sich mit keinem Rachegedanken , geschweige mit einer Rachetat zu beflecken . Denn : Ich will vergelten , spricht der Herr . « Lucretia sah den Herzog mit ernsten , zweifelnden Blicken an . Die christliche Milde des Feldherrn befremdete sie und sein Tadel traf sie unerwartet . Aber bevor sie noch ihre Gedanken zur Antwort gesammelt hatte , veränderte sich plötzlich ihr Angesicht , als erblicke sie etwas Unmögliches . Ihre ganze Seele trat in die erschrockenen Augen , die , wie gebannt , auf der mittleren Säulenpforte haftenblieben . Dort erschien , festen Trittes die Stufen herankommend , die hochaufgerichtete Gestalt eines Mannes . Stolz und gefaßt , wie ein verurteilter König sein Blutgerüst besteigt , schritt Jürg Jenatsch der Erstarrenden mit entblößtem Haupte entgegen . Nach einer stummen Begrüßung des herzoglichen Paares trat er vor die Tochter des Herrn Pompejus hin , heftete seinen Blick auf die lange nicht Gesehene und sprach in abgebrochenen Sätzen : » Dein Recht soll dir werden , Lucretia . Der Mann , der den Planta erschlug , ist dir von Rechts wegen verfallen . Er stellt sich dir und erwartet hier deinen Spruch . Nimm sein Leben . Es ist dein – zwiefach dein . Schon der Knabe hätte es für dich geopfert . Seit ich die Hand an deinen Vater legen mußte , ist mir das Dasein verhaßt , wo ich es nicht für das von Tausenden meines Volkes einsetzen kann . Darnach dürstet meine Seele und dazu bietet mir dieser edle Herr vielleicht morgen schon Gelegenheit . Das bedenke , Lucretia Planta ! Bei dir steht die Entscheidung , wer von euch beiden das größere Recht auf mein Blut habe , ob Bünden oder du . « – Der Eindruck dieser Erklärung auf das Fräulein war ein gewaltsamer und beirrender . Der Mörder , in dessen Verfolgung sie die Pflicht ihres Lebens sah , legte aus freiem Entschlusse das seinige in ihre Hand und er tat es mit einer Hochherzigkeit , die eine ebenbürtige Seele reizen mußte , sich ihr mit einer großen Tat der Verzeihung gleichzustellen . Diesen Wetteifer edler Gefühle schien wenigstens die Herzogin zu erwarten , die aus der Rede des Bündners und der Gewalt ihres Eindrucks auf Lucretia leicht erraten hatte , daß eine gemeinsam verlebte Jugend und warme Neigung die beiden verkette . Sie glaubte , nach der eigenen Gemütsstimmung urteilend , Lucretia werde ihre Arme , die sie einen Augenblick in inniger Bewegung gegen den Jugendgenossen erhoben hatte , rasch um seinen Hals werfen und den gerechten , langjährigen Haß gegen den Mörder ihres Vaters dem Zauber einer alten Liebe und der Unwiderstehlichkeit dieses wundersamen Mannes zum Opfer bringen . Aber es geschah nicht also . Die erhobenen Arme sanken und die Herzogin sah Lucretias schöne Gestalt erbeben , vom tiefsten Jammer erschüttert . Sie stöhnte laut auf , dann machte sich ihr ein Jugendleben lang stolz getragenes Elend Luft , und sich und ihre fremde Umgebung gänzlich vergessend , brach die qualvoll Bedrängte in einen Strom leidenschaftlicher Klage aus . » Jürg , Jürg « , rief sie , » warum hast du mir das getan ? Gespiele meiner Kindheit , Schutz meiner Jugend ! Oft im finstren italienischen Kloster oder in der unheimlichen Behausung meines Ohms , wenn mein Herz nach der Heimat schrie und ich sie doch nicht betreten durfte ohne die Rache meines Vaters besorgt zu haben , dann im bangen Halbtraume sah ich dich , den treuen Gesellen , zum gewaltigen Kriegsmanne erwachsen und ich rief dich an : Jürg , räche meinen Vater ! Ich habe niemand als dich ! Du tatest mir ja sonst alles zuliebe , was du mir nur an den Augen absehen konntest . Jetzt hilf mir , Jürg , meine heiligste Pflicht zu erfüllen ! . . . Und ich ergriff deine starke Hand ... Aber weh mir , sie trieft von Blut ! Du Entsetzlicher , du bist der Mörder ! Mir aus den Augen ! Denn meine Augen sind mit dir im Bunde – und sündigen – und sind mitschuldig am Blute des Vaters Hinweg ! Kein Friede , kein Vertrag mit dir . « So klagte Lucretia und rang die Hände in innerm Zwiespalte und trostloser Verzweiflung . Die Herzogin legte beschwichtigend ihren feinen Arm um den Nacken der Haltungslosen , und die weinende Lucretia ließ sich willig von ihr in das Nebengemach zurückführen . Dann erschien die edle Dame noch einmal auf der Schwelle und flüsterte dem ihr entgegentretenden Gemahle zu : » Ich werde sie mit Eurer Bewilligung , sobald sie sich erholt hat , persönlich in meiner Gondel nach ihrer Wohnung bringen . Sie ist bei a Marca , Eurem Wechsler , abgestiegen , dessen Frau ihre entfernte Verwandte ist . Die treue Echagues mag uns begleiten . « Der Herzog bezeugte der Hilfreichen seine freundliche Beistimmung , und die gefühlvolle Dame verschwand mit einem letzten , halb vorwurfsvollen , halb bewundernden Blicke auf den Bündner . » Ihr tragt ein schweres Schicksal , Georg Jenatsch « , sagte , als sie jetzt allein waren , der Herzog zu dem Hauptmanne , dessen Blässe ihm auffiel und der einen harten Ausdruck auf dem Antlitze trug , als bekämpfe und verberge er gewaltsam den stechenden Schmerz einer alten Wunde . » Euch aber ist die Sühne für das mörderisch von Euch vergossene Blut gezeigt . Was Ihr in wildem Jugendfeuer verbrochen , dafür sollt Ihr mit der Arbeit geläuterter Manneskraft zahlen . In rasender Selbsthilfe , mit willkürlichen Taten des Hasses wolltet Ihr Euer Vaterland befreien und habt es dem Verderben zugeführt ; heute sollt Ihr es retten helfen durch selbstverleugnende Taten des Gehorsams und kriegerischer Zucht , durch die Unterordnung unter einen leitenden planvollen Willen . – Wo die Tollkühnheit nützt , da will ich Euch hinstellen ; ich weiß nun , warum Ihr die Gefahr sucht und liebt . – Von jetzt an betrachtet Euch als in meinen Diensten stehend , denn ich habe mich heute überzeugt , daß mein Einfluß genügen wird , Euch hier frei zu machen . Ich glaube nicht , daß der Provveditore Grimani Euch mir streitig machen wird . Sein Interesse an Euch schien mir lau . Er äußerte sich gleichgültig über die Möglichkeit Eurer Beurlaubung . Wann wird Eure venezianische Kapitulation abgelaufen sein ? « – » Vor Monatsfrist , erlauchter Herr . « – » Dann ist es gut . Überlaßt mir die Vermittelung . Am einfachsten nehmt Ihr schon heute bei mir Wohnung und sendet sogleich nach Dienerschaft und Gepäck . « Hier näherte sich Wertmüller , der bis dahin im Vorgemache unsichtbar geblieben war , mit einer ingrimmigen , tragikomischen Miene , denn die von ihm scharf beobachtete Szene hatte einen gemischten Eindruck auf ihn gemacht , und meldete , der Hauptmann habe Gepäck und Leute an der Landungsmauer der Zattere zurückgelassen . Sofern ihm dieser Vollmacht gebe , werde er sie abholen . Jenatsch war in einen Fensterbogen getreten und überstreifte mit scharfem Blicke den mondbeschienenen Canal , bis in die von den Uferpalästen geworfenen tiefen Schatten hineinspähend . Aufwärts , abwärts bot die Wasserstraße das gewohnte friedliche Nachtbild . Nun wandte er sich rasch und beurlaubte sich beim Herzog , um selbst nach seiner Habe und seiner Bedienung zu sehen , welcher er , wie er sagte , strengen Befehl hinterlassen habe , keiner anderen Weisung Folge zu leisten , als seiner eigenen mündlichen . Der Herzog trat auf den schmalen Balkon und blickte , noch unter dem Eindrucke der seltsamen Vorgänge des Abends , in die ruhige Mondnacht hinaus . Er sah , wie Jenatsch eine Gondel bestieg , wie sie abstieß und mit schnellen leisen Ruderschlägen der Wendung des Canals zuglitt . – Jetzt hielt sie wie unschlüssig still – jetzt strebte sie eilig der nächsten Landungstreppe zu . Was war das ? Aus einer Seitenlagune und gegenüber aus dem Schatten der Paläste schossen plötzlich vier schmale , offene Fahrzeuge hervor und darin blitzte es wie Waffen . Schon war die Gondel von allen Seiten umringt . Der Herzog beugte sich gespannt lauschend über die Brüstung . Er glaubte einen Augenblick im unsichern Mondlichte eine große Gestalt mit gezogenem Degen auf dem Vorderteile des umzingelten Nachens zu erblicken , sie schien ans Ufer springen zu wollen – da verwirrte sich die Gruppe zum undeutlichen Handgemenge . Leises Waffengeräusch erreichte das Ohr des Herzogs und jetzt , laut und scharf durch die nächtliche Stille schmetternd , ein Ruf ! Deutlich erscholl es und dringend : » Herzog Rohan , befreie deinen Knecht ! « Sechstes Kapitel Sechstes Kapitel In einer vorgerückten Morgenstunde des folgenden Tages saß der Provveditore Grimani in einem kleinen behaglichen Gemache seines Palastes . Das einzige hohe Fenster war von reichen bis auf den Fußboden herabfließenden Falten grüner Seide halb verhüllt , doch streifte ein voller Lichtstrahl die silberglänzende Frühstückstafel und verweilte , von den verlockend zarten Farben angezogen , auf einer lebensgroßen Venus aus Tizians Schule Von der Sonne berührt schien die Göttin , die auf mattem Hintergrunde wie frei über der breiten Türe ruhte , wonnevoll zu atmen und sich vorzubeugen , das stille Gemach mit blendender Schönheit erfüllend . Dem Provveditore gegenüber saß sein ehrenwerter Gast , Herr Heinrich Waser , diesmal mit sorgenbelasteter Stirne . Er war nicht gestimmt auf die feine , über das Gewöhnliche mit Geist und Anmut hinspielende Unterhaltung seines Gastfreundes einzugehen , und hatte sogar versäumt , seinen hochlehnigen Stuhl so zu setzen , daß er dem verlockenden Götterbilde den Rücken zuwandte , was er sonst nie zu tun vergaß , denn die schmiegsame Gestalt mit dem Siegeszeichen des Parisapfels in der Hand pflegte ihn allmorgendlich zu ärgern und zu betrüben . Sie erinnerte ihn gewissermaßen an seine jung verstorbene selige Frau ; aber wie ganz verschieden war hinwiederum dieses reizende Blendwerk von der Unvergessenen , deren Seelenspiegel nie ein Anhauch von Üppigkeit getrübt und die einen ausgesprochenen Abscheu empfunden gegen alles , was sich im mindesten von sittsamer Bescheidenheit entfernte . Heute aber nahm er an der Göttin keinen Anstoß , er war weit davon entfernt sie nur zu beachten . Sein ganzes Denken war darauf gerichtet , das Gespräch auf seinen Freund Jenatsch zu bringen , ohne durch die sichere Unterhaltungskunst des Provveditore von der Fährte abgebracht und spielend im Kreise herumgeführt zu werden . Er hatte heute schon in der Frühe , wie er daheim in Zürich zu tun pflegte , einen kurzen Morgengang gemacht , was hier in dem Gäßchen- und Wasserlabyrinthe der Lagunenstadt seinen vorzüglichen Ortssinn in spannender Übung erhielt . Er hatte zuerst den durch seine weltlustige Pracht ihn täglich überraschenden Markusplatz aufgesucht und sich hierauf sinnreich durch die enge lärmende Merceria nach dem Rialto durchgefunden . Dort hatte er von der Höhe des Brückenbogens mit aufmerksamem Auge den unendlichen Handel und Wandel der meerbeherrschenden Stadt gemustert . Dann war ihm plötzlich eingefallen , hinunterzusteigen auf den nahen Fischmarkt und die eben anlangenden seltsam geformten Seeungetüme zu besichtigen . Hier fiel sein Blick auf den von Herzog Rohan bewohnten Palast und in seinem Herzen erwachte der Wunsch , den gestern zweimal nur flüchtig begrüßten Jugendgenossen zu besuchen und sich nach dessen Fahrten und Schicksalen freundschaftlich zu erkundigen . Sicher , im Palaste des Herzogs ermitteln zu können wo Jenatsch hause , und nicht ohne Hoffnung ihn dort vielleicht persönlich zu treffen , winkte er einem Gondolier , der ihn mit wenigen Ruderschlägen an die Aufgangstreppe des Palastes brachte . Da er von der Dienerschaft erfuhr , Jenatsch sei nicht hier und der Herzog beschäftigt , ließ er sich bei der Frau Herzogin anmelden . Die hohe Dame hatte ihm dann die gestrigen Ereignisse bewegt und wirkungsvoll , aber höchst unklar geschildert und dabei Andeutungen gemacht über das seinen Freund zermalmende Verhängnis , die den nüchternen Mann befremdeten und höchlich beunruhigten . Der Verhaftungsszene nächtliches Dunkel hatte sie mit der Fackel ihrer Einbildungskraft keineswegs aufgehellt ; dennoch wurde es dem klugen Zürcher sofort klar , daß Jenatsch in keiner andern Gewalt als in der Grimanis sich befinden könne . Er war dessen vollkommen gewiß , denn er erinnerte sich jetzt der nachlässigen Ruhe , mit welcher dieser Meister der Verstellungskunst gestern an der Tafel des Herzogs über die unbefugte Rückkehr des Bündners weggeglitten war , die er unter andern Umständen sicherlich als einen schweren Disziplinarfehler gerügt hatte . Waser war sogleich nach Hause geeilt , und jetzt saß er dem undurchdringlichen Grimani gegenüber , aus dem er des Bündners Schuld und Schicksal herausbringen mußte . Der Provveditore war in glänzender Laune . Er erging sich in heitern Reiseerinnerungen , erzählte von London und dem Hofe Jakobs I. , wohin ihn vor einigen Jahren eine diplomatische Sendung geführt hatte , und entwarf von dem wunderlich pedantischen , aber , wie er hinzuzufügen sich beeilte , keineswegs auf den Kopf gefallenen König ein ergötzliches Bild . Auch gedachte er in liebenswürdigster Weise seiner Einkehr im Waserschen Hause zu Zürich , dessen patriarchalische Einfachheit und fromme Zucht ihn nach dem lärmenden und sittenlosen London wahrhaft erquickt hätte . Dies brachte ihn auf den besondern Charakter der schweizerischen Eidgenossenschaft und ihre Stellung in der europäischen Politik . Er beglückwünschte den Zürcher , daß dem kleinen Lande aus dem erwarteten Friedensschlusse ohne Zweifel eine durch feste Verträge verbürgte staatliche Unabhängigkeit erwachsen werde . » Auf die von Niccoló Machiavelli euch vorausgesagte Weltstellung werdet ihr freilich verzichten müssen « , sagte er lächelnd , » aber ihr habt dafür euer eigenes Herdfeuer und eine kleine Musterwirtschaft , in der auch große Herren manches werden lernen können . « Da hierauf Waser mit leisem Kopfschütteln bemerkte , dieses an sich wünschenswerte Resultat dürfte neben schönen Lichtseiten auch manche Schattenseiten zeigen , und er persönlich sehe sich nur mit Schmerz von dem protestantischen Deutschland abgedrängt , nickte ihm der venezianische Staatsmann einverstanden zu und sagte , staatliche Unabhängigkeit sei eine schöne Sache und es lasse sich dabei auch bei kleinem Gebiete ein gewisser Einfluß nach außen üben , vorausgesetzt , daß politische Begabung vorhanden sei und auf ihre Ausbildung aller Fleiß verwendet werde ; aber um weltbewegend einzuwirken sei nationale Größe notwendig , wie sie gegenwärtig nur das durch seinen genialen Kardinal zusammengefaßte Frankreich besitze . Das Wesen dieser Größe und in welchem letzten Grunde sie wurzle habe er oft mit forschenden Gedanken erwogen und sei zu einem eigentümlichen Schlusse gekommen . Es erscheine ihm nämlich , als beruhe diese materielle Macht auf einer rein geistigen , ohne welche die erste über kurz oder lang zerfalle wie ein Körper ohne Seele . Dieser verborgene schöpferische Genius nun äußere sich , nach seinem Ermessen , auf die feinste und schärfste Weise in Muttersprache und Kultur . » Hier ist allerdings die Schweiz mit ihren drei Stämmen und Sprachen im Nachteile « , fuhr der Provveditore fort , der offenbar mit Vorliebe an Italien gedacht hatte , » aber mir ist um euch nicht bange . Ihr haltet durch andere zähe Bande zusammen . Für unsere gesegnete Halbinsel aber gereicht mir diese meine Wahrnehmung zum Troste . Heute unter verschiedene , zum Teil fremde Herren geteilt , besitzt sie immer noch das gemeinsame Gut und Erbe einer herrlichen Sprache und einer unzerstörbaren , in das leuchtende griechisch-römische Altertum hinaufreichenden Kultur . Glaubt mir , diese unsterbliche Seele wird ihren Leib zu finden wissen . « Waser , dem diese mystischen Gedankengänge sehr ferne lagen und aus dem Munde seines sonst so kalten , diplomatischen Gastfreundes befremdlich klangen , bemächtigte sich jetzt der Rede , um in ein glänzendes Lob der Republik von San Marco auszubrechen , die , einzig in Italien , mit der Staatsweisheit und dem Rechtssinne der alten Roma eine Parallele bilde . » Was die Fabeleien von willkürlicher Justiz und geheimen nächtlichen Hinrichtungen betrifft , so bin ich nicht der Mann , mein verehrter Gastfreund , an solche Märlein zu glauben « , schloß der Zürcher , erfreut mit einer , wie er überzeugt war , ungezwungenen Wendung an das heiß erwünschte Ziel zu gelangen , » und darum kann ich ganz ohne Rückhalt ein mir unerklärliches Ereignis mit Euch besprechen , das sich gestern im Canal grande begab und wobei mein Jugendfreund , der Hauptmann in venezianischen Diensten Georg Jenatsch , ohne Spur verschwunden sein soll . Die durchlauchtige Frau Herzogin Rohan , welche die Gnade hatte mich mit dem Vorfalle bekannt zu machen , schien mir , soweit ich ihre Andeutungen zu fassen vermochte , nicht ferne zu sein von der Ansicht , der Hauptmann wäre seiner unbefugten Abreise aus Dalmatien wegen den venezianischen Bleidächern verfallen . Eine Vermutung , die ich bei dem eine höchste Kulturstufe erreichenden venezianischen Gesetze und der Milde seines Vollstreckers « , hier machte er eine verbindliche Handbewegung gegen den Provveditore , » – auch nach dessen gestrigen Äußerungen an der Tafel des Herzogs , unmöglich teilen kann . « » Von Hauptmann Jenatsch habe ich sichere Kunde « , sagte Grimani mit einem unmerklichen Lächeln über die Gewandtheit seines Gastes . » Er sitzt unter den Bleidächern ; aber , lieber Freund , nicht wegen eines Disziplinarfehlers , sondern belastet mit einer Mordtat . « » Gerechter Gott ! Und Ihr habt Beweise dafür ? « rief Waser , dem es schwül wurde , sprang auf und schritt in dem kleinen Gemache bestürzten Gemüts auf und nieder . » Ihr werdet , wenn Ihr es wünscht , die Akten lesen « , versetzte Grimani ruhig und ließ seinen Schreiber rufen , dem er befahl , ein Portefeuille , das er bezeichnete , sogleich zur Stelle zu bringen . Nach wenigen Minuten hielt Waser zwei Aktenstücke über den Zweikampf zwischen Jenatsch und Ruinell hinter St. Justina zu Padua in den Händen , mit denen er sich , eifrig lesend , in die etwas erhöhte Fensternische zurückzog . Das eine dieser Schriftstücke war das mit dem Magister Pamfilio Dolce aufgenommene Verhör , worin derselbe den Unfall des ihm zu Erziehung und Schatz befohlenen unschuldigen Knäbleins mit beweglichen Worten schilderte , alsdann zu der großen Szene bei Petrocchi überging , wo der barbarische Oberst sein in rühmlichen Studien ergrautes Haupt mit Schimpf bedeckt , er großherzige Hauptmann aber , von seiner – des Magisters – ehrwürdiger Erscheinung und bescheidener Forderung gerührt , mit schöner Menschlichkeit und antikem Edelmute für ihn eingetreten sei . – Dem mörderischen Duell hatte der Magister nicht beigewohnt , dagegen vom Gerichte sich die Gunst erbeten , dem Protokoll eine wichtige Papierrolle beilegen zu dürfen . Diese fiel Waser in die Hand ; aber er warf jetzt nur einen flüchtigen Blick auf deren erste Seite . Er ergreife , sagte der Magister in der auf diesem Blatte stehenden Widmung , einem Meisterstücke kalligraphischer Kunst , die durch das Schicksal unverhofft ihm gewährte Gelegenheit , dem erlauchten Provveditore , als dem hohen Gönner aller Wissenschaft , die gesammelte Frucht eines arbeitsamen langen Lebens in Demut ersterbend anzubieten : eine Abhandlung über die Patavinität seines unsterblichen Mitbürgers Titus Livius , das heißt , über die in dessen unvergleichliches Latein eingeflossenen charaktervollen paduanischen Provinzialismen . Das zweite Schriftstück , das Waser entfaltete , war die Relation des Stadthauptmanns , die sich ausschließlich mit der Schlußszene des Handels beschäftigte . Ein erschreckter Bürger habe ihn benachrichtigt , hinter St. Justina stehe ein gefährlicher Zweikampf bevor zwischen zwei Offizieren der venezianischen Armee . Er sei hingeeilt , von seinen tapfern Leuten zusammenraffend , was er auf dem Wege gefunden , und habe schon von ferne die Gruppe der Kampfbereiten und der um sie versammelten Neugierigen erblickt , auch deutlich erkennen können , wie nur der eine der Herren Grisonen mit grausamer Wut und rasenden Gebärden auf dem Kampfe bestand , der andere aber kaltblütig mit Ernst und Würde ihn zu beschwichtigen suchte , von den vernünftigen Vorstellungen und höflichen Bitten der anwesenden paduanischen Bürger hierin unterstützt , und sich dann mäßig und nur gezwungen verteidigte . Er habe sich seinem Gefolge voran aufs eiligste genähert , um , wie sein ehrenvolles Amt erheischte , seinen Leib als Schranke zwischen die Frevler am Gesetze zu werfen und den Degenspitzen im Namen der Republik Halt zu gebieten . Als er dies mit eigener Lebensgefahr getan , sei zwar der eine gehorsam zurückgewichen , der andere aber durchbohrt mit einem Fluche zusammengestürzt . Nach seinem Dafürhalten habe sich der Sinnlose mit blinder Wut in die nur zur Verteidigung ihm entgegengehaltene Waffe des andern geworfen , einen Augenblick ehe er die beiden Degen mit dem seinigen niedergeschmettert . – So glaube er seine Pflicht mit Aufopferung erfüllt zu haben und auf die Anerkennung der erlauchten Republik , sowie auf ein angemessenes Ehrengeschenk ohne Unbescheidenheit rechnen zu dürfen . – » Mit diesen Papieren , Herr Provveditore , läßt sich eine Anklage auf Mord nie begründen « , sagte Waser vor seinen Gastfreund hintretend und die Akten nicht ohne sichtbare Zeichen der Entrüstung auf den Tisch legend , wobei der Traktat über die Patavinität des Livius auf den Marmorboden fiel . » Sie sprechen durchaus zugunsten des Hauptmanns und bezeichnen den Fall als strikte Notwehr . « – » Wollt Ihr noch von den Aussagen der andern Zeugen Einsicht nehmen ? « sagte Grimani kalt . » Sie stimmen übrigens durchaus überein mit denjenigen des bettelhaften Pedanten und des prahlerischen Eisenfressers . Die Zeugnisse dieses Gesindels « – er stieß mit der Fußspitze an die gelehrte Arbeit des Magisters Pamfilio , die langsam über die Mosaiksterne des glatten Bodens rollte – » führen nur den Gutmütigen irre , der nicht versteht zwischen den Zeilen zu lesen . Verzaubert und belügt doch dieser ungesegnete Jenatsch mit seiner heuchlerischen Herzenswärme und seiner ruchlosen Kunst auch das Absichtlichste als Eingebung des Augenblicks oder harmlosen Zufall darzustellen , ohne Ausnahme alle von oben bis unten , von dem edeln Herzog Rohan bis zu diesen Larven hinab . – Angenommen daß diese Zeugnisse den Sachverhalt in völliger Wahrheit darstellen , so führt sie doch erst die Kenntnis der Verhältnisse des Hauptmanns und seines ränkevollen Charakters auf ihren richtigen Wert zurück , und mittelst dieser Kenntnis bin ich imstande , mein werter Freund , Euch , vielleicht zum Schrecken Eures harmlosen Gemüts , die Geschichte der Tötung des Obersten Ruinell in ihr wahres Licht zu stellen . Ich will mich kurz fassen . Jenatsch hatte sich zum Ziele gesetzt um jeden Preis eines der vier bündnerischen Regimenter zu erlangen , die Herzog Rohan zum bevorstehenden Veltliner Feldzuge mit französischem Solde bildet . Alle vier aber waren schon vergeben , eines davon an Ruinell ; folglich mußte einer der Obersten , am bequemsten Ruinell , den der Degen des Ehrsüchtigen erreichen konnte , weggeräumt werden . Als nun der Schulmeister den heißblütigen Oberst mit seinem unverschämten Bettel belästigte , ergriff der geistesgegenwärtige Jenatsch blitzschnell die Gelegenheit ihn zu reizen , indem er für den Pedanten Partei nahm . Wie die Flamme einmal aufstieg , war es dem Kühlgebliebenen ein leichtes , sie mit seinem boshaften Hauche zu schüren . Er wußte mit seiner absichtsvollen Sanftmut den Zornigen bis zur Raserei zu reizen und als geschickter Fechter den Degen so zu führen , daß keiner den sichern leisen Todesstoß gewahr wurde . – So trug die Sache sich zu , mein braver Herr , wenn die Republik nicht einen menschenunkundigen Neuling zu ihrem Provveditore hat . Euer Signor Jenatsch hat bei seiner dalmatischen Sendung zehnmal mehr List aufgewendet , als es nicht brauchte , diesen armen Trunkenbold aus dem Wege zu räumen . « Waser hatte diese Auseinandersetzung mit Grauen angehört . Ihn fröstelte beim Gedanken an die Gefahr , die jedem Angeklagten aus dieser scharfsinnig argwöhnischen Auslegung an sich unverfänglicher Tatsachen erwachsen mußte . Sogar ihn , den wohlwollenden , dem Hauptmanne befreundeten Mann , durchfuhr einen Augenblick der Gedanke , des Venezianers grausame Logik könnte recht haben . Aber sein gerader Menschenverstand und sein rechtliches Gemüt überwanden rasch diesen beängstigenden Schwindel . So hätte es sein können ; aber , nein , es war nicht so . – Er erinnerte sich indessen , daß der Argwohn in Venedig ein Staatsprinzip sei , und verzichtete darauf , in diesem Augenblicke Grimanis Voreingenommenheit zu bekämpfen . » Die Tatsachen entscheiden « , sagte er mit überzeugter Festigkeit , » nicht deren willkürliche Interpretation , und Hauptmann Jenatsch ist nicht ohne Schutz in Venedig , denn in Ermangelung eines bündnerischen Gesandten bei der Republik von San Marco glaube ich Geringer im Sinne meiner Obern zu handeln , wenn ich die Interessen des mit Zürich verbündeten Landes in Venedig nach Kräften wahrnehme . « – » Da verwendet sich noch ein anderer Schutzpatron für die Unschuld , die ich in der Person des Hauptmanns Jenatsch verfolge « , sagte der Venezianer mit schmerzlichem Spotte , denn eben wurde ein in rote Seide gekleideter französischer Edelknabe eingelassen , um in des Herrn Provveditore eigene Hand ein Schreiben seines Gebieters , des Herzogs Heinrich Rohan , zu legen . » Der erlauchte Herzog will mir die Ehre eines Besuches erweisen « , sagte Grimani die Zeilen durchlaufend , » das darf ich nicht zugeben . Meldet , daß ich mich ihm in einer Stunde vorstellen werde . – Eure Begleitung , Signor Waser , würde mich erfreuen . « Damit erhob sich der feine bleiche Mann mit den melancholischen Augen und zog sich in sein Ankleidezimmer zurück . Waser blieb zögernd stehen . Dann trat er zum Tische und durchlas sorgfältig die übrigen Zeugenaussagen . Zuletzt fiel sein Blick auf die unter einen Stuhl gerollte Abhandlung des Magisters Pamfilio Dolce aus Padua . Ihn jammerte ihr schmachvolles Schicksal . » Da klebt viel Schweiß daran « , sagte er und hob die Rolle auf . » Ein Plätzchen in unsrer neu gegründeten Stadtbibliothek wird sich schon für dich finden , Werk eines dunkeln Daseins ! « – Siebentes Kapitel Siebentes Kapitel Der Provveditore und Herr Waser wurden vom Herzog in seinem Bibliothekzimmer empfangen , wo dieser , der wenig Schlaf bedurfte und die Einsamkeit der Morgenfrühe liebte , schon manche Stunde des Vormittags in ungestörter Arbeit mit seinem Schreiber , dem Venezianer Priolo , verbracht hatte . Der Herzog begann mit einigen Worten des Dankes für Grimanis Zuvorkommen . » Ihr errietet sicherlich aus meinen Zeilen « , sagte er , » das persönliche Anliegen , welches mich schon heute wieder eine Unterredung mit Euch dringend wünschen ließ . Ich war gestern von meinem Balkon aus Zeuge einer nächtlichen Szene , unter der ich mir nichts anderes , als die Verhaftung eines Übeltäters denken konnte . Verschiedene Umstände lassen mich mit Sicherheit schließen , daß dieser Gefangene der Republik der Bündner Georg Jenatsch sei . Ich hatte nun , wie ich Euch , mein edler Herr , schon gestern andeutete , auf die Dienste desselben Mannes für meinen bevorstehenden Feldzug in Bünden gezählt und mir davon bei seinem militärischen Talent und seiner mir höchst wertvollen Kenntnis seines Vaterlandes großen Vorteil versprochen . Ihr seht ein , wie sehr mir daran liegen muß , zu erfahren , welcher Übertretung des Gesetzes er sich schuldig gemacht , und , wenn sein Verbrechen kein schweres und schmachvolles ist , mein Fürwort für ihn einzulegen . « » Niemand ist williger Euch zu dienen als ich , erlauchter Herr « , antwortete Grimani , » und in Wahrheit glaubte ich gerade Euch einen nicht geringen Dienst zu leisten , wenn ich diesen mir schon längst verdächtigen Menschen , in dem die Keime vieler Gefahren liegen , jetzt da er sich durch eine blutige Tat in meine Hand gegeben hat , auf die Seite räumte . Er ist , wie Ihr aus der aktenmäßigen Darstellung erfahren werdet , dem Wortlaute unseres Gesetzes nach der Todesstrafe verfallen . Ob ich ihn , mildernde Umstände annehmend , begnadigen will , das steht vollkommen in meiner Willkür . Ist dies Euer Verlangen an mich , so werdet Ihr keine Weigerung erfahren ; aber höret vorher gütig an , was ich von dieser Persönlichkeit denke . – Den Vorfall selbst bitte ich meinen würdigen Freund Waser Euch zu berichten . Er hat soeben von den Akten Kenntnis genommen und es ist mir angenehm den Vortrag ihm zu überlassen , da er mich insgeheim vergiftenden Argwohns und schnöder Menschenverachtung bezichtigt . « – Der Zürcher entledigte sich dieses Auftrags mit Freundeseifer und sachkundiger Gewandtheit . Zum Schlusse faßte er seine Meinung dahin zusammen , daß hier ein Fall reiner Notwehr vorliege . » Und nun erlaubt mir , meinerseits Euch auszusprechen « , sagte Grimani , und seine Stimme trübte sich vor innerer Bewegung , » daß ich die Tat für eine vorbedachte , absichtsvolle und diesen Charakter kennzeichnende halte . Georg Jenatsch ist unermeßlich ehrsüchtig , und ich glaube , er sei der Mann , jede Schranke , welche diese Ehrsucht eindämmt , rücksichtslos niederzureißen . Jede ! Den militärischen Gehorsam , das gegebene Wort , die heiligste Dankespflicht ! Ich halte ihn für einen Menschen ohne Treu und Glauben und von grenzenloser Kühnheit . « Mit wenigen aber noch schärfern Zügen , als er es Waser gegenüber getan , bezeichnete er sodann dem Herzoge die selbstsüchtigen Ziele , welche nach seiner Beurteilung Jenatsch durch die Ermordung seines Landsmannes habe erreichen wollen . Der Herzog warf ein , es sei ihm kaum glaublich , daß eine so ursprüngliche und warme Natur wie dieser Sohn der Berge eines so kalt konsequenten und verwickelten Verfahrens fähig sei . » Dieser Mensch erscheint mir unbändig und ehrlich wie eine Naturkraft « , fügte er hinzu . » Dieser Mensch berechnet jeden seiner Zornausbrüche und benützt jede seiner Blutwallungen ! « erwiderte der Venezianer , gereizter als es von seiner Selbstbeherrschung zu erwarten war . » Er ist eine Gefahr für Euch , und wenn ich ihn verschwinden lasse , so hab ich Euch noch nie einen bessern Dienst erwiesen . « Der Herzog verharrte einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken , dann sprach er mit großem Ernste : » Und dennoch ersuche ich Euch um die Begnadigung des Georg Jenatsch