nie aus seinem Munde gehört ; es lag darin eine tief zurückgedrängte Empfindung , die sich gleichwohl in der Stimme verrieth . „ Liebst Du den Wald so sehr ? “ fragte sie , unwillkürlich ein Gespräch fortsetzend , das sonst wahrscheinlich wieder in dem gewöhnlichen Stillschweigen sein Ende gefunden hätte . „ Weshalb hast Du ihn denn während der ganzen vier Wochen nicht ein einziges Mal betreten ? “ Arthur antwortete nicht . Sein Blick verlor sich wie träumend in den grünen nebelumschleierten Tiefen . „ Weshalb ? “ fragte er endlich düster , „ ich weiß es nicht ! Vielleicht war ich zu träge . Man verlernt ja zuletzt Alles in Eurer Residenz , sogar die Sehnsucht nach der Waldeinsamkeit . “ „ In Eurer Residenz ? Ich dächte , Du wärest so gut wie ich dort erzogen . “ „ Gewiß ! Nur mit dem Unterschiede , daß mein Leben aufhörte , als meine sogenannte Erziehung anfing . Was überhaupt des Erlebens werth war , das ließ ich hinter mir , als ich in jenen Mauern einfuhr ; denn lebenswerth waren nur meine frohen sonnigen Knabenjahre . “ Es war ein halb bitterer , halb grollender Ton , mit dem er die Worte hinwarf . Aber auch in Eugeniens Innerem quoll jetzt wieder die alte Bitterkeit heiß empor . Wie durfte er es wagen , von Aufgeben , von Entsagung zu sprechen ? was wußte er überhaupt davon ? Für sie freilich war mit der Kindheit auch das Glück zu Ende gewesen ; für sie begann mit dem Eintritte in ’ s Leben die ganze Stufenleiter von Sorge , Demüthigung und Verzweiflung , die sie als Vertraute ihres Vaters , als Eingeweihte in die Verhältnisse ihrer Familie durchzumachen hatte , die bittere Schule , die wohl ihren Charakter gestählt , aber ihr auch alle Freuden der Jugend geraubt hatte . Wie war dagegen die Stellung ihres Gatten , wie seine Vergangenheit gewesen ! Und er sprach davon wie von einem Unglück ! Arthur schien diese Gedanken auf ihrem Gesichte zu lesen , als er sich umwandte , um einen tief niederhängenden Zweig bei Seite zu schieben , der sie sonst gestreift hätte . „ Du meinst , ich hätte am wenigsten Grund , mich zu beklagen ? Möglich ! Wenigstens ist mir von jeher gesagt worden , daß mein Dasein ‚ beneidenswerth ‘ sei . Aber ich versichere Dir , es ist bisweilen verzweifelt öde und trostlos , solch ein Leben , wo das Glück Einem all ’ seine Gaben vor die Füße schüttet , die man eben deshalb mit Füßen tritt , weil man nichts weiter mit ihnen anzufangen weiß , so öde und trostlos , daß man zuletzt um jeden Preis hinaus möchte aus dieser vielgepriesenen vergoldeten Glückseligkeit , hinaus – und wäre es auch in Sturm und Unwetter ! “ Die dunkeln Augen Eugeniens hingen in sprachlosem Erstaunen an seinen Zügen . Urplötzlich ergoß sich eine helle Röthe über sein Gesicht . Er schien sich auf einmal zu besinnen , daß er sich des unverzeihlichen Fehlers schuldig gemacht , vor seiner Gattin irgend ein Gefühl zu verrathen . Der junge Mann runzelte die Stirn und warf einen grollenden Blick auf den Wald , der ihn zu diesem Ausbruch verleitet , aber schon in der nächsten Secunde fiel er völlig wieder in den alten blasirten Ton zurück . „ Sturm und Unwetter haben wir freilich mehr , als uns lieb ist ! “ sagte er nachlässig und im Vorwärtsschreiten ihr völlig den Rücken zuwendend , „ das tobt ja entsetzlich auf der freien Höhe da oben ! Wir werden warten müssen , bis das ärgste Wehen vorüber ist ; so können wir nicht hinunter . “ In der That überfiel sie beim Heraustreten aus dem Walde der Sturm mit einer solchen Gewalt , daß sie Mühe hatten , sich auf den Füßen zu halten . Es war augenblicklich unmöglich , aus dem Wege , der sich jetzt steil und offen in ’ s Thal hinabsenkte , weiter vorwärts zu kommen ; man gerieth in Gefahr , von dem Winde erfaßt und in die Tiefe geschleudert zu werden . So blieb vorläufig nichts übrig , als hier im Schutze der Bäume zu warten , bis eine Pause in dem Toben der Lüfte eintrat . Sie standen unter einer mächtigen Tanne , die am Saume des Waldes aufragte . Der Sturm wühlte in ihren grünen Armen , die sie schützend über ihre jüngeren Gefährten ausbreitete , und auch sie schwankte ächzend auf und nieder ; aber der riesige weißgraue Stamm bot doch immerhin einen Halt und einen Schutz für Eugenie , die sich daran lehnte . Es wäre zur Noth dort Platz für zwei Personen gewesen , aber dann hätten sie sich eng aneinander drücken müssen , und diese Erwägung war es vermuthlich , die Arthur bestimmte , einige Schritte von ihr entfernt stehen zu bleiben , obgleich er dort nur sehr unvollkommen geschützt war , und die auf- und niederwehenden Zweige ihre beim letzten Regenschauer vollauf empfangene Nässe reichlich auf ihn niederschüttelten . Sein Haar flatterte im Wind , und die Tropfen rannen ihm von der unbedeckten Stirn nieder . Dennoch machte er nicht den geringsten Versuch , seinen Platz zu ändern . „ Willst Du – willst Du nicht lieber hierher kommen ? “ fragte Eugenie zögernd , während sie sich seitwärts drückte , um ihm auf der einzigen trockenen Stelle etwas Raum zu geben . „ Ich danke ! Ich möchte Dir mit meiner Nähe nicht beschwerlich fallen ! “ „ So nimm wenigstens den Mantel um ! “ Es klang diesmal fast wie eine Bitte . „ Du wirst ja völlig durchnäßt ! “ „ Durchaus nicht . Ich bin nicht so empfindlich gegen die Witterung , wie Du glaubst . “ Die junge Frau biß sich auf die Lippen . Es ist nicht angenehm , mit seiner eigenen Waffe geschlagen zu werden , aber noch weit mehr als dies reizte sie der Trotz , mit dem er Wind und Wetter über sich ergehen ließ , einzig um ihr eine Lehre zu geben . Sie fand freilich diesen Trotz unbeschreiblich lächerlich ; sie litt doch wahrlich nicht darunter und ihr war es beinahe gleichgültig , ob er sich dadurch eine Erkältung , eine Krankheit zuzog , oder nicht , aber es reizte sie nun einmal , daß er so gelassen dastand und mitten im Sturm seinen Platz behauptete , vielleicht mit Anstrengung , aber doch behauptete , er , der eine halbe Stunde vorher noch schläfrig und fröstelnd in den Polstern des bequemen Wagens gelegen hatte und jeden Luftzug , der etwa durch die Glasfenster eindrang , peinlich zu empfinden schien . Brauchte er wirklich erst Sturm und Unwetter , um ihr zu zeigen , daß er doch nicht so ganz der Weichling war , für den sie ihn gehalten ? Arthur sah indessen nicht aus , als ob er ihr überhaupt irgend etwas zu zeigen beabsichtige ; er schien im Augenblick ihre Nähe ganz vergessen zu haben . Mit verschränkten Armen stand er da und schaute auf das Waldgebirge , dessen größten Theil man von der Höhe hier übersah . Langsam schweifte sein Auge von einer Bergspitze zur anderen , und Eugenie machte dabei auf einmal die überraschende Entdeckung , daß ihr Gatte doch eigentlich sehr schöne Augen habe . Das überraschte sie in der That , sie hatte bisher nur gewußt , daß dort unter den halbverschleiernden Lidern etwas Müdes , Schläfriges ruhe , und sich nie die Mühe genommen , es weiter zu beachten . Wenn er einmal aufschaute , so geschah es ja stets so langsam , so träge , als koste ihm der Blick eine unendliche Mühe und sei doch nicht der Mühe werth ; und doch war dieser Blick wohl werth , gesehen zu werden . Man hätte , nach dem Ausdrucke des Gesichtes zu urtheilen , unter den meist gesenkten Wimpern ein mattes kaltes Blau vermuthen sollen ; statt dessen leuchtete dort ein klares , tiefes Braun , zwar auch noch matt , auch noch leblos , aber es schien doch , als könnten diese Augen einmal aufleuchten in Energie und Leidenschaft , als sei eine längst versunkene und vergessene Welt tief hinter diesem dunklen Blick gebannt und warte nur auf das erlösende Wort , um wieder heraufzusteigen aus der Tiefe . – In der jungen [ 108 ] Frau zuckte wieder die Ahnung empor , die sie schon vorhin im Walde überkam , als er sich so plötzlich von ihr wandte , der Argwohn , als habe der Vater mit seiner Erziehung hier viel , unendlich viel verschuldet und zerstört , mehr als er je verantworten , mehr als er je wieder gut machen konnte . Sie standen beide einsam da oben auf der Höhe . Im Nebelschleier lag der Wald da , dicht umflort von den grauen Schatten , die sich bald fest an die dunklen Tannen klammerten , bald in flatternden Streifen an ihren Wipfeln hingen , bald gespenstig über den Boden hinschwebten . Und die gleichen Nebelschleier schwebten und flatterten auch über dem Gebirge drüben , bald zerreißend , bald sich zusammenballend , um die dunklen Gipfel und in den dampfenden Thälern . Es war ein Wallen und Wogen ohne Ende , ein Sinken und Steigen , jetzt als wollten Berge und Wälder sich aufthun in ihren fernsten Tiefen , jetzt als wollten sie sich verschließen vor jedem Menschenauge . Ringsum brauste der Sturm und wühlte in den hundertjährigen Tannen wie in einem Kornfelde ; ächzend schwankten die mächtigen Stämme auf und nieder ; sausend bogen sich die Wipfel , und über ihnen dahin jagten die grauen Wolken , gährende , gestaltlose Massen , in wilder regelloser Flucht . Es war ein Unwetter , wie nur je eins im Schooße des Gebirges emporstieg , und doch waren es Frühlingsstürme , die da oben brausten ! Auf diesen sausenden Schwingen kam der Frühling gezogen , nicht sonnig lächelnd wie drunten in der Ebene ; hier kam er rauh , wild und gewaltsam , aber es war doch sein Athem , der in diesem Sturme wehte , sein Ruf , der aus diesem Brausen klang . Es liegt etwas in dem Wesen der Frühlingsstürme , wie eine Verheißung all ’ des Sonnenglanzes und Blüthenduftes , der sich nun bald über die Erde ausgießen wird , wie eine Ahnung all ’ des mächtig schaffenden Lebens , das schon seine tausend Keime empor zum Lichte ringt . Und sie hörten den Ruf und antworteten ihm , die brausenden Wälder , die stürzenden Bäche und dampfenden Thäler . In diesem Brausen und Schäumen und Toben , da klang doch nur das Aufjauchzen der Natur , die nun endlich die letzten Fesseln des Winters abwarf , klang ihr Jubelruf , mit dem sie den nahenden Retter begrüßte : Der Frühling kommt ! Es ist etwas Geheimnißvolles , solch eine Frühlingsstunde , und die Sagen des Gebirges leihen ihr einen eigenen , romantischen Zauber . Sie erzählen von dem Berggeiste , der dann durch sein Reich hinschreitet und dessen Macht in einer solchen Stunde auch segnend oder verheerend in das Leben der Menschen tritt , die in diesem Reiche weilen . Was sich da findet , das gehört zusammen für immer , und was sich da trennt , das trennt sich für alle Ewigkeit . Sie brauchten sich freilich nicht erst zu finden , die Beiden auf der Höhe da oben ; sie waren verbunden durch das festeste Band , das zwei Menschen nur einigen kann , und doch standen sie sich so fern , und doch waren sie einander so fremd , als lägen Welten zwischen ihnen . Das Stillschweigen hatte bereits eine geraume Zeit gedauert . Eugenie brach es zuerst . „ Arthur ! “ Er schreckte wie erwachend auf und wandte sich zu ihr . „ Du wünschest ? “ „ Es ist so kalt hier oben – willst Du mir jetzt nicht – Deinen Mantel leihen ? “ Wie vorhin stieg wieder eine helle Röthe auf in dem Antlitz des jungen Mannes , als er sie in sprachloser Verwunderung anblickte . Er wußte , daß die stolze Frau lieber erstarrt wäre in dem eisigen Winde , als daß sie sich herabgelassen hätte , um die einmal verschmähte Hülle zu bitten , und dennoch that sie es jetzt in diesem stockenden Tone , mit diesen niedergeschlagenen Augen , mit denen man ein begangenes Unrecht eingesteht . In der nächsten Minute schon stand er neben ihr und bot ihr den Mantel hin . Sie ließ es schweigend geschehen , daß er ihn um ihre Schultern legte ; aber als er nun wieder an seinen Platz zurückkehren wollte , traf ihn ein Blick stummen , ernsten Vorwurfs . Arthur schien noch eine Secunde lang zu zögern ; aber hatte sie nicht etwas gethan , das beinahe einer Abbitte glich ? Er ließ gleichfalls seinen Trotz fahren und blieb an ihrer Seite . Aus dem Thale war eine Nebelwand aufgestiegen und lagerte jetzt so dicht um die Beiden , als wollte sie dieselben festhalten an diesem Orte . Berge und Wälder verschwanden in dem grauen Dunst ; nur die Tanne ragte mächtig daraus empor und blickte ernst nieder auf die zwei Menschen , die sich in ihren Schutz geflüchtet . Ueber ihnen rauschten und wehten die dunklen Zweige wie mit tausend seltsamen geheimnißvollen Stimmen , und dazwischen brausten die volleren Accorde des Waldes – es war so angstvoll beklemmend in diesem Nebel , unter diesem Wehen und Rauschen . Eugenie fuhr plötzlich auf , als müsse sie sich einer Gefahr entreißen , die sie umstrickt hielt . „ Der Nebel wird immer dichter , “ sagte sie gepreßt , „ und das Wetter immer unheimlicher ! Glaubst Du , daß irgend eine Gefahr für uns auf diesem Wege vorhanden ist ? “ Arthur blickte in die wogende Dunstmasse und strich sich mit der Hand die Tropfen aus dem feuchten Haar . „ Ich kenne unsere Berge nicht genug , um zu wissen , in wieweit ihre Stürme gefährlich werden können . Und wenn es nun der Fall wäre , würdest Du Dich fürchten ? “ „ Ich bin nicht furchtsam , und doch zagt man immer , wo es sich um das Leben handelt . “ „ Immer ? Ich dächte , das Leben , das wir in diesen vier Wochen geführt haben , wäre nicht derart gewesen , daß man zittern müßte , es auf ’ s Spiel zu setzen , zumal für Dich nicht ! “ Die junge Frau senkte das Auge . „ Ich bin Dir , so viel ich weiß , noch mit keiner Klage lästig gefallen , “ erwiderte sie leise . „ O nein ! Ueber Deine Lippen kommt gewiß keine Klage . Wenn Du nur so gut wie die Klagen der Lippen auch die Blässe der Wangen zurück zwingen könntest ! Du thätest es sicher , aber daran scheitert selbst Deine Willenskraft . Glaubst Du , daß es mir so große Freude macht , zu sehen , wie mein Weib sich an meiner Seite schweigend verblutet , weil das Schicksal sie nun einmal an diese Seite gezwungen hat ? “ Jetzt war es Eugenie , die tief und glühend erröthete ; aber es war nicht der Vorwurf in seinen Worten , der diese Gluth auf ihre Wangen rief , nur der seltsame Ausdruck , den er zum ersten Male ihr gegenüber gebrauchte . „ Mein Weib ! “ hatte er gesagt . Ja freilich , sie war ihm angetraut , aber es war ihr noch niemals eingefallen , daß er ein Recht haben konnte , sie „ sein Weib “ zu nennen . „ Weshalb berührst Du denn jetzt diesen Punkt wieder ? “ fragte sie sich abwendend . „ Ich hoffte , es sei mit jener ersten nothwendigen Erklärung zwischen uns für immer abgethan . “ „ Weil Du Dich in dem Irrthume zu befinden scheinst , ich wolle Dich zeitlebens in den Fesseln halten , die mir wahrlich so drückend sind , wie sie Dir nur je waren . “ Der Ton klang eisig kalt , und doch blickte Eugenie rasch zu ihm auf , aber sie vermochte nicht das Geringste in seinem Gesichte zu lesen . Warum verschleierten sich denn diese Augen immer wieder , sobald sie es versuchte , darin zu forschen ? Wollten sie ihr nicht Rede stehen oder fürchteten sie sich davor ? „ Du sprichst von einer – Trennung ? “ „ Meinst Du , ich hätte eine dauernde Ehe zwischen uns für möglich gehalten nach jenen Ausdrücken von Hochachtung , die ich am ersten Abende aus Deinem Munde hören mußte ? “ Eugenie schwieg . Ueber ihrem Haupte rauschten und wehten wieder die grünen Tannenarme ; die Waldesstimme drang mahnend und warnend herab zu den Gatten , die eben im Begriff standen , das Trennungswort auszusprechen , denn Keiner von Beiden wollte die Warnung verstehen . [ 121 ] „ Wir sind Beide nicht frei genug , um alle Rücksichten bei Seite zu setzen , “ fuhr Arthur in dem gleichen Tone fort , „ Dein Vater wie der meinige sind zu bekannt in ihren Kreisen , unsere Verbindung machte zu großes Aufsehen , als daß wir sie sofort wieder hätten lösen können , ohne der Residenz einen unerschöpflichen Stoff zu Skandalgeschichten zu liefern , deren lächerliche Helden wir geworden wären . Man trennt sich nicht nach vierundzwanzig Stunden ohne jede äußere Veranlassung , auch nicht nach acht Tagen , man hält ‚ anstandshalber ‘ ein Jahr miteinander aus , um dann mit einiger Wahrscheinlichkeit erklären zu können , daß die Charaktere nicht zusammen passen . Ich hoffte , so lange würden auch wir das Nebeneinanderleben ertragen ; es scheint aber doch , als ob unsere Kräfte der Aufgabe nicht gewachsen sind . Wenn das so fortgeht , erliegen wir ihr Beide . “ Der Arm , den die junge Frau um den Stamm des Baumes geschlungen hatte , zitterte leise , aber ihre Stimme klang vollkommen fest , als sie entgegnete : „ Ich erliege nicht so leicht einer einmal übernommenen Aufgabe , und was Dich betrifft , so glaubte ich in der That nicht , daß Du überhaupt eine Empfindung für das Peinliche dieses Zusammenlebens hättest . “ Sein Blick sprühte auf ; es war wieder jenes schnelle , blitzähnliche Aufleuchten , das in den braunen Augen kam und ging , ohne eine Spur zu hinterlassen ; sie waren matt und ausdruckslos wie gewöhnlich , als er nach einer kurzen Pause antwortete : „ Du glaubtest das in der That nicht ? So ? Nun , auf meine Empfindungen kommt es ja auch nicht an . Ich hätte diesen Punkt überhaupt nicht berührt , hätte ich nicht die Nothwendigkeit eingesehen , Dir die Beruhigung zu geben , daß unsere Verbindung gelöst werden soll , sobald es der Welt gegenüber nur irgend möglich ist . Vielleicht sehe ich Dich dann nicht mehr so bleich , wie in diesen letzten Tagen , und vielleicht glaubst Du mir nun auch , was Dir bisher immer noch als eine Lüge galt , daß ich keine Ahnung von jenen Machinationen hatte , die mir eine Hand erzwangen , welche ich freiwillig zu empfangen wähnte . “ „ Ich glaube Dir , Arthur “ sagte sie leise , „ jetzt glaube ich Dir . “ Arthur lächelte , aber es war ein Lächeln grenzenloser Bitterkeit , mit dem er diesen ersten Beweis des Vertrauens seiner Gattin empfing , in dem Momente , wo er sie aufgab . „ Der Nebel fängt an zu fallen , “ sagte er abbrechend , „ und auch der Sturm scheint sich für einige Minuten zu legen . Wir müssen das benutzen , um hinabzukommen ; unten im Thale sind wir geschützt und erreichen in wenigen Minuten den Pachthof , wo man uns hoffentlich einen Wagen leihen kann . Willst Du mir folgen ? “ Der Weg war steil und schlüpfrig ; aber Arthur schien heute nun einmal seine ganze Natur verleugnen zu wollen ; er schritt fest und sicher bergabwärts , während Eugenie in ihren dünnen Schuhen und langen Kleidern , durch den Mantel noch mehr in ihren Bewegungen gehindert , kaum vorwärts schreiten konnte . Er sah , daß er ihr zu Hülfe kommen mußte , aber mit einem bloßen Arm-bieten war es auf diesem Wege nicht gethan ; er mußte sie nothgedrungen umfassen , wenn die Hülfe überhaupt etwas nützen sollte , und das – ging doch nicht . Der Gatte scheute sich hier , seiner Gattin einen Dienst zu leisten , den er jeder Fremden geleistet hätte , und was jede Fremde unter diesen Umständen unbedenklich angenommen hätte , das zauderte die Frau hier von ihrem Manne anzunehmen ; sie bebte leise zusammen , als er nach kurzem Zögern schließlich doch den Arm um sie legte . Keines von Beiden sprach ein Wort während des ganzen nur etwa zehn Minuten dauernden Weges , aber Eugeniens Antlitz wurde immer bleicher bei jedem Schritt , den sie niederwärts thaten . Sie schien es nun einmal nicht ertragen zu können , daß dieser Arm sie umfaßte , daß sie sich auf diese Schulter stützen mußte , so nahe , daß sein Athem sie berührte ; und doch erleichterte er ihr das Peinliche der Situation so viel als möglich . Nicht ein einziger Blick fiel auf sie ; seine ganze Aufmerksamkeit schien auf den Weg gerichtet , der allerdings Sorgfalt und Umsicht genug erforderte , sollten sie nicht Beide hinabgleiten . Aber die Lippen des jungen Mannes zeigten trotz aller Ruhe doch wieder das verrätherische Zucken , und als er , unten angelangt , mit einem tiefem Aufathmen seine Frau aus den Armen ließ , da sah man deutlich , daß er bei dieser seltsamen Promenade nichts weniger als ruhig gewesen war . Zwischen den Bäumen hervor schimmerten bereits die Gebäude des Pachthofes , und hastig , als müßten sie um jeden Preis das fernere Alleinsein abkürzen , schlugen Beide den Weg dorthin ein . Ueber sie hin brausten die Frühlingsstürme , und oben auf der Höhe legte sich der Nebel wieder dicht um die Tanne am Saume des Waldes , die ihre Zweige schirmend über zwei Menschen ausgebreitet hatte in der Stunde , von der die Bergsagen erzählen : „ Was sich da findet , das gehört zusammen für immer , und was sich da trennt , das trennt sich für alle Ewigkeit ! “ [ 122 ] Herr Berkow war bereits am Nachmittage desselben Tages eingetroffen , an dem Arthur und dessen Gattin sich im Walde befanden , und hatte sie schon bei ihrer Rückkehr empfangen ; aber er schien diesmal nicht die ausgezeichnete Laune aus der Residenz mitgebracht zu haben , welche ihn bei seinem früheren Besuche beherrschte , als er in dem ersten Triumphe schwelgte , den die neue vornehme Verwandtschaft ihm in seinem eigenen Hause bereitete . Zwar war er auch jetzt wie gewöhnlich voll Artigkeit gegen seine Schwiegertochter , von unbegrenzter Nachsicht seinem Sohne gegenüber ; aber sein ganzes Wesen zeigte doch etwas Hastiges , Unruhiges und Zerstreutes , das sich schon im Laufe des ersten Abends verrieth und sich noch deutlicher kund gab am nächsten Morgen , als Arthur zu ihm in ’ s Zimmer trat und eine Unterredung mit dem Vater verlangte . „ Später , Arthur , später ! “ sagte er abwehrend . „ Quäle mich nur jetzt nicht mit Bagatellen , wo ich den Kopf voll der ernstesten Dinge habe ! Die Geld- und Geschäftsangelegenheiten in der Residenz haben mir endlose Verdrießlichkeiten bereitet ; alles stockt , alles bringt Verluste statt Gewinne und – doch davon verstehst Du ja nichts , interessirst Dich auch schwerlich dafür ! Ich werde die Sachen schon selbst wieder in ’ s Geleise bringen , aber ich bitte Dich , verschone mich nur jetzt mit Deinen Privatangelegenheiten ! “ „ Es ist keine Privatangelegenheit ; die Sache ist auch für Dich von Wichtigkeit , Papa ! Es thut mir leid , daß ich gerade jetzt , wo Du so mit Geschäften überhäuft bist , eine Stunde für mich beanspruchen muß , aber es geht nicht anders . “ „ Nun denn , nach Tische ! “ erklärte Berkow ungeduldig . „ So lange wirst Du doch wohl warten können . Jetzt habe ich keine Zeit . Die Beamten warten bereits drüben im Conferenzzimmer , und ich habe den Oberingenieur benachrichtigen lassen , daß ich gleich nach der Conferenz mit ihm einfahren werde . “ „ Einfahren ? “ fragte der junge Mann aufmerksam werdend . „ Du willst die Schachte besichtigen ? “ „ Nein ! Die Aenderung an dem Hebewerk will ich besichtigen , die während meiner Abwesenheit vorgenommen worden ist . Was sollte ich in den Schachten thun ? “ „ Ich glaubte , Du wolltest Dich einmal persönlich überzeugen , ob es wirklich dort unten so schlimm aussieht , wie man behauptet . “ Berkow , der bereits im Begriff war zu gehen , kehrte plötzlich um und sah seinen Sohn mit einem höchst erstaunten Blicke an . „ Was weißt Du denn davon , wie es in den Schachten aussieht ? Wer hat Dir denn dergleichen in den Kopf gesetzt ? Mir scheint , der Director hat sich , da seine vorigen Geldforderungen für Verbesserungen bei mir kein Gehör finden , an meinen Herrn Sohn gewandt . Da ist er freilich an den Rechten gekommen ! “ Er lachte laut auf , ohne den Zug von Unwillen zu bemerken , der in Arthur ’ s Gesicht stand , als er mit einiger Schärfe entgegnete : „ Es müßte aber doch untersucht werden , in wie weit diese Verbesserungen nothwendig sind , und da Du einmal mit den Ingenieuren einfährst , so könntest Du auch wohl bei der Gelegenheit die Schachte einer eingehenden Besichtigung unterwerfen . “ „ Ich werde mich hüten ! “ sagte Berkow kurz . „ Glaubst Du , daß ich Lust habe , mein Leben zu riskiren ? Die Dinger sind gefährlich in ihrem jetzigen Zustand , das ist kein Zweifel . “ „ Und doch schickst Du täglich Hunderte von Arbeitern hinunter ? “ Der Ton der Frage war sehr eigenthümlich , so eigenthümlich , daß der Vater die Stirn runzelte . „ Willst Du mir etwa Moralpredigten halten , Arthur ? Ich dächte , die nähmen sich in Deinem Munde etwas seltsam aus ! Du scheinst Dich in der Langeweile Deines Landaufenthaltes auf die Philanthropie geworfen zu haben . Laß das lieber bleiben ; es ist eine höchst kostspielige Leidenschaft , zumal in unseren Verhältnissen . Uebrigens sorge ich schon selbst dafür , daß mir nicht durch irgend ein Unglück ein Verlust erwächst , der mir gerade jetzt sehr ungelegen käme . Was nothwendig ist , wird erhalten und ausgebessert ; zu umfassenden Einrichtungen habe ich für ’ s Erste kein Geld , und ebensowenig kann ich den Betrieb auch nur für die kürzeste Zeit aussetzen lassen ; dazu hättest Du weniger brauchen müssen , als es in der letzten Zeit vor Deiner Heirath der Fall war . Ich begreife aber überhaupt nicht , weshalb Du Dich auf einmal um Dinge kümmerst , die Du sonst völlig ignorirt hast . Kümmere Dich lieber um Deine Saloneinrichtungen und Deine Wintersoiréen in der Residenz und laß mir die Sorge und die Verantwortung für Etwas , wovon Du nicht das Geringste verstehst ! “ „ Nein , Papa , nicht das Geringste ! “ bekräftigte der junge Mann mit aufquellender Bitterkeit . „ Dafür hast Du redlich gesorgt . “ „ Ich glaube gar , Du willst mir Vorwürfe machen ! “ fuhr Berkow auf . „ Hast Du nicht alle Freuden des Lebens ausgekostet ? Habe ich je ein Opfer gescheut , sie Dir im vollsten Maße zu gewähren ? Hinterlasse ich Dir nicht Reichthümer , ich , der ich ohne einen Pfennig in der Tasche meine Laufbahn begann ? Habe ich Dich nicht durch die Heirath mit der Baroneß Windeg in den Kreisen des Adels heimisch gemacht , dem Du früher oder später selbst angehören wirst ? Ich möchte den Vater sehen , der so viel für seinen Sohn gethan hat wie ich ! “ Arthur hatte während der ganzen Rede schweigend durchs Fenster geblickt ; jetzt wandte er sich zum Gehen . „ Du hast vollkommen Recht , Papa , aber ich sehe , daß Dir jetzt sowohl die Zeit als die Geduld fehlt , Das anzuhören , was ich mir vorgenommen , Dir zu sagen . Nach Tische also ! “ Er ging , während Berkow ihm kopfschüttelnd nachblickte . Sein Sohn kam ihm jetzt bisweilen ganz unbegreiflich vor ; indessen er schien in der That wenig Zeit übrig zu haben , er verschloß hastig seinen Schreibtisch , nahm den Hut vom Tische und ging nach dem Conferenzzimmer hinüber – mit einer Miene , die den dort harrenden Beamten gerade keinen Sonnenschein verkündete . – Im Schachte waren inzwischen die sämmtlichen Bergleute versammelt , die eben zur zweiten Schicht anfahren wollten ; sie warteten auf den Obersteiger , der sich noch nicht blicken ließ . Es waren Männer jedes Alters und jedes Arbeitszweiges darunter , den die Thätigkeit in den Schachten nothwendig macht , auch die sämmtlichen Steiger dieser Abtheilung , aber sie hatten allesammt doch nur einen Mittelpunkt , Ulrich Hartmann , der inmitten der Gruppe stand , den Fuß auf die Stufen gesetzt , die Arme übereinander geschlagen , und der , obgleich er im Augenblicke nicht sprach , doch unbedingt als die Hauptperson zu gelten schien . Eine eigentliche Besprechung konnte wohl nicht stattgefunden haben ; dazu waren Zeit und Ort zu wenig geeignet , aber selbst bei diesem kurzen und zufälligen Zusammenfinden schien die Rede von Dingen gewesen zu sein , die nun einmal jetzt das Hauptthema unter den Arbeitern der Werke bildeten . „ Verlaß Dich darauf , Ulrich , sie kommen