unendlich leid , aber sie empfand nicht den herben Schmerz wie früher . Langsam senkte sich ihre Hand in die Tasche des Kleides und faßte leise ein knisterndes Papier . » Ich hab ' dich namenlos geliebt ! « Ach , es war ein Ersatz für alles , alles . Und fröhlich hob sie den Kopf . » Aber ihr habt mir noch gar nicht erzählt von eurer schönen Reise , und eure Briefe waren so kurz . « » Ja « , sagte Jenny gähnend und nahm eine Terrakottafigur in die Hand , die sie von allen Seiten betrachtete , » es war himmlisch in Nizza , man fühlt so recht , in welch kleinen Kreisen man vegetiert , jetzt , da man zurück ist – es leben die deutschen kleinen Städte ! « » Nächstes Jahr gehen wir wieder hin , so Gott will « , fügte Frau Baumhagen hinzu , » nur möchte 142 ich von Arturs Begleitung absehen . Er war genau so kindisch wie seinerzeit euer Vater . Jenny sollte dies nicht tun und jenes nicht tun , hier nicht hingehen und dort nicht stehenbleiben . Er kehrt bei solchen Gelegenheiten den richtigen deutschen Spießbürger heraus , als ob wir Frauen nicht ganz von selbst das Rechte fänden . « Frau Jenny setzte sich ebenfalls . » Laß nur gut sein , Mamachen , er büßt noch immer für seine Albernheiten . Die Szene , die er uns in Monte Carlo machte , habe ich ihm noch lange nicht vergessen . « » O ja , die Stimmung zwischen euch ist eine äußerst angenehme , das weiß Gott ! « erklärte die Mutter . » Übrigens « , sie nahm die kleine kostbare Uhr aus dem Gürtel , » ich glaube , es wird Zeit , Jenny , daß wir heimfahren . Wir wollen deinen Mann holen ; kommt . « Die drei Damen kehrten in den Garten und an den Tisch zurück , wo die Herren jetzt bei einem Glase Bier und Zigarren sehr behaglich plauderten . Franz war in eifriger Unterhaltung mit Tante Rosa , die in ihrem herrlichsten Putz auf dem Platz thronte , den kurz zuvor Frau Baumhagen verlassen hatte . Trudchen beeilte sich , Mutter und Schwester der alten Dame vorzustellen . Es ging nicht anders , man mußte anstandshalber noch ein wenig Platz nehmen , Frau Baumhagen mit gelangweilter Miene , Jenny mit kaum verhehltem Spott über die wunderliche kleine Alte . 143 » Trudchen « , begann Franz , » Tante Rosa kam , um uns mitzuteilen , daß sie Besuch erwartet . « » Es stört doch hoffentlich nicht « , wandte sich die alte Dame an die Hausfrau . » Meine Nichte hat mich bis jetzt jedes Jahr besucht ; Sie wissen ja von mir , daß das Kind Wald und Feld leidenschaftlich liebt und mich Alte auch ein wenig aufheitert . « » Das hübsche kleine Fräulein , von dem Sie uns schon so oft erzählten , Tante Rosa ? « fragte Trudchen liebenswürdig ; und als jene eifrig nickte , fuhr sie fort : » Oh , sie ist von Herzen willkommen , nicht wahr , Franz ? – Wann trifft denn der Gast ein und wie heißt sie eigentlich ? « » In den nächsten Tagen erwarte ich sie , und Adelheid Strom heißt sie « , berichtete Tante Rosa ; » › Heidchen ‹ nenne ich sie immer . « Und nun begann sie eine Verwandtschaftserklärung , wobei der ganzen Gesellschaft schwindelig wurde . » Meiner Mutter Schwester hatte einen Strom und deren Stiefsohn ist der Vetter von Adelheids Großvater – « Wieder erhob sich Frau Baumhagen sehr geräuschvoll . » Ich muß heim « , sagte sie , das Gespräch unterbrechend , » es ist höchste Zeit ! « Jenny , die hinter ihres Gatten Sessel getreten war , legte die Hand auf seine Schulter : » Bitte , den Wagen bestellen ! « » I was fällt dir denn ein , Kind « , sagte er ärgerlich , » wir sind ja eben erst gekommen ! « » Aber Mama wünscht es . « 144 » Mama ? Warum denn ? « fragte er kurz , » wir sind hier in der gemütlichsten Unterhaltung . « » Bleiben Sie doch zum Abend , gnädige Frau « , bat Franz seine Schwiegermutter höflich . » Ich habe etwas Kopfweh « , war die kühle Antwort . Herr Artur griff sich verzweifelt in seine blonden Haare . Dieses › Kopfweh ‹ war ja die Keule , mit der beständig jede Vernunftvorstellung zu Boden geschmettert wurde . » Gut , so fahrt ! « murmelte er ingrimmig , » ich komme schon mit Onkel Heinrich nach Hause . « » Jawohl , jawohl , lieber Neffe ! « rief der alte Herr vergnügt , » ist mir sehr angenehm , daß du bleibst . Wir wollen nachher den Mosel probieren , wie , Franz ? « » Der Onkel hat mir zur Hochzeit den Weinkeller eingerichtet « , erklärte der junge Hausherr , indem er sich erhob , um den Wagen zu bestellen . » Und so kostbar ! « fügte Trudchen hinzu . » O la la ! « Der alte Herr war aufgestanden und half mit etwas asthmatischer Höflichkeit seiner Schwägerin beim Umlegen des Mantels . » Es war purer Egoismus , Ottilie . Nur damit man seinen gewohnten Tropfen kriegt , wenn man hier wegmüde und durstig anlangt . « » Trudchen « , flüsterte Jenny und zog die Schwester etwas abseits , » wie kannst du so töricht sein und dir ein junges Mädchen ins Haus schmuggeln 145 lassen ? Ich sage dir , es ist geradezu fürchterlich – überall sind sie , immer wissen sie sich bemerkbar zu machen , überall wollen sie helfen und stets sind sie von einer rührenden Aufmerksamkeit gegen den Hausherrn . Es ist wirklich rücksichtslos von der Alten , daß sie dir dies zumutet . Erfinde doch etwas , daß das Mädel nicht kommt . Ich spreche aus Erfahrung , Herzchen . Artur hatte einmal eine Cousine eingeladen , du weißt ja – Herr – Gott , ich bin bald gestorben vor Ärger ! « Trudchen lachte . » Ach Jenny « , sagte sie kopfschüttelnd . Dann eilte sie ihrer Mutter nach , die bereits im Wagen saß . » Kommt bald wieder « , bat sie freundlich , als auch Jenny Platz genommen hatte . » Ich erwarte zunächst euren Besuch « , war die Antwort ; » ihr werdet wohl überhaupt daran denken müssen , ein paar Besuche zu machen in der Stadt . « » Wir haben noch nicht daran gedacht « , erwiderte Trudchen heiter . » Bitte , sorge , daß Artur nicht erst in sinkender Nacht zurückkehrt . Onkel Heinrich sitzt , wo er sitzt « , schalt Frau Jenny ärgerlich . Und fort rollte der Wagen . 146 Es war spät geworden , ehe die beiden Gäste ihren Heimweg antraten , und spät , ehe der kleine Amtsrichter sein Zimmer aufsuchte . Sie hatten alle drei noch lange in Franzens Wohnstube gesessen und gesprochen von alter und neuer Zeit . » Das kann ganz lustig bei uns werden « , meinte Franz , » wenn Tante Rosas Nichte kommt . Du bist dann auch nicht mehr so allein , Trudchen , wenn ich lange auf dem Felde zu tun habe . « » Ich vermisse niemand « , erwiderte sie ruhig , » ich habe nie eine Freundin gehabt , jetzt aber erscheint es mir mehr wie überflüssig . « Und sie blickte zu ihm hinüber mit ihren tiefen Augen . » Gnädige Frau « , erkundigte sich der Amtsrichter , der eben den Rest seiner Zigarre in eine Meerschaumspitze steckte , » hat er Sie denn auch angedichtet ? « Und er wies verstohlen lächelnd auf Franz . Trudchen wurde rot . » Gewiß ! « antwortete sie . » Ja , das Dichten kann er nicht lassen « , neckte der Kleine und schlug den Freund auf die Schulter . » Ich sage Ihnen , gnädige Frau , zuweilen ergriff ' s ihn wie ein Fieber . Und was so ein Mensch alles besingt ! Die Poeten sind wirklich geborene Lügner . In dem Moment , da die süßen Verse aufs Papier strömen , glauben sie freilich selbst jedes Wort , was sie schreiben – ' s ist wirklich rührend ! « » Aber ich bitte dich , Richard « , lachte halb ärgerlich der junge Hausherr . 147 » Ist ' s etwa nicht wahr ? « fragte der Amtsrichter . » Denke doch nur an dein berühmtes Gedicht von der Zigeunerin ! Ich war ja dabei , als du auf dem Römerberg die braune Maid erblicktest , und am Abend schon stand in deinem Notizbuch , daß sie Beschwingten Fußes durch die Straßen irrte , Mit wirrem Haar und schwarzen scheuen Augen , Darin die Sehnsucht nach der Heide lag Und nach dem Wind , der durch das Riedgras schwirrte . Und was war ' s ? Ha , ha ! Aus der Judengasse stammte sie und fragte in den Häusern herum : › Haben S ' Hasenfelle , Hadern , Lumpe ? ‹ « Alle drei lachten , Trudchen am herzlichsten , dann wurde sie plötzlich nachdenklich . » Du bist ein boshafter Mensch « , erklärte Franz und erhob sich , um ein Licht anzuzünden , » ' s ist spät , Richard , und unsereiner wird früh wach . « Als sich die Herren vor dem Gastzimmer gute Nacht wünschten , sagte der Amtsrichter : » Na , Franz , ich gratuliere , du hast das große Los gezogen , so ein liebes , kleines verständiges Weib ! Und das andere – Goldsohn , was habe ich dir gesagt von diesem Menschen ? Na , gute Nacht ! Scharmanter Onkel übrigens , dieser Onkel Heinrich – nun mach , daß du wegkommst . « Trudchen stand am offenen Fenster in ihrem Zimmer und sah in die schwüle Nacht hinaus . Nur schwach drang der Lampenschein aus dem Nebenraume herüber . Es waren dunkle Wolken 148 heraufgezogen , fern über den Bergen zuckte ein Wetterleuchten und im Garten schlug und schluchzte ein Chor von Nachtigallen . » Trudchen ! « klang es hinter ihr . » Franz ! « erwiderte sie und legte den Kopf an seine Schulter , » horch ! horch ! Es ist so schön heute abend . « Er stand eine ganze Weile schweigend . Das Gespräch von heut nachmittag ging noch in seinem Kopf herum . Der Onkel hatte nicht begriffen , warum der junge Mann nicht aus seinem Walde Bauholz schlagen ließ ? Es war aber alles zu sehr ausgeholzt , und frische Anpflanzungen kaum gemacht . » Sage , Trudchen « , begann er plötzlich , » wo liegt eigentlich die Villa › Waldruhe ‹ ? « Die junge Frau an seinem Arm fuhr , wie von einer Schlange gebissen , empor . » Unsere – meine Villa ? « stieß sie atemlos hervor ; » woher weißt du , – wer sprach dir von der Villa ? « Er blieb stumm . » Ich kann mich nicht besinnen , wer ? « sagte er nach einer Pause , » irgend jemand muß mir doch davon geredet haben , mir erzählt haben , daß ein kleiner Wald , ein Naturpark dabei ist . Aber , Gertrud , was ist dir denn ? « fragte er . » Zitterst du ? « » Ach , Franz , wer hat dir davon erzählt ? « wiederholte sie , » und was ? « Es klang so traurig , daß er sofort empfand , er habe sie verletzt . 149 » Trudchen , habe ich dir weh getan ? Ich bitte tausendmal um Verzeihung , ich dachte an nichts weiter als an billige Hölzer , die ich möglicherweise zum Winter dort schlagen lassen könnte . « » Bauholz ? dort ? Es ist ja nur ein Park . Ach , Franz – « » Aber was heißt denn das ? « fragte er etwas ungeduldig . » Ich kann doch unmöglich wissen – « » Nein , du kannst es nicht wissen « , bestätigte sie . » Es war nur der Schrecken – ich hätte dir es längst mitteilen sollen , es wird mir nur so furchtbar schwer , davon zu sprechen . Du sollst es auch hören , aber – sage mir , wer dir davon erzählte ? « » Wenn ich doch die Versicherung gebe , Kind , ich weiß es nicht mehr . « » Franz « , sagte die junge Frau stockend und leise , » da draußen in der › Waldruhe ‹ ist mein armer Vater gestorben – « » Mein Frauchen ! « tröstete er . » Er ist dort – er hat – sich selbst das Leben genommen . « Es erklang kaum hörbar . Er bog sich erschreckt zu ihr . » Armes Kind , das wollte ich nicht , daran wollte ich nicht rühren . « » Und ich , Franz , ich habe ihn gefunden . Er hatte sich die › Waldruhe ‹ gebaut , da war ich noch ein Kind , und er zog sich wochenlang dorthin zurück . Es ist so schwer darüber zu sprechen – er war nicht glücklich , Franz – ach , erlaß mir das . Mama verstand ihn nicht – und da – Weihnacht war ' s , am 150 ersten Feiertag – ich wußte , sie hatten wieder einen Wortwechsel gehabt – ein Wortwechsel ist nicht das rechte , Papa widersprach ihr eigentlich nie , versuchte auch gar nicht Mamas Weinen und Jammern zu unterbrechen . Nach einer Weile hörte ich den Wagen fortrollen . Das war früh – mich packte eine seltsame Angst , und nach Tisch nahm ich Hut und Mantel und lief aus dem Bergedorfer Tor und die Chaussee entlang , immer weiter und weiter bis nach › Waldruhe ‹ . Und ich wunderte mich , daß die Läden in seinem Zimmer nicht geöffnet waren , ich sah doch die frischen Wagenspuren vor dem Hause . Die Gärtnerfrau , die im Hofgebäude wohnt , sagte , der Herr sei droben . Er war auch oben – ja , aber tot ! « Sie stand neben ihm , von seinem Arm umfaßt , wie sie das erzählte . Er fühlte ihr Zittern und wie kalt ihre Hände waren . » Höre auf , mein Herz « , bat er erschüttert , » du machst dich krank ! « » Ja , ich war krank , Franz , jahrelang « , sagte sie . » Es war eine fürchterliche Zeit . Ich konnte meiner Mutter nicht vergeben . Von diesem Augenblick tat sich die Kluft auf , die zwischen uns liegt , und keine Brücke wollte hinüberreichen . Zum Sterben arm war ich , bis ich dich fand , Franz . Aber die Villa ? – ja , sie gehört mir , Papa hatte sie schon damals für mich bestimmt , als er sie baute . Ich habe dort ruhige , schöne Zeiten mit ihm verlebt , aber jetzt ist mir jeder Gedanke an das Haus schrecklich . Es steht 151 öde und verlassen , ich habe es nie wieder aufgesucht . – Es ist so grauenhaft , Franz , einen Menschen , den man verehrt und geliebt hat , so zu finden – so – « » Verzeihe mir , Trudchen ! « bat er weich . » Du konntest es nicht wissen , Franz . Es weiß niemand davon außer uns , der Familie ! « Und als wollte sie ihn auf andere Gedanken bringen , fuhr sie hastig fort : » Ich danke dir auch , Schatz , wie ist das Gedicht so schön : › Du hast mich namenlos geliebt ‹ ! « Und sie streichelte seine Hand und drückte sie an die Lippen . » Mein armes , kleines Trudchen ! « So standen sie noch eine Weile , und an ihnen vorüber zogen die Wonnen des Frühlings , Duft und Lieder . » Das Gewitter kommt herauf « , sagte er endlich , und sie entwand sich seinen Armen und ging aus dem Zimmer . Franz hörte sie auf dem Korridor leise hin und her gehen , die Türen und Fenster schließen und mit den Schlüsseln klappern . Sie sah nach , ob alles versorgt und verwahrt war zur Nacht . Er legte die Hand an die Stirn und sann . Wer hatte ihm von der Villa gesprochen ? Er ging hinüber in sein erleuchtetes Zimmer , als könne er dort besser nachdenken . Nach einem Weilchen kam die junge Frau zurück , das Schlüsselkörbchen am Arm , das liebe Gesicht wandte sich zu ihm empor . » Franz « , sagte sie , » was wollte denn heute der Agent von dir ? « 152 Er sah sie starr an , als sei ein Blitz vor ihm niedergefahren . » Richtig , richtig ! « Und er schlug sich vor die Stirn , als falle ihm plötzlich ein , wonach er vergeblich gesucht hatte . » Was er wollte ? O nichts , Trudchen , gar nichts von Belang . « Sie sah ihn erstaunt an , aber sie schwieg . Es war nicht ihre Art , zum zweiten Male zu fragen , wenn sie keine Antwort bekam . Es mochte ja auch wirklich nichts von Belang sein ! In der Nacht hatte es stark gewittert , aber die Natur schien heute keine Lust zu haben , ihr kokettestes Kunststückchen auszuführen . Sie lachte nicht wie sonst doppelt fröhlich in Himmelsbläue und Sonnengold auf Wald und Fluren , verdrießlich spannte sich ein graues Zelt über die Landschaft , so gleichförmig verteilt , daß die Sonne auch nicht ein Ritzchen fand , um einen freundlichen Gruß hinunterzuschicken . Es regnete , so ein richtiger Landregen war es , unverdrossen ohne Aufhören . Franz kehrte vom Felde heim . Er freute sich über das Wetter , und Trudchen winkte ihm aus dem Fenster zu , wie jeden Morgen . » Alle Blüten sind verregnet , Franz « , rief sie ihm hinunter ; » wie schade ! « Er kam besonders gutgelaunt herauf . » Der Regen ist nicht mit Geld zu bezahlen , Liebling « , sagte er ; » nun bin ich nämlich schon wie ein richtiger Ökonom , meine Stimmung hängt vom Wetter ab . « 153 » Meine auch ! « bemerkte die junge Frau , » so ein grauer Tag macht mich melancholisch . « Er trat zu ihr , die an ihrem Schreibtisch saß und in Papieren und Büchern kramte . » Sieh einmal , Franz « – und sie hielt ihm ein Päckchen entgegen , zierlich , mit blauem Band gebunden , » das sind lauter Verse von dir , der Reihe nach geordnet . Wenn wir einst silberne Hochzeit feiern , lasse ich sie drucken und einbinden . Diese , auf dem kremfarbigen Papier , sind aus der Brautzeit , und diese verschiedenen Fetzen , weiß und blau und grau , die sind von jetzt , wo du jedes Papier nimmst , das dir in die Hände kommt , weil du vermutlich denkst , für die Frau Trude ist es gut genug . « Sie sah ihn lachend an . Er hatte sich tief zu ihr gebeugt . » Und jetzt kaufe ich mir noch ganz besonderes Papier zu den nächsten Gedichten , Trudchen . « » Warum ? « » Kunterbund , wie die Klapperstörche Tüten unter den Flügeln haben , und darauf schreibe ich – « Sie war purpurn erglüht , » ein Wiegenlied « – sagte sie leise ergänzend . Er nickte und zog ihre Hand an den Mund . Sie aber schlang beide Arme um seinen Hals . » Dann wäre es erst traut , erst heimlich , Franz , dann hätten wir uns noch lieber – wenn ' s möglich ist . « » Hier , kleine Frau , das habe ich dir heute im Felde , im Regen aufgeschrieben . « Er zog sein Notizbuch aus der Tasche und legte es in ihre Hände . » Ich will einmal nachschauen , wo sich der Amtsrichter umhertreibt , der Sakramenter ! « rief er von der Türe noch zurück . Und sie saß schon und las , und ihr Antlitz war so ernst , als lese sie in der Bibel . Sie schreckte empor von dem Knall einer Peitsche vor den Fenstern . Eilig blickte sie hinaus – dort unten hielt der Baumhagensche Wagen ; der Kutscher im weißen Gummirocke und ebensolchem Hutüberzug ; die Eisenschimmel anzuschauen wie ein paar Rappen , so naßgeregnet . Sie öffnete das Fenster , zu sehen , ob jemand aussteige , es rührte sich nichts . Dann kam Johanne , der Kutscher reichte ihr einen Brief und sie lief eilig ins Haus zurück . Die junge Frau durchzuckte es wie ein Schrecken . Ein Unglück zu Hause ? Sie flog zur Tür . » Ein Brief , gnädige Frau ! « Hastig riß sie das Kuvert auf : Komme sofort ; muß Dich notwendig sprechen . Deine Mutter . Das war der orakelhafte kurze Inhalt des Billetts . » Bringen Sie mir die Sachen , Johanne , und benachrichtigen Sie meinen Mann . « » Franz « , rief sie ihm entgegen , als er rasch eintrat , » irgend etwas ist passiert ! « » Ängstige dich doch nicht « , bat er , ohne seine Unruhe ganz verbergen zu können . » Ja , ja ! Gott , wenn ich nur erst wüßte , was ? Mir ist so schwer ums Herz . « Er nahm dem Mädchen die Sachen ab und legte den Mantel um Trudchens Schultern . 155 » Wenn es nur kein Krach ist mit Artur und Jenny ! Sie waren wunderlich miteinander gestern . « Trudchen sah ihn kopfschüttelnd an . » Nein , nein , sie sind nie anders zusammen gewesen . « » Dann wundert ' s mich , daß er nicht schon längst davongelaufen ist « , sagte er trocken . » Oder sie – « gab Trudchen zurück und band die Hutschleife . » Ich ertrüge solch ewige Katzbalgerei nicht , Trudchen « , er knüpfte ihr dabei den linken Handschuh zu . » Ich auch nicht , Franz . Leb wohl ! Ihr müßt mich beim Essen entschuldigen . – Gott gebe , daß es nichts Schlimmes ist . « – Sie sah sich noch einmal im Zimmer um , ging dann rasch an den Nähtisch und schob das Notizbuch in die Tasche . Als der Landauer ein paar Momente später das Gittertor passierte , bog sich ihr Köpfchen noch einmal aus dem Wagenfenster . Er stand auf der Treppe und sah ihr nach ; nun nahm er den Hut ab und schwenkte ihn . Wie hübsch er war , wie stattlich und wie gut ! – Sie lehnte sich in die Polster zurück . Es war ihr bange – das erstemal , daß sie ohne ihn das Haus verließ . Es kamen ihr so wunderliche Gedanken , wie schrecklich es wäre , wenn sie ihn nicht gefunden hätte , oder gar – wenn sie ihn verlieren müßte ! Ob sie wohl noch leben könnte dann ? Leben – ja ; aber wie ! Furchtbar , Witwe zu sein ! Noch furchtbarer , sich 156 zu trennen , der eine hier – der andere dort , grollend – oder gleichgültig – ! Ob Jenny und Artur wirklich ? Herr Gott im Himmel , bewahre uns vor solchem Leid ! Sie sah aus dem Fenster . Der Kutscher fuhr in schwindelndem Tempo . Dort vor ihr im Dunst lag die Stadt . Wieder wanderten ihre Gedanken ; schneller noch wie die Fahrt . Sie zog das Notizbuch aus der Tasche , sie wollte lesen , aber die Buchstaben verrannen vor ihren Augen . Sie schob es wieder an seinen Platz . Auf dem Boden zu Hause stand noch die alte Wiege , in der einst Papa gelegen hatte und Jenny und sie . Die Großmutter aus der engen Gasse hatte sie zur Aussteuer bekommen . Die wollte sie dereinst sich holen , wenn Gott ihr jenen Wunsch erfüllen würde . Jennys Liebling hatte in einem andern Bettchen gelegen , die alte plumpe Wiege paßte nicht in das elegante Schlafzimmer der jungen Mutter . Aber in die schlichte Stube zu Niendorf , wo der wilde Wein sich ums Fenster rankte und der alte große Kachelofen so breit und gemütlich stand , da war sie an ihrem Platz , zwischen Ofen und Wandschrank , so recht traut und heimlich . Sie lächelte glückselig wie ein Kind ; daß ihr Leben so schön , so reich werden solle . Sie konnte es gar nicht glauben . Der Wagen rasselte jetzt durch das Stadttor , sie war gleich daheim , und ihr Herz begann stürmisch zu klopfen . Wenn sie doch erst wüßte ! 157 Der Hausmann öffnete ihr den Schlag , und sie stieg die Treppe empor , vorüber an Jennys Wohnung . Die Entreetür zur mütterlichen Etage stand geöffnet . Niemand zu sehen . Sie trat in den Flur . Wie grüßte sie alles so lieb und vertraut , selbst die Wanduhr erhob ihre Stimme , eben schlug sie dreiviertel auf zwei . Sie legte den Mantel ab und ging zu dem Zimmer der Mutter hinüber . Auch hier die Tür nur angelehnt . Im Begriff einzutreten , zog sie plötzlich die Hand zurück . » Und ich sage dir , Ottilie , daß es der unüberlegteste Streich deines Lebens ist , wenn du dem Kinde das alles so unvorbereitet ins Gesicht wirfst . Mag es wahr sein oder nicht , wozu willst du ihr junges Glück zerstören ? Da gibt es doch andere Mittel und Wege ! « Es war Onkel Heinrich ; er sprach im Tone tiefster Entrüstung . » Sie soll es von Fremden erfahren ? « scholl die Stimme der weinenden Mutter ; » die ganze Stadt erzählt es sich , und sie soll wie eine Blinde umhergehen ? « » Ich zittere an allen Gliedern « , hörte Trudchen jetzt Jenny , » es ist empörend , wir sind auf ewig lächerlich gemacht ! Gestern abend erst sagte ich noch zu Frau von S. : › Sie können sich nicht vorstellen , welch ein idyllisches , schäferhaftes Glück da draußen in Niendorf seinen Wohnsitz hat . ‹ « » Zum Henker mit eurer Logik ! Ich sage euch – « 158 rief jetzt der kleine Herr zornig . Aber er verstummte jäh , dort auf der Schwelle stand Trudchen Linden . » Sprecht ihr von uns ? « fragte sie und ihre erschreckten Augen irrten über die Anwesenden und blieben an der Mutter hängen , die bei ihrem Erscheinen weinend in den Sessel zurücksank . » Ja , Kind ! « Der alte Herr war zu ihr geeilt und suchte sie hinauszudrängen . » ' s ist ein unüberlegter Streich von deiner Mutter gewesen , daß sie dich holen ließ . Es ist nämlich gar nichts Schlimmes passiert – so eine dumme Rederei , ein Mißverständnis , lächerlich ! Komm erst mal herüber in ein anderes Zimmer , ich will es dir erklären . « » Nein , nein , Onkel , ich möchte es wissen , genau wissen ! « Sie zog ihre Hand aus der seinen und schritt zur Mutter hinüber . » Hier bin ich , liebe Mama , nun sage mir alles , aber rasch – ich bitte dich . « Sie sah aus totenbleichem Antlitz zu der weinenden Frau hinunter , und so stand sie in ihrer einfachen Sommertoilette fast regungslos . Nur die Bänder des Hütchens , die zur Seite des Gesichtes in einen leichten Knoten geschürzt waren , bebten in raschen Schlägen und gaben Kunde von ihrer furchtbaren Erregung . » Ich kann ' s ihr nicht sagen « , schluchzte Frau Baumhagen , » sag du es , Jenny . « Sofort wandte sich Trudchen zu der Schwester . Die junge Frau schlug die Augen nieder und wickelte 159 die schwarzen Samtschleifen ihres Morgenkleides nervös um die Finger . » Dein Mann ist in eine unangenehme Situation geraten « , begann sie leise . » Inwiefern ? « fragte Trudchen . » Eine fatale Geschichte ist es , aber nicht danach angetan , solche Leichenbittergesichter zu machen « , polterte der alte Herr , der am Fenster stand . » Er hatte – « Frau Jenny stockte wieder , » gestern ein Gespräch mit Wolff . « » Das weiß ich « , bestätigte Trudchen . » Wolff hat eine Forderung an ihn , eine sehr diskrete Forderung – dein Mann will sie nicht anerkennen und – « » So kommt in drei Teufels Namen zu Ende ! « Der alte Herr schlug zornig auf das Fensterbrett . » Wollt ihr der Frau das Gift tropfenweise geben ? « Er faßte wieder Trudchens Hand und suchte nach Worten . » Sieh , Trudchen , es ist nicht so schlimm ; es kommt manchmal vor – und der Wolff mag sich auch aufgedrängt haben – , kurz und gut , er ist so ein lebendiges Lexikon , kennt alle Menschen hier herum , und was einer wissen will , das erfährt er sicher bei ihm . Da hat dein Mann sich nun – na , wie soll ich mich denn ausdrücken – hat sich nach deinen Verhältnissen erkundigt , verstehst du ? – ehe er um dich anhielt ; voila tout . ' s kommt hundertmal vor , Kind – du bist vernünftig , nicht wahr , Trudchen ? « 160 Die