was gesagt ! “ Die Magd eilte herzu und Ernestine drehte und wendete sich und blieb dabei , sie liege mit dem Kopfe unten und mit den Füßen oben . Rieke kam endlich auf den Gedanken , daß Ernestinens vorige Bettstelle an der entgegengesetzten Wand gestanden hatte , und daß sich die alte Gewohnheit nun beim Erwachen gel ­ tend mache . Sie war klug genug , das als ein gutes Zeichen zu betrachten und bettete Ernestinen rasch und vorsichtig um . Als diese die Hand ausstreckte und nun die Wand an der Seite fühlte , wo sie es ge ­ wohnt war , schien sie zufrieden wieder einzuschlummern , und Rieke entfernte sich , um ihre Arbeit fortzusetzen . Doch bald schlug Ernestine die Augen auf und blickte zum erstenmal mit klaren Blicken um sich . „ Angelika ! “ sagte sie verwundert — dann sah sie sich im Zimmer um : „ Das ist ja die Stube von Frau Gedike — und welch großes , weiches Bett ! “ „ Nicht wahr , “ brach Angelika vergnügt aus : „ Da liegt sich ’ s gut drin ? Ach Du arme , liebe Ernestine , bist Du denn nun wieder ein bißchen gesund ? Ist Dein Köpfchen wieder ganz ? “ Ernestine befühlte ihre Binde . „ Was hab ’ ich denn da ? “ „ Sie haben Dir ja Deinen Kopf zerbrochen — o — so etwas ist schrecklich — ich weiß das von meinen Puppen — und denen tut ’ s doch nicht einmal weh und man kann ihnen neue Köpfe aufsetzen — aber Dir konnte man das nicht und sie sagten , Du müßtest sterben . Du bist aber doch nicht gestorben ! “ „ Ach ja , “ sagte Ernestine sich besinnend , „ jetzt weiß ich ’ s , heute Nacht schlug mich der Vater und warf mich um — ja — das tat sehr weh ! “ „ Es war nicht heute — es war vor einigen Tagen , da hast Du wohl die ganze Zeit geschlafen und hast auch nicht gemerkt , daß sie Dir die Haare abschnitten ? “ fragte Angelika , lief zur Kommode und holte ein dickes Büschel langer schwarzer Locken herbei . „ Siehst Du , da sind sie , — sie sind noch ganz von Blut verklebt — aber wenn Du sie mir lassen wolltest , wüsche ich sie aus und machte meiner großen Laufpuppe eine prachtvolle Perrücke davon ! — Bitte , bitte , liebe Ernestine , schenke sie mir , Dir wachsen sie ja doch nicht wieder an ! “ „ Ich will sie Dir gerne schenken , “ sagte Ernestine , „ aber frag ’ erst Frau Gedike , ob Du sie behal ­ ten darfst . “ „ Ei , die ist ja nicht mehr da , Onkel Heim hat sie fortgejagt ! “ erwiderte Angelika , die dunkeln Sträh ­ nen sehnsüchtig durch die Finger ziehend . „ So frag ’ meinen Vater . “ Diese Antwort brachte Angelika ganz außer Fassung . „ Deinen Vater kann ich nicht fragen , “ klagte sie und legte ärgerlich die Haare weg . „ Der ist ja tot . Sie steckten ihn vorhin in den Leichen ­ wagen — ich hab ’ s gesehen . “ „ Ach , “ sagte Ernestine erschrocken , „ er lebt nicht mehr ? O , warum mußte er sterben ? “ „ Ich denke , weil er so böse mit Dir war “ — meinte Angelika altklug : „ Weißt Du , — wenn ich unartig bin , sperrt mich Mama ins dunkle Zimmer — und weil Dein Vater doch noch viel schlimmer war als ich — sperrt ihn der liebe Gott in das finstere Grabloch hinein , da muß er nun immer drin bleiben ! “ „ Ach meinetwegen hätte der liebe Gott das nicht tun sollen , meinetwegen nicht , “ — sagte Ernestine , aus ihrer Stumpfheit in Tränen übergehend : „ Nun hab ’ ich ja keinen Vater mehr — nun hab ich gar Niemanden mehr — und bin ganz allein auf der Welt ! — Ach , der arme Vater ! um meinetalben muß er jetzt in das enge Grab hinein , wo ihn die Würmer fressen , daß nur die Knochen übrig bleiben — o wie schrecklich , wie schrecklich ! Ich habe einmal auf einem Gemälde ein Totengerippe gesehen — solch ein Gerippe wird er nun werden — der arme , arme Vater . “ Und sie rang ihre dürren Hände und wälzte sich laut jammernd im Bette herum . Angelika war in Verzweiflung über das Unglück , das sie angerichtet . Sie hatte ganz vergessen , daß man ihr verboten hatte , für den Fall von Ernestinens Erwachen von ihrem Vater zu reden . Sie trippelte in großer Angst an dem hohen Bette auf und nieder und holte endlich einen Schemel herbei , auf den sie sich stellte , um zu Ernestinen hinauf reichen zu können . Sie küßte sie , streichelte ihr unaufhörlich die Wangen und drückte ihr mit dem weichen Händchen den Mund zu , um sie zum Schweigen zu bringen , aber nichts half . Endlich kam sie auf den Gedanken , ihr das Buch vorzuhalten , das neben ihr lag . Sie schlug ein Bildchen auf und zeigte es ihr : „ Schau , liebe Ernestine , schau doch Dein schönes Buch an “ — flehte sie und sogleich hob diese den Kopf und wischte die Tränen aus den Augen , als sie das Bild sah : „ Der Schwan “ — rief sie — „ der Schwan , das ist die Geschichte vom häßlichen , jungen Entlein ! “ Sie nahm das Buch hastig aus Angelikas Händen , und sie blätterten zusammen darin . Allmälig verdrängten die wundervollen Gestalten der Schneekönigin , der kleinen Seejungfrau und Andere mehr das furchtbare Bild ihres toten Vaters , und seine enge Gruft verwandelte sich bald in den leuchtenden Garten des Paradieses , bald in das weite , krystallen schimmernde Meer mit seinen unterseeischen Nixenschlössern . Leiser und leiser ward ihr Schluchzen und endlich spielte ein Lächeln um ihre Lippen , als sie die Geschichte der Dryade „ Fliedermütterchen “ fand.6 „ Nun weiß ich doch , was eine Dryade ist , “ — sagte sie . „ Das freut mich — das freut mich sehr ! “ „ Was denn , was freut Dich so ? “ „ Daß eine Dryade nichts Schlechtes ist ; denn — weißt Du ? — er hat mich so genannt , ich dachte , es sei ein Spottname und das tat mir weh — nun ist es aber keiner ! “ „ Er ? Wer denn ? “ „ Ich weiß nicht , wie er heißt , — Dein Bruder , der mir das Buch gab ! “ „ Johannes “ — lachte Angelika . „ Kannst Du ihn leiden ? “ „ Ja , o ja — er ist so schön und gut — gerade wie der Prinz in der kleinen Seejungfrau . “ Bei diesen Worten verklärte sich das blasse Gesicht und die dunkeln Augen des Kindes bekamen wieder Glanz . „ Ich würde auch lieber in Schaum vergehen , als ihm was zu Leide tun , wenn ich die Seejungfrau wäre . “ „ Das ist schön , das ist prächtig , “ jubelte Angelika , „ da haben wir ihn beide gern ! Er ist ein so lieber Bruder . Schade , daß er fort ging , er müßte sonst zu Dir kommen und mit Dir spielen . Ach , er kann so schön spielen ! “ „ Ging er fort ? “ fragte Ernestine traurig . „ Ja , er ist nach Paris gereist , um mir eine Wachspuppe zu holen . — Denke Dir , — eine , die schreien und Papa und Mama sagen kann ! “ — „ Ach solche Puppen gibt es ja nicht ! “ sagte Ernestine mit trübem Blick . „ Freilich gibt es solche und wenn ich sie habe , dann will ich Dir sie zeigen . Denke doch nur an die Puppe in Ole Luköje , die konnte auch reden und machte sogar Hochzeit . “ 7 „ Das ist aber keine wahre Geschichte , “ bemerkte Ernestine altklug und griff sich an den Kopf , der sie heftiger zu schmerzen begann . „ Ach höre , — Hochzeit machen , ist etwas Reizen ­ des , “ fuhr Angelika fort : „ Ich bin einmal bei einer wirklichen Hochzeit gewesen , da ging es fast noch schöner her als im Mährchen — was meinst Du , wie gut es solch eine Braut hat ? Denke Dir nur , die darf in der Mitte des Tisches sitzen und vor ihr steht ein großer Baumkuchen mit einem Häuschen oben drauf , in dem ein Männchen steht — ein ganz kleines Männchen mit einem Köcher und Pfeilen , aber sonst hat es weiter nichts an . Von dem Kuchen bekommt sie das beste Stück und das Figürchen stellt man ihr auf den Teller und sie darf von Allem zuerst nehmen . Ich ärgerte mich recht über meine Cousine , daß sie von den schönen Sachen so wenig aß . Und denke Dir nur , zuletzt kamen Tauben von Eis , die lagen in einem Zuckerneste und hatten Marzipan-Eier unter den Flügeln . Sie sahen so natürlich aus , daß mir ’ s ordentlich leid tat , als meine Cousine einer davon den Kopf abschnitt . Ich hätte fast geweint und wollte nichts davon essen , als es aber an mich kam , da sah man schon nicht mehr , daß es Tauben waren und man konnte es auch nicht mehr schneiden , nur mit dem Löffel herausschöpfen , denn es war zerflossen und da schmeckte mir ’ s recht gut . Und Schaumwein gab ’ s auch in Menge und alle Herren hielten lange Reden an die Braut hin , wobei man ganz stille sitzen mußte und nicht mit den Löffeln klappern durfte , — wenn sie aber fertig waren , dann konnte man schreien , so viel man wollte , und die Gläser aneinander stoßen und je ärger man klirrte und schrie , desto besser war es und Alles küßte sich um den Tisch herum , aber meine Cousine war so dumm und weinte ! Ich würde nicht weinen , wenn es mir so gut ginge . Und weißt Du was ? Wenn mein Bruder zurückkommt , muß er Dir auch eine Puppe mitbringen , einen Jungen mit Mütze und Weste , den lassen wir meine Schreipuppe heiraten . In sechs Monaten kommt er , und bis dahin muß es lange sein , denn Mama weinte beim Abschiede . Bis dahin sind wir vielleicht groß und können unsern Puppen die Kleider selbst nähen . Das wäre hübsch ! “ „ In sechs Monaten sind wir aber noch nicht erwachsen , “ belehrte sie Ernestine , „ Da muß es erst Winter werden und wieder Sommer und noch einmal Winter und noch einmal Sommer — dann erst sind wir groß ! “ „ Das ist ja schrecklich lange , “ rief Angelika , „ das kann man kaum erwarten . “ „ Und wenn wir einmal erwachsen sind , spielen wir nicht mehr mit den Puppen , — dann kaufe ich mir ein Fernrohr , wie Onkel Leuthold eines hat , und schaue immerfort in den Mond , das ist mir lieber als Alles ! “ „ In den Mond ? Hast Du schon einmal hineingesehen ? “ fragte Angelika verwundert . „ Ja , das hab ich ! “ „ Wie sieht es denn darin aus ? “ „ Ach schön — wunderschön . Es leuchtet und glänzt so silbern und ist so still und ruhig und Berge und Täler sind dort wie bei uns , aber sie sind nicht farbig wie die unsern , sie sind wie lauter Licht ! “ „ Hast Du denn auch den Mann im Monde gesehen ? “ „ Nein , den sah , ich nicht — Onkel Leuthold sagte , es gäbe keine Menschen im Mond — aber ich glaub ’ s nicht , — es ist nur so weit weg , daß man sie nicht sieht . Und die Leute , die dort leben , sind gewiß viel glücklicher und besser als hier , die schlagen sicher kein Kind , und wer weiß , ob nicht am Ende gar der liebe Gott dort wohnt ! Ach wenn ich fliegen könnte — dahin flög ich ! “ sie blickte mit feuchtschimmernden Augen zur Decke empor , während ihre schmale Brust tief Atem holte . „ Nein , liebe Ernestine , Du mußt nicht fortfliegen , wer weiß , ob der Mond in der Nähe so hübsch ist wie von weitem . Und hier auf der Welt ist ’ s auch schön , und wenn Du groß bist , wirst Du eine Tante oder Mama , dann darf Dir Niemand was tun . Meine Tanten und Mama bekommen auch keine Schläge mehr , — von Niemandem ! “ Ernestine hörte das Geplauder der Kleinen nicht , ihre Augen schlossen sich , ihr geliebtes Buch entsank ihren Händen , Ole Luköje , der milde , nordische Schlummergott war daraus auferstanden . Er hatte Balsam in ihre schmerzende Wunde gegossen und seinen Schirm mit den tausend schönen , bunten Malereien über ihre ruhende Seele ausgespannt . — Angelika betrachtete sie ein Weilchen , dann fragte sie : „ Bist Du wieder eingeschlafen ? “ Und als sie keine Antwort bekam , dachte sie , daß es wohl so sei und schob sich leise , leise auf ihren hohen Stuhl hinauf , wo sie mit dem Ernst und der Steifheit eines Wachtpostens sitzen blieb . Endlich kam Heim mit Herrn Neuenstein vom Begräbnis zurück und trat mit diesem vorsichtig ins Zimmer . „ Sie hat mit mir geredet , “ berichtete Angelika . „ Was — war sie bei sich ? “ fragte der Geheimerat mit freudiger Überraschung . „ Ja , ja — wir haben uns eine Menge erzählt und dann schlief sie wieder ein . “ Der Geheimerat rieb sich die Hände : „ Das ist ja herrlich ! Schien sie Dir denn völlig bei Vernunft zu sein ? “ „ Ja , ja — sie war ganz vernünftig ! “ bestätigte Angelika . „ Schade , daß ich nicht da war ! Jetzt hoffe ich , sie durchzubringen , “ sagte der Geheimerat zu Herrn Neuenstein ; dieser aber betrachtete mit ungläubigem Kopfschütteln das leichenähnlich schlummernde Kind . „ Nicht wahr , “ fuhr der Arzt fort , „ das scheint Ihnen unwahrscheinlich ? Und dennoch glaube ich es mit Bestimmteit . Wer solch eine welke verkümmerte Knospe daliegen sieht , der hat wohl kaum eine Ahnung von den wunderbaren Hülfsquellen in ihrem Innern . Und ich sage Ihnen , in diesem Kinde wohnen solche geheime Lebenskräfte , sonst wäre es dieser tierquälerischen Erziehung längst erlegen . Das wird noch was — glauben Sie mir , das wird was ! “ „ Nun es soll mich von Herzen freuen , wenn Ihre Bemühungen nicht vergebens sind . Also wollen Sie das Mädchen wirklich mit sich nehmen ? “ „ Ja , wenn der heuchlerische Oheim sie mir über ­ läßt , will ich sie aus seinen Klauen befreien und sie so erziehen lassen , wie es ihrer Gesundheit zuträglich und ihrem großen Vermögen entsprechend ist ! “ „ Sie sind ein wahrer Menschenfreund , Geheimerat . “ „ Ein Menschenfreund bin ich — aber dabei ist ja gar kein Verdienst . Viele lieben es , junge Hunde und Katzen aufzuziehen , Viele schwärmen für Blumen ­ pflege — ich ziehe und pflege gern junge Menschen . Wo mich ein paar bedeutsame Kinderaugen aus einem verkümmerten Gesicht anschauen , da möchte ich sie wie eine seltene Blume in mein Herbarium stecken und mitnehmen . Ja , wenn die Pflege eines Kindes so wenig kostete wie die einer Pflanze — ich hätte schon längst ein ganzes Menschen-Treibhaus angelegt . Die Geschichte ist nur so verwünscht teuer ! “ „ Und man weiß , daß Sie fast Ihre sämtlichen Einkünfte zu solchen Zwecken verwenden . Sie könnten längst ein Millionär sein , wenn Sie nicht so fürstlich freigebig wären . “ „ Ach was — der Eine wirft sein Geld für die Passion hinaus — der Andere für jene . Das ist nun einmal meine Passion und die lasse ich mich so viel kosten , als ich nach Pflicht und Gewissen meinem Adoptivsohn , der meinem Herzen am nächsten steht , entziehen darf . Tun Sie mir aber den Gefallen und gehen Sie jetzt ; das unnütze Geschwätz stört den Schlaf des Kindes . Ich will noch ein Stündchen hier bleiben und beobachten . “ „ Komm , Angelika , “ sagte Neuenstein , „ Onkel Heim beißt heute . Wir wollen nach Hause . “ Er nahm das Kind bei der Hand und nickte Heim freund ­ lich zu : „ Soll ich Ihnen den Wagen schicken ? “ „ Nein , danke . Ich nehme mir ein Gefährt nach der Residenz , der König hat mich auf heute Nachmittag befohlen . Morgen komme ich aber wieder . “ „ Adieu — lieber Onkel , “ sagte die kleine Angelika , sich auf die Zehen stellend und ihm das rote Mäulchen zum Kuß hinhaltend . „ Nicht wahr , Du beißest mich nicht ? “ fragte sie , ihr blondes Lockenköpfchen an den struppigen herabgebogenen Graukopf schmiegend , „ ich bin ja so artig ! “ — Dann hüpfte sie auf den Zehen mit Herrn Neuenstein hinaus . — Als Heim allein war , setzte er sich neben das Bett und betrachtete schweigend das schlummernde Kind . „ Ich will wetten , daß die einmal bildschön wird , “ dachte er . „ Ihr Gesicht ist ihren Jahren vorausgeeilt , es ist alt und das ist an einem Kinde häßlich , wenn aber ihre Jahre dem Ernst auf dieser hohen Stirn entsprechen und sich die scharfen , bittern Züge bei besserer Behandlung verlieren , dann wird es ein herrlicher Kopf . Ei , ei , ei — solch ein Kind zu haben und es halb tot zu schlagen ! — Solch ein Kind ! “ In den Augen des alten Mannes blinkte etwas wie eine Träne und er nahm leise eine Prise Tabak , um sich zu sammeln , — denn durch seine Seele zog bei diesen Gedanken ein altes , tiefes Weh , das er nicht Herr über sich werden lassen wollte . Die Prise half aber diesmal nichts . Er sah hier vor sich liegen ein kostbares Gut , das ein Unwürdiger , dem es in den Schoß gefallen , verächtlich von sich gestoßen hatte , und er dachte , wie grenzenlos ihn dies Besitztum beglückt hätte , wäre es ihm zu Teil geworden . Er dachte , daß es ihm hätte werden können , wenn sein Herz nicht eigensinnig an der Einen gehangen , die ihm nicht angehören durfte . Nun war ’ s zu spät , er war alt und unwiederbringlich lag die Zeit hinter ihm , in der er die Liebe hätte säen sollen , die er jetzt so gern ernten wollte . Die Leidenschaft , die so lange sein Herz erfüllt hatte , war überwunden und mit den Jahren erstorben , aber in der alten Brust lebten die ewig jungen Triebe eines Gefühls , das stärker ist als alle Leidenschaft . „ Wenn sein geliebtes Weib stirbt , “ dachte er , „ dem steht sie wieder auf in ihren Kindern — wer aber nicht Weib noch Kind hat — der ist doppelt arm . “ So viele Menschenleben waren in seine Hand gelegt , keines aber sollte er „ sein “ nennen ; er hatte so manches Wesen am Leben erhalten , aber keinem hatte er das Leben gegeben . Die schwersten Leiden hatte er durch Liebe lindern sehen , nur er sollte der ­ einst sterben , ohne ein liebes Kind zum Abschied an sein Herz zu drücken , ohne von ihm beweint zu werden . Und wie er so darüber nachdachte , da war es ihm wirklich , als läge er auf dem Totenbette und er fühlte einen weichen Arm sich um seinen Hals schlingen und hörte eine süße , schluchzende Stimme : „ Vater “ rufen ! Es war wohl Ole Luköje , der von Ernestinens Lager her diesen schmerzlich schönen Traum über ihn ausgegossen ; er war so schnell zerronnen , als er ge ­ kommen und nichts ließ er zurück als eine Träne auf der gefurchten Wange des alten Mannes . — Da begann leise die Tür im Schlosse zu zittern , wie wenn ein Lastwagen vorbeiführe und endlich nahten wuchtige Schritte dem Zimmer , welche das Geräusch verursacht hatten . Ehe es der Geheimerat hindern konnte , ward die Türe so weit aufgerissen , als nötig war , um die gigantische Gestalt der Frau Bertha hindurch zu lassen . Sie war in ein funkelneues schwarzes Tibet-Gewand gekleidet , dessen steifes Kattunfutter rauschte und raschelte , während sie auf das Bett zuschwenkte , so , daß das schlafende Kind er ­ schrocken auffuhr und der Geheimerat ein mißbilligen ­ des Schnalzen mit der Zunge nicht unterdrücken konnte . „ Guten Tag , Herr Geheimerat , guten Tag , Tine ! “ sagte sie mit kurzem Kopfnicken . „ Na , Tine , Du lebst ja immer noch ? Da hätten sie auch kein so großes Geschrei um Dich zu machen gebraucht . “ Ernestine warf sich bei dieser barschen Anrede auf die andere Seite und rief : „ O schafft mir doch die Tante fort — ich will sie nicht sehen — ich will nicht ! “ Der Geheimerat bot der Ruhestörerin gefällig den Arm und führte sie , ohne ein Wort zu sprechen , aus dem Zimmer . Bertha fragte verblüfft : „ Na , was soll denn das heißen ? Ich werde doch nach meiner Nichte sehen dürfen ? “ „ Wenn Sie nicht selbst fühlen , meine Gnädige , daß dies geknickte Leben der äußersten Schonung und Liebe bedarf — so muß ich , der Arzt , Ihnen sagen , daß die Verantwortung Sie trifft , wenn meine Sorg ­ falt an dem Kinde zu Schanden wird und es trotz meiner treuen Pflege stirbt . Ich bitte Sie also , entweder Ihre Besuche bei der Kleinen einzustellen oder ihr etwas milder zu begegnen . “ „ Na , um Gotteswillen , “ rief Bertha , „ ich habe ja nur einen Spaß gemacht ! — Herr Jesus , meinet ­ wegen , wickeln Sie sie in Baumwolle , ich habe nichts dagegen . “ Der Geheimerat seufzte unwillkürlich . „ Armes Kind , “ dachte er , „ wenn Du in solche Hände kommen sollst ! “ — Da ward plötzlich die Tür aufgerissen und herein schaute ein Gesicht so erdfahl , leichenhaft , daß Bertha erschrocken zurückfuhr . Es war Leuthold , zur Unkenntlichkeit entstellt . Als er den Geheimerat erblickte , grüßte er ihn mit gewohnter Höflichkeit , dann streckte er seine zitternde Hand nach Bertha aus und sagte , indem ihm hörbar die Zähne zusammenschlugen : „ Liebe Bertha , sei so gütig und komm hinauf ! “ Sie folgte ihm in höchster Angst , denn so hatte sie ihn noch nie gesehen , und das an dem frohen Tage von Hartwichs Begräbnis ! Was konnte da vorge ­ fallen sein ? Er zog sie an der Hand nach sich die Treppe hinauf , seine Finger umklammerten die ihren kalt und starr wie Totenfinger ; ihr graute , als sie so stumm mit einander dahin schritten . Jetzt standen sie an der Tür ihres Wohnzimmers , er trat ein , riß die zögernde Frau jäh mit sich , schloß ab , und ehe sie wußte , wie ihr geschah , hatte die furcht ­ bare , kalte Hand ihre Kehle umfaßt , wie ein eisernes Band : „ Soll ich Dich erwürgen ? “ keuchte er tonlos , einen Blick auf sie heftend , wie den einer Schlange , wenn sie ihr Opfer umringelt . „ Barmherziger Gott , “ schrie Bertha und fiel auf die Kniee , um sich loszureißen . Da wurde ihr der Hals zugeschnürt , daß sie zu ersticken glaubte . „ Wenn Du einen Laut von Dir gibst , den die Magd hören kann , so erdrossele ich Dich ! “ knirrschte Leuthold . „ Drum sei ruhig — oder — “ Bertha hörte auf zu ringen , sie verlor fast das Bewußtsein . Nun ließ er sie los und schleuderte sie auf das Sofa , wo sie wie betäubt sitzen blieb . Einige Minuten hielt er sich die fahle Stirn , dann hauchte er mühsam Wort für Wort hervor : „ An dem Tage , wo das Unglück mit Ernestinen geschah und Heim ins Haus kam , dem ich ausweichen wollte , trug ich Dir auf , streng über Alles , was vor ­ ging , zu wachen , weißt Du das noch ? “ „ Ja , “ stöhnte die geängstigte Frau . „ Tatest Du das ? “ Keine Antwort . „ Du tatest es nicht ! “ „ Ach , ich fürchtete mich so vor dem sterbenden Hartwich — deshalb blieb ich oben , “ stotterte Bertha . „ Und deshalb , “ — Leutholds Brust rang nach Atem , während seine Hände krampfhaft zuckten , „ des ­ halb ließest Du ’ s geschehen , daß Hartwich uns “ — sein Mund öffnete und schloß sich ein paar Mal , ehe er das Wort herausbrachte , „ enterbte — und Ernestinen das Vermögen vermachte . “ — Seine Züge verzerrten sich , sein schlanker Körper begann zu wanken wie eine gefällte Pappel , er griff nach einem Stuhl , um sich zu halten , und stürzte ohnmächtig zu Boden . „ Allmächtiger Gott , “ schrie Bertha und schüttelte den leblosen Mann , „ das ganze Vermögen ? so sag ’ doch — das ganze ? Ach , Du Schwächling , wie kann man nur gleich Krämpfe bekommen ! Rede doch , — daß man wenigstens weiß , ob man denn ganz leer ausging ? “ Leuthold hob langsam den Kopf , sie half ihm auf und trug ihn mehr , als sie ihn führte , zum Sofa . Sie holte Eau de Cologne und goß sie ihm über die Stirn , daß sie ihm in die Augen lief . Er stieß einen Schmerzenslaut aus und bemühte sich , die brennende Flüssigkeit abzuwischen . „ Soll ich auch noch blind werden durch Dich ? “ stöhnte er , und als der Schmerz vorüber war , blieb er in sich zusammengesunken sitzen und starrte vor sich hin . „ So rede doch endlich ! “ rief Bertha . „ Den Mund wirst Du doch noch auftun können , — nicht ein Legat — nicht einmal eine Rente ? “ Leuthold sah die unzärtliche Gattin mit einem Blick an , der ihr unwillkürlich das Blut in die Wan ­ gen trieb . Es lag etwas Unbeschreibliches in diesem Blick , etwas halb Schmerzliches , halb Verächtliches , wie man etwa die Leiche einer Selbstmörderin betrachtet . „ Eine Rente von sechshundert Talern ! “ mur ­ melte er dann und legte die Stirn in die Hand , um seine Umgebung nicht mehr sehen zu müssen und sich in sich selbst zu sammeln . „ Das ist ja zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben ! “ klagte Bertha und warf sich laut wei ­ nend auf einen Sessel in der fernsten Ecke des Zim ­ mers , als ob sie schon kein Anrecht mehr auf ihre Lehnstühle und Sofas hätte . Leuthold blieb lange regungslos , das Gesicht in den Händen verborgen , kein Atemzug war zu hören , seine Brust hob und senkte sich kaum . Es war , als brauche er alle seine Körperkraft zur Bewältigung des furchtbaren Schmer ­ zes , der ihn erfaßt hatte , als habe er nicht mehr Stärke übrig , nur ein Glied zu rühren . Der Ge ­ fühlsmensch sucht sich im Unglück Luft zu machen durch Klagen und Toben , er kämpft mit physischen Mitteln gegen den Schmerz , indem er hin und her rennt , sich die Haare rauft , den Kopf an die Wand schlägt , die Hände ringt und ihn so gewissermaßen durch eine starke Muskeltätigkeit nach außen ableitet . Der Verstandesmensch aber verarbeitet ihn geistig und bedarf dazu der völligen körperlichen Ruhe . Einen Augenblick nur konnte die erste Wut einen Mann wie Leuthold zu einer Tätlichkeit gegen die verhaßte Urheberin seines Unglücks hinreißen , dann aber stellte sich das geistige Gleichgewicht wieder her und sein Elend wurde ihm zu einer harten Denkarbeit , über deren Bewältigung er wohl den Verstand verlieren konnte , von der er sich aber durch nichts ablenken lassen wollte . So saß er in tiefes Brüten versunken . Dann und wann fuhr ihm , wie ein Blitz durch die Wolken , ein Gedanke an Selbsthilfe durch den Kopf , aber er erlosch eben so schnell , wie er entstanden , und mit jedem Male ward es dunklere Nacht in seiner Seele . „ Die Opfer von zehn langen Jahren verloren ! “ murmelte er endlich mit gepreßter Stimme . „ Das Haar auf meinem Haupte ist verblichen vor der Zeit im schweren Dienst um dies eine Ziel , und nun es mir auf Armeslänge nahe gerückt ; versinkt mir ’ s vor den Augen ; wieder soll ich mich beugen unter das Joch der Notwendigkeit und mit einem Geist , der befähigt ist , die kostbarsten Schätze der Wissenschaft zu heben . — Brot verdienen ! — Die