ihres Herzens ungeniert an ihre Brust . » Lieber Herr von Kosegarten , verschaffen Sie mir von diesen netten Aktien ! O , seien Sie lieb , verschaffen Sie mir von diesen netten Aktien , so viel , wie Sie können ! « » Hoheit , « sagte Fritz , » nicht ich bin der Verfüger über diese Aktien . Hier steht der Gründer ! « er wies auf Debberitz . » Mein Freund wird dafür sorgen , daß das Wort » Geldverlegenheit « niemals wieder in Hoheits Umkreis genannt werden darf . Thete , was sagst du zu unserer ersten Aktionärin ? « Debberitz strich sich mit sichtlicher Befriedigung den Schnauzbart . » Donnerschlag , nicht übel , gar nicht übel ! Bist doch ein ganz jeriebener Hund , Fritzeken ! « » Wo die Prinzessin vorangeht , « sagte Fritz , » da folgt auch der Hof , folgt sicher die Bürgerschaft . Hoheit , dürfen wir auf Ihre Bundesgenossenschaft rechnen ? Dürfen wir Sie zu den Mitgründern unseres Projektes zählen ? « Die Augen der Prinzessin blitzten , sie erhob sich mit einem plötzlichen Ruck aus ihrem Sessel und rief begeistert : » Bundesgenossenschaft , süperb ! Ich , ich werde Ihre Bundesgenossin sein ! « Sie reichte jedem der Männer eine ihrer weißen warmen , ringgeschmückten Hände , Fritz neigte sich über die ihm gebotene und drückte feurig seine Lippen darauf und – Deibel auch – warum sollte Debberitz nicht das gleiche tun ? Er war entschlossen , Fritzens Pläne zur Ausführung zu bringen . Die Prinzessin Karoline war wahrhaftig immer noch eine schöne , verführerische Frau , und wilde Hoffnungen durchwogten die Brust von Theodor Debberitz . Am Abend des bedeutungsvollen Tages teilte August den Eltern mit , daß Mimi eingewilligt habe , seine Frau zu werden . Mimi war lieb und glückstrahlend ; nur wenn Fritz anwesend war , konnte sie eine gewisse Befangenheit nicht überwinden . August zeigte sich von freundlicher Herablassung gegen den besiegten Bruder – er war von dieser Zeit an voller Rücksicht auf dessen Wünsche . Es kam ihm sehr gelegen , der Familie seiner Braut nicht als der Stellung suchende junge Mann , sondern als der technische Leiter und Mitgründer einer großen Unternehmung aufzutreten . Unter dem energischen Einfluß seiner beiden Söhne gab denn auch der alte Herr schließlich seine Zustimmung zum Verkauf der Grundstücke an Debberitz . Sie betrugen etwa drei Viertel des Rittergutes . Er selbst wollte nichts mit der Geschichte zu tun haben . Die Jungen konnten die Sache für ihn abschließen . Als alle Formalitäten des Verkaufs erledigt waren , überredete Fritz mit Hildens Hilfe seine Eltern , zur Besichtigung einer großen landwirtschaftlichen Ausstellung nach München und dann zu einer weiteren Erholungstur nach der Schweiz zu gehen . Die häufige Anwesenheit des Berliner Spekulanten im Schloß zu endlosen Verhandlungen mit Fritz und August , die dann meistens in opulenten Frühstücksmahlzeiten endeten , wäre von den alten Herrschaften doch schwer ertragen worden . So begann denn ein gewaltiges Schaffen in Rauschenrode , ein Wühlen , Graben und Bauen , das den stillen Waldfrieden jählings zerstörte und an seine Stelle vorläufig nur ein Chaos von Staub , Bauschutt , aufgerissenen Erdflanken und das Gestampfe , Geklopfe und Gedröhne eifrigster Arbeit setzte . Dabei war Fritz in seinem Element . Er zog durch seine stürmische Energie auch den trägeren Bruder mit sich fort . Erst einmal auf den richtigen Weg gebracht , zeigte sich August , wenn auch langsam in Entschluß und Ausführung , als umsichtiger und kluger Techniker . Trotz der verschiedenen Temperamente der drei Männer rückten die Bauten gut und schnell vorwärts . Im Herbst sollte die Tätigkeit des Elektrizitätswerkes beginnen . Die Konzession für die elektrische Bahn hatte man erhalten , denn Herzog und Ministerium des kleinen Bergstaats interessierten sich aufs lebendigste für die Neugestaltung der Dinge in ihrem Ländchen . Das Richtfest des Kurhauses sollte schon im Herbst gefeiert werden . Mit unglaublicher Schnelligkeit erhob sich der weitläufige Bau aus dem Innern der Erde empor zum Himmelsblau , und die Dorfleute kamen am Sonntag in hellen Scharen aus der ganzen Gegend herbeigeströmt , um das Wunderwerk zu schauen , das mit seinen Türmen und Altanen , seinen Sandsteinpilastern und Karyatiden an den gewölbten Toren das altersgraue Schlößchen Rauschenrode , ja sogar den fürstlichen Besitz Nassenstein an Pracht und Größe weit hinter sich ließ . Das Kurhaus war der Lieblingsbau von Debberitz . In ihm trachtete er alle seine Träume von weltlicher Herrlichkeit zu verwirklichen , und nur er wußte , welch ein gutes Teil seiner so leicht erworbenen Millionen dieser Bau verschlang , bei dem er unter den Augen der Kosegarten den Ehrgeiz entwickelte , zum erstenmal während seiner erfolgreichen Bautätigkeit solide zu Werke zu gehen . Aber er stellte auch sein Licht nicht unter den Scheffel : Jede Woche fand sich in irgendeiner hauptstädtischen Zeitung eine Notiz über den Fortschritt des Baus , über ein scherzhaftes Abenteuer , das der große Berliner Baumeister , der die Entwürfe geliefert , bei seiner Anwesenheit mit einem Harzer Holzweiblein erlebt hatte , über den Wettbewerb unter den bedeutendsten jungen kunstgewerblichen Meistern um die Ausgestaltung der Innenräume , über die Summen , mit denen schon die eingesandten Entwürfe gekrönt wurden . Debberitz kannte seine Mitbürger von Berlin W. Aus zahllosen Familien der reichen Industriellen , der Kaufleute und Bankiers erklangen die Anfragen an ihn , wann man den Feenpalast in Rauschenrode beziehen könne . Man drängte sich um die Vorausbestellung von Wohnungen für die erste Saison , und Debberitz konnte Fritz und August eines Tages freudestrahlend berichten , daß alle Zimmer des großen Baus für Juli und August des nächsten Jahres bereits in festen Händen seien . Fritz drängte zu einer baldigen Heirat seines Bruders , und August sah die Notwendigkeit der angedeuteten Gründe vollständig ein . Die Verfügung über Mimi Rahlens nicht unbeträchtliches Vermögen gab ihm Debberitz gegenüber eine unabhängigere und würdigere Stellung . Anfang September wurde Hochzeit auf Niedernrode gehalten , nur die nächsten Nachbarn und die notwendigsten Onkel , Tanten , Kusinen und Vettern waren geladen , im ganzen etwa achtzig Personen . Dann zog Mimi als junge Herrin auf Rauschenrode ein , auf eine Hochzeitsreise verzichtete man . Für Herrn Theodor Debberitz bedeuteten diese Monate nur eine Reihe großer und kleiner Triumphe . Zwar , der alte Herr machte auch nach seiner Rückkehr aus der Schweiz noch immer einen weiten Bogen um seine gewichtige Person . Aber Frau Marie begriff , daß sie es Debberitz zu danken hatte , wenn ihr Fritz im Lande blieb . Das stimmte sie milder gegen manchen Taktfehler und gegen die Erinnerung an seine mit ärgerlicher Kleptomanie behaftete Frau Mama . Augusts junge Gattin besaß viel zuviel von dem Instinkt des richtigen Weibes , das die Interessen ihres Gatten von dem Moment an , in dem ihr Ja vor dem Traualtar gesprochen wurde , heftiger vertritt als er selbst . Und diese Interessen waren nun eng mit Theodor Debberitz verknüpft . Alles , was auf dem Schloß an Weiblichkeit versammelt war , beeiferte sich , seine kleinen und großen Lieblingsangewohnheiten kennenzulernen , seinen Eitelkeiten in liebenswürdigster Weise zu dienen . Eine aber gab es vor allen , die seinen Wert nach seinem vollen Maß zu schätzen wußte , das war Tante Trinette . Im ernsten Gespräch wandelte sie mit Herrn Debberitz so manches Mal durch den Taxusgang und um die Parkwiesen , im Morgentau sowohl als auch beim Mondenschein , und ließ sich von ihm in die so gefährlichen wie spannenden Geheimnisse der Börsenspekulation einweihen . Sie , die bisher ihre Ersparnisse am liebsten nach Urgroßmutters Weise in einem Strumpf unter dem Strohsack aufgehoben hätte , vertraute jetzt auf den Rat dieses neuen Führers ihr Geld den merkwürdigsten Industrieunternehmungen an . Sie heimste sehr schnell einige nicht unbedeutende Gewinne ein und war davon wie berauscht . Debberitz fand als Dank abends auf dem Tische vor seinem Bett ein Fläschchen mit Kräutersirup , von den aristokratischen Händen des Fräuleins von Kosegarten destilliert und mit einer von eigener Hand geschriebenen Gebrauchsanweisung versehen . Er versicherte ihr bei jeder Gelegenheit , daß dieser Sirup die ungeahntesten Wirkungen auf seinen Organismus ausübe , und damit hatte er den letzten Rest von Tante Trinettens Herzen gewonnen . In seinem eigenen Herzen aber spielte sich zu der gleichen Zeit ein seltsamer Kampf ab . Er war zweimal von der Prinzessin Karoline in Audienz empfangen worden . Ihre munteren Braunaugen , die von den vornehmsten Parfümen umhauchten Üppigkeiten ihrer Gestalt , die wogenden Seiden und Spitzen ihrer Toiletten übten eine heftige Wirkung auf seine Sinne aus . Es geschah ihm wahrhaftig , daß er nicht nur von Zahlen und Gütererwerbungen träumte , sondern sich selbst und die Prinzessin Karoline in verführerischen und zärtlichen Situationen erblickte . Nach solchen Träumen voll entzückender Phantasiegebilde beschloß er allen Ernstes bei sich , um die Gunst der Prinzessin Karoline zu werben . Den seit Jahren in Langenrode umgehenden Gerüchten zufolge war sie nicht allzu schwer zu erwerben . Er , Thete Debberitz , der Liebhaber einer Schwester des regierenden Herzogs von Langenrode-Hirschburg-Nassenstein und seines eigenen Landesvaters ! Schließlich war es sogar schon häufig vorgekommen , daß eine Fürstin einem Bürgerlichen die Hand zum Ehebund gereicht hatte ... War Theodor Debberitz an diesem Schlußakkord seiner Phantasien angelangt , so befiel ihn jedesmal ein eigenes Zagen , eine dunkle Angst des Plebejers vor der allzu nahen Berührung und Vermischung mit jenen glorienumstrahlten Göttern höherer Sphären , als die ihm die Regierenden von jeher erschienen waren . Ehrenvoll mußte es ja freilich sein , der Gemahl einer Prinzessin heißen zu dürfen ... Aber , du lieber Gott ! man lebte nicht von der Ehre allein , man wollte auch seine Behaglichkeit haben . Und so eine Prinzessin ... Donnerschock ! – deren Wünsche und Bedürfnisse waren ihm denn doch zu fremd , als daß sie nicht peinvolle Ängste an seinem Geist erregt hätten . Nein , das Behagen – was man so das richtige Herzensglück nennt – worunter Herr Debberitz das Pflegen , Hüten und Umschmeicheln seiner werten Person verstand , das wäre von anderer Seite eher gesichert . Fräulein Hilde hielt sich in mädchenhafter Scheu und zuweilen sogar in trotziger Abwehr vor ihm zurück , er fand es begreiflich genug : sie wollte nicht , daß man ihr nachsage , sie laufe dem reichen Manne nach . Aber wenn bei reiche Mann sich zu ihr hinabneigte und das blutarme , adlige Fräulein zu seiner Gemahlin erheben würde – dagegen würde sie sich doch nicht wehren – nicht wahr ? – Dagegen würde sich doch keine wehren ! Übrigens blutarm ? ... Dem Anschein nach wohl , indessen , ein überlegsamer Mann , wie er war , sah denn doch weiter . Besaß sie nicht eine Tante mit einem , wie er jetzt wußte , sehr beträchtlichen Vermögen , das nur zum kleinsten Teil auf Rauschenrode stand ? Wer konnte Fräulein Trinette von Kosegarten hindern , mit Umgehung ihrer nähern Verwandten ihr Geld jener geliebten Nichte zu vermachen , wenn diese und ihr Gatte das alternde Fräulein mit Liebe und Aufmerksamkeit umgeben und ihr an ihrem häuslichen Herd eine Heimat bieten würden ? Bei diesen Plänen überkam ihn doch nicht peinliche Angst . Sie konnten doch mit Mitteln , wie er sie bereits lange geübt hatte , gefördert werden . Und erteilte Herr Debberitz Tante Trinette bei ihren Spekulationsgelüsten sehr vorsichtigen und überlegsamen Rat , so geschah das nicht zum mindesten in dem Ausblick auf eine Zukunft , da ihm und seinen Kindern diese Gewinne einmal zugute kommen würden . Hilde fühlte sich von einem stillen Einfluß umgeben , der sich bemühte , zugunsten von Debberitz zu wirken . Daß auch die Tante Marie sich vorzustellen vermochte , sie passe als Gattin zu Theodor Debberitz , kränkte sie unsäglich . War es nicht der Beweis , wie wenig Frau Marie , der sie in all ihren intimsten Sorgen und Nöten zur Seite gestanden hatte , es der Mühe wert gefunden , nun auch für ihr Wesen eine Art Verständnis zu gewinnen . Hilde empfand es daher mit einem Glück , dessen Heftigkeit sie zuweilen erschreckte , wenn Fritz bei den Unterhaltungen mit ihr , die er entschieden zu suchen schien , ihr mehr von den Erlebnissen und Erfahrungen der verflossenen elf Jahre mitteilte als seinen Eltern . Aber gleich sagte sie sich hart : Wie er Zipperjahn die goldene Uhr schenkte , so gibt er mir ein Stückchen von seiner Weltkenntnis ... gleichsam als Reisegeschenk ... Einst saßen sie auf einem Hügel , von dem man das in den stillen Wiesen ruhende , von den Waldbergen umschlossene Dorf zu überschauen vermochte . Der westliche Himmelsrand war von schwarzem Wolkengetürm beladen , in fahlen Lichtern zuckte es aus dem Dunkel . Ein Heuwagen rasselte in die Dorfstraße , wo die Leute vor den Türen standen und nach dem Wetter schauten ; die Hündchen kläfften , und die Kinder spielten . » Wie man sich nach so etwas oft gesehnt hat , « sagte Fritz . » So eng und klein , wie das alles hier sein mag – es hat doch einen idyllischen Zauber wie alte Kindermärchen und Großmuttergeschichten . « » Das Erbe von Jahrhunderten läßt sich auch in dir nicht so schnell verleugnen , « antwortete Hilde nachdenklich . » Das merk ich heut wie nie zuvor , « gab Fritz zu . » Alte Instinkte und Geschmacksrichtungen wachen in mir auf , ich begreife Papa vollkommen , mit seinem Ärger und Haß gegen unsere Neuerungen . Siehst du , solchen Zwiespalt der Empfindungen , den kennt man in Amerika nicht . Dort zerstört man keine feine , alte Romantik . Die Welt ist für uns Junge da als unsere Beute und unser Eigentum , darum ist der Amerikaner durchschnittlich auch viel einfacher und unkomplizierter in seinem Denken und Empfinden und deshalb auch viel froher . – Ich glaube , Hilde , ich darf nicht zu lange hierbleiben , sonst komme ich aus meinem Gleis und werde ein sorgenvoller Kopfhänger , wie ihr es hier alle mehr oder minder waret , als ich wie eine Bombe zwischen euch platzte . « Hilde fuhr sein Wort wie ein wehtuender Stich durchs Herz . Während sie unter den ersten lauen Regentropfen heimgingen , fühlte sie , daß sie die Erinnerung dieser Stunde sorglich hegen werde in der nahenden Einsamkeit . Und dann kam eine andere Abendstunde , die das feine goldene Freundschaftsgespinst , das sich zwischen beiden zu weben begonnen , gewaltsam zerriß . Es war in Niedernrode , und Mimi und August sollten am nächsten Morgen Hochzeit feiern . Die Nacht war erhellt von den schwebenden Leuchtkugeln aufsteigender Raketen , von dem Niederregnen tausendfarbiger Funkelsterne , von dem künstlichen Rot und Grün bengalischer Flammen , und die stillhauchende Sommerluft wurde bewegt von dem Geknatter , dem Gezisch und Geprassel wirbelnder Feuerräder , die zu Ehren des Brautpaares auf dem Platz vor dem Niedernroder Schloß abgebrannt wurden . Alle Parkwege waren durchschwärmt von hellen Gestalten , von rauschenden Seidenschleppen , von klirrenden Sporen , blitzenden Epauletten und funkelnden Uniformen , denn manches Pärchen unter der Jugend zog es vor , statt im Gedränge der Gäste und der Dorfleute das Feuerwerk zu schauen oder es mit den ältern Damen und Herren von den Fenstern aus zu genießen , das bunte Geleuchte durch den Schleier der grünen Parkbäume und Büsche in der Ferne aufglühen zu sehen . Schwebende Reihen vom Nachtwind hin und her geschaukelter japanischer Laternen hingen über den Wegen und schwangen sich in farbigen Bogen von Baum zu Baum , von Busch zu Busch . Eine Musikkapelle , die in dem weit geöffneten Gartensaal spielte , streute ihre schmeichlerischen Weisen wie abgerissene Ketten silberner Klangperlen durch die bewegte Mitternacht . Da war es gewesen , daß Fritz , von Wein und Tanz erhitzt und in einer übermütigen , lustigen Stimmung , von seiner Mutter ausgesandt wurde , um Hilde zu suchen , der Frau von Kosegarten irgend etwas Dringliches mitzuteilen wünschte . Er war auf seinem Streifzug an manchem flüsternden und kichernden Pärchen vorübergekommen , und sein Blut wallte heiß in einer jähen Sehnsucht , das Mädchen zu finden , dessen er noch vor einer Stunde nur in brüderlichem Gleichmut gedacht hatte . Er traf sie endlich auf einer fernen Bank , eine schmale , weiße Erscheinung , die wie ein Nebelstreif aus dem Dunkel leuchtete . » Hilde ? « fragte er leise , sich zu vergewissern , denn sie hielt den Kopf tief gesenkt . Als sie ihn hob , sah er , daß ihr Gesicht von Tränen überflutet war . » Hilde , « flüsterte er heiß und heftig , » du darfst nicht weinen ! Du nicht ! « Und er hob sie , mit dem Arm sie umschlingend , von der Bank , küßte ihr die Tränen von den Augen und küßte mit heißem Kuß auch ihren Mund . Er fühlte sie hingegeben sich in seinen Arm schmiegen , fühlte den warmen Mädchenkörper schauern und beben , während sie willenlos ihren Mund seinen Lippen bot und sich von seinem Kuß nicht zu trennen vermochte . Es war eine Sekunde wortlosen Genießens für beide . Dann rissen sie sich voneinander , blickten sich erschrocken an , und Fritz lachte ein wenig verlegen . » Mama rief nach dir , da versprach ich , dich zu suchen , « sagte er verwirrt , nahm ihre Hand und versuchte sie leise zu streicheln . Sie aber entzog sie ihm hart und schnell . » Ich komme , « stieß sie mit einem feindseligen Klang hervor und stürmte fliehenden Fußes den dunklen Gang entlang . Er eilte ihr nach . » Hilde , « bat er an ihrer Seite , » sei mir nicht böse ! Es war nur eine wilde Polterabendstimmung . « » Ich – böse ? – Warum sollte ich böse sein ? « schluchzte sie heftig auf . » Kann ich mich wundern , wenn ihr denkt , ich sei zu jeder wilden Polterabendstimmung gut genug ? « Sie stampfte mit dem Fuß und schüttelte die geballten Hände in der Luft hin und her , während ein Weinen wie ein langer Wehlaut aus ihrer Kehle drang . » Um Gottes willen , Mädchen ! « sagte Fritz leise und zornig , » gebärde dich doch nicht so ! Ich habe dir doch in frühern Zeiten manchen Kuß gegeben . Warum hast du dich nicht gewehrt , wenn es dir nicht recht war ? « Sie flüchtete in den Schatten eines Baumes und drückte den Kopf gegen seine kühle Rinde . » Ich bin ja unsinnig , ich weiß es ja , « stieß sie leidenschaftlich hervor . » Ich bin einmal ein unglückliches Geschöpf . Nimm mich nur , wenn du mich nehmen willst , ich wehre mich ja nicht . – Siehst du , da bin ich ! « Sie wendete sich mit einem hastigen Ruck zu ihm , streckte ihm die Hände entgegen und zeigte ihm ihr blasses , tränenbetropftes und in Verzweiflung verzerrtes Gesicht . » Da bin ich , « flüsterte sie heiser , heiß und feindlich , » die Beute für einen jeden , der mich will . Hörst du denn nicht ? « Mit zusammengebissenen Zähnen , von denen die roten Lippen sich zurückgeschoben hatten , starrte sie ihn atemlos an . Fritz , plötzlich wieder ernst und ernüchtert , griff nach ihrem Handgelenk , schüttelte es derb , ohne jede Zärtlichkeit . » Bitte , komm zu dir , Hilde , aber schnell , hörst du ? Ich habe kein Wort verstanden von dem , was du redest ! Das laß dir gesagt sein . Für morgen ! « Sie stand , den Kopf tief gesenkt , wie ein gebändigtes armes Tier unter seiner scharfen Berührung . » Fritz , « klagte sie leise , » kannst du dir nicht denken , wie es in mir aussieht ? « » Nein , « sagte er hart . » Wie soll ich mich in eure hysterischen Schmerzen versetzen können ? Ich habe dich für ein verständiges Mädchen gehalten , und wenn ich dich nicht gern hätte , würde ich dich wohl auch nicht geküßt haben . Im übrigen sollst du in Zukunft nicht mehr über mich zu klagen haben . « Er verbeugte sich kurz und wies ihr mit einer Handbewegung den Vortritt , indem er zugleich andeutete , daß er sie durch seine Begleitung nicht belästigen werde . » Mama erwartet dich oben im gelben Salon . « Während Hilde , sich die Augen trocknend , unter den bunten , im Nachtwind schaukelnden japanischen Laternen dahineilte , war es ihr , als ob diese letzte Bemerkung ihres Vetters wie ein Befehl geklungen habe . ... Auch ihm bin ich weiter nichts als die arme Verwandte , die zu jedem Dienst bereit sein muß und sich noch freuen darf , eine gelegentliche Zärtlichkeit des jungen Herrn in Empfang zu nehmen , dachte sie in verzweifelter Verbitterung , und der nahe Abschied von Rauschenrode und von all den Menschen , die sie bisher geliebt hatte , dünkte ihr nun eine Erlösung aus unerträglicher Qual . Zwischen August und Debberitz bahnte sich allmählich eine große Verständigung an , die ihre Spitze gegen den Amerikaner richtete . So nannten sie Fritz unter sich . Die beiden hatten ihre Arbeitsgebiete getrennt und kamen dadurch naturgemäß weniger in Kollision , und seit August als Kapitalist durch das Vermögen seiner Frau an dem Unternehmen beteiligt war , begegnete ihm Debberitz einerseits mit größerer Hochachtung , anderseits kamen ihre Interessen sich dadurch in Wahrheit näher . Fritz hatte kein bestimmtes Feld der Tätigkeit . Er war überall und nirgends – aneifernd , treibend , auf Schäden und Schwierigkeiten hinweisend . So machte er sich oft genug bei beiden mißliebig . Alles ging ihm zu langsam , alle Berechnungen wurden ihm zu kleinlich und knauserig ausgeführt . All die tausend Rücksichten , die von den beiden andern genommen wurden , um wichtige Persönlichkeiten nicht zu verletzen , verhöhnte er als übertrieben und lächerlich . Ja , es war nicht zu leugnen , ein gewisses großsprecherisches Amerikanertum trat neuerdings in seinem Wesen mehr in den Vordergrund , ärgerte seine Familie und ließ die überschwengliche Dankbarkeit , mit der man ihn nach seinem ersten tatkräftigen Eingreifen überhäuft hatte , in den Hintergrund treten . Endlich kam es zwischen ihm , Debberitz und August zu einer heftigen Auseinandersetzung . Er forderte eine deutliche und klar abgegrenzte Stellung als dritter Leiter des Unternehmens . Er forderte ein bestimmtes hohes Gehalt und bedeutende Tantiemen . Das zu bewilligen war beiden Herren unbequem . Sie erklärten , daß die aus dem Unternehmen zu ziehenden Gewinne durchaus noch nicht so sicher seien , daß man außer den Dividenden , die man den Aktionären zu zahlen haben werde , sich auf ein hohes Gehalt für einen dritten Direktor einlassen könne . In der ersten Generalversammlung der Gesellschaft , die Anfang Oktober stattfand , unterstützten sie Fritz in seinen Forderungen keineswegs mit der Energie , die er erwartet hatte . Und so bewilligte man ihm denn nur die knappe Hälfte dessen , was er wünschte . Debberitz fügte dem mit ihm aufzusetzenden Kontrakt noch einen Paragraphen bei , in dem es der Gesellschaft gestattet war , ihn nach halbjährlicher Kündigung entlassen zu können . Fritz erklärte rundweg , auf diesen Kontrakt nicht eingehen zu können . Er stellte der Gesellschaft anheim , in einem halben Jahr , wenn die Sachen sich mehr geklärt haben würden , auf seine Ansprüche zurückzugreifen und sie in der nächsten Versammlung nachträglich zu bewilligen . Sonst würde er sich sofort von dem Unternehmen zurückziehen . Man nahm diesen Ausweg an , weil man allgemein die Empfindung hatte , daß man seine Tatkraft und seine Geschäftskenntnis jetzt nicht entbehren könne . Es wurden auch Stimmen laut , er werde wohl seine Ansprüche mit der Zeit noch herabschrauben und später besser mit sich reden lassen . Es war heftig genug zugegangen bei den Debatten , und die Brüder kehrten in einem unangenehmen Schweigen und mit verstimmten Gesichtern aus Langenrode heim . August äußerte sich zu Frau und Eltern empört über die bei der Generalversammlung zutage getretene Geldgier seines Bruders . Fritz äußerte sich zu niemand , aber während er , amerikanische Gassenhauer pfeifend , im Schloß aus und ein ging , prägte sich ein gewisser kalter sarkastischer Zug immer deutlicher in seinem Gesicht aus . Er fuhr in dieser Zeit mit seinem Automobil nach Halle , um dort die Verhandlungen mit dem Professor und den zwei Assistenzärzten , die man zur Leitung des Sanatoriums in Vorschlag gebracht hatte , definitiv abzuschließen . Von hier aus telegraphierte er , man möge ihn erst in einer Woche zurückerwarten ; da er noch in eigenen Angelegenheiten in Hamburg zu tun habe . Er kehrte gelassen heiter zurück . Welcher Art die persönlichen Geschäfte waren , die ihn zu dem Ausflug veranlaßt hatten , erwähnte er zu niemand , aber man war es ja auch nicht gewöhnt an ihm , daß er seine eigenen Angelegenheiten im Kreise der Familie vertraulich durchgesprochen hätte . Es gab in diesem Jahr eine besonders reiche Pflaumenernte . Die gesamte Weiblichkeit des Schlosses mußte beim Entsteinen helfen . In dem größten , blitzblank gescheuerten Kupferkessel des geräumigen Waschhauses brodelte der braune Pflaumenbrei . Sobald die Tür geöffnet wurde , quoll ein süßer , schwerer Würzduft bis hinauf in die Wohnräume . Das Pflaumenmuskochen war immer eine wichtige Angelegenheit . Die alte Wibekken aus dem Dorfe , die schon seit einem halben Jahrhundert bei allen Wochenpflegen , Kindtaufen , Sterbebetten und beim Pflaumenrühren helfen mußte , stand am Kessel und bewegte mit einem Holzgestell in hingebender Treue unaufhörlich den braunen Brei , um ihn vor dem Anbrennen zu bewahren . Aus dem rosenrot geblümten Kopftuch , in dem sie ihr graues Haar verborgen hatte , blickte das runzlige Greisenantlitz mit seinen trüben , rotumränderten Augen sonderbar genug hervor . Mamsell Wärmchen erschien zuweilen , um diese oder jene seine Zutat an Gewürz und auserlesenen Wallnüssen der Masse im Kessel hinzuzufügen . Auch die junge Herrin kam in Hildens und ihrer Schwiegermutter Begleitung , das Einkochen in Augenschein zu nehmen und mit ihrem Rat zu unterstützen . Mamsell Wärmchen , deren runde Backen wie zwei Pfingstrosen glühten , preßte , sobald sie der jungen Frau von Kosegarten ansichtig wurde , die Lippen zusammen und drückte mit einer störrischen Bewegung das Kinn zurück . Mimi fragte sie liebenswürdig heiter , ob sie wohl getrocknete Apfelsinenschalen mitkochen lasse , sie hätten das immer getan in Niedernrode , es gebe so einen pikanten Geschmack . » Jedes Haus hat eben seine Gewohnheiten beim Pflaumenmuskochen , « sagte Mamsell in einem scharfen Ton , indem sie vermied , die junge Frau von Kosegarten anzusehen . » Ich kann die Verantwortung nur übernehmen , wenn ich unser altes Rauschenroder Rezept benutze . Nun – nächstes Jahr , da können ja die gnädige Frau alles auf Ihre Weise machen , da bin ich ja denn nicht mehr hier . » Ja , « schloß sie tief aufseufzend , » da bin ich nicht mehr hier . « » Aber , Wärmchen , was Sie sagen , « rief die Wibekken ganz erschrocken , » Sie werden doch die Herrschaft nicht verlassen ? ! Wo wollen Sie denn hin ? « » Gott , « sagte die Wärmchen und machte vor Wichtigkeit einen ganz spitzen Mund , » es sind ja so manche Veränderungen hier vorgegangen . Warum sollte ich mich denn da nicht verändern ? « Frau Marie lachte über ihr ganzes freundliches Gesicht . » Ja , was Sie denken , Wibekken , Mamsell Wärmchen ist im Steigen . Sie pachtet mit Schottenmaier zusammen die Wirtschaft im Kurhaus , wenn das nächsten Frühling eröffnet wird . « Die alte Wibekken ließ vor Schrecken und Staunen den Rührer fast in die kochende Masse fallen . » Nee , is ja woll nich möglich , « schrie sie hell heraus , » wo haben Sie denn dazu das Geld her , Wärmchen ? Ich habe mir doch immer sagen lassen , dazu muß eins eine Kantion stellen , oder wie sie das Dings nennen ? « » Nun ja , « sagte Wärmchen zufrieden und strich mit beiden Händen ihre Schürze glatt , eine Bewegung , die bei ihr der Ausdruck höchsten Wohlbehagens war , » man hat sich ja was gespart . Der Herr Debberitz sieht sich schon seine Leute an . Allen und jeden nimmt er nicht . Ach nein . Aber bei mir und Herrn Schottenmaier da geht er ja sicher , auch so was die feine Küche betrifft , geschmeckt hat ' s ihm ja immer bei uns . « » Ja , ja . Mamsellchen wird eine einflußreiche Persönlichkeit , « rief Hilde , » und wer weiß , schließlich , wenn sie das Kurhaus einmal zusammen haben , wird Herrn Schottenmaier auch seine Witwerschaft leid , und ihr Myrtenstöckchen gibt doch noch einen Brautkranz . « Mamsellchen kicherte verschämt . » Es is ja noch noch aller Tage Abend , « gestand sie mit niedergesenkten Augen . » Schottenmaier hat ja schon verschiedentlich solche Andeutungen gemacht , aber ich sage immer : » Erst das Geschäft und dann das Vergnügen . « Man darf den Männern nicht zu viel Avancen machen . « » Da haben Sie recht , da haben Sie aber sehr recht . Mamsellchen ! « rief eine vergnügte Männerstimme , und Fritzens brauner Kopf schaute in die Tür . » Wer ist denn der Glückliche ? « fragte er , Mamsellchen mit schelmischen Augen zwinkernd ins Gesicht schauend , » dem nicht zu viel Avancen gemacht werden sollen ? Doch nicht etwa ich selbst ? Mir können Sie schon welche machen , Wärmchen ! Ich bin nicht so eingebildet wie die andern Kerls , bei denen Sie sich in acht nehmen müssen . Sie