Herzogs . Und hastig die Tasse leerend , fragte er : » Ist es jetzt Mode bei dir , im Dunkeln zu sitzen , Liesel ? Früher mußtest du Licht haben um jeden Preis . « » Fräulein Klaudine von Gerold ! « sagte plötzlich die alte Hofdame , und zugleich tönte das Rauschen eines seidenen Gewandes . Durch die tiefe Dämmerung schritt eine Gestalt , und eine leicht vibrierende klangvolle Frauenstimme sprach : » Hoheit haben befohlen ! « » Ach , meine liebe Klaudine ! « rief die Herzogin erfreut und winkte nach einem Sessel , » meine ungeduldige Bitte hat Sie doch nicht gestört ? « In diesem Augenblicke flammten die Lampen unter der Decke auf , und ein durch mattes Glas gedämpftes Licht erhellte das Gemach und tauchte die kleine Gruppe der am Kamin versammelten Menschen in einen milden weißen Schein . Der Herzog hatte sich , wie auch Baron Gerold , erhoben , und beide sahen zu dem schönen Mädchen hinüber ; beide mit dem nämlichen Ausdruck der Überraschung . In den Augen Seiner Hoheit blitzte es einen Augenblick auf , dann wurde der Ausdruck wieder genau so apathisch wie vorher . Auf des Barons Stirn lag eine düstere Falte , doch auch sie verschwand blitzgeschwind . Dort neben dem Sofa der Herzogin stand sie , die schwarze einfache Seidenrobe hob ihre schlanke , ebenmäßige Gestalt prächtig hervor . Sie hatte kaum einen Hauch von Farbe auf ihren Wangen und sah nach einer tiefen Verbeugung vor Seiner Hoheit mit stillem Gesichtsausdruck zu der fürstlichen Frau hinunter . Die Herzogin wies auf einen Sessel , den man hingeschoben hatte , und sprach von einem gemütlichen Plauderabend , und ob Klaudine auch wohl sei , sie sehe so blaß aus . Und mit eigener Hand reichte sie der jungen Dame ein Kristallfläschchen : » Nur ein paar Tropfen , liebste Klaudine , etwas Arrak macht warm nach der kalten Fahrt . « Der Herzog hatte nicht wieder Platz genommen , er lehnte am Kamin und sah augenscheinlich mit größtem Interesse auf die Bewegungen der alten Freiin , die eben mit einem Körbchen voll bunter Wollsträhne sich ihrer Gebieterin näherte und auf die abweisende Handbewegung der eifrig Sprechenden sich wieder entfernte . Mit keinem Worte beteiligte er sich an der Unterhaltung , in welche die fürstliche Frau auch Lothar hineinzog . Dieser stand hinter dem Sessel Klaudines , dem Herzog gegenüber , und antwortete mit eigentümlichem Tonfall , als ob eine Gemütsbewegung ihn am fließenden Sprechen hinderte . » Ich meine , der L ' hombretisch wird uns erwarten « , sagte der Herzog plötzlich , indem er leicht die Stirn seiner Gemahlin küßte und mit einer flüchtigen Verbeugung gegen Klaudine hinausschritt , gefolgt von Lothar . » Liebste Katzenstein « , bat die Herzogin , » ich weiß , Sie wollen Briefe schreiben , lassen Sie sich nicht stören ! Sie sehen , ich bin in der allerliebenswürdigsten Gesellschaft . Lassen Sie die Vorhänge zuziehen , die Spuren des Teetisches beseitigen und meinen Liegesessel hierherschieben . Ich finde es so behaglich am Kamin , obgleich heute der sechste Juni im Kalender steht . Und , liebste Katzenstein , die Lampen an den Flügel . Sie singen doch ein wenig ? « wandte sie sich an Klaudine . » Wenn Hoheit befehlen . « » O , ich bitte darum . Aber zunächst plaudern wir ! « Die lebhafte junge Frau , auf dem Ruhebette liegend , versuchte durch die bezauberndste Liebenswürdigkeit ihre stille Gefährtin zu diesem » Plaudern « zu bewegen , und es lag doch wie ein Bann auf dem Mädchen . Es war ihr , als müsse sie ersticken in diesem künstlich erwärmten Raume , in den Erinnerungen an vergangene Zeiten , die sich aus jedem Winkel lösten , aus jeder Stuckarabeske auf sie herniederschwebten . Hier in diesem schönen großen Gemach war ihnen als Kindern immer zu Weihnacht beschert worden , Joachim und ihr , hier hatte die kleine Ballfestlichkeit stattgefunden , ihrem jungen achtzehnjährigen Dasein zu Ehren , hier hatte sie weinend in tiefer Trauer den heimkehrenden Bruder und sein junges schönes Weib empfangen , während dort unten im Erdgeschoß die Leiche des Vaters aufgebahrt lag . Damals war jener Erker in einen Garten verwandelt gewesen , unter blühenden Granatbäumen hatten Sessel gestanden , damit Joachims Weib die nordische Heimat nicht gar so traurig erscheine . Die purpurroten Blüten sollten ein Gruß sein aus dem fernen Vaterlande , hatte Klaudine gemeint , und sie hatte doch nur erreicht , daß die schönen Augen der jungen Schwägerin sich mit Tränen füllten . » O , wie klein sind diese Blüten , wie sehen sie krank aus ! « hatte sie geklagt . Ach , wie schwer war doch diese Zeit gewesen ! Klaudines Blicke kehrten wie aus tiefen Träumen in die Gegenwart zurück . Die Stimme der Herzogin hatte sie geweckt , und so bang und tränenschwer waren diese Blicke , daß die fürstliche Frau verstummte ; aber eine zaghafte Hand griff nach der des Mädchens und hielt sie fest . » Ach , ich vergaß , daß es Sie traurig machen muß , fremde Menschen in Ihrem Vaterhause zu sehen . « Es klang so innig , so weich , und Klaudine wandte den Kopf , um die Tränen zurückzudrängen , die ihre Augen verschleierten . » Weinen Sie doch , es erleichtert « , sagte die Herzogin einfach . Klaudine schüttelte den Kopf und bemühte sich gewaltsam , ihre Fassung wiederzugewinnen , doch wollte es ihr nicht recht gelingen . Was tobte und stürmte nicht alles in ihrer Seele , und nun auch noch die Güte dieser Frau ! » Verzeihung , Hoheit , Verzeihung ! « stieß sie endlich hervor . » Gestatten Hoheit , daß ich mich bald zurückziehe . Ich fühle , ich kann heute nicht die Gesellschaft sein , die Hoheit wünschen . « » O nimmermehr , meine liebe Klaudine ! Ich lasse Sie nicht ! Denken Sie , ich vermöchte Sie nicht zu verstehen ? Mein liebes Kind , auch ich habe heute schon geweint . « Und der erregten leidenschaftlichen Frau lief eine stille Träne um die andere über das fieberheiße Gesicht . » Ich habe einen traurigen Tag heute « , sprach sie weiter , » ich fühle mich so krank , ich muß immerfort ans Sterben denken , mir kommt das schreckliche Erbbegräbnis unter der Schloßkirche unserer Residenz nicht aus dem Sinn , und dann denke ich an meine Kinder und an den Herzog . Warum muß man solche Gedanken haben , wenn man noch so jung ist und so glücklich wie ich ? O , sehen Sie mich nur an , liebste Klaudine , ich bin glücklich – bis auf meine Krankheit . Ich habe einen Gatten , dem ich über alles teuer bin , und so liebe , liebe Kinder , und doch diese schwarzen , diese schrecklichen Beängstigungen ! Mir wird heute das Atmen so schwer . « » Hoheit « , sagte das junge Mädchen bewegt , » es ist die schwüle Luft . « » O , natürlich ! Ich bin nervös , und es geht vorüber , ich weiß es . Seit Sie hier sind , ist es auch schon besser . Kommen Sie nur oft , recht oft ! Ich will Ihnen gestehen , meine liebe Klaudine , ich hege , seit ich Sie gesehen , ein so großes Verlangen , Sie in meiner Umgebung zu haben . Mama war aber selbst so entzückt von Ihnen , daß sie nichts von einer Trennung wissen wollte . Ich kann es ihr ja auch nicht verdenken . Der Herzog selbst bat für mich , aber sie schlug es rund ab . « Klaudine rührte sich nicht , nur ihre Augen senkten sich , und ihr Antlitz überflog einen Augenblick eine Purpurglut . » Es ist wunderbar , die gute Mama versagt mir sonst nichts ! Ja , und nun , liebe Klaudine , komme ich zu meiner Bitte : Bleiben Sie bei mir , wenigstens für die Zeit unseres hiesigen Aufenthaltes ! « » Hoheit , es ist unmöglich ! « stieß Klaudine fast schroff hervor . Und wie flehend setzte sie hinzu : » Mein Bruder , Hoheit , sein Kind ! « » O , ich lasse das gelten , aber Sie müssen mindestens einige Stunden täglich für mich erübrigen , Klaudine , ein paar Stunden nur ! Geben Sie mir die Hand darauf . Nur ein paar Lieder dann und wann ! Sie wissen gar nicht , wie wohl mir wird bei Ihrem Gesang . « Das schmale fiebernde Gesichtchen der fürstlichen Frau beugte sich vor , und die unnatürlich glänzenden Augen schauten bittend in die des Mädchens . Es sprach eine so rührende Mahnung an das verlöschende Leben aus diesem Antlitz . Warum mußte diese Frau so bitten ? Und was erbat sie sich von ihr ? Wenn sie ahnen könnte – aber nein , sie durfte es nicht ahnen ! » Hoheit ! « stammelte Klaudine . » Nein , nein ! So leicht bin ich nicht abzuweisen , ich wünsche mir eine Freundin und eine edlere , bessere , treuere als Sie , Klaudine , finde ich nicht . Warum lassen Sie mich so bitten ? « » Hoheit ! « wiederholte das Mädchen überwältigt und beugte sich auf die Hand , die noch immer die ihre hielt . Aber die Herzogin hob ihr Gesicht empor und küßte sie auf die Stirn . » Meine liebe Freundin ! « sagte sie . » Hoheit ! Um Gottes willen , Hoheit ! « zitterte es durch das Gemach . Aber die Herzogin hörte es nicht , sie hatte den Kopf der alten Kammerfrau zugewandt , die meldete , daß der Herzog mit den Herren im Salon neben dem Spielzimmer soupieren werde , und fragte , wo Ihre Hoheit zu speisen befehle . » Im kleinen Salon hier oben « , befahl die Herzogin , und enttäuscht blickte sie Klaudine an . » Ich hatte mich doch so gefreut auf den heutigen Abendtisch ! Wir hätten eine so nette Partie Karree gehabt , der Herzog , Ihr Vetter und wir ! « Und scherzend fügte sie hinzu : » Ja , ja , meine liebe Klaudine , wir armen Frauen müssen das Herz unserer Männer immer noch mit einigen Passionen teilen , die Jagd und das L ' hombre , sie haben mir schon manche Träne ausgepreßt , aber – wohl der Frau , die nicht um ein Mehr zu weinen braucht ! « Es wurde neun Uhr , bevor Klaudine die Erlaubnis erhielt heimzufahren . Als sie , von der Kammerfrau der Herzogin geleitet , die breite , wohlbekannte Treppe hinunterschritt , begegnete ihr ein Diener mit zwei silbernen wappengeschmückten Champagnerkühlern . Sie wußte , daß Seine Hoheit kleine Spielpartien liebte mit sehr viel Sekt und sehr viel Zigaretten , man saß dort oft , bis der Morgen graute . Gott sei Dank , daß es auch heute so war ! Auf leisen Sohlen huschte Klaudine vollends die mit einem Purpurteppich belegten Stufen hinuter . Am Eingang stand der alte Diener ihres Vaters , Friedrich Kern , jetzt in herzoglicher Livree , und sein ehrliches Gesicht zog sich vor Freude in tausend Falten . Sie nickte ihm freundlich zu und eilte hinaus . Mit einem erleichternden Aufatmen sank sie in die seidenen Kissen des Wagens . Sie hatte sich gefürchtet wie ein Kind , es könne ihr noch jemand auf dem Korridor , auf der Treppe entgegentreten , jemand ! Nein , Gott sei Dank , sie saß allein in dem fürstlichen Wagen , und der Wagen trug sie ihrer Heimat zu . Oh , niemals hatte sie eine solche Sehnsucht nach dem einfachen kleinen Stübchen empfunden wie heute . Eine Weile überließ sie sich dem Gefühl , ohne zu denken , dann öffnete sie plötzlich das Fenster und fuhr sich über die Stim . Dieser Duft der parfümierten Wagenkissen machte alte peinvolle Erinnerungen aus der Residenz lebendig . Es war das Lieblingsparfüm des Herzogs . Sie ballte plötzlich die Hand , und alles Blut strömte ihr zum Kopfe . Sie öffnete auch noch das andere Fenster und saß im Zugwind , den die rasche Fahrt schuf , die Lippen aufeinandergepreßt und tränenfunkelnden Auges . Sie war doch wieder über diese Schwelle gegangen , gezwungen worden , darüber hinwegzutreten ! Was hatte ihr die Flucht genützt ? Nichts ! Gar nichts ! Wollte er sein Wort wahr machen , er werde sie überall zu finden wissen ? Die Gedanken verwirrten sich hinter ihrer Stirn , sie kam sich schlecht vor . Hätte sie nicht die Hand der fürstlichen Frau zurückweisen müssen , so schroff , wie Beate es getan hatte ? Ach , Beate ! Wie schritt die so eben und klar ihren Weg ! Und da schimmerten eben die Fenster des Neuhäuser Wohnhauses aus dem Geäste der Linden , eine plötzliche Sehnsucht nach der aufrichtigen , schlichten Weise ihrer Cousine erfaßte sie . Sie zog die seidene Schnur , die um den Arm des Dieners befestigt war , und befahl , nach dem Neuhäuser Schlosse zu fahren . In dem weiten Hausflur kam just Beate daher , das klirrende Schlüsselbund in der Hand und hinter sich ein Mädchen , das einen Stoß frisch aus dem Spinde genommenen Leinenzeugs trug . » Wie , du bist das ? « rief Beate , daß es sich schallend an den Wänden brach . » Herr des Himmels , wo kommst du denn heute abend noch her ? « Klaudine stand unter der schwankenden , schmiedeeisernen Hängelampe . Aus dem schwarzen Spitzentuch , das sie um den Kopf trug , sah ihr Gesicht fast marmorbleich hervor . » Ich wollte dir guten Abend sagen im Vorüberfahren « , sprach sie . » Ei , da tritt ein ! Woher kommst du ? Sicher aus Altenstein , deiner feierlichen Kleidung nach ? Ich hatte eigentlich die Absicht , euch heute aufzusuchen , aber da begegnete mir in der Nähe eures Hauses die Berg mit der Kleinen , und rate , wer noch im Wagen saß ? Herr von Palmer ! Na , das machte mich neugierig , ich pfiff dem Kutscher und bat um die Erlaubnis , bei dem schlechten Wetter gleichfalls unsere Kutsche benutzen zu dürfen . Die beiden Herrschaften waren natürlich sehr entzückt , wie mir schien . Höre , Klaudine , auf Liebesgeschichten verstehe ich mich schlecht , mir fehlt jegliche Erfahrung , aber hier , ich lasse mich köpfen , die werden ein Paar . « Sie hatte während dieser Erzählung die Cousine in die Wohnstube geleitet und in einen der steifen , mit braunem Rips bezogenen Lehnstühle gedrückt . » Aber , sag doch « , rief sie von der anderen Ecke des Zimmers her , wo sie am Nähtischchen Schere , Zwirn und Nadel suchte , » kommst du von Altenstein ? Und ist der herzogliche Wagen etwa draußen ? Ja ? Aber , mein liebes Kind , dann schicken wir ihn doch fort ! Unser Lorenz macht sich ein Vergnügen daraus , dich nachher hinüberzufahren . « Sie warf einen Blick auf die Uhr über dem Sofa , die zwischen den Bildern ihrer Eltern hing . » In fünf Minuten halb zehn . Bis zehn Uhr kannst du doch bleiben ? « Und schon war sie am Glockenzug neben der Tür und rief ihre Befehle dem herbeieilenden Hausmädchen zu . » Hast du Lothar nicht gesehen ? « fragte sie dann , » der Jäger des Herzogs war hier , um ihn nach Altenstein zu bitten . Dich haben sie wohl auch holen lassen ? « Klaudine nickte . » Du machst ja ein recht erbauliches Gesicht dazu , Schatz ! « sagte Beate lachend . » Ich bin nicht ganz wohl , ich wäre lieber daheim geblieben . « » Warum sagtest du das nicht ehrlich ? « Klaudine wurde rot . » Ich glaubte es nicht sagen zu dürfen . Die Herzogin schrieb so liebenswürdig . « » Na , ja , Klaudinchen , eigentlich kannst du es auch so nicht « , erwiderte Beate und wichste den Faden , mit dem sie eben einen abgerissenen Henkel an ein grobes Leutehandtuch nähte . » Sie sind doch immer sehr gütig gegen dich gewesen « , fuhr sie fort , » und diese kleine Herzogin ist trotz ihres aufgeregten Wesens doch eine Seele von einer Frau , und so krank ! Nein , weißt du , es wäre geradezu eine Unart , wolltest du ihr nicht ein so geringes Opfer bringen . Wenn du dir etwa Sorgen machst , daß eure Wirtschaft unter deiner Abwesenheit leide , so beruhige dich nur , Kindchen , das übernehme ich . « Sie stand bei diesen Worten auf und machte sich wieder am Nähtisch zu schaffen , als wollte sie Klaudine nicht ansehen . » Du bist so freundlich « , murmelte das Mädchen . Auch die Ausrede , daß sie ihre Pflicht daheim nicht lassen könne , ward ihr genommen . Es war , als ob sich alles gegen sie verschwöre . » Aber du hast mir noch nicht gesagt , war Lothar in Altenstein ? « fragte Beate zurückkommend . » Er spielt mit Seiner Hoheit L ' hombre . « » O jemine , das soll immer sehr lange dauern ! Wer sind denn die anderen Mitspieler ? « » Vermutlich der Adjutant oder der Kammerherr und – irgendeiner , vielleicht Palmer . « » Ah – der ! Richtig ! Er sagte , er habe es eilig , als er sich von mir im Wagen verabschiedete . Ich bot ihm an , nach Altenstein zu fahren , aber er dankte , er sei gerade auf einem Spaziergang begriffen gewesen – bei diesem Regen , Klaudine – als er Frau von Berg getroffen habe . Er ziehe es vor zu gehen . Auch gut , sagte ich und ließ ihn laufen . Mir machte nur das Gesicht der guten Berg Spaß , als ich in den Wagen schneite . Kutscher und Kinderfrau erzählten mir nachher , Herr von Palmer sei schon öfter > zufällig < mit Frau von Berg zusammengetroffen , und die letztere fügte hinzu : › Dann sprechen sie ja wohl Welsch ‹ , – womit sie › Französisch ‹ meint – › denn ich verstehe kein Wort . ‹ Aber mein Gott , da kommt ja Lothar schon ! Sieh doch den Hund ! « Der prachtvolle Hühnerhund hatte sich erhoben und stand nun wedelnd vor der Stubentür . Ein rascher , elastischer Schritt näherte sich , und gleich darauf trat der Baron ein . Er sah einen Augenblick ganz bestürzt auf Klaudine , die sich erhoben hatte und ihr Spitzentuch wieder über den Kopf band . » Ah ! Meine gnädige Cousine « , sagte er , sich verbeugend , » und ich glaubte Sie noch in den Altensteiner Salons . Seine Hoheit brachen das Spiel so plötzlich ab , daß ich annahm , Sie wollten noch ein gemütliches Abendstündchen bei der Frau Herzogin verleben . Hoheit hatten übrigens entschiedenes Unglück im Spiel « , fuhr er fort , » indessen , das nahm er sichtlich für ein gutes Zeichen , er ist abergläubisch , wie alle großen Geister . Wenigstens nannte er mich mit Vorliebe heute abend › Vetter ‹ , und das geschieht immer nur , wenn das Barometer sehr hoch steht . « Er hatte bei diesen Worten den Hut aus der Hand gelegt und streifte die Handschuhe ab . » Gib mir einen Trunk ehrlichen kühlen Bieres , Schwester « , bat er dann mit veränderter Stimme , » dieser süße französische Sekt und diese süßen Zigaretten sind mir entsetzlich zuwider . Aber wollen Sie schon fort , Cousine ? « » Bleib doch noch ! « sagte Beate , und zu Lothar gewendet , fügte sie hinzu : » Sie ist freilich nicht ganz wohl , aber da die Herzogin ihr den Wagen gleichsam in die Stube schickte , blieb ihr nichts weiter übrig , als hinzufahren . « Herr von Gerold lächelte und nahm das schäumende Glas , das ein Diener ihm brachte . » Allerdings « , sagte er und trank . Klaudine , die während seines Sprechens aufgestanden war und das Tuch um ihre Schultern gezogen hatte , ward , als sie dieses Lächeln sah , bleich wie der Tod . Und plötzlich stand sie vor ihm , hoch aufgerichtet und stolz . » Allerdings « , wiederholte sie mit zuckender Lippe , » ich konnte die Aufforderung Ihrer Hoheit nicht zurückweisen . Ich bin heute zu ihr gegangen und werde morgen wieder gehen und übermorgen und alle Tage , wenn Hoheit es befiehlt ! Ich weiß , ich handle auch im Sinne Joachims , wenn ich einer Kranken ein paar Leidensstunden vergessen helfe , sei es nun die Herzogin oder das arme Weib , welches Taglöhnerdienste in unserem Garten versieht . « Sie hielt plötzlich inne . » Laß den Wagen vorfahren , Beate « , bat sie dann , » es ist hohe Zeit , ich muß heim . « Einen Augenblick war das Lächeln von seinem Antlitz gewichen , jetzt aber zuckte es schon wieder um seinen Mund . Er verbeugte sich tief und wie zustimmend . » Gestatten Sie , daß ich Sie begleite « , sagte er nun und griff nach seinem Hut . » Ich danke Ihnen , ich möchte allein sein ! « » Ich bedaure , daß Sie meine Gegenwart noch eine Viertelstunde ertragen müssen , aber ich lasse Sie nicht allein fahren . « Sie faßte Beate um den Hals und küßte sie . » Was hast du ? « fragte diese . » Du zitterst ja ? « » Oh nichts , Beate . « » Also laß es mich wissen , Klaudine , wenn du nicht daheim bist , ich hole mir dann die Kleine . « Wieder fuhr sie in den schweigenden Wald hinein . Sie lehnte in der Ecke des Wagens , ihr Kleid hatte sie dicht an sich gezogen und mit ihrer Hand fest in die Falten gegriffen , als wollte sie irgend etwas zerdrücken , um ihre innere Empörung zu beschwichtigen . Neben ihr saß Lothar . Der Schein der Wagenlaterne streifte seine Rechte , an welcher der breite goldene Ehering blitzte . Kein Wort ward geredet in diesem lauschigen , seidengepolsterten kleinen Raum , der zwei Menschen abschloß von dem Unwetter und den Schrecken der Nacht . In dem Herzen des Mädchens wogte ein Sturm von Zorn und Schmerz . Was glaubte dieser Mann von ihr , was war sie in seinen Augen ? Sie vermochte es nicht auszudenken , denn schreckhaft klangen ihr die eigenen Worte in die Ohren : » Und morgen werde ich wieder hingehen , und übermorgen und alle Tage ! « Nun war der Würfel gefallen , was sie gesagt hatte , das tat sie , und sie tat das Rechte . Sie beugte sich vor . Gottlob , dort schimmerte das Licht aus Joachims Fenster . Nun hielt der Wagen und der Schlag wurde aufgemacht . Baron Gerold sprang hinaus und bot ihr die Hand zum Aussteigen . Sie übersah es und ging der Pforte zu . Mit einer stolzen Wendung des Kopfes streifte sie ihn noch einmal , und da glaubte sie beim Scheine der Laterne , die der alte Heinemann mit hocherhobener Hand hielt , zu sehen , daß er ihr mit einem bekümmerten Ausdruck nachschaute . Aber das war wohl nur Einbildung gewesen . Sie kam fast atemlos in das Haus , und hinter sich hörte sie das Rollen des Wagens , mit dem er nach Neuhaus zurückkehrte . » Sie schlafen schon alle « , wisperte der alte Mann , indem er seiner Herrin die Treppe hinaufleuchtete , » nur der gnädige Herr arbeiten noch . Die Kleine hat bei Fräulein Lindenmeyer gespielt , und dann haben wir Erdbeeren mit Milch gegessen , es ging alles wunderschön . Das gnädige Fräulein brauchen gar nichts mehr zu tun , von Rechts wegen . « Sie nickte ihm zu mit ihrem ernsten , blassen Gesicht und schloß die Tür ihres Stübchens hinter sich . Dort sank sie auf den ersten besten Stuhl und schlug die Hände vor das Gesicht . So saß sie lange , lange . » Er ist nicht besser als die anderen « , sagte sie endlich und schickte sich an zu Bette zu gehen , » auch er glaubt nicht mehr an Frauenehre , an Frauenreinheit ! « Was hatte sie ihr genutzt , ihre Flucht ? Glaubte nicht gerade er das schlimmste von ihr ? Sein Lächeln , die Reden heute abend hätten es ihr gezeigt , auch , wenn sie es nicht schon längst gewußt hätte . Oh , die ganze Welt mochte denken von ihr , was sie wollte , wenn nur ihr Herz , ihr Gewissen rein blieb ! Sie allein würde dafür sorgen , daß sie den Blick nicht niederzuschlagen brauchte . Sie preßte die Lippen aufeinander . Wohl , sie würde ihm zeigen , daß eine Gerold selbst den trübsten , schlammigsten Weg zu gehen vermag , ohne sich auch nur die Schuhsohlen zu beschmutzen ! Sie erhob sich , zündete Licht an und blickte sich in ihrem Stübchen um ; wie sah es hier aus ! Die Spuren ihrer in Unordnung geratenen Gedanken zeigten sich erschreckend deutlich in dem sonst so zierlichen Raum , dort die Schranktür weit geöffnet , auf der Kommode Schleifen , Nadeln , Kämme in wirrem Durcheinander , verschiedene Kleider auf Betten und Stühlen , alles spiegelte so klar die Stunde der Unentschlossenheit wieder , die sie durchlebt hatte , ehe sie nach Altenstein fuhr . Sie wollte nicht , nein , sie wollte nicht gehen und fand doch nicht den Mut , sich mit einer Lüge entschuldigen zu lassen . Draußen hatten die Pferde ungeduldig gescharrt vor dem fürstlichen Wagen und eine Viertelstunde nach der anderen war verstrichen , bis Joachim zuletzt kam : » Aber , Schwester , bist du noch nicht fertig ? « Da war sie gegangen . Sie begann aufzuräumen . Wie erleichtert atmete sie auf , als wieder Ordnung um sie herrschte . Ja , es war nun überhaupt alles geordnet , sie selbst hatte die Entscheidung getroffen in einem Augenblick des Zornes , des bittersten Wehes . Aber war es wirklich das Rechte ? 10. Frau von Berg saß in ihrem Zimmer im Neuhäuser Schlosse am Schreibtisch . Die Tür zum Nebenraum stand offen , dort wohnte das Kind mit einer Wärterin . Vor den Fenstern rauschte der Regen hernieder und winkten die nassen Zweige der Linden . Die Dame hatte sich in ein dickes wollenes Tuch gehüllt und schrieb . Die Erregung mochte wohl ihre Feder führen , denn diese jagte förmlich über das starke cremefarbige Papier und die Buchstaben waren so merkwürdig klein und flüchtig . Sie war außerordentlich schlechter Laune , und als eben Beates laute Stimme vom unteren Hausflur bis hier herauf scholl , machte sie eine Faust und sah zornfunkelnd zur Tür hinüber . Wer stand ihr denn dafür , daß dieser Hausdrache nicht , kraft seines Amtes , wieder einmal bei ihr eindrang , um sich zu überzeugen , ob alles in Ordnung sei hier oben ? Und das schlimmste blieb , daß man hier so machtlos war . Der Baron hatte ja kaum noch Augen für sein Töchterlein , und wo diese Augen waren , das wußte sie nur zu genau . Gestern abend hatte er sie ja noch bei Nacht und Nebel nach dem Eulenhause begleitet ! Sie blickte durchs Fenster , dann nickte sie , als ob ihr etwas besonderes einfiele , und schrieb weiter : » Ich habe bereits gestern Prinzeß Thekla in meinem wöchentlichen Bericht über das Befinden ihres Enkelkindes verschiedene Andeutungen gemacht , die Prinzeß Helene in einen ihrer bekannten Wutanfälle versetzt haben werden . Es ist kaum glaublich , wie sehr diese junge Dame zur Eifersucht neigt . Nun , ich erzählte Ihnen ja öfter davon . Übrigens , mein bester Palmer , hörte ich gestern abend im Vorübergehen an dem Wohnzimmer – ich kam aus der Plättstube , wo ich einen Wortwechsel mit dem Hausmädchen hatte – Sie glauben nicht , wie man sich ärgern muß in diesem gottbegnadeten Musterhaushalt , wenn man einmal etwas außergewöhnliches verlangt – ich hörte also im Vorübergehen , wie das Gänschen , genannt Schwan , ihrem allergetreuesten Verehrer mit erhobener Stimme erklärte , daß sie die Absicht habe , jeden Tag nach Altenstein zu pilgern ! Somit hätte sich ja Ihre Prophezeiung als wahr erwiesen . Wie sagten Sie doch noch ? › Es gibt kein besseres Mittel , einen schüchternen Liebhaber um den letzten Rest gesunder Vernunft zu bringen , als ein wenig Versteck mit ihm zu spielen . ‹ Sie sagen freilich , der Herzog ist abgekühlt , um so besser ! Erlauben Sie mir aber , vorläufig noch einige geringe Zweifel an dieser Abkühlung zu hegen , ich glaube den Allergnädigsten besser zu kennen . Morgen hoffe ich Sie zu sehen . Fräulein Beate hat nämlich großes Reinmachen angesagt . Sie pflegt sich dabei ein weißes Kopftuch umzubinden und mit einem langen Besen die Ahnenbilder abzustäuben . Es ist ein Festtag dann , zu Mittag gibt es Kartoffelklöße mit Backobst , ah , es ist ein idyllisches Leben hier ! Lange halte ich es nicht mehr aus , mein Bester , die Versicherung gebe ich Ihnen . Sorgen Sie , daß man nicht ewig hier bleibt , dann hört auch meine Gefangenschaft auf . Lassen Sie Cholerabazillen im Brunnenwasser sein auf Altenstein , oder setzen Sie einige Dutzend Ratten und Mäuse in die Allerhöchsten Zimmer , lassen Sie den seligen Oberst oder die schöne Spanierin spucken gehen oder