sich über den Brunnen und rückte das Brett mit dem überströmenden Krug aus dem Bereich der Rinne . » Ich glaube Ihnen schon gesagt zu haben , daß ich gar nicht imstande bin , irgend etwas ohne ihr Mitwissen zu tun , « antwortete sie , ihrer augenblicklichen Beschäftigung zugewendet . » Ja , das haben Sie gesagt , « bestätigte er . » Und es ist ja auch ganz natürlich , daß Ihr Fräulein ein solches Geheimnis begünstigt . Ist doch die Intrige das Lieblingsspiel dieser Damen ; und kann es einmal nicht in herrschaftlichen Kreisen sein , nun , dann nimmt man auch mit einem niedrigeren vorlieb , lediglich aus Lust an der Sache ... Ich kenne diese stille Maulwurfsarbeit im Schoße der Familie – ich kenne sie ! ... Natürlich arbeiten sie am liebsten für sich selbst . Sie scheinen nichts zu hören , nichts zu sehen , saugen aber förmlich mit allen Poren die großen und kleinen Familiengeheimnisse in sich ein . Man hört nicht , wie und wo sie den Fuß aufsetzen , aber sie setzen ihn auf , das steht fest , und erklimmen meisterhaft Staffel um Staffel , bis sie plötzlich obenauf sitzen , die Demütigen , die Übersehenen , und vor den Augen einer verratenen Braut , oder denen der Töchter eines verwitweten Vaters den Rahm abschöpfen . – Sollte die Kammerjungfer , die Vertraute der Erzieherin im Hause des Generals von Guseck , gar nichts davon zu erzählen wissen ? – « Das Mädchen stand noch halb abgewendet am Brunnen . Sie hatte einmal die Hände gehoben , um sie dann gefaltet wieder sinken zu lassen , und nun sah sie zurück , aber nicht mit dem erregten Blick des Verletztseins , den er an ihr kannte ; es sprachen nur schmerzliches Erstaunen und schwerer Vorwurf aus den braunen Augen , die sie langsam zu ihm aufschlug , während sie gepreßt sagte : » Der verwitwete General von Guseck hatte einen erwachsenen Sohn und eine siebzehnjährige Tochter , die Braut war . Sie alle haben zu der Erzieherin der jüngeren Kinder vertrauend und hochachtungsvoll gestanden , als gehöre sie zu ihnen ... Und ich weiß , daß die Erzieherin dieses Vertrauen nie , auch nicht mit dem leisesten selbstsüchtigen Gedanken mißbraucht hat . Ich weiß es am besten – ich will die Hand darauf ins Feuer legen – « » Ei ja , das fehlte noch ! « unterbrach er sie herb auflachend . » Die arme , hartgearbeitete Hand da auch noch ins Feuer legen für diese geborene Selbstsucht ! ... Sind Sie nicht mitgeschleppt worden in die Einöde , in Not und Mangel hinein , damit der Verwöhnten die Pflege und Bedienung nicht fehle ? Die alte Frau auf dem Vorwerk sagt selbst , daß Sie zu der harten Feldarbeit nicht erzogen sind , und nun sind Sie gezwungen , sich diesen schweren Dienstleistungen zu unterziehen , weil Ihre vergötterte Dame sonst schwerlich – etwas zu essen haben würde . « Sie schüttelte lebhaft den Kopf und biß sich mit den kleinen weißen Zähnen auf die Unterlippe . Es war , als kämpfte sie mit Gewalt eine Entgegnung nieder , während ihre Augen einen Augenblick in unbezwinglichem Humor aufleuchteten . » Bemühen Sie sich nicht weiter , « wehrte er spöttisch jede Entgegnung ab . » Die Ehrenrettung gelingt Ihnen doch nicht – ich weiß das wirklich besser ! – Haben diese Damen einmal vom berauschenden Becher des Reichtums gekostet , dann sind sie verloren und verdorben für das häusliche Leben . Sie träumen und denken dann nichts anderes mehr , als sich die Stellung inmitten des himmlischen Wohllebens für immer zu befestigen , und dazu soll und muß ihnen nun solch ein armer , unglücklicher , reicher Mann helfen , gleichviel ob er grauhaarig und altersmürrisch , oder jung und simpel ist , ob er überhaupt will oder nicht ... Vielleicht wußten die im Hause des Herrn von Guseck das recht gut und waren auf ihrer Hut , wie ich ja auch lieber zeitlebens einsam bleiben , als eine ehemalige Erzieherin zur Herrin meines Hauses machen würde – lieber das erste beste Bauernkind vom Walde , wenn es nur die Ehrlichkeit auf dem Gesicht und die Wahrheit im Herzen hat ! « Er sah , wie ihr alles Blut aus den Wangen wich , aber sie erwiderte nichts mehr . Sie ergriff den Krug , um ihn von dem Brett zu heben und sich zu entfernen . » Nun , gehen Sie wirklich wieder dort hinein ? « – Er zeigte nach dem Forstwärterhaus . – » Hat denn das wüste Lärmen gar nichts Zurückschreckendes für Sie ? « Sie sah seitwärts , unter halbgesenkten Wimpern hervor , nach ihm hin . » Ich habe starke Nerven , fast wie ein derbes Bauernkind vom Walde , das ja vor dem Sonntagslärm in der Schenke auch nicht zurückschreckt , « entgegnete sie mit großer Schärfe . » In diesem Falle wird übrigens gar nicht gefragt , ob ich mich entsetze oder nicht – ich habe mich einfach dem › Muß ‹ zu fügen – « » Damit wollen Sie sagen , daß Sie bereits durch Pflichten an das Haus gebunden sind , « fiel er tonlos ein . » Aber welcher Art diese Pflichten sind , darüber mögen sich die Leute ebenso den Kopf zerbrechen , wie über Fräulein Erzieherin , die wie ein Götterbild hinter geheimnisvollen Schleierwolken steckt . « – Sein Ton wurde spitz und satirisch . – » Mein Gott , ja , es mag schon lustig sein , die Welt an der Nase herumzuführen , sehr vergnüglich sogar , und ich verdenke Ihnen diesen Zeitvertreib keinen Augenblick . Die ansässigen Leute im Hirschwinkel freilich sind nicht so harmlos , wie ihr neuer Herr – sie lösen die Rätsel auf ihre Weise und finden kein entschuldigendes Wort für Amtmanns Magd , die zu allen Tageszeiten in das Waldhüterhaus geht – der Mann haust allein – « Er verstummte . Es war ihm selbst peinlich , zu sehen , wie ihre Hand kraftlos vom Krughenkel niedersank , wie ihr das heiße Rot aufstieg bis unter das Haar an Stirn und Nacken . Den Blick schamvoll weggewendet , stand sie einen Augenblick unbeweglich , und zum erstenmal sah er die Umrisse ihres Profils , die daran schließende feine Linie des Halses so regungslos vor sich , wie ein auf dem dunklen Hintergrund des Buchengrüns festgehaltenes Bild . Über die obere Halspartie lief ein Samtbändchen , wie ein dünner , mit dem Tuschpinsel ausgeführter , trennender Strich . Unwillkürlich kamen dem jungen Mann die Worte Fausts : » Wie sonderbar muß diesen schönen Hals – ein einzig rotes Schnürchen schmücken « – zu Sinne ; und der herrliche Talgrund wandelte und verengte sich ihm zur düsteren Schlucht ; das Waldhüterhaus mit seinen verhangenen Fenstern und dem wilden Treiben dahinter , von welchem das Mädchen in sichtlicher Angst wünschte , daß es draußen nicht gehört werden möge , sah plötzlich aus , als dürfe sich das Verbrechen hineinschleichen und drin herbergen ... Und hierher ging sie , heimlich , Zeit und Muße dazu förmlich stehlend , wie magnetisch in einen unheimlichen Strudel hineingerissen . – Ein wilder Schmerz durchfuhr ihn bei der Befürchtung , daß sie bereits hinabgestürzt sein könne . Aber stand sie nicht da wie eine aus dem Nachtwandeln Aufgeschreckte , entsetzt , die flammenden Zeugen einer namenlosen Bestürzung auf dem Gesicht ? – Vielleicht verscheuchte sie dieser eine bittere Augenblick für immer aus dem Grafenholz ! – Er hoffte es , in unbeschreiblicher Spannung keinen Blick von ihr wendend ; aber gerade jetzt sah sie wieder auf – eine finstere Entschlossenheit sprach aus ihren Zügen . » Ich frage nichts nach den Lästerzungen , « sagte sie kurz und warf den Kopf auf . » Auch nicht , wenn Ihnen ehrbare Leute ihre Tür verschließen ? « rief er heftig . » Frau Griebel wehrt sich energisch gegen Ihre Übersiedlung in das Gutshaus , um ihrer unschuldigen Tochter willen ! « fügte er in grausamer Deutlichkeit hinzu . Das schien sie in das Herz zu treffen . In stummer Qual ballte sie die Hände und drückte sie gegen die Brust , und doch sagte sie gleich darauf gefaßt , mit großer Bestimmtheit : » Die Frau wird mir diese Härte später abbitten . Sie ist übrigens nicht die Gebietende auf dem Gute , die Entscheidung hängt von Ihnen ab , und Sie werden mir die Tür nicht verschließen – « » So – meinen Sie ? « unterbrach er sie mit zornigem Lächeln . » Wofür halten Sie mich denn ? « » Wofür ich Sie halte ? « wiederholte sie und schlug die Augen langsam zu ihm auf . » Ich halte Sie für einen edlen Mann , für die Großmut selbst . Wenn Sie können , so vergessen Sie die bösen Worte , die ich Ihnen in meiner Verblendung zu sagen gewagt habe ... Wie mußte ich mich schämen , als ich erfuhr , in welcher Absicht Sie auf das Vorwerk gekommen waren ! Sie haben die alten Leute aus Not und Sorgen errettet ! Sie sollten sehen , wie die arme Kranke neu auflebt , seit sie sich unter Ihrem Schutze weiß – schon dafür allein möchte ich Ihnen danken « – sie brach ab und streckte ihm fast schüchtern die Hand hin . Aber sein verdüstertes Gesicht hellte sich nicht auf . » Lassen Sie das ! « ließ er sie hart an und wies mit einer heftig schüttelnden Handbewegung ihre Rechte zurück . » Wofür danken denn Sie ? – Ich frage , was geht es die Magd an , wenn ich mit meinem Pächter eine Vereinbarung treffe ? Davon verstehen Sie nichts und sollten sich doch ja nicht hineinmischen . « – Groll und Verdruß preßten ihm hörbar die Kehle zusammen . – » Und Ihre Beschuldigungen halten Sie nur immerhin aufrecht ! Ich bin nicht gut , ganz und gar nicht , und in diesem Augenblick am allerwenigsten – alles Böse ist lebendig in mir , alle Bosheit und Schadenfreude ; wenn ich Ihnen einen Schmerz zufügen könnte , ich tät ' es mit Genuß – « Das Mädchen streifte ihn mit einem scheuen Seitenblick – er sprach so laut und heftig . » Und dann , bleiben Sie doch bei der Wahrheit ! « fuhr er beherrschter , aber um so anzüglicher fort . » Für die alte Frau dünken Sie , und die verwöhnte Prinzessin in der Dachstube ist gemeint . – Ach ja , Sie denken , der erste Stock im Gutshause sei immerhin eine Entschädigung für die Guseckschen Räume , eine Art Erholungs- und Verschönerungsaufenthalt , in der dem Vogel die verschnittenen Flügel wieder wachsen sollen . Fräulein Erzieherin ist selbstverständlich wieder einmal die Hauptperson – wir werden wohl das Gutshaus feierlich bekränzen müssen , wenn sie einzieht . « Sie sah niedergeschlagen aus und schüttelte den Kopf . » Die armen Erzieherinnen ! In Ihren Augen täten sie jedenfalls besser , ihre Lehrbücher zuzuschlagen und für andere zu scheuern und zu waschen . « – Sie seufzte leise auf . » Nach Ihrer vorgefaßten Meinung ist Agnes Franz eine eitle , arbeitscheue Zierpuppe ; « – ein schwermütiges Lächeln flog um ihren Mund , als er spöttisch eifrig mit einer ironischen Verbeugung bejahte – » aber wäre sie es auch je gewesen , die Ziererei hätte ihr vergehen müssen bei ihrer Heimkehr ... Ich will ja nicht leugnen , daß sie anfangs nahe daran gewesen ist , die Flinte ins Korn zu werfen und ihren schweren Pflichten in voller Verzweiflung davonzulaufen . Bis ein zwanzigjähriger Mädchenkopf dem strengen Schicksal gegenüber mit sich selber fertig wird , dazu gehört viel , unaussprechlich viel . Aber sie hat sich ja doch hineingefunden . « – Einen Augenblick schwieg sie , als überwältige sie die Erinnerung an das Elend , in welches auch sie von fernher mitgekommen – dann atmete sie erleichtert auf . » Und nun wird ja alles gut ! Die lieben , alten Leute sind wohl versorgt für ihren Lebensrest : nun kann sie getrost ihren Beruf wieder aufnehmen . Sie wird freilich so lange Ihre Gastfreundschaft annehmen müssen , als die Kranke ihre Pflege braucht – « » Mein Gott , was kümmert mich das ? Wir werden uns nicht in den Weg kommen . Ich reise in den nächsten Tagen ab . Mag sie doch so lange im Gutshaus bleiben , als sie Lust hat ! ... Aber Sie ? ! – « » Ich ? « Sie legte die Hände auf die Brust und sah vor sich nieder . Er war empört über den Anflug eines reizenden Lächelns , das ihr Antlitz unbeschreiblich verschönte – in diesem Augenblick zu lächeln ! Sie war doch genau so leichtfertig und weltverdorben wie ihre Dame ! – » Nun , ich werde auch bleiben , « sagte sie , ohne aufzublicken . » Wenn Sie das eine wollen , werden Sie das andere müssen . « » Ei , was Sie da sagen ! Darin irren Sie sich aber gründlich , denn ich werde nicht müssen , es sei denn « – er hielt inne und fixierte ihr Gesicht in atemloser Spannung – » es sei denn , daß Sie die Bedenken meiner braven Griebel beseitigen , indem Sie mir versprechen , das Haus dort von dieser Stunde an nicht mehr betreten zu wollen . « » Nein – das kann ich nicht ! « entgegnete sie ohne Zögern , ernst und bestimmt . Er trat von ihr weg , die Augen voll Haß und Grimm . » So gehen Sie Ihres Weges – ich verliere kein Wort mehr ! « rief er . » Nur eines sollen Sie noch wissen , « – er bog sich wieder hinüber und sagte verbissen : » Sie sollen erfahren , daß ich Sie vom Grund meines Herzens verachte . « Sie fuhr empört auf . Einen Augenblick maßen sich diese beiden Menschen mit Zornesblicken ; aber wenn er die Tränen , die ihr an den Wimpern zitterten , für Zeugen mädchenhafter Schwäche und Hilflosigkeit hielt , so irrte er sich . Sie wandte ihm plötzlich mit einer stolzen Wendung den Rücken und hob den Krug vom Brunnenbrett . » Wissen Sie darauf gar nichts zu sagen ? « rief er zürnend . » Nichts ! – Was liegt daran , ob Sie die arme Magd des Amtmanns verachten oder nicht ! Sie will nur für ein paar Menschen da sein – für sie ist die Beachtung von seiten anderer nur eine Pein . « Damit schritt sie vom Brunnen weg , direkt nach dem Forstwärterhaus . » Grüßen Sie mir Ihre lustigen Freunde da drüben ! « rief er ihr in beißendem Tone nach . Die weiche Luft schien die Laute zu verwehen , noch ehe sie das Ohr des Mädchens erreichten . Nicht die geringste Bewegung verriet , daß sie seinen boshaften Zuruf gehört habe . Sie ging festen Schrittes weiter und war im nächsten Augenblick hinter der Hausecke verschwunden . 12. Noch an demselben Abend machte sich Herr Markus reisefertig ... Das war ja nicht zu ertragen ! Was zwang ihn denn , sich selbst auf der Folterbank in diesem Thüringen festzuschmieden ? Die ganze , weite Welt stand ihm ja offen , und wenn er erst draußen war , und das frische , fröhliche Leben wehte ihn wieder an und zerblies die dumpfe , dicke Nebelkappe , die seinen sonst so klaren Kopf umhüllte und alle seine Gedanken gewaltsam auf den einen gehaßten , verwünschten Punkt hinzog , dann lachte er gewiß und schämte sich der Othellogefühle , die ihn immer wieder antrieben , nein , hetzten , dieses Waldhüternest zu umschleichen , wie der Marder das Taubenhaus – ein schönes Taubenhaus ! Eine Waldschenke war ' s , voll zechender , johlender Gäste ! ... Ja , eine Taube flog wohl aus und ein – eine schöne , weiße , mit täuschend unschuldsvollen Augen – aber sie fragte viel danach , ob ihr helles Gefieder in dieser schwülen , wüsten Umgebung befleckt wurde , wenn nur ihr Kommen und Gehen wohlbehütet unter dem Schleier des Geheimnisses blieb ! ... Lug und Trug gaukelten auch durch diesen abgeschiedenen stillen Weltwinkel – und warum nicht ? Belladonna und der verderbliche , schönglockige Fingerhut mischten sich ja auch unter Kraut und Strauch , unter die erquickenden Frucht- und Blumenspenden des edlen Waldes , und die Kreuzotter zischte aus dem Wurzelgeflecht der majestätischen Baumsäulen ... Er ordnete die Papiere für seinen Buchhalter und schickte sie heim , und dabei schrieb er , daß es mit seiner Vergnügungsreise nicht allein bei Nürnberg und München bleibe , er wolle viel , viel weiter – wieder einmal nach Rom und Neapel – und käme deshalb nicht so bald in seine vier Pfähle zurück ... Und dabei meinte er , grimmig vor sich hinlachend , daß er gegenüber der erhabenen Marmorschönheit in den Sälen und Museen Roms , unter den Pinien am Golf von Neapel kaum noch verächtlich des Mädchens im Arbeitskittel und der herben Luft , der engen , grünen , einsamen Täler des Thüringer Waldes gedenken , ja , daß er seinen jetzigen Wahnwitz dann nicht einmal mehr begreifen werde ... Aber als er am anderen Morgen die Vorhänge auseinanderschlug und das Fenster öffnete , und ihm die geschmähte , herbe Luft als würziger , erdbeerdurchdufteter Kraftodem entgegenschlug , die wogenden Kornbreiten des Talgeländes morgensonnentrunken zu ihm aufleuchteten , und hart daneben der Buchenschatten dämmerte , wohlige Nachtkühle über die tief in sein Herz hineinlaufenden Waldwege breitend , da überkam ein unerklärliches Trennungsweh den tieferbitterten , zornigen Mann , und heiße Sehnsucht , die mit den toten Augen der Marmorbilder und dem weichen Wehen südlicher Lüfte nichts zu schaffen hatte , wallte übermächtig in ihm auf . Er räumte Mantel und Reisetasche schleunigst beiseite und quartierte sich wie fast immer für den ganzen Tag im Gartenhäuschen ein . Das Weichbild jenseits der Mauer jedoch betrat er nicht . Er erging sich im Lindenschatten des Gartens , las und schrieb , ließ die Rollvorhänge nieder vor den Gartenhausfenstern , die nach dem Fichtengehölz hinausgingen , und schloß die auf Altan und Holztreppchen führende Tür so fest zu , als solle nie wieder ein Menschenfuß da aus und ein gehen . Und diesen einen Tag blieb er auch übermenschlich standhaft in seiner selbstgewählten Gefangenschaft ; ja , er hörte scheinbar äußerst gutmütig zu , als Frau Griebel nachmittags kam und erzählte , daß sie bereits eine neue Magd für Amtmanns gemietet habe . Die stramme Person werde schon in diesen Tagen die Stelle antreten , und da sei sie , die alte Griebel , lieber gleich selbst nach dem Vorwerk gegangen , um den Leuten die Nachricht zu bringen ... Die Hände habe sie Zusammengeschlagen über die Frau Amtmann , die jahraus , jahrein im Bett liegen müsse ; und dabei sei die arme Kreuzträgerin so lieb , so sanft und freundschaftlich gewesen , daß sie kaum die Zeit erwarten könne , wo sie selbst das elende , ganz zusammengezogene Weibchen heben und tragen werde – denn daß sie die Pflege in die Hände nehmen müsse , das stehe bombenfest , nach allem , was sie heute in den paar Augenblicken beobachtet habe ... Die Amtmannsleute seien mutterseelenallein gewesen – der alte Krüppel , der kaum noch über die Stubendielen kriechen könne , habe ihr die Haustür aufschließen müssen , und in der Küche sei mit keinem Auge Feuer noch Rauch zu sehen gewesen , und das gerade um das Kaffeestündchen , wo doch der Ärmste ein Töpfchen voll Zichorienwasser ans Feuer rücke ! – Ein wahres Ärgernis sei es da drüben ! Das vornehme Erziehungsfräulein habe jedenfalls ihr Nachmittagschläfchen gemacht , und die andere – na , von der wisse man ja , wo sie zu suchen sei ! – Die könne aber nun abkommen und sich mit Sack und Pack zu ihrem Forstwärter trollen ; denn die » Neue « sei ein wahrer Dragoner , ein Arbeitsbär , mit Händen , an denen jede rechtschaffene Landwirtsfrau ihre Freude haben müsse . Die bringe das bißchen Kram im Haushalt und die Arbeit auf dem ausgehungerten Felde spielend fertig und gehe in Nägelschuhen und Flanellrock , wie es sich für eine ordentliche Magd auf dem Dorfe schicke – kurz und gut , es sei Zeit , daß drüben gründlich ausgefegt und reiner Tisch gemacht werde , und damit habe dann auch die Schande im Grafenholz ein Ende . Bei dieser Rede hatte die brave , kleine Dicke scharf mit ihren schmalgeschlitzten Äuglein an dem Gutsherrn hinaufgesehen ; denn seit gestern , wo sie die Gottesgabe , den Griebelschen Musterkaffee , unangerührt und eiskalt auf dem Schreibtisch vorgefunden und die auf dem Fußboden verstreuten Geschäftspapiere zusammengelesen hatte , war ihr der neue Besitzer des Hirschwinkels sehr befremdlich , und eben hatte er ja so verdächtig aufgezuckt , als wolle er ihr mit allen seinen schlanken Fingern in die saubergebürsteten , spärlichen weißblonden Haare fahren . Natürlich war sie nicht die Frau , die so etwas bemerkte . Sie hatte nun erst recht » von der Leber weg gesprochen « und war nachher mit dem Bemerken fortgegangen , daß sie heute noch die Mägdekammer auf dem Hausboden für » die Neue « ausräumen und herrichten müsse . Und dann , nachdem die Sonne untergegangen , war es wirklich geschehen , daß eine hastige Hand an der Altantür leise den Schlüssel umgedreht und den Riegel zurückgeschoben hatte ; und gleich darauf war der Gutsherr das Holztreppchen herabgestiegen und zwischen dem Kornfeld und der Gartenmauer hingeschritten ; der Weg lief an den Hintergebäuden des Gutes hin und , über ein Wiesenstück weg , direkt in den Wald hinein ... Der Wandelnde hatte den Hut tief in die Augen gedrückt gehabt , als schäme er sich vor dem wispernden Halmgewoge und den dunkelnden Waldwipfeln , die in ernster Majestät auf eine neue Torheit niedergesehen . Es hatte aber auch jedes Geräusch , das der eigenen Schritte , das ferne Durchbrechen eines Wildrudels im Unterholz , das Huschen der Eichhörnchen droben durchs Geäst , doppelt scharf und nervenberührend geklungen – ein polizeiliches » Halt « vor diesem Wege hätte dem Dahingehenden weit weniger zu schaffen gemacht , als der Gedanke , daß Herr Markus , der gestrenge , unentwegt Rechtliche daheim , hier scheu wie ein Wilderer durch fremdes Revier schleiche ... Und im Stall des Waldhüterhauses hatten die Ziegen verräterisch gemeckert , und der Hund hatte drin die Schnauze an die Fuge der Flurtür gedrückt und geknurrt , zum Ärger dessen , der das Haus umkreist hatte und auf dem weichen Wiesenboden fast unhörbar geschritten war . Die Eckfenster waren noch genau so streng verhüllt gewesen wie gestern ; nur aus einem Fenster an der Nordseite war ein helles Licht in die Abenddämmerung hineingeflossen – und durch dieses Fenster hatte er gesehen , was er gefürchtet , was ihm Verwünschungen auf die Lippen und eine Träne ohnmächtigen Zornes und rasender Erbitterung in die Augen getrieben ... Ja , sie war dagewesen ; sie hatte am Küchenherd gestanden , und eine grelle Flamme war jäh aus dem offenen Herdloch emporgelodert und hatte sie voll beleuchtet ... Er war in Versuchung gewesen , hinüber zu springen und mit einem Faustschlag gegen das Fenster sie aufzuschrecken aus dem tiefen Sinnen , das gleichsam einen Schleier über das schöne Gesicht des Mädchens gebreitet . Dazu wäre ihm aber auch kaum die Zeit verblieben – sie hatte sich plötzlich selbst emporgerafft , hatte mit hastigen Händen die Herdringe über die Flamme gedeckt und war mit einer dampfenden Eßschüssel in der Hand hinter der nächsten Tür verschwunden . Der Mann draußen war noch einen Augenblick stehen geblieben , dann hatte er , sich hoch aufrichtend , gleichsam den Staub von den Füßen geschüttelt und war harten , festen Trittes unter den Fenstern des Hauses hingegangen , so daß Freund Dachs hinter der Flurtür nunmehr mit Fug und Recht laut geworden war . Ein Fenster hatte geklirrt – es mochte auch jemand herausgesehen haben ; aber Herr Markus war auf der Fahrstraße fürbaß gegangen wie andere Wanderer auch , die das einsame Haus interesselos seitwärts liegen ließen ... Nein , er durfte nicht länger der klägliche , erbärmliche Spielball dieser unseligen Leidenschaft sein ! Schande über den Mann , der sich die Wogen leidenschaftlicher Gefühle über dem Kopf zusammenschlagen ließ ! Es mußte alles vorbei sein , als habe ein Erdsturz dort hinter ihm den roten Würfel mit seinen Insassen verschlungen ... Die Sterne waren nur blaß auf dem noch ziemlich lichten Himmel hervorgetreten ; aber sie waren doch dagewesen , die wenigen , denen die vorquellenden Baumwipfel zu beiden Seiten ein Hereinlugen gestattet , sie hatten auf ihrem Posten gestanden und auf den dahinstürmenden Mann unverändert herabgesehen , wie sie schon vor Jahren über seinem Kindeshaupt geschienen ... Wie nur die Dichter mit diesen unwandelbaren , im steten , tröstlichen Licht schimmernden Sternen die Frauenaugen vergleichen mochten ! – Ein hohnvolles , bitteres Auflachen hatte gespenstig in die tiefe Einsamkeit hineingeklungen . – Gab es denn etwas Verlogeneres , als solch einen seelenvollen Mädchenblick unter dunklen Wimpern hervor ? – So war der letzte Tag dieser stürmischen Woche , der Sonnabend , gekommen , und mit ihm der Baumeister , der den Riß des neuen Vorwerkhauses brachte . Er hatte auf der Schneidemühle zu tun , wohin ihn der Gutsherr begleitete , und blieb über die Mittagszeit im Hirschwinkel . Als aber sein Wagen vom Hoftor wegrollte , da kam auch Herr Markus schon die Treppe herab , um den Bauriß auf das Vorwerk zu tragen . Er durfte sich das wohl zutrauen – er war ja über Nacht vollkommen ruhig geworden , jawohl , so ruhig , als sei sein Herzschlag nie aufgeregt gewesen . Das Gefühl der Verachtung hatte ihm den Sieg über die unselige Neigung verschafft . Und wenn ihm auch war , als scheine die Sonne gar nicht mehr so strahlend über die Welt , und als sei es so seltsam tonlos still um ihn her geworden , wie wenn die dunkle Erde alle sonnige Fröhlichkeit aus der Lebenslust in sich aufgesogen hätte – so mußte man sich darüber hinwegzusetzen wissen ; besser in ein Grab sehen , als sich durch einen Zauber narren lassen und sich selbst zum Gespött werden ! ... Im Vorwerkgarten hatte man angefangen das Gras zu mähen ; bis auf den schmalen Weg herein waren die blumendurchsprenkelten Büschel verzettelt . Es lag aber auch ein Taschentuch da ; Herr Markus nahm es auf , das feine , schneeweiße Tüchlein , dem ein zarter Veilchengeruch entströmte . Fräulein Erzieherin hatte sich hier ergangen , und es war leicht möglich , daß er sie jetzt dort in der Lindenlaube mit ihrer Arbeit oder einem Buch in der Hand überraschte . Das ließ ihn allerdings sehr kalt ; er wünschte durchaus keine Begegnung und wollte einfach im Vorübergehen den Hut ziehen – aber auch das unterblieb . Die Mäherin stand am Tisch unter der Laubenwölbung . Sie hatte sich wahrscheinlich , ermüdet und erhitzt , für einen Augenblick in den kühlen Schatten geflüchtet . Die Sichel lag vor ihr auf der Steinplatte neben einer Handvoll Gras , aus welchem das Mädchen die Blumen zusammensuchte . Ohne zu grüßen , legte Herr Markus das gefundene Tuch auf den Tisch , und sein Blick streifte spöttisch nur die schlanken , braunen Hände – er mußte » der Neuen « gedenken , die mit ihren gepriesenen Arbeitsfäusten das anmutige Geschäft des Straußbindens schwerlich fortsetzte . Und er ging weiter , als sei die Laube vollkommen leer gewesen . » Kurz angebunden « hatte der Forstwärter sein Tun und Wesen genannt , und das war er augenblicklich in jeder Linie , kurz angebunden und herrisch , » ein Vornehmer « , für den die Dienstleute des Hauses , das er besucht , nicht vorhanden sind ... Aber schon über den Hof schritt er als ein anderer . Die alte Frau auf dem Krankenlager durfte und sollte es nicht mitempfinden , daß ihm dieses Vorwerk nunmehr in tiefster Seele verhaßt sei . Er breitete den Bauriß auf ihrer Bettdecke aus und weidete sich an der freudigen Bestürzung , mit welcher sie die Zeichnung des schmucken Neubaues anstaunte . Ja , da waren schöne , hohe Fenster und Glastüren , die auf die Veranda hinausgingen ! Wilder Wein sollte sich um das Eisengeländer und die Verandasäulchen schlingen und an Stelle des öden Wirtschaftshofes vor der Hauptseite zeigte die Skizze einen hübschen , mit Kugelakazien besetzten Rasenplatz . Er beschrieb ihr , die in einem Atem weinte und lachte , die ganze innere , zweckmäßige Einrichtung des Hauses und blieb äußerlich völlig gelassen den lächerlichen Ansprüchen und Ausstellungen des Amtmanns gegenüber , dem plötzlich der Kamm ganz gewaltig schwoll . Der unverbesserliche Aufschneider war sofort wieder Herr der Lage – das Haus baute er . Er faselte von getäfelten Fußböden , von Samtmöbeln , die er für das gute Zimmer anschaffen werde , und tadelte es heftig , daß keine eigentliche Anfahrt da sei , welche das direkte Herankommen einer anständigen Kutsche gestatte . Und dabei hinkte er aufgeregt durch die Stube und schlug den geflickten Schlafrock , dem ein verwaschenes Baumwolltuch aus der Tasche hing , majestätisch wie einen kostbaren Pelz über der Brust zusammen . Der Gutsherr lächelte nur und drückte der Kranken , die ihn bei den Auslassungen angstvoll ansah , beruhigend die Hand , wobei er ihr sagte , daß er in Berlin auch nach einem bequemen Fahrstuhl suchen würde , auf welchem ihre Übersiedlung nach dem Gutshause bewerkstelligt werden solle ... Dann aber erhob er sich eiligst . Es mochte wohl die dumpfe , eingeschlossene Luft der Wohnstube sein , die ihm das Blut pochend , voll prickelnder Unruhe nach den Schläfen jagte und ihn hinaus ins Freie