. [ 101 ] Der Prior sah mit der ganzen hochmüthigen Ueberlegenheit des Vorgesetzten auf Benedict nieder . „ Sie scheinen zu vergessen , daß ich das vermittelnde Glied zwischen dem Abte und den Klostergeistlichen bin , “ sagte er streng . „ Es ist durchaus unstatthaft , daß man sich mit Umgehung meiner Person direct an Seine Gnaden wendet . “ „ Ich habe die Regel nicht als ein Gebot angesehen ! “ erklärte Benedict noch immer gelassen ; „ auch scheint der Herr Prälat es nicht so aufzufassen , da er meine Bitte sofort gewährte . Euer Hochwürden mögen übrigens wegen der Audienz unbesorgt sein , sie betrifft nur meine Privatangelegenheit und nicht etwa – andere Dinge . “ Der Ton der letzten Worte war so eigenthümlich , daß der Prior aufmerksam wurde . „ Was meinen Sie damit ? “ fragte er noch strenger ; aber ein schneller stechender Blick traf dabei die Züge des jungen Mönches . „ Ich meine gewisse Klosterangelegenheiten , zum Beispiel die Auskunft über den Verbleib eines Theiles der Stiftsgelder , die der Herr Prälat dringend wünscht und die er nicht erhalten kann , weil der Rentmeister die Bücher in einer unverantwortlich nachlässigen Weise geführt hat . “ Ueber das Gesicht des Priors flog ein plötzliches Erbleichen , seine stechenden Augen hefteten sich jetzt lauernd auf Benedict . „ Und wären Sie vielleicht im Stande , ihm diese Auskunft zu geben ? “ „ Die Auskunft selbst nicht , wohl aber einen Wink , wo sie zu erlangen wäre . Hochwürden werden sich erinnern , daß der Rentmeister kurz vor seiner Entlassung plötzlich schwer erkrankte . Sie , sein ausschließlicher Gewissensrath , waren gerade abwesend , und so rief man mich zur Beichte . “ Die Blässe auf dem Gesichte des Priors war fahler geworden . „ Ah so ! Er hat Ihnen Geständnisse gemacht ? “ „ Genannt hat er Niemanden ! “ sagte Benedict kalt . „ Der Mann ist zu gut geschult , und ich mochte nicht noch mit weiteren Fragen in den Schwerkranken dringen , sein Zustand war ohnehin gefährlich genug . Ich habe aber bei der Gelegenheit den Eindruck empfangen , daß der Rentmeister nur das Werkzeug in fremder Hand war und die fehlenden Gelder nicht in seinem Interesse verwendet sind . Ich bin überzeugt , wenn der Prälat mit der vollen Macht seiner Persönlichkeit einen Druck auf ihn übte , so wäre es nicht schwer , umfassende Geständnisse von ihm zu erlangen . “ „ Da haben Sie in der That wichtige Entdeckungen gemacht ! “ Der Prior vermochte es doch nicht , das Auge seines jungen Untergebenen auszuhalten , das fest und drohend auf ihn gerichtet war . Seine Stimme klang heiser , als er schnell hinzu setzte : „ Ich bewundere nur , daß Sie den Herrn Prälaten nicht sogleich davon unterrichtet haben , die Sache ist ja schon wochenlang her . “ „ Wenn es mir nicht so sehr widerstrebte , den Angeber zu machen , so hätte ich es gethan . Ich beschloß , die Angelegenheit ruhen zu lassen , als ich sah , daß der Schaden nicht zu ersetzen war , und daß das sofortige energische Einschreiten unseres Abtes das Stiftsvermögen vor weiteren Angriffen sicherstellte . Der Punkt wäre auch heute nicht berührt worden , sähe ich mich nicht zu der Bitte gezwungen , daß Euer Hochwürden endlich einmal mit den kleinlichen Quälereien und endlosen Verfolgungen aufhören mögen , deren Zielpunkt ich seit der ganzen Zeit meines Hierseins bin und zu denen Sie Ihre Macht als mein Vorgesetzter mißbrauchen . Es sind allerdings nur Nadelstiche , aber man kann Jemand zu Tode hetzen mit solchen Nadelstichen , und ich bin jetzt auf den Punkt gekommen , wo ich sie nicht mehr ertragen kann . Ich bitte dringend um Schonung ; es giebt Manchen im Kloster , der mehr zu verantworten hat , als ich . “ Wäre Benedict nur etwas weniger stolz und menschenverachtend gewesen , so hätte er den Blick verstanden , der in giftigem , tödtlichem Haß ihm entgegensprühte . In dem Blicke stand sein Verderben ; aber der junge Priester wandte sich verachtungsvoll ab und ging , das Ornat wieder mit dem Ordenskleide zu vertauschen – er ahnte doch wohl nicht , wie grenzenlos unvorsichtig er gehandelt und welchen Feind er gereizt hatte . Der Prior blickte ihm einige Secunden lang stumm nach . „ Steht es so ? “ murmelte er endlich . „ Du wagst es , mir zu drohen ? Der Schwachkopf von Rentmeister muß ihm die Augen geöffnet haben ; ich werde sorgen , daß er sich nicht noch mehr verräth . – Hüten Sie sich , Herr Pater Benedict ! Bisher waren Sie nur unbequem , jetzt fangen Sie an , gefährlich zu werden ; es wird Zeit , daß man Sie beseitigt ! “ Die große , mit aller Pracht und allem Ueberfluß reichlich versehene Conventstafel , die dem Hochamte folgte , war vorüber . Das Stift liebte es , an solchen Tagen den vollen Glanz seines Reichthums zu entfalten und eine wahrhaft verschwenderische Gastfreundschaft gegen Hoch und Niedrig zu üben . Jetzt war die Tafel aufgehoben , die Gäste hatten sich zum größten Theil bereits [ 102 ] entfernt und auch der Prälat hatte sich zurückgezogen , da der weit einfachere Nachmittagsgottesdienst von den untergeordneteren Geistlichen celebrirt ward . Zur festgesetzten Stunde betrat Benedict die Gemächer des Abtes ; aber der Kammerdiener führte ihn nicht dort hinein , sondern in den Garten hinunter , wo der Prälat nach den mancherlei Anstrengungen des Tages sich im Freien erging . Langsam wandelte die hohe Gestalt in den Gängen auf und nieder ; auf dem schwarzen Talar blitzten die Diamanten des großen Kreuzes , das er auf der Brust trug , während ein schwarzes Sammetkäppchen die Tonsur und das bereits ergraute , aber noch volle Haupthaar bedeckte . Der weite , reichgepflegte Stiftsgarten mit seinen parkartigen Anlagen war in ebenso großartigem Stile angelegt wie die Abtei selbst , die einem königlichen Schlosse keine Schande gemacht hätte . Es gab überhaupt nur wenige Schlösser im Lande , die sich mit ihr messen konnten , und es lag auch etwas von beinahe königlichem Bewußtsein in der Haltung des Prälaten . Der ehemalige Graf Rhaneck hatte wahrlich keine Erniedrigung gewählt , als er sein Leben der Kirche weihte ; selbst die Ehren und Güter seines Bruders , des jetzigen Majoratsherrn , reichten nicht an die Machtvollkommenheit und an das souveraine Bewußtsein des Abtes , der sich als unumschränkter Herr und Herrscher fühlte auf dem Boden , wo er stand . Nicht Jeder ist empfänglich für Eindrücke , wie sie der Prälat in diesem Moment augenscheinlich empfand . Zum mindesten schien es Benedict nicht zu sein , obgleich man gerade ihm die Macht und den Glanz einer solchen Stellung von jeher als Zielpunkt seiner Laufbahn gezeigt hatte . War vielleicht die Zeit schon vorüber , wo Ehrgeiz und Schwärmerei ihm dies Ziel begehrenswerth erscheinen ließen – er blickte so kalt und unbewegt auf die stolze Umgebung und auf seinen Abt , wie am heutigen Morgen auf die Menge , die knieend vor ihm niedersank , um seinen Segen zu erbitten . Der Prälat schien heute sehr gnädig ; er winkte den jungen , in ehrfurchtsvoller Haltung vor ihm stehenden Mönch an seine Seite und setzte langsam den Weg mit ihm fort . „ Sie haben eine Unterredung mit mir gewünscht , Pater Benedict . Betrifft es irgend ein Anliegen ? Ich bin bereit , Sie zu hören ! “ „ Ich habe eine Bitte an Sie , Hochwürdigster ! “ Der Prälat sah mit einer leichten Befremdung auf ; es war das erste Mal , daß eine Bitte aus diesem Munde kam , der sich stets nur zu den nothwendigsten Antworten öffnete und sonst immer in stummem Gehorchen schwieg . „ Nun , so reden Sie ! “ „ Der Herr Pfarrer Clemens war vor einigen Wochen hier , um eine zeitweilige Unterstützung in seiner Seelsorge zu erbitten , die er bei zunehmendem Alter und Kränklichkeit nicht mehr allein verwalten kann . Noch ist nichts darüber bestimmt , wer die bereits bewilligte Aushülfe zu leisten hat – “ „ Nein ! Ich habe mir die Entscheidung noch vorbehalten . “ „ So bitte ich , mir dies Amt zu übertragen . “ Der Prälat blieb plötzlich stehen : „ Ihnen ? Weshalb ? Aus welchem Grunde ? “ Benedict sah zu Boden ; er konnte es nicht hindern , daß ihm unter den forschenden Blicken die helle Flamme in ’ s Antlitz schlug . „ Ich – ich sehne mich nach Thätigkeit . Das Leben im Stifte bietet mir wenig Gelegenheit dazu , da ich als der Jüngste meist von den priesterlichen Verrichtungen ausgeschlossen werde , und die Klosterregel läßt mir so viel Zeit übrig – “ „ Die Sie doch gerade am besten auszufüllen wissen ! “ unterbrach ihn der Prälat . „ Das Studium beschäftigt Sie ja Tag und Nacht . Haben Sie auf einmal den Geschmack daran verloren ? “ Benedict gab keine Antwort , aber die Flamme loderte noch immer auf seiner Stirn . Er konnte und durfte ja den Grund nicht sagen , der ihn das Stift und seine Umgebung fliehen hieß ; er fühlte nur , daß er fort mußte , fort um jeden Preis . „ Es ist die elendeste von all ’ unseren Stiftspfarren , “ fuhr der Prälat fort . „ Sie sind dort hoch oben im Gebirge , abgeschnitten von Welt und Menschheit , nur auf den Verkehr mit einem armseligen Dorfe angewiesen , und müssen auf jeden Umgang , auf jede Bequemlichkeit verzichten , an die Sie hier im Stifte gewöhnt sind , Pfarrer Clemens ist gering dotirt , er wird Ihnen kaum das Nothwendigste gewähren können . “ „ Ich bin jung und nicht verweichlicht , auch handelt es sich vorläufig nur um die Aushülfe während einiger Monate , zumal beim Eintritt der rauheren Jahreszeit , “ sagte der junge Priester leise . „ Seltsam ! “ Der Blick des Prälaten forschte noch immer in seinen Zügen . „ Ich beabsichtigte das Amt vorkommenden Falles als eine Art von Strafe zu dictiren , und dachte wahrlich nicht , daß einer meiner Geistlichen sich dazu drängen würde . Ich werde die Sache in Ueberlegung ziehen ! “ Benedict verneigte sich stumm ; da er kein Zeichen der Entlassung erhielt , so blieb er an der Seite des Prälaten und schweigend setzten Beide ihren Weg einige Minuten lang fort . Doch der junge Mönch schien noch etwas auf dem Herzen zu haben , er kämpfte augenscheinlich mit sich selber , endlich begann er doch . „ Hochwürdigster ! “ „ Wünschen Sie noch etwas ? “ „ Die Frau des Ignaz Lank war heute Morgen bei mir . Ihr Mann ist auf den Tod erkrankt und sehnt sich nach Spendung der heiligen Sacramente , das arme Weib bat und flehte in Todesangst , nur diesmal eine Ausnahme zu machen . “ „ Sie haben sie doch mit vollster Strenge zurückgewiesen ? “ fragte der Prälat kalt . „ Sie wissen , der Mann ist ein Abtrünniger , er hat sich als einer der Ersten der Bewegung angeschlossen , die gegen uns gerichtet ist . “ „ Ignaz Lank ist der bravste Bauer weithin in der Runde , “ es bebte eine unterdrückte Bewegung in dem Ton des Sprechenden , „ er hat dem Stift stets Ehrfurcht bewiesen und noch kürzlich dem Pater Eusebius das Leben gerettet , als dieser in Gefahr des Ertrinkens kam . “ „ Hat er sich bekehrt ? “ „ Nein ! “ „ So versagen Sie ihm die Sacramente , und wenn er sterben sollte , verweigern Sie ihm auch den Segen und das Geleit zum Grabe . “ „ Hochwürdigster ! “ „ Pater Benedict , Sie gehorchen und schweigen ! “ Benedict schwieg in der That , aber seine Hand ballte sich krampfhaft in den Falten des Talars , dem Auge des Prälaten entging auch diese Bewegung nicht . „ Wie kommt es denn , “ begann er wieder , „ daß man sich bei all ’ solchen Vorkommnissen immer gerade an Sie wendet ? Warum nicht an den Pater Eusebius , warum nicht an die anderen Geistlichen , von denen doch keiner so finster und unzugänglich ist den Leuten gegenüber , als gerade Sie ? “ „ Vielleicht weil sie trotz alledem fühlen , daß ich der Einzige bin , der hier ein Herz hat ! “ Das unvorsichtige Wort war heraus . Dem Prior und jedem Anderen gegenüber hätte es Benedict die schönste Rüge zugezogen , der Prälat blickte gelassen auf ihn nieder , aber es lag Schlimmeres in dem Ton seiner Antwort , als bloße Rüge . „ Nehmen Sie sich vor Ihrem Herzen in Acht , und ich möchte hinzufügen , auch vor Ihrem Kopfe ! Das erste ist hier nicht von Nöthen , und der zweite nur da , wo er im Dienste der Kirche gefordert wird . Vergessen Sie nicht , daß Sie dieser unbedingten Gehorsam gelobten , und lehren Sie bei Zeiten Kopf und Herz sich diesem Gelübde beugen , ehe man sie dazu zwingt . “ Benedict erwiderte nichts , was hätte er auch sagen sollen ! Der Prälat aber brach plötzlich von dem Gegenstande ab . „ Was die Sache mit dem Pfarrer Clemens betrifft , so habe ich sie mir bereits überlegt und bin geneigt , Ihren Wunsch zu erfüllen . Sie mögen ihm die erbetene Unterstützung leisten , machen Sie sich bereit , übermorgen in das Gebirge abzugehen . “ „ Ich danke , Hochwürdigster ! “ Der junge Priester wollte sich zurückziehen , als der Prälat plötzlich dicht vor ihn hintrat . „ Ich entlasse Sie damit vorläufig aus meiner Aufsicht und aus der des Klosters überhaupt . Sie kennen die Hoffnungen , die mein Bruder und auch ich auf Ihre Zukunft setzen , Sie sind die jüngste , sind weitaus die bedeutendste Kraft des Stiftes , ich wünschte nicht , daß sie uns verloren ginge . Pater Benedict ! “ – er legte schwer die Hand auf dessen Schulter und sah ihm fest in ’ s Auge , „ dort drinnen am Altar haben Sie sich der Kirche zugeschworen mit Leib und Seele , der Eid bindet Sie für Zeit und Ewigkeit . [ 103 ] Gedenken Sie dessen , wenn die Versuchung Ihnen nahe tritt , ich lasse Sie gehen , denn ich weiß , daß Sie zu Allem fähig sind , nur nicht zum Meineid ! “ Benedict war todtenbleich geworden , aber er hielt den Blick aus . Es geschah selten , daß der Prälat Jemand in solcher Weise lobte , noch seltener , daß er zu Jemand in diesem feierlich mahnenden Tone sprach ; der stolze Abt begnügte sich gewöhnlich , Befehle zu ertheilen oder Vergebungen zu strafen , zu Warnungen ließ er sich fast nie herab . Der junge Priester fühlte mitten durch die finstere Drohung hindurch , daß sie mehr bedeutete , als die leutseligste Herablassung gegen Andere , es war darin etwas von der Art , wie man zu Ebenbürtigen spricht . „ Ich weiß , was ich geschworen , “ sagte er dumpf , „ und was ich zu halten habe ! “ „ Es ist gut ! “ Der Prälat fiel wieder in seinen gewöhnlichen Ton zurück . „ Ich erwarte den Pater Prior und werde ihn von Ihrer veränderten Bestimmung benachrichtigen . Gehen Sie jetzt und halten Sie sich übermorgen zu der Reise bereit . “ – Benedict hatte erst wenige Minuten den Stiftsgarten verlassen , als der Pater Prior dort eintrat und sich mit viel größerer Demuth und Unterwürfigkeit , als sie seinem Amte zukam , dem hohen Vorgesetzten näherte . In seinem Gesicht stand noch der lauernde Zug , er mochte doch wohl fürchten , daß in der Audienz von „ gewissen anderen Dingen “ die Rede gewesen sei , aber seine Besorgniß schwand bald . Der Prälat zeigte sich auch gegen ihn sehr gnädig , redete gleichgültig von einigen Vorkommnissen des Tages , ließ sich über verschiedene Dinge Bericht erstatten und sagte endlich wie beiläufig : „ Noch Eins ! Pater Benedict wird uns in diesen Tagen verlassen , er geht in ’ s Gebirge , um auf seinen Wunsch dem Pfarrer Clemens die erbetene Aushülfe in der Seelsorge zu leisten . “ „ Auf seinen Wunsch ? “ Dem Prior blieb vor Erstaunen das Wort im Munde stecken . „ Sie sind überrascht ? Ich war es gleichfalls , der Posten ist nicht danach , daß ihn Jemand wünschen sollte ! Haben Sie irgend eine Ahnung , welches der Grund dieser seltsamen Bitte sein könnte ? “ „ Nicht die geringste ! Es müßte denn sein “ – der Prior konnte unmöglich die Gelegenheit vorbeilassen , dem Gehaßten hinterrücks einen Hieb zu versetzen – „ es müßte denn sein , daß ihm die strenge Klosterzucht unbequem wäre , und er sich nach einer größeren Freiheit sehnte . “ Der Prälat schüttelte den Kopf . „ Das ist ’ s nicht ! Daher stammte nicht die Flamme auf seiner Stirn . Haben Sie bemerkt , daß er sich in letzter Zeit an irgend Jemand näher anschloß , daß er Umgang mit den Familien der Nachbarschaft hatte , vielleicht mit Frauen in Berührung kam ? “ „ Nein , durchaus nicht . Er sucht auf seinen Spaziergängen geflissentlich die Einsamkeit und betritt nie eine fremde Schwelle , wenn man ihn nicht in seiner priesterlichen Eigenschaft verlangt . “ „ Ich kann mich irren , “ sagte der Prälat gedankenvoll . „ Möglicherweise will er sich eine neue Art von Pönitenz damit auferlegen , Entsagung genug fordert jene Stellung . “ „ Mit der Pönitenzsucht des Paters Benedict ist es schon längst vorbei ! “ warf der Prior hämisch ein . „ Schon seit Wochen hat er alle die Buß- und Betübungen , denen er sonst so eifrig oblag , völlig aufgegeben . Das nahm alles wie mit einem Schlage ein Ende . “ „ Er wird eingesehen haben , daß sie nutzlos und , “ meinte der Prälat kühl , „ und er hat Recht , ich tadle gerade das am wenigsten . Sonst haben Sie keine Klage über ihn ? “ Der Prior zögerte , gern hätte er seinem Hasse Luft gemacht , aber er wußte zu gut , daß er für jedes seiner Worte einzustehen hatte . Der Prälat war nicht der Mann , ihnen blindlings zu glauben , ohne Untersuchung . „ Nein ! “ sagte er endlich . „ So mag die Sache vorläufig auf sich beruhen . Benachrichtigen Sie inzwischen den Pfarrer . “ „ Hochwürdigster , “ begann der Prior wieder mit seiner kriechenden Demuth . „ Es ziemt mir freilich nicht , einen Rath ertheilen zu wollen , wo Reverendissimus bereits entschieden haben , aber diese Bestimmung – ohne dem Pater Benedict nahe treten zu wollen – ich zweifle dennoch an seiner Zuverlässigkeit . “ „ Ich habe längst daran gezweifelt ! “ sagte der Prälat kalt , „ und eben deshalb soll er fort . Hier im Convent hütet er Blick und Wort wohlweislich , weil er weiß , daß jede Miene beobachtet wird ; hier ist dieser Verschlossenheit nichts zu entreißen . Wir wollen es einmal mit der Freiheit versuchen , vielleicht zeigt sich da eher , was eigentlich an ihm ist . Selbstverständlich wird für die nöthige Ueberwachung gesorgt . Sie haben doch zuverlässige Leute an jenem Orte ? “ „ Den Schullehrer , auf den ich mich in jeder Hinsicht verlassen kann . Von dem alten schwachköpfigen Pfarrer Clemens konnte er freilich nicht viel berichten , in Bezug auf Pater Benedict stehe ich dafür , daß uns auch nicht eine Silbe von seinem Thun und Lassen verborgen bleibt . “ „ Es ist gut . Instruiren Sie den Mann genau , ich werde persönlich seine Berichte empfangen . Sollte Benedict seine Freiheit mißbrauchen , so nehme ich ihn wieder in strenge Zucht . “ „ Wenn es nur dann nicht zu spät ist ! “ wagte der Prior zu bemerken . „ Das Nachbarstift hat in dieser Beziehung schlimme Erfahrungen mit einem seiner jungen Mönche gemacht , dem eine ähnliche Stellung zur heimlichen Flucht aus dem Orden verhalf . “ „ Das Nachbarstift verdankt diese Erfahrung seiner laxen Zucht und der Schwäche seines Prälaten , ich habe meine Mönche besser im Zügel ! “ „ Aber gerade Benedict – “ „ Herr Pater Prior , “ unterbrach ihn der Prälat mit stolzer , beinahe verächtlicher Ueberlegenheit , „ wenn Sie es doch mir überlassen wollten , für die Richtigkeit meiner Maßregeln einzustehen . Gerade bei Benedict kann ich das wagen , denn er besitzt etwas , das freilich Sie gewohnt sind immer in den Hintergrund zu stellen , das aber bei solchen Experimenten schwer in ’ s Gewicht fällt , ein Gewissen . Ihm sind Gelübde und Eidschwur nicht bloße Worte , wie so vielen Anderen , er ist noch Schwärmer genug , ihre ganze Wucht zu empfinden . Der vernichtet sich vielleicht selbst , wenn es zum Aeußersten kommt , oder liefert sich in offenem Trotz in unsere Hände , in feiger heimlicher Flucht wird er uns niemals den Rücken kehren , darauf kenne ich ihn ! “ Der Prior verneigte sich unterwürfig , er schluckte die bittere Pille hinunter , die der Prälat mit dem „ Gewissen “ auch ihm zu kosten gegeben , im Grunde war es ja sein Vortheil , wenn Benedict auf einige Zeit entfernt ward , er hatte mehr der Form wegen opponirt . – Der junge Priester stand in seinem Gemach und blickte hinüber , wo aus den Laubkronen der Bäume das Dach des Schlosses von Dobra auftauchte . Ob er sich wirklich eine Pönitenz auferlegte mit dem rasch gefaßten Entschluß ? Der Prior hatte Recht : es war längst vorbei mit den früheren Bet- und Bußübungen ; den Kopf hatte er zur Noth noch damit betäuben können , als aber das Herz sich zu regen begann , sah er ein , daß „ sie nichts mehr nützten “ . Der Kampf war ein anderer geworden von dem Tage an , wo er am Rande des Baches liegend zum ersten Male jene rosige kleine Elfengestalt erblickte , freilich leichter war er darum nicht geworden , und jetzt galt es sich ihm mit einem Gewaltstreiche zu entreißen . Benedict setzte energisch das Messer an die Wunde ; mochte sie zucken und bluten , gleichviel , wenn er nur den Pfeil mit herauszog . Dort oben im Gebirge war er sicher vor einem erneuten Zusammentreffen und vor der gefährlichen traumhaften Poesie der Waldeinsamkeit , sicher hoffentlich auch vor den Träumen , vor denen er selbst an den Stufen des Altars vergebens Rettung gesucht , denn auch der schützte ihn nicht mehr – da galt es , sich selbst zu helfen ! „ Und ich sage Ihnen , irgend etwas ist mit dem Kinde vorgegangen ! Und wenn sie es mir zehnmal in ’ s Gesicht hineinleugnet , und wenn Sie noch so spöttisch die Achseln zucken , ich bleibe dabei ! “ Mit diesem Satze , augenscheinlich dem Schluß einer längeren Rede , setzte sich Fräulein Reich nieder , warf dem ihr gegenübersitzenden Günther einen herausfordernden Blick zu und nahm ihre Handarbeit mit einem solchen Eifer wieder auf , als gelte es , die mit Sprechen verlorene Zeit im Sturm wieder einzubringen . Günther sah in der That etwas spöttisch drein , und er zuckte auch die Achseln , als er gleichgültig erwiderte : „ Aber , bestes Fräulein , wozu die lange Rede und dies Echauffement , um die einfache Thatsache festzustellen , daß Lucie endlich anfängt vernünftig zu werden . “ [ 104 ] „ Vernünftig ? “ Jetzt war die Reihe an Franziska die Achseln zu zucken . „ Unglücklich ist sie ! Seit dem Tage , wo sie mit verweinten Augen aus dem Walde zurückkam , ist es vorbei mit dem alten Uebermuth . Es ist da irgend etwas passirt , ich wette meinen Kopf , daß etwas passirt ist , aber ich kann es nicht herausbekommen . Die Plaudertasche , die sonst nicht zehn Minuten lang über die geringste Kleinigkeit schweigt , setzt all meinem Fragen und Forschen eine so hartnäckige Verschlossenheit entgegen , wie ich sie ihr nun und nimmermehr zugetraut hätte . “ Der spöttische Ausdruck verschwand aus Günther ’ s Zügen und machte dem der Besorgniß Platz . „ Wenn nur der Graf Rhaneck nicht irgendwie dahinter steckt ! “ sagte er ernster . „ Warum nicht gar ! Sie macht sich nicht so viel aus ihm ! “ Franziska schnellte mit den Fingern . „ Ich fand im Gegentheil , daß sie sich an jenem Festabend nur allzuviel aus ihm machte , und auch mein Verbot , so streng ich es aussprach , scheint nicht allzutief gegangen zu sein , sie trotzte mir ja ganz offen am nächsten Tage . “ „ Wenn ich Ihnen aber sage , daß sie jetzt nichts mehr nach dem Grafen fragt , “ beharrte Franziska , „ daß sie ihm geflissentlich ausweicht ! An ihm liegt die Schuld wahrhaftig nicht , er streift beständig mit Flinte und Jagdtasche auf dem Gebiet von Dobra herum , und taucht bald hier , bald dort auf . Zum Glück wissen wir jetzt , welche Jagd dem jungen Herrn belieben würde , und nehmen unsere Maßregeln darnach . Gnade Gott dem Patron , wenn er mir einmal in die Hände fällt , ich wollte ihn in ’ s Gebet nehmen , daß ihm die Lust zum Wiederkommen ein für alle Mal vergehen sollte ! Aber er hütet sich wohlweislich , mir nahe zu kommen , kaum daß ich ihn einmal von fern sehe ! “ „ Sind Sie gewiß , daß Lucie ihn nicht dennoch gesprochen hat ? “ Franziska hob mit großem Selbstgefühl den Kopf . „ Herr Günther , Sie haben Ihre Schwester meinen Händen anvertraut , und da dächte ich , wären solche Fragen wohl überflüssig . Lucie ist seit jenem Tage , wo sie ohne Erlaubniß nach dem Walde lief , nicht von meiner Seite gekommen , ich bewache sie seit der Eröffnung , die Sie mir machten , wie – wie – “ „ Wie ein Cerberus ! “ ergänzte Günther . „ Das ist ja eine höchst liebenswürdige Bezeichnung meiner Persönlichkeit ! “ rief das Fräulein , sich verletzt erhebend . „ Also in der Eigenschaft gelte ich Ihnen bei Ihrer Schwester ? “ „ Mein Gott , es sollte in diesem Falle ein Compliment sein . – Wo wollen Sie denn hin ? “ „ Ich fürchte , noch weitere derartige Complimente zu bekommen , und überdies ist Lucie allein im Garten , ich muß wohl meinen Posten als Cerberus wieder bei ihr einnehmen . “ „ Aber bestes Fräulein ! “ „ Adieu ! “ „ Franziska ! “ Die Gerufene blieb stehen , aber sie wendete grollend den Kopf zur Seite , Bernhard stand auf und trat zu ihr . „ Sind Sie mir böse ? “ „ Ja ! “ erwiderte Franziska sehr energisch , aber anstatt hinauszugehen , kehrte sie um und nahm ihren Platz am Tische wieder ein . Ruhig , als wäre nichts vorgefallen , setzte sich Günther ihr , wie vorhin , gegenüber . „ Es ist doch merkwürdig , “ begann er nach einer Pause phlegmatisch , „ daß wir nicht fünf Minuten lang mit einander sprechen können , ohne uns zu zanken . “ „ Das ist gar nicht merkwürdig , “ erklärte Franziska noch immer gereizt , „ es ist mit Ihnen eben nicht fünf Minuten lang auszukommen ! “ „ Ich dächte doch , ich käme mit allen Anderen aus , “ meinte Bernhard noch immer mit demselben Phlegma . „ Weil sich alle Anderen von Ihnen maltraitiren lassen ! Ich bin nahezu die Einzige , die Ihnen bisweilen noch Opposition macht ! “ Der Ton des Fräuleins verrieth deutlich , daß sie den „ Cerberus “ noch nicht verwunden hatte ; trotzdem fand es Günther durchaus nicht angezeigt , sich aus seiner Ruhe bringen zu lassen . Sie sind , “ meinte er trocken , „ noch gerade so ausfallend wie daheim in unserem Dorfe . “ „ Und Sie gerade so rücksichtslos wie damals ! “ „ Möglich ! Wir waren immer in Hader und Streit mit einander , das Eigenthümliche war nur , daß wir trotzdem nicht von einander bleiben konnten . “ „ Wir wollten ja wohl von Lucie sprechen ! “ unterbrach ihn Franziska . Bernhard runzelte leicht die Stirn . „ Sie haben eine merkwürdige Art , das Gespräch immer dann abzubrechen , wenn es anfängt , interessant zu werden . “ „ Was für Sie interessant ist , ist es darum noch nicht für mich . “ „ Weshalb ? “ Er sah sie fest an , Franziska bekämpfte eine gewisse Verlegenheit , aber sie überwand sie rasch . „ Ich finde es begreiflich , daß Sie gern auf die Jugendzeit zurückblicken “ , sagte sie ausweichend . „ Sie sind hoch genug gestiegen für einen einfachen Förstersohn . Ich – nun , ich habe es mir auch redlich sauer werden lassen im Leben , und es dennoch nicht weiter gebracht , als zur Gouvernante Ihrer Schwester . Ich vergesse meine Stellung sicher nicht , Herr Günther , ich wünschte nur manchmal , daß – auch Sie sie nicht vergäßen . “ Es lag ein eigenthümlich herber Stolz in der offenen Mahnung , und jetzt begegnete ihr Blick so fest und ernst dem seinigen , als erwarte sie , er werde das Auge niederschlagen , doch dies geschah nicht . Günther erhob sich plötzlich und trat an ihre Seite . „ Das hätten Sie