begreife nicht , wie gerade er in einen solchen Verdacht kommen konnte – der Verrat ist zu gemein , und auch mein Onkel – « » Silentium ! – Er ist ein Spitzbube , der Herr Onkel ! « brauste der Freiherr mit seiner Löwenstimme auf , und eine dunkle Zornröte schlug beängstigend über sein Gesicht hin . » Er hat mich bestohlen , so gut , wie er dich um dein Erbe bringen hilft ... Wie und wo er mein Geheimnis an sich gerissen hat , wer kann ' s raten bei solch einem Rechtsverdreher , der ' s faustdick hinter den Ohren hat ! Da tappt man zeitlebens im Finstern – aber erhorcht , erschlichen hat er ' s , damit basta ! « – Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück . » Wenn der Herr Adam sich noch nicht herabgelassen hat , wieder heimzukommen , so soll Christian den Champagner bringen , « befahl er in ruhigerem Tone . Baron Schilling öffnete die Türe und rief den Befehl hinaus . Man hörte einen Augenblick Stimmengeräusch von der Flurhalle her ; aber niemand im Zimmer achtete darauf – die Türe wurde zu rasch wieder geschlossen . Bald nachher trat der Bediente mit dem Gläserbrett in den Salon , und nun kam der Lärm verstärkt mit ihm herein – es lag etwas Aufregendes in den Lauten der Bestürzung und des Schreckens , die sich vereinzelt aus dem Gemurmel erhoben . » Zum Henker – es scheint , wir haben jetzt den Straßenskandal von vorhin bei uns im Hause ! « rief der Freiherr aufhorchend . Er richtete sich , die Hände auf die Armlehnen stützend , gespannt empor und sah dem herantretenden Diener , dem das Gläserbrett bedenklich in den Händen klirrte , unter das Gesicht . » Kerl , wie siehst du denn aus ? « rief er . » Du bist ja leichenblaß und schlotterst wie ein armer Sünder ! Was ist los draußen ? « » Es ist wegen Adam , « stotterte der junge Mensch . » Wegen Adam ? ... Ist er wieder da , der Schlingel ? « » Nein , gnädiger Herr , nur sein Hannchen ; es hat sich an den Fritz , den Hausknecht , angeklammert und will nicht heim zur Großmutter – « » Da hat das Mädel auch nichts zu suchen – sie gehört zu ihrem Vater , und der ist im Schillingshofe zu Hause . – Warum meldet er sich nicht zurück ? – Er soll auf der Stelle hereinkommen ! « » Gnädiger Herr – sie haben den Adam vorhin aus dem Wasser gezogen – es ist aus und vorbei mit ihm ! « Der Freiherr sank in den Stuhl zurück , als habe ihn ein Schlaganfall niedergeworfen . In diesem Augenblick stieß die Baronin einen Schrei des Entsetzens aus . Sie sprang auf , stürzte auf ihren Mann zu und flüchtet « in seine Arme . » Da , da ! « stammelte sie und deutete nach der Wand , an der sie mit dem Rücken gelehnt hatte . » Dort tappt es , dort hat es laut geatmet , wie ein Mensch aus tiefster Brust – es hat mich eiskalt angehaucht ! – « Bei diesen Schreckensrufen flüchtete Lucile mit einem Sprung zu Felix . Ihr liebliches Gesicht war schneebleich , und die Hände auf die Ohren drückend , um das entsetzliche Geräusch nicht auch zu hören , schielte sie mit erschreckten Kinderaugen furchtsam nach der spukhaften Wand . – Im Punkt des Fürchtens schienen das oberflächliche Weltkind und die Nonnenschülerin vollkommen zu harmonieren . » Du weißt , daß dein Gehör überreizt ist , Klementine , « beruhigte Baron Schilling – seine Stimme bebte vor innerer Bewegung infolge der eben gehörten , erschütternden Meldung des Dieners . » An dieser Seite hört man oft Geräusche – die Mäuse kommen vom Klostergute herüber – « » O nein , ich weih es besser ! – es ist die arme Seele ! « rief sie verstört – die hagere Gestalt zuckte in sich zusammen , wie von Krämpfen geschüttelt . » Der Selbstmörder ist für seine Todsünde auf immer in den Schillingshof gebannt ! – Arnold , hier können wir nicht bleiben ! – « Ein bitteres Lächeln und der Ausdruck der Hoffnungslosigkeit , des unterdrückten Grimmes wechselten auf dem Gesicht des jungen Mannes . » Das sind abscheuliche Klostergedanken , mit denen du mir nicht kommen darfst , Klementine ! « sagte er scharf und streng , indem er sich von ihren umschlingenden Armen befreite und die zitternde Frau in den nächsten Armstuhl drückte . – » Das kleine Hannchen ist draußen , sagtest du ? « wandte er sich an Christian , der wie schreckerstarrt vergessen hatte , die Champagnerflasche niederzustellen , die er noch in der gehobenen Hand hielt . » Ja , gnädiger Herr , « antwortete er sich sammelnd ; » Adam hat sie heute nachmittag zu seiner Schwiegermutter gebracht und ist nachher fortgegangen . Weil er aber so lange ausgeblieben ist , da hat das Hannchen Angst gekriegt und ist heimlich fortgelaufen . Sie hat draußen im Garten auf den Fritz gewartet ; er sollte ihr helfen ihren Vater suchen , und das hat er auch getan , denn er ist selber großer Sorge gewesen . Sie sind – trotzdem es in Strömen geregnet hat – durch alle Straßen gelaufen , zuletzt bis hinaus auf die Meiringer Landstraße – und da haben sie gerade den Adam gebracht . Er ist nicht weit von der neuen Aktienmühle in den Fluß gegangen . « » Ein verrückter Streich ! Ein schlechter Streich ! – Hätt ' nie gedacht , daß mir der Adam das antäte ! « murmelte der Freiherr tonlos . Sein robust gefärbtes , kräftig kühnes Antlitz war fahl und schlaff geworden . » Er hat nicht gewußt , was er tut , gnädiger Herr , « entschuldigte Christian schüchtern und mitleidig . » Der Obermüller , der mit Adam bekannt war , hat ihn angeredet ; dem ist ' s gleich klar geworden , daß der Mann nicht bei sich gewesen ist – er hat dumme Sachen gesprochen , hat einen schrecklich roten Kopf gehabt und ist nachher weiter gelaufen , als ob ihm einer auf den Fersen säße ... Und da ist ihm der Obermüller mit seinem Burschen von ferne , am Wasser hin , nachgegangen : ehe er sich ' s aber nur versehen hat , ist Adam ' neingesprungen ... Der Obermüller sagt , ertrunken sei er nicht , denn sie hätten ihn gleich wieder ' rausgefischt und aufs trockene Land gebracht ; aber der Schlag hätte ihn gerührt – er sei zu sehr erhitzt ins kalte Wasser gesprungen . « » Das Hannchen soll hereinkommen , « befahl der Freiherr , indem er sich aufrichtete . » Gnädiger Herr , « sagte zögernd der Bediente , « das Unwetter draußen hat die Kleine schrecklich zugerichtet – die Kleider kleben ihr am Leibe , und sie ist barfuß . Mamsell Birkner weint und schreit , und sagt – « » Was die Birkner sagt , geht mich nichts an – das Mädel soll hereinkommen ! « wiederholte der alte Herr über den Einwurf ergrimmt . » Die Birkner soll sie selber bringen . « Der Diener eilte hinaus , und gleich darauf wurde die Türe geöffnet , und Mamsell Birkner , die langjährige Wirtschafterin im Schillingshof , trat ein , Hannchen vor sich herschiebend ... Das Kind war nicht wieder zu erkennen . Das rote Röckchen und die sturmzerwühlten Haare klebten ihm , triefend von Nässe , in der Tat auf dem schmächtigen Körper , und die kleinen nackten Füße starrten vor Straßenschmutz . Auf einen Wink des Freiherrn führte Mamsell Birkner , der die dicken Tränen über die blühenden Wangen rollten , die Kleine tiefer in das Zimmer . » Geh weg , geh weg ! « rief die Baronin nervös und weinerlich abwehrend wie ein geängstigtes Kind und zog die Schleppe an sich , damit das Barfüßchen sie nicht streife . Die Kleine beschrieb einen weiten Bogen um die » gnädige Frau « und blieb in der Nähe des Freiherrn stehen . Das vom Weinen dick verschwollene Gesichtchen auf die Brust gesenkt , pflückte sie an den eigenen , bebenden Fingern , als zerzupfe sie im krampfhaften Eifer eine Blume . » Du willst nicht zu deiner Großmutter zurück , Hannchen ? « fragte der alte Herr , seine Stimme mühsam zur Festigkeit zwingend – man sah , der Anblick des verwaisten Kindes spielte ihm furchtbar mit . Die Kleine sprach nicht – sie hob nur die schweren Lider , um sie mit einem finsteren Blick wieder zu senken . » Nein , sie will durchaus nicht , gnädiger Herr , « antwortete Mamsell Birkner für sie . » Die alte Frau ist mitgegangen bis an den Schillingshof und hat sie mit Gewalt fortbringen wollen ; aber das hat drüben auf der Straße einen wahren Aufruhr gegeben – Fritz hat das arme Ding um keinen Preis fortschleppen lassen ... Nun ist er freilich in Angst , was die Herrschaft dazu sagen wird , daß er die Kleine ins Haus gebracht hat – « » Es ist gut so – er kann ruhig sein , « sagte Baron Schilling . Er bog sich zu dem kleinen Mädchen nieder . » Ist die Großmutter so böse ? « fragte er und hob ihr das Köpfchen sanft empor . Diese weichen , guten Laute der schönen Männerstimme lösten den starren Schmerz des Kinderherzens . » Sie ist schuld ! « stieß sie hervor . » Sie hat mit dem Vater gezankt , weil ihn der gnädige Herr fortgeschickt hat , und – wie sie ihn gebracht haben , da hat sie geschimpft und die Türe vor ihm zugeschlagen – oh ! « » Bleibe du bei uns , « unterbrach Baron Schilling das furchtbare Aufweinen , in das die Kleine bei den letzten Worten verfiel . » Arnold , was willst du tun ? « fuhr die Baronin empor . » Was ich auch tue , Frau Schwiegertochter , « fiel der Freiherr mit seiner alten Kraft in Stimme und Haltung ein . » Das Kind bleibt bei uns – es wird im Schillingshof erzogen , und damit Punktum ! ... Birkner , wollen Sie sich der Kleinen annehmen ? « » Ach , und wie gerne ! Mit tausend Freuden , gnädiger Herr ! « » Nun , dann ziehen Sie ihr die nassen Kleider herunter und bringen Sie das arme Ding ins warme Bett ! « Die Wirtschafterin führte das Kind hinaus , und die Baronin erhob sich schweigend . Die lange , graue Gestalt durchschritt langsam schleppenden Ganges das Zimmer und zog sich mit leichtem Kopfneigen und einem schwach geflüsterten » Gutenacht « in ihre Gemächer zurück ... In der dritten Nachmittagsstunde des anderen Tages verließ der geschlossene Wagen des alten Freiherrn den Schillingshof . Das große Tor des Klostergutes stand weit offen ; die Stallmagd hantierte da mit dem Besen , und das Hausmädchen wollte eben , den Marktkorb am Arm , heraus auf die Straße treten , als der Wagen vorüberfuhr ... Felix bog den Kopf weit vor , und sein schmerzvoller Blick überflog suchend den Klosterhof . Die Mägde stießen sich kichernd an . » Da fahren sie hin ! « sagte die Hausmagd – sie hielt den Kopf steif und blinzelte mit den Augen nach rückwärts . » Die Frau steht hinter uns , drüben am Fenster – sie muß den jungen Herrn gesehen haben . Das wird sie freilich wurmen – so schlecht ist sie doch noch nicht angekommen mit ihrem Starrkopf , die stolze Frau Majorin ; sie denkt immer , es könnte ihr gar nicht fehlen ... Es geht ihr aber schrecklich nahe , Christel , wenn sie auch keine Miene verzieht . Sie ist gestern abend , bis in die späte Nacht ' nein , von einem Fenster zum anderen gelaufen , weil sie immer noch gedacht hat , der junge Herr müßte wiederkommen ohne seinen Schatz – ins Bett ist sie auch nicht gegangen , es stand heute früh noch so , wie ich ' s gestern zurecht gemacht hatte ... « Drin am Bogenfenster der Amtsstube stand währenddessen die Majorin . Sie hielt den Fenstergriff umklammert und starrte hinaus durch den Torbogen , wo eben noch einmal das tieferblaßte Gesicht des scheidenden Sohnes aufgetaucht war . Kein Seufzer hob ihre Brust – sie verharrte auf dem Platze wie eine Bildsäule ... Da trat der Rat hinter sie . » Er ist dir für immer verloren , Therese – der elende Bursche geht zu seinem leichtsinnigen Vater , « sagte er kalt . Sie fuhr herum , als habe er ihr einen Dolch in das Fleisch gestoßen , aber sie fragte nicht : » Woher weißt du das ? « – Sie warf ihm nur einen wilden Blick zu , biß die Zähne wie im Krampfe zusammen und ging hinaus . – – 10. Man schrieb das Jahr 1868 . In dem Zeitraum von acht Jahren hatten sich gewaltige Ereignisse in zwei Weltteilen abgespielt ; es war viel Blut geflossen in Schleswig-Holstein und Böhmen , und auf dem Boden der Vereinigten Staaten hatte der große Sezessionskrieg , in dem der Rassenhaß und der langjährige Widerstreit zwischen Ackerbau- und Pflanzerstaaten endlich zum Austrag kamen , in vier Jahre langer Wut und Erbitterung getobt . Diese acht Jahre waren verhängnisvoll gewesen für Millionen von Menschenleben , auch für das Geschick des Verstoßenen , der an einem schönen Junitage das deutsche Vaterland verlassen , um mit seinem Mädchen über das Meer , zu dem wiedergefundenen Vater zu flüchten – verhängnisvoll auch für den Schillingshof , in dem der Senior des Hauses , der alte Freiherr Krafft , nach einem abermaligen Schlaganfall die lustigen , feurigblickenden Augen für immer geschlossen hatte und infolgedessen das herrliche alte Säulenhaus oft verwaist und verlassen stand – scheinbar unberührt aber war das Klostergut geblieben ; der Wechsel war vorbeigeschritten , als läge es ihm , in weltweiter Verschollenheit , zu abseits vom Wege . Nach wie vor , pünktlich um dieselbe Abendstunde , rasselte das Seitenpförtchen in der Straßenmauer , und die Leute kamen , um die gute , unverfälschte » Klostermilch « zu holen . Im Hofe hantierten dieselben Knechte und Tagelöhner und fuhren mit Egge , Pflug und Äxten hinaus in das weite Wolframsche Acker- und Waldgebiet , und durch das große Tor schwankten die Erntewagen , die Holzfuhren zurück – alles nach jahrhundertaltem Brauch und abhold jeder Veränderung . Und in das Hühnervolk , in die Taubenschwärme durften sich keine fremden Arten mischen – es waren immer dieselben Formen und Farben im Hofe und auf den Dächern des Klostergutes – unveränderlich , meinten die umwohnenden Leute , wie die alte , mißfarbene Joppe des Herrn Rates , wie die stolze Haltung und das verschlossene , kalte Gesicht der Frau Majorin . Aber sie mußten doch zugeben , daß die Gestalt mit dem steifgetragenen Haupt an den Schultern spitz geworden war , daß die braune Flechte auf dem Scheitel ein starker Silberschein überspielte und die ganze Frauenerscheinung an Energie und Raschheit der Bewegungen bedeutend verloren hatte . Wenn etwas an dem altüberlieferten Aussehen des Klostergutes störend befremdete , so war es der wilde Junge , der oft plötzlich die rasselnde , kleine Pforte aufriß und herausspringend die Spaziergänger erschrecke . Er stand auch wohl im offenen Hoftor , schlug mit der Peitsche nach den vorübergehenden Kindern , zupfte die spazierengehenden Damen an den Kleidern , trat auf ihre Schleppen und machte ihnen lange Nasen nach . Und wenn er in den Hof zurücklief , da rannte ganz gewiß das geängstigte Federvieh schreiend in alle Ecken , der grimme Kettenhund schlich mit eingeklemmtem Schwanze nach seiner Hütte , und selbst die grobe Stallmagd wich scheu zur Seite , denn vor der stets herumfahrenden Peitschenschmitze oder dem Knüppel in der Hand des Mosje Veit war nichts sicher . Für den Spätling des Wolframschen Geschlechtes war von dem gesunden Mark , der robusten Körperkraft der Ackerbau treibenden Vorfahren nicht viel verblieben – er hatte ein reizbares Nervensystem und neigte zu Krämpfen . Bis zum elften Monat war er im Wickelkissen getragen worden , und dann hatte es der kostspieligsten Stärkungsmittel bedurft , um ihn auf die dürren Spinnenbeinchen zu bringen . Unglaublich dünn und mager war dies Gestell auch heute noch ; das braune , kleine Gesicht zwischen den abstehenden Ohren hatte sich nicht gerundet , und der unheimliche Haarbusch , der , wie bei dem Rat , als Schneppe hartlinig und tief in die Stirne hineinschnitt , umstarrte noch ebenso borstig den schmalen Kopf . Aber Veit war ein hoch aufgeschossener Junge geworden – er war seinen Jahren voraus an Körperlänge und Gliedergeschmeidigkeit . Er kletterte affenartig an den Weinspalieren der Hintergebäude empor und lief über die Dächer und auf den schmalen Kanten der Firste hin . Keine Leiter war ihm zu steil und weitsprossig , kein Winkel zu dunkel – er kroch durch die Dachluken auf die Kornspeicher und Heuböden , spürte wie ein Iltis den verschleppten Hühnernestern nach und schlürfte die Eier aus . Er wußte , daß sich alles vor ihm fürchtete , denn er stand auch an Intelligenz weit über seinem Alter , und das machte ihn zu einer wahren Geißel – mit seinen Streichen hielt er wie ein rumorendes Teufelchen das ganze Haus in Atem . Der Rat sah ihn mit Lust und Stolz aufwachsen ; wie aber die Majorin über das unruhige Blut , die seltsamen Gewohnheiten und die Charakteranlagen dieses doch gewiß echten Wolframs dachte , darüber schwieg sie , wie über alles , was ihren Bruder anging . Es war ihr nur einmal eine rügende Bemerkung über die Gemütsart des Knaben entschlüpft , und da hatte der Rat spitz geantwortet : » Auch an den Wolframs modeln die Zeitverhältnisse : mit dem stillen Arbeiten unk Sparen , der Prinzipienreiterei im engen Kreise ist ' s nicht allein mehr getan , meine gute Therese – jetzt heißt ' s , den Mitlebenden die Stirn bieten , die Zähne weisen , und dazu ist mein Junge wie geschaffen , er wird seiner Zeit gewachsen sein .... « Seitdem beschränkte sie sich auf die leibliche Verpflegung des Knaben , und wenn ihr auch oft , bei berechtigten Klagen des Gesindes , die Augen entrüstet aufglühten , so antwortete sie doch nur mit Achselzucken oder einer stummen Handbewegung nach der Amtsstube , als der höchsten Instanz , hin . Sie war überhaupt noch wortkarger geworden ; die ? ? ? Michholenden behaupteten , selbst der kurze Abendgruß werde ihr blutsauer . Drunten in der Wirtschaft ruhten und rasteten ihre fleißigen Hände nicht einen Augenblick ; aber oben im Giebelzimmer lagen sie meist feiernd im Schoße , als seien sie todmüde . Dann saß die Frau hinter dem weißen Ahorntische und sann , und in den ersten Jahren sah sie befriedigt , ja mit einem rachegesättigten Ausdruck auf die leere Stelle im hellgetünchten Fensterbogen , wo früher das Bild des Sohnes gehangen ; denn es war , als habe sie aus dem ganzen Dasein ihres Kindes nur einen einzigen Eindruck in ihrer Seele zurückbehalten – den Augenblick , wo das verschleierte Mädchen an seiner Seite über die Mutter triumphiert hatte ... Später aber suchten ihre Augen diese Stelle nicht mehr ; sie irrten vorüber und starrten ziellos hinaus ins Weite – diese eigensinnigen , strengen Augen , die früher geflissentlich nie über das Weichbild ihrer Haustätigkeit ins Leere hinausgesehen hatten – denn ein müßig verschleuderter Augenblick hatte ja Geldwert ... Nur das ? ? ? Nachbargebet vermieden sie standhaft – die Majorin wußte sehr gut , daß ihr Sohn die letzte Nacht im Schillingshofe verbracht hatte und dort in seinem Widerstand gegen den mütterlichen Willen bestärkt worden war ... Es bestand überhaupt nicht der geringste Verkehr zwischen Schillingshof und Klostergut ; nicht einmal das Ableben des alten Freiherrn war drüben angezeigt worden ... Einmal aber hatte Baron Schilling den Weg der Majorin gekreuzt , und zwar in der Absicht , sie zu sprechen . Sie war , was eigentlich nicht oft geschah , in der Kirche gewesen , und auf dem Heimwege hatte er sie angeredet und ihr nach einer längeren Einleitung , die sie in regungslosem Schweigen angehört , einen Brief von Felix hingereicht . Sie hatte nur die Farbe gewechselt und sich steif emporgereckt – der junge Mann behauptete damals , sie sei förmlich gewachsen vor seinen Augen – hatte ihn von oben bis unten mit einem vernichtenden Blick gemessen und eisig höflich gesagt : » Ich verstehe nicht , von wem Sie reden , Herr Baron , und habe durchaus keinen Grund , einen Brief anzunehmen , denn ich korrespondiere mit niemand . « Damit hatte sie abweisend nach dem Schreiben gedeutet und war weitergegangen , und er hatte es verschworen , diesen Eiszapfen , wie der alte Freiherr die Frau genannt , je wieder zu behelligen . So erfuhr sie nie , unter welchem Himmelsstrich ihr Sohn lebte . Sie wußte nicht , daß sein Vater ihn und sein junges Weib in der Tat mit offenen Armen empfangen und das junge Paar sofort mit wahrhaft fürstlichem Glanz und Reichtum umgeben hatte – und es war gut so – sie wäre gestorben an dem Seelensturm der Erbitterung , der rachsüchtigen Wallungen und doch auch – des Mutterschmerzes ... Sie erfuhr aber auch nicht , daß der amerikanische Bürgerkrieg seine Wogen am verheerendsten über das reiche Südkarolina wälzte , daß die Pflanzeraristokratie des Südens , unter deren Banner ja auch Major Lucian stand , Schritt für Schritt kämpfend , auf dem eigenen Grund und Boden zurückweichen mußte , um schließlich zu unterliegen ... Vielleicht hätte die Nachricht von dem Ende des Mannes , dessen Namen sie trug , erlösend auf die innere Verbissenheit und Erstarrung dieser Frau gewirkt – denn mit dem Schluß eines Menschenlebens pflegt der Tod die Gläser zu zerbrechen , durch welche die verfolgenden Leidenschaften den Gegner im Leben gesehen ! In dem kleinen Wörtchen » tot « zischen die nachzüngelnden Flammen aus wie das glühende Metall beim Niedersturz in die Wassertiefe – , aber es kam ihr nie zu Ohren , daß Major Lucian , schon länger gebrochen an Kraft und Gesundheit , inmitten jener Kämpfe gestorben war . Sie gedachte noch täglich des Spruches : » Des Vaters Segen baut den Kindern Häuser , aber der Mutter Fluch reißt sie nieder « mit Genugtuung , und in ihrem grollerhitzten Sinnen und Grübeln sich hartnäckig darauf steifend , daß jede biblische Verheißung sich erfüllen müsse – während ihr unglücklicher Sohn , bei Verteidigung seines Herdes schwer verwundet , bereits seit langem auf dem Leidensbette lag und einem frühen Tode entgegenging . Nach einem stillschweigenden Übereinkommen zwischen dem Rat und seiner Schwester wurde der Name des Verstoßenen nie wieder laut – er war für das Klostergut und seine sämtlichen Insassen verschollen und verpönt wie der seines Vaters ... Im Schillingshof dagegen flogen anfangs häufig Nachrichten aus Amerika ein – begeisterte Schilderungen , glückstrahlende Berichte , die aber schon im Jahre 1861 durch die Schatten böser Vorahnungen getrübt wurden . Dann blieben sie ganz aus ; und erst im Jahre 1865 , nachdem mit der vollständigen Unterwerfung des Südens der amerikanische Bürgerkrieg beendet war , schrieb Felix von seinem Schmerzenslager aus an den Freund im Schillingshofe und meldete ihm den Tod seines Vaters und die völlige Verwüstung und Verödung seines Besitztums ... In diesem Briefe hatte auch das Schreiben gelegen , das die Majorin zurückgewiesen ... Seitdem war der Briefwechsel ein regerer geworden , denn Baron Schilling war und blieb dem Fernen ein treuer Freund . Sein eigener Lebensgang war inzwischen – den Tod seines Vaters ausgenommen – in keiner Weise durch wuchtige Stöße des Schicksals erschüttert worden . Stetig emporwachsend , wurde sein Name weit über die Marken Deutschlands hinaus gefeiert , und zur Freude , aber auch zum Jammer des Freiherrn hatte mit diesem mächtigen Talent auch ein ungeahnt hervorbrechender Goldquell unter den nahezu verschütteten Vermögensverhältnissen der Schillings geschlummert , der nun , wie der alte Herr noch kurz vor seinem Ende in schmerzlicher Selbstanklage und bitterem Hohn sagte , » die nichtswürdige , unväterliche Opferung des armen Isaak « nutzlos machte . Baron Schilling lebte fast ausschließlich seiner Kunst . Er hatte sich ein schönes Atelier im Garten des Schillingshofes gebaut und eingerichtet , das aber oft Verlassen stand ; denn er reiste viel , lebte abwechselnd in Italien , Frankreich , vorzugsweise gern auch in Skandinavien , je nachdem seine Ideen und Entwürfe die unmittelbare Anschauung des Bodens erheischten , auf dem sie fußen sollten ... Immer aber , wo er auch gesehen wurde , ob in den Straßen von Rom , Paris oder Stockholm – immer hing ihm die lange , blasse , blonde Frau , höchst elegant , aber mit Vorliebe in Grau gekleidet , am Arme . Sie hatte es scheinbar aufgegeben , gegen das künstlerische Wirken ihres Mannes anzukämpfen , nachdem sie jahrelang glühenden Haß gegen die » Pinselwirtschaft « in dem altadeligen Hause gepredigt , den Bau des Ateliers um jeden Preis zu hintertreiben gesucht und vergebens die ganzen Machtmittel ihres schwächlichen Nervenlebens aufgeboten hatte . Nicht einmal auf den heiteren Gleichmut , die verbindlich ruhige äußere Haltung ihres Mannes hatten diese Bemühungen zu wirken vermocht , geschweige denn , daß sie seine Schaffenslust , seine Begeisterung berührt hätten – dieser junge Kopf war zu ihrem Erstaunen noch weniger lenksam als ihr alter , strenger Beichtvater , der finstere Eiferer – das Atelier wurde vor ihren Augen fertig , ein herrliches Bild um das andere vollendet – die verhaßten Modelle gingen ungeniert an » der gnädigen Frau « vorüber , und der noch weit mehr angefeindete » Erwerb durch den Pinsel « kam direkt an die vornehme Adresse des Baron Schilling ... So zog es die junge Frau denn vor , das Berufsleben ihres Mannes mit seinen Gefährlichkeiten wenigstens zu überwachen – ein Posten , den ihr schon allein ihre halbverschwiegene , leidenschaftliche Liebe zudiktierte . Ihre schwache Gesundheit verbot ihr von selbst alle angreifenden Reisen – aber sie ging nichtsdestoweniger mit . Sie ließ ohne Widerrede ihrerseits , aber auch ohne Aufforderung von seiner Seite einpacken , sobald er den Tag seiner Abreise festgesetzt hatte – sie durchwanderte mit ihm die Museen und Gemäldegalerien , stieg in Schluchten hinab und auf die Bergesgipfel empor und setzte sich schweigend , mit der ewigen Stickerei in der Hand , seitwärts nieder , sobald er zu zeichnen begann ... In den Künstlerkreisen war die Baronin verhaßt durch die souveräne Art und Weise , mit der sie jegliches Verständnis für die spezielle künstlerische Begabung ihres Mannes , wie auch für die Kunst überhaupt entschieden ablehnte , und als Baron Schilling im Jahre 1866 auf den Kriegsschauplatz nach Böhmen eilte und , halb im Johanniterdienst , halb um seiner Studien willen , den Feldzug mitmachte , da jubelten die befreundeten Künstler , daß » der nebenher schleppende , lange , blonde Schatten « doch einmal von seiner Seite hatte weichen und zu Hause bleiben müssen . Die vornehme Gesellschaft dagegen fand die Frau zwar nicht hübsch , um ihrer stolz gelassenen Art und Weise willen aber durchaus ohne Tadel ; auf ihrer Visitenkarte vereinigten sich zwei Namen von gutem Klange , sie hatte den reich begüterten Baron Steinbrück allein beerbt und galt für streng , ja fanatisch im Punkt ihres römisch-katholischen Glaubens – lauter Gründe , die ihr viel Auszeichnung , besonders in Rom verschafften ... Es war für die umwohnenden Leute eine seltene Erscheinung gewesen , daß während der letzten Wintermonate die Schlote auf dem Säulenhause Tag für Tag gedampft und die Gaskandelaber im Vorgarten allabendlich gebrannt hatten ; und nun war der Frühling nahezu vorüber , und noch hob sich mit jedem Morgen die eintönig graue Reihe der Vorhänge im ersten Stockwert und ließ die Spitzen- und Seidendekorationen hinter den Scheiben sehen . Man wußte , daß Baron Schilling an einem großen Werke arbeite und sich deshalb aus der Welt in den Schillingshof zurückgezogen habe . Im Vorgarten wurde er selten gesehen , noch weniger aber an den Fenstern des ersten Stockwerks , das die Baronin bewohnte ... Mitunter machte er zu Pferde Ausflüge in die Umgegend ; er war ein einsamer Reiter , der oft in die unwegsamsten Pfade einlenkte , um einem schönen Baume oder einer Felsenpartie das Profil abzugewinnen . Sein Atelier stand auf dem Gartengrundstück , das sich hinter dem Säulenhause ausbreitete und inmitten eines großen Stadtteiles mit dichtgedrängter Bevölkerung einen grünen Fleck Landes bildete , weit genug , um in seiner Mitte die tiefe Stille eines einsamen Parkes zu behüten ... Im siebzehnten Jahrhundert hatte der Stolz der Ritterlichen das Schillingsche Wappen in grünem Buchsbaum riesengroß vor der Ostseite des Säulenhauses hinbreiten lassen ; Rosmarin- und Eibenhecken waren zu Vasen , Pyramiden , ja zu großen Vogelgestalten verschnitten gewesen und hatten im steifen Gemisch mit Muschelgrotten und abnormen Steinfiguren abgewechselt . Von allen Nachkommen war die geschmacklose Schöpfung respektiert worden , bis der Freiherr Krafft kam und in seinem gesunden Sinn mit dem ganzen Plunder aufräumte . Die verstümmelten Bäume und Sträucher durften ins Kraut schießen , soviel sie Lust hatten , köstliche Wiesenflächen wurden angelegt , schöne starke Bäume gepflanzt , und alle die Brünnlein und Wasserstrahlen , die aus Vogelschnäbeln und Krötenmäulern zu Tage gesprungen waren , kamen jetzt natürlich quellend aus moosigem Gestein und rieselten lustig als volle Silberader durch Rasengrün bis zum Teich , den ein Kreis junger , kräftiger Linden umstand . Hier waren sie alle heimisch , die Amseln und Drosseln , die Finken und der scheue Pirol ; die süßen Wiesenkleeblüten hingen voll summender Bienen und Hummeln , und für das schmarotzende Schmetterlingsvolk waren Beete voll Sommerblumen da ... An der Ostseite schloß eine Mauer den Garten von einer stillen Straße ab . Ein Dickicht