, die noch in Interlaken weilte , während ihr Vater sich schon seit einigen Wochen in Berlin befand . Statt der Antwort kam ein Telegramm , in dem Edith sich zu einem kurzen Besuch in Gernsbach anmeldete , sie werde auf ihrer Rückreise den Umweg machen . Der jungen Frau kam das zwar überraschend , aber sie fand es erklärlich , Ronald war nach Steinfeld geeilt , wahrscheinlich um dort seine Maßregeln gegen jeden Angriff zu treffen , und Steinfeld lag nur einige Stunden entfernt . Da wollten die Verlobten natürlich hier zusammentreffen , sie hatten sich ja seit Monaten nicht gesehen . Die beiden Damen saßen wieder auf der Terrasse des Herrenhauses , aber nicht im ruhigen , behaglichen Geplauder wie damals im Frühjahr . Zwar zeigte Edith äußerlich die gewohnte Selbstbeherrschung , sie fragte nach allerlei gleichgültigen Dingen und erzählte von ihrer Reise , aber das war nicht mehr die kühle , vornehme Weltdame , die zu einem Besuche auf dem Lande war und die Menschen hier so unglaublich spießbürgerlich und unbedeutend fand . Sie sah bleich und überwacht aus , als liege eine schlaflose Nacht hinter ihr , und so lebhaft sie auch sprach , man sah es , daß sie mit ihren Gedanken ganz anderswo war . Die junge Frau saß befangen und beklommen neben ihr . Sie hatte den Zweck des Besuches noch mit keiner Silbe berührt , jetzt aber brachte ihn Edith selbst zur Sprache . » Du hast mich noch gar nicht gefragt , Wilma , weshalb ich dich so unvermutet überfalle , « sagte sie . » Vermutlich hast du es schon erraten . « » Ich glaube ja , « entgegnete Wilma etwas unsicher . » Ich wollte dich aber gestern abend bei deiner Ankunft nicht gleich mit Fragen quälen . Ronald ist ja in Steinfeld , und da habt ihr hier eine Zusammenkunft verabredet , nicht wahr ? « » Verabredet – nein ! Ronald weiß es natürlich , daß ich hier bin . Ich habe ihm Nachricht gesandt , und er wird wohl herüberkommen , sobald er sich frei machen kann . « Die junge Frau sah sie betroffen an . Keine Verabredung ? Und Ronald wurde nicht einmal bestimmt erwartet – was aber führte dann ihre Cousine her ? Diese ließ ihr jedoch nicht viel Zeit , darüber nachzudenken , sondern fuhr hastig fort : » Zunächst handelt es sich um etwas anderes : Herr Raimar wird heute vormittag nach Gernsbach kommen . Du entschuldigst es wohl , wenn ich ihn allein empfange . « » Unser Notar ? « Wilma fiel von einem Erstaunen in das andere . » Er wollte mir allerdings den neuen Pachtkontrakt selbst bringen , aber – « » Sein heutiger Besuch gilt mir , « unterbrach sie Edith . » Ich habe ihn darum ersucht ; bitte , sorge dafür , daß ich ihn ungestört sprechen kann . « » Du willst seinen Rat hören , wegen jener – jener peinlichen Angelegenheit ? « fragte die junge Frau , die sich diese seltsame Einladung nicht anders zu erklären wußte . » Raimar ist allerdings Jurist und ziemlich bekannt in Steinfeld , aber du selbst kennst ihn ja kaum . « » Ich bitte dich , überlaß das mir , « sagte Edith , offenbar gepeinigt durch diese Fragen . » Ich wünsche nur eine Auskunft , die mir Herr Raimar am besten geben kann und wohl auch geben wird – unsere Unterredung wird nicht lange dauern . « Sie stand auf , trat an die steinerne Brüstung und begann die roten und gelben Blätter der dort rankenden Weinreben zu zerpflücken . Es lag eine nervöse Hast in dieser Bewegung , eine mühsam verhaltene , aber fieberhafte Unruhe in ihrem ganzen Wesen . Wilma war ihr gefolgt und wagte es jetzt endlich , den Hauptpunkt zu berühren . » Du hast natürlich die Flugschrift gelesen , das › Hexengold ‹ ? « » Ja , mein Vater sandte es mir – du kennst es auch ? « » Ich erhielt es durch den Notar Treumann , – Edith , um Gottes willen , das sind ja furchtbare Dinge , die Ronald da vorgeworfen werden ! Was wird er thun ? « » Was er thun wird ? « Es blitzte drohend auf in den Augen des schönen Mädchens . » Den Kampf aufnehmen . Das ist doch selbstverständlich . Er wird die Antwort darauf nicht schuldig bleiben . « » Er hat ja bereits geantwortet , aber er erklärt , sich mit einem solchen Gegner nicht einlassen zu wollen . « » Mit dem Namenlosen ! « Es klang wie bitterer Hohn in den Worten . » Nun , vielleicht zwingt man ihn doch noch , sich zu nennen . – Ah , da kommt ein Wagen ! Herr Notar Raimar scheint pünktlich zu sein . « Sie deutete auf die Allee , die zum Herrenhause führte , und in die jetzt ein offener Wagen einbog . Wilma blickte gleichfalls hinüber . » Ja , er ist es , « bestätigte sie . » Aber ich glaube – ich glaube , Major Hartmut sitzt neben ihm . « Die junge Frau war dunkelrot geworden und wandte sich ab , um ihre Verwirrung zu verbergen , aber Edith bemerkte das nicht . Sie hatte sich emporgerichtet und blickte mit fest zusammengepreßten Lippen und finsteren Augen dem Wagen entgegen , als erwarte sie einen Feind . » Major Hartmut ? « wiederholte sie . » Gleichviel , es wird sich ja wohl irgend ein Vorwand finden , Raimar allein zu sprechen . « Als die Herren zehn Minuten später in den Salon traten , fanden sie beide Damen dort . Die Begrüßung zwischen Edith und Raimar entsprach der Kürze ihrer Bekanntschaft , sie war zurückhaltend und fremd . Hartmut wunderte sich allerdings , als er Fräulein Marlow erblickte ; aber die Erklärung , daß sie auf der Rückreise von der Schweiz ihrer Cousine einen Besuch mache , klang sehr wahrscheinlich , er zweifelte nicht daran . Diese Reise und seine Ankunft gaben hinreichenden Stoff zu dem kurzen Gespräch , mit dem man der äußeren Form Rechnung trug , dann bat Frau von Maiendorf den Major , die neuen Wagenpferde zu besichtigen , die sie kürzlich gekauft hatte , sie wünschte ein sachverständiges Urteil darüber . Er ging mit vollem Eifer darauf ein und bemerkte es kaum , daß sein Freund zurückblieb . Der gute Arnold hatte viel zu sehr seine eigenen Angelegenheiten im Kopfe , um ein scharfer Beobachter zu sein . Edith und Raimar waren allein . Er hatte die anderen beiden bis zur Thür begleitet und kehrte nun zurück , aber ohne seinen Platz wieder einzunehmen . Er blieb stehen , der jungen Dame gegenüber , deren Augen wie mit einer finsteren Frage auf seinen Zügen ruhten . Sie sah es freilich , daß er ein anderer geworden war in den letzten Monaten . Was sich bei der Ankunft Hartmuts nur erst andeutungsweise verriet , das prägte sich heute scharf und unverkennbar aus – das Freiwerden einer lang gefesselten Natur . Jetzt waren die Fesseln abgeworfen , Ernst wußte es freilich , daß er auch hier in einen Kampf ging , und hatte sich gewaffnet . Er war nicht im Zweifel über das , was zur Sprache kommen sollte bei dieser seltsamen Einladung . » Sie haben befohlen , gnädiges Fräulein , « begann er . » Ich erhielt Ihren Brief und beeilte mich , Ihrem Wunsche nachzukommen . « » Ich möchte eine Frage an Sie richten , « sagte Edith , die jede Einleitung für überflüssig zu halten schien . » Vielleicht können Sie mir die Antwort geben , vielleicht auch nicht . In jedem Falle bitte ich um ein offenes Ja oder Nein . « Er verneigte sich schweigend . » Sie kennen vermutlich die Flugschrift , die vor etwa acht Tagen erschienen ist und jetzt das Tagesgespräch bildet – › Hexengold ‹ ? « » Ja , gnädiges Fräulein . « » Und Sie kennen auch den Verfasser ? « » Ja ! « Edith fuhr auf , ein so unumwundenes Zugeständnis hatte sie doch nicht erwartet . » Nun , ich kenne ihn auch ! In der Stunde , wo ich die Schrift las , erriet ich auch den Verfasser – er heißt Ernst Raimar ! « » Ganz recht , « erwiderte Raimar kalt . » Ich bekenne mich dazu ; aber nun gestatten auch Sie mir eine Frage . Meine Schrift richtet sich gegen Herrn Ronald , gegen ihn allein , und Sie stellen mich zur Rede darüber ? « Edith zögerte , nur eine Sekunde lang , es war , als raube ihr etwas den Atem , dann aber kam die Antwort klar und fest von ihren Lippen : » Ich bin die Braut Felix Ronalds . « Ernst gab kein Zeichen von Ueberraschung , er hatte ja das auch längst erraten , in der Stunde erraten , wo Ronald hier in Gernsbach erschien ; nur etwas bleicher wurde er , als er die Bestätigung hörte . » Dann bin ich also auch in Ihren Augen gerichtet , « sagte er mit völlig beherrschter Stimme . » Ich sprach es Ihnen ja bereits aus , gnädiges Fräulein , wir sind nun einmal vom Schicksal dazu bestimmt , uns feindlich zu begegnen , und ich hätte es mit dieser Ueberzeugung sicher nicht gewagt , Ihnen wieder zu nahen . Sie waren es , die mich herrief . « » Ich wollte Gewißheit , « erklärte Edith , die sich jetzt auch erhob . » Für mich gab es freilich kaum noch einen Zweifel . Sie haben Wort gehalten , Herr Raimar . Sie wußten den Mann zu treffen , als dessen Feind Sie sich vor mir bekannten , und Sie führen Ihre Waffen meisterhaft . « » Im Kampfe braucht man eben die Waffen , « versetzte Ernst , ohne den verächtlichen Ton merken zu wollen , den sie auf jenes Wort legte . » Und Herr Ronald wird den Kampf wohl aufnehmen . « » Gegen wen ? « rief Edith mit flammenden Augen . » Gegen einen namenlosen Feind , der sich feig im Dunkel birgt und von dort aus seine Angriffe , seine Beschimpfungen auf einen Mann schleudert , der allen sichtbar dasteht ? So kämpft kein ehrlicher Gegner ! Ronald hat recht , der Angriff ist durch sich selbst gerichtet ! « Sie schienen die Rollen getauscht zu haben , heut war sie es , die sich von ihrer Erregung fortreißen ließ , während er ihr völlig unbewegt gegenüber stand , selbst die Beleidigung glitt ab an dieser eisigen Ruhe . » Sie sind im Irrtum , gnädiges Fräulein , « antwortete er , » Ich habe mich bereits genannt ! Ich hatte schwerwiegende Gründe , die Schrift ohne meinen Namen hinauszusenden ; anonym zu bleiben , war nie meine Absicht . Ich wollte nur die öffentliche Antwort abwarten . Diese ist gestern erfolgt , und die heutigen Abendzeitungen in Berlin bringen bereits meine Erklärung , in der ich mich zu der Autorschaft bekenne . Herr Ronald hat ja seine eigenen Quellen und erfährt das jedenfalls früher als das Publikum . Er weiß vermutlich schon in dieser Stunde , wer sein Gegner ist . « Der Angriff war abgeschlagen , Edith stand wortlos da , aber sie atmete tief und erleichtert auf , als er sich von jenem Vorwurf der Feigheit reinigte , als sei ihr damit eine Last von der Brust genommen . » Das konnte ich in der That nicht ahnen , « entgegnete sie endlich . » Dann allerdings war diese Unterredung überflüssig – ich bedaure , Sie bemüht zu haben . « Raimar neigte nur leicht das Haupt . » Vielleicht lassen Sie mir nun persönlich Gerechtigkeit widerfahren , mehr darf ich ja nicht fordern – leben Sie wohl ! « Er ging , wollte wenigstens gehen , aber da begegneten sich ihre Augen , und wie gebannt von diesem Blick blieb er stehen . Der eisige Ton war verschwunden aus seiner Stimme , sie hatte wieder den alten , verschleierten Klang , als er sagte : » Mein Fräulein – ein Wort noch ! « Mit einer abwehrenden Bewegung trat Edith zurück . » Ich glaube , Herr Raimar , wir haben uns nichts mehr zu sagen . « » Doch , eine Warnung habe ich Ihnen noch zu sagen ! Sie haben den Mann nicht gekannt , dem Sie sich verlobten . Er hat Sie geblendet mit seinen mächtigen Erfolgen , wie er Ihren Vater , wie er alle Welt blendete . Sehen Sie sich das Bild an , das ich von ihm gezeichnet habe , es ist das wahre . Wollen Sie wirklich diesem Manne Ihre Zukunft , Ihr Glück anvertrauen ? « » Sie sind sein Feind ! « erklärte Edith herb und bitter , » Sie haben alles in das Schlimmste gedeutet . Es mag sein , daß er über manches hinausgegangen , daß er sich über vieles hinweggesetzt hat – er ist eben Felix Ronald ! Den darf man nicht mit dem gewöhnlichen Maße messen , der kann es fordern , daß man ihm und seinen Schöpfungen andere Gesetze zugesteht . Sie sehen in ihm nur den Spekulanten – « » Das thue ich nicht ! « fiel Ernst mit vollem Nachdruck ein . » Ich habe es nicht versucht , meinen Gegner zu verkleinern , ich habe offen und rückhaltlos den großen , genialen Zug anerkannt , der in dem Manne wie in seinen Unternehmungen liegt ; aber es liegt auch ein Dämon in ihm , der anderen und vielleicht ihm selbst noch einmal zum Verderben wird . Hüten Sie sich davor ! « Ein leichtes Beben ging durch die Gestalt des Mädchens . Das waren ja fast Ronalds eigene Worte , er hatte ja selbst von dem Dämon gesprochen , der ihn emporgetragen und dem er folgen mußte . Edith dachte an seinen Ton und Blick , als er drohte , den Feind zu zertreten , wenn dieser seinen Weg kreuze . Da hatte sich jene dunkle Macht geregt , und es hatte ihr gegraut davor , aber gleichviel , jetzt war es zu spät zur Warnung und zur Reue . » Sie sprechen von meinem Verlobten , Herr Raimar ! Er hat mein Wort ! « » Und auch Ihr Herz ? « Edith schwieg , sie hatte ja sagen wollen , nur um diesem Gespräch ein Ende zu machen , um diesen Augen nicht länger Rede stehen zu müssen , aber die Lüge wollte nicht über ihre Lippen . Jetzt trat Ernst näher . » Edith ! – Nein , weichen Sie nicht so zurück vor mir ! Ich spreche ja nicht für mich . Ich habe abgeschlossen mit dem Hoffen , als ich jenen Schritt that , denn ich ahnte längst , wie es stand , und wußte , Sie würden mir das nie verzeihen . Vielleicht siegt Ronald in dem Kampfe , vielleicht bringt er meine Anklagen zum Schweigen . Er hat mächtige Bundesgenossen , ihm steht das Gold schrankenlos zu Gebote , und ich stehe allein . Aber wenn er auch droben bleibt , ich habe ihn der Welt gezeigt in seiner wahren Gestalt , und das löscht er nicht aus , auch bei Ihnen nicht , das tötet jedes Vertrauen . Edith , um Ihrer selbst willen , machen Sie sich los von dem unheilvollen Manne , fordern Sie Ihr Wort zurück ! Machen Sie sich frei , um jeden Preis ! « » Nein ! « sprach Edith , ohne ihn anzusehen , aber mit unbeugsamer Festigkeit . » Edith ! « » Nein ! « wiederholte sie . » Ich gab ihm mein Wort , die Zusage meiner Hand , als er noch sicher auf seiner Höhe stand . Er liebt mich , er legte mir alles zu Füßen , was er erreicht und errungen hatte , und ich habe das hingenommen als ein Recht , das mir gebührte . Und jetzt , wo ein Sturm heranzieht , der ihn bedroht , jetzt soll ich dies Wort brechen , soll die erste sein , die ihn in der Gefahr verläßt ? Muten Sie mir das im Ernste zu ? Sie wußten es ja doch im voraus , wie meine Antwort lauten würde . « » Ich habe es gefürchtet ! « sagte Raimar leise . » Und nun kein Wort weiter ! Wir dürfen uns nichts mehr sagen – gehen Sie ! « Ernst gehorchte , sein Blick streifte noch einmal düster das schöne Antlitz , dann ging er , ohne Lebewohl , ohne noch einen Blick zurückzuwerfen . Edith war allein , sie stand unbeweglich und blickte mit heißen , starren Augen auf die Thür , die sich geschlossen hatte hinter ihm – und ihrem Glücke . + + + Dort gingen zwei Menschen voneinander in derselben Stunde , wo sich zwei andere fanden . Am Ende des Parkes lag eine kleine Laube , halb versteckt im lauschigen Grün , ein Lieblingsplatz Wilmas , und dort saß Major Hartmut neben seiner Braut . Er hatte sich heute noch gar nicht erklären wollen , die kurze Bekanntschaft gab ihm ja eigentlich noch kein Recht dazu . Er wollte nur das Terrain sondieren , dann in hergebrachter Weise werben und , wenn er seiner Sache sicher war , mit dem Antrage herausrücken . Eigens zu diesem Zwecke hatte er ja die Uniform eingepackt , aber es war nichts mit dem Hergebrachten und dem ganzen weisen Plane . Als er da neben der jungen Frau saß und ihr in die Augen blickte , da war ihm das Herz mit dem Kopfe durchgegangen , und das Geständnis war urplötzlich über seine Lippen gekommen . Wilma hatte gar nichts gesagt , sondern ihm nur beide Hände hingestreckt , und da hatte er dann natürlich nicht die Hände , sondern die ganze kleine , blonde Frau in seine Arme und an sein Herz genommen , und jetzt sahen sie beide aus , als säßen sie mitten im Paradiese . Da kam jemand durch den Park gestürmt . Lisbeth war drüben im Pachthofe gewesen , um ihre Spielgefährtin , die kleine Tochter des Pächters , zu besuchen , die im gleichen Alter stand , und hatte erst bei der Rückkehr gehört , daß die Herren aus Heilsberg da seien . Zwar aus dem ernsten , schweigsamen Raimar machte sie sich nicht viel , aber Onkel Hartmut war auch mitgekommen und befand sich mit ihrer Mama im Parke . Nun rannte sie atemlos und mit fliegenden Locken durch die Gänge , um die beiden zu suchen , hörte Stimmen in der Laube und stürzte eiligst dorthin . Aber das kleine Fräulein blieb wie angewachsen am Eingange stehen und sperrte das rosige Mündchen weit auf vor Erstaunen . Da saß Onkel Hartmut , der ihre Mama in den Armen hielt und sie küßte , und die Mama ließ sich das ganz ruhig gefallen . » O ! « kam es endlich von Lisbeths Lippen , und nun fuhren die beiden auf . » Da ist sie – unser Mädel ! « rief Hartmut . » Was meinst du , Wilma , wir werden Fräulein von Maiendorf wohl um ihre Sanktion zu unserer Verlobung ersuchen müssen ? « Wilma streckte der Kleinen die Arme entgegen und zog sie an sich . » Um Lisbeths willen wollte ich ja allein bleiben , « flüsterte sie . » Aber als ich dich das erste Mal sah , Arnold , da hattest du mein Kind in den Armen und bewahrtest es vor dem tödlichen Sturze . Du wirst es lieb haben , ich weiß es ! « » Und wie ! « bekräftigte Arnold . » Komm her , Lisbeth ! Du wolltest ja gern ein Soldatenkind sein . Ich werde deine Mama heiraten – willst du mich zum Papa ? Dann bist du ein Soldatenkind . « Die kurze und bündige Auseinandersetzung fand volles Verständnis bei Lisbeth und erregte ihre höchste Zufriedenheit . Die Hurrascene von neulich hatte ihr aber sehr gefallen , und sie fand diese Gelegenheit zur Wiederholung äußerst passend . Sie schwenkte daher wieder ihr Hütchen und rief jubelnd : » Hurra Papa und Mama ! « » Das ist ein Mädel ! « sagte Hartmut in höchster Bewunderung . » Solch ein Mädel gibt es überhaupt gar nicht zum zweitenmal . Hurra , mein Fräulein Tochter ! « Damit faßte er die Kleine und hob sie hoch empor , während Wilma mit feuchten Augen und glückseligem Lächeln dabei stand . Die Meldung , daß Herr Notar Treumann soeben angelangt sei , unterbrach das Beisammensein und verursachte dem Major einen gelinden Aerger . » Der hat gewiß wieder irgendwo etwas ausgegraben , « sagte er mißvergnügt , » und nun rückt er mit den verschiedenen Jahrhunderten vor . Ich bin aber heut gar nicht historisch angelegt ; können wir ihn nicht los werden , Wilma ? « » Aber ich habe ihn ja selbst eingeladen , er kommt zu Tische , « erklärte die junge Frau ; » damals wußte ich freilich noch nichts von Ediths Besuch und « – sie blickte mit einem schelmischen Lächeln zu ihrem Bräutigam hinüber – » von einem gewissen anderen Ereignis . Ich muß ihn doch begrüßen – nein , Arnold , laß mich mit Lisbeth vorausgehen und komme erst in einer Viertelstunde nach . Du verrätst dich , und wir können doch unsere Verlobung nicht so Hals über Kopf proklamieren . « Arnold sah das zwar durchaus nicht ein , aber er blieb gehorsam zurück und zog die Uhr heraus , um die Viertelstunde gewissenhaft einzuhalten . Da tauchte urplötzlich Max Raimar auf , der von einem Spaziergange zu kommen schien , denn er trat durch die kleine Hinterpforte in den Park . Der junge Maler war heut einigermaßen verstimmt und nicht ohne Grund , Edith Marlow hatte gestern abend fast gar keine Notiz von ihm genommen und ihm deutlich gezeigt , daß er bei ihr noch immer in Ungnade war . Max wurde freilich jetzt nicht mehr gekränkt durch diese » Herzlosigkeit « der einst Angebeteten , denn er steuerte bereits einen anderen Kurs ; aber der Besuch störte ihm die Gernsbacher Idylle , und es war auch nicht leicht , sich vor den beiden Damen in seiner Doppelrolle zu behaupten . In den Marlowschen Salons war er nämlich der moderne Mensch gewesen , der mit allen Illusionen abgeschlossen hatte , und nebenbei das ringende Genie , das sich mit seinen – erst zukünftigen – Thaten nur auf den Boden der Wirklichkeit stellte . Hier auf dem Lande , der jungen , etwas schwärmerisch angelegten Frau gegenüber , war der Idealismus bei ihm ausgebrochen . Er sprach von Unsterblichkeit , schwelgte in hohen Gefühlen und machte » solche Augen « , wie Lisbeth sich ausdrückte . Der Maxl war eben eine vielseitige Natur . Der Anblick Major Hartmuts überraschte ihn nicht , er wußte ja , daß die Herren heut oder morgen nach Gernsbach kommen wollten . » Sieh da , Maxl ! « empfing ihn Hartmut , » Wo hast du denn den ganzen Vormittag gesteckt ? Man bekommt dich ja erst jetzt zu Gesicht . « » Ich war im Walde , « versetzte der junge Mann . » Ich bin heut morgen mit den entsetzlichsten Kopfschmerzen aufgewacht und mußte mich beim Frühstück entschuldigen . Das geht leider bei mir nicht so schnell vorüber . Ich glaube , Herr Major , es ist das beste , ich fahre mit Ihnen und Ernst nach Heilsberg zurück , nur auf zwei Tage . In diesem Zustande kann ich ja doch nicht malen . « » Du Armer ! « sagte der Major bedauernd . » Da kommst du ja ganz um den interessanten Besuch , Fräulein Marlow wird auch nur zwei Tage hier bleiben , wie ich hörte , und da willst du in Heilsberg sein ? Sag einmal , wie stehst du denn eigentlich mit deiner Millionärin ? Du sprichst ja gar nicht mehr davon . « Max war innerlich wütend über die Frage , aber er wollte um keinen Preis seine Niederlage eingestehen und zuckte daher nur die Achseln . » Erinnern Sie mich nicht daran – das ist vorbei ! Wer ist nicht einmal einem gleißenden Irrlicht gefolgt , das ihn verlockte ! Ich bin noch rechtzeitig zur Besinnung gekommen und habe mich losgerissen . Ich folge jetzt einem anderen , milderen Sterne ! « » Maxl , du wirst poetisch ! « bemerkte Arnold kopfschüttelnd . » Freilich , du machst ja jetzt in Idealismus , ich habe es schon gemerkt , und der milde Stern ist dir wohl hier in Gernsbach aufgegangen ? Schönes Rittergut , was ? Ist auch nicht zu verachten , wenn es auch nicht gerade eine Million ist . Bist du schon wieder auf der Jagd – beichte einmal ! « Der junge Maler sah ihn mißtrauisch von der Seite an . Dieser rücksichtslose Spötter war im stande , der Frau von Maiendorf von jenen früheren Plänen zu erzählen ; da galt es vorzubeugen . » Daran habe ich nicht gedacht , « erklärte er . » Ich frage diesmal nicht nach Geld und Gut . Ich weiß nur , daß ich liebe , daß ich erwacht bin aus jenem wüsten Traum . Ich scheue mich nicht , einen Irrtum , eine Verirrung offen einzugestehen . Ja , ich liebe die junge Herrin von Gernsbach , ich bete sie an ! « Um die Lippen des Majors zuckte es ganz eigentümlich , aber sein Gesicht blieb vollkommen ernst , während er dem jungen Manne anerkennend und ziemlich derb auf die Schulter schlug . » Brav von dir , Maxl ! Sehr brav ! In dem ausgebrannten Krater deiner Seele sproßt ja jetzt der reine Blumengarten . Also die junge Herrin von Gernsbach hat dir den Idealismus beigebracht ? Sehr schön – aber zur Frau bekommst du sie nicht . « » Und warum nicht ? « fragte Max gereizt , indem er sich die Schulter rieb . » Weil sie meine Frau wird ! « Der junge Maler fuhr zusammen und starrte den Redenden ganz fassungslos an . » Herr Major , ist das Scherz oder – ? « » Bitte , das ist vollkommener Ernst . Vor einer Stunde habe ich mich mit Wilma von Maiendorf verlobt , und wir werden baldigst heiraten . Du bist freundlichst eingeladen zur Hochzeit , kannst uns die Tischkarten zeichnen . « Arnold hatte im Uebermut seines Glückes gar keine Schonung für den armen Max , der noch immer wie vernichtet dastand , aber jetzt doch begriff , daß die Sache ernst war , und nun brach seine ganze Wut und Enttäuschung aus . » Sie sind verlobt mit Frau von Maiendorf ? Deshalb also kamen Sie wieder nach Heilsberg , deshalb haben Sie sich hier eingeschlichen , um mir – « » Oho , Maxl , nimm dich in acht ! « unterbrach ihn der Major , der sich plötzlich hoch und drohend aufrichtete . » Du bist der Bruder meines liebsten Freundes , und ich möchte es dem Ernst ersparen , daß wir beide uns mit der Pistole gegenüberstehen , aber wenn du mir so kommst ! « – Er rückte sehr energisch dem jungen Maler auf den Leib , der ebenso energisch zurückwich , dabei aber in hochgradiger Empörung rief : » Ich werde gehen ! Ich bleibe nicht länger in einem Hause , wo man meine Gefühle so schonungslos verhöhnt . « » Erst nimmst du das schändliche Wort zurück ! « fiel ihm Hartmut in die Rede . » Eingeschlichen ! Denkst du , ein Offizier läßt sich dergleichen sagen ? Zurücknahme auf der Stelle – oder wir sprechen uns morgen früh ! « Max Raimar schien eine gewisse Abneigung gegen Pistolen zu hegen , und die Augen , die so drohend dicht vor den seinigen blitzten , waren ihm offenbar sehr ungemütlich , aber er zog sich sehr gut aus der Sache . Er legte die Hand über die Augen und stieß einen tiefen Seufzer aus . » Wollen Sie mit einem Verzweifelnden rechten , Herr Major ? Sie sehen es ja doch , wie mich Ihre Nachricht getroffen hat , und da – nun ja , da habe ich mich übereilt mit jenem Worte . Ich nehme es zurück . « » So – nun , das genügt allenfalls ! « sagte Arnold , aber dabei streifte ein unendlich verächtlicher Blick den tapferen Maxl . » Deine Verzweiflung kannst du behalten , dies Geseufze aber , das meiner Braut gilt , verbitte ich mir . In dem Punkte verstehe ich keinen Spaß , da bin ich sogar sehr empfindlich – merke dir das ! « Er wollte gehen , aber gerade in dem Augenblick kam Herr Notar Treumann den Gang herauf , augenscheinlich in sehr vergnügter Stimmung , denn er winkte und rief schon von weitem : » Aber Herr Major , was hört man da für Geschichten ! Sie wollen uns unsere kleine Gutsherrin entführen ? Offiziell ist mir das freilich nicht mitgeteilt worden , aber Lisbeth hat geplaudert , sie hat mir bereits von ihrem neuen Papa vorgeschwärmt , und da mußte Frau Wilma beichten . Das nennt man ja im Sturme siegen . Nun , ich gratuliere von ganzem Herzen ! « Damit streckte der alte Herr , der , sobald Neustadt nicht in das Spiel kam , aller Welt das Beste gönnte und sich mit aller Welt freute , ihm die Hand hin . Diesmal war er nicht im Vertrauen und hatte keine Ahnung davon , daß sein lieber Maxl wieder einmal abgefallen war . Der Major , dessen gute Laune sofort zurückkehrte , schlug kräftig ein . » Ich danke , Herr Notar !