hatte , ihn von seinen thörichten , verworrenen Plänen abzuhalten und er den väterlichen Warnungen nur einen hartnäckigen Widerstand entgegensetzte , verbot ihm der Onkel sein Haus . Man ließ ihn seiner Wege gehen , und die Verwandtschaft kümmerte sich nicht mehr um ihn . Denn er war mündig , elternlos und besaß ein kleines Vermögen , von dem er zur Not leben konnte . Freilich war bei seinen unglücklichen Grundsätzen und seiner Verspottung jeder Autorität nichts anders anzunehmen , als daß er sein Geld auf irgend eine unsinnige Weise unter die Leute bringen und schließlich mit dem Bettelstab reumütig bei der Familie wieder anklopfen werde . Walter und der Regierungsrat sprachen oft von dieser Aussicht — mit Zorn , aber doch mit dem heimlichen Wunsch , den Triumph in nicht allzu ferner Zeit zu erleben . Nicht einmal seinen Doktor hatte Martin gemacht . Jetzt redigierte er eine Zeitung , von der Agathe nur wußte , daß keine ihrer Bekannten sie las , und jedesmal , wenn jemand ihren Namen erwähnte , brachen alle in ein verächtliches Lachen aus . Sie mußte also wohl nichts wert sein . Einmal kam ihr eine Nummer in die Hand , man hatte ihr in einem Laden etwas hineingewickelt . Es war schlechtes Papier , elender Druck — und dabei hieß das Blatt so lächerlich prahlerisch : Die Fackel . Agathe las darin — der Ton schien ihr unfein . Wie schade , daß Martin so heruntergekommen war . Sie hatte großes Mitleid mit ihm . Er war gewiß sehr verbittert und unglücklich . Sie hätte gern irgend welchen Einfluß auf ihn geübt , aber wie sollte sie das anstellen ? Trotzdem er jetzt in M. wohnte , war er seit Eugenies Hochzeit gleichsam in eine andere , unterirdische Welt hinabgesunken , zu der Agathe nicht einmal den Zugang gefunden haben würde . Er war der einzige , mit dem sich ihre Gedanken außer mit Herrn von Lutz zuweilen beschäftigten . Sie konnte ihn nicht verdammen — was er auch that , sie fühlte ihm den Weg nach , der dorthin führte , wo es dunkel und schaurig war . Als sie ihn einmal auf der Straße traf und er mit eiligem Gruß an ihr vorüber wollte , stand sie still , gab ihm die Hand und fragte schüchtern , wie es ihm ginge . Ein freundlicher Schein kam in sein düsteres , hart gewordenes Antlitz . Er schüttelte ihr sehr herzlich die Hand und sah sich noch einmal nach ihr um . Etwas von der alten Kinderfreundschaft für ihn lebte plötzlich in ihr auf . Sie hütete die flüchtige Begegnung als ihr Geheimnis . Papa und Mama waren verreist , sie wollten das Opferfest in Bornau zubringen . Agathe sollte erst die Wäsche fertig besorgen und ihnen dann folgen . Es hatte so viel geregnet , daß die Sachen nicht zur rechten Zeit trocken geworden waren , und Papa wollte sich von seiner Urlaubszeit nicht noch ein paar Tage rauben lassen . Der Arzt hatte die Erholung dringend für ihn gefordert . Warum mußte er nur gerade jetzt so angegriffen sein ? Gerade jetzt M. verlassen . . . es wurde Agathe furchtbar schwer . Zuweilen sagte sie sich : die Reise konnte nun auch einmal eine Prüfung für Lutz werden — wenn sein Gefühl nicht eine kurze Trennung bestand , so war es weiß Gott wenig genug wert . Aber man konnte nicht wissen . . . Von Stolz und Freudigkeit war nichts mehr in ihrer Liebe — der letzte Rest war von angstvollem Bangen verzehrt . Sie hatte den ganzen Tag ordentlich gearbeitet , sich künstlich zu einem heftigen Thatendurst steigernd , und schickte nun die beiden Mädchen mit den Körben voll gelegter Wäsche zur Rolle . Es war ein trüber Abend , feiner Regen ging nieder . Ungewöhnlich früh kam die Dämmerung geschlichen . Agathe hatte sich auf die Chaiselongue gelegt . Wie wenig sie jetzt leisten konnte — jammervoll . Ein Klingeln schreckte sie aus leichtem Halbschlaf . Mit zitternden Knieen ging sie nach der Thür . Immer kam ihr gleich der wahnwitzige Gedanke : wenn das jetzt Lutz wäre ! Sie öffnete die Flurthür ein wenig . “ Ich bin ' s — Martin Greffinger , ” sagte eine bekannte Stimme . “ Bitte , laß mich einen Augenblick hinein , Agathe . ” Er schob die Thür auf und trat ein , während sie noch überlegte , ob sie das Verbot des Vaters ignorieren dürfe . Und dann verschloß er selbst die Thür und hängte die Sicherheitskette ein — das fiel ihr als sonderbar auf . “ Ich will Dich nicht lange stören , ” sagte er etwas kurzatmig . “ Deine Eltern sind verreist — sie werden nicht erfahren , daß ich hier war . . . Ich wußte , daß die Mädchen vorhin fortgegangen sind . Ich will Dich nicht in Ungelegenheiten bringen . ” “ Willst Du nicht hereinkommen ? ” fragte Agathe verlegen . Er folgte ihr ins Wohnzimmer , aber als sie ihm einen Stuhl bieten wollte , sagte er hastig : “ Nein , laß nur — ich stehe auf dem Sprunge . . . . Ich wollte Dir nur Adieu sagen . ” “ Willst Du verreisen ? ” fragte Agathe höflich . “ Ich bin ausgewiesen . Ja — polizeilich . ” “ Martin — um Gotteswillen ! ” Er lachte kurz auf . “ Sie sind ja wie die Spürhunde hinter uns her — die feige Bande ! ” Er ballte die Faust . “ Wenn ich mich nach zwölf Uhr noch hier blicken lasse , werde ich von Gendarmen über die Grenze geschafft . — Na hab ' nur keine Angst , ich fahre mit dem nächsten Schnellzug nach der Schweiz . Dann seid Ihr mich los ! ” Er lachte wieder , und Agathe sah ihn verwirrt , erschrocken und ratlos an . Er beobachtete sie einen Augenblick schweigend . “ Du — ich habe eine Bitte an Dich . Hebe mir dies Paket auf — ich werde jedenfalls an der Grenze untersucht . ” “ — Kannst ruhig sein , ” fügte er mit humoristischem Ausdruck hinzu , “ es sind nur Schriften . Wenn ich sie verbrenne , ist ' s immerhin ein Verlust für mich . Darum dacht ' ich , Du könntest sie mir vielleicht nachschicken . Willst Du sie übrigens vorher lesen — dem steht nichts im Wege . ” Agathe schauderte wie vor etwas Unreinem zurück . “ Das möcht ' ich nicht , Martin — bedenke doch . . . ” “ Es hat ja keine Gefahr ! Bei der Tochter vom Reigierungsrat Heidling wird keine Haussuchung gehalten — darauf kannst Du Dich verlassen . . . Deine Eltern beaufsichtigen Deine Korrespondenz doch nicht ? ” “ Nein — aber . . . . ” “ Neulich kam es mir vor , als wäre Mut in Dir . . . Ja , das habe ich Dir hoch angerechnet — daß Du mir da auf der Straße die Hand gabst . . . . Na — interessiert es Dich nicht , zu wissen , warum ich mich eigentlich von Euch allen losgemacht habe ? ” “ Doch — es ist mir nur so etwas Fremdes , Ängstliches . ” “ Ganz wie Du willst . Ich hatte das Bedürfnis , mich auf irgend eine Weise dankbar zu zeigen . Verstehst Du ? Ich dachte : sie ist doch einen Versuch wert . — Siehst Du — da sind Geschichten drin , die Dich aufrütteln — das weiß ich — die Dich anders packen werden , als das blödsinnige Zeug , was Du sonst liest . ” “ Ich möchte nicht . . . ” “ Also — Du bist doch feige ! ” “ Nein — aber ich finde es unrecht , sich gegen die gesetzliche Ordnung zu empören , ” antwortete Agathe kalt . Es schwebte ihr vor , daß sie ihre Pflicht thun müsse , indem sie dieses Urteil über die Richtung ihres Vetters fällte . Martin blickte sie an in dem grauen Dämmerlicht des trüben Frühlingsabends . Sein Gesicht war müde und abgearbeitet , Falten zogen sich über die Stirm , seine Augen hatten einen tiefen , gramvollen Ausdruck , aber der Kummer lag nur wie eine Staubschicht über einer still zehrenden Glut . Er drückte das Paket Schriften mit dem Arm fester an sich . “ Agathe — mir thut ' s ja nichts , ob ich in der Schweiz bin oder hier . Aber es lassen sich arme Leute von ihrer Arbeit und ihrer Familie fortjagen , ins bittere Elend — um ihrer Überzeugung willen . Ja — zucke nur mit den Schultern ! Ich habe im Dienste unserer Sache Frauen kennen gelernt , die täglich ihre Freiheit , ihre Existenz auf Spiel setzten , um ihren Schwestern aus Not und Schande zu helfen . Das sind Frauen , die das Herz auf dem rechten Fleck haben ! Die ich hochachte ! — Aber Du willst von ihnen ja nicht einmal hören . . . . Ihr kalten , armseligen Bourgeois-Würmer — ich glaube , Ihr könntet nicht einmal ein Opfer bringen , wenn der Liebste es von Euch verlangte ! ” “ Martin . . . ” “ Ich danke Dir , daß Du mir gezeigt hast , was wir von Euresgleichen zu erwarten haben . Das soll mir eine Lehre sein . Leb ' wohl . ” Agathe atmete schnell , ihr Antlitz brannte . Greffinger war schon an der Thür , als sie die Hand ausstreckte und leise rief : “ Laß die Bücher hier . ” “ Du willst ? Du willst wirklich ? ” “ Ich will sie Dir nachschicken . Aber weiter nichts . ” “ Agathe — das ist schön ! Vergiß nicht . . . ich bin Dein Freund . . . . Und lesen wirst Du sie schon . Steck ' sie dann