ihr Glück von sich stieß ! Hatte sie ihn noch nie gesehen in seinem Heim , im Zusammenleben mit seiner treuen Pflegemutter ? Wußte sie nicht , daß sie auf Händen getragen werden würde , wenn sie ihm das Glück gab , nach welchem er verlangte ? Käthe schrak heftig zusammen und schlug entsetzt die Hände vor das Gesicht – hier war es dunkel , schauerlich dunkel , so tiefe Nacht , daß die Sünde auf leisen Sohlen bis an die innersten Gedanken der Menschenseele heranschleichen konnte . Hastig lief sie über die Holzstufen und riß die Stubenthür auf – drunten im Flur brannte die große Hauslampe ; der helle Schein quoll die Treppe herauf und warf durch die Säulen der Galerie schmale Lichtstreifen vor die Füße des jungen Mädchens , und aus dem Mühlenraum , dessen Thür eben geöffnet wurde , scholl das Lärmen und Tosen , zum Betäuben stark , durch das Haus . Licht und Geräusch verscheuchten augenblicklich den verlockenden Spuk , der sich in die unschuldige Mädchenseele gedrängt hatte . … Das war ja der große , weißgetünchte Vorsaal der Schloßmühle mit dem uralten , lebensgroßen Bildnisse des Erbauers , des geharnischten Mannes dort , der so gespenstig verwischt aus dem wackeligen schwarzen Rahmen niedersah . Einst hatte sie ihn gefürchtet , und jetzt erschien er ihr wie ein alter Freund – er führte sie in die Wirklichkeit zurück , von einem verrätherischen , sündhaften Traumbild hinweg , in welchem sie eine unrechtmäßige Stelle eingenommen hatte . … Sie stieg die Treppe hinab und verließ die Mühle . Der Zugwind blies ihre heißen Wangen nachtfrisch an , und droben funkelten die goldenen Arabesken , die Sternbilder des Himmels , in köstlicher Klarheit . Käthe schämte sich ihrer müßigen Träumerei – aber war es nicht wie ein Schwindel gewesen , dessen man sich nicht erwehren kann , und der auch die gesündesten und kraftvollsten Menschen plötzlich befällt ? Schon von weitem sah sie die Lichter der Villa durch das Geäst flimmern , und als sie das Haus betrat , da schollen Clavierakkorde durch den Korridor . Das Instrument war prachtvoll , aber es wurde malträtiert durch barbarische Hände . Die Präsidentin hatte heute einen kleinen Empfangsabend ; man kam , Alt und Jung , zum Thee . Die Aelteren saßen um den Whisttisch , und die junge Welt musizierte , plauderte und amüsierte sich , wie sie Lust hatte ; es war ein zwangloses Zusammensein bis gegen zehn Uhr . Käthe machte schleunigst Toilette und betrat den Salon , das große Balkonzimmer im Erdgeschosse . Es hatten sich heute nur Wenige eingefunden ; nur ein Spieltisch war besetzt , und der Theetisch , um den sich die jungen Damen zu gruppieren pflegten , sah einsam und verlassen aus . Henriette saß hinter der Theemaschine . Sie hatte wieder einmal grellrote Schleifen in ihrem blonden Haar , und ein ärmelloses Sammetjäckchen von der gleichen schreienden Farbe über einem hellblauen Seidenkleid . Das graue , schmale Gesichtchen sah fast spukhaft aus dem theatermäßigen Putz , aber ihre schönen Augen glänzten förmlich überirdisch . „ Bruck ist wieder da , “ flüsterte sie mit heißem Athem und bewegter Stimme Käthe ins Ohr und zeigte durch den anstoßenden Musiksalon , in welchem noch immer der Konzertflügel gemißhandelt wurde , nach Flora ’ s Zimmer . „ Käthe , er sieht aus , als sei er noch gewachsen , so hoch und so überlegen . … Gott im Himmel , mache doch nicht gar so ein ernsthaftes Nonnengesicht ! “ unterbrach sie sich heftig – sie war unerklärlich aufgeregt . „ Alle sind heute so mürrisch ; Moritz hat eine Depesche bekommen und ist sehr zerstreut , und die Großmama hat entsetzlich schlechte Laune , weil ihr Salon leer ist . Ach , und ich bin so froh , so froh ! … Weißt Du , Käthe , daß ich vorgestern bei dem schlimmen Anfall geglaubt habe , Bruck sähe mich als Leiche wieder ? Nur das nicht ! Ich will nicht sterben , wenn er nicht da ist . “ Sie sprach zum erstenmal vom Sterben , und es war gut , daß die clavierspielenden Finger drüben in erneuter Kraft über die Tasten flogen und die drei alten Herren am Kamin im lebhaften Disput ihre Stimmen erhöhten ; denn der letzte Ausruf der Kranken hatte laut und leidenschaftlich geklungen ; Käthe stieß sie verstohlen an – die Präsidentin warf einen scharfen , mißbilligenden Blick über die Augengläser hinweg nach dem Theetisch . Henriette nahm sich augenblicklich zusammen . „ Ah bah , kann mir das Jemand verdenken ? “ sagte sie frivol und spöttisch die Achseln emporziehend . „ Niemand stirbt gern allein . Der Arzt ist dazu da , daß man bis zum letzten Augenblick Hoffnung aus seinem Zuspruch schöpft . “ Käthe wußte genug . Die Kranke ging nicht mit ihr nach Dresden . Sie wies die Tasse Thee zurück , die ihr Henriette mit hastigen Händen füllte , und zog eine angefangene kleine Stickerei aus der Tasche . „ Ach , lasse den Kram doch stecken ! “ sagte Henriette ungeduldig . „ Glaubst Du , ich bleibe gefälligst hier sitzen und sehe in grenzenloser Langmut zu , wie Du den weißen Faden aus- und einziehst ? “ Sie erhob sich und schob ihren Arm in den der Schwester . „ Gehen wir in das Musikzimmer ! Margarethe Giese schlägt uns noch das Instrument und die Nerven entzwei , wenn wir der Quälerei nicht ein Ende machen . “ Sie gingen in den anstoßenden Salon , aber die Dame am Clavier , die in ihren eigenen Leistungen schwelgte , blieb unangefochten … Die breite Flügelthür , die in Flora ’ s Arbeitszimmer führte , stand , wie gewöhnlich an den kleinen Empfangsabenden , weit offen ; man konnte das ganze große Zimmer übersehen . Es erschien mit seinem gedämpften Ampellicht fast dämmerig neben den brillant erleuchteten anderen Räumen , und seine dunkle Purpurfarbe nahm in den Ecken ein düsteres Schwarz an . Flora stand mit nachlässig verschlungenen Händen am Schreibtisch , während der Kommerzienrat bequem im nächsten Fauteuil lag , Doktor Bruck aber blätterte stehend in einem Buche . Er sah ungewöhnlich bleich aus ; der von oben herabfallende Lampenschein ließ zwei finstere Stirnfalten und einen tiefen Schatten unter seinen Augen scharf hervortreten , und doch erschien sein ausdrucksvoller Kopf merkwürdig jung im Vergleich zu der schönen Braut . Henriette ging ohne Weiteres hinüber – das Brautpaar war ja nicht allein . – Käthe aber , welche sie mit sich zog , setzte nur zögernd den Fuß auf die Schwelle ; Flora ’ s Mienen stießen sie zurück ; es lag etwas Zornmüthiges , Ungeduldiges darin . Sie war offenbar sehr übler Laune . Ihr Blick lief auch sofort mit sarkastischem Ausdruck über die Gestalt der Schwester hin , die heute zum erstenmal das monotone Schwarz der Kleidung mit dem hellen Grau der Halbtrauer vertauscht hatte . „ Komm nur herüber , Käthe ! “ rief sie , ohne ihre Stellung zu verändern . „ Bist zwar wie gewöhnlich in starrer Seide , siehst aus wie ein papierener Christengel und machst den robustesten Menschen nervös mit dem ewigen Rauschen und Knistern . Sage mir nur um des Himmels willen , warum Du immer diese entsetzlich schweren Stoffe trägst , “ unterbrach sie sich , „ die passen doch zu Deinem Küchenamt in Dresden , wie die Faust auf ’ s Auge . “ „ Das ist meine Schwäche , Flora , “ antwortete Käthe ruhig lächelnd . „ Es mag schon kindisch sein , aber ich höre so gerne Seide um mich rauschen – es klingt so majestätisch . Bei meinem ‚ Küchenamt ‘ trage ich sie selbstverständlich nicht , wie Du Dir wohl selbst sagen wirst . “ „ Schau , wie stolz sie das ‚ Küchenamt ‘ zugiebt ! Närrisches Ding ! Ich möchte Dich einmal sehen in der Leinenschürze hinter rußigen Töpfen . Nun , Jeder nach seinem Geschmack – ich danke . “ Ihre großen grauen Augen richteten sich langsam und lauernd auf das Gesicht des Doktors , der eben ruhig das Buch zuschlug und es auf den Tisch zurücklegte . Käthe fühlte , wie sich Henriettens kleine Hand auf ihrem Arm zur Faust ballte . „ Ach , geh ’ doch , Flora ! “ rief sie scheinbar heiter und amüsiert ; „ vor noch fünf Monaten hast Du oft genug zwischen Christel ’ s Kochtöpfen drunten in der Küche gewirthschaftet – ob gerade geschickt , das will ich nicht behaupten – aber das gutgemeinte Bestreben und die hübsche weiße Latzschürze standen Dir prächtig . “ Flora biß sich auf die Lippen . „ Du faselst wie gewöhnlich und bist damals nicht fähig gewesen , eine scherzhafte Anwandlung als das zu nehmen , was sie hat sein sollen – eine kleine Kaprice . “ Sie schlug die Arme unter , und den Kopf gedankenvoll gesenkt , ging sie langsam einige Schritte an den Fenstern hin . Sie sah sehr schön aus in der weißen Alpacaschleppe , die ihr lang und weich nachfloß . Der Kommerzienrat sprang auf . „ Nun , Flörchen , ist es Dir gefällig , mit hinüber zu kommen ? “ fragte er . „ Der Salon ist heute zum Verzweifeln leer – aus guten Gründen ; es ist ja diplomatische Soirée beim Fürsten , “ beruhigte er sich selbst . „ Wir müssen aber ein wenig Leben hineinzubringen suchen , sonst haben wir die Großmama einige Tage verstimmt und schlecht gelaunt . “ „ Ich habe mich bereits für eine halbe Stunde noch entschuldigt , Moritz , “ sagte sie ungeduldig . „ Ich muß den Artikel , den ich unter der Feder habe , heute noch schließen . „ Das Manuscript läge längst fertig da , wenn Bruck nicht dazwischen gekommen wäre . “ Der Doktor war an den Schreibtisch getreten . „ Eilt das so sehr ? Und weshalb ? “ fragte er , nicht ohne einen leisen Anflug von Humor in Gesicht und Stimme . „ Weshalb , mein Freund ? Weil ich mein Wort halten will , “ versetzte sie spitz . „ Ah , das amüsiert Dich . Es ist allerdings nur Frauenarbeit , und Du begreifst natürlich nicht , wer in aller Welt auf eine solche Bagatelle warten mag . “ „ So denke ich nicht über die Frauenarbeit im Allgemeinen – “ „ Im Allgemeinen ! “ persiflierte sie hart auflachend . „ Ach ja , der allgemeine , landläufige Begriff ! Kochen , Nähen , Stricken – “ zählte sie an den Fingern her . „ Du hast mich nicht ausreden lassen , Flora , “ sagte er gelassen . „ Ich bezog mich ebensowohl auf die geistige Thätigkeit wie auf die Handarbeit . Ich stehe der Frauenfrage durchaus nicht fern und wünsche , wie alle Billigdenkenden , daß die Frau die Mitstrebende , die verständnißvolle Gehülfin des Mannes auch auf geistigem Gebiet werde . “ „ Gehülfin ? Wie gnädig ! Wir wollen aber keine Gnade , mein Freund ; wir wollen mehr ; wir wollen Gleichstrebende , Gleichberechtigte nach jeder Richtung hin sein . “ Er zuckte die Achseln und lächelte ; sein interessantes Gesicht erschien durch dieses Gemisch von leisem Spott und nachsichtiger Milde ungemein beseelt . „ Das ist ja die höchste Potenz der modernen Ansprüche und Forderungen , von der sich die Verständigen längst wieder abgewendet haben , und welche die Freunde des Fortschrittes auf staatlichem und religiösem Boden bekämpfen werden , so lange die Frauenwelt Exzesse begeht , wie die Bet-Orgien in den Straßen der amerikanischen Städte , so lange sie urtheilslos und fanatisch mit dem schwarzen Heer der Beichtväter zu gehen pflegt . Das hieße ein mörderisches Messer in eine kleine , unvorsichtige Hand drücken . “ Flora erwiderte kein Wort . Sie war marmorweiß geworden . Anscheinend gleichmüthig nahm sie eine Stahlfeder , probierte sie auf dem Daumennagel und steckte sie in den Federhalter . Dann zog sie einen Kasten auf und ergriff mit etwas unsicher tappender Hand einen kleinen Gegenstand . Henriette riß plötzlich mit einem gewaltsamen Ruck ihren Arm aus dem der Schwester und trat einen Schritt vorwärts , während der Kommerzienrat so rasch aus dem Zimmer ging , als habe er etwas zu besorgen vergessen . Käthe erschrak – sie sah , wie die edelgeformten Finger dort leichtbebend nach dem Federmesser griffen und die Spitze der aus dem Kasten genommenen Cigarre abschnitten . „ Auch ein Messer , das wir nicht führen sollen , zu diesem Zweck nämlich , “ sagte Flora mit erzwungenem Scherz halb über die Schulter nach dem Doktor hin , der während des Sprechens einmal im Zimmer auf- und abgegangen war . „ Aber merkwürdiger Weise hat unser um acht Loth ärmeres Frauengehirn doch das mit den Herren der Schöpfung gemein , daß es schärfer denkt und angeregter arbeitet – beim Rauchen . Sie brannte die Cigarre an und schob sie zwischen die nervös-lächelnden Lippen . Die Clavierspielerin im Nebenzimmer hatte längst ihre rauschende Salonpièce geschlossen und traten diesem Augenblick auf die Schwelle des Salons . „ Flora , Du rauchst , Du , die den Cigarrenqualm nie ausstehen konnte ? “ rief sie und schlug lachend die Hände zusammen . „ Meine Braut scherzt , “ sagte Doktor Bruck vollkommen ruhig . Er trat wieder an den Schreibtisch . „ Sie wird es bei diesem einen Versuch bewenden lassen ; ein Mehr könnte ihr theuer zu stehen kommen . “ „ Willst Du es mir verbieten , Bruck ? “ fragte sie in kaltem Ton , aber in ihren Augen glomm ein unheimliches Feuer auf . Sie hatte die Cigarre für einen Moment aus dem Munde genommen und hielt sie zierlich zwischen den Fingern . Der Doktor schien nur darauf gewartet zu haben . Mit unzerstörbarem Gleichmut , ohne alle Hast , nahm er ihr die Cigarre aus der Hand und warf sie in den Kamin . „ Verbieten , als Dein Verlobter ? “ wiederholte er achselzuckend . „ Noch steht mir das Recht nicht in dem Maße zu . Ich könnte Dich bitten , aber ich bin kein Freund von Wiederholungen und unnützen Worten ; Du hast ja gewußt , daß ich die Cigarre im Frauenmunde verabscheue . In diesem Falle verbiete ich sie einfach als Arzt – Du hast alle Ursache , Deine Lunge zu schonen . “ Flora stand einen Augenblick wie erstarrt vor seiner Kühnheit , und jetzt , bei seinen letzten Worten , durchzuckte es sie sichtlich ; aber sie beherrschte sich sofort . „ Das ist ja eine haarsträubende Diagnose , Bruck , “ rief sie spöttisch lächelnd . „ Und davon hat mir der abscheuliche Medicinalrath , der mich seit meiner Kindheit behandelt , nicht ein Wort gesagt . Ach was , damit schreckt man Kinder ! Uebrigens habe ich keine Ursache , das Leben so zu lieben , daß ich mir zu seiner Erhaltung irgend einen Genuß versagen möchte – im Gegentheil . Ich werde nach wie vor rauchen ; es ist mir dies bei meinem schriftstellerischen Beruf nöthig , und dieser Beruf ist mein Glück , mein moralischer Halt ; in ihm lebe und atme ich – “ „ Bis Dich ein unvermeidlicher Wendepunkt Deinem eigentlichen Beruf zuführt , “ warf der Doktor ein . Seine Stimme klang hart wie Stahl . Ein erschreckendes Rot überflammte ihr Gesicht ; sie öffnete die Lippen zu einer schneidigen , rücksichtslosen Antwort , aber ihr Blick fiel auf Fräulein Giese , die Clavierspielerin , das moquante Hoffräulein , das mit spitzem Gesicht und spitzen Schultern vorgeneigt auf der Schwelle stand , als sauge sie mit Ohren und Augen , ja mit allen Poren aus diesem scharfen Wortwechsel und den verlegenen Gesichtern der Umstehenden das Material zu einem vergnüglichen Hofklatsch , und der war nichts weniger als erwünscht . Flora wandte sich plötzlich mit einer graziös schmollenden Bewegung ab . „ Ach , geh doch , Bruck ! “ schalt sie . „ Wie prosaisch ! Kommst eben von einer Vergnügungsreise zurück , hast Dich amüsiert – “ Sie verstummte – Bruck hatte mit festem Druck ihr Handgelenk umfaßt . „ Willst Du die Freundlichkeit haben , meinen Beruf aus dem Spiel zu lassen , Flora ? “ fragte er , seine Worte scharf markierend . „ Ich sprach von Vergnügen , “ antwortete sie impertinent und zog ihre Hand aus der seinen . Das Gesicht der Präsidentin mit seinem kühlen Ausdruck war Käthe zu allen Zeiten unsympathisch und flößte ihr bei einem unerwarteten Entgegentreten stets eine Art von scheuem Schrecken ein ; in diesem Augenblick aber atmete sie freier auf , als die alte Dame plötzlich in das Zimmer trat . Sie kam ungewöhnlich rasch , sichtlich verdrießlich und ärgerlich . „ Ich werde wohl künftig meine Spieltische hierher stellen müssen , wenn ich nicht will , daß meine Freunde vernachlässigt werden , “ sagte sie in sehr gereiztem Ton . „ Wie kannst Du zu so früher Stunde schon die Theemaschine im Stiche lassen , Henriette ? Es wird mir nichts übrig bleiben , als meine Jungfer dahinter zu setzen . Und Dich , Flora , begreife ich nicht , wie Du Dich an den Schreibtisch zurückziehen magst , wenn wir Gäste haben . Wirst Du wirklich von Deinem Verleger so gedrängt , daß Du Abends arbeiten mußt , dann schließe Deine Thür , wenn die Sache nicht sehr nach Ostentation und gelehrter Koquetterie aussehen soll ! “ Sie mußte sehr aufgebracht sein , daß sie sich so unumwunden vor einer Dame vom Hofe aussprach . Flora legte ihr Manuscript zurecht und tauchte die Feder ein . „ Beurtheile das , wie es Dir beliebt , Großmama ! “ sagte sie kalt . „ Ich kann nicht dafür , daß man mich hier aufsucht , und säße längst mit Aufopferung meiner selbst an einem Deiner grünen Tische , wenn man mich nicht gestört hätte . “ Henriette schlüpfte an der Präsidentin vorüber und winkte Käthe verstohlen , ihr zu folgen . „ Diese Aufregungen tödten mich , “ flüsterte sie drüben im leeren Musikzimmer . „ Sei ruhig ! Flora kämpft vergeblich ; er zwingt sie doch zu seinen Füßen . “ sagte Käthe mit eigenthümlich erregter Stimme . „ Aber ihn begreife ich nicht . Wäre ich ein Mann wie er – “ sie richtete sich mit flammenden Augen hoch und stolz empor . „ Weißt Du , wie die Liebe tut , Käthe ? Richte nicht ! Du mit Deinem kühlen Blicke und blumenfrischen Gesichte bist noch unberührt von dem rasenden Rausche , der die Menschenseele erfaßt . “ Sie unterbrach sich und schöpfte tief und mühsam Athem . „ Du weißt ja nicht , wie hinreißend und verführerisch Flora sein kann , wenn sie will ; Du kennst sie nur in ihrer jetzigen nichtswürdigen Rolle , diese feige , selbstsüchtige , erbarmungslose Seele . Wer sie einmal Liebe gebend gesehen hat , der begreift , daß ein Mann eher den Tod sucht , als daß er sie aufgiebt . “ 9. Sie ging , ihr vernachlässigtes Amt am Theetische wieder aufzunehmen . Käthe aber blieb am Flügel stehen und blätterte in den Noten . Die letzten Worte Henriettens hatten sie tief bewegt . War verschmähte Liebe wirklich so seelenerschütternd , daß man um ihretwillen sterben möchte ? Und hatte sie diese tragische Gewalt auch über einen Mann wie Bruck ? Er verließ eben mit festen Schritten Flora ’ s Zimmer ; auch die Präsidentin rauschte eilig vorüber ; es hatten sich noch zwei ältere Damen im Salon eingefunden , welche sie begrüßen mußte . Die Thür nach dem Arbeitszimmer blieb nach wie vor offen ; jedenfalls wurde der fragliche Artikel konsequentermaßen beendet , denn nachdem auch Fräulein von Giese wieder herübergekommen war und sich abermals präludierend an den Flügel gesetzt hatte , wurde es ganz still drüben . Käthe verfolgte mit einem Seitenblick den Doktor , wie er den Salon durchschritt . Er trat an den Theetisch , um mit Henriette zu sprechen ; allein eine der neuangekommenen Damen hielt ihn fest und verwickelte ihn in ein Gespräch . Er war ritterlich verbindlich und sehr ruhig in seinen Geberden , aber Käthe hatte vorhin bei Flora ’ s malitiöser Antwort eine Flamme in seinen Augen lodern sehen ; er hatte jäh die Farbe gewechselt , und auch jetzt noch brannte ein erhöhtes Rot auf seinen Wangen – er war nicht so ruhig heiter , wie er zu sein schien . Und seine schöne Widersacherin drüben im roten Arbeitszimmer war es ebenso wenig ; schon nach fünf Minuten stieß sie hörbar ungeduldig den Stuhl zurück und kam herüber . „ Nun , Flora , schon fertig ? “ fragte das Hoffräulein und ließ die unermüdlichen Finger in Terzen über die Tasten laufen . „ Bah , glaubst Du , man schüttelt einen wirksamen Schluß nur so aus dem Aermel ? Ich bin eben nicht mehr aufgelegt , und ohne Inspiration schreibe ich nun einmal nicht ; dazu ist mir der Schriftstellerberuf zu heilig . “ Fräulein von Giese zwinkerte eigenthümlich boshaft mit den Augen ; sie hatte einen falschen Blick . „ Ich bin sehr gespannt , wie die Kritik Dein großes Werk ‚ Die Frauen ‘ aufnehmen wird . Du hast uns so viel davon erzählt . Hat der Verleger es angenommen ? “ Flora hatte das Augenspiel wohl bemerkt . „ Es wäre Euch schon recht , Ihr treuen Seelen , wenn es Fiasco machte – nicht wahr , Margarethe ? “ sagte sie beißend . „ Aber das Gaudium erlebt Ihr nicht ; das sagt mir mein – nun , mein kleiner Finger . “ Sie lachte leise und übermüthig , schüttelte die duftigen Löckchen aus der Stirn und schickte sich an , den Salon mit jener vornehmen Nachlässigkeit zu betreten , welche sie wie eine stolze Fürstin anzunehmen wußte . „ Kind , Du stehst ja da , mit dem Notenhefte in der Hand , als wolltest Du auch unsere Ohren in Anspruch nehmen , “ sagte sie im Vorübergehen zu Käthe mit spöttischem Tone und einem sprechenden Seitenblicke nach der emsigen Clavierspielerin . „ Singst Du denn ? “ Käthe schüttelte den Kopf . „ Das müßte ein Sommer ’ s-Erbtheil sein ; unsere Familie hat keine Singstimmen . “ „ Ja , Flora , Käthe treibt Musik , “ rief der Kommerzienrat herüber . Er sprach mit einem Herrn in der Nähe der Thür und trat jetzt näher . „ Ich weiß es aus den Rechnungsbelegen der Doktorin . Viel Geld , Käthe ! Ich habe es Dir schon sagen wollen : Du hast sehr theure Lehrer . “ Das junge Mädchen lachte . „ Die besten , Moritz . Wir in Dresden sind praktische Leute ; das Beste ist das Billigste . “ „ Nun , mir ist ’ s schon recht . Hast Du denn aber auch Talent ? “ fragte er in zweifelhaftem Tone ; „ die musikalische Begabung lag allerdings nicht in der Familie Mangold . “ „ Den Trieb wenigstens , “ versetzte sie einfach , „ und die Neigung , Melodien zu ersinnen . “ Flora , die eben auf die Schwelle des Salons trat , wandte sich überrascht um . „ Geh ’ doch , Käthe ! “ sagte sie hastig . „ Melodien ersinnen ! Du siehst mir danach aus mit Deinen roten Backen und Deiner Hausfrauenerziehung . Eine Polka oder ein Walzer läuft wohl Jedem , der gerne tanzt , einmal durch den Kopf – “ „ Und ich tanze leidenschaftlich gern , Flora , “ unterbrach Käthe sie heiter und aufrichtig bekennend . „ Siehst Du ? Wer wird sich da gleich den Anschein tiefsinniger Productivität geben ! Und darauf hin nimmst Du wohl gar Unterricht in der Komposition ? “ „ Ja , seit drei Jahren . “ Flora schlug die Hände zusammen und kam ganz erregt in das Musikzimmer zurück . „ Ist denn Deine Lukas , “ – sie nannte die ehemalige Gouvernante immer noch bei ihrem Mädchennamen – „ von Sinnen , daß sie das Geld so zum Fenster hinauswirft ? “ Es war ziemlich still im anstoßenden Salon . Die drei alten Herren am Kamine und die Dame , welche mit dem Doktor gesprochen , hatten eben auch einen Spieltisch besetzt ; Doktor Bruck saß in leisegeführter Unterhaltung neben Henriette , und Fräulein von Giese pausierte aufhorchend für einen Moment ; so konnte man jedes Wort dieses ziemlich lauten Gespräches drüben hören . Henriette sprang auf und kam herüber . „ Du bist musikalisch , Käthe , “ fragte sie erstaunt , „ und hast , so lange Du da bist , nicht eine Taste berührt ? “ „ Der Flügel steht neben Flora ’ s Zimmer ; wie konnte ich denn so anmaßend sein , sie mit meinem Clavierspiele im Arbeiten zu stören ? “ antwortete das junge Mädchen unbefangen und natürlich . „ Ich habe freilich schon den lebhaften Wunsch gehabt , und es hat mir in den Fingern gezuckt , auch einmal auf dem Instrumente hier zu spielen , denn es ist herrlich , und mein Pianino daheim taugt nicht viel . Wir haben es vor fünf Jahren alt gekauft . Die Doktorin will schon seit lange ein besseres von Dir fordern , aber ich war immer dagegen . Es war mir fatal , daß Du von dieser Forderung auf meine Leistungen schließen könntest . Nun aber , nachdem ich heute den bewußten Schrank gesehen habe , bin ich durchaus nicht mehr so blöde ; ich wünsche mir ein Instrument wie dieses . “ „ Es kostet tausend Thaler ; tausend Thaler für eine kleine Mädchenpassion ! Das will überlegt sein , Käthe . “ „ Und wer im Hause spielt denn auf Eurem Instrumente ? “ fragte sie jetzt mit fast harter Stimme und aufglühenden Augen ; man sah , sie war im Innersten verletzt . „ Wem verschafft es einen Genuß in stillen Stunden ? Es steht nur für Gäste da . Muß denn das Kapital immer so angelegt sein , daß es nur brilliert ? “ Der Kommerzienrat trat ihr ganz betroffen näher und erfaßte ihre Hand ; er hatte diesen Ausdruck voll Energie und eigener fester Urtheilskraft noch nicht in dem blühenden Mädchenantlitze gesehen . „ Ereifere Dich nicht , liebes Kind ! “ begütigte er . „ Bin ich denn je ein harter und knickeriger Vormund gewesen ? Geh ’ , spiele eine Pièce und beweise uns , daß Dir die Beschäftigung mit der Musik wirklich Herzenssache ist ! Mehr verlange ich gar nicht , und Du sollst ein Instrument haben , wie Du es Dir wünschest . “ „ Nun , nach dem Vorhergegangenen tue ich ’ s nicht gern , “ sagte sie aufrichtig und unumwunden und entzog ihm ihre Hand . „ ‚ Erspielen ‘ will ich mir den Flügel keinenfalls , wer weiß denn , was für eine Leistung Du unter der ‚ Herzenssache ‘ verstehst ! Aber ich werde meine Noten holen , weil mir das ‚ Sichnöthigenlassen ‘ verhaßt ist . “ Sie wollte sich entfernen . „ Wozu denn Musikalien ? Spiele doch eine Deiner ‚ Kompositionen ‘ ! “ sagte Flora , ein sardonisches Lächeln halb verbeißend . „ Ich kann auch meine eigenen Arbeiten nicht auswendig , “ antwortete Käthe hinausgehend . Sie kam sehr rasch mit einem Notenhefte in der Hand zurück . Während sie sich auf den Clavierstuhl setzte , den ihr Fräulein von Giese bereitwillig einräumte , nahm Flora das Heft vom Notenpulte . „ Von wem ? “ fragte sie , das Titelblatt aufschlagend . „ Nun , hast Du nicht eine Komposition von mir zu hören gewünscht ? “ „ Allerdings , aber Du hast Dich vergriffen – das Tonstück da ist ja gedruckt – “ „ Ganz recht . Es ist gedruckt . “ „ Mein Gott , wie kommt denn das ? “ fuhr Flora so rasch , so naiv erstaunt und betreten heraus , daß sie auf einen Augenblick ihre selbstbewußte Haltung einbüßte . „ Ja , Flörchen , wie kommt es denn , daß Deine Sachen gedruckt werden ? “ fragte Käthe scherzend , mit Humor zurück und legte ihre schönen , schlankgebauten Hände auf die Tasten . „ Ich will Dir sagen , wie ich zu der Ehre gekommen bin , “ setzte sie schnell und begütigend hinzu – Flora hatte offenbar ihre Antwort sehr übel genommen ; sie richtete sich beleidigt empor und sah mit hochmüthigem Blicke auf die junge Schwester herab . „ Meine Lehrer haben die ‚ Phantasie ‘ heimlich drucken lassen , um mir eine Geburtstagsfreude zu machen . “ „ Ah so – das konnte man sich denken , “ sagte Flora und legte die Noten auf das Pult zurück . Henriette war währenddem hinter ihr weggeschlüpft ; sie bog sich über Käthe ’ s Schulter und zeigte mit dem Finger auf das Titelblatt . „ Lasse Dir doch nichts weißmachen , Flora ! “ rief sie auflachend . „ Sieh her ! Da steht der berühmte Verlag von Schott und Söhne – die Firma giebt sich doch zu einem Geburtstagsspaße nicht her . Käthe , sage die Wahrheit ! “ bat sie mit strahlenden Augen . „ Man spielt Deine Sachen draußen in der Welt – sie werden gekauft ? “ Das junge Mädchen nickte erröthend und bestätigend mit dem Kopfe . „ Die Wahrheit ist aber auch , daß ich um mein eigenes Hinaustreten nicht gewußt und das erste Opus gedruckt auf meinem Geburtstagstische gefunden habe , “ sagte sie und begann ihren Vortrag . Es war eine ganz einfache Melodie , welche an das Ohr der Hörer schlug , aber schon nach einigen Tacten ließen die am Spieltische Sitzenden die Whistkarten sinken , so sammetweich quollen die Töne aus dem Instrumente , und so durch und durch originell und