dem Hause . Mama ist in verdrießlicher Stimmung , weißt du , von Ruth noch kein Brief , und dann die Ungewißheit , ob bei dem Wetter die Gäste kommen . Na , die Nächsten werden schon erscheinen , aber Nordhelms und Belaus und die G ... er Offiziere schwerlich , wenn sie nicht schon unterwegs sind . « » Um halb sieben müssen wir aber doch auf alle Fälle angezogen sein « , plauderte sie weiter , während ich Licht anzündete , » damit wir Mama beim Empfang helfen können , und dann möcht ' ich mich auch noch ein wenig von Heinrich bewundern lassen . Aber was ist dir denn ? Du siehst ja ganz blaß aus , bist du krank ? « fragte sie . » Nein , o nein , ich war nur ein bißchen in Gedanken . Ja , du hast recht , wir » vollen uns anziehen . Sieh , wie hübsch die weißen Kleider bei Licht aussehen , aber vorhin – hör nur , Hanna , als ob unser alter Turm hier umgerissen werden soll , das ist zum Fürchten unheimlich , dies Heulen und Pfeifen in der Luft – « » Ich mach ' , daß ich fertig werde und hinunter komme « , sagte Hanna , mit größter Eile an ihre Toilette gehend . Sie löste ihre langen blonden Locken auf , und sie mutwillig schüttelnd , summte sie neckisch vor sich hin : Wenn ' s regnet , wenn ' s schneit , Wenn ' s donnert , wenn ' s blitzt . So fürcht ' i mi nit , Wenn mei Schatz bei mir ist . » Denk doch , Gretel , ich hab ' ja noch nicht mit ihm getanzt . « Dann trällerte sie wieder eine Tanzmelodie . » Auf meiner Hochzeit soll auch getanzt werden , unsere Leute sollen tanzen . – Gelt , Liesel ? « wendete sie sich an die Kammerjungfer , die eben eintrat , um zu helfen . » Das wird eine Lust ! « Warum konnt ' ich nur nicht mit einstimmen in den vergnügten Ton ? Kathrin war schuld , die mein Geheimnis entdeckt hatte . Sie würde es ja doch erfahren haben , und ich werde ihr morgen alles gestehen . Eberhardt muß es erlauben , wenn ich ihm mitteile , daß sie uns auf dem Korridor belauschte , sie ist ja treu und verschwiegen . – Mit Gewalt versuchte ich , das bange Gefühl zurückzudrängen , es ging nicht . Hanna schalt auf meine schlechte Laune : » Ich glaube , du hast Gesellschaftsfieber , meine schöne Grete . Pfui , Hasenherz , das ist bei dir nicht nötig . Wenn ich ' s noch wär ' , aber ich brauch ' s auch nicht . Ich lasse Heinrich nicht los , und da bin ich geborgen . « Ich war fertig angezogen und steckte die beiden Rosen in den Gürtel . Da brach die eine ab und fiel zur Erde . Traurig hob ich sie auf – auch das noch ! Als wir in unseren duftigen weißen Kleidern in den bekannten kleinen Salon traten , empfing uns der Baron mit lauter Bewunderung . Bergen fand seine Braut über alle Beschreibung lieblich und Eberhardts Augen sahen flammend in die meinen . Frau v. Bendeleben , in schwerer , seidener Robe , zupfte hier und da noch etwas zurecht an unseren Anzügen . Sie war offenbar sehr verstimmt . Das Unwetter draußen hatte sich verschlimmert , und sie sagte in ärgerlichem Tone : » Es ist merkwürdig , was wir für Unglück haben mit unseren Einladungen ! Einmal kommt Trauer , wie diesen Sommer , als wir das Fest im Park zu geben beabsichtigten , und jetzt erlebe ich wirklich , daß außer dem jungen Pastor kein Mensch erscheint . « » Na , zu verdenken wäre es niemandem , Klothilde « , erwiderte der Baron . » Ich überlegte mir die Sache auch noch , wenn ich ausgebeten wäre . Man riskiert ja , daß der Sturm den Wagen zerbricht . Es ist übrigens kein Unglück . Wer kommt , ist doppelt angenehm , und wenn niemand kommt , so tanzen wir allein , nicht wahr , Gretchen ? Wir geben ein stattliches Paar . « Hanna lachte glücklich auf und meinte , der Vater müsse Wort halten und tanzen heute abend , ganz gleich , ob jemand gekommen sei oder nicht . Frau v. Bendeleben fand die Scherze nicht nach ihrem Geschmack . Sie schritt durch die Zimmerreihe . Die Diener fingen an , die Kerzen anzuzünden , der Baron folgte ihr , und da das Brautpaar eifrig flüsternd und lachend am Kamin stand , so näherte sich mir Eberhardt , und ich konnte ihm erzählen von Kathrin und sagen , daß ich so bange sei , als müsse mir etwas Schreckliches passieren . » Gretel , du bist wohl abergläubisch ? « neckte er . » Wenn du dich sehen könntest – du siehst aus wie eine Fee , die alle Menschen glücklich machen , der aber nichts Böses ankommen kann . Kathrin – die Alte – hat eine rührende Liebe zu dir , erzähle ihr alles , sie ist wert , dein Vertrauen zu besitzen , und sie wird dann beruhigt sein . Nun blicke wieder fröhlich , Gretel , du mußt nicht trüb aussehen – zwar bist du auch so wunderhübsch , aber am allerschönsten doch , wenn deine Augen so heiter und neckisch mich anschauen . Nimm dir ein Beispiel an Hanna . Die Kleine ist wie ausgewechselt , seit sie ihren blonden Bergen zur Seite hat . Sie trällert und singt den ganzen Tag . Sei auch so und laß dir nicht die Fröhlichkeit durch Ahnungssorgen verkümmern . Das › Heute ‹ ist unser und kein Grund vorhanden , um nicht fröhlich zu sein . « Ich lächelte ihm dankbar zu : » Ich will es versuchen . « Die Reihe der Zimmer strahlte im hellsten Glanze der Kronleuchter und Lampen , und draußen rollte , trotz Sturm und Regen , ein Wagen nach dem andern vor . Die Säle füllten sich . Mit verbindlichstem Lächeln ging Frau v. Bendeleben den Gästen entgegen und versicherte , wie sie es doppelt hoch aufnehme , daß man bei diesem Unwetter das sichere Heim verlassen habe , um ihr ein paar Stunden zu schenken . » Es war aber wirklich eine tolle Fahrt , die wir gemacht haben , meine Gnädige « , sagte ein kleiner , dicker Herr im dunkelblauen Frack mit Goldknöpfen . » Ich versichere Sie , die Pferde konnten kaum weiter , als wir die Hälfte des Weges hatten . Ich beruhigte aber meine Frau und schrie dem Kutscher zu : › Hau drauf ! Hin müssen wir , bis morgen früh wird sich der Sturm gelegt haben ! ‹ Bei Wieblitz mußten wir aber erst eine Zeit halten und Leute holen , weil uns eine umgestürzte Pappel den Weg versperrte . « » Um so glücklicher bin ich , Sie unversehrt hier zu sehen , Herr v. Nordheim « , entgegnete Frau v. Bendeleben und winkte dem Diener mit dem Präsentierteller voll heißer Getränke . Sie sagte den jungen Damen Komplimente über ihr frisches Aussehen und stellte Bergen als Schwiegersohn vor . Die G ... er Offiziere , der Oberst v. Rosenberg und seine Frau sowie der dicke Hauptmann und der morose Oberleutnant unter ihnen , waren ebenfalls eingetroffen , und Eberhardt stellte mir die Herren vor . Ich fing an , mich wieder behaglicher zu fühlen . In dieser Fülle von Licht und dem heiteren , bunten Treiben wichen die trüben Gedanken . Ich konnte scherzen und lachen und hatte sogar ein freundliches Wort für Pastor Renner , der nun auch zu mir trat , um mich zu begrüßen . Ich unterstützte nach Möglichkeit die Frau v. Bendeleben bei den anstrengenden Pflichten der Wirtin . Sie hatte mich darum gebeten , da Hanna nach ihrer Meinung doch nicht dazu zu gebrauchen sei . Und sie hatte recht . Hanna ließ keinen Augenblick Bergens Arm los , und mir blieb die Aufgabe , die jungen Damen ins Nebenzimmer zu führen , zu erzählen , daß getanzt würde , und die Artigkeiten der jüngeren und älteren Herren anzuhören . Beim Souper hatte ich glücklicherweise meinen Platz neben Eberhard , allerdings saß auf der andern Seite Pastor Renner , der gar seltsam gegen die ausgelassene lustige Jugend abstach . Um den ernsten , feinen Mund zuckte selbst bei dem gelungensten Scherz kein Lächeln , er sprach wenig und schien sich nicht gerade wohl zu befinden an seinem Platze , den er Frau v. Bendeleben verdankte . Man saß lange bei Tische , die Stimmung wurde immer angeregter , und zuletzt flogen Neckereien und Wortspiele wie Raketen durch die Luft . Es wurden Toaste ausgebracht und Gesundheiten getrunken . Ein alter Edelmann der Nachbarschaft , der die Jugend und den Scherz liebte , klopfte an sein Glas und sprach , als alles schwieg : » Wo sprühende Augen und rosige Wangen , Wo Jugendkraft , Mut und feurig Verlangen , Wo in den Kehlen glüht purpurner Wein , Dort an der Seite der schönsten Frauen Laßt uns der Freude Tempel erbauen . Vive la joie ! stimmt alle mit ein : Vive la joie ! und nimmer soll schweigen In diesem Hause der Freude Reigen ! « » Hoch ! Es lebe die Freude ! « klang es von allen Lippen , und die Freude legte ihre berauschende Fessel um Alter und Jugend , sie legte sich als glückliche Erinnerung auf die Stirne der Alten und glänzte aus den Augen der Jungen , flüsterte ihre wunderbaren Rätsel in das Ohr der hübschen Mädchen und der stattlichen Männer , sie perlte im Champagner und strich mit leiser Hand alle trüben Gedanken aus dem Herzen . Vive la joie ! – › Und nun zum Tanze ! Wer tanzte nicht gern mit achtzehn Jahren ? Die ernsten Augen des Geistlichen sahen mich an , als ich so lebhaft meine Freude äußerte . Was kümmerte es mich , ich sollte ja mit ihm tanzen ! Wir wollten in den Saal gehen . Die alte Gotthardten , die , ihre Tänze spielend , von Ort zu Ort zog , stimmte bereits ihre Harfe , und der lahme Werner , ihr steter Begleiter , strich den Bogen mit Kolophonium – da fiel mir ein , ich hatte meinen Fächer oben im Turmstübchen liegen lassen , den ich für unentbehrlich hielt . So nahm ich ein leichtes Tuch um , lief hinauf , fand ihn glücklich im Dunkeln und kam , ein Liedchen vor mich hinsummend , die hellerleuchtete Treppe wieder hinabgesprungen . Mir glühten die Wangen vor Aufregung und Lust . Rasch wollte ich durch die Halle eilen , schon klangen die ersten Töne der Musik mir entgegen – oh , wie schön ist doch das Leben ! – da war es mir , als hörte ich einen Wagen auf dem Steinpflaster vor das Portal rollen und anhalten . Erstaunt blieb ich stehen – wer konnte noch in so später Stunde kommen ? Ich glaubte , ich hätte mich getäuscht . Von den Dienern sah ich keinen , sie waren alle in den Zimmern beschäftigt . Eben wollte ich weiterschreiten , da flog die schwere eichene Tür auf , ein Windstoß fuhr herein , daß die Hängelampen des Hausflurs an ihren Ketten schwankten – eine schwarze Frauengestalt trat in die Halle . Der Wind hob den Schleier von ihrem Gesicht , ein Paar großer , dunkler Augen schauten mich an . Ein namenloser Schreck durchfuhr mich , und mit dem Aufschrei » Ruth ! « blieb ich regungslos stehen und starrte sie an . Ich glaubte bestimmt , ich sähe eine Erscheinung , und war keines klaren Gedankens fähig , da fiel die Tür dröhnend hinter ihr ins Schloß . Sie schritt wankend auf mich zu , ihre Lippen bewegten sich , als wollte sie sprechen , die Augen irrten scheu in der Halle umher , und die Lampen warfen ein unruhiges Licht auf das bleiche Gesicht . Dann faßte sie mich am Arm : » Meine Mutter , wo ist meine Mutter ? « Ich stürzte davon wie gejagt . Zitternd und leichenblaß stand ich plötzlich im Saal , es war mir , als hätte ich die Sprache verloren . Ich suchte nach Worten und fand sie nicht , ich vermochte zuerst nur mit der Hand nach draußen zu zeigen , dann stammelte ich zu Frau v. Bendeleben , die besorgt zu mir trat : » Ruth ist draußen in der Halle ! « Sie sah mich an , als ob ich irrsinnig geworden sei . Die Musik verstummte , und die gespannte Aufmerksamkeit der Gesellschaft konzentrierte sich auf mich , die ich , am ganzen Körper zitternd , vergeblich versuchte , Herr meines Schreckens zu werden . Da flog die nach dem Korridor führende Flügeltür auf , und über die Schwelle schritt Ruth . Ich sehe sie noch vor mir , unheimlich schön sah sie aus , als sie mit beinahe geistesabwesenden Augen ihre Mutter suchte . Ein langes , schwarzes Trauerkleid umhüllte die zierliche Gestalt , die dunklen Haare waren unter der Witwenhaube versteckt , von der ein langer , schwarzer Kreppschleier herniederhing . Das wunderbar schöne Gesicht zeigte keine Spur von Leben . » Mutter ! « rief sie mit erlöschender Stimme . » Mutter ! « Einen Augenblick stand alles starr und still , dann kam Leben in die Mutter , und mit dem Ausruf : » Ruth ! Allmächtiger Gott , was ist geschehen ? « zog sie die Tochter in ihre Arme . » Er ist tot , Mutter ! « sagte sie leise und tonlos und legte den Kopf an ihre Schulter . Kaum vermag ich diese Szene zu beschreiben . Vorhin und Jetzt erschien wie ein Traum . Die Gäste zogen sich in die Nebenzimmer zurück , der Baron stand wie betäubt , und Hanna hatte die Hand ihrer Schwester ergriffen . » Ruth , liebste Ruth , sprich doch , sei nicht so starr – bringt sie doch auf ein Sofa , hilf doch , Heinrich , Vater ! O Gott , was ist nur geschehen ? « Totenstill war es im Zimmer geworden , die Kerzen gossen ihr Licht auf die bleiche Frau in der prachtvollen Seidenrobe und auf die schlanke , schwarze Gestalt in ihren Armen . Die Blumen dufteten süß , und draußen raste der Sturm und pochte an die Fensterscheiben , und wieder klang es tonlos von ihren Lippen : » Er ist tot , Mutter ! « Still gingen Bergen und Eberhardt hinaus und schlossen die Türen , man hörte nur leises Sprechen nebenan , und endlich ertönte die Stimme der Frau v. Bendeleben : » Ruth , armes , armes Kind ! « Auch ich zog mich zurück und trat in den Speisesaal . Oh , meine Ahnung ! – Bergen und Eberhardt begleiteten eben die letzten Gäste zu den Wagen . Das Unwetter tobte wie am Nachmittage . – Hier standen noch die Tafeln , wie wir sie verlassen , die Stühle abgerückt , Blumen und Orangenschalen auf dem Fußboden verstreut . Hier hatte die Hausfrau gesessen und mit frohen Blicken über die heitere Gesellschaft geschaut , während ihr Kind in Nacht und Sturm zu ihr flüchtete , und von dort oben lächelten die Götter unbekümmert ihr Vive 1a joie herab . – Wo war sie geblieben , die Freude ? Scheu hatte sie sich geflüchtet , als die schwarze Frauengestalt in ihrem Bereiche erschien . Wie flatterhaft ist das Glück ! » Was kann nur passiert sein ? « fragte Bergen . » Warum wurde der Tod nicht sofort brieflich angezeigt ? Es ist seltsam und unheimlich , nicht wahr , Fräulein Gretchen ? « » Ich weiß nichts « , sagte ich . » Aber ich fürchte mich . Ich hatte eine Ahnung , daß etwas Schreckliches passieren müsse . Herr v. Eberhardt hat mich zwar ausgelacht – « » Ja , ich lächle auch jetzt noch über Ahnungen , ich bin nicht abergläubisch « , erklärte er . Da kam Hanna zu uns und warf sich , in Tränen ausbrechend , in die Arme ihres Bräutigams . » Sie ist wie abwesend « , klagte sie . » Das einzige , was wir von ihr erfahren haben , ist , daß er im Duell gefallen , und daß sie von der Leiche fort in den Reisewagen gestiegen und abgereist ist . Sie hat kaum etwas genossen , während der ganzen Fahrt nicht geschlafen . Oh , was für ein schrecklicher Tag ist dies ! « Ein schrecklicher Tag , ja , in Wahrheit schrecklich ! Eberhardts liebevollste Worte konnten mich nicht beruhigen . Ich bebte im Fieber , und erst gegen Morgen schloß ich die Augen neben Hanna , die sich in den Schlaf geweint hatte . Unheimliche Träume verfolgten mich , in denen Kathrin und Ruth seltsame Gespräche führten , und dann hörte ich wieder Eberhardts Stimme : » Wie hübsch siehst du heute aus , mein geliebtes Mädchen . « Genau habe ich nie erfahren , was dort in Wien vorgefallen war . Nur aus unzusammenhängenden Brocken konnte ich das Folgende zusammensetzen . Die schöne Gräfin war eines Morgens aufgewacht von ungewohntem Laufen und Tumult in dem Palaste . Sie war aufgestanden , hatte ein leichtes Gewand übergeworfen und nach ihrer Zofe geschellt . Da war diese schreckensbleich hereingestürzt , und durch die geöffnete Tür hatte Ruth die Bahre mit ihres Gatten totem , starrem Körper erblickt . Sie hatte sich verzweifelt über ihn geworfen . Ihr wurde mitgeteilt , daß er im Duell mit Herrn v.T. gefallen sei . Über die Ursache dieses blutigen Ereignisses weiß ich nichts , nie wurde in Bendeleben eine Andeutung darüber gemacht . Nur das erfuhr ich nachher , daß , als die junge Witwe am späten Nachmittage desselben Tages in die Gemächer ihrer Schwiegermutter kam , um bei dieser Trost zu suchen , die Kammerfrau ihr sagte , die gnädige Gräfin wolle die Frau ihres verstorbenen Sohnes nicht sehen . Da hatte sich die junge Witwe sofort in ihren Reisewagen geworfen und war zu ihren Eltern geflohen . Weshalb die alte Gräfin die einst so vergötterte Schwiegertochter nicht hatte empfangen wollen , ob sie glaubte , daß sie schuld an dem Zweikampfe gewesen , oder ob überhaupt schon in der letzten Zeit das Verhältnis erschüttert war , wer mag es wissen ? Die Zeitungen brachten nur einen kurzen Bericht über die unglückliche Geschichte . Der Grund des Duells zwischen diesen sonst so befreundeten Herren sei vollständig unbekannt , hieß es darin . Der Baron reiste nicht nach Wien zur Beisetzung . Es wurden viele Briefe gewechselt und Ruth blieb bei ihren Eltern . Frau v. Bendeleben sah unendlich niedergeschlagen aus , und ihre Augen richteten sich zuweilen mit einem Ausdruck von Bitterkeit auf das Antlitz der jungen Witwe . Des Barons heitere Laune war gewichen , er sah meist ärgerlich und verstimmt aus . Ein großer Kummer ist ja auch der Verlust eines Schwiegersohnes und wohl imstande , den Frohsinn für lange Zeit aus dem Hause zu bannen . Es war , als ob mit dem plötzlichen Einzuge der verwitweten Tochter ein unheimlicher Druck auf dem ganzen Hause lag . Kein frohes Wort wurde mehr gehört , kein Gesang von mir verlangt . Ruhig und scheinbar in alter Weise bewegte sich alles , und doch ohne Lust und Leben . Selbst die Dienerschaft sprach nur flüsternd miteinander , und Frau v. Bendeleben schien ihre ganze Elastizität eingebüßt zu haben . Ruth selbst , nachdem sie während der ersten acht Tage kaum für einen von uns sichtbar geworden war , hatte sich ziemlich gefaßt gezeigt . Sie war viel auf ihrem Zimmer , und Hanna erzählte mir , daß sie meistens mit einem Buche auf dem Sofa liege , später erschien sie mittags und abends zu Tische . Der unheimlich starre Ausdruck ihres Gesichts , mit dem sie an jenem Gesellschaftsabend in den glänzenden Saal getreten , war gewichen , und um den reizenden kleinen Mund lag wieder wie früher ein Zug , halb kokett und halb gelangweilt . Aber schön war sie , wunderschön . Das Witwenhäubchen auf dem dunklen Haar lieh dem Gesichte mit dem durchsichtigen Teint einen lebenswarmen Ausdruck , noch gehoben durch den dunklen Grund des Kreppschleiers , mit dessen Schwärze die großen Augen wetteiferten . Ich schaute ihr oft bewundernd nach , wenn sie in ihrem langen schwarzen Schleppkleide durchs Zimmer schritt . Wie eine Göttin der Trauer sah das reizende Geschöpf aus . Hannas Hochzeit , die vor dem Beginn der Fasten sein sollte , hatte man anfänglich aufgeschoben . Später hatte man auf Ruths Bitten sich entschlossen , den Termin beizubehalten . Die Aussteuer wurde besorgt , freilich nicht so in freudiger Hast wie für die schöne Frau dort . Aber Hannas stillseliges Gesicht hauchte einen Schimmer von Glück über die Vorbereitungen . Wir saßen viel allein , Hanna und ich . Ruth beachtete mich möglichst wenig , nur hatte sie einmal wider Willen geäußert , daß sie nicht gedacht habe , ich würde so hübsch werden . Es war so ziemlich dasselbe Verhältnis zwischen uns beiden wie früher , und ich dachte ernstlich daran , in meine Heimat überzusiedeln , sobald Hanna ihrem Manne gefolgt sei ; um so lieber , da mein Vater zu Ostern wieder in unser Dorf zurückkehren wollte . Bei Kathrin war ich schon in den ersten Tagen nach Ruths plötzlichem Eintreffen gewesen . Ich hatte ihr so viel zu erzählen , aber sie wollte nichts hören . Die Sanftmut , mit der sie mich in letzter Zeit behandelt hatte , war geschwunden , die Entdeckung auf dem Korridor im Schlosse hatte sie wieder vollständig gegen mich eingenommen . » Ich will nichts wissen « , erklärte sie barsch . » Mach , was du willst , komm her oder bleib dort , meinetwegen . Du undankbares , ehrvergessenes Mädchen , schämen solltest du dich ! « » Schämen soll ich mich ? « hatte ich gerufen ; mein ganzes Ehrgefühl war bei den harten Worten aufgestachelt . » Warum soll ich mich schämen ? Wilhelm v. Eberhardt liebt mich , ich werde sein Weib – und darum soll ich erröten ! « » Warum schreibt er nicht an deinen Vater ? Warum nimmt er dich nicht an der Hand und sagt : › Seht , Leute , dies ist meine Braut ! ‹ « fragte Kathrin . » In was für ein Licht bringt er dich durch diese Heimlichtuerei ? Aber die Angst läßt ihn nicht dazu kommen , das Rechte zu tun . Die Tante würde ihm auch bald klarmachen , was für eines Vergehens er sich schuldig macht , wenn er die Gretel Siegismund da unten aus dem Dorfe in seine Familie bringt . « » Kathrin , er liebt mich ! « » Dann laß es ihn beweisen , indem er es öffentlich sagt . « » Er kann es jetzt nicht . « » Weil er sich fürchtet vor seiner adligen Sippschaft ! Wahre Liebe hat nicht Angst vor Feuer und Wasser . Des Mädchens Ehre geht einem Manne , der es ehrlich meint , über alles « , erklärte die Alte mit überlegener Miene . » Kathrin , du bringst mich zur Verzweiflung . Ich weiß es , daß er mich liebt , die Zeit wird es lehren . Kein Wort mehr davon , du hast kein Recht , eine solche Sprache gegen mich zu führen . « Und dann war ich gegangen , tief gekränkt in meinem Mädchenstolze . Eberhardt tröstete mich zwar in seinen Briefen , die nach wie vor pünktlich durch Anne Maries Hand gingen , und wenn er kam , so sagte er : » Die längste Zeit ist ja nun schon überstanden ! Denk doch , wie bald wird es Frühling , und im Sommer schon weiß es alle Welt , daß du mein bist . « » Was wird aber alle Welt sagen ? « fragte ich . » Was deine Tante und die Gräfin Satewski , wenn Mamsell Siegismund auf einmal in ihre Familie tritt ? « » Ängstige dich nicht , wir heiraten so rasch wie möglich , und ich will sehen , wer der Frau v. Eberhardt den schuldigen Respekt verweigert . « Seine dunklen Augen blitzten zornig auf . » Ich bitte dich , denke jetzt nicht daran und gräme dich nicht , sondern vertraue auf mich « , setzte er hinzu und fuhr mit der Hand über die Augen , als wollte er die unangenehmen Bilder , die sich ihm aufdrängten , verscheuchen . Ruth hatte sich die ersten Male , als Bergen und Eberhardt nach jenem ereignisvollen Abend wieder hier waren , nicht gezeigt . Die Herren hatten sie nur damals gesehen , als sie bleich , verstört und von dem blutigen Drama ergriffen in das elterliche Haus zurückkehrte . Was dieses Sichzurückziehen , sobald ihr Vetter und ihr Schwager erschienen , eigentlich bedeuten sollte , konnte sich weder Hanna noch ich erklären . Hanna nahm es förmlich übel , daß die Schwester gar kein Verlangen trug , ihren Bräutigam kennenzulernen . An einem Sonnabendabend waren die Herren wieder gekommen , um den Sonntag hier zu verleben . Wir saßen glücklich und heiter vor dem Kamin in dem kleinen Salon , sprachen von Hannas nahe bevorstehender Hochzeit , und ich fühlte mich für eine bange Zeit voll ahnungsvoller Sorgen durch die Nähe des geliebten Mannes entschädigt . Da tat sich die Tür auf , und Ruth schritt herein . Es war ziemlich finster im Zimmer , wir hatten uns in die Dämmerung hineingeplaudert . Nur der Schein des Feuers im Kamin warf ein schwaches , rötliches Licht auf die nächsten Gegenstände . Man konnte das Gesicht der jungen Frau nicht sehen , aber die unvergleichlich klare , süße Stimme , die sich unwillkürlich in Ohr und Herz schmeichelte , so daß Eberhardt , lebhaft aufhorchend , den Kopf nach ihr wandte , sagte : » Oh , wie dunkel , und ich wollte doch so gern meinen Herrn Schwager und den alten , guten Vetter Wilhelm sehen . « Es klang so naiv , so kindlich , als hätte es ein Kind gesprochen . » Ruth ! « rief Eberhardt und faßte , aufspringend , ihre Hand , » so müssen wir uns wiedersehen ! « Er hatte in warmem Tone gesprochen , und Bergen fügte einige Worte der Teilnahme hinzu . Man sah einen Augenblick das weiße Tuch vor ihren Augen ; dann sagte sie leise : » Bitte , sprecht nicht mehr davon , ich kann es nicht ertragen « , und ließ sich m den herbeigeschobenen Sessel fallen . Nach einer Pause wendete sie sich zu Eberhardt : » Ja , es waren schöne Zeiten , Wilhelm , als wir noch in Bonn unsere ersparten Schätze beim Konditor anlegten . Weißt du noch , die Ladenmamsell kannte uns zuletzt schon , wenn wir kamen , und einmal fragte sie uns : › Ihr seid wohl am Ende gar Braut und Bräutigam ? ‹ « Sie lachte glockenrein , und eben noch waren Tränen um den verlorenen Gatten in ihren Augen gewesen . Eberhardt mußte unwillkürlich mitlachen . » Ja , ja , das weiß ich noch . Mein Gott , wie die Zeiten sich ändern ! – « Da brachte ein Diener Licht . Der Schein der hohen Bronzelampe fiel voll und hell auf Ruth , die uns gegenübersaß . Sie sah wunderschön aus , die dunklen Locken quollen unter den Spitzen der schwarzen Haube hervor . Die großen , selten schönen Augen schimmerten in feuchtem Glanze unter den langen Wimpern , der kleine , rote Mund zeigte , noch vom Lachen halb geöffnet , die Reihe blendend weißer Zähnchen , das lange tiefschwarze Gewand umschloß die reizendste Figur , und sie lag in dem Sessel , als habe sie keine Ahnung von dem entzückenden Bild , das sie darbot . Ich war selbst in ihren Anblick versunken , und erst Eberhardts plötzliches Verstummen ließ mich zu ihm hinschauen . Er sah seine Cousine mit unverhohlener Bewunderung an , und auch Bergen schaute ganz frappiert zu ihr hinüber . Ruth ihrerseits hatte nur einen vorübergleitenden Blick für die beiden Herren gehabt und spielte gleichgültig weiter mit dem Ende ihres langen , schwarzen Kreppschleiers , den sie , etwas phantastisch arrangiert , von ihrem Winterhäubchen herabwallen ließ . Sie hatte sich in den Salons in Wien den elegantesten Weltton angeeignet , und würde selbst ihren Vetter nicht mit einem neugierigen Blick belästigt haben . Ebensowenig schien sie die Bewunderung zu bemerken , die man ihrem Anblick zollte . Es gab mir einen kleinen Stich ins Herz , als ich den Eindruck gewahrte , den die Schönheit meiner heimlichen Feindin auf Eberhardt machte . Doch es war nicht anders möglich , man mußte überrascht sein , wenn man sie zum ersten Male oder nach langer Zeit wiedersah . Bergen war ja wie geblendet gewesen , und ich hörte nachher , wie er zu seiner Braut sagte : » Deine Schwester ist eine Schönheit ersten Ranges , ich möchte sagen , eine vollendete Schönheit , wie ich noch nie etwas Ähnliches sah . « » Nein aber , du angehender Don Juan « , scherzte Hanna . » Aber du gefällst mir doch noch besser , mein Herz , aus deinem Gesichtchen sieht die Herzensgüte heraus , die die Frau , die sie besitzt , zur schönsten auf Erden macht « , setzte er hinzu und küßte die Stirn seiner Braut . Das tröstete mich , die Herzensgüte mußte Eberhardt bei Ruth auch vermissen , und er liebte mich ja . Mochte er sie ansehen , soviel er wollte ,