rasend , schimpfte , schalt und verfluchte die Stätte , auf der er stand . Der entsetzte Pfarrer mußte zum Fenster hinaus den Küster rufen zu seiner Hilfe , und dieser schaffte im Verein mit einigen anderen Männern den armen abgewiesenen Freier in das städtische Krankenhaus , wo er in der gepolsterten Zelle untergebracht wurde und zwei Tage lang die Zwangsjacke trug . Dann wurde er wieder ruhig und man ließ ihn laufen . Jahrelang noch durchschritt er würdevoll , mit schwärmerischem Augenaufschlag , die Straßen der Stadt . 136 Dann blieb auch er plötzlich unsichtbar , verschwand für immer in die Landesirrenanstalt . Die Polizei fand eines Karfreitags , durch Kinder aufmerksam gemacht auf ein Stöhnen , das aus Mechaus Häuschen kam – er bewohnte dasselbe mit seiner Mutter , einer armen Näherin , die ihn so fanatisch liebte , daß sie ihn gänzlich ernährte , so gut und schlecht es von ihren paar Groschen möglich war – also , die Polizei fand Mechau am Boden seines Stübchens gekreuzigt vor , das heißt , er lag mit Stricken festgebunden auf einem großen plumpen Holzkreuz , und seine Mutter hockte weinend neben ihm , beide glaubten , Mechau sei der Erlöser und sie die schmerzensreiche Mutter . Der dicke Polizeiwachtmeister wurde als Kriegsknecht von ihr angesprochen . Mechau selbst hatte vor Schwäche und Mattigkeit die Besinnung verloren : er lag schon seit gestern so da . Man hatte Mühe , ihn wieder so weit zu kräftigen , um mit ihm die Reise nach Halle antreten zu können . Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Kunde durch die Stadt , und wir Kinder redeten noch lange von der grauenvollen Tat Mechaus mit leiser Stimme und furchtsamen Augen . Original Nummer drei gehörte dem weiblichen Geschlechte an ; sie hieß schlechtweg Fräulein von Thadten . Eine einäugige große Person war sie mit glattem Madonnenscheitel , schlampigem dunklenWollkleid , einem bräunlichen dreizipfligen Umschlagetuch und einer Gitarre am verblichenen grünen Seidenband , die sie à la Troubadour handhabte . Die Ärmste trug über dem rechten Auge eine schwarze Lederbinde , und wenn diese sich verschob , sah man , daß das Auge ausgelaufen war . Jeden Monat mindestens einmal erschien sie in meinem elterlichen Hause ; das einleitende Geklimper ihrer Gitarre lockte uns Kinder natürlich schnell in den Flur , und wir waren auch kaum die Treppe hinuntergestürzt , da sang sie schon ohrenzerreißend : » Fordre niemand mein Schicksal zu hören , zim zim zim zim zerim , Dem das Leben noch wonnevoll winkt , zim zim zim zerim – – « 139 Sie hatte auch allen Grund , über ihr Schicksal zu schweigen , das arme Geschöpf . Tatsächlich war ihr von dem Leben weiter nichts geblieben als die Ehr ' und das alternde Haupt . Wirklich , sie war eine kreuzbrave Person trotz ihres Umhervagabundierens , und sie hätte , falls sie doch ihr Schicksal beschreiben gewollt , mit den Anfangsstrophen von Tiedges » Urania « beginnen können : » Mir auch war ein Leben aufgegangen , Welches reichbekränzte Tage bot . « – Röschen von Thadten hatte in einer wappengeschmückten Wiege gelegen und ihre erste Jugend war eine wohlbehütete gewesen . Dann aber hatte sie , der sorgfältigsten Erziehung ein Schnippchen schlagend , das Verlangen gepackt , Künstlerin zu werden . Von der Familie abgewiesen , war sie einfach desertiert mit einer Wandertruppe unterster Ordnung . Der alte Herr von Thadten , ihr Vater , ließ sie laufen , und doch war es sein einzigster Sprößling ! Die fassungslose Gattin rang sich die Hände wund um Erbarmen für ihr Töchterlein ; er blieb bei seinem : » Lieber gar kein Kind als solches ! « Röschen ließ nichts wieder von sich hören ; die Mutter starb vor Gram , der Alte aber lebte noch jahrelang weiter , verlassen , hart , menschenscheu . Als er die Augen schloß in hohen Jahren , war kein Vermögen mehr da , er hatte es verschenkt bei Lebzeiten ; nur ein paar Möbel und ein paar hundert Taler , die sich in seinem Schreibtisch fanden , blieben der verschollenen Tochter als Erbe . In den Zeitungen erschien ein Aufruf seitens der Gerichte an sie . Niemand glaubte an ihr Wiederkommen , aber siehe da , eines Tages stand auf dem Rathause vor dem erstaunten Bürgermeister unser Röschen , genau in dem Aufputz wie eben beschrieben , und erhob die Erbschaft . Sie erzählte , wie sie ihr Auge verloren habe bei Gelegenheit einer Feuersbrunst in irgend einer kleinen Stadt , wo die Gesellschaft ihre Bühne in einer leeren Scheuer etabliert hatte . Ein brennender , stürzender Balken habe sie getroffen , darauf sei sie untauglich geworden für die dramatische 140 Kunst und müsse nun leider auf diese Weise ihr Brot erwerben , das heißt , hausieren gehen und singen . Weshalb sie denn nicht bei Lebzeiten des Vaters gekommen sei , um seine Verzeihung zu erbitten ? Dazu fühle sie sich zu stolz , hatte sie gesagt , denn sie habe nie etwas Unehrenhaftes getan . Schließlich bat sie die hohe Obrigkeit um das Armenrecht in der Stadt , das man ihr weder bestreiten wollte , noch konnte , denn der alte Herr war in aller Stille manches Stadtarmen Wohltäter gewesen , und so mietete sich Fräukein Rosa von Thadten ein Stübchen in irgend einer winkligen Gasse und unternahm jeden Tag , den Gott werden ließ , ihre Konzerttouren . Nie sah man sie mit jemand reden , sie war zu stolz dazu . Sie steckte ihre Kupferpfennige mit einer wahrhaft großartigen Gebärde in die Tasche , schlug den Zipfel ihres Umschlagtuches über die Schultern , machte eine Verbeugung , wo sie niemand eines Blickes würdigte , und ging ins nächste Haus . Trotz des fehlenden Auges war sie , anfänglich noch , kein übles Frauenzimmer , und manch einer mag gedacht haben , mit der armen Bettelsängerin einen Scherz wagen zu dürfen ; aber dem Dreisten ward heimgeleuchtet . Dazumal sang noch die Kurrende auf den Straßen , und der Vorsänger war ein bildhübscher baumlanger Primaner . Dem hat das Fräulein von Thadten einmal eine Ohrfeige geschlagen , die er gewiß nie vergessen und die ihm den Glauben an die Ehrenhaftigkeit schutzloser Weibsleute , auch wenn sie bettelnd vor den Türen singen , hoffentlich recht eingebläut hat . Unsere alte Waschfrau kannte Röschen ein wenig und erzählte uns Kindern , es sei gar fein bei ihr , und über ihrem Bette hingen ein paar welke Lorbeerkränze , die einzigen , die sie pflückte während ihrer bescheidenen Bühnenlaufbahn . Auf der verblichenen Schleife des einen stehe : » Der unvergleichlichen Amalia « . Als sie in ihrem fünfzigsten Jahre an der Cholera starb , just an dem Tage , da die siegreichen Truppen von Sadowa und Königgrätz einzogen , begrub man sie ihrem letzten Willen gemäß neben dem Vater . Sie hatte das kleine von ihm ererbte Kapital hierzu 141 bestimmt , und die Lorbeerkränze legte man in den eilig beschafften , rasch geschlossenen Sarg . Auf ihrem Grabstein , der genau dem des alten Herrn gleicht , steht in leuchtender Goldschrift : » Rosa von Thadten « , und unter derselben hat der empfindsame Künstler eine Lyra eingegraben , einen Schmetterling und die Worte : » Mein Fuß hat gestrauchelt ; aber deine Gnade , Herr , hielt mich . Psalm 94. 18. « Und nun zu Schinders Karlinchen ! Wie eine Figur des düstersten Mittelalters steht sie vor uns da , dieses hübsche wilde Mädchen mit den schwarzen funkelnden Augen unter der rötlichen üppigen Haarmähne . Eine weißere Haut als Schinders Karline besaß , wird ' s schwerlich je gegeben haben , einen reizenderen Wuchs ebenfalls nicht . Ihr Vater war der Abdecker ; er wohnte weit draußen vor der Stadt . Man erzählt , er sei in seiner Jugend Scharfrichter gewesen und habe bei einer Exekution so große Ungeschicklichkeit gezeigt , daß er sein schreckliches Amt niederlegen mußte . Die Verachtung , die von alters her dem Gewerbe des Henkers anhing , hatte sich in unserer Stadt noch nicht verflüchtigt ; die Leute waren gemieden und galten für verdächtig , allerlei lichtscheue Dinge zu treiben , obwohl jenem Manne in seinem einsamen , stillen Gehöft etwas Nachteiliges durchaus nicht zu beweisen war . Das bildschöne Mädchen aber kam des öfteren durch die Straßen . Sie schritt einher wie eine Königin , das bleiche Gesicht von den roten Haaren umrahmt , einen verblichenen blauen Kattunmantel lose umgehängt . Ihre Augen forschten beständig nach rechts und links , ihr schöner Kopf drehte sich blitzgeschwind auf dem weißen Hals , sobald sie witterte , daß die Straßenkinder hinter ihr her waren . Ich habe so düstere leidenschaftlich unglückliche Augen selten gesehen , aber auch nie so aufleuchtende heiße Blicke . Letztere sah ich einmal , als sie mit in die Hüften gestemmten Armen einem jungen Reiteroffizier nachschaute , der gleichgültig und ohne sie eines Blickes zu würdigen an ihr vorüberschritt , sporenklirrend 142 und Reitpeitsche schwenkend . Wirklich verzehrend heiß waren Karlinchens Blicke . Nach einem Weilchen hörte man , sie sei seine Liebste . Er war ein unglücklicher Mensch , ein Spieler und Verschwender . Mit seinem Vater überworfen , von den Gläubigern hart bedrängt , griff er zur Pistole ; man fand ihn eines Morgens tot in seinem Schaukelstuhl . Bei dieser Gelegenheit durchbrach das Temperament von Schinders Karline alle konventionellen Grenzen . Sie stürzte nach dem Sterbehause und war von der Leiche , über die sie sich geworfen hatte , nicht zu entfernen . Als man es schließlich mit Gewalt tat , hockte sie die ganze Nacht auf der Straße vor dem offenen Fenster . Bei dem Begräbnis fehlte sie , aber Abends , als der Kirchhof geschlossen werden sollte , fand der Totengräber sie neben dem Hügel , bitterlich schluchzend . Der einzige Mensch , der sie gut behandelte , sei er gewesen , nicht ein einziges Mal habe er sie geschlagen , hörte sie nicht auf zu beteuern , mit einer Betonung , als wollte sie dem alten Manne Bewunderung dafür abnötigen , daß es wirklich einmal einen Menschen gegeben habe , der nicht prügelt . Seit dem Abend war sie übrigens aus der Stadt verschwunden , wenigstens eine lange Zeit hindurch ; niemand hörte von ihr . Dann kam sie plötzlich wieder , schreckhafter Erinnerung . Zu jener Zeit wurde auf dem Lande , in einsamen Gehöften , in Forsthäusern , dann aber auch in der Stadt erst recht , wiederholt eingebrochen , und zwar in größtem Maßstabe und mit verblüffender Frechheit . Man konnte erst nicht dahinter kommen , ob es ein Dieb oder eine ganze Bande war ; die Türen und Fenster , die Truhen und Schränke schienen sich dem Räuber wie von selbst zu öffnen , die Hunde bellten nicht in solchen Nächten , die Hausbewohner schienen doppelt fest zu schlafen . Die Aufregung in der ganzen Umgegend war groß . In merkwürdigem Zickzack , wie auf dem Schachbrett , wurde heute hier , morgen an einer ganz anderen Ecke des Kreises gestohlen , und damit nicht genug : es bekamen auch diejenigen , die der freche Räuber für reich genug hielt zu einem Aderlaß , in 143 höflichster Weise die Nachricht : dann und dann werde ihnen der Gefürchtete einen Besuch machen . Die gesamte Polizei war natürlich auf den Beinen in solchen Nächten , aber , siehe da , trotz aller Vorsicht seitens der Behörden wurde in den meisten Fällen der Einbruch doch ausgeführt . Mit Recht vermutete man , daß der Verbrecher sein Versteck in den Harzwäldern habe , und man stellte durch Soldaten ein richtiges Kesseltreiben an . Aber es blieb resultatlos , nichts weiter brachte es ein als einen höhnischen Brief an die hochlöbliche 144 Behörde , in welchem derselben das Bedauern ob der vergeblichen Mühe ausgesprochen wurde , unterzeichnet : Hochachtungsvoll Karl Breidling . Breidling kannte man ja , er war , des Raubmordes verdächtig , aus der Untersuchungshaft durchgebrannt und jahrelang verschollen gewesen . Also der ! Natürlich wurde umso eifriger auf ihn gefahndet , denn einen so schlimmen Gesellen , dem es auf ein Menschenleben nicht ankam , wollte man möglichst bald hinter Schloß und Riegel wissen . Wenn damals ein paar Frauen auf der Straße zusammenstanden , so redeten sie gewiß von Breidling ; an den Stammtischen unterhielten sich die Männer von dem kecken Räuber , in den Kaffeegesellschaften machten sich die Damen grauen , und daß damals kein Kind der Stadt allein in ein dunkles Zimmer ging , das war so gewiß wie das Amen in der Kirche . Eines schönen Tages verbreitete sich die Kunde , daß auf der Münckenburg , einem einsam gelegenen Rittergut , abermals ein Einbruch ausgeführt sei , der alles Dagewesene an Frechheit übertreffe . Unter anderem waren außer Wertsachen und barem Gelde auch die Brillanten der Frau Gräfin Müncken gestohlen , alter kostbarer Familienschmuck . Der Graf setzte eine Belohnung auf auf die Wiedererlangung des Geschmeides – bare fünfhundert Taler . Nach etwa drei Wochen vergeblicher Bemühungen erschien eines Morgens sehr früh eine Frauensperson in der Privatwohnung des Polizeikommissars und verlangte den Herrn allein zu sprechen , um ihm eine wichtige Mitteilung im Vertrauen zu machen . Der Beamte , der in seinem Morgenschlaf gestört war , betrachtete verwundert das sonderbare Wesen , das ihn mit funkelnden schwarzen Augen ansah , indem ihm zugleich ein breiter blutiger Striemen auffiel , der sich vom linken Ohre bis zur Unterlippe herabzog . Die üppigen roten Haare bauschten sich um ein Gesicht , in dem alles bebte und zuckte , die Wangen , die roten , schön geschweiften Lippen . Der Anzug war sonderbar , halb Dame , halb Bauerndirne – ein blaues Samtkleid , und 145 darüber der Kattunmantel , den die Frauen des Volkes tragen , beides naß , mit Kot bespritzt , als ob die Trägerin die Nacht im Freien , im Regen verbracht habe . » Ich weiß , wo Breidling sticht , Herr Polizeikommissar . « » Wer sind Sie ? « fragte der Beamte , der erst vor einiger Zeit aus Magdeburg herversetzt war und noch nicht Gelegenheit gehabt hatte , diese populäre Persönlichkeit kennen zu lernen . » Das kann Sie ja gleich sein , Herr Kommissar – ich weiß , wo er die nächste Nacht zu fangen ist . Ich komme übrigens nicht wegen die Belohnung , auf die pfeife ich – ich will den Kerl nur hereinlegen , weil er mich gestern abend beinah totgeschlagen hat . « Sie deutete auf ihr Gesicht . » Wollen Sie nu wissen , wo er sticht ? « » Allerdings möchte ich es wissen . « » Da schreiben Sie ' s uff , aber rasch . Ich muß heut abend noch ins Braunschweigische ' nüber , denn wenn Sie Malhör haben und ihn nicht fangen , schlägt mir der Kerl tot – wenn er mir erwischt . Also , weit zu gehen haben Sie nich , er will heut nacht die Lippertsche Tuchfabrik einen Besuch machen , so um Zwei ' rum . – Adje , Herr Kommissar – ich – « 146 » Nee ! Nee , Karlinchen , « erscholl da hinter ihr eine wohlbekannte fette Stimme , und der dicke Polizeiwachtmeister legte ihr die Hand zärtlich auf die Schulter . » Nee , Karlinchen , so ' ner einsamen Reise ins Braunschweigische setzen wir dein kostbares Leben nicht aus ; komm man mit ins Kittchen , da bist du sicher vor all und jedes . « Sofort änderte Schinders Karline ihre Taktik , sagte , sie hätte sich man einen Spaß erlauben wollen , und wo Breidling sei , wisse sie gar nicht , hätte auch ihr Leben lang mit ihm nie nichts zu schaffen gehabt . Da diese Angaben aber keinen Glauben fanden , so schritt sie bald darauf mit höhnischem Gesichtsausdruck zwischen zwei Beamten der Numero Sicher entgegen durch die von Weibern und Kindern wimmelnden Straßen , und ihre Kopfhaltung war stolzer denn je , als der Titel » Räuberbraut « und der Name Rosa , womit auf Rinaldos Geliebte , die dem Liede nach Rosa hieß , angespielt wurde , an ihr Ohr schlug und die Kecksten das Lied anstimmten : » In des Waldes tiefsten Gründen « . – Wer natürlich an diesem Abend in der Lippertschen Tuchfabrik nicht gefangen wurde , das war Breidling . Am anderen Morgen erhielt der verehrliche Polizeikommissar ein Schreiben , und zwar durch die Post , in dem der achtungsvoll Unterzeichnete die Genialität der Detektivbeamten in höhnischer Weise pries . » Mit größter Hochachtung verbleibe einstweilen noch als Freiherr Karl Breidling , « war der Brief unterzeichnet . 147 Der freche Gesell hat sich nämlich , wie man später erfuhr , bereits seit dem Morgengrauen in der Stadt aufgehalten , in der Kleidung eines Försters , hatte , mitten unter dem Volke stehend , sein Karlinchen abführen gesehen , hatte die Prügel , die er ihr verabfolgt , mit ihrem Temperament verrechnet und war sich sofort klar , daß sie geputscht hatte . Er blieb also lieber seinem Vorhaben diesmal fern . In einem Postskriptum war dem Schreiben noch hinzugefügt , man möge die Kanaille ja fest verwahren , denn sobald sie frei käme , drehe er ihr das Genick um . Eines Tages aber hatte auch die verhängnisvolle Stunde für diesen Rinaldo geschlagen : man erwischte ihn im Kontor einer Mühle , als er im Begriff war , den Kassenschrank zu öffnen . Diesem Arnheim neuester Konstruktion war er aber nicht gewachsen und die Hilfe seiner Karline fehlte ihm obenein , kurz , man überraschte ihn . Leider erschoß er bei dieser Gelegenheit den jungen Mühlenknappen . Durch endlose Zeugenverhandlungen schleppte sich der Prozeß monatelang hin . Karline , die mit ihm konfrontiert wurde , leugnete jede Beziehung zu ihm und blieb dabei , sie habe damals nur die Polizei necken wollen . Man konnte ihr nichts beweisen , sie wurde auf freien Fuß gesetzt , Breidling aber zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt . Karlinchen konnte man , als heimatberechtigt , nicht aus der Stadt verweisen . Sie etablierte sich also als Wahrsagerin und hatte bald großen Zulauf . Sie wußte , wo gestohlene Sachen sich befanden , sie konnte behextes Vieh kurieren , sie besaß Wünschelruten und Diebesfinger , und vor allem in Liebesangelegenheiten war ihr Rat und ihre Prophezeiung unfehlbar ; es kam fast immer so , wie sie verkündet hatte . Wenn Abends die Fledermäuse flogen , dann schlichen die jungen Mäochen zu ihr . Sie wohnte dort , wo die letzten Häuser stehen , am Wege nach dem großen Kirchhof , und trieb ihr Gewerbe jahrelang voll ungeschwächter Anziehungskraft . Uns Kindern schwand sie allmählich aus dem Gedächtnis , bis eines Winternachmittags , zwischen Weihnachten und Neujahr , 148 als draußen die Schneeflocken stiebten und der Sturm heulte , in unserem Mädchenkränzchen die Rede auf die Zukunft kam und wir mit einbrechender Dunkelheit beim Scheine einer Schiebelampe und zweier Stearinkerzen begannen , das Schicksal auf hergebrachte Art zu befragen – Wie ? Was ? Wen ? Es wurden Apfelschalen geworfen und Buchstaben aus ihnen entziffert , wir ließen Schiffchen schwimmen und gossen Blei . Dann kamen die Karten dran . Das alte Stubenmädchen des Hauses – wir befanden uns bei Klärchen – , die eine Art Vertrauensposten innehatte ( sie war bereits bei der Mutter des jetzigen Besitzers bedienstet gewesen ) , brachte uns grad die obligate Apfeltorte mit Schlagsahne , als wir uns um die Bedeutung eines krausen Stückchens Blei stritten , das die eine für einen Brautkranz , die zweite für einen Großvaterstuhl und die dritte gar für einen Reiter zu Pferde hielt . » Das is ja alles man Unsinn , « meinte die alte Lisette , » wenn Sie was Ordentliches wissen wollen , müssen Sie Schinders Karlinchen fragen , es ist geradezu großartig , was die kann . Mich hat sie neulich wahrgesagt , alles , was mich passiert is im Leben , die Haare sind mich zu Berge gestiegen , so graulte ich mir . Aber dann hat sie gesagt , das Schlechteste läge hinter mich , das letzte Enne wär gut und freundlich – was kann man mehr verlangen ? Ich bin ordentlich ruhig seitdem , denn was die sagt , is wahr , und der alten Wollmer hat sie ja vorigtes Jahr auch den Tod prophezeit . « » Das war auch ' ne Kunst , « nahm eine von uns das Wort , » wenn die seit zwei Jahren an der Wassersucht lag ! « » Nee ! nee , Frailainchen , « meinte Lisette überlegen im Hinausgehen , » so is ' s nich ! Den Tod prophezeien , das is freilich keine Kunst , sterben müssen wir alle ; aber Tag und Stunde , so daß die Wollmer den ollen Keßler hat kommen lassen und zu ihm gesagt : › Meister , morgen über vierzehn Tage muß mein Sarg fertig sein , und nehmen Sie man gleich Maß , und ein Zollner fünf können Sie zugeben aufs Strecken . ‹ Und dann auch richtig so sterben , Punkt Schlag neun Uhr Abends , wie Schinders Karline vorkündigt hat , das is doch eine Kunst , das macht sie keiner nach . « 151 Wir saßen da , sahen uns an und fürchteten uns ein bißchen . Es brannten dazumal noch keine elektrischen Lampen , und unheimlich schwarze Schatten lagen hinter jedem alten Möbel ; es gab noch unbeleuchtete Korridore und dunkle knarrende Treppen und alte Öfen , in denen der Sturm das Buchenholz zur knatternden Glut blies , und unsere Großmütter und Mütter waren alle noch ein bißchen abergläubisch und glaubten an Ahnungen und Vorbedeutungen und manche gar an leibhaftige Gespenster . Die weiße Frau im königlichen Schlosse zu Berlin hatte noch niemand anzuzweifeln gewagt , und – na , kurz , es war noch höchst romantisch dazumal , romantischer als heute , wo man ganz einfach jedes Gespenst mit Röntgenstrahlen durchleuchten würde , um es auf seine Wesentlichkeit zu prüfen . » Glaubt ihr daran ? « fragte eine schüchterne Stimme . » Nein ! « sagten wir anderen sämtlich , denn die sogenannte Aufklärung war uns in der höheren Töchterschule eingetrichtert worden . Aber das » Nein ! « war zögernd und kleinlaut . Das Haustöchterchen fand endlich den Mut , zu sagen : » Man soll ja nicht daran glauben , aber manches ist doch so sonderbar . – Meine Großmutter behauptet , es gibt so etwas zwischen Himmel und Erde , sie hat ' s selbst erlebt , wie einmal « – » Bei meiner Mutter ist auch ' mal eingetroffen , « unterbrach eine zweite , » sie hat ' s , was eine Wahrsagerin ihr prophezeite . Ganz genau hat sie meinen Vater beschrieben , und der lebte damals noch in Magdeburg und war mit keinem Fuß in hiesiger Gegend gewesen ; und über den › langen Weg ‹ ist er zu Mutter gekommen , nämlich über England , wo er in einer Shoddyfabrik lernte , bevor er in Großvaters Fabrik kam . « » Ich möcht ' s auch wissen , « meinte eine andere . » Wenn eine von euch bloß Courage hätte , ich ginge gleich mit zu Schinders Karlinchen . « » Aber , wenn das unsere Eltern erfahren ? « » Ach was , wir tun doch nichts Schlechtes ! « » Lisette könnte ja mitgehen , « wisperte das schwarzlockige Haustöchterchen . Drei oder vier von uns streikten entschieden , zuletzt blieben 152 nur noch zwei übrig , Klärchen und ich . Sie schlich in die Küche und verhandelte mit der alten Lisette . Klärchens Eltern waren ausgebeten , die meinigen ebenfalls , es stand gar nichts im Wege als das böse Wetter , das Lisette noch als letztes Bedenken hinstellte ; aber dieses wurde mit dem Hinweis auf Gummischuhe und Regenschirm aus dem Felde geschlagen . Und richtig , in gruseliger Stimmung und mit lautem Herzklopfen , vermummt bis an die Nasenspitze , arbeiteten wir uns in dem Schneesturm durch die Gassen , über den Schloßplatz und zum Tore hinaus . Der Weg führte am Wasser entlang , auf dem vereinzelte Eisschollen , wie wir beim Schneelicht deutlich erkennen konnten , langsam dahin schwammen ; am jenseitigen Ufer auf der Wiese standen verkrüppelte Weiden , die sich in unheimlichen Gestalten von der Schneefläche abhoben . Die kleinen Häuser zur Rechten sahen wahrhaft tröstend aus mit ihren hellen Fensterchen , obgleich man wußte , daß dort Gesindel wohnt von der allerschlimmsten Sorte . Weiter vor uns hob sich terrassenförmig der Kirchhof empor , den Weg gleichsam sperrend ; die Zedern und Zypressen lugten über die Mauer wie schwarze klumpige Gestalten , die ein weißes Tuch übergehängt hatten zum Schutz gegen die anstürmenden feinen Flocken . Ganz von fern klang das Bellen eines Hundes , sonst alles totenstill . Das Häuschen von Schinders Karlinchen lag dicht an eine alte unbenutzte Kirche geschmiegt ; ehemals hatte der Totengräber in ihm gewohnt , jetzt war ihm besseres Asyl geworden nahe der Grabkapelle , dicht an der Friedhofsmauer . In dieser verfallenden Kirche bewahrte man allerhand Gerümpel auf , alte Kreuze und Grabsteine , auf denen die Inschriften unleserlich geworden waren , Knochen und Schädel und wer weiß , was noch Grausiges . Als 153 wir noch Kinder waren , hatten wir zuweilen durch die schadhafte Pforte geblinzelt bei Spaziergängen , aber nie ohne das gehörige Gruseln . – Hinter Karlinchens Fensterläden schimmerte Licht , das sah ordentlich anheimelnd aus . Der Weg vom Fußsteig bis zu ihrem Hause war sorgsam vom Schnee gereinigt , als erwartete sie Gäste . » Lisette , wenn nun schon jemand bei ihr ist ? « flüsterte Klärchen ängstlich . » Leicht möglich ! Na , wartet nur , ich werd ' erst ' mal zugucken . « Lisette schob in ihrem weiten Mantel der Haustür zu und klopfte mächtig . Sofort erlosch das Licht im Hause : alles blieb muckstill . Nun nahm Lisette einen Stein , der , vermutlich zu diesem Zweck , auf der Türschwelle lag , und ballerte furchtbar an die Haustür . Darauf tat eine volltönende Frauenstimme die in meiner guten Stadt herkömmliche geistreiche Frage , sobald die Schelle der Haustür klingt : » Ist da wer ? « » Jawohl ! Machen Sie man ' mal auf ! « antwortete Lisette , » man verklamt ja hier draußen . « » Was wollen Sie denn ? « » Na , dhun Sie man nich so ! Wir wollen wat wahrsagt hebben . « » Ach so ! Na , ick komm glick . « Es dauerte nicht lange , da schob sich der Riegel der Türe zurück und wir konnten eintreten in den kleinen Flur , der zugleich Küche war und Stall , denn im Hintergrunde lag auf sauberer Streu eine Ziege und in einem abgegitterten Raume hockten einige Hühner auf Stangen . Rechts führte eine Treppe , die wie eine etwas verbesserte Leiter aussah , in das Giebelgeschoß . Auf dem Herd brodelte ein Wasserkessel , und der Duft von Zichorienkaffee , vermischt mit dem Geruch getrockneter Kräuter und des Ziegenstalles , schwebte über dem Ganzen , das notdürftig beleuchtet wurde von einer grün lackierten Öllampe . Schinders Karlinchen aber hielt diese Lampe und sah aus ihrem funkelnden Sehwerkzeug halb mißtrauisch , halb neugierig auf uns herab . Sie war eine volle mächtige Gestalt . Das rote Haar , unter 154 einem Kopftuch lose aufgesteckt , umrahmte ein blasses Gesicht , dessen rote Lippen über zwei Reihen blendender Zähne lächelten . Sie war sehr sauber und mit einer gewissen Koketterie angezogen , wenigstens erinnere ich mich , eine blitzende Kette über dem dunkeln Spenzer , sowie eine riesige Brosche , in die Korallen eingelegt waren , gesehen zu haben . Sie trug eine buntgestreifte Schürze , den Zipfel halb zurückgeschlagen , und darunter noch eine feinere , ganz helle über dem kurzen Beiderwandrock . Die Füße steckten in zierlichen Pantoffeln . » Ach so , « sagte sie zu Lisette , » das sind Sie ? Sind lange nich hier gewesen . « » Ich mag nich genau wissen , wann ich sterbe , un das andere haben Sie mich doch all gesagt ! « antwortete diese . » Nu , nu , « meinte Karline begütigend , » zum Sterben hat ' s jawoll noch gute Wege bei Ihnen . Bitte , meine Fräuleins , treten Sie man näher . « Sie öffnete die Tür zu einem Stübchen , in dem ihr Bett stand , ein Tisch zwischen den Fenstern , ein paar Stühle und ein Schrank . Ein altes Umschlagetuch 155 war über beide Fenster gehangen , im Bauer plusterte ein erschreckter kleiner Vogel , eine Wanduhr tickte . Karline stellte die Lampe auf den Tisch , zog den Tischkasten auf und holte zwei Spiele schmutziger Karten hervor . Dann jagte sie eine Katze aus dem schäbigen Großvaterstuhl am Ofen und bot mir den Platz an , während Klärchen an den Tisch geführt wurde , auf dem Karline die Karten auszulegen begann . Ich weiß nicht mehr , was für großartige Dinge sie gesagt hat , einiges ist ja wohl eingetroffen , weil es Dinge waren , die das allgemeine Menschenlos mit sich bringt . Es gibt Briefe und Ärger , Krankheiten , Veränderungen und kleine Reisen ; daß Klärchen sich verheiraten würde und fortziehen aus der Heimat , das war am Ende auch nichts Unwahrscheinliches . Mitten im Prophezeien meiner Lebensschicksale wurde die Prophetin gestört , ich erfuhr also nichts Bemerkenswertes . Während sie nämlich im halblauten Gemurmel war , ertönte draußen vor dem Hause das klägliche Miauen einer Katze , das Karlinchen , wie mir schien , in alle Glieder fuhr . Sie hielt lauschend inne , eine graue Blässe überzog ihr Gesicht , und als sich gleich darauf der Katzenschrei wiederholte