haben werde , als das eigene stürmische Wünschen und Wollen , und er griff achselzuckend nach seinem Hute und meinte , in den grauen Augen die Zahl der Stiche lesen zu können , die sie während seiner Rede mit dem roten Seidenfaden gemacht hatte . » Ich gehe , « sagte er . » Nimm dich in Acht , Juliane – es wird dämmrig , und unsere tapferen Schloßleute verschwören Leben und Seligkeit , daß Onkel Gisberts Schatten dort in dem Fensterbogen sein Wesen treibe – er hatte sich im Todeskampf hierher tragen lassen . Doch was rede ich – sündenlosen Seelen , wie der deinen , passiert dergleichen nicht . « » Andere Geister haben nur Macht über und , je nachdem wir sie fürchten oder lieben , « versetzte sie einfach , ohne den Spott in seiner Stimme zu beachten . » Ich fürchte Onkel Gisberts Schatten nicht , möchte ihn aber wohl fragen , weshalb er gewünscht hat , gerade hier zu sterben . « » Das kann ich dir auch sagen . Er hat einen letzten Blick auf sein Thal von Kaschmir werfen wollen , « erwiderte er lebhafter . Er trat dicht neben sie und zeigte über sie hinweg nach dem Garten . » Dort unter dem Obelisken hat er sich begraben lassen ... Ach , du kannst das Monument nicht sehen ; es liegt zu sehr seitwärts – dort . « Er nahm plötzlich ihren Kopf mit sanftem Drucke zwischen seine Hände , um ihrem Blicke die Richtung zu geben – seine Finger versanken tief in den rotgoldenen Haarmassen . Die junge Frau fuhr empor , schüttelte heftig seine Hände ab und starrte ihn mit weitgeöffneten Augen beleidigt , in unverstelltem Widerwillen an . Er stand einen Augenblick fassungslos vor ihr – eine dunkle Glut schoß über sein Gesicht . » Verzeihe ! Ich habe dich und mich erschreckt ... Ich wußte nicht , daß dein Haar bei der Berührung solche Funken sprühe , « sagte er mit unsicherer Stimme , indem er von ihr wegtrat . Sie saß schon wieder und bückte sich über ihre Stickerei . Das war dasselbe ruhige » Insichzusammenschmiegen « der elastischen Gestalt , wie vorher , aber Mainau fiel es nicht mehr ein , zu denken , daß diese Frau die Stiche ihrer Nadel zähle . Sein Auge haftete auf dem schmalen Streifen ihres Nackens , der erst so gleichmäßig perlmutterweiß zwischen den niederhängenden Haarflechten geleuchtet – jetzt sah er ein dunkles Rosenrot unter der Haut fließen . Er griff nicht wieder nach dem Hute , den er hingeworfen – er war erbittert über das unberechenbar hervorbrechende verneinende Element in » diesem rothaarigen Frauenkopfe « , noch zorniger aber auf sich selbst , daß er im harmlosen Sichgehenlassen eine Niederlage erlitten , noch dazu durch eine ungeliebte Frau . Darüber hinweg half nur ein völliges Ignorieren des Geschehenen . » Ich möchte wirklich wünschen , Onkel Gisbert könnte wiederkommen und da hinabsehen , « sagte er , in den spukhaften Fensterbogen tretend – er sprach sehr ruhig . » Dreizehn lange Jahre liegt er dort unter dem roten Marmor ; unterdes haben seine indischen Pflanzenlieblinge unter dem nordischen Himmel eine Ausdehnung erreicht , wie er sie vielleicht selbst nicht geträumt hat . Das ist auch häufig ein streitiger Punkt in Schönwerth . Die ganze Pflanzenherrlichkeit muß mit dem Eintreten der rauhen Jahreszeit unter riesige Glashäuser gesteckt werden , und die exotische Thierwelt verlangt sorgfältige Pflege – das kostet viel Geld . Der Onkel macht jedes Jahr neue Anstrengungen , die kostspielige Schöpfung womöglich von der Erde wegzurasieren , und ich leide entschieden nicht , daß auch nur ein Blatt abgepflückt wird . « » Und das Menschenleben , das der deutsche Edelmann unter den nordischen Himmel entführt hat ? « fragte sie hinüber – ihre melodische Stimme verschärfte sich . Er stand rasch wieder neben ihr . » Du meinst die Frau im indischen Hause , « sagte er . » Da , sieh dir einmal den Burschen an ! « – Er deutete auf Gabriel . Leo war auf den Rücken des Knaben gesprungen . Die feingliedrige Gestalt des improvisierten Pferdes bog sich geduldig trabend unter dem wilden Peitschenschwinger . – » Das ist der Typus der Menschenrassen , die als kostbarstes Kleinod über das Meer gebracht worden ist – feig , hündisch unterwürfig und treulos , sobald die Verführung an sie herantritt ... Der Knabe ist mir unsäglich zuwider . Ich würde ihm ein paar blaue Flecken der Satisfaktion auf dem Rücken meines Jungen weit eher verzeihen , als diesen hündischen Unterwerfungstrieb hinter einem gottähnlichen Menschengesichte ... Leo , wirst du gleich heruntergehen ! « schalt er hart , mit grimmig gerunzelten Brauen zu offenen Thür hinaus . Gabriel stieg eben die letzten Stufen herauf . Er war sehr erhitzt durch die unruhige Last , die er auf seinen Schultern treppauf getragen ; trotzdem erschien sein Gesicht bleich , wenn auch die schöne Linie des Ovals so fest und gesund verlief , als begrenze sie gelbangehauchten Marmor . » Mache , daß du heimkommst ! « befahl Baron Mainau barsch und drehte ihm den Rücken . Das kindlich naive , und doch melancholische Lächeln , das beim Ersteigen der letzten Stufe um die ausatmenden Lippen des Knaben geflogen war , verschwand – der Schrecken trieb ihm den letzten Blutstropfen aus dem Gesicht . Es durchschnitt der jungen Frau das Herz , zu sehen , wie er trotzdem mit zärtlicher Aufmerksamkeit das Kind des harten Mannes auf den Boden gleiten ließ , wie er sich nicht versagen konnte , noch einmal liebkosend mit der geschmeidigen Hand über Leos Lockenkopf hinzustreichen ... Der arme Prügelknabe ! Seine junge Seele war in die Hand der strengen Kirche und der orthodoxesten Aristokratie gegeben , und der herrische Mann dort , der sie mittels seiner Energie beschützen konnte , er trat blind und vorurteilsvoll in tödlicher Verachtung auch noch mit dem Fuße darauf . » Gute Nacht , mein liebes Kind ! « rief sie hinaus , als der Knabe unhörbar die Treppe hinabhuschte . Zugleich legte sie ihre Arbeit zusammen und erhob sich . Im Bewußtsein ihrer vollkommenen Einflußlosigkeit ließ sie kein Wort zu Gunsten des mißhandelten Kindes fallen , aber so , wie sie jetzt dastand , war ihre ganze Erscheinung ein Protest gegen das Verfahren des rauhen Schloßherren . Er sah sie einen Augenblick schweigend von der Seite an ; dann bemühte er sich , seine Zigarre aufs neue in Brand zu stecken . » Siehst du die köstliche Musa dort ? « fragte er kalt und zeigte nach einer Banane im indischen Garten . » Sie strebt dankbar empor zu dem kalten Himmel , während das fremdländische Menschengeschmeiß sich sofort hinabverirrte bis in die Region der – Stallbedienung . Da kenne ich kein Erbarmen . « Die junge Frau stand mit dem Rücken nach ihm und ordnete die Stickwolle im Arbeitskorbe – sie hob die Wimpern nicht . » Willst du wohl die Güte haben , mich auch einmal anzusehen ? « sagte er plötzlich streng . Er fiel zum erstenmal aus dem Umgangstone des guten Kameraden und sprach als Herr und Gebieter – er war beleidigt . » Es hätte noch gefehlt , daß sich meine Frau mit dem ganzen Rüstzeug ihrer tugendhaften Verachtung , ihres moralischen Uebergewichts umgürte , um dieses – Bastards willen ! « Ein ähnlicher Schrecken durchfuhr sie wie daheim , wenn unvermutet die gebieterische Stimme der Mutter ihr Ohr berührt hatte . Sie wandte ängstlich des entfärbte Gesicht nach ihm – in diesem Augenblicke der Bestürzung war es das lieblichste , unschuldigste Mädchengesicht , das mit großen , erschreckten Augen zu ihm hinsah . Sein Blick voll Aerger und Verdruß milderte sich sofort . » Mein Gott , wie blaß du bist , Juliane ! Du siehst mich ja mit Augen an , wie Rotkäppchen den bösen Wolf ... Nun ist ' s wohl auch um unser gutes , kameradschaftliches Einvernehmen geschehen – wie ? – Das sollte mir leid thun , « sagte er mit einem Achselzucken des Bedauerns , als wollte er seine Angst um die sorgfältig kultivierte Langeweile im Schlosse Schönwerth ausdrücken . » Ich will dich ein wenig über die Verhältnisse aufklären , « setzte er hinzu , nachdem er einmal im Salon rasch auf und ab geschritten war . » Als Onkel Gisbert nach langer Abwesenheit in die deutsche Heimat zurückkehrte , war ich ein Knabe von vierzehn Jahren , der den › indischen Onkel ‹ vergötterte , ohne ihn je gesehen zu haben . Man wußte , daß er sein Erbteil auf dem Handelswege vertausendfacht hatte ; man erzählte sich Dinge von seinem Leben und Treiben , die recht gut unter den Märchen von › Tausend und eine Nacht ‹ hätten figurieren können – und doch , als er Schönwerth noch von Benares aus ankaufen und nach seinem Sinne einrichten ließ , da sperrten die Pfahlbürger unserer guten Residenz Mund und Nase auf ... Ich werde ihn nie vergessen , niemals – den schönen Mann mit den eigenartigen Gebärden und dem genialen Kopf , in welchem bereits die finsterste Schwermut brütete . Sein Thal von Kaschmir war sein Idol , und hinter dem Drahtgitter atmete ein Wesen , das er vom Reisewagen in die Sänfte und von da in das indische Haus hatte tragen lassen , und die so glücklich gewesen waren , › die blasse Lotosblume des Ganges ‹ während dieser Prozedur auf den Armen zu halten , sie schwuren , es sei kein Frauenleib , sondern › eine Nixe aus Luft und Duft zusammengeblasen ‹ gewesen . « Den Eindruck machte es noch , jenes fremdländische Geschöpf , das , halb Weib , halb Kind , drüben auf dem Rohrbette lag , eine Luftgestalt , die scheinbar nur die metallenen Ketten und Ringe an der Erde festhielten . » Außer dem Onkel Hofmarschall und dem Hofprediger , der damals noch ein simpler Kaplan war , verkehrten nur wenige in Schloß Schönwerth – die stolze Haltung des Besitzers scheuchte alles zurück , « fuhr Mainau fort . » Ich selbst habe nur einmal die Gunst genossen , ihn auf drei Tage besuchen zu dürfen – und da erging es mir wie den neugierigen Frauen im › Blaubart ‹ . « Er lachte belustigt vor sich hin und stippte die Asche von seiner Zigarre . » Um Blut und Leben ging es freilich nicht , aber der Onkel verbat sich einfach das Wiederkommen ... Die Indierin hinter dem Drahtgitter spukte mehr , als es gut war , in meinem heißen Jungenkopfe . – Bekreuze dich , Juliane ! Es ist ein toller Reigen von Narrheiten um der Frauenschönheit willen , auf den ich zurückblicken muß – ich bin durch reißende Flüsse geschwommen , um eine weggewehte Busenschleife zu erhaschen , und habe landesüblich Champagner aus Ballettschuhen getrunken – warum sollte ich da nicht auch über das Drahtgitter von Schönwerth klettern , um das Weib zu sehen , das Onkel Gisbert › wie toll ‹ lieben sollte ? Die Thür war zwar nicht verschlossen , und die › Lotosblume ‹ wurde nichts weniger als in Gefangenschaft gehalten ; aber ich bin überzeugt , sie hat von dem bartlosen Neffen ihres Herrn und Gebieters nicht belästigt sein wollen , und deshalb war mir das Umherwandeln im Thale von Kaschmir verboten ... Nun also , ich kroch unter stürmischem Herzklopfen durch das Gebüsch und sah nicht eher auf , als bis – der Onkel vor mir stand . Er sagte kein Wort ; aber der mitleidig lächelnde Spott , der seine düsteren Augen für einen Moment förmlich erhellte , beschämte mich dergestalt , daß ich meinen ganzen gewaltigen Jünglingsstolz vergaß und schleunigst Fersengeld gab ... Noch denselben Morgen hielt , ohne daß Befehl gegeben , mein Reisewagen vor dem Schönwerther Schloßthore ; der tödlich bestürzte Junge wurde von dem Onkel unter freundlichem Abschiedsgruße ohne weiteres hineingeschoben und in das Institut zurückgeschickt – das war kaltes Wasser . « Er trat lächelnd in das Fenster und sah hinüber nach dem indischen Garten . Es dämmerte stark – das niedrige Rohrdach des indischen Hauses verschwamm bereits mit den Wipfeln der Rosenbäume , und nur auf den goldglänzenden Kuppeln des Tempels sammelten sich noch schwarze Reflexe des verlöschenden Abendlichtes . » Ich habe den Onkel erst wiedergesehen , « sagte er nach einer Pause sich umwendend , » als sein letzter Wunsch erfüllt erden sollte , als der Arzt im Begriff war , seine Leiche mit einem zersetzenden Präparat zu tränken . Man hatte mich von der Universität zur Beisetzung nach Schönwerth berufen ... Da lag er entstellt in weißen Atlasdecken – statt der Rosendüfte von Kaschmir flossen häßliche Weihrauchwolken über ihn hin ; kein Nachtigallenthon drang durch die schwarzumhüllten Fenster – dafür umflüsterten ihn gemurmelte Gebete , und aus geistlichem Munde wurde er gepriesen , daß er zur rechten Stunde noch aus der Irre auf den wahren Heilsweg zurückgekehrt sei – unrühmlich genug für diese Dogmen « – unterbrach er sich grollend – » daß die Seele sie erst annimmt , wenn sie vom kranken Körper angesteckt ist , wenn alle Nervensaiten verstimmt und gebrochen sind und das arme Gehirn urteilslos und beängstigt in den Nebelwolken des herannahenden Todes schwimmt ! – Ja , das war das Ende , der jammervolle Schluß eines märchengeschmückten Lebens voller Ideale . « Die junge Frau stand noch vor dem Arbeitskorbe – sie war sich selbst nicht bewußt geworden , daß sie die bunten Wollsträhnen unzähligemal aus- und eingepackt hatte ... Dort wölbte sich der mächtig geschwungene Fensterbogen , in welchem Onkel Gisbert gestorben war , gestorben mit dem Blicke auf seine indische Schöpfung , und mit diesem Bilde » aus der Irre « war die Seele heimgegangen , trotz aller Weihrauchwolken und sonstigen kirchlichen Apparate und Anstrengungen ... Ein graues , spukhaftes Dämmerlicht kroch in Fensterbreite über das Parkett und ließ in schwarzen Umrissen ein riesiges Kreuz auf die Eichentafeln fallen ; es floß auch über den erzählenden Mann , dessen Stimme alle Register der heitersten Selbstverspottung bis zum Ingrimm durchlaufen hatte . » Ich wußte , daß ein Kind im indischen Hause geboren worden war , « fuhr er nach einem augenblicklichen Schweigen fort . » Ich hatte es auch auf dem Arme der Frau Löhn gesehen – damals rührte mich das kleine Geschöpf mit dem melancholischen Gesichte ... Es war kein Testament da , und nach meiner moralischen Überzeugung war der Knabe als erster Erbe anzusehen . Ich sprach das aus – da wurde mir ein Zettel vorgelegt . Onkel Gisbert war an einem furchtbaren Halsübel gestorben ; er hatte schon monatelang vor seinem Tode kein Wort mehr gesprochen und sich nur noch mittels der Feder verständlich machen können – solche Zettel sind viele da – hier « – er zeigte auf einen Rokokoschreibtisch mit hohem Aufsatze – » in diesen sogenannten Raritätenkasten des Hofmarschalls sind sie aufbewahrt . Jener eine Zettel verstieß in strengen Worten die Frau im indischen Hause als eine Treulose und verlangte auf das Bestimmteste , daß ihr Knabe im Dienste der Kirche erzogen werde . Dagegen ließ sich nichts thun , und ich wollte auch gar nicht mehr ; ich war empört und bin es noch heute , daß selbst ein Mann wie er unter der Schlangenfalschheit des Weibes schwer leiden mußte ... Der Onkel und ich waren die rechtmäßigen Erben . Wir traten die Hinterlassenschaft an ... Nun war ich selbst Herr im indischen Garten ; nun trat sie mir nicht mehr entgegen , die prächtige Gestalt des Onkels , mit ruhig verschränkten Armen und dem feurigen Schwerte des Spottlächelns – und im Hause mit dem Rohrdache lag die vergötterte Lotosblume wie von einem rächenden Blitzstrahle getroffen – « » Nun , durftest du sie sehen , « kam es wie unwillkürlich von Lianens Lippen . Er fuhr mit einer Gebärde voll Abscheu herum . » Meinst du ? – Mit nichten ! Ich war geheilt für immer ! Ein treuloses Weib stoße ich nicht mit der Fußspitze an . Und dann « – er schüttelte sich – » ich kann keinen so kranken Menschen sehen ; jede gesunde Fiber in mir empört sich dagegen ... Die Frau ist wirr im Kopfe , gelähmt an allen Gliedern und schreit zu Zeiten , daß einem die Ohren gellen – sie stirbt seit dreizehn Jahren . – Ich habe sie nie gesehen und vermeide , so viel ich kann , den Weg am indischen Hause . « Liane legte den Deckel auf den Korb und rief nach Leo , der sich unterdessen mit Steinwerfen drunten auf dem Kiesplatze die Zeit vertrieben hatte . Während Mainaus Erzählung war ihr gewesen , als müsse sie zu ihm treten und , das Geschilderte warm miterlebend , zu ihm aufsehen – nun zischte der häßliche Schlangenkopf des empörendsten Egoismus plötzlich wieder empor und trieb sie weit weg von dem Uebermütigen , der im unüberwindlichen Kraftgefühle sich selbst gegen jede Heimsuchung gefeit wähnte und das ihn widerwärtig Berührende ohne weiters beiseite schob , um sich den Lebensgenuß in keiner Weise verkümmern zu lassen . » Sage dem Papa gute Nacht , Leo ! « ermahnte sie den Knaben , der stürmisch auf sie zuflog und sich an ihren Arm hing . Mainau hob ihn empor und küßte ihn . » Nun wirst du nicht wieder nach der Frau im indischen Hause fragen , Juliane ? « » Nein . « » Ich hoffe auch nie mehr das oppositionelle und zärtliche › Gute Nacht , mein liebes Kind ‹ zu hören . Du begreifst , daß ich so handeln muß – « » Ich bin langsam im Denken und brauche Zeit , um mir ein Urteil zu bilden , « unterbrach sie ihn . Sie verbeugte sich leicht und verließ mit Leo den Salon . » Schulmeister ! « murmelte er verdrießlich zwischen den Zähnen , indem er ihr den Rücken wandte ... » Bah , sie paßt vortrefflich , « dachte er gleich darauf erheitert und rief nach seinem Pferde . Er ritt noch nach der Residenz , um den Spätabend und die Nacht dort zu verbringen . Eine Stunde später sagte er im adligen Kasino zu Freund Rüdiger : » Ich habe das große Los gezogen : Meine Frau singt nicht , malt nicht und spielt auch nicht Klavier , – Gott sei gedankt , ich werde nie durch Dilettantenaufdringlichkeit ennuyiert ! ... Sie sieht manchmal hübscher aus , als ich ihr anfänglich zugetraut ; aber sie hat keinen Esprit und nicht die geringste Neigung zum Kokettieren – sie wird mir nie gefährlich werden ... Bei weitem nicht so beschränkt , wie ich meinte , und viel weniger sentimental , denkt sie doch sehr langsam und wird ihre im Pensionate empfangenen Anschauungen mit der zähen Beharrlichkeit phantasieloser Menschen zeitlebens festhalten – desto besser für mich – Ihre Briefe an mich kann ich jetzt schon analysieren – steife Stilübungen einer ernsthaften Pensionärin mit Wirtschaftsberichten als Vorwurf – sie werden mir keine schlaflose Nacht verursachen ... Leo hat sich sehr an sie attachiert und lernt gut , und dem Onkel scheint sie zu imponieren durch ihre Ruhe , ihre natürliche Kälte und den Trachenbergschen Hochmut , den sie in geeigneten Momenten prächtig herauszukehren versteht – in vierzehn Tagen reise ich . « 11. Die Frau Herzogin hatte sich mit ihren beiden Knaben beim Hofmarschall angemeldet – das konnte nicht auffallen . Zu Lebzeiten ihres Gemahls hatte der Hof fast ganze Tage in Schönwerth verlebt ; denn der Hofmarschall stand hoch in Ehren und wurde stets mit Gnadenbeweisen überschüttet , als ein » in unerschütterlicher Treue ersterbender Anhänger « des herzoglichen Hauses . Selbst während des Trauerjahres , wo sich die hohe Frau mit musterhafter Strenge von allem fernhielt , was auch nur den leisesten Anstrich einer geselligen Vergnügung annehmen konnte , hatte sie auf ihren Spazierritten durch das Thal von Kaschmir öfter den Nachmittagskaffee im Schönwerther Schlosse eingenommen . Freilich war dabei ihr schönes Gesicht unter der schwarzen Krepprüsche stets wie in Leid versteinert erschienen , und selbst der Hofmarschall mit seinen geübten Höflingsblicke hatte sich allmählich der Ueberzeugung hingegeben , diese gebeugte Witwe müsse ihren Gemahl in der That innig geliebt haben . Während der Zeit vor und nach Mainaus Vermählung war sie nicht im Schlosse eingekehrt und hatte es bei einem hinübergesandten Gruß bewenden lassen , weil ja der alte Freund schlimmer als je von seiner Gicht geplagt wurde . Nun erschien eines Nachmittags Herr von Rüdiger und beglückte ihn mit der Nachricht , daß die kleinen Prinzen morgen , wie bisher jedes Jahr geschehen , sich höchst eigenhändig Frühtrauben und Zwergobst von den Spalieren im Schönwerther Schloßgarten zu pflücken wünschten ... Man saß gerade beim Dessert . Der Hofmarschall erhob sich wie verjüngt ; er lehnte seinen Krückstock in die Ecke und machte mit zusammengebissenen Zähnen und einem schielenden Seitenblicke nach dem Spiegel einen Gehversuch ohne Stütze bis nach dem nächsten Fenster ; von dort aus winkte er Liane zu sich und gab ihr Befehle für Küche und Keller . » Da haben wir ' s ! « sagte Mainau zu der jungen Frau – er war ihr gefolgt , als sie das Zimmer verlassen hatte . » Ich bin gern auf deinen Wunsch eingegangen , dich erst nach meiner Rückkehr vorzustellen ; nun zwingt dich die Herzogin , morgen vor ihr zu erscheinen . « Er zuckte mit einem schwer zu beschreibenden Gemisch von verhaltenem Lachen , geschmeichelter Eitelkeit und boshaftem Spotte die Achseln . » Da gibt es kein Ausweichen mehr . « » Ich weiß es , « erwiderte sie mit vollkommener Gelassenheit und zog ein Notizbuch aus der Tasche , um im langsamen Weitergehen die Befehle des Hofmarschalls flüchtig zu notieren . » Schön – deine Gemütsruhe in allen Lagen und Verhältnissen ist wahrhaft bewunderungswürdig . Nur auf eins möchte ich dich ein wenig aufmerksam machen – du erlaubst es wohl , Juliane ? Die Herzogin hat für allzu gesuchte Einfachheit in Toiletteangelegenheiten sehr leicht ein verwundendes Spottlächeln – deine Neigung – « » Ich hoffe , du traust mir so viel Takt zu , daß ich zu unterscheiden weiß , wo ich meiner Neigung oder den Pflichten meiner Stellung zu folgen habe , « unterbrach sie ihn freundlich ernst und steckte den Bleistift in das Notizbuch . Sie hatten mittlerweile die Korridorthür vor Mainaus Appartements erreicht . Dort standen ein paar neue Reisekoffer von Juchtenleder , die man während des Diners gebracht hatte . Mainaus Augen leuchteten auf bei ihrem Anblick , als sähe er sich schon über Berg und Thal , weit , weit weg von Schloß Schönwerth , in die Welt hineinfliegen . Er hob einen der Koffer empor und prüfte die Beschläge – währenddem stieg Liane in die Schloßküche hinab , um mit Frau Löhn und dem Koch zu verhandeln . Der Hofmarschall hatte es stillschweigend acceptiert , daß sie die Oberaufsicht über das Hauswesen in die Hand genommen . Damit hatte sie sich freilich wie auf Brennesseln gebettet . Unausgesetzt mußte sie ringen mit dem schmutzigen Geiz des alten Herrn , der um jeden Pfennig feilschte . Sein grenzenloses Mißtrauen , die Furcht , bestohlen und betrogen zu werden , machten sich stündlich in fast ekelerregender Weise geltend . Dazu kam sein unverminderter Groll über die verhaßte zweite Heirat Mainaus – die junge Frau stand fortwährend in Waffen ihm gegenüber . Sie wußte , daß er jeden ihrer Schritte belauerte , soweit es ihm möglich , daß sogar die Briefe aus der Heimat durch seine Hände gingen , ehe sie zu ihr gelangten , Die Briefe der Geschwister mochten ihm unverfänglicher erscheinen – sie trugen selten die Spuren eines Attentates . Dagegen war vor einigen Tagen ein Schreiben ihrer Mutter eingelaufen – das erste seit Lianens Verheiratung . Sie konnte sich nicht verhehlen , daß das Siegel erbrochen gewesen war , und das empörte sie doppelt im Hinblick auf den Inhalt . Die Gräfin Trachenberg erging sich in Klagen über ihr Leben , das ihr die schrecklichsten Entbehrungen auferlege . Von ärztlicher Seite sei ihr eine Badereise dringend zur Pflicht gemacht worden ; Ulrike hüte jedoch das Einkommen wie ein Drache und bewillige ihr keinen Groschen ; sie wende sich daher an » die Lieblingstochter « und ersuche sie , ihr einen kleinen Teil ihres reichen Nadelgeldes zufließen zu lassen . Daß der Hofmarschall diesen Brief in der That gelesen hatte , bestätigte ihr der stechende , boshaft fixierende Blick , mit welchem sie an jenem Tage bei ihrem Erscheinen im Eßzimmer begrüßt wurde ... Diese fortgesetzten Kämpfe blieben Mainau verborgen . In seinem Beisein hütete der Hofmarschall Gesicht und Zunge mit der Meisterschaft des gewiegten Höflings , und ihn zu verklagen bei dem Manne , der um jeden Preis Frieden sehen wollte , fiel der jungen Frau nicht ein . Es war in der dritten Nachmittagsstunde , als Liane in den Salon trat , dessen Glasthür auf die große Freitreppe mündete – von dieser Freitreppe aus wollte der Hofmarschall die Herzogin beim Vorfahren begrüßen . Er war bereits im Salon anwesend und sprach mit dem Hofprediger , der neben ihm saß . Als die junge Frau hereintrat , war es , als fliege mit ihr ein verklärender Schein in das Zimmer . Sie trug eine mäßig lange Schleppe von seeblauem Seidenstoff , den Oberkörper dagegen umschloß Samt von einer tieferen Nüance . Das schimmernde , gesättigte Blau und der dunkle Goldglanz der Haarwellen über der Stirn dieser mädchenhaften Frau waren von wundervoller Wirkung . Weite , offene , mit Seide gefütterte Aermel fielen bis weit über die Hüften hinab und ließen die Arme völlig frei , die , wie die Büste im viereckigen Ausschnitt , von einem weißen Spitzenchemisette wie von einem Schleier leicht umrieselt erschienen . Selbst im silberstoffnen Brautkleide war die tadellose Gestalt der » Trachenbergerin « , die köstlich reine und klare Hautfarbe dieses » Rotkopfes « nicht so zur Geltung gekommen , wie heute . » Noch viel zu früh , meine Gnädigste ! « rief ihr der Hofmarschall entgegen . » Die Herzogin kommt nicht vor vier Uhr . « Er fixierte mit unverkennbarem Aerger das riesige Boukett , das die junge Frau in der Hand hielt . » Mein Gott , was für eine Blumenverschwendung ! Sie müssen ja das ganze Warmhaus geplündert haben , meine Liebe ! ... Raoul ist ein Narr mit seinen Gloxinien , Generiaceen und wie diese kostspieligen Südamerikanerinnen alle heißen mögen ! ... Kosten Unsummen und dienen zu nichts , als in unberufenen Händen zu verwelken – von der Hausfrau verlangt man nicht , daß sie ballmäßig erscheint . « Liane war stehen geblieben und hatte ihn auspoltern lassen . Sie hätte ihm entgegnen können , daß seine Tochter die köstlichsten Bouketts in Uebermut oder schlechter Laune oft in Atome zerpflückt und auf den Boden verstreut habe , um sie mit ihren kleinen Füßen zu zerstampfen – aber sie begnügte sich zu sagen : » Mainau hat gewünscht , daß ich der Herzogin diese Blumen bei der Begrüßung überreiche . « » Ah so – dann bitte ich tausendmal um Verzeihung ! « Er sah nach seiner Uhr . » Wir haben Zeit , und die will ich benutzen , um Ihnen etwas mitzuteilen , das mir höchst fatal und peinlich ist – ich kann aber leider das Geschehene nicht ändern ... Sie haben heute morgen ein Kistchen nach Rudisdorf an die Gräfin Ulrike abeschickt . Ich habe es gern , wenn alle Poststücke vor meinen Augen in den Blechkasten gelegt werden , der jeden Morgen nach der Stadt abgeht ... Ich weiß nicht , was für ungeschickte Hände es gewesen sind , denen man die kleine Kiste anvertraut hat – genug , sie wurde mir zerbrochen übergeben . « Er zog unter seinem Stuhle das Kistchen hervor , von welchem ein Stück Deckel lose herabhing . Im ersten Augenblick schoß eine helle Glut über das Gesicht der jungen Frau , dann aber wurde sie auch ebenso schnell totenbleich , selbst die in fast harter Weise geschlossenen Lippen erschienen völlig farblos – man hätte meinen können , sie müsse an den jäh nach dem Inneren zurücktretenden Blutwellen ersticken ... Ihr Blick fiel unwillkürlich auf den Hofprediger , der eine Bewegung machte – seine beredten heißen Augen hingen an ihrem Gesicht mit einem seltsamen Gemisch von düsterer Glut und angstvoller Besorgnis . Dieser eine Blick gab ihr sofort die Haltung zurück . Sie legte das Boukett auf einen Tisch und trat näher . » Ich muß etwas zur Sprache bringen , was mich tief verlegen macht , « fuhr der Hofmarschall affektiert zögernd fort – er räusperte sich und strich mit der Hand über die Oberlippe , als wolle er in seiner Verlegenheit einen Bart streichen , der nicht vorhanden war ; dabei aber funkelten seine kleinen , geistvollen Augen die junge Frau fest und gleichsam behexend an wie die furchterweckenden Lichter des heimtückischen Katzengeschlechts . » Uebrigens sind wir ja ganz unter uns , meine beste kleine Frau , und es wird nie über diese Wände hinausdringen , daß Sie sich in einem kleinen Irrtume befunden haben – wie ich vermute . « Langsam griff er in die Brusttasche seines Fracks und nahm eine kleine Schmuckkapsel heraus . » Dieser Gegenstand fiel mir entgegen , als ich , ärgerlich über diese Ungeschicklichkeit unserer Leute , das Kistchen ein wenig zu hastig aufnahm . « Sein feiner Zeigefinger mit dem tief einwärts gekrümmten bleichen Nagel drückte auf die Mechanik und der atlasgefütterte Deckel sprang auf . Ein schöner Amethyst , von kleinen Brillanten umgeben , ließ sein rotblaues Feuer aufsprühen . Die Steine waren in Rosettenform gefaßt , um als Brosche oder auch am Halsbande getragen zu werden . » Verzeihen Sie , wenn ich mich irre , « sagte er , ihr den Schmuck hinhaltend , fast sanft , » aber ich wollte drauf schwören , daß ich diese hübsche , kleine Rosette oft am Halse meiner Tochter gesehen