, welche hie und da von den Gevollmächtigten dagegen langsam vorgebracht wurden , gar bald darin erstickten . – Auch das ging vorüber ; aber noch eine Genugtuung empfing der Deichgraf eines Tages , da er in stillem , selbstbewußtem Sinnen auf dem neuen Deich entlangritt . Es mochte ihm wohl die Frage kommen , weshalb der Koog , der ohne ihn nicht da wäre , in dem sein Schweiß und seine Nachtwachen steckten , nun schließlich nach einer der herrschaftlichen Prinzessinnen » der neue Karolinenkoog « getauft sei ; aber es war doch so : auf allen dahin gehörigen Schriftstücken stand der Name , auf einigen sogar in roter Frakturschrift . Da , als er aufblickte , sah er zwei Arbeiter mit ihren Feldgerätschaften , der eine etwa zwanzig Schritte hinter dem andern , sich entgegenkommen . » So wart doch ! « hörte er den Nachfolgenden rufen ; der andere aber – er stand eben an einem Akt , der in den Koog hinunterführte – rief ihm entgegen : » Ein andermal , Jens ! Es ist schon spät ; ich soll hier Klei schlagen ! « – » Wo denn ? « » Nun hier , im Hauke-Haien-Koog ! « Er rief es laut , indem er den Akt hinabtrabte , als solle die ganze Marsch es hören , die darunterlag . Hauke aber war es , als höre er seinen Ruhm verkünden ; er hob sich im Sattel , gab seinem Schimmel die Sporen und sah mit festen Augen über die weite Landschaft hin , die zu seiner Linken lag . » Hauke-Haien-Koog ! « wiederholte er leis ; das klang , als könnt es alle Zeit nicht anders heißen ! Mochten sie trotzen , wie sie wollten , um seinen Namen war doch nicht herumzukommen ; der Prinzessinnen-Name – würde er nicht bald nur noch in alten Schriften modern ? – Der Schimmel ging in stolzem Galopp ; vor seinen Ohren aber summte es : » Hauke-Haien-Koog ! Hauke-Haien-Koog ! « In seinem Gedanken wuchs fast der neue Deich zu einem achten Weltwunder ; in ganz Friesland war nicht seinesgleichen ! Und er ließ den Schimmel tanzen ; ihm war , er stünde inmitten aller Friesen ; er überragte sie um Kopfeshöhe , und seine Blicke flogen scharf und mitleidig über sie hin . – – Allmählich waren drei Jahre seit der Eindeichung hingegangen ; das neue Werk hatte sich bewährt , die Reparaturkosten waren nur gering gewesen ; im Kooge aber blühte jetzt fast überall der weiße Klee , und ging man über die geschützten Weiden , so trug der Sommerwind einem ganze Wolken süßen Dufts entgegen . Da war die Zeit gekommen , die bisher nur idealen Anteile in wirkliche zu verwandeln und allen Teilnehmern ihre bestimmten Stücke für immer eigentümlich zuzusetzen . Hauke war nicht müßig gewesen , vorher noch einige neue zu erwerben ; Ole Peters hatte sich verbissen zurückgehalten , ihm gehörte nichts im neuen Kooge . Ohne Verdruß und Streit hatte auch so die Teilung nicht abgehen können , aber fertig war er gleichwohl geworden ; auch dieser Tag lag hinter dem Deichgrafen . Fortan lebte er einsam seinen Pflichten als Hofwirt wie als Deichgraf und denen , die ihm am nächsten angehörten ; die alten Freunde waren nicht mehr in der Zeitlichkeit , neue zu erwerben , war er nicht geeignet . Aber unter seinem Dach war Frieden , den auch das stille Kind nicht störte ; es sprach wenig , das stete Fragen , was den aufgeweckten Kindern eigen ist , kam selten und meist so , daß dem Gefragten die Antwort darauf schwer wurde ; aber ihr liebes , einfältiges Gesichtlein trug fast immer den Ausdruck der Zufriedenheit . Zwei Spielkameraden hatte sie , die waren ihr genug : wenn sie über die Werfte wanderte , sprang das gerettete gelbe Hündlein stets um sie herum , und wenn der Hund sich zeigte , war auch klein Wienke nicht mehr fern . Der zweite Kamerad war eine Lachmöwe , und wie der Hund » Perle « , so hieß die Möwe » Klaus « . Klaus war durch ein greises Menschenkind auf dem Hofe installiert worden : die achtzigjährige Trin ' Jans hatte in ihrer Kate auf dem Außendeich sich nicht mehr durchbringen können ; da hatte Frau Elke gemeint , die verlebte Dienstmagd ihres Großvaters könnte bei ihnen noch ein paar stille Abendstunden und eine gute Sterbekammer finden , und so , halb mit Gewalt , war sie von ihr und Hauke nach dem Hofe geholt und in dem Nordweststübchen der neuen Scheuer untergebracht worden , die der Deichgraf vor einigen Jahren neben dem Haupthause bei der Vergrößerung seiner Wirtschaft hatte bauen müssen . Ein paar der Mägde hatten daneben ihre Kammer erhalten und konnten der Greisin nachts zur Hand gehen . Rings an den Wänden hatte sie ihr altes Hausgerät : eine Schatulle von Zuckerkistenholz , darüber zwei bunte Bilder vom verlorenen Sohn , ein längst zur Ruhe gestelltes Spinnrad und ein sehr sauberes Gardinenbett , vor dem ein ungefüger , mit dem weißen Fell des weiland Angorakaters überzogener Schemel stand . Aber auch was Lebiges hatte sie noch um sich gehabt und mit hieher gebracht : das war die Möwe Klaus , die sich schon jahrelang zu ihr gehalten hatte und von ihr gefüttert worden war ; freilich , wenn es Winter wurde , flog sie mit den andern Möwen südwärts und kam erst wieder , wenn am Strand der Wermut duftete . Die Scheuer lag etwas tiefer an der Werfte ; die Alte konnte von ihrem Fenster aus nicht über den Deich auf die See hinausblicken . » Du hast mich hier als wie gefangen , Deichgraf ! « murrte sie eines Tages , als Hauke zu ihr eintrat , und wies mit ihrem verkrümmten Finger nach den Fennen hinaus , die sich dort unten breiteten . » Wo ist denn Jeverssand ? Da über den roten oder über den schwarzen Ochsen hinaus ? « » Was will Sie denn mit Jeverssand ? « frug Hauke . – » Ach was , Jeverssand ! « brummte die Alte . » Aber ich will doch sehen , wo mein Jung mir derzeit ist zu Gott gegangen ! « – » Wenn Sie das sehen will « , entgegnete Hauke , » so muß Sie sich oben unter den Eschenbaum setzen , da sieht Sie das ganze Haff ! « » Ja « , sagte die Alte ; » ja , wenn ich deine jungen Beine hätte , Deichgraf ! « Dergleichen blieb lange der Dank für die Hülfe , die ihr die Deichgrafsleute angedeihen ließen ; dann aber wurde es auf einmal anders . Der kleine Kindskopf Wienkes guckte eines Morgens durch die halbgeöffnete Tür zu ihr herein . » Na « , rief die Alte , welche mit den Händen ineinander auf ihrem Holzstuhl saß , » was hast du denn zu bestellen ? « Aber das Kind kam schweigend näher und sah sie mit ihren gleichgültigen Augen unablässig an . » Bist du das Deichgrafskind ? « frug sie Trin ' Jans , und da das Kind wie nickend das Köpfchen senkte , fuhr sie fort : » So setz dich hier auf meinen Schemel ! Ein Angorakater ist ' s gewesen – so groß ! Aber dein Vater hat ihn totgeschlagen . Wenn er noch lebig wäre , so könntst du auf ihm reiten . « Wienke richtete stumm ihre Augen auf das weiße Fell ; dann kniete sie nieder und begann es mit ihren kleinen Händen zu streicheln , wie Kinder es bei einer lebenden Katze oder einem Hunde zu machen pflegen . » Armer Kater ! « sagte sie dann und fuhr wieder in ihren Liebkosungen fort . » So ! « rief nach einer Weile die Alte ; » jetzt ist es genug ; und sitzen kannst du auch noch heut auf ihm ; vielleicht hat dein Vater ihn auch nur um deshalb totgeschlagen ! « Dann hob sie das Kind an beiden Armen in die Höhe und setzte es derb auf den Schemel nieder . Da es aber stumm und unbeweglich sitzen blieb und sie nur immer ansah , begann sie mit dem Kopfe zu schütteln . » Du strafst ihn , Gott der Herr ! Ja , ja , du strafst ihn ! « murmelte sie aber ein Erbarmen mit dem Kinde schien sie doch zu überkommen ; ihre knöcherne Hand strich über das dürftige Haar desselben , und aus den Augen der Kleinen kam es , als ob ihr damit wohl geschehe . Von nun an kam Wienke täglich zu der Alten in die Kammer ; sie setzte sich bald von selbst auf den Angoraschemel , und Trin ' Jans gab ihr kleine Fleisch-und Brotstückchen in ihre Händchen , welche sie allezeit in Vorrat hatte , und ließ sie diese auf den Fußboden werfen ; dann kam mit Gekreisch und ausgespreizten Flügeln die Möwe aus irgendeinem Winkel hervorgeschossen und machte sich darüber her . Erst erschrak das Kind und schrie auf vor dem großen stürmenden Vogel ; bald aber war es wie ein eingelerntes Spiel , und wenn sie nur ihr Köpfchen durch den Türspalt steckte , schoß schon der Vogel auf sie zu und setzte sich ihr auf Kopf oder Schulter , bis die Alte ihr zu Hülfe kam und die Fütterung beginnen konnte . Trin ' Jans , die es sonst nicht hatte leiden können , daß einer auch nur die Hand nach ihrem » Klaus « ausstreckte , sah jetzt geduldig zu , wie das Kind allmählich ihr den Vogel völlig abgewann . Er ließ sich willig von ihr haschen ; sie trug ihn umher und wickelte ihn in ihre Schürze , und wenn dann auf der Werfte etwa das gelbe Hündlein um sie herum und eifersüchtig gegen den Vogel aufsprang , dann rief sie wohl : » Nicht du , nicht du , Perle ! « und hob mit ihren Ärmchen die Möwe so hoch , daß diese , sich selbst befreiend , schreiend über die Werfte hinflog und statt ihrer nun der Hund durch Schmeicheln und Springen den Platz auf ihren Armen zu erobern suchte . Fielen zufällig Haukes und Elkes Augen auf dies wunderliche Vierblatt , das nur durch einen gleichen Mangel am selben Stengel festgehalten wurde , dann flog wohl ein zärtlicher Blick auf ihr Kind ; hatten sie sich gewandt , so blieb nur noch ein Schmerz auf ihrem Antlitz , den jedes einsam mit sich von dannen trug , denn das erlösende Wort war zwischen ihnen noch nicht gesprochen worden . Da eines Sommervormittages , als Wienke mit der Alten und den beiden Tieren auf den großen Steinen vor der Scheuntür saß , gingen ihre beiden Eltern , der Deichgraf seinen Schimmel hinter sich , die Zügel über dem Arme , hier vorüber ; er wollte auf den Deich hinaus und hatte das Pferd sich selber von der Fenne heraufgeholt ; sein Weib hatte auf der Werfte sich an seinen Arm gehängt . Die Sonne schien warm hernieder ; es war fast schwül , und mitunter kam ein Windstoß aus Südsüdost . Dem Kinde mochte es auf dem Platze unbehaglich werden . » Wienke will mit ! « rief sie , schüttelte die Möwe von ihrem Schoß und griff nach der Hand ihres Vaters . » So komm ! « sagte dieser . – Frau Elke aber rief : » In dem Wind ? Sie fliegt dir weg ! « » Ich halt sie schon ; und heut haben wir warme Luft und lustig Wasser , da kann sie ' s tanzen sehen . « Und Elke lief ins Haus und holte noch ein Tüchlein und ein Käppchen für ihr Kind . » Aber es gibt ein Wetter « , sagte sie ; » macht , daß ihr fortkommt , und seid bald wieder hier ! « Hauke lachte : » Das soll uns nicht zu fassen kriegen ! « und hob das Kind zu sich auf den Sattel . Frau Elke blieb noch eine Weile auf der Werfte und sah , mit der Hand ihre Augen beschattend , die beiden auf den Weg und nach dem Deich hinübertraben ; Trin ' Jans saß auf dem Stein und murmelte Unverständliches mit ihren welken Lippen . Das Kind lag regungslos im Arm des Vaters ; es war , als atme es beklommen unter dem Druck der Gewitterluft ; er neigte den Kopf zu ihr . » Nun , Wienke ? « frug er . Das Kind sah ihn eine Weile an . » Vater « , sagte es , » du kannst das doch ! Kannst du nicht alles ? « » Was soll ich können , Wienke ? « Aber sie schwieg ; sie schien die eigene Frage nicht verstanden zu haben . Es war Hochflut ; als sie auf den Deich hinaufkamen , schlug der Widerschein der Sonne von dem weiten Wasser ihr in die Augen , ein Wirbelwind trieb die Wellen strudelnd in die Höhe , und neue kamen heran und schlugen klatschend gegen den Strand ; da klammerte sie ihre Händchen angstvoll um die Faust ihres Vaters , die den Zügel führte , daß der Schimmel mit einem Satz zur Seite fuhr . Die blaßblauen Augen sahen in wirrem Schreck zu Hauke auf . » Das Wasser , Vater ! das Wasser ! « rief sie . Aber er löste sich sanft und sagte : » Still , Kind , du bist bei deinem Vater ; das Wasser tut dir nichts ! « Sie strich sich das fahlblonde Haar aus der Stirn und wagte es wieder , auf die See hinauszusehen . » Es tut mir nichts « , sagte sie zitternd ; » nein , sag , daß es uns nichts tun soll ; du kannst das , und dann tut es uns auch nichts ! « » Nicht ich kann das , Kind « , entgegnete Hauke ernst ; » aber der Deich , auf dem wir reiten , der schützt uns , und den hat dein Vater ausgedacht und bauen lassen . « Ihre Augen gingen wider ihn , als ob sie das nicht ganz verstünde ; dann barg sie ihr auffallend kleines Köpfchen in dem weiten Rocke ihres Vaters . » Warum versteckst du dich , Wienke ? « rannte der ihr zu ; » ist dir noch immer bange ? « Und ein zitterndes Stimmchen kam aus den Falten des Rockes : » Wienke will lieber nicht sehen ; aber du kannst doch alles , Vater ? « Ein ferner Donner rollte gegen den Wind herauf . » Hoho ? « rief Hauke , » da kommt es ! « und wandte sein Pferd zur Rückkehr . » Nun wollen wir heim zur Mutter ! « Das Kind tat einen tiefen Atemzug ; aber erst als sie die Werfte und das Haus erreicht hatten , hob es das Köpfchen von seines Vaters Brust . Als dann Frau Elke ihr im Zimmer das Tüchelchen und die Kapuze abgenommen hatte , blieb sie wie ein kleiner stummer Kegel vor der Mutter stehen . » Nun , Wienke « , sagte diese und schüttelte sie leise , » magst du das große Wasser leiden ? « Aber das Kind riß die Augen auf . » Es spricht « , sagte sie ; » Wienke ist bange ! « – » Es spricht nicht ; es rauscht und toset nur ! « Das Kind sah ins Weite . » Hat es Beine ? « frug es wieder ; » kann es über den Deich kommen ? « » Nein , Wienke ; dafür paßt dein Vater auf , er ist der Deichgraf . « » Ja « , sagte das Kind und klatschte mit blödem Lächeln in seine Händchen ; » Vater kann alles – alles ! « Dann plötzlich , sich von der Mutter abwendend , rief sie : » Laß Wienke zu Trin ' Jans , die hat rote Äpfel ! « Und Elke öffnete die Tür und ließ das Kind hinaus . Als sie dieselbe wieder geschlossen hatte , schlug sie mit einem Ausdruck des tiefsten Grams die Augen zu ihrem Manne auf , aus denen ihm sonst nur Trost und Mut zu Hülfe gekommen war . Er reichte ihr die Hand und drückte sie , als ob es zwischen ihnen keines weiteren Wortes bedürfe ; sie aber sagte leis : » Nein , Hauke , laß mich sprechen : das Kind , das ich nach Jahren dir geboren habe , es wird für immer ein Kind bleiben . O lieber Gott ! es ist schwachsinnig ; ich muß es einmal vor dir sagen . « » Ich wußte es längst « , sagte Hauke und hielt die Hand seines Weibes fest , die sie ihm entziehen wollte . » So sind wir denn doch allein geblieben « , sprach sie wieder . Aber Hauke schüttelte den Kopf : » Ich hab sie lieb , und sie schlägt ihre Ärmchen um mich und drückt sich fest an meine Brust ; um alle Schätze wollt ich das nicht missen ! « Die Frau sah finster vor sich hin . » Aber warum ? « sprach sie ; » was hab ich arme Mutter denn verschuldet ? « – » Ja , Elke , das hab ich freilich auch gefragt , den , der allein es wissen kann ; aber du weißt ja auch , der Allmächtige gibt den Menschen keine Antwort – vielleicht , weil wir sie nicht begreifen würden . « Er hatte auch die andere Hand seines Weibes gefaßt und zog sie sanft zu sich heran . » Laß dich nicht irren , dein Kind , wie du es tust , zu lieben ; sei sicher , das versteht es ! « Da warf sich Elke an ihres Mannes Brust und weinte sich satt und war mit ihrem Leid nicht mehr allein . Dann plötzlich lächelte sie ihn an ; nach einem heftigen Händedruck lief sie hinaus und holte sich ihr Kind aus der Kammer der alten Trin ' Jans und nahm es auf ihren Schoß und hätschelte und küßte es , bis es stammelnd sagte : » Mutter , mein liebe Mutter ! « So lebten die Menschen auf dem Deichgrafshofe still beisammen ; wäre das Kind nicht dagewesen , es hätte viel gefehlt . Allmählich verfloß der Sommer ; die Zugvögel waren durchgezogen , die Luft wurde leer vom Gesang der Lerchen ; nur vor den Scheunen , wo sie beim Dreschen Körner pickten , hörte man hie und da einige kreischend davonfliegen ; schon war alles hart gefroren . In der Küche des Haupthauses saß eines Nachmittags die alte Trin ' Jans auf der Holzstufe einer Treppe , die neben dem Feuerherd nach dem Boden lief . Es war in den letzten Wochen , als sei sie aufgelebt ; sie kam jetzt gern einmal in die Küche und sah Frau Elke hier hantieren ; es war keine Rede mehr davon , daß ihre Beine sie nicht hätten dahin tragen können , seit eines Tages klein Wienke sie an der Schürze hier heraufgezogen hatte . Jetzt kniete das Kind an ihrer Seite und sah mit seinen stillen Augen in die Flammen , die aus dem Herdloch aufflackerten ; ihr eines Händchen klammerte sich an den Ärmel der Alten , das andere lag in ihrem eigenen fahlblonden Haar . Trin ' Jans erzählte . » Du weißt « , sagte sie , » ich stand in Dienst bei deinem Urgroßvater , als Hausmagd , und dann mußt ich die Schweine füttern ; der war klüger als sie alle – da war es , es ist grausam lange her , aber eines Abends , der Mond schien , da ließen sie die Haffschleuse schließen , und sie konnte nicht wieder zurück in See . Oh , wie sie schrie und mit ihren Fischhänden sich ihre harten struppigen Haare griff ! Ja , Kind , ich sah es und hörte sie selber schreien ! Die Gräben zwischen den Fennen waren alle voll Wasser , und der Mond schien darauf , daß sie wie Silber glänzten , und sie schwamm aus einem Graben in den andren und hob die Arme und schlug , was ihre Hände waren , aneinander , daß man es weither klatschen hörte , als wenn sie beten wollte ; aber , Kind , beten können diese Kreaturen nicht . Ich saß vor der Haustür auf ein paar Balken , die zum Bauen angefahren waren , und sah weithin über die Fennen ; und das Wasserweib schwamm noch immer in den Gräben , und wenn sie die Arme aufhob , so glitzerten auch die wie Silber und Demanten . Zuletzt sah ich sie nicht mehr , und die Wildgäns ' und Möwen , die ich all die Zeit nicht gehört hatte , zogen wieder mit Pfeifen und Schnattern durch die Luft . « Die Alte schwieg ; das Kind hatte ein Wort sich aufgefangen . » Konnte sie beten ? « frug sie . » Was sagst du ? Wer war es ? « » Kind « , sagte die Alte ; » die Wasserfrau war es ; das sind Undinger , die nicht selig werden können . « » Nicht selig ! « wiederholte das Kind , und ein tiefer Seufzer , als habe sie das verstanden , hob die kleine Brust . – » Trin ' Jans ! « kam eine tiefe Stimme von der Küchentür , und die Alte zuckte leicht zusammen . Es war der Deichgraf Hauke Haien , der dort am Ständer lehnte . » Was redet Sie dem Kinde vor ? Hab ich Ihr nicht geboten , Ihre Mären für sich zu behalten oder sie den Gäns ' und Hühnern zu erzählen ? « Die Alte sah ihn mit einem bösen Blick an und schob die Kleine von sich fort . » Das sind keine Mären « , murmelte sie in sich hinein , » das hat mein Großohm mir erzählt . « – » Ihr Großohm , Trin ' ? Sie wollte es ja eben selbst erlebt haben . « » Das ist egal « , sagte die Alte ; » aber Ihr glaubt nicht , Hauke Haien ; Ihr wollt wohl meinen Großohm noch zum Lügner machen ! « Dann rückte sie näher an den Herd und streckte die Hände über die Flammen des Feuerlochs . Der Deichgraf warf einen Blick gegen das Fenster ; draußen dämmerte es noch kaum . » Komm , Wienke ! « sagte er und zog sein schwachsinniges Kind zu sich heran ; » komm mit mir , ich will dir draußen vom Deich aus etwas zeigen ! Nur müssen wir zu Fuß gehen ; der Schimmel ist beim Schmied . « Dann ging er mit ihr in die Stube , und Elke band dem Kinde dicke wollene Tücher um Hals und Schultern ; und bald danach ging der Vater mit ihr auf dem alten Deiche nach Nordwest hinauf , Jeverssand vorbei , bis wo die Watten breit , fast unübersehbar wurden . Bald hatte er sie getragen , bald ging sie an seiner Hand ; die Dämmerung wuchs allmählich ; in der Ferne verschwand alles in Dunst und Duft . Aber dort , wohin noch das Auge reichte , hatten die unsichtbar schwellenden Wattströme das Eis zerrissen , und , wie Hauke Haien es in seiner Jugend einst gesehen hatte , aus den Spalten stiegen wie damals die rauchenden Nebel , und daran entlang waren wiederum die unheimlichen närrischen Gestalten und hüpften gegeneinander und dienerten und dehnten sich plötzlich schreckhaft in die Breite . Das Kind klammerte sich angstvoll an seinen Vater und deckte dessen Hand über sein Gesichtlein . » Die Seeteufel ! « raunte es zitternd zwischen seine Finger ; » die Seeteufel ! « Er schüttelte den Kopf : » Nein , Wienke , weder Wasserweiber noch Seeteufel ; so etwas gibt es nicht ; wer hat dir davon gesagt ? « Sie sah mit stumpfem Blicke zu ihm herauf ; aber sie antwortete nicht . Er strich ihr zärtlich über die Wangen . » Sieh nur wieder hin ! « sagte er , » das sind nur arme hungrige Vögel ! Sieh nur , wie jetzt der große seine Flügel breitet ; die holen sich die Fische , die in die rauchenden Spalten kommen . « » Fische « , wiederholte Wienke . » Ja , Kind , das alles ist lebig , so wie wir ; es gibt nichts anderes ; aber der liebe Gott ist überall ! « Klein Wienke hatte ihre Augen fest auf den Boden gerichtet und hielt den Atem an ; es war , als sähe sie erschrocken in einen Abgrund . Es war vielleicht nur so ; der Vater blickte lange auf sie hin , er bückte sich und sah in ihr Gesichtlein ; aber keine Regung der verschlossenen Seele wurde darin kund . Er hob sie auf den Arm und steckte ihre verklommenen Händchen in einen seiner dicken Wollhandschuhe . » So , mein Wienke « – und das Kind vernahm wohl nicht den Ton von heftiger Innigkeit in seinen Worten – , » so , wärm dich bei mir ! Du bist doch unser Kind , unser einziges . Du hast uns lieb ... ! « Die Stimme brach dem Manne ; aber die Kleine drückte zärtlich ihr Köpfchen in seinen rauhen Bart. So gingen sie friedlich heimwäts . Nach Neujahr war wieder einmal die Sorge in das Haus getreten ; ein Marschfieber hatte den Deichgrafen ergriffen ; auch mit ihm ging es nah am Rand der Grube her , und als er unter Frau Elkes Pfleg und Sorge wieder erstanden war , schien er kaum derselbe Mann . Die Mattigkeit des Körpers lag auch auf seinem Geiste , und Elke sah mit Besorgnis , wie er allzeit leicht zufrieden war . Dennoch , gegen Ende des März , drängte es ihn , seinen Schimmel zu besteigen und zum ersten Male wieder auf seinem Deich entlangzureiten ; es war an einem Nachmittage , und die Sonne , die zuvor geschienen hatte , lag längst schon wieder hinter trübem Duft . Im Winter hatte es ein paarmal Hochwasser gegeben ; aber es war nicht von Belang gewesen ; nur drüben am andern Ufer war auf einer Hallig eine Herde Schafe ertrunken und ein Stück vom Vorland abgerissen worden ; hier an dieser Seite und am neuen Kooge war ein nennenswerter Schaden nicht geschehen . Aber in der letzten Nacht hatte ein stärkerer Sturm getobt ; jetzt mußte der Deichgraf selbst hinaus und alles mit eigenem Aug besichtigen . Schon war er unten von der Südostecke aus auf dem neuen Deich herumgeritten , und es war alles wohl erhalten ; als er aber an die Nordostecke gekommen war , dort , wo der neue Deich auf den alten stößt , war zwar der erstere unversehrt , aber wo früher der Priel den alten erreicht hatte und an ihm entlanggeflossen war , sah er in großer Breite die Grasnarbe zerstört und fortgerissen und in dem Körper des Deiches eine von der Flut gewühlte Höhlung , durch welche überdies ein Gewirr von Mäusegängen bloßgelegt war . Hauke stieg vom Pferde und besichtigte den Schaden in der Nähe : das Mäuseunheil schien unverkennbar noch unsichtbar weiter fortzulaufen . Er erschrak heftig ; gegen alles dieses hätte schon beim Bau des neuen Deiches Obacht genommen werden müssen ; da es damals übersehen worden , so mußte es jetzt geschehen ! Das Vieh war noch nicht auf den Fennen , das Gras war ungewohnt zurückgeblieben ; wohin er blickte , es sah ihn leer und öde an . Er bestieg wieder sein Pferd und ritt am Ufer hin und her : es war Ebbe , und er gewahrte wohl , wie der Strom von außen her sich wieder ein neues Bett im Schlick gewühlt hatte und jetzt von Nordwesten auf den alten Deich gestoßen war ; der neue aber , soweit es ihn traf , hatte mit seinem sanfteren Profile dem Anprall widerstehen können . Ein Haufen neuer Plag und Arbeit erhob sich vor der Seele des Deichgrafen ; nicht nur der alte Deich mußte hier verstärkt , auch dessen Profil dem des neuen angenähert werden ; vor allem aber mußte der als gefährlich wieder aufgetretene Priel durch neuzulegende Dämme oder Lahnungen abgeleitet werden . Noch einmal ritt er auf dem neuen Deich bis an die äußerste Nordwestecke , dann wieder rückwärts , die Augen unablässig auf das neugewühlte Bett des Prieles heftend , der ihm zur Seite sich deutlich genug in dem bloßgelegten Schlickgrund abzeichnete . Der Schimmel drängte vorwärts und schnob und schlug mit den Vorderhufen ; aber der Reiter drückte ihn zurück , er wollte langsam reiten , er wollte auch die innere Unruhe bändigen , die immer wilder in ihm aufgor . Wenn eine Sturmflut wiederkäme – eine , wie 1655 dagewesen , wo Gut und Menschen ungezählt verschlungen wurden – , wenn sie wiederkäme , wie sie schon mehrmals einst gekommen war ! – Ein heißer Schauer überrieselte den Reiter – der alte Deich , er würde den Stoß nicht aushalten , der gegen ihn heraufschösse ! Was dann , was sollte dann geschehen ? – Nur eines , ein einzig Mittel würde es geben , um vielleicht den alten Koog und Gut und Leben darin zu retten . Hauke fühlte sein Herz stillstehen , sein sonst so fester Kopf schwindelte ; er sprach es nicht aus , aber in ihm sprach es stark genug : Dein Koog , der Hauke-Haien-Koog müßte preisgegeben und der neue Deich durchstochen werden ! Schon sah er im Geist die stürzende Hochflut hereinbrechen und Gras und Klee mit ihrem salzen schäumenden Gischt bedecken . Ein Sporenstich fuhr in die Weichen des Schimmels , und einen Schrei ausstoßend