dort auf- und niederschwebten , konnte wahrlich nicht zur Bitterkeit stimmen . Soeben flog Gabriele mit ihrem Tänzer vorüber . Der Oberst hatte Recht ; ihre Schönheit war noch nie so siegreich zur Geltung gekommen , wie hier im Tanze , dem sie sich mit leidenschaftlichem Vergnügen hingab . Ringsum heller Kerzenglanz , rauschende Musik , festlich geschmückte Räume – das war die Umgebung , der Rahmen , der allein für diese Gestalt paßte , das eigentliche Element , in dem sie athmete , und ihre glühenden Wangen und strahlenden Augen zeigten , wie völlig sie darin aufging . Ihr ganzes Wesen war wie verklärt , wie sonnig durchleuchtet von Freude und Glück , als sie so in Georg ’ s Armen dahinschwebte . Auch er schien die ganze Umgebung vergessen zu haben ; ihm ging alles Andere unter in der Nähe , in dem Anblicke der Geliebten . Ein Strahl unendlichen Glückes leuchtete in seinen Augen , als ihr Arm in dem seinigen lag und ihr Athem an seiner Wange hinstreifte – diese Augen sprachen nur zu verräterisch das Geheimniß seines Herzens aus . Das junge Paar war so glücklich in diesem Augenblicke , daß es jede Vorsicht vergaß , und ein scharfer Beobachter konnte wohl ahnen , daß es noch etwas Anderes war , als die Freude am Tanzen , was aus dem Antlitze der Beiden sprach . Der romantische Zauber der ersten Jugendliebe umfloß sie wie ein verklärender Hauch . Und jener Beobachter war in der Nähe . Raven behauptete noch immer seinen Platz am Ende des Saales ; er stand jetzt in einem Kreise von Herren , die sich zu ihm und dem Oberst gesellt hatten , und nahm anscheinend lebhaft an der Unterhaltung Theil , aber dabei haftete sein Blick wie festgebannt auf den Tanzenden . Sein Blick wurde immer glühender , immer durchbohrender ; es mußte eine magnetische Gewalt darin liegen , denn als Gabriele jetzt zum zweiten Male den Saal umkreiste , wandte sie langsam , wie von einer geheimnißvollen Macht angezogen , das Haupt nach jener Richtung . Einen Moment lang begegnete ihr Auge dem ihres Vormundes – dann floß urplötzlich eine dunkle Gluth über das Antlitz des jungen Mädchens , und der Blick des Freiherrn flammte auf , furchtbar und unheildrohend ; er wandte sich mit einer heftigen Bewegung ab . Mit der Beendigung des Tanzes trat eine größere Pause ein , die für das Souper bestimmt war . Man verließ den Ballsaal , wo die Hitze nachgerade unerträglich zu werden begann , und suchte die angrenzenden kühleren Räume und die Buffets auf . Die Gesellschaft vertheilte sich zwanglos in den größeren und kleineren Gemächern , wo sich überall plaudernde Gruppen zusammenfanden . Jetzt endlich kam auch der so lang ersehnte unbewachte Augenblick , wo Georg und Gabriele einige vertrauliche Worte wechseln konnten , die ersten an diesem Abende . Bisher hatten die Augen der ganzen Versammlung auf ihnen geruht und jede Verständigung unmöglich gemacht . In einem der entfernteren Zimmer , das augenblicklich leer war , während im Nebengemache eine lebhafte Unterhaltung geführt wurde , stand die junge Baroneß Harder am Kamin und ihr gegenüber Assessor Winterfeld . Beide schienen im ruhigen , absichtslosen Gespräche begriffen , für den zufällig Eintretenden wenigstens , aber es war etwas Anderes als Gesellschaftsphrasen , was sie wechselten . „ Endlich eine Minute des Alleinseins ! “ flüsterte Georg leidenschaftlich . „ Die erste seit Wochen ! Ich habe es mir leichter gedacht , Dir stets so nahe und zugleich so fern zu sein . “ „ Du hattest Recht , “ sagte Gabriele , gleichfalls in leisem Tone . „ Wir sind , uns hier unendlich fern , obwohl Du täglich im Schlosse bist . Ich hoffte immer , Du würdest Mittel finden , die Schranken zu durchbrechen , die uns trennen . “ „ Habe ich nicht das Möglichste versucht ? Du weißt ja , wie meine Annäherung von Deiner Mutter aufgenommen wurde . Sie empfing mich freundlich , aber sie sprach auch nicht ein einziges Wort , das als Einladung gedeutet werden konnte . Ich darf den Besuch nicht wiederholenn , wenn man mir so entschieden zeigt , daß er nicht gewünscht wird . “ Auf der klaren Stirn der jungen Dame kräuselte sich eine Falte des Unmuthes . „ Mama trägt keine Schuld daran ; sie würde Dich hier ebenso gern empfangen wie früher ; mein Vormund war es , der die Einladung verhinderte . Ich veranlaßte Mama , ihm von Deinem Besuche und unserer Bekanntschaft zu sprechen , denn ich selbst – “ sie stockte . „ Du wagtest nicht – – “ „ Ich wage alles Mögliche , “ erklärte Gabriele , ein wenig gereizt , aber Onkel Arno ’ s Blick auszuhalten , wenn man etwas vor ihm zu verbergen hat , das gehört entschieden nicht zu den Möglichkeiten . Genug , er sprach sich mit der größten Bestimmtheit gegen die beabsichtigte Einladung aus ; das galt nicht Dir persönlich , denn er ahnt ja nichts von unserem Einverständnis , aber er will keinen Verkehr mit den jüngeren Beamten überhaupt , und wir mußten uns fügen . “ „ Ich wußte es , “ sagte Georg . „ Ich kenne meinen Chef . Er und die Seinigen bleiben unnahbar für Alles , was er unter sich glaubt , und selbst sein Machtwort könnte uns kaum mehr trennen , als es diese letzten Wochen gethan haben . Ich durfte Dich ja immer nur aus der Ferne sehen , und wenn uns wirklich einmal eine Begegnung vergönnt ist , wie die heutige , so müssen wir kalt und gleichgültig scheinen . Ich muß es mit ansehen , wie Du umschwärmt und gefeiert wirst , wie Jeder sich Dir nahen darf , nur ich , der das erste , das alleinige Recht auf Dich hat , bin zu dem Schweigen und der Zurückhaltung eines Fremden verurtheilt – Gabriele , das ertrage ich nicht länger . “ Gabriele hob das Auge zu ihm empor ; es spielte ein reizendes Lächeln um den kleinen Mund , als sie neckend erwiderte : „ Ich glaube nicht , daß der ‚ Fremde ‘ so sehr zu beklagen ist . Er weiß es ja doch , daß ich ihm allein angehöre . “ „ An einem Festabende , wie der heutige , gehörst Du mir nicht , “ entgegnete Georg mit leiser Bitterkeit . „ Da gehörst Du der Freude , dem Tanze , den Huldigungen , die Dir von allen Seiten gebracht werden – nur mir nicht . Ich habe in der ganzen langen Zeit vor dem Walzer vergebens gesucht , einen Blick von Dir zu erhalten . Du hattest im Kreise Deiner Bewunderer keine Augen für mich . “ Der Vorwurf traf , und eben deshalb verletzte er , aber die junge Dame war nicht gewohnt , Vorwürfe von dieser Seite zu hören , und fand es höchst grausam und ungerecht , daß man ihr das heutige Vergnügen verkümmern wollte . Das Lächeln verschwand und machte einem sehr ungnädigen Ausdrucke Platz ; es schwebte augenscheinlich eine heftige Erwiderung auf ihren Lippen , als Lieutenant Wilten an der Thür erschien . „ Mein gnädiges Fräulein , “ sagte er sich eilfertig nähernd . „ Sie werden im Saale vermißt . Excellenz und die Frau Baronin haben schon verschiedene Male nach Ihnen gefragt . Ich erlaubte mir , Sie aufzusuchen – darf ich Sie zu den Ihrigen führen ? “ Gabriele . würde unter anderen Umständen den Störenfried wohl haben fühlen lassen , wie unwillkommen er war , jetzt aber war sie gereizt , ungerechter Weise verletzt , wie sie meinte , und durchaus nicht gesonnen , das geduldig hinzunehmen . Sie neigte daher das Haupt mit kühlem Gruße gegen Georg und nahm mit großer Freundlichkeit den Arm des jungen Baron an , der sie aus dem Zimmer führte , während er einen triumphirenden Blick auf den zurückbleibenden Assessor warf . Georg sah mit finsterer Stirn den Beiden nach . Diese kindische Rache kränkte ihn tiefer , als er sich eingestehen wollte , und wieder regte sich der alte quälende Zweifel , ob er denn Recht thue , dieses reizende , aber so ganz oberflächliche Wesen der [ 257 ] Atmosphäre von Glanz und Schimmer zu entreißen , für die es so augenscheinlich geboren war , um es an ein ernstes , arbeitsvolles Leben zu ketten . Gabrielens Liebe gab ihm freilich ein Recht auf ihren Besitz , aber konnte sie denn überhaupt tief und ernst lieben ? War ihr Gefühl für ihn nicht ebenso spielend und vergänglich , wie ihre ganze Schmetterlingsnatur ? Wenn sie nun unglücklich wurde an seiner Seite , oder wenn er es war im Besitz einer Frau , die all seiner heißen Liebe und Aufopferung nur Kinderlaunen entgegenbrachte ? Vielleicht bezahlten sie Beide den kurzen Liebestraum mit einem ganzen Leben voll Elend und Reue . Der junge Mann fuhr heftig mit der Hand über die Stirn ; er wollte nicht hören , was der Verstand ihm zuflüsterte , der so grausam in die Regungen des Herzens eingriff . Fast gewaltsam schüttelte er die quälenden Gedanken ab und war eben im Begriff , das Zimmer zu verlassen , als Hofrath Moser in Begleitung des Polizeidirectors eintrat . Der Erstere trug heute zu Ehren des Tages eine ganz neue Halsbinde von schneeiger Weiße , aber so riesigen Dimensionen , daß es ihm kaum möglich war , den Kopf zu bewegen , wodurch seine Haltung allerdings noch an Steifheit und Feierlichkeit gewann . Die beiden Herren waren in lebhaftem Gespräch begriffen , verstummten aber so plötzlich , als sie des Assessor Winterfeld ansichtig wurden , daß dieser nicht mit Unrecht vermuthete , er sei der Gegenstand der Unterhaltung gewesen . Die Bestätigung dieser Annahme schien auch in dem scharfen Blicke zu liegen , mit dem der Polizeidirector den jungen Beamten musterte , während der Hofrath sofort auf diesen zuschritt . „ Gut , daß ich Sie finde , Herr Assessor ! “ begann er ohne alle Einleitung . „ Ich wollte Sie ersuchen , einen Auftrag zu übernehmen . “ Georg verneigte sich leicht . „ Mit Vergnügen – ich stehe zu Diensten . “ „ Ihr Freund , der Herr Doctor Brunnow , “ der Hofrath betonte die Worte , als ob jedes derselben eine hochnothpeinliche Anklage enthielte , „ hat sich ohne mein Wissen und Willen zu meinem Hausarzte aufgeworfen . Er hat Krankheitsberichte angehört , Verordnungen gegeben und mir sogar seinen wiederholten Besuch angedroht . Ich wußte damals noch nicht , wie die Sache zusammenhing – “ „ Es war ein Mißverständniß , “ fiel Georg ein . „ Max hat mir davon erzählt . Er glaubte wirklich , daß sein ärztlicher Rath verlangt werde , und hatte keine Ahnung , in wessen Hause er sich befand . “ „ Nun , so weiß er es jetzt , “ sagte Moser mit Nachdruck , „ und ich bitte Sie , ihm mitzutheilen , daß ich ein für alle Mal auf den Rath eines Arztes verzichte , der einen so bedenklichen Namen trägt und einen so staatsgefährlichen Vater hat . Sagen Sie ihm , er möge sich für seine demagogische Umtriebe einen anderen Ort wähle , als das Haus des Hofraths Moser , der von jeher seinen Stolz darein gesetzt hat , der allergetreueste Unterthan seines allergnädigsten Souverains zu sein . Es giebt Menschen – sogar Beamte – die sich an solchen Gesinnungen ein Beispiel nehmen könnten . Es stände besser um den Staat und die Gesellschaft , wenn sie es thäten . “ Damit neigte der Hofrath den Kopf , oder vielmehr er machte den Versuch , es zu thun , da seine Halsbinde dieser Absicht Grenzen setzte , und schritt aus dem Zimmer , in dem erhebenden Bewußtsein , geradezu vernichtend gewesen zu sein . Der Polizeidirector , der bisher ein stummer Zuhörer gewesen war , trat jetzt näher . „ Sie scheinen bei unserem loyalen Hofrath ja vollständig in Ungnade gefallen zu sein , “ bemerkte er in scherzendem Tone . „ Er erzählte mir soeben ein Langes und Breites von Ihren staatsgefährlichen Verbindungen . Ich will doch nicht hoffen – ? “ „ Der Herr Hofrath irrt sich , “ versetzte Georg mit ruhiger Bestimmtheit . „ Es ist eine ganz harmlose Universitätsfreundschaft , die er mir zum Vorwurf macht , und die mit der Politik durchaus nichts zu thun hat . Ich kann Ihnen versichern , daß mein Freund , den eine einfache Erbschaftsangelegenheit herführt , und der durch ein sehr drolliges Mißverständniß in die Moser ’ sche Wohnung gerieth , weder dort noch anderswo demagogische Umtriebe im Sinne hat , und daß er Ihnen auch nicht den geringsten Anlaß geben wird , sich mit seiner Person zu beschäftigen . “ Der Polizeidirector lachte . „ Ich hoffe das gleichfalls . Hofrath Moser ist bisweilen geradezu beängstigend mit seiner Loyalität und sieht an allen Ecken und Enden Gespenster . Wenn er eine Ahnung davon hätte , daß sein eigener Chef einst der Jugend- und Universitätsfreund desselben Doctor Brunnow war , den er für so staatsgefährlich erklärt ! Sie wissen das vermuthlich ? “ „ Allerdings , “ sagte Georg überrascht . Diese genaue Kenntniß so weit zurückliegender Verhältnisse befremdete ihn doch . „ Wie seltsam und schroff sich doch bisweilen die Lebenswege solcher Jugendgefährten trennen ! “ warf der Andere hin . „ Der Gouveneur Arno von Raven und ein Flüchtling , der im Exil lebt – es giebt keine größeren Gegensätze . Man behauptet zwar , auch der Freiherr habe in seiner Jugend sehr extravaganten politischen Ansichten gehuldigt . “ Er hielt inne und schien eine Antwort zu erwarten , aber vergebens . Assessor Winterfeld hörte schweigend zu . „ Es heißt sogar , Herr von Raven sei auf irgend eine Weise in den Proceß verwickelt gewesen , der damals den Dovtor Brunnow und dessen Genossen auf die Festung brachte . Ich habe das freilich nur als unbestimmtes Gerücht gehört . Sie sind durch Ihren Freund und dessen Vater wohl genauer unterrichtet ? “ „ Keineswegs – wir haben nie eingehend davon gesprochen . Uebrigens würde eine etwaige Beziehung des Freiherrn zu jenem Proceß sich ja leicht aus den Acten ergeben . “ Der Polizeidirector warf dem jungen Manne einen Blick zu , der zu sagen schien : Wen das der Fall wäre , so würde ich meine Mühe nicht an einen solchen Starrkopf verschwenden ; laut aber erwiderte er : „ In den Proceßacten kommt der Name des Freiherrn überhaupt nicht vor . Wenn er wirklich zu der Sache in Beziehung stand , so ist sie zwischen ihm und seinen nachmaligen Schwiegervater , dem Minister , allein erledigt worden . Es muß ihm wohl gelungen sein , sich diesem gegenüber vollständig zu rechtfertigen , denn gerade von jenem Zeitpunkte an datirt seine so überaus glänzende Carriere . “ „ Das ist sehr wahrscheinlich , “ stimmte Georg mit kühler Zurückhaltung bei . „ Aber diese Ereignisse , die um mehr als zwanzig Jahre zurückliegen , sind Ihnen geläufiger als mir . Sie standen damals wohl schon im Beginn Ihrer amtlichen Thätigkeit , während ich noch ein Knabe war . “ Der Polizeidirector sah ein , wie wenig Geneigtheit hier vorhanden warn ihn über das aufzuklären , was er zu wissen wünschte . Er gab den Versuch auf , und nachdem sie noch einige gleichgültige Worte gewechselt hatten , trennten sich die beiden Herren . Nur ein einziges Mal während des Abends fand Georg noch Gelegenheit , sich Gabrielen zu nähern , oder vielmehr , sie selbst war es , die ihm diese Gelegenheit gab . Beim Cotillon , dem er zusah , ohne sich daran zu betheiligen , kam sie leicht und lustig wie eine Elfe herangeflattert , um ihn zum Tanz zu holen . Als er mit ihr den Saal umkreiste , begegneten sich die Augen Beider ; in den seinigen war die Düsterheit bereits geschmolzen , und um ihre Lippen spielte wieder das reizende Lächeln , das seine Worte vorhin verscheucht hatten . „ Bist Du noch eifersüchtig auf den Tanz ? “ flüsterte Gabriele , mit einem entzückenden Gemisch von Schelmerei und Abbitte . Georg hätte nicht jung sein und nicht lieben müssen , um diesen Worten und diesem Lächeln zu widerstehen . Er war bereits überzeugt , daß er Unrecht habe , der Geliebten ihre strahlende Heiterkeit zum Vorwurf zu machen ; sie war ja so harmlos glücklich darin , und er liebte ja gerade dieses heiter strahlende Kind mit all seinem Uebermuth und seinen Launen . „ Meine Gabriele ! “ sagte er leise , aber es lag eine grenzenlose Zärtlichkeit in dem einen Worte . Ein leiser Druck ihrer Hand antwortete dem seinigen – die Versöhnung war geschlossen . Das Fest nahm seinen Fortgang und verlief äußerlich in gewohnter glänzender Weise . Mitternacht war bereits vorüber , als die Gäste aufbrachen und die Säle sich leerten . Die Baronin Harder , sehr zufrieden mit der Rolle , die sie heute gespielt hatte , stand im Begriff , sich zurückzuziehen . Sie hatte sich bereits von ihrem Schwager verabschiedet , und gab nur noch den Dienern einige Anweisungen , während Gabriele sich dem Freiherrn näherte , um ihm gleichfalls gute Nacht zu wünschen . Raven sah , wie sie ihm die Hand reichen wollte , aber er stand mit fest verschränkten [ 258 ] Armen da und auf seinen Zügen lag der Ausdruck einer kalten Strenge , als er halblaut sagte : „ Ich habe im Laufe des Abends eine eigenthümliche Entdeckung gemacht , Gabriele . Zwischen Dir und dem Assessor Winterfeld scheint eine Vertraulichkeit zu herrschen , die sich weder mit seiner Stellung verträgt , noch mit der Deinigen in meinem Hause . Ich will hoffen , daß es nur Deine Unerfahrenheit ist , die ihm dergleichen Freiheiten gestattet , jedenfalls wirst Du mir Aufklärung darüber geben , wie weit Eure Bekanntschaft eigentlich geht . “ Das Antlitz des jungen Mädchens war wieder in dunkle Gluth getaucht , wie vorhin beim Tanze , als sie dem Blick ihres Vormundes begegnete , aber der ganz ungewohnte Ton aus seinem Munde ließ ihren Trotz aufflammen ; sie richtete sich sehr entschieden auf . „ Wenn Du wünschest , Onkel Arno – “ „ Jetzt nicht ! “ unterbrach er sie mit einer abwehrenden Handbewegung . „ Es ist allzu spät heute , und ich wünsche Deine Mutter nicht zum Zeugen der Unterredung . Ich erwarte Dich morgen früh in meinem Arbeitszimmer ; da wirst Du mir auf meine Fragen Rede stehen – gute Nacht ! “ Er wandte sich ab , ohne ihr die Hand zu reichen oder ihr Zeit zur Erwiderung zu lassen , und schritt nach dem anderen Ende des Saales . Gabriele stand stumm und betreten da ; es war das erste Mal , daß die Strenge und Schroffheit des Freiherrn sich gegen sie kehrte , und zum ersten Male fühlte sie , daß die unvermeidliche Katastrophe nicht so leicht vorübergehen werde , wie sie bisher in ihrer Sorglosigkeit geglaubt . Erst als die Mutter nach ihr rief , fuhr sie aus ihrem Nachdenken auf und eilte an deren Seite . Raven folgte ihr mit den Augen ; seine Lippen waren fest zusammengepreßt , wie im verhaltenen Zorn oder Schmerz , und auf seiner Stirn lag es finster , wie eine Wetterwolke . „ Ich muß die Wahrheit wissen , “ murmelte er . „ Freilich , was wird es sein – eine Kinderthorheit ! eine flüchtige Reisebekanntschaft , die sich die Beiden mit der nöthigen Romantik ausgeschmückt haben und die in einigen Wochen vergessen ist . Gleichviel , ich werde dafür sorgen , daß es von Blicken nicht zu Worten kommt und daß der Sache bei Zeiten ein Ende gemacht wird . “ Der nächste Morgen brach trübe und sonnenlos an . Er brachte einen nassen , kalten Septembertag , der mit vollem Nachdruck ankündigte , daß es nun mit der Herrlichkeit des Sommers vorbei sei und der Herbst seinen Einzug halte . Ein feiner Staubregen sprühte nieder ; die Berge verschwanden hinter einem dichten Nebelschleier , und im Schloßgarten jagte der Wind die ersten Blätter von den Bäumen . Freiherr von Raven befand sich allein in seinem Arbeitszimmer . Das mittelgroße Gemach mit der hoch gewölbten Decke und der tiefen Nische des einzigen breiten Bogenfensters machte in der That einen düsteren Eindruck . Es war nicht minder prachtvoll eingerichtet als die übrigen Räume des Schlosses , aber diese Pracht wirkte hier entschieden als Einfachheit . Die kostbare Holzbekleidung der Wände , die schweren geschnitzten Eichenmöbel , die reichgewirkten Vorhänge – das alles war durchweg in dunklen Farben gehalten , und der alterthümliche Kamin von schwarzem Marmor schloß sich dieser Einrichtung an , die absichtlich das Glänzende zu vermeiden schien . Der Schreibtisch mit seiner Last von Papieren und Schriften , die Bücher an den Wänden ringsum , in denen alle Gebiete des Wissens vertreten waren , und die Karten , Pläne und Zeichnungen , die auf den Tischen lagen , gaben ein Bild all der hundert verschiedenen Interessen und Anforderungen , die hier ihrer Erledigung harrten . Dieses Zimmer war nicht zum behaglichen Wohnen oder stillen Ausruhen geschaffen ; alles darin trug den Stempel ernster , unausgesetzter Arbeit und Thätigkeit . Raven arbeitete sonst viel in den Morgenstunden ; heute saß er am Schreibtische , den Kopf in die Hand gestützt , ohne einen Blick auf die zahlreichen Briefe und Eingaben , Berichte und Verfügungen zu werfen , die vor ihm lagen . Auf seinem Antlitze lag jene Blässe , welche eine durchwachte Nacht anzudeuten pflegt , und der strenge Ausdruck trat deutlicher als je hervor ; sonst waren die Züge eisern und unbewegt wie gewöhnlich . Er schien ganz in finsteres Nachsinnen verloren zu sein und sah nicht auf , als die Thür des Arbeitszimmers geöffnet wurde . Der da eintrat , war der Diener , den er nach den Zimmern der Baronin gesandt hatte , um sein Mündel rufen zu lassen , und der jetzt meldete , daß die junge Baroneß sogleich erscheinen werde . In der That folgte sie schon nach wenigen Minuten . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 17 , S. 271 – 274 Fortsetzungsroman – Teil 9 [ 271 ] Gabriele schloß die Thür hinter sich und trat ein . Sie war im einfachen weißen Morgenkleide , aber weder diese Einfachheit , noch das graue , trübe Licht des Herbsttages vermochten es , den Liebreiz ihrer Erscheinung zu beeinträchtigen . Das gestrige Fest hatte bei ihr auch nicht die geringste Spur hinterlassen ; ihre elastische Jugend kannte noch keine Müdigkeit und Abspannung . Das Gesicht war so blüthenfrisch wie immer , und jetzt lag noch die leise Röthe der Erregung darauf , denn es war für das junge Mädchen kein Geheimniß mehr , was in dieser Unterredung zur Sprache kommen sollte . Es war , als fiele mit der hellen , leichten Gestalt ein Sonnenstrahl in das düstere Gemach ; es schien auf einmal lichter darin zu werden . Auch der Freiherr mußte einen ähnlichen Eindruck empfangen haben . Er stand auf und ging der Eintretenden einige Schritte entgegen . Der Ausdruck seiner Züge milderte sich bei ihrem Anblicke , und seine Stimme klang wohl noch ernst , aber nicht mehr streng , als er sagte : „ Ich habe verschiedene Fragen an Dich zu richten , Gabriele . Ich gab Dir schon gestern Andeutungen darüber und erwarte die volle , uneingeschränkte Wahrheit von Dir zu hören . “ Er bot ihr einen Sessel und nahm ihr gegenüber Platz . Die Haltung der jungen Dame zeigte weit mehr Zuversicht als Bangigkeit . Es war ihr freilich gestern Abend klar geworden , daß sie diesmal ihren Willen nicht mit bloßem Trotz und einigen Thränen durchsetzen werde , wie es der Mutter gegenüber stets geschah ; dennoch war sie entschlossen , ihre Liebe offen zu bekennen und sich in der Vertheidigung derselben höchst energisch und heldenhaft zu zeigen . Der Freiherr zweifelte ja mit derselben beleidigenden Consequenz wie Georg an ihrer Charakterfestigkeit , und seltsamer Weise gewährte es ihr eine viel größere Genugthuung , den Vormund davon zu überzeugen , als den Geliebten . Vorläufig stand das Romantische der Situation für sie im Vordergrunde und überwog jede Besorgniß vor der kommenden Katastrophe . „ Meine Frage betrifft den Assessor Winterfeld , “ begann der Freiherr . „ Du hast ihn in der Schweiz kennen gelernt , wie ich von Deiner Mutter höre . Er kam öfter in Euer Haus , und Du hast vermuthlich viel und zwanglos mit ihm verkehrt . “ „ Ja , “ sagte Gabriele , etwas enttäuscht . Die Sache ließ sich vorläufig weder romantisch noch dramatisch an ; der Vormund sprach im ruhigsten Tone . „ Hast Du ihn seit Deinem Aufenthalte in R. öfter gesehen und gesprochen ? “ „ Nur zweimal ; das erste Mal , als er der Mama und mir einen Besuch machte , und dann bei dem gestrigen Feste . “ „ Sonst niemals ? “ „ Nein . “ Ein tiefer , erleichternder Athemzug hob die Brust des Freiherrn . „ Der junge Mann widmet Dir offenbar eine Aufmerksamkeit , die über die gewöhnliche Galanterie hinausgeht , “ fuhr er fort . „ Und Du scheinst das nicht allein zu dulden , sondern ihn sogar zu ermuthigen . “ Gabriele schwieg . „ Ich erwarte Antwort , Gabriele . “ Sie hob das Auge empor : es sprach nicht die mindeste Furcht daraus , wohl aber ein entschiedener Trotz . „ Und wenn das nun der Fall wäre ? “ fragte sie . „ So wäre es die höchste Zeit , dieser Kinderthorheit ein Ende zu machen , “ entgegnete Raven scharf . „ Du wirst Dir doch wohl selber sagen , daß sie unter keinen Umständen eine ernste Wendung nehmen darf . “ Die junge Dame warf sehr beleidigt , aber zugleich sehr entschlossen das blonde Köpfchen zurück . Jetzt war die Entscheidung da ; jetzt galt es , sich heroisch zu zeigen und dem Vormunde Respect einzuflößen ; er hatte ja noch gar keine Ahnung von dem Ernst der Sache und behandelte sie wie eine flüchtige Tändelei . „ Es ist keine Kinderthorheit , “ versetzte sie mit der größten Bestimmtheit . „ Georg Winterfeld liebt mich . “ Das Auge des Freiherrn flammte auf ; er erhob sich heftig und kreuzte dann die Arme , wie um sich zur Ruhe zu zwingen , aber seine Stimme klang dumpf und drohend , als er fragte : „ Hat er Dir das schon gestanden ? Vielleicht gestern beim Tanze ? “ „ Er hat mir schon in der Schweiz gesagt , daß er mich liebe , “ erklärte Gabriele . Raven lachte laut auf ; es war ein kurzes , herbes Lachen . „ Dachte ich es doch ! “ sagte er mit bitterem Sarkasmus . „ Also einen förmlichen Roman habt Ihr Beide mit einander gespielt , und das unter den Augen Deiner Mutter , ohne daß sie eine Ahnung davon hatte . Freilich , das sieht ihr ähnlich . Ich bin nicht so leicht zu täuschen – wenn Ihr das beabsichtigtet , so mußtet Ihr Eure Blicke besser hüten ; sie sprachen gar zu beredt am gestrigen Abend . Ich halte Deiner Jugend und Unerfahrenheit viel zu Gute , Gabriele ; es ist leicht , einem siebenzehnjährigen Mädchen mit einigen Gefühlsphrasen den Kopf zu verrücken , [ 272 ] aber diese romantische Spielerei ist denn doch zu gefährlich , als daß ich sie Dir länger gestatten könnte . Ich werde den Herrn Assessor Winterfeld an die Schranken erinnern , die ihn von der Baroneß Harder und der Nichte seines Chefs trennen , und zwar in einer Weise , daß er sie nicht zum zweiten Mal vergessen soll . Du wirst ihn von jetzt an weder sehen noch sprechen ; ich verbiete Dir das hiermit ein für alle Mal . “ Er strebte vergebens , den sarkastischen Ton festzuhalten , die furchtbare Gereiztheit , die sich dahinter barg , brach doch bisweilen durch . Gabriele freilich entging das ; sie vernahm nur den schonungslosen Spott in seinen Worten . Sie hatte sich auf Vorwürfe , auf Zornausbrüche des Vormundes gefaßt gemacht , denn sie wußte , wie sehr eine solche Verbindung seinem Stolze widerstrebte , und statt dessen behandelte er sie und Georg wie ein paar Kinder , die wegen einer begangenen Unart mit gebührender Strenge bestraft werden . Er sprach in der verächtlichsten Weise von Spielerei , von Gefühlsphrasen und wollte mit einem einfachen Verbote das Lebensglück zweier Menschen vernichten . Das war zuviel ; die junge Dame erhob sich gleichfalls – in vollster Entrüstung . „ Das kannst Du nicht , Onkel Arno , “ sagte sie heftig . „ Georg hat Rechte auf mich , die er unter allen Umständen behaupten wird . Er hat mein Wort und die Zusage meiner Hand – ich bin seine Braut . “ Sie hatte das Geständniß ohne Zögern ausgesprochen und erwartete nun den kommenden Sturm , aber vergebens . Raven erwiderte kein Wort ; auf seinem Gesichte lag eine fahle Blässe , und seine Hand umfaßte mit krampfhaftem Drucke die Eichenlehne des Stuhles , neben welchem er stand , während er einen seltsamen Blick auf Gabriele heftete . Sie schwieg betroffen ; es war nicht eigentlich Furcht , was sie empfand , aber ein geheimes , unerklärliches Bangen , das unter jenem Blicke aufwachte , und das sie vergebens zu bekämpfen suchte . Es war wie die dunkle Ahnung eines kommenden Unheils . Nach einer minutenlangen Pause nahm der Freiherr wieder das Wort . „ Das geht allerdings weiter , als ich je geahnt habe . Und Du hast für gut befunden ,