Wie lange ist es denn her , daß ich ihn hier abkanzelte als einen unverbesserlichen Träumer , der keinen Funken von Kraft und Energie in sich hatte ? Ich sage ja , solch eine unglückliche Liebe ist Goldes wert bei einem Künstler . Jetzt gilt es aber noch , ihm über die erste Zeit der Verzweiflung hinwegzuhelfen , denn seine augenblickliche Ruhe täuscht mich ganz und gar nicht . Ich werde mein möglichstes tun , ihm die Sache aus dem Kopfe zu bringen . « Mit diesem Vorsatze schwenkte der Professor seitwärts nach den Waldanlagen , wo er den Präsidenten von Landeck erblickte . Zufällig hatte aber auch Siegbert denselben bemerkt und deshalb vorgezogen , nicht direkt nach seinem Zimmer zu gehen , sondern sich bei Fräulein von Landeck melden zu lassen , die er jetzt allein wußte . Die beiden alten Herren , die so harmlos in den Anlagen promenierten und und plauderten , hatten keine Ahnung von diesem Besuch und noch weniger von dem , was dabei verhandelt wurde . Als aber Siegbert die junge Dame verließ , strahlte sein Antlitz von einer so unverkennbaren Glückseligkeit , daß der Vorsatz seines Lehrers , ihn der Verzweiflung zu entreißen , einigermaßen überflüssig erschien . Achtzehntes Kapitel . Die Wohnung des Bürgermeisters Eggert lag im zweiten Stockwerk des Hotels , und die Fenster derselben öffneten sich auf eine Galerie , die an dieser Seite des Hauses entlang lief und dicht mit wildem Wein berankt war . Auf dieser Galerie nun stand eine Stunde später der Professor Bertold , der es nach reiflicher Überlegung doch für gut befunden hatte , wenn auch inkognito , der entscheidenden Unterredung beizuwohnen . Er traute der Festigkeit Siegberts noch immer nicht recht und wollte für alle Fälle als Hilfskorps in Bereitschaft stehen . Daß er dabei zum Horcher werden mußte , störte seine Seelenruhe nicht im mindesten , denn übertriebenes Zartgefühl gehörte bekanntlich nicht zu seinen Fehlern . Er hatte dicht neben einem der offenen Fenster Posto gefaßt , wo herabhängendes Weinlaub ihn verbarg , während er alles hören konnte , was im Zimmer vorging . Dort fand in der Tat eine Szene statt , die mit jeder Minute stürmischer wurde . Frau Eggert und Fränzchen bildeten eine Art von Tribunal , bei dem das Familienoberhaupt als Ankläger und Richter in einer Person figurierte , und vor diesem Gerichtshofe stand der Schuldige , dessen Erklärung mit der Gewalt einer platzenden Bombe in die Familie gefallen war . » Bist du denn ganz und gar von Sinnen ? « eiferte der Bürgermeister , » oder habe ich nicht recht gehört ? Du weigerst dich , mit uns nach Wiesenheim zurückzukehren . Du willst den Professor Bertold nach Italien begleiten ? Und das habt ihr beide allein unter euch abgemacht , ohne mich zu fragen ! Freilich , er hat ja schon einmal versucht , dich uns zu entfremden , jetzt beginnt das alte Spiel von neuem . Nicht einen Tag , nicht eine Stunde hätte ich dich in seiner Nähe lassen dürfen . Er machte ja gar kein Hehl aus seinen Absichten , aber ich glaubte , deiner unbedingt sicher zu sein . Ich baute auf deine Anhänglichkeit , auf deine Dankbarkeit , und sehe nun , wie schmählich ich mich getäuscht habe . « » Du tust mir unrecht , Papa ! « entgegnete Siegbert in einem Ton , dem man es anhörte , wie schwer er unter diesen Vorwürfen litt . » Ich bin nicht undankbar , du weißt , daß ich damals gehorsam deinem Rufe gefolgt bin , als du mich mitten aus meinen Studien zurückriefst , aber du weißt nicht , was es mich gekostet hat . Glaube mir , auch jetzt wird der Entschluß mir schwer genug , weil ich fühle , daß er dich kränken muß , aber ich sehe die Unmöglichkeit ein , unter den bisherigen Umgebungen und Verhältnissen irgend etwas zu leisten . Ich bitte dich , im Namen all des Guten , das ich von dir empfange habe , gib mir die Erlaubnis , Professor Bertold zu begleiten . Es ist eine Lebensfrage für mich ! « » Viel zu zahm ! « kritisierte draußen der Professor mit unzufriedener Miene . » Er denkt es wahrhaftig mit Bitten und vernünftigen Vorstellungen durchzusetzen . Dem Mann muß man ganz anders kommen , bei dem hilft nur Grobheit ! « Die warme , innige Bitte seines Pflegesohnes schien in der Tat die Hartnäckigkeit des Bürgermeisters nur zu steigern ; er rief in höchster Erbitterung : » So ! Also eine Lebensfrage ist es für dich , uns zu verlassen , – das Haus , in dem du als Waise aufgenommen wurdest , die Menschen , die dich aus Armut und Niedrigkeit zu Reichtum und Ansehen erhoben ? Siebzehn Jahre lang habe ich dich wie meinen eigenen Sohn gehalten , siebzehn Jahre lang habe ich alle nur möglichen Wohltaten auf dein Haupt gehäuft , und nun dankst du mir so ? « » Papa , ich bitte dich , nicht solche Worte ! « unterbrach ihn Siegbert in qualvollster Erregung , aber der Pflegevater fuhr nur noch heftiger fort : » Und du wagst es sogar , meine Erlaubnis zu dieser Trennung zu erbitten ? Nie und nimmermehr gebe ich sie dir . Wir reisen morgen ab . Du wirst uns nach Wiesenheim begleiten . Du wirst dort bleiben , und ich werde dafür sorgen , daß der gefährliche Einfluß des Herrn Professor dich in Zukunft nicht mehr erreichen kann . « » Dieser verwünschte Despot und Bürgermeister ! « murmelte der Professor draußen ingrimmig . » Er soll es nur versuchen , mir den Jungen noch einmal zu nehmen ! Diesmal mache ich ernst und drehe ihm und seinem ganzen Neste den Hals um . « Der herrische , rücksichtslose Befehl schien indes auch auf Siegbert seine Wirkung zu üben . Seine Stimme klang ruhiger und fester , als er antwortete : » Dann mußt du es verzeihen , wenn ich dir in diesem Falle ungehorsam bin . Es handelt sich hier um meine Laufbahn und um meine Zukunft . Ich kann und will nicht zum zweitenmal die Hand zurückstoßen , die mir beides öffnet ; Professor Bertold hat mein Wort , daß ich ihn begleite , und ich werde es halten . Ich brauche die Freiheit , – in diesem Leben aber ersticke ich ! « Die letzten leidenschaftlich hervorgestoßenen Worte , die wieder wie der » Aufschrei eines Gefangenen « klangen , erregter endlich die Zufriedenheit des Inkognito-Zuhörers . » Recht so ! « brummelte er vor sich hin . » Sage ihnen einmal ordentlich die wahrheit , aber wütender – wütender ! Du bist noch immer viel zu sanftmütig . « Drinnen im Zimmer aber hatten jene Worte einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen , an dem sich auch Frau Eggert und Fränzchen beteiligten , aber das Familienoberhaupt überschrie sie beide . Von allen Seiten stürmten jetzt die bittersten Vorwürfe , die herbsten Anklagen auf den jungen Mann ein , der das eine Zeitlang schweigend über sich ergehen ließ , Aber es war nicht mehr jenes mutlose und wehrlose Schweigen , das er sonst derartigen Vorwürfen entgegensetzte . Sein Stirn begann sich immer dunkler zu röten , in seinen Augen leuchtete es immer drohender , auch bei ihn war augenscheinlich ein Sturm im Anzuge , den die nächste Minute entfesseln mußte . » Und das muß ich von dir hören ! « schrie der Bürgermeister , kirschrot vor Zorn . » Von dir , den ich aus dem tiefsten Elend gezogen , der alles , was er hat und ist , meiner Gnade dankt ! Was wäre aus dir geworden , wenn ich mich nicht deiner angenommen hätte ? « » Vielleicht etwas Besseres ! « sagte Siegbert mit bebenden Lippen . » Ich hätte gedarbt , wie mein Lehrer es in seiner Jugend tat , und mich wie er emporgeschwungen , aber ich wäre nicht der mutlose , kraftlose Träumer geworden , zu dem ihr mich gemacht habt . « Ein Aufschrei der gesamten bürgermeisterlichen Familie begleitete diese Anklage , aber Siegbert war jetzt nicht mehr einzuschüchtern , der Sturm brach los und riß die Hülle von einer jahrelangen Verschlossenheit . » Ich habe es nicht vergessen , daß ich arm war , « fuhr er in tiefster Bitterkeit fort , » aber so oft mir das gesagt wurde , so oft fühlte ich auch , daß es nicht Liebe war , die mich dieser Armut entriß . Man wollte prahlen mit dem Talent des Knaben , der in der Stadt für eine Art Wunderkind galt , deshalb wurde er in das reiche Haus aufgenommen , deshalb gab man ihm Nahrung und Kleidung und forderte dafür sein ganzes Dasein als Eigentum . Ich wurde wie ein Kind am Gängelbande geleitet , und wenn ich mich dagegen erheben wollte , dann wurden mir die empfangenen Wohltaten aufgezählt . Ich wurde festgebannt in einem Kreise , gegen den mein ganzes Sein und Wesen sich empörte , wurde abgeschnitten von der Welt und dem Leben , und da sollte mein Genius die Schwingen regen ! Ihr hattet ihm von Anfang an die Flügel gebunden , damit er nicht weiter flog , als euer Gesichtskreis reichte , und fragtet nicht danach , ob er sie im verzweifelten Ringen wund und blutig schlug . Und jetzt verlangt ihr von mir , ich soll Zukunft , Freiheit , Glück , alles von mir stoßen und euch wieder zurückfolgen in den Kerker ? Einmal habe ich das getan , zum zweitenmal geschieht es nicht wieder ! Was ich von euch empfangen habe , das ist bezahlt mit der Sklaverei meines ganzen bisherigen Lebens . Ich frage jetzt nicht mehr danach , ob ihr mich frei gebt – ich mache mich frei , koste es , was es wolle ! « Er atmete tief auf , als sei mit diesem wilden , stürmischen Ausbruch eine Last von seiner Brust gesunken . Die Zuhörer hatten es im Anfange versucht ihn zu unterbrechen , aber sie verstummten nach und nach . Das schien gar nicht mehr Siegbert zu sein , der da vor ihnen stand ; sie hatten beinahe Furcht vor dieser hochaufgerichteten Gestalt mit den flammenden Augen , vor dieser glühenden , leidenschaftlichen Sprache , die sie noch nie vernommen . Fränzchen flüchtete scheu hinter ihre Mutter , die selbst immer weiter zurückwich , und sogar dem Bürgermeister fehlte für den Augenblick die Sprache . Erst als er sah , daß Siegbert sich zum Gehen wandte , fuhr er auf , um noch in aller Eile den Pflegesohn , den er nicht mehr halten konnte , mit dem nötigen Eklat zu verstoßen . » Aus meinen Augen , Undankbarer ! Ich sage mich von dir los , ich verstoße dich auf immer ! Zu spät wirst du einsehen , was du verloren und aufgegeben hast , aber wenn du auch mit heißen Reuetränen zurückkehrst , wenn du mich auf den Knien um Verzeihung bittest , ich verschließe dir mein Haus und Herz auf ewig ! « Ein halb schmerzliches , halb verächtliches Lächeln zuckte über Siegberts Antlitz , als er sich noch einmal umwandte . » Sei unbesorgt ! Ich kann zugrunde gehen in der Welt da draußen , – zurückkehren werde ich nie ! Es tut mir weh , daß wir so scheiden müssen , aber ihr habt mich auf das Äußerste gebracht , ich konnte nicht anders . Die Freiheit ist mein Recht . Das habe ich endlich eingesehen , und dies so lange versagte und verkümmerte Recht werde ich jetzt behaupten , euch und der ganzen Welt gegenüber ! « » Bravo ! « tönte es im tiefsten Basse vom Fenster her , und als Siegbert in der nächsten Minute auf die Galerie hinaustrat , befand er sich plötzlich in den Armen seines Lehrers , der ihn mit stürmischer Zärtlichkeit umfaßte . » Bravo ! « wiederholte er . » Das hast du gut gemacht , mein Junge ! Und nun komm – jetzt gehen wir nach Rom ! « Am andern Morgen , in aller Frühe , rollte ein offener Wagen , in dem sich Siegbert und der Professor befanden , nach der Bahnstation . Bei einer Biegung des Weges wurde das Hotel noch einmal sichtbar und vom Balkon des ersten Stockwerkes flatterte ein weißes Tuch den Scheidenden nach . Alexandrine , die dort an der Seite ihres Vaters stand , durfte ihrem Lehrer wohl eine Abschiesgruß nachwinken , und der Professor schwenkte auch eifrig seinen Hut als Gegengruß . Aber der junge Mann an seiner Seite , dessen Auge so unverwandt auf jenem wehenden Tuche haftete , wußte besser , wem das Lebewohl galt . Siegberts Antlitz war noch immer ernst und düster ; er gehörte nicht zu jenen Naturen , die sich leicht und schnell aus langgewohnten Banden lösen , die Art , wie sich die Trennung vollzogen hatte , lag noch immer schwer auf seiner Seele , aber tief im Auge schimmerte doch der Strahl des Glückes , dessen Verheißung er mit sich nahm in das neue Leben . Das Haus verschwand , und die Fahrt ging weiter durch das dampfende Tal . Die Morgennebel hielten noch alles dicht umzogen , die ganze Landschaft barg sich noch hinter ihren feuchten Schleiern , nur die mächtige Felsenkrone der Egidienwand tauchte schon daraus empor . Sie wurde mit jeder Minute klarer , und während ihre höchsten Spitzen rosig erglühten in der aufsteigenden Morgensonne , legten sich die Wolken tiefer und tiefer zu ihren Füßen . Und dort oben , über jener Felsenkrone , zog langsam und majestätisch der Adler seine Kreise . Er war emporgestiegen aus dem wogenden Nebelmeere und seine mächtigen Schwingen ausbreitend , nahm er den Flug empor , dem Lichte , der Sonne entgegen . Neunzehntes Kapitel . Es war an einem Herbstabende , etwa drei Jahre später , als der Kurierzug , der von Süden kam , in die Bahnhofshalle von L. einfuhr . Der Zug hatte hier einen längeren Aufenthalt , und die Passagiere benutzten ihn größtenteils , um auszusteigen . In dem Gewühl , das sich nun auf dem Perron entwickelte , sah man auch einen alten Herrn von hoher Gestalt , der trotz seiner weißen Haare noch eine beinahe jugendliche Rüstigkeit zeigte . Er stand an eine Säule gelehnt und blickte heiter auf das bewegte Treiben ringsum . Soeben fuhr ein zweiter Zug , der aus einer andern Richtung kam , in die Halle ein , die Türen wurden geöffnet , und der Strom der Reisenden ergoß sich gleichfalls auf den Perron . Unter den neuen Ankömmlingen befand sich auch ein kleiner , wohlbeleibter Herr , der eine große Reisetasche trug , und mit seiner Begleitung , die aus zwei Damen und einem Herrn bestand , dem Ausgange des Bahnhofes zuschritt . Plötzlich aber blieb er stehen , stieß einen Ausruf der Überraschung aus und arbeitete sich dann , seine Familie im Stiche lassend , aber die Reisetasche festhaltend , durch das Gedränge bis zu jener Säule . » Herr Professor Bertold ! Welch ein glücklicher Zufall führt uns hier zusammen ? Wie freue ich mich , Sie wieder zu sehen , und noch dazu in unverminderter Frische und Kraft ! « Der Professor war sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen , aber er blickte doch einige Sekunden lang ganz verdutzt auf den kleinen Mann , der ihn so freundschaftlich willkommen hieß , dann aber brach er in ein lautes Gelächter aus . » Herr Bürgermeister Eggert , sind Sie es wirklich ? Nun , wenn Sie sich freuen , mich zu sehen , – warum soll ich es nicht auch tun ? « » Unbeschreiblich ! « versicherte der Bürgermeister , indem er versuchte , die Hand des Künstlers zu ergreifen und zu drücken . » Ich bin soeben mit meiner Familie hier angelangt , wir beabsichtigen die Nacht in L. zu bleiben . Haben wir vielleicht das Vergnügen , Sie dort nochmals zu sehen ? « » Nein , ich fahre mit dem Kurierzuge weiter . Ich komme direkt aus Italien und will noch vor Mitternacht in der Residenz sein . » Das ist auch unser Reiseziel , aber wir werden erst morgen dorthin kommen . Wir wollen Siegbert in der Heimat begrüßen , unseren Siegbert , unseren teuren berühmten Sohn ! « » Ist er das wieder nach neuestem Datum ? « fragte Bertold trocken . » Vor drei Jahren haben Sie den » Undankbaren « ja feierlichst verflucht und von sich gestoßen . Sie wollten ihm auf ewig Ihr Haus und Herz verschließen , wenn er auch mit heißen Reuetränen – und so weiter ! « » Ein Mißverständnis , verehrter Herr Professor ! « rief Eggert , der jetzt doch einigermaßen in Verlegenheit geriet . » Siegbert hat meine damaligen Äußerungen ganz falsch aufgefaßt . Ich habe ihm nie , auch nur einen Augenblick lang , meine Liebe entzogen , ich versichere Ihnen – « » Versichern Sie mir gar nichts , « unterbrach ihn Bertold . » Ich stand damals auf der Galerie und habe die ganze Geschichte von Anfang bis zum Ende mit angehört . Ich habe sogar Bravo gerufen , als der Junge Ihnen den Gehorsam aufkündigte . Also Sie verzichten einstweilen auf seine Reuetränen und wollen ihn in aller Freundschaft besuchen ? Er wird allerdings etwas überrascht sein . « » Wir sind bereits angemeldet , « lächelte der Bürgermeister . » Als ich durch die Zeitungen erfuhr , daß Siegbert aus Italien zurückgekehrt sei und seinen Aufenthalt in der Residenz genommen habe , schrieb ich an ihn und erinnerte ihn an die Zeit , wo er noch ganz und voll uns angehörte . Vor wenigen Tagen erhielt ich seine Antwort , die seinem Herzen alle Ehre macht . » Oh , ich wußte ja , daß er uns nicht vergessen würde ! Ich komme übrigens auch als Vertreter seiner Vaterstadt , die durch mich ihrem berühmten Sohne Gruß und Huldigung sendet . Wir sind stolz darauf , daß ein solches Genie aus unserer Mitte hervorgegangen ist . » Ja , die Abstammung merkt man ihm nicht an , « warf der Professor boshaft dazwischen , aber das störte nicht den Enthusiasmus des Herrn Bürgermeister , der mit vollem Pathos fortfuhr : » Wiesenheim hat ihn geboren ! Wiesenheim sah seine Entwicklung , sein erstes Schaffen , und ich darf mit stolzer Freude sagen , daß ich es gewesen bin , der den ersten Funken seines Genius entdeckte und ihn dann treu behütet und gepflegt hat , bis er zur leuchtenden Flamme wurde ! « Das war dem Professor denn doch zu stark . Er stand im Begriff , ein volles Sturzbad über den Flammenhüter auszugießen , als dessen Familie zu rechter Zeit intervenierte . Sie hatte sich glücklich durch das Gedränge gewunden und beeilte sich nun ihrerseits , den Künstler zu begrüßen . Frau Eggert trug gleichfalls eine große Reisetasche wie ihr Gemahl , Fränzchen dagegen hing am Arm eines jungen Mannes , der gar nichts trug , dafür aber mit unendlich herablassender Miene um sich blickte . Der Bürgermeister beeilte sich , ihn vorzustellen . » Mein Schwiegersohn , Herr Ellbach ! Ein junger Dichter , von dem wir alle Großes für die Zukunft erwarten . Ich habe das Glück , ihn gleichfalls Sohn nennen zu dürfen , wie meinen Siegbert , und wie dieser wird er die Höhen des Ruhmes ersteigen . « » Nun , dann hätten wir ja die Dioskuren von Wiesenheim ! « meinte der Professor . » Ich gratuliere Ihnen , Frau Ellbach , und auch Ihrem Herrn Gemahl . « Fränzchen nahm den Glückwunsch mit einem Lächeln der Befriedigung entgegen , der Dichter aber ergriff augenblicklich das Wort . Er glich nicht im mindesten seinem bleichen , tiefernsten Vorgänger , und hatte auch nichts von dessen scheuer , stummer Verschlossenheit . Sein etwas breites Gesicht glänzte förmlich vor Gesundheit und Selbstzufriedenheit , und in der Korpulenz schien er sich den Schwiegervater zum Muster genommen zu haben , den er fast darin erreichte . Seine Frau hatte ihn bereits über Namen und Stellung des Professors unterrichtet , und er ließ infolgedessen nun allerdings sein herablassendes Wesen fahren . Er begrüßte den Künstler als einen Ebenbürtigen und fuhr dann fort : « Ich akzeptiere Ihren Vergleich mit den Dioskuren , Herr Professor . Siegbert Holm ist allerdings einige Schritte voraus auf der Bahn des Ruhmes , aber Edwin Ellbach wird ihm folgen ! Ich fürchte nur , er zürnt mir , weil ich , « hier warf er einen Blick auf seine Frau , » ein Gut errungen habe , das ursprünglich ihm bestimmt war , aber wer kann der Liebe gebieten ! « » Gott bewahre ! « rief der Professor . » Er zürnt Ihnen durchaus nicht , mein Wort darauf . Er gönnt Ihnen Ihre Frau Gemahlin von ganzem Herzen . Also sind Sie der frühere Sonntagsgast und Redakteur des interessanten » Tagesboten « ? « » Er ist es ! « bestätigte der Bürgermeister , der wie seine ganze Familie ehrfurchtsvoll den Dichterworten gelauscht hatte , » aber die Redaktion steht jetzt unter anderer Leitung . Mein Schwiegersohn hat es nicht nötig sich mit einem Amte zu plagen , und er findet das auch unter seiner Würde . Allerdings veröffentlicht der » Tagesbote « ausschließlich seine Dichtungen , da sich leider noch immer kein anderes Blatt gefunden hat , das diese Werke zu schätzen weiß ; Edwin hat sich aber von jedem alltäglichen Beruf zurückgezogen , um einzig den Eingebungen seiner Musen zu lauschen . « » Nun , dann wäre ja alles in schönster Ordnung ! « sagte der Professor . » Nur noch eine Frage . Was macht das neue Stadtgefängnis ! « » Es ist überfüllt , « erklärte der Bütgermeister in feierlichem Tone , » wir werden es vergrößern müssen . Aber Wiesenheim nimmt mit jedem Jahre einen bedeutenderen Aufschwung ; jetzt lässt die Regierung sogar eine Taubstummenanstalt dort errichten ! « » Ich gratuliere ! Aber da gibt die Glocke bereits das Zeichen zum Einsteigen ! Leben Sie wohl , meine Herrschaften , auf Wiedersehen . « » Bei unserem Siegbert ! Sagen Sie ihm , wir hätten uns sogleich nach dem Empfang seines Briefes auf den Weg gemacht , um den Langentbehrten in die Arme zu schließen , und mit eigenen Augen sein großes Bild in der Galerie zu B. zu bewundern . In der Residenz werde ich auch die Ehre haben , Ihnen Herr Professor , die sämtlichen Dichtungen meines Schwiegersohnes zu überreichen . Wir führen sie immer bei uns , aber die Koffer sind leider nicht zur Hand , sonst würde ich – « » Ich danke ! « rief der Professor , jäh zurückweichend , » Ich muß fort und übrigens schlafe ich vortrefflich auf der Eisenbahn , auch ohne jedes Mittel . « Die letzten Worte verhallten zum Glück in dem Läuten der Bahnhofsglocke , die bereits das zweite Zeichen gab . Der Dichter , der auf diese Weise nichts von der ihm angetanen Beleidigung erfuhr , reichte majestätisch seiner Gattin den Arm und schritt mit ihr von dannen . Die Schwiegereltern keuchten in andächtiger Bewunderung mit den schweren Reisetaschen hinterher , und der Zug , in dem sich Professor Bertold befand , dampfte weiter nach Norden . Zwanzigstes Kapitel . Siegbert Holm war in der Tat nach einem dreijährigen Aufenthalte in Italien nach Deutschland zurückgekehrt , um in der Residenz seines Vaterlandes seinen dauernden Wohnsitz zu nehmen . Die Behauptung seines ehemaligen Lehrers , daß es nur das bisherige Leben und die bisherige Umgebung seien , die den jungen Künstler am Boden festhielten , daß er empor konnte , hatte sich bewahrheitet . Einmal von diesen Fesseln befreit , nahm er einen so schnellen und glänzenden Aufschwung , daß selbst Professor Bertold darüber erstaunte . Das große Bild , das er noch im ersten Jahre seines römischen Aufenthaltes vollendete , » Der Kampf mit dem Adler « , hatte einen unglaublichen Erfolg , und trug den Namen des bis dahin ganz unbekannten jungen Malers in alle Welt . Es war in fast allen Hauptstädten Deutschlands ausgestellt worden und hatte überall die ungeteilte Bewunderung errungen . Schließlich wurde es von der großen Galerie in B. angekauft , und was der Maler in den letzten beiden Jahren geschaffen hatte , hielt sich durchaus auf der Höhe dieses ersten Werkes . Die Herbstsonne schien hell herein in das Atelier , dessen Fenster sich auf einen Garten öffneten . Der weite , prächtige Raum war mit echt künstlerischem Geschmack eingerichtet . Alle diese Waffen , Stoffe und Geräte , die in malerischer Anordnung überall zerstreut und zum Teil sehr wertvoll waren , gaben Zeugnis davon , daß , nachdem der Künstler sich Ruhm und Ehre errungen hatte , das Schicksal ihm auch den äußeren Lohn nicht schuldig geblieben war . Professor Bertold saß behaglich in einen Sessel zurückgelehnt und hielt Umschau in dem Atelier seines ehemaligen Schülers , der ihm gegenüber an der Staffelei stand , wo er soeben ein Bild in die rechte Beleuchtung gerückt hatte . Es wäre schwer gewesen , in der schlanken vornehmen Erscheinung des jetzt dreißigjährigen Mannes mit der ruhig sicheren Haltung den alten Siegbert wiederzuerkennen . Sein Gesicht verriet , daß er jahrelang unter der Sonne des Südens gelebt hatte ; aber mit der kräftig dunkleren Färbung war auch ein ganz anderer Ausdruck in diese Züge gekommen , die nichts mehr von Müdigkeit und Abspannung zeigten . Es war ein Antlitz voll Leben und Lebensmut , auf dem der Blick des Professors mit väterlichem Wohlgefallen ruhte . Nur in den Augen lag noch der alte Ernst und die alte Träumerei , aber sie hatte nichts Düsteres mehr . » Du hast dich ja hier ganz vortrefflich eingerichtet , « sagte der Professor umherblickend . » Du scheinst bereits wieder ganz heimisch in Deutschland zu sein . Seit wie lange bist du denn eigentlich hier in der Residenz ? « » Erst seit acht Tagen , « entgegnete Siegbert . » Aber ich hatte schon bei meiner Ankunft vor zwei Monaten alle nötigen Anordnungen getroffen , und die Einrichtung wurde während meines Aufenthaltes in den Bergen vollendet . Das meiste habe ich ja auch aus Italien mitgebracht . « » Ja , du warst nicht zu halten bis zu meiner Abreise , « sagte Bertold ein wenig unmutig . » Du wolltest durchaus noch in das Gebirge , ehe der Herbst kam . Freilich , ich kann es mir denken , daß es dich einmal wieder nach der Egidienwand zog ! Von dort hat ja dein Ruhm so recht eigentlich den Ausgang genommen . « » Und mein Glück ! « ergänzte Siegbert mit einem Aufleuchten der dunklen Augen . » Allerdings , Ruhm ist immer Glück , aber es ist doch merkwürdig , daß es bei uns beiden mit einer unglücklichen Liebe begonnen hat . Was wendest du dich denn ab , Siegbert ? Jetzt nach drei Jahren wird man wohl endlich darüber sprechen können , wenn du auch bisher hartnäckig jeder Andeutung ausgewichen bist . Es war ein ganz vorzüglicher Gedanke von mir , dich auf dieselbe Weise zu kurieren , wie mich einst das Schicksal kuriert hat , wenn auch die Kur etwas gewaltsam war . Geschadet hat sie übrigens nicht , du hast überhaupt diese Leidenschaft merkwürdig schnell überwunden . « » Meinen Sie ? « Die Frage klang beinahe spöttisch . » Ja , das meine ich ! Ich brauchte sechs Monate , um mit meinem Liebesjammer und meinem Bilde fertig zu werden , du warfst die ganze Geschichte in acht Tagen über Bord . Es war gar nicht notwendig , daß ich dich so ängstlich vor Selbstmordideen hütete , denn kaum waren wir in Rom , so benahmst du dich wie ein Gefangener , dem der Kerker aufgeschlossen wird , und von Verzweiflung war auch nicht das mindeste mehr bei dir zu spüren . Ich glaubte , bei deinem Charakter würde dir die Sache noch mehr zu Herzen gehen wie einstmals mir . « Um Siegberts Lippen schwebte ein leises , aber triumphierendes Lächeln , als er entgegnete : » Sie bestehen immer darauf , die Parallele zwischen unseren beiderseitigen Schicksalen zu ziehen . Bei näherer Betrachtung würde sich doch einiger Unterschied finden . « » Gar kein Unterschied ! « erklärte Bertold hartnäckig . » Es war ganz dasselbe . Unglückliche Liebe – Trennung – Verzweiflung – und als Resultat des Ganzen ein Bild , das uns berühmt machte . Die einzige Variante ist , daß ich das Ideal meiner Jugendschwärmerei malte und du Adrian Tuchner . « Siegbert gab keine Antwort , aber seine Augen schweiften wie suchend in den Garten hinaus , der trotz der vorgerückten Jahreszeit noch im grünen Schmucke prangte , aber in diesem Augenblicke ganz leer war . » Ich habe dir auch einen Gruß auszurichten , « begann der Professor von neuem . » Wiesenheim ist unterwegs , um seinem berühmten Sohne Gruß und Huldigung zu bringen . Ich traf gestern auf dem Bahnhof von L. den Herrn Bürgermeister Eggert nebst Familie . Sie haben unglücklicherweise von deiner Ankunft gehört und sich schleunigst auf den Weg gemacht , um dich , wenn auch ohne Reuetränen , in die Arme zu schließen . Morgen überfällt dich die ganze Gesellschaft in deinem Atelier , und sie bringen auch die Wiesenheimer Musen mit , in Gestalt des Schwiegersohnes . Du weißt doch , daß der poetische Redakteur des » Tagesboten « dein glücklicher Nebenbuhler geworden ist ? « » Ich weiß es , mein Pflegevater hat es mir ausführlich geschrieben , als er mir seinen Besuch ankündigte . « » Und du warst gutmütig genug , diesen Besuch anzunehmen , nach der Art , wie man dich verabschiedete ? Ich habe den Herrn Bürgermeister nachdrücklich daran erinnert , ich hätte