kann vergessen , wie Papst Alexander von Herzog Herkules überlistet wurde , wie maßlos das alte Laster sich gebärdete und welche unnachsprechlichen Worte es ausstieß , als es sich geprellt sah ! « Und Strozzis Lache dröhnte unter der niederen Wölbung . Zugleich hörte Angela durch die Mauerluke , an der sie saß , aus dem nächtlich stillen Hofe herauf den weichen Tenor wieder , dessen Kantilene sie bewegt hatte , als sie in der Siestastunde vor der Ankunft des Herzogs mit Lucrezia am Fenster saß . Es war dasselbe Liebeslied ... » Ist es ein mit dem Herzog verabredetes Zeichen , daß Strozzis Mörder bereitstehen ? « fragte sie sich mit klopfendem Herzen . Von diesem Moment an schien des Richters herausforderndes Wesen dem Herzog zuviel zu werden . » So unterhaltend deine Gesellschaft ist , mein Strozzi « , sagte er freundlich , » ich muß dich nun entlassen . Du weißt , ich bin heute scharf geritten und , in der Tat , ich fühle mich müde . Wir kommen wohl auf unsern Gegenstand zurück . Glückselige Nacht ! « Und er beurlaubte das Opfer . Da Strozzi an der im Halbdunkel sitzenden Angela vorüberging und sich hinuntersteigend in die schwach erhellten Schloßgänge vertiefte , blieb diese wie versteinert , denn die unheimliche Lustigkeit Strozzis war ihr ein Vorzeichen seines Untergangs , und die unerschöpfliche Geduld des Herzogs erfüllte sie mit Grauen . Als sie eine Weile später mit ihrem gefundenen Schlüssel neben dem Herzog stand , der aus dem Archiv getreten war und es abschloß , kehrte der Richter , wie tastend , wieder zurück . » Ich weiß nicht , wie mir geschieht , Hoheit « , stotterte Strozzi , dessen Lustigkeit verschwunden war , » ich finde den Ausgang nicht und bitte um eine Fackel . « Der Herzog rief nach einer , die ein Diener dem Richter vortrug , welcher ihr wankend folgte . Nun floh Angela in ihre Kammer , die sie in verwirrender Angst fest verrammelte , mit ihren klopfenden Pulsen den Lebensrest des Richters zählend und seinen Todesschrei erwartend . Da ertönte er – entsetzlich und lang – und drang ihr durch das innerste Mark . Mit zitternden Händen warf sie einen Mantel um , ergriff ihre kleine Leuchte , glitt die einsamen Stiegen hinunter und stürzte aus dem Palast . Hilfe zu bringen ? ... Nein , sie zu suchen bei Lucrezia , im Kloster ! ... Sie wußte nicht , was sie wollte . An der Ecke der Burg stieß ihre Fußspitze an den Toten . Sie leuchtete ihm ins Antlitz , konnte aber die bleichen , verzerrten Züge nicht lange betrachten . Sie kniete nieder , machte über ihm das Zeichen des Kreuzes und verhüllte ihm das grause Haupt barmherzig mit seinem Mantel . Dann floh sie weiter zu den Klarissen , deren Haus , nur zwei kurze Gäßchen entfernt , auf dem Boden der alten Stadtumwallung stand . In der Mitte des zweiten hörte sie Schritte hinter sich , wandte sich um , und sah einen ihren fliegenden Gang verfolgenden Schatten . Sie meinte , der Tote habe sich erhoben , und verdoppelte ihre Eile . Doch ihre schnellen Füße wurden durch ein andres Nachtgesicht aufgehalten . Dicht vor dem Kloster nämlich sprang ein fester Turm mit seiner gewaltigen Rundung vor , den das Gäßchen umkreiste , und der mit dem Kloster aufs seltsamste baulich verwachsen und durch den üppigsten Efeu verwoben war . Seine ewig verschlossene hohe schmale Pforte war wunderbarerweise geöffnet und davor hielt ein Reitergedräng . In der Mitte saß auf einem Schimmel ein schlanker Jüngling mit einer Binde über den Augen . Angela erblickte Don Giulio , von dem sie doch wußte , daß ihn der Herzog nach Fenestrella , auf eine Insel in den Pomündungen , hatte bringen lassen . Lebte dieser Don Giulio ? War er ein Traum ? Nachdem die , einer hinter dem andern , Einreitenden das Gäßchen geräumt hatten , klopfte Angela an das Klostertor und wurde von der Pförtnerin , der raschen Schwester Consolazione , ohne Verzug in den Klosterfrieden eingelassen . » Ihr seid erwartet « , sagte sie . » Aber wie ? Ihr kommt zu Fuß und allein ? Wie Euer Herz pocht , Erlauchte ! Wahrlich , wie einem geängstigten Vogel ... « » Führt mich zur Herzogin ! « unterbrach die Borgia . Da ihr Schwester Consolazione sachte die noch erhellte Zelle öffnete , lag Lucrezia im sanften Licht einer Ampel schon entkleidet auf dem reinlichen Lager in weißem Nachtgewand , fest entschlummert , ruhig atmend wie Ebbe und Flut , mit einem Kinderlächeln auf dem halbgeöffneten Munde , während Natur leise verjüngend über ihrem Lieblinge waltete . – Als Angela aus dem Schlosse floh , hatte sie der Wunsch getrieben , sich schluchzend an die Brust der Freundin zu werfen und ihren Geblendeten neben den Getöteten Lucrezias zu legen . Nun betrachtete sie die schöne Schlummernde aufmerksam , verlor den Mut sie zu wecken , und seufzte : » Wie bin ich eine andre ! « 12. Kapitel Letztes Kapitel Nach soviel Trauer waren fünf Jahre über Ferrara gegangen , ohne daß die tragische Muse von neuem das Herrscherhaus besucht hätte . Ja , das Leben wollte sich zur Idylle gestalten , immerhin die Unruhe eines kurzen Krieges ausgenommen , der aber rasch über den ferraresischen Boden dahinfuhr . Der Mörder des Großrichters Herkules Strozzi war , ungeachtet vielfacher polizeilicher Nachforschungen und der augenscheinlichen Bemühungen des Herzogs selber , unentdeckt geblieben . Der Oberrichter wurde mit der größten Feierlichkeit bestattet und der Herzog ließ es sich nicht nehmen , als erster der Trauernden vor dem gerührten Volke dem mit Lorbeer überschütteten Sarge nachzuschreiten . Auch die junge Witwe , denn der Anbeter Lucrezias hatte in standesgemäßer Ehe gelebt , besuchte Don Alfonso mit fürstlicher Teilnahme und trachtete ihren wilden Schmerz mit weiser Rede zu dämpfen . Die blühende Barbara Torelli aber war untröstlich und redete mit heftiger Gebärde bald davon , ihren Gemahl an seinem Mörder zu rächen , wenn sie ihn finde , bald verlangte sie , sich in ein Kloster zu begraben ; in beiden Fällen aber gelobte sie dem toten Gatten ewige Treue . Wenn nun der Herzog nichts über sie vermochte , so war es Ludwig Ariost vorbehalten , diese leidtragende Barbara aufzurichten . Er war ein Freund Strozzis gewesen und hatte schon dessen Mutter , eine stattliche Frau , herzlich verehrt . Jetzt bemühte er sich um die Witwe seines verblichenen Freundes und suchte sie mit dem Leben zu versöhnen . Diese freundliche Aufgabe löste er in Jahresfrist so vollkommen , daß Barbara Torelli sich erbitten ließ , dem Dichter in sein neuerbautes Heim zu folgen und an seiner Seite jenes einfache Haus zu bewohnen , dessen Bescheidenheit Ariosto in einem weltbekannten Distichon gepriesen hat . Gleichgeblieben war sich auch das Gefängnis Don Giulios in dem » vergessenen « Turm , welcher von dem frühern engeren Mauerkreis als ein unzerstörbares Wahrzeichen alter Wehrkraft stehen geblieben war und später von dem wachsenden Klosterhof der Klarissen eingeschlossen wurde . Dieser fast unzugängliche Turm war selten bewohnt . Fensterlos nach dem Gäßchen , und auf der Seite des Nonnengartens von verwilderten Brombeerstauden und kletternden Schlingpflanzen bis zu seiner halben Höhe überwuchert , war er in das unbeachtete Weben der Natur zurückgekehrt . Nur selten wurde er für ungefährliche Staatsgefangene benützt , deren Andenken sich verlor und deren Dasein in dem » vergessenen « Turm vergessen werden sollte . Lange hatte sich die Oberin der Klarissen dagegen gesträubt , in den auf ihrem Gebiete stehenden Turm eine hohe Person mit unerbaulicher Legende , wie Don Giulio , eintun zu lassen . Sie kannte die Schwächen des leeren Nonnenherzens : Neugier , Mitleid , Lust an Heimlichkeiten , und fürchtete deshalb den gefährlichen Nachbar . Auch war ihr der wahre Grund der Entfernung des blinden Este aus Fenestrella nicht unbekannt geblieben . Zwar wurde ihr gesagt , die vor der Mündung des Po im Meere liegende kleine Festung sei in diesem Zeitlaufe gefährdet und werde sowohl von der Flotte des heiligen Markus , als von den Schiffen St. Petri bedroht : aber sie hatte noch eine ganz andere Geschichte in Erfahrung gebracht . Die junge Frau des Gefangenwärters , sagte man ihr , habe sich in den hübschen Prinzen trotz seiner Blindheit sterblich verliebt und ihren Mann bewogen , Don Giulio in einem Boote nach Venedig zu entführen . Darüber habe sie der Schloßvogt , ein Hauptmann aus der strengen Schule des weiland Don Cesare , überrascht und die Schuldigen , Mann und Weib , in das Meer versenkt . In ein ebenso tiefes Stillschweigen wurde jetzt das Dasein Don Giulios im » vergessenen « Turme begraben . Der Herzog hatte bei den schwersten Strafen sowohl dem Reisegefolge , als dem neuen Kerkermeister seines Bruders verboten , die Gegenwart des Gefangenen zu verraten oder auch nur seinen Namen zu nennen . Und daß die Äbtissin und der Beichtiger des Klosters , welcher auch der Don Giulios war , schwiegen wie das Grab , darum war der Herzog unbesorgt . Auch Angela schwieg von ihrer traumhaften Begegnung mit dem Blinden an der Turmpforte , als von etwas , das ihrem Herzen allein angehörte . So wurde es möglich , daß die kluge Donna Lucrezia von der Rückkehr Don Giulios nach Ferrara nichts erfuhr , auch durch den Herzog nicht , dem die Herberge des blinden Bruders eine stete Sorge war . Ihn in den Kerkern seiner Stadtburg , gleichsam unter seinen Füßen , zu verwahren , und über dem Haupte des Geblendeten ein heiteres Dasein zu führen , das brachte er doch nicht über sich . Legte er ihn aber in eine Landfestung , so war er gewiß , Don Giulios Leiden , seine Güte und die ihn umwebende Sage werde ihn bald so beliebt machen , daß ein Befreier nicht lange ausbleiben könne . Der » vergessene Turm « neben den Klarissen war seine letzte Auskunft gewesen . Hätte Lucrezia ihn über das Verbleiben Don Giulios befragt , sie würde die Wahrheit erfahren haben ; aber sie hütete sich wohl , die wunden Punkte in der Seele ihres Gemahls , den Verlust Ippolitos und den Kerker des Blinden , unnötig zu berühren . So fuhr sie fort , ohne zu ahnen , wer in ihrer Nähe wohne , sich jährlich wenigstens in der Adventszeit auf einige Tage zu den Klarissen zurückzuziehen , wohin sie Donna Angela jedesmal begleitete . Ja , diese suchte sie dort , so lange als möglich , zurückzuhalten , denn die Zusprüche des Beichtigers der Klarissen , Pater Mamette , hatten den Sturm ihrer warmen Seele auf immer beruhigt , wie auch Donna Lucrezia viel von der einfachen Seelsorge des Franziskaners hielt . Der Herzog irrte nicht , wenn er glaubte , daß das Wohl Don Giulios viele Seelen beschäftige . Nicht nur der ferraresische Dichter legte damals an der bekränzten Pforte eines der Gesänge seines » Rasenden Rolands « ein rührendes Fürwort für den im Kerker schmachtenden Blinden ein , auch ein Geringerer im Reiche der Geister ergab sich diesem mit Leib und Seele . Eines Tages nämlich erschien an dem Tore des » vergessenen « Turmes ein kleiner dürrer Greis , der unter jedem seiner Arme einen gewichtigen Folianten trug . Er legte seine Last auf die hohe Steinschwelle nieder und begann mit einem dicken Kiesel , den er aufraffte , an die stumme Pforte zu pochen . Vergeblich ! Denn diese öffnete sich nicht und inwendig rührte sich nichts Lebendiges . Der Alte setzte seine Bemühungen so beharrlich fort , daß er nicht bemerkte , wie eine kleine Schar herzoglicher Söldner in den Halbkreis des einsamen Gäßchens einlenkte , bis er von ihnen umringt und ergriffen war . Jammernd bat er um Schonung für seine Bücher , die sie mit ihren Spießen untersuchen wollten , und deckte seinen Schatz mit dem Leibe . Zu seinem Heil erschien in diesem Augenblick der Herzog hoch zu Roß , der mit einem kleinen Gefolge von Sachkundigen einen Pulverturm auf seine Feuerfestigkeit hin untersucht hatte und jetzt auf dem kürzesten Wege in seine Stadtburg zurückkehrte . Der Greis warf sich vor ihm nieder : » Erhabener Herr , den ich erzogen habe « , rief er , » befreie mich mit meinen Freunden Plutarch und Seneca aus den Händen deiner Krieger ! « » Was hast du hier zu schaffen , Magister ? « fragte der Herzog streng und zog die Brauen zusammen . » Ich fühle mich berufen , einen erblindeten Zögling zu besuchen und seine Nacht mit der Weisheit der Alten zu erhellen ! « » Woher weißt du , daß der Blinde hier sitzt ? « fuhr ihn der Herzog an . » Von Liebe zu dem abtrünnigen Sohne der Wissenschaft erfüllt , und nachdem ich erfahren , daß er in Unglück und Dunkel gestürzt sei , verfolgte ich seine Spur bis nach Fenestrella . Dort sagten sie mir , daß er nach einer unverschuldeten Tragödie weggeführt worden sei , und das Gerücht berichte , er sei in deine Nähe und unter deine persönliche Hut zurückgekehrt . Hier in Ferrara pochte ich , von meinem sokratischen Dämon geführt , an die Tür jeden Turmes , und dieser › vergessene ‹ ist der letzte , den ich finde . « Ein geheimes Lächeln stahl sich in die Augen des Herzogs und der Gedanke durchblitzte ihn , seinem unglücklichen Bruder die Gesellschaft ihres gemeinsamen , wie er wohl wußte , vollkommen harmlosen alten Lehrers zu gönnen . Er sagte : » Wenn hier wirklich ein blinder Schüler von dir wohnt , Mirabili , so magst du ihn meinetwegen allwöchentlich einmal besuchen und mit ihm deine unterbrochenen Lektionen fortsetzen . « Auf seinen Wink stieß ein Leibwächter mit dem Holze seiner Lanze unter dem Rufe : » Auf ! Im Namen des Herzogs ! « so nachdrücklich gegen die verschlossene Tür , daß innen die Schlüssel augenblicklich rasselten und die Riegel zurückgingen . Der Herzog ließ den erstaunten Kerkermeister an sein Pferd treten und befahl ihm leise und streng : » Einmal wöchentlich öffne dem Alten diese Pforte zu Einlaß und Auslaß . Niemals am Tage , sondern vor Morgengrauen oder nach dem Ave Maria . « Von Don Giulio mit Dank und Rührung empfangen , enthielt sich Mirabili , das zerstörte Angesicht , dessen Schönheit in früherer Zeit ihn beglückt hatte , lange zu prüfen . Ohne Zögern machte er sich ans Werk , den Gefangenen in die Herrlichkeiten der stoischen Schule einzuführen und ihm die Triumphe der Selbstüberwindung zu zeigen . Wenn er ihm dann nach langer Sitzung die hohen Vorbilder pries , die ihn begeisterten , einen Zeno , einen Epiktet und vor allem den Kaiser mit dem Philosophenbart , den göttlichen Mark Aurel , sagte wohl der Blinde , der indessen an seinem Strohgeflecht gesessen hatte , traurig und müde : » Ach , Mirabili , ich kenne diese vornehmen Herren nicht und es will mir nicht gelingen , mich mit ihnen auf den Thron der Tugend zu setzen . « Einen kräftigeren Trost reichte dem Blinden der Sohn des heiligen Franziskus , Pater Mamette . Auch er , wie der alte Mirabili , obwohl ein noch grünender feuriger Mann , gehörte zu Don Giulios Jugenderinnerungen . Aus einer Bauernfamilie Pratellos gebürtig , wurde er als ein verwaistes , ganz junges Blut von seinen älteren Brüdern , die nicht gesonnen waren , ihr Erbe mit ihm zu teilen , ins nahe Kloster geliefert , wo das unschuldige Kind unbeachtet , aber von den Mönchen wohlgelitten , aufwuchs . Dem Kleinen geriet , wie dem verkauften Joseph , alles zum besten , und sein von freudigen Augen beleuchtetes Angesicht war das Wohlgefallen und der Trost aller , die ihn kannten . Als Don Giulio zum Jüngling erwuchs und sein prächtiges Pratello baute , war Mamette im Laufe guter und böser Tage zum Manne geworden und ein fertiger Franziskaner . Don Giulio sah ihn eines Tages unter seinen Bauleuten , als er einem verunglückten Maurer beistand , ihn in seine Arme nahm und den Sterbenden mit mehr als mütterlicher Liebe in den Himmel hob . Damit fiel er dem Este auf und berührte die wohllautendste Saite seiner Seele . Weil aber der Leichtfertige nach der Hofsitte einen Beichtvater haben sollte und man ihn längst beschuldigte , dieses Herkommen zu vernachlässigen , so entschloß er sich kurz und wählte Pater Mamette . Außer zu den kirchlich gebräuchlichen Zeiten hatte er ihn übrigens nie rufen lassen , auch nach seinem Sturze ins Elend nicht . Erst da er das Todesurteil erwartete , ließ er ihn zu sich in den Kerker kommen und sich dann von ihm auf das Schafott begleiten . Nach seiner Rückkehr aus Fenestrella wurde nun Pater Mamette der beste Freund seiner Gefangenschaft , und der von allen Seiten Gerufene und Begehrte zählte die Stunden nicht , die er zur Tröstung des Unglücklichen im » vergessenen « Turme zubrachte . Da geschah es oft , daß der Pater den Blinden bei beiden Händen ergriff und ihm sagte : » Ihr kennt noch nicht den unerschöpflichen Born des Glücks : es ist das Geheimnis der Armut . Mein heiliger Franziskus , der mit ihr aufs innigste vermählt war , offenbarte es mir einst zur Rettung aus den Abgründen der Seele . Erst wenn Ihr nichts mehr zu eigen habt , könnt Ihr die Liebe Gottes empfangen . Und wenn Ihr empfanget , könnt Ihr geben . Das ist meine Pforte zum Glück und zur Freiheit ! Tretet mit mir ein ! Werdet arm und ärmer , damit Ihr empfangen und geben könnt , wie ein Brunnen , der Schale um Schale überfließend füllt . « Don Giulio fand anfangs , daß es für ihn , einen Beraubten und aus dem Lichte Gestoßenen , schwer sei , noch ärmer zu werden ; er verstand nicht , daß er sich auch des Reichtums seiner selbstsüchtigen Schmerzen entschlagen müsse – immerhin drang das Geheimnis des heiligen Franziskus in eine Tiefe seiner liebedurstigen Seele , die weder Ariost noch Mirabili , weder der Dichter noch der Philosoph hatten erreichen können . So vergingen drei der Kerkerjahre , aber auch Jugendfrische und Gesundheit des Blinden verging . Er welkte . Die dumpfe Luft des Sommers und die Feuchtigkeit des Winters , die Klosterspeise , die ihm geboten wurde und die er , anders gewöhnt , oft unberührt ließ , die Entbehrung heftiger Leibesübungen , wilder Ritte , des Ballspiels , der Fechtkunst , und , mehr als alles das , die Aussichtslosigkeit der Befreiung erschlaffte und lähmte ihn ; denn er wußte – das Wort des Herzogs stand fest – , daß er bei dessen Leben den Kerker nicht verlassen werde . Er selbst ergab sich in sein Los , aber dem alten Mirabili schnitt es in die Seele . Der zerfallende Greis konnte nicht sterben , ohne seinen Liebling befreit zu haben . So entschloß er sich , ohne das Wissen und die nicht zu erhaltende Einwilligung Don Giulios , etwas Wirksames , zur Entscheidung Führendes zu unternehmen . Nach vielem Denken und einigen schlummerlosen Nächten brachte er das wichtige Werk zustande . Es war ein im reinsten Latein verfaßtes Schreiben , denn die italienische Schriftsprache war ihm nicht geläufig , noch erschien sie ihm zu seinem großen Zwecke erhaben genug . Nachdem Mirabili alle berühmten Gefangenen des Altertums , besonders alle unschuldig von Tyrannen in grausamen Kerkern gehaltenen , erwähnt hatte , ging er auf Don Giulio über , den liebenswürdigsten und unschuldigsten von allen , und beschwor den Herzog bei dem Gerichte der Unterwelt und der Nachwelt , seinen leiblichen Bruder zu befreien , indem er persönlich seine Ketten löse und sich auf öffentlichem Markt vor dem Volke mit ihm versöhne . Kurz , es war ein herzlich ungeschickter und ein unheilvoller Brief , welcher den Herzog aufbringen mußte , und leider dieses ungewollte Ziel nicht verfehlte . Schlimmer noch ! Der Herzog wurde mißtrauisch . Er sah hinter dem Anschlage des Alten den des gefangenen Bruders , was freilich ein großer Irrtum war . Er ließ Don Giulio seine herzogliche Ungnade und die Unwiderruflichkeit seines Kerkers wissen und stürzte diesen , dem damals auf einer andern Seite ein süßer Stern der Hoffnung aufgegangen war , in tieferes Elend und auf das Krankenlager . Gleichgeblieben , wie der Kerker Don Giulios , war sich auch der Stand der flavianischen Güter , die der Fiskus zu genießen fortfuhr , da die Gerichte über deren endgültigen Besitz noch nicht gesprochen hatten . Gleichgeblieben war sich die mühselige Werbung des Grafen Contrario um Donna Angela . Gleichgeblieben , nein , gestiegen war ihre Abneigung gegen diesen unsträflichen Freier , dem sie , aufs äußerste getrieben , verzweiflungsvoll erklärte : sie liebe die Gerechten und Tugendhaften gar nicht – mehr schon die ringenden Bösen – am meisten aber die Barmherzigen , wenn sie die Sünder mit starken Armen emporziehen ; über welche unerhörte Rede Graf Contrario sich mit Recht entsetzte . Auch der Herzog hatte zuzeiten an der Gründlichkeit des Wissens und an der kritischen Ader des Grafen kein Vergnügen mehr , besonders wenn dieser mit Kennermiene das nach neuen Erfindungen gegossene Geschütz seines Gastfreundes prüfend umwandelte und jeden einzelnen Teil des Stückes einer eingehenden und vernichtenden Kritik unterwarf . Dann preßte der Herzog den strengen Mund zusammen und ließ den Grafen allein . Nur der Wunsch , Donna Angela , dieses Hindernis der Rückkehr des Kardinals , zu verheiraten und damit wegzuräumen , verlieh ihm die Geduld , den unermüdlichen Tadler zu ertragen , solange es sein mußte . Selbst im Bereiche Lucrezias bestrebte sich der Graf unliebenswürdig zu werden ; doch alle diese Versuche wurden an ihrer anmutigen Geschicklichkeit zunichte , wie sich eine streitsüchtige Brandung an einem sanften Ufer verliert . Da ihm Lucrezia ihr Wittum , die flavianischen Güter , als mögliche Mitgift ihrer jungen Base vorspiegelte , überkam ihn aus Widerspruchsgeist ein großer Ärger , das , was in seinen Augen der rechtmäßigste Besitz war , einem Weibe danken zu müssen , und er erhob sich gegen dieses Ansinnen mit männlicher Würde . Lucrezia aber , die diese Entrüstung nicht für seinen Ernst hielt , antwortete lächelnd : » Und wenn wir beide , die wir uns darum streiten , die flavianischen Güter in zwei Hälften schnitten und friedlich unter uns teilten , den Richtern zum Verdruß ? ... Ich sage es nicht versuchungsweise , wie einst König Salomo , um Euer Herz zu prüfen , Ettore ! Ist doch die Erde kein lebendes Kind mit einem unteilbaren Blut und Leben in den Adern , sondern bestimmt , in Stücke zerrissen , verteilt oder geraubt zu werden ! « Der Graf hätte sogleich zugegriffen , wäre er sich selbst über seine Gefühle für Donna Angela klar gewesen . Am liebsten hätte er die flavianischen Güter ohne sie besessen . Er hatte das edle Mädchen von Anfang an als ein eigenwilliges und unerzogenes Geschöpf betrachtet – doch , o Wunder , seit einiger Zeit geschah etwas mit Angela . Ihre Härte und Herbigkeit verschwand wie die einer schwellenden Frucht , die an der Sonne reift , und welche andre Sonne konnte sie gezeitigt haben , als die Sonne der Liebe ? Welcher Sterbliche aber konnte dieses stolze Herz besitzen , wenn nicht Graf Contrario ? Im Streite seiner Gedanken erbat er sich ein Jahr Bedenkzeit . Während Angela , immer stiller werdend , am Hofe von Ferrara in der demütigenden Gewißheit lebte , daß der Herzog ihr Dasein als ein Übel empfand , dessen er sich gern entledigt hätte , trat Donna Lucrezia auf die Höhe ihres Glücks . Sie hatte Don Alfonso zwei wohlgebildete und begabte Knaben gegeben , und er war ihr dafür , sie täglich höher haltend , von Herzen dankbar . Fast ebensosehr liebte er die wunderbare Klugheit , mit welcher sie in der denkbar schwierigsten Lage , während des venezianischen Krieges , da der Herzog im Lager , und die Fortdauer des Staates Ferrara bedroht war , ohne den Beistand des genialen Kardinals die Regentschaft führte . Nicht daß dieser für das Schicksal Ferraras gleichgültig geworden wäre . Er riet und wirkte von Mailand her mit brüderlicher Gesinnung zugunsten des Herzogs , soweit seine Macht reichte . Seine Körperkräfte aber verzehrten sich darüber und er litt an häufigen Rückfällen seines verderblichen Fiebers . Donna Lucrezia lenkte indessen auch ohne ihn das Staatsruder nicht nur mit weitester Umsicht , sondern im entscheidenden Augenblick auch mit männlicher Entschlossenheit . So war es kein Wunder , daß Ferrara und sein Herzog Lucrezia Borgia fast vergötterten . Aber die kühle , besonnene Fürstin führte mit Bescheidenheit ihren Triumphwagen und hörte den hinter ihr stehenden lästernden Sklaven wohl , der , nach dem Gebrauche des römischen Triumphes , ihr jegliche Schmach ihrer Vergangenheit ins Ohr raunte und nichts vergaß , was sie beschämen konnte . Da sie nun ihren Ruf vor der Welt gereinigt und wiederhergestellt hatte , war sie auch darauf bedacht , sich den Himmel zu versöhnen . Um so mehr gehorchte sie diesem Antrieb , da sie ihre Kinder mit Schmerzen gebar und oft von einer Ahnung frühen Todes beschlichen wurde . Sie unternahm auch dieses Werk auf eine ganz sachliche Weise . Gleichwie ihr Vater in ungeheuerlicher Naivität nie an den Dogmen und Wundern einer Kirche gezweifelt hatte , deren Haupt und Schande er war , hatte sich auch Lucrezia in einer geistig heidnischen Welt niemals von den kirchlichen Formen und Vorstellungen entfernt . Verständig wie sie war , täuschte sie sich nicht über die Summe und Schwere ihrer Sünden und dachte bescheiden von ihren Verdiensten , den frommen Übungen und Almosen , die sie zwar täglich zu vermehren trachtete , die aber gegenüber der Art und Größe ihrer Schuld vor ihren klugen und scharfen Augen täglich wieder zerrannen . Sie war eine Danaide , die unermüdlich Wasser in ein rinnendes Gefäß schöpfte . Nur der Verdammnis zu entgehen hoffte sie und mit Hilfe der kirchlichen Rettungsmittel einen untersten Raum des Fegefeuers zu gewinnen . Einmal dort , so überredete sich die Kluge in liebenswürdiger Torheit , würde es ihr durch die Vermittlung der Heiligen gelingen , eine höhere Stufe zu erreichen . Pater Mamette , den die Herzogin , sooft sie bei den Klarissen wohnte , als einen Sachkundigen in den Angelegenheiten ihrer Seele zu Rate zog , war in der göttlichen Mathematik erfahren , nach welcher die Großen klein sind und die Armen alles besitzen , und sah wohl , daß sie zu den Reichen gehörte , die schwerlich ins Himmelreich kommen . Ihr Ursprung schon , im Schoße der Kirche , mußte ihm ein Herzeleid sein . Doch nicht hierin , noch in ihrer schauerlichen Jugend , sah er den Felsblock , der ihr die niedrige Pforte der göttlichen Armut verschloß . Wohl aber in ihrer Schlangenklugheit , mit der sie sich selbsttätig durch alle Spalten emporwand . Doch erkannte er dankbar den Segen , den ihre geschmeidige Lebensweisheit und Staatskunst dem ferraresischen Hause und Staate brachte , und im übrigen getröstete er sich mitleidig damit , daß bei Gott kein Ding unmöglich sei . Und wenn sie ihm klagte , sie könne Gott nicht lieben , sagte er ihr , der Anfang der Werbung gebühre dem Manne , und sie müsse in Geduld und Almosen ausharren , bis Gottes Liebe um sie freie . Im vertrauten Umgange mit dem Franziskaner ließ es sich die Herzogin nicht entgehen , ihn auch über Angelas Herz zu beraten . Sie klagte über der jungen Base eigenartiges und gegen die Kirche unbotmäßiges Gewissen , das ihr einrede , sie sei der Ursprung und die Verkettung einer Menge von Unheil , das durch keine kirchliche Buße zu sühnen sei . Diese hochmütige Trauer über eine eingebildete oder willkürlich vergrößerte Schuld sei das Hindernis einer glänzenden Versorgung , die sie für das Mädchen im Auge habe . Es sei die Pflicht Pater Mamettes , dieses übertriebene Gewissen zur Bescheidenheit zurückzuführen und ihr den Verstand des Lebens beizubringen . Des Paters dunkle Augen lachten , als er erwiderte : » Es ist wahr , Erlaucht , das Gewissen Eurer Base ist vorlaut und aufrichtig , wie der erste Schlag der Morgenglocke , der zur Messe ruft . Doch in einem irrt Ihr , sie scheut die kirchliche Buße nicht ... ich habe ihr die richtige auferlegt . « Und er beurlaubte sich , der Herzogin den Segen erteilend . Lucrezia ergriff in klösterlicher Demut die Hand des Franziskaners , um sie zu küssen , streifte dann aber , nachdem sie flüchtig zwischen der Hand und dem Ärmel gezaudert , mit dem zarten Munde die eigenen Finger . Im fünften Lenz der Gefangenschaft Don Giulios suchte die Herzogin zu ungewöhnlicher Zeit die Klosterstille . Sie hatte ein totes Kind geboren und zog sich zu den Klarissen zurück , um zu trauern über das verlorene und zu danken für ihr eigenes , gerettetes Leben . Doch nach einer Reihe stiller Tage wurde ihr Aufenthalt unversehens gestört und abgekürzt . Die Ereignisse bewegten sich um den » vergessenen Turm « , der bisher in seiner Blätterwildnis von ihr unbeachtet geblieben war . Eines Tages fehlte die alte Äbtissin im Refektorium bei der Hauptmahlzeit , an welcher die Herzogin mit Angela aus besonderer Güte teilzunehmen pflegte . Sie lag krank . Infolge eines plötzlichen Schreckens war ihr die Gicht aus den geschwollenen Füßen in die Brust gestiegen , und sie atmete mühsam . Die Schwestern aber waren verstört wie eine Schar hirtenloser Schafe . In der Verwirrung vergaßen sie sogar die Klosterregel des Schweigens und erzählten sich wispernd die unglaublichsten Geschichten , die im Frühlicht dieses Tages sich im » vergessenen Turme « ereignet und die hochwürdige Mutter dem Tode nahe gebracht haben sollten . Der verlarvte Prinz , der dort seit Jahren sein Wesen treibe , sei in der vergangenen Nacht entführt , andere sagten – erdrosselt worden . Eines