seine Selbstüberschätzung in ’ s Maßlose geht , und er glaubt , ungestraft Alles unter die Füße treten zu dürfen , was ihm nicht unbedingt huldigt . “ Der Capitain fixirte mit einem eigenthümlichen Lächeln den aufgeregten Italiener . „ Schade , daß ein solches Talent solche Schattenseiten hat ! Aber am Ende ist es mit dem Talente auch nicht so weit her ? Modesache – Laune des Publicums – unverdientes Glück – meinen Sie nicht ? “ Gianelli hätte wahrscheinlich von Herzen gern bejaht , aber die Gegenwart der anderen Herren legte ihm doch einigen Zwang auf . „ Das Publicum pflegt in solchem Falle zu entscheiden , “ erwiderte er vorsichtig , „ und hier ist es verschwenderisch mit seinen Gunstbezeigungen . Ich meinestheils behaupte – ohne dem Ruhme Rinaldo ’ s irgendwie zu nahe treten zu wollen – er könnte jetzt ein Stümperwerk componiren , man würde es bis in den Himmel erheben , nur weil es von ihm stammt . “ „ Sehr wahrscheinlich ! “ stimmte der Fremde bei . „ Und möglicherweise ist die neue Oper bereits ein solches Stümperwerk . Ich bin durchaus Ihrer Meinung , und werde gewiß – “ „ Ich rathe Ihnen , Signor , Ihr Urtheil aufzuschieben , bis Sie Rinaldo ’ s Werke kennen gelernt haben , “ fiel der Marchese im schärfsten Tone ein . „ Er hat allerdings den unverzeihlichen Fehler begangen , den Gipfel des Ruhmes wie in einem einzigen Siegeslaufe zu ersteigen , und sich zu einer Größe aufzuschwingen , an die so leicht Keiner hinanreicht . Das verzeiht man ihm nun einmal nicht in gewissen Kreisen , und er muß es bei jeder Gelegenheit büßen . Folgen Sie meinem Rathe ! “ Der Capitain verbeugte sich leicht . „ Mit Vergnügen , und dies um so mehr , als es mein Bruder ist , dem Ihre so beredte Vertheidigung gilt , Signor Marchese . “ Diese mit dem liebenswürdigsten Lächeln gegebene Erklärung brachte begreifliche Sensation in der Gruppe hervor . Marchese Tortoni trat erstaunt einen Schritt zurück und maß den Sprechenden von oben bis unten . Der Maestro erbleichte und biß sich auf die Lippen , während der Officier mühsam das Lachen unterdrückte . Der Engländer dagegen hatte diesmal genug von dem Gespräch verstanden , um zu begreifen , welch einen Streich der fremde Seemann den Italienern gespielt , und dieser Streich schien sein höchstes Wohlgefallen zu erregen . Er lächelte mit dem Ausdrucke außerordentlicher Zufriedenheit und steuerte sofort mit langen Schritten zu dem Capitain hinüber , an dessen Seite er sich stumm aufpflanzte , ihm damit ein untrügliches Zeichen seiner Sympathie gebend . „ Den Signori scheint nur der Künstlername meines Bruders bekannt zu sein , “ fuhr Hugo unbeirrt fort . „ Der meinige klang Ihnen wohl zu fremdartig bei der allgemeinen Vorstellung vorhin ? Wir haben indessen keinen Grund , unser Verwandtschaftsverhältniß zu verleugnen . “ „ Ah Signor Capitano , ich hörte bereits von Ihrer bevorstehenden Ankunft , “ rief jetzt der Marchese , ihm mit unverkennbarer Herzlichkeit die Hand entgegenstreckend . „ Aber es war nicht schön , uns mit diesem Incognito zu necken . Einen wenigstens hat es in bittere Verlegenheit gesetzt , obgleich er die Lehre reichlich verdient hat . “ Hugo sah sich gleichfalls nach dem Maestro um , der es vorgezogen hatte unbemerkt zu verschwinden . „ Ich wollte das Terrain ein wenig recognosciren , “ entgegnete er lachend , „ und das war eben nur möglich , so lange mein Incognito noch andauerte . Es hätte doch bald genug sein Ende erreicht , denn ich erwarte Reinhold jede Minute ; er wurde noch in der Stadt zurückgehalten , während ich vorausfuhr . Ah , da ist er ja schon . “ Der Erwartete erschien in der That in diesem Augenblicke oben auf der Terrasse , und der Maestro hätte jetzt auf ’ s Neue Gelegenheit gehabt , seinem Aerger über die „ bis zur Lächerlichkeit gehende Abgötterei der Gesellschaft “ Luft zu machen , denn dieses plötzliche Aufhören aller Gespräche , dieses Interesse , womit sich Aller Blicke dem einen Punkte zuwendeten , diese Bewegung , die sich der ganzen Gesellschaft mittheilte , galt einzig Rinaldo ’ s Eintritt . Reinhold selbst war freilich ein Anderer geworden in diesen Jahren , ein ganz Anderer . Das junge Talent , das einst so ungeduldig gegen die beengenden Schranken und Vorurtheile seiner Umgebung ankämpfte , hatte sich zum gefeierten Künstler emporgeschwungen , dessen Name weit über die Grenzen Italiens und seiner Heimath hinausdrang , dessen Werke auf den Bühnen aller Hauptstädte heimisch waren , dem Ruhm und Ehre , Gold und Triumphe in reichster Fülle zuströmten . Dieselbe mächtige Wandlung hatte sich auch an seinem Aeußeren vollzogen , und unvortheilhaft war diese Veränderung keineswegs , denn statt des bleichen ernsten Jünglings mit dem verschlossenen Wesen und den tiefen düsteren Augen stand jetzt ein Mann da , dem man es ansah , daß er mit dem Leben und der Welt vertraut war , und erst bei dem Manne kam die stets so eigenthümlich anziehende Art seiner Schönheit zur vollsten Geltung . Es stand dieser idealen Stirn gut , dieses stolze Selbstbewußtsein , das jetzt darauf ruhte , und sich auch in den Zügen , in der ganzen Haltung aussprach , aber es lagen auch tiefe Schatten auf dieser Stirn und in diesen Zügen , die wohl nicht das Glück hineingelegt hatte . Von dem Munde zuckte es wie herber Spott , wie höhnische Bitterkeit , und im Auge schlummerte der einstige Funke nicht mehr in der Tiefe ; jetzt loderte eine Flamme dort , brennend , verzehrend und fast dämonisch aufzuckend bei jeder Erregung . Was dieses Antlitz auch äußerlich gewonnen haben mochte , Friede sprach nicht mehr daraus . Er führte Signora Biancona am Arme , nicht mehr die jugendliche Primadonna einer italienischen Operngesellschaft zweiten Ranges , die in den Städten des Nordens Gastvorstellungen gab , sondern eine Größe von europäischem Rufe , die , nachdem sie auf allen bedeutenderen Bühnen Lorbeeren und Triumphe gesammelt , jetzt an der Oper ihrer Heimathstadt die erste Stelle einnahm . Marchese Tortoni hatte Recht : sie war auch jetzt noch blendend schön , diese Frau . Das war noch der gluthstrahlende Blick , der einst „ das ehrsame Patricierblut der edlen Hansastadt so in Flammen zu setzen verstand “ , nur schien er heißer , versengender geworden zu sein . Das war noch das Antlitz mit seinem dämonisch bestrickenden Zauber , die Gestalt mit ihren plastisch edlen Formen , nur erschien alles voller , üppiger . Die Blume hatte sich zu reifster , fast überreifer Pracht entfaltet ; noch blühte sie ; noch stand ihre Schönheit im Zenith , wenn man sich auch sagen mußte , daß vielleicht beim nächsten Jahreswechsel schon die Grenze überschritten sein werde , mit der sie sich unwiderruflich ihrem Niedergange zuneigte . Die Beiden , besonders Reinhold , wurden sofort nach ihrem Eintritte von allen Seiten in Anspruch genommen . Alles drängte sich um ihn ; Alles suchte seine Nähe , seine Unterhaltung . In wenig Minuten war er bereits der Mittelpunkt der Gesellschaft geworden , und es dauerte eine geraume Zeit , ehe es ihm gelang , sich all ’ den Aufmerksamkeiten und Schmeicheleien zu entziehen und sich nach seinem Bruder umzusehen , der sich in einiger Entfernung gehalten hatte . „ Da bist Du ja endlich , Hugo , “ sagte er herantretend . „ Ich vermißte Dich bereits . Läßt Du Dich suchen ? “ „ Es war ja nicht möglich , den dreifachen Bewunderungscirkel zu durchbrechen , der Dich wie eine chinesische Mauer umgab , “ spottete Hugo . „ Ich habe dieses Wagestück gar nicht versucht , sondern erging mich in Betrachtungen darüber , welch ein Glück es doch ist , einen berühmten Bruder zu besitzen . “ „ Ja , dieses fortwährende Herandrängen ist wirklich ermüdend , “ meinte Reinhold mit einer Miene , die nichts von befriedigtem Triumphe hatte , dagegen eine unverkennbare Abspannung verrieth . „ Aber jetzt komm ! Ich werde Dich Beatricen vorstellen . “ „ Beatricen ? – Ah so , Signora Vampyr ! Muß das sein , Reinhold ? “ Der Blick des Bruders verfinsterte sich . „ Allerdings muß es sein . Du wirst nicht umhin können , ihr in meiner Begleitung oft und viel zu nahen . Sie ist schon , und mit Recht , befremdet darüber , daß es nicht bereits geschehen ist . Was hast Du denn , Hugo ? Du scheinst ja dieser Vorstellung förmlich ausweichen zu wollen , und doch kennst Du Beatrice nicht einmal . “ „ Doch , “ entgegnete der Capitain kurz . „ Ich habe sie bereits in H. im Concerte und auf der Bühne gesehen . “ „ Aber niemals gesprochen . Eigenthümlich , daß man Dich beinahe zu Dem zwingen muß , was jeder Andere als einen [ 462 ] Vorzug betrachten würde ! Du bist doch sonst stets der Erste , wenn es die Bekanntschaft einer schönen Frau gilt . “ Hugo erwiderte nichts , aber er folgte ihm ohne ferneren Einwand . Signora Biancona war , wie gewöhnlich , von einem Kreise von Herren umgeben und in lebhaftester Unterhaltung begriffen , aber sie brach diese sofort ab , als die Beiden erschienen . Reinhold stellte ihr seinen Bruder vor . Beatrice wandte sich mit ihrer ganzen Liebenswürdigkeit an den Letzteren . „ Wissen Sie , Signor Capitano , daß ich Ihnen bereits gezürnt habe , ohne Sie zu kennen ? “ begann sie . „ Rinaldo war nicht zu halten , als er die Nachricht von Ihrer Ankunft empfing . Er ließ mich höchst ungalanter Weise in M. zurück , um Ihnen entgegen zu eilen . Ich mußte die Rückreise hierher allein antreten . “ Hugo verbeugte sich artig , aber doch fremder , als er es sonst wohl vor einer Dame that , und er schien es auch nicht zu bemerken , daß die schöne Hand Beatricens sich dem Bruder Rinaldo ’ s vertraulich entgegenstreckte , wenigstens widerstand er vollständig der Versuchung des Handkusses , der wohl erwartet wurde . „ Ich bin sehr unglücklich , Signora , Ihren Unwillen erregt zu haben . Wer aber so ausschließlich wie Sie über Reinhold ’ s Nähe und Gegenwart verfügt , sollte doch Großmuth genug besitzen , ihn einmal auch für kurze Zeit dem Bruder abzutreten . “ Er sah sich nach Reinhold um , aber dieser wurde bereits wieder in Anspruch genommen . „ Ich füge mich ja auch , “ sagte Beatrice , noch immer mit bezaubernder Freundlichkeit , „ oder vielmehr , ich füge mich noch jetzt , denn seit der Zeit Ihres Hierseins habe ich Rinaldo wenig genug gesehen . Es wird wohl kein anderes Auskunftsmittel übrig bleiben , als daß ich Sie bitte , ihn zu begleiten , wenn er bei mir erscheint . “ Hugo machte eine etwas gemessene Bewegung des Dankes . „ Sie sind sehr gütig , Signora . Ich ergreife gewiß mit Freuden die Gelegenheit , die so hochgefeierte – Muse meines Bruders näher kennen zu lernen . “ Signora Biancona lächelte . „ Hat er mich Ihnen so genannt ? Freilich , der Name ist unserem Freundeskreise nicht fremd . Rinaldo gab ihn mir einst , damals , als ich seine ersten Schritte auf der Künstlerbahn leitete . Eine etwas romantische Bezeichnung , zumal für deutsche Anschauungen , nicht wahr , Signor ? Sie kennen dergleichen schwerlich in Ihrem Norden . “ „ Bisweilen doch , “ sagte der Capitain ruhig , „ nur mit einem unbedeutenden Unterschiede . Bei uns pflegen die Musen Ideale zu sein , die in unerreichbarer Höhe schweben . Hier sind es – schöne Frauen . Ein ganz unleugbarer Vortheil für den Künstler . “ Die Worte klangen wie ein Compliment und hielten genau den scherzenden Ton fest , den Beatrice selbst angeschlagen ; dennoch streifte sie mit einem raschen , forschenden Blicke das Antlitz des Sprechenden ; vielleicht sah sie den aufblitzenden Spott darin ; denn sie erwiderte mit einiger Schärfe : „ Ich meinestheils bekenne , gar keine Sympathie für den Norden zu besitzen . Nur gezwungen habe ich einige Zeit dort verlebt , und ich athmete erst wieder auf , als der Himmel Italiens sich über mir wölbte . Wir Südländer vermögen es nun einmal nicht , uns in die eisig pedantischen Regeln zu zwängen , die dort die Gesellschaft einengen , in die Fesseln , die man auch den Künstlern auferlegen möchte . “ Hugo lehnte sich mit vollendeter Gleichgültigkeit an die Marmorbalustrade . „ Mein Gott , das ist doch von keiner Bedeutung . Man sprengt sie einfach und ist dann frei wie der Vogel in der Luft . Reinhold hat das ja hinreichend bewiesen , und jetzt hat er die Heimath und ihre pedantischen Regeln ein- für allemal abgeschworen , was doch wohl ausschließlich Ihr Verdienst ist , Signora . “ Beatrice gebrauchte heftig den Fächer , obgleich gerade in diesem Augenblicke der Abendwind erfrischend kühl herüberwehte . „ Wie meinen Sie das , Signor ? “ fragte sie rasch . „ Ich ? O , ich meine gar nichts , ausgenommen etwa , daß es doch ein erhebendes Gefühl sein muß , so das ganze Schicksal eines Menschen – oder auch einer Familie – in Händen zu halten , wenn man Jemanden seinen ‚ Fesseln ‘ entreißt . Man muß in einem solchen Falle durchaus etwas von einer irdischen Vorsehung in sich spüren . Nicht , Signora ? “ Beatrice war leicht zusammengezuckt bei den Worten , ob vor Ueberraschung oder Zorn , das ließ sich schwer entscheiden . Ihre Augen begegneten den seinigen ; aber diesmal maßen sie einander , wie zwei Gegner sich messen . Der Blick der Italienerin sprühte ; doch der Capitain hielt ihn so fest und ruhig aus , daß sie wohl fühlte , es sei kein allzu leichtes Spiel diesen klaren braunen Augen gegenüber , die ihr so keck die Spitze zu bieten wagten . „ Ich glaube , Rinaldo hat allen Grund , dieser Vorsehung dankbar zu sein , “ entgegnete sie stolz . „ Er wäre vielleicht untergegangen in Verhältnissen und Umgebungen , die seiner unwürdig waren , hätte sie seinen Genius nicht wach gerufen und ihm die Bahn zur Größe gewiesen . “ „ Vielleicht , “ sagte Hugo kühl . „ Man behauptet zwar , ein wahrer Genius gehe nie zu Grunde , und je schwerer er sich durchringen müsse , desto mehr stähle sich seine Kraft ; indessen das ist jedenfalls auch eine von den nordisch-pedantischen Anschauungen . Der Erfolg hat für Ihre Ansicht entschieden , Signora , und der Erfolg ist ja ein Gott , dem sich Alles beugt . “ Er verneigte sich und trat zurück . Er hatte das Alles im leichtesten Conversationstone , scheinbar ganz absichtslos hingeworfen , aber Signora Biancona mußte doch wohl die Bitterkeit empfunden haben , die in den Worten des Capitains lag ; denn sie preßte die Lippen zusammen wie in tiefster innerster Gereiztheit , und der Fächer gerieth in eine fast stürmische Bewegung . [ 475 ] Hugo hatte inzwischen seinen Bruder aufgesucht , den er im Gespräche mit dem Marchese Tortoni traf ; die Beiden standen ein wenig abseits von der übrigen Gesellschaft . „ Nein , nein , Cesario ! “ sagte Reinhold soeben abwehrend . „ Ich bin ja vor Kurzem erst aus M. zurückgekehrt und kann unmöglich daran denken , jetzt schon wieder die Stadt zu verlassen . Vielleicht später – “ „ Aber die Oper ist ja verschoben worden , “ fiel der junge Marchese im Tone der Bitte ein , „ und die Hitze beginnt sich schon fühlbar zu machen . Sie wählen sicher in einigen Wochen irgend eine Villeggiatura . – Kommen Sie mir zu Hülfe , Signor Capitano ! “ wandte er sich an den eben herantretenden Hugo . „ Sie beabsichtigen gewiß auch , unsern Süden kennen zu lernen , und dazu bietet sich nirgends besser Gelegenheit , als in meinem Mirando . “ „ Kennst Du den Marchese bereits ? “ fragte Reinhold . „ Da bedarf es also keiner Vorstellung mehr . “ „ Durchaus nicht , “ versicherte Hugo übermüthig . „ Ich habe mich bereits persönlich bei den Herren eingeführt , gerade als sie über Dich zu Gericht saßen , und ich machte mir dabei als unbekannter Zuhörer das harmlose Vergnügen , sie durch eingestreute Bemerkungen zu Angriffen gegen Dich zu reizen . Leider gelang das nur bei einem Einzigen , Marchese Tortoni dagegen nahm leidenschaftlich Deine Partei , ich mußte seine volle Ungnade fühlen , weil ich mir erlaubte an Deinem Talente zu zweifeln . “ Reinhold schüttelte den Kopf . „ Hat er Ihnen auch schon wieder einen seiner Streiche gespielt , Cesario ? Nimm Dich in Acht , Hugo , mit Deinen Neckereien ! Wir stehen hier auf italienischem Boden ; da pflegt man dergleichen nicht so harmlos aufzunehmen , wie in unserer Heimath . “ „ Nun , in diesem Falle bedurfte es nur des Namens , um uns zu versöhnen , “ sagte der Marchese lächelnd . „ Aber damit verlieren wir ja ganz den Faden des Gesprächs , “ fuhr er ungeduldig fort . „ Ich habe noch immer keine Antwort auf meine Bitte . Ich rechne bestimmt auf Ihren Besuch , Rinaldo , selbstverständlich auch auf den Ihrigen , Signor . “ „ Ich bin der Gast meinem Bruders , “ erklärte Hugo , an den die letzten Worte gerichtet waren . „ Eine solche Bestimmung hängt wohl von ihm ab und – von Signora Biancona . “ „ Von Beatrice ? Wie so ? “ fragte Reinhold rasch . „ Nun , sie ist bereits ungehalten darüber , daß meine Gegenwart Dich ihr so oft entzieht . Es ist sehr die Frage , ob sie Dich auf längere Zeit freigeben will , wie Marchese Tortoni es zu wünschen scheint . “ „ Meinst Du , ich ließe mich so gänzlich von ihren Launen beherrschen ? “ In Reinhold ’ s Ton verrieth sich eine auflodernde Empfindlichkeit . „ Ich werde Dir wohl beweisen müssen , daß ich noch einen Entschluß ohne ihre Genehmigung fassen kann . Wir kommen , Cesario . Im nächsten Monate schon , ich verspreche es Ihnen . “ Ein Ausdruck heller Freude überflog das Gesicht des jungen Mannes bei dieser rasch und heftig gegebenen Zusage ; er wandte sich verbindlich zu dem Capitain . „ Rinaldo kennt mein Mirando hinreichend und hat es stets bevorzugt ; ich hoffe auch Ihnen , Signor , den Aufenthalt angenehm machen zu können . Die Villa liegt sehr schön , dicht am Meeresstrande – “ „ Und einsam , “ sagte Reinhold mit einem eigenthümlichen Gemisch von Schwermuth und Sehnsucht . „ Man kann da einmal wieder aufathmen , wenn man nahe daran ist , zu ersticken in der Salonatmosphäre . Die Gesellschaft geht zu Tisch , “ sagte er , dem Gespräch eine andere Wendung gebend , mit einem Blicke nach der Terrasse hinauf . „ Wir werden uns wohl den Uebrigen anschließen müssen . Willst Du Beatrice zur Tafel führen , Hugo ? “ „ Ich danke , “ lehnte der Capitain kühl ab . „ Das ist doch wohl Dein ausschließliches Recht . Ich möchte es Dir nicht streitig machen . “ „ Deine Unterhaltung mit ihr war ja auffallend kurz , so viel ich bemerken konnte , “ warf Reinhold hin , während sie zusammen die Treppe zur Terrasse emporstiegen . „ Was gab es denn zwischen Euch ? “ „ Nichts von Bedeutung . Ein kleines Vorpostengefecht , weiter nichts . Signora und ich haben gleich von vorn herein Stellung zueinander genommen . Du hast doch hoffentlich nichts dagegen ? “ Er erhielt keine Antwort , denn das Seidenkleid Signora Biancona ’ s rauschte bereits dicht neben ihnen , und in der nächsten Minute stand sie zwischen den Brüdern . Der Capitain verbeugte sich mit vollendeter Ritterlichkeit vor der schönen Frau . Es wäre in der That unmöglich gewesen , an der Art seines Grußes auch nur das Geringste auszusetzen , und Beatrice neigte [ 476 ] auch dankend das Haupt , aber der Blick , der dabei auf ihn niedersprühte , bewies hinreichend , daß auch sie bereits Stellung genommen hatte . In ihrem Auge flammte der ganze Haß der gereizten Südländerin , freilich nur einen Moment lang ; im nächsten schon wendete sie sich um und legte ihren Arm in den Reinhold ’ s , um sich von ihm in den Saal führen zu lassen . „ Mir scheint , das war nicht mehr und nicht weniger als eine Kriegserklärung , “ murmelte Hugo , indem er sich den Beiden anschloß . „ Wortlos , aber hinreichend verständlich ! Die Feindseligkeiten sind also eröffnet – zu Befehl , Signora . “ Marchese Tortoni hatte nicht so Unrecht mit seiner Bemerkung ; die Hitze begann sich trotz der frühen Jahreszeit schon sehr fühlbar zu machen . Zwar war die Saison noch nicht zu Ende , aber schon vertauschte manche Familie den Aufenthalt in der Stadt mit der gewohnten Villeggiatur im Gebirge oder am Meeresstrande , und die übrige Gesellschaft stand gleichfalls auf dem Punkte , sich früher als gewöhnlich nach allen Himmelsrichtungen zu zerstreuen , bis der Herbst sie wieder zusammenführte . In der Wohnung Signora Biancona ’ s hatte man noch keine Anstalten getroffen , die auf eine baldige Abreise schließen ließen , und doch schien von einer solchen die Rede gewesen zu sein in dem Gespräche , das soeben zwischen ihr und Reinhold Almbach stattgefunden hatte . Die Beiden waren allein in dem glänzend und prachtvoll erleuchteten Salon der Sängerin ; aber das schöne Antlitz Beatricens trug den Ausdruck einer unverkennbaren Aufregung . In die Kissen des Divans gelehnt , die Lippen zornig zusammengepreßt , zerpflückte sie achtlos eins der schönen Bouquets , die in reicher Fülle das Empfangszimmer der berühmten Künstlerin schmückten , während Reinhold mit finster umwölkter Stirn und verschränkten Armen im Zimmer auf- und niederging . Es bedurfte nur eines Blickes , um zu errathen , daß hier eine jener Sturmscenen stattfand , von denen Maestro Gianelli behauptete , daß sie zwischen den Beiden ebenso häufig seien wie der Sonnenschein . „ Ich bitte Dich , Beatrice , verschone mich jetzt mit ferneren Auftritten ! “ sagte Reinhold mit vollster Heftigkeit . „ Sie ändern nichts mehr an der einmal beschlossenen Sache . Marchese Tortoni hat mein Versprechen , und unsere Abreise nach Mirando ist auf morgen festgesetzt . “ „ Nun , so wirst Du dieses Versprechen zurücknehmen , “ entgegnete Beatrice in gleichem Tone . „ Du hast es ohne mein Wissen gegeben , schon vor Wochen gegeben , und doch hatten wir damals schon beschlossen , die diesjährige Villeggiatur im Gebirge zu nehmen . “ „ Gewiß ! Und ich werde Dich auch dort aufsuchen , sobald ich von Mirando zurückkehre . “ „ Sobald Du zurückkehrst ? Als ob Tortoni nicht wie gewöhnlich Alles aufbieten würde , Dich dort zu fesseln , und wenn Du nun vollends in Begleitung Deines Bruders gehst , so ist es wohl selbstverständlich , daß Du so lange , wie nur möglich , von mir ferngehalten wirst . “ Reinhold blieb plötzlich stehen , und ein finsterer Blick flog zu ihr hinüber . „ Willst Du nicht die Güte haben , dies bis zum Ueberdruß erschöpfte Thema endlich einmal bei Seite zu lassen ? “ fragte er scharf . „ Ich weiß bereits hinreichend , daß zwischen Dir und Hugo keine Sympathie besteht ; aber er verschont mich wenigstens mit Auseinandersetzungen darüber und verlangt nicht , daß ich seine Sympathien und Antipathien theile . Uebrigens wirst Du zugeben , daß er Dir gegenüber niemals den Cavalier verleugnet . “ Beatrice warf das Bouquet bei Seite und erhob sich . „ O gewiß , das gebe ich zu , und eben diese angenommene Ritterlichkeit ist es , die mich so empört . Diese liebenswürdigen Unterhaltungen mit dem ewigen Spottpfeile auf den Lippen , diese Aufmerksamkeiten mit dem Hohne tief im Auge , das ist so recht die deutsche Art , unter der ich so oft gelitten habe in Eurem Norden , die uns in den Kreis der sogenannten Gesellschaftsregeln bannt , die uns darin festzuhalten weiß , und wenn man noch so erbittert mit einander kämpft . Dein Bruder versteht das meisterhaft ; den trifft nichts und verwundet nichts ; Alles gleitet ab an diesem ewigen Spottlächeln . Ich – ich hasse ihn und er mich nicht minder . “ „ Schwerlich ! “ sagte Reinhold bitter . „ Denn im Hassen bist Du eine Meisterin , die so leicht Keiner erreicht . Ich habe das oft genug gesehen , wenn Du Dich von irgend Jemandem beleidigt glaubtest . Das fluthet bei Dir gleich über alle Schranken . Diesmal aber wirst Du Dich erinnern , daß es mein Bruder ist , gegen den sich dieser Haß richtet , und daß ich nicht gesonnen bin , mir das erste kurze Zusammensein nach Jahren dadurch rauben zu lassen . Ich dulde keine Beleidigung und keinen Angriff gegen Hugo . “ „ Weil Du ihn mehr liebst als mich , “ rief Beatrice ungestüm , „ weil ich Dir nichts gelte neben Deinem Bruder . Freilich , was bin ich Dir auch – “ und jetzt war die Bahn gebrochen zu einer wahren Fluth von Vorwürfen , Klagen und Drohungen , die schließlich in einem Thränenstrom endigten . Die ganze Leidenschaft der Italienerin brach hervor ; aber Reinhold schien dadurch zu nichts weniger als zur Nachgiebigkeit gestimmt zu werden . Er versuchte einige Male , ihr Einhalt zu thun , und als dies nicht gelang , stampfte er wüthend mit dem Fuße . „ Noch einmal , Beatrice , laß diese Auftritte ! Du weißt , daß Du damit nichts bei mir ausrichtest , und ich dächte , Du hättest nun schon hinreichend die Erfahrung gemacht , daß ich nicht ein willenloser Sclave bin , dem ein Wort , eine Laune von Dir Befehl ist . Ich ertrage sie nicht länger , diese ewigen Scenen , die Du bei all ’ und jedem Anlasse hervorrufst . “ Er trat stürmisch zum Balcon und , dem Gemache den Rücken zukehrend , blickte er hinab auf die Straße , wo sich das rege Leben und Treiben des Corso entfaltete . Im Salon hörte man noch einige Minuten lang das leidenschaftliche Schluchzen Beatricens , aber dann verstummte es , und gleich darauf legte sich eine Hand auf die Schulter des am Fenster Stehenden . „ Rinaldo ! “ Halb widerstrebend wandte er sich um . Sein Blick begegnete Beatricens heißem , dunkelm Auge ; noch stand eine Thräne darin , aber es war keine Thräne des Zornes mehr , und die eben noch so erregte Stimme hatte einen weichen schmelzenden Klang . „ Du sagst , ich sei eine Meisterin im Hassen . Nur im Hassen , Rinaldo ? Du hast doch oft genug das Gegentheil erfahren . “ Reinhold wandte sich vollends zu ihr und trat vom Balcon zurück . „ Ich weiß , daß Du lieben kannst , “ entgegnete er milder , „ heiß und voll lieben . Aber Du kannst auch quälen mit dieser Liebe ; das muß ich täglich empfinden . “ „ Und dieser ‚ Qual ‘ möchtest Du entfliehen , wenigstens auf einige Zeit ? “ Aus ihrer Stimme sprach ein herber Vorwurf . Almbach machte eine ungeduldige Bewegung . „ Ich suche Ruhe , Beatrice , “ sagte er , „ und die finde ich nun einmal nicht in Deiner Nähe . Du kannst nur in fortwährender Gluth und Aufregung athmen ; beides ist Dir Lebensbedingung , und Du reißest Deine ganze Umgebung mit Dir in den ewig lodernden Feuerkreis Deines Wesens . Ich – bin müde . “ „ Der Gesellschaft , oder meiner ? “ fragte Beatrice mit wieder aufblitzender Heftigkeit . „ Kannst Du es denn nicht lassen , in jedem Worte einen Stachel zu suchen ? “ fuhr Reinhold auf . „ Ich sehe , daß wir heute wieder einander nicht verstehen . Leb ’ wohl ! “ „ Du gehst ? “ rief die Italienerin halb erschreckt , halb drohend . „ Und mit diesem Abschiede für eine wochenlange Trennung ? “ Reinhold , der schon an der Thür war , besann sich und kehrte langsam um . „ Ja so , ich vergaß die Abreise . Leb ’ wohl , Beatrice ! “ Aber so leicht sollte ihm der Abschied nicht gemacht werden . Signora Biancona hatte es längst verlernt , dem Manne dauernd zu trotzen , der es nun einmal verstand , ihren sonst so launenhaften Willen dem seinigen zu beugen , und als er sich ihr wieder näherte , da war es vorbei mit jedem ferneren Widerstande . Ihre Stimme bebte , als sie leise fragte : „ Und Du willst wirklich allein gehen , ohne mich ? “ „ Beatrice – “ [ 477 ] „ Allein , ohne mich ? “ wiederholte sie leidenschaftlicher . Reinhold machte einen Versuch , ihr seine Hand zu entziehen , aber es blieb bei dem Versuche . „ Cesario erwartet mich auf das Bestimmteste , “ sagte er abwehrend , „ und ich habe Dir schon einmal erklärt , daß Du mich nicht begleiten kannst – “ „ Nach Mirando nicht , “ fiel Beatrice ein , „ das weiß ich . Aber was hindert mich denn , den ursprünglichen Plan zu ändern und den ersten Sommeraufenthalt , anstatt im Gebirge , jetzt in S. , der großen Villeggiatur aller Fremden , zu nehmen ? Es liegt nahe genug bei Mirando , in einer halben Stunde trägt Dich das Boot zu mir herüber . Wenn ich Dir folgte – darf ich , Rinaldo ? “ Er war unwiderstehlich