, daß Army noch zu jung , zu unerfahren ist , um sich aus dem Wirrwarr – verzeihen Sie , Frau Baronin ! – herauszuwickeln , in dem leider die ganze Derenberg ’ sche Angelegenheit total versunken scheint . Es gehört ein sehr , sehr gewiegter Landwirth dazu , um die heruntergekommenen Güter wieder heraufzubringen , vorausgesetzt , daß man sie überhaupt wieder zurückerwerben kann ; der Wald zum Beispiel – Gräfin Stontheim sprach mit dem Justizrath Hellwig über diese Verhältnisse – der Wald ist so gut wie verloren ; der [ 742 ] jetzige Besitzer – wie heißt er doch ? Sie müssen es ja wissen , ein Fabrikant hier in der Nähe – wird ihn unter keiner Bedingung wieder abtreten ; also der Wald ist verloren für immer , und was ist ein solches Gut ohne Wald ? ! “ „ Der Erving den Wald nicht wieder verkaufen ? “ rief die alte Dame , „ ha , ha , da kennen Sie ihn schlecht ; solchen Leuten kommt es nur darauf an , wieviel man bietet , um einen gar nicht so großen Profit verschachert solch ein Krämervolk seine Seligkeit . Nein , nein bester Oberst , das ist eine lächerliche Idee , die ich Ihnen nicht zugetraut hätte . Ich parire jede Wette : bieten Sie ihm so und so viel mehr , und der Wald ist Ihre – “ „ Sie würden die Wette verlieren , meine Gnädige , denn Hellwig hat sich in Frau von Stontheim ’ s Auftrage unter der Hand erkundigt und eine entschieden ablehnende Antwort erhalten , übrigens – “ Lautes Lachen der alten Dame unterbrach ihn . „ Es ist doch möglich , daß Sie Recht haben , Derenberg , “ sagte sie , „ denn dieser Parvenü haßt , wie Alle seines Gleichen , den Adel , und uns ganz besonders . Plebaglio ! “ setzte sie verächtlich in ihrer Muttersprache hinzu . „ Uebrigens , “ wiederholte der Oberst mit merklich erhöhter Stimme und – „ Pardon , Frau Baronin , “ fuhr er artig fort , als sie schwieg , „ es interessirt mich gar nicht , wie Sie sich zu diesem Manne gestellt haben ; es ändert nichts an der Sache ; ich wollte nur noch hinzufügen , daß sich in Bezug auf die Güter selbst und die Vorwerke ein wahrhaftes Chaos herausgestellt hat . Es ist haarsträubend , meine Gnädige – Juden , Mäkler , Vorkaufsrechte , erste , zweite , dritte und vierte Hypotheken , was weiß ich Alles – kurz und gut , die Gräfin Stontheim zieht es vor , die Sache nicht anzurühren , da ein Arrangement nur mit enormen Opfern zu erkaufen sein würde ; sie wünscht , wie ich Ihnen heute früh bereits mitzutheilen die Ehre hatte , daß Army auch nach seiner Hochzeit , die für den Herbst festgesetzt ist , noch im Dienste bleibt , daß sie das junge Paar mit reichlichen Mitteln versehen wird , und daß sie später , wenn Army Neigung fühlen sollte zum Landwirth , ihnen ein Gut zu kaufen beabsichtigt , auf dem sie gleich geordnete Verhältnisse vorfinden . Schloß Derenberg bleibt stets eine prächtige Sommerfrische für das junge Paar , und das Haus seiner Väter ist Army auf alle Fälle erhalten . Nicht wahr , Army , Du trägst ganz gern noch ein Weilchen den bunten Rock ? “ „ Gewiß , ich muß mich fügen , Onkel , “ klang die Stimme des jungen Mannes , „ aber ich leugne nicht , daß es mir schwer wird , den Gedanken aufzugeben , Schloß Derenberg wieder zu bewohnen – es war von jeher meine Lieblingsidee . “ „ Aber meine nicht ! “ fiel Blanka hastig ein , „ ich stimme Tante Stontheim vollkommen bei ; ich habe es ja neulich schon erklärt . “ „ Du weißt nicht , Blanka , “ erwiderte Army , und seine tiefe Stimme schien zu beben – „ Du weiß nicht , welch einen Zauber solch alte angestammte Heimath ausübt ! Du kannst es nicht wissen , denn Du hast nie das stolze Gefühl gekannt , den Fuß auf die eigene Schwelle zu setzen ; Dir haben keine alten Mauern , keine verlassenen Gemächer , keine uralten Bäume erzählt von längst vergangenen Zeiten , da unsere Vorfahren hier lebten und schafften . Es war mein schönster Traum , hier wieder seßhaft zu sein , wo meine Väter in langer Reihe lebten und starben , und das Nichterfüllen dieses Traumes würde mir sehr schmerzlich sein – Du kannst es glauben . “ „ Um des Himmels willen ! “ rief die junge Dame , „ jetzt wird er gar sentimental ! Mir erscheint die kleinste Villa an der belebten Promenade unserer Refidenz tausendmal verlockender , als dieser langweilige , verlassene – “ „ Pst , Kinder ! “ fiel der Oberst beruhigend ein , „ behalte Jedes seine Meinung für sich ! Du , Blanka , hängst ebenso gut von Tante Stontheim ’ s Willen ab wie Army ! Was sie bestimmt , – geschieht ; da ist nichts zu ändern , und ich dächte , wir ließen die Sache fallen und stritten nicht weiter . “ „ Sehr weise bemerkt , Herr Oberst ! “ mischte sich jetzt die alte Dame in das Gespräch , „ aber wie schwer solch eine Abhängigkeit zu tragen ist , das kann nur der empfinden , der einst frei zu gebieten hatte . Sie empfinden das nicht ; Sie haben nie auf eigenem Grund und Boden gestanden ; Sie sind sozusagen in der Abhängigkeit aufgewachsen , und da ist es leicht , anderen Leuten Ruhe zu predigen . Ich finde es wunderbar von der Stontheim ; sie hat die Mittel und will nicht helfen ; Army soll Officier bleiben aus dem lächerlich hervorgesuchten Grunde , er sei noch zu jung , als ob nicht ältere Kräfte ihm rathend und helfend zur Seite ständen ! “ „ Sie vielleicht , meine Gnädige ? “ lachte der Oberst auf . „ Allerdings nicht übel ausgedacht ! Finanztalent läßt sich Ihnen wohl kaum absprechen – daß Sie Unglück hatten mit Ihren Speculationen – wer kann dafür ? “ „ Sie sind noch ebenso unverbesserlich malitiös , wie früher , Herr Oberst , wo ich das Glück hatte , Sie einige Male hier zu sehen , in diesem Falle aber treffen Ihre Anschuldigungen nicht , denn es war wirklich Unglück , das uns verfolgte . “ „ Unverschuldetes Unglück ! “ betonte ironisch der Oberst . „ Onkel , bitte , brechen wir ab ! Es regt Mama auf , “ bat Army . „ Und , mein Junge , “ fuhr Jener unbeirrt und nachdrucksvoll fort , „ eben um noch einmal unverschuldetes Unglück zu verhüten , deshalb hauptsächlich wünscht die Gräfin Stontheim , daß Du nicht hier – wohl verstanden : gerade nicht hier – die ersten Jahre Deiner Ehe verlebst . Pardon , daß ich so deutlich werden mußte ! Ich hätte es gern vermieden – “ „ Ich verstehe , “ sagte die alte Dame kalt , „ Gräfin Stontheim hat noch immer die unglückliche Idee , daß ich an dem Ruine der ganzen Familie schuld sei ; sie hat mir diesen Vorwurf ja damals schon derb und unumwunden in ’ s Gesicht geschleudert , als Kummer und Noth über uns hereinbrachen ; Jemand muß ja auch schuld sein , “ fuhr sie bitter auflachend fort , „ und da man mich von Anfang an als Eindringling behandelte und die Fremde , die Italienerin , nie leiden konnte , so war es ja so leicht , ihr auch diese Schuld zuzuwälzen . Va bene ! Sie sagen mir nichts Neues , Herr Oberst . – Ich bedaure nur , daß Jemand so – so – “ sie brach ab , offenbar hatte sie eine sehr harte Aeußerung auf der Zunge . Der Oberst antwortete nicht . „ Onkel , “ fragte Army hastig , „ was soll dies bedeuten ? Tante kann doch unmöglich behaupten , daß Großmama – “ „ Schweig ! “ rief die alte Dame , und zugleich hörte man das Rollen eines Sessels aus dem Parquet . Lieschen und Nelly aber saßen athemlos neben einander und hielten sich an den Händen . Als jene den Namen ihres Vaters aussprechen hörte , da war sie aufgesprungen und hatte sich wie hülflos in dem Raume umgesehen , aber es war kein anderer Ausweg vorhanden , als der durch dasselbe Zimmer , in dem man eben so gehässig ihren guten Namen beschmutzte . Die schlanke Gestalt des jungen Mädchens preßte sich wie in jäher Angst gegen eine verschlossene hohe Flügelthür , hinter welcher eine Flucht leerer Gemächer war . „ Wo soll ich hin ? “ flüsterte sie angstvoll der Freundin zu . „ Bleib hier , Lieschen ! “ bat Nelly und zog sie zu sich , „ sie können es nicht wissen , daß wir Alles so deutlich hören ; ach , weine doch nicht ! “ flehte sie . „ O , wenn ich nur gesund wäre und ein Junge , wie der Army , ich wollte ihnen schon Bescheid sagen , wenn sie auf Euch schelten ! “ Sie ballte ingrimmig die kleinen Hände . Drinnen hörte man die alte Dame auf- und abschreiten , und jedesmal , wenn sich ihre Schritte der Thür näherten , fuhr Lieschen auf und blickte mit ängstlichen Augen in dem Zimmer umher , als suche sie einen Versteck , um sich vor ihr zu verbergen . Auf einmal tönte Blanka ’ s Stimme herüber ; so schmeichelnd , fo süß wie Musik klangen die weichen Töne jetzt . „ Großmamachen , “ bat sie , „ ich habe eine Bitte an Dich ; ich hatte den Army damit beauftragt , aber er scheint es vergessen zu haben , der Böse . Ja wohl , mach ’ nur nicht ein so verwundertes Gesicht , Du ! “ fuhr sie schalkhaft fort , „ nicht wahr , Großmama , das ist Dir nicht passirt von Deinem Bräutigam , der hat Dir gewiß immer die Wünsche von Deinen schönen Augen abgelesen . “ Die letzten Worte klangen deutlicher herüber , als der Anfang der Bitten offenbar stand die schöne Braut jetzt dicht neben der alten Dame an der Thür . „ Jetzt schlingt sie die Arme um Großmamas Hals , wie so ein Kätzchen , “ flüsterte Nelly , „ o , wie kann sie bitten und schmeicheln , Lieschen , Du glaubst es nicht . “ „ Nun ? “ ertönte die Stimme der alten Dame . „ Ich hatte Army beanftragt , Großmama zu bitten , daß sie mir erlaubt in dem Thurmstübchen zu wohnen , welches an mein Zimmer stößt ; o bitte , bitte , Großmamachen , amatissima mia ! “ „ Es war sehr vernünftig von Army , daß er mich nicht bat , [ 743 ] ich hatte es ihm schon einmal abgeschlagen und kann auch Dir leider den Wunsch nicht gewähren . “ „ Warum nicht ? “ fragte Blanka veränderten Tones . „ Du erlaubst wohl , daß ich die Gründe für mich behalte . “ „ Quäle nicht , Blanka , hörst Du ? “ klang die Stimme des Obersten , „ alte Schlösser haben ihre Geheimnisse , und darunter manche , die man gern ruhen läßt . “ In diesem Moment wurde die Thür aufgerissen , und die alte Tante stand plötzlich im Zimmer , den beiden Mädchen gegenüber . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 46 , S. 753 – 756 Fortsetzungsroman – Teil 7 [ 753 ] Lieschen war aufgesprungen , versuchte aber nicht mehr zu fliehen , sondern blieb regungslos stehen . Das Abendroth verglühte eben am Himmel , seinen purpurnen Schein durch das Fenster werfend , und umwob die reizende Mädchengestalt mit rosigem Lichte . Die alte Baronin schreckte zurück , als sähe sie ein Gespenst , und streckte erschreckt die Hände gegen sie aus . „ Dio mio ! Es ist unerhört ! “ rief sie , und trat mit dem Fuße auf . „ Sind Sie immer nur hier , um mich zu erschrecken ? “ „ Es thut mir leid , Frau Baronin , daß ich stets das Unglück habe – “ „ Allerdings wunderhar , vor solch einer holden Erscheinung zu erschrecken ! “ sagte der Oberste er war in den Rahmen der Thür getreten und schaute bewundernd zu dem jungen Mädchen hinüber . „ Darf ich bitten , meine Gnädige , der jungen Dame mich vorzustellen ? “ Die Angeredete zuckte mit den Achseln , indem sie einen beinahe mitleidigen Blick auf den alten Herrn warf , und trat zum Fenster . „ Nun , dann muß ich mich selbst vorstellen , mein Fräulein – Oberst von Derenberg ! “ sagte er verbindlich . „ Dies ist meine Freundin , Onkel , Lieschen Erving , “ ergänzte Nelly die Vorstellung . Das junge Mädchen verbeugte sich leicht . „ Erving ? “ wiederholte fragend der alte Herr . „ Die Tochter des jetzigen Besitzers der Derenberg ’ schen Forsten , Onkel , “ bestätigte Nelly und heftete ihre Augen voll auf sein etwas gerötetes Gesicht . „ Ah so , “ erwiderte er . Darum kam mir der Name so bekannt vor . „ Ihr Herr Vater ist wahrscheinlich ein Liebhaber des edlen Waidwerks ? “ „ Ja , Herr Oberst , und außerdem verbraucht er viel Holz in seiner Papierfabrik . “ „ Ah , eine Papierfabrik besitzt Ihr Herr Vater ? Aber Holz – ich meine , das bessere Papier soll meistenteils aus Lumpen gemacht werden ? “ Ueber Lieschen ’ s Gesicht zog ein schalkhaftes Lächeln . „ Gewiß , Herr Oberst . Darum heißt auch unsere Fabrik in der ganzen Umgegend die Lumpenmühle , mein Vater der Lumpenmüller und ich Lumpenmüllers Lieschen . “ Sie lachte jetzt wirklich über das ganze liebliche Gesicht . „ Lumpenmüllers Lieschen ? “ wiederholte der Oberst ebenfalls lächelnd und sah belustigt zu ihr hinüber . „ Das ist allerdings ein Name , der nicht für Sie zu passen scheint . “ „ Ich trage ihn doch gern , “ sagte sie , „ jedes Kind nennt mich so , schon immer haben die Töchter aus unserem Hause diesen Beinamen gehabt , entweder Lumpenmüllers Grethchen , oder Minchen , oder Lisett – “ . Sie erschrak , als die diesen Namen so unabsichtlich aussprach , und sah scheu zu der alten Dame hinüber , die noch immer am Fenster stand und sich eben jetzt so rasch umwandte , als habe sie eine Natter gebissen . „ Lisett ? “ wiederholte sie . „ Sie haben da eben einen Namen genannt , auf den Sie sich nicht so stolz berufen sollten ; diese Lisett war eine Leichtsinnige , die ihren Eltern viel Kummer gemacht hat – “ „ Das Andenken an Großtante Lisett ist mir heilig , “ erwiderte das junge Mädchen scheinbar ruhig , „ sie war nicht leichtsinnig ; sie war nur sehr unglücklich , aber , wie man mir versichert , nicht durch eigene Schuld , Frau Baronin . “ Ihre Lippen zuckten vor Erregung , als sie diese Worte sprach , und aus ihrer Stimme klang das stürmische Klopfen ihres Herzens . „ Was ist das für eine Lisett ? Wer war sie ? “ erkundigte sich Blanka lebhaft , die eben in ’ s Zimmer trat . „ Wer schmäht sie , und was hat sie denn verbrochen ? “ Sie stand jetzt zwischen Lieschen und der Großmutter , und ihr Köpfchen wandte sich rasch von der Einen zur Andern . „ Sei nicht so bodenlos neugierig , mein Kind ! “ beruhigte der Oberst , „ ich sagte es Dir schon einmal , alte Schlösser haben ihre Geheimnisse , und – “ „ Wer sagt Ihnen denn , Oberst , daß , das Schloß etwas mit jener Angelegenheit zu thun hat ? “ Die alte Dame war leichenblaß geworden . „ Je nun , “ erwiderte er bedächtig , und sah scharf zu ihr hinüber , „ ich combinire gern – “ „ Sehr bedauerlich , Herr Oberst , daß Sie nicht Romandichter geworden sind ! Sie haben ihre Carriere verfehlt . “ „ Adieu , Nelly , “ flüsterte Lieschen , sich zu ihr niederbeugend und einen Kuß auf die Wange der Freundin drückend , dann verneigte sie sich leicht gegen die Anwesenden und schritt aus dem Zimmer ; sie floh förmlich den Corridor entlang und über den freien Platz vor dem Schlosse . In der Lindenallee stand sie plötzlich vor – Army . „ Fräulein Erving – “ Sie sah zu ihm auf ; seine Züge waren ernst . „ Fräulein Erving – “ wiederholte er – „ haben Sie gehört , was dort gesprochen wurde in unserer Wohnstube ? “ „ Ja ! “ erwiderte sie fest . „ Es ist nicht gerade sehr – wie soll ich sagen ? – sehr [ 754 ] discret , zu horchen , wenn Familienangelegenheiten besprochen werden – “ „ Ich habe nicht gehorcht , Herr Baron ! “ rief sie stolz ; „ wäre ein anderer Ausgang aus dem Zimmer gewesen , ich hätte es gern verlassen , für mein Leben gern , denn – “ „ Sie konnten durch das Wohnzimmer gehen – “ „ Nein ! Ihre Frau Mutter selbst hat mich gebeten , die Wege Ihrer Frau Großmutter nicht zu kreuzen , denn sie kann mich nicht leiden ; ich bin ja eine Tochter des Hauses , in welchem man anständiger Weise nicht verkehren kann , Herr Lieutenant – Sie wissen es ja ; ich war also gezwungen zu bleiben ; ich wäre am liebsten aus dem Fenster gesprungen . “ Ein bitterer Zug lag um den kleinen Mund , als sie die Worte sprach . „ Nun , jedenfalls möchte ich Sie bitten nicht über das Gehörte zu sprechen . Das Opfer , diese pikanten Auseinandersetzungen nicht weiter zu berichten ist gewiß ein schweres – ich glaube es schon , unsere Familie bietet ja jeder Zeit Stoff der Unterhaltung in Fülle für die Kreise der Umgegend ; aber ich denke , Sie werden dieses Opfer bringen , wenn ich Sie daran erinnere , daß wir früher getreue Freunde waren – nicht wahr , Lieschen ? “ Er hielt ihr die Hand hin , aber das junge Mädchen wich zurück und verschränkte die Arme über die Brust . „ Eines Versprechens bedarf es wohl kaum , “ erwiderte sie tonlos , „ übrigens würde ich jedenfalls geschwiegen haben , denn der Inhalt Ihrer Gespräche beleidigte ja teilweise meinen Vater – meinen Vater , in dessen Hause Sie so gern weilten zu eben jener Zeit , als wir noch die ‚ getreuen Freunde ‘ waren , wie Sie bemerkten . “ Er trat bestürzt zurück . „ Wie ? Ich habe kein Wort über Ihren Herrn Vater gesagt . “ „ Aber angehört , als man ihn Parvenü nannte , – als man ihm nachsagte , er hasse den Adel und die Familie Derenberg besonders und er sinne auf Rache – und das ruhige Anhören einer Verleumdung , während man die Ueberzeugung von ihrer Unwahrheit in sich trägt , ist eine Bestätigung derselben . Ihr Zartgefühl scheint unter Umständen zu versagen , Herr Lieutenant ! “ Ein Gefühl tiefster Bitterkeit , mit dem heißen Weh hoffnungsloser Liebe gemacht , quoll in ihr auf . Aber erst als sie , mit einer kühlen Wendung ihm den Rücken kehrend , ohne Umsehen hastig ein Stück der Allee hinabgeschritten war , brachen schwer und langsam die Thränen aus ihren Augen . Sie sah es nicht , wie er noch lange ihr nachblickte und erst , nachdem ihre schlanke Gestalt verschwunden war , mit finster gefalteter Stirn zögernd dem Schlosse zuschritt . – – Als Army in das große Zimmer zu den Uebrigen trat , schien etwas Ruhe nach dem Sturme eingekehrt zu sein , wenigstens schwieg Jeder . Der Oberst hatte sich eine Cigarette angezündet und lehnte anscheinend in behaglichster Stimmung in einem der tiefen altmodischen Sessel , während die alte Baronin kerzengerade auf dem Sopha saß und in nervöser Hast mit ihren schlanken weißen Fingern spielte . Blanka aber stand in der tiefen Fensternische und schaute in den Park hinaus ; die lange Schleppe ihres dunkelblauen Reitkleides lag unbeweglich aus dem alten Parquet , und sie verharrte auch noch regungslos , als ihr Bräutigam an ihre Seite getreten war . Er überhörte die unwillige Frage der alten Dame , die ihm zurief , wo seine Mutter sei und ob sie nicht bald komme . Er sah nur die reizende Gestalt neben sich , die in dem knappen Reitkleide noch zierlicher , noch kinderhafter erschien als sonst , und er nahm leise eine der schweren goldigen Haarsträhne , die losgelöst auf dem blauen Sammet lagen , und drückte seine Lippen darauf . Die junge Dame schüttelte , ohne sich umzusehen , heftig mit dem Kopfe , und die kleinen Hände griffen rasch nach dem Haare und zogen es über die Schulter . „ Blanka ! “ sagte er vorwurfsvoll und bog sich vor , um in ihr Gesicht zu sehen . Sie wandte den Kopf ab und blickte , scheinbar mit Interesse , in den stillen grünen Garten hinaus . „ Habe ich Dich beleidigt , Blanka ? “ fragte er leise . „ Bist Du mir böse ? “ Sie hielt sich mit einer hastigen Bewegung beide Hände vor die Ohren . „ Nein , nein , um Gotteswillen , nein ! “ rief sie leidenschaftlich , sich mit einem Rucke umwendend , „ ich bitte Dich , Armand , frage nicht so lächerlich ! Du siehst doch , ich habe augenblicklich keine Lust , Dein Liebesgeflüster und Deine Zärtlichkeiten mit anzuhören ; jeder Andere würde es sofort begriffen haben , und Du fragst , ob ich böse bin , und Gott weiß , was für Unsinn noch ! “ Sie trat ärgerlich mit dem Fuße auf . Das Gesicht Army ’ s war dunkelroth geworden . „ Verzeihe , “ sagte er und schritt zu dem Pianino . Er schlug den Deckel auf und that ein paar Griffe . „ Bitte , spiele nicht ! “ rief Blanka , indem sie wieder die Hände zu den Ohren führte . Er stand auf . „ Dann bitte , spiele Du ! “ bat er , „ ich möchte gern ein wenig Musik hören ; sie hat für mich so etwas Beruhigendes , Versöhnendes . “ „ Ja , bitte , spiele , mein Schätzchen ! “ rief auch der Oberst , der von der ganzen kleinen Scene nur dieses Letzte gehört hatte und dem es angenehm zu sein schien , die peinliche Stimmung zwischen ihm und der alten Dame auf diese Weise vertuschen zu können . „ Auf dem Instrumente dort ? “ fragte sie . „ Nein , darauf kann ich nicht spielen ; nicht einmal hören mag ich die klimprigen Töne . Uebrigens bin ich auch zu fatiguirt von dem weiten Ritt , “ setzte sie hinzu . Einen Moment blitzte es in Army ’ s Augen zornig auf ; dann ging er zu dem alten geschmähten Instrumente , schloß den Deckel und trat wieder zu seiner Braut ; sie hatte die kleine Reitpeitsche zur Hand genommen und spielte mit deren albernem Griff , während die alte Dame sich erhob und das Zimmer verließ . „ Ich nehme an , Du bist wirklich angegriffen , sonst wäre es mehr als bloße Laune , wenn Du Dich auf meine Bitte geweigert hättest , zu spielen , “ bemerkte er mit erzwungener Ruhe . „ Nimm es an , lieber Junge , nimm es an ! “ sagte lachend der alte Herr und schlug ihn auf die Schulter , „ man kommt ja so am weitesten ; ich sehe , Du wirst vortrefflich mit ihr fertig werden . “ Army biß sich auf die Lippen . „ Darf ich Dich nach Deinem Zimmer führen ? “ fragte er dann zu seiner Braut gewandt , „ ich schlage Dir vor , Du legst Dich ein wenig und ruhest , vielleicht bekomme ich nach Tische noch etwas von Dir zu hören , nicht wahr ? “ „ Ich glaube nicht , “ erwiderte sie , „ denn ich habe Kopfweh und werde heute in meinem Zimmer bleiben . “ Der Oberst lachte . „ Na , gute Nacht denn , und gute Besserung , “ und damit schritt er , noch lächelnd und dem Neffen zunickend , aus dem Zimmer . Blanka nahm die Schleppe ihres Reitkleides über den Arm und folgte ihm ; sie ging , ohne ein Wort zu sprechen , an ihrem Bräutigam vorüber . „ Blanka ! “ sagte er leise und vertrat ihr den Weg , „ willst Du mir nicht Gute Nacht sagen ? “ „ Du behandelst mich wie ein unartiges Kind , “ rief sie leidenschaftlich und trat zurück , „ ich wundere mich , daß Du nicht verlangst , ich solle Abbitte thun ; es ist Dir ganz gleich , ob ich Kopfschmerzen habe oder nicht – “ „ Weder das Eine noch das Andere . Ich verlange weder Abbitte , noch verweigere ich Dir mein Bedauern , daß Du Kopfschmerzen hast , aber mir ist es unmöglich , so ohne ‚ Gute Nacht ‘ von Dir zu gehen . Nicht wahr , das ist im Grunde auch nicht angenehm , Blanka ? Wenn zwei Menschen sich so lieb haben , wie wir , dann ist das Verlangen nach einer Verständigung , nach einem Aussprechen so natürlich . “ Er war bei diesen Worten näher zu ihr getreten und wollte sie an sich ziehen , aber sie wich ihm aus mit einer ungeduldigen Bewegung , und um ihren Mund legte sich einen Moment ein spöttischer Zug . „ Wenn Du mich wirklich lieb hättest , “ entgegnete sie schroff , „ so würdest Du mir nicht solche alberne Moralpredigten halten wollen , da Du doch weißt , daß ich angegriffen bin . – Es ist schrecklich , “ fügte sie hinzu , „ was Du für eine Auffassung von unserer gegenseitigen Stellung zu haben scheinst ; dieses ewige Rücksichtnehmen , dieses Anlehnen des Einen an den Andern , ohne einen freien Willen äußern zu dürfen , dieses Aufgehen in einander – eine drückende , entsetzliche Kette ist es , aber kein Glück . Ich will frei sein – hörst Du ? frei sein ! “ wiederholte sie noch einmal , und gleich darauf fiel der schwere Thürflügel dröhnend zu hinter der zierlichen Gestalt . Er stand wie betäubt und starrte auf die Thür , die sie seinen Blicken entzogen hatte . Es war still geworden in dem großen [ 755 ] Zimmer ; das Abendroth warf seinen glühenden Schimmer durch die Fenster und erfüllte das Gemach mit rosiger Dämmerung , und allmählich verblich der purpurne Schein , und die grauen Schleier des Abends sanken verdüsternd herab . Der junge Mann trat zum Fenster und schaute unverwandt hinaus in die abendliche Landschaft , die Lippen wie im tiefsten Unmuth auf einander gepreßt , aber dann zuckte er zusammen ; von droben her trafen Klänge sein Ohr . Hastig öffnete er das Fenster , und noch deutlicher schwebten sie jetzt zu ihm herunter , dort oben wurde der Faust-Walzer gespielt , so rhythmisch und schwungvoll , wie sie es nur verstand ; Perlschnüren gleich rollten die Passagen , und dazwischen hob sich , meisterhaft vorgetragen , die Grundmelodie hervor . „ Sie spielt ! “ murmelte er , und seine geballte Hand fiel zornig aus das harte Fensterbrett . Sind sie aber ohne Tück ’ , so ist ’ s fürwahr ein großes Glück , lachte er bitter auf ; dann verließ er das Zimmer . Draußen umfing ihn eine weiche milde Abendluft . Er lenkte seine Schritte unwillkürlich an dem Schloßgraben entlang , auf dem der Hollunder jetzt seine abgeblühten Zweige hervorstreckte , und blieb dann unter ihrem Fenster stehen . Dicht neben ihm stieg der alte Thurm massig empor , und die weißen Kletterrosen , die sich an ihm hinausrankten , leuchteten hell aus der Dunkelheit zu ihm herüber – dort oben war das Spiel verstummt . Doch nein , da begann es von Neuem – eine düstere schwermüthige Melodie ; er kannte ja den Text : „ Da steht auch ein Mensch und schaut in die Höhe , Und ringet die Hände vor Schmerzensgewalt , “ wie meisterhaft wurde er vorgetragen ! Dann verstummte plötzlich die Musik mit einem schrillen Mißklange . Army athmete wie erleichtert auf . In seinem Herzen , das so ehrlich und heiß liebte , mühte er sich vergebens ab , das Wesen seiner Braut zu enträthseln ; mit aller Gewalt drängte sich ihm heute Abend die bange Frage auf ! Wenn sie Dich nicht liebte ? „ Lieber den Tod , als ihr entsagen ! “ murmelte er weiterschreitend und dachte unwillkürlich an Agnese Mechthilde und den Junker von Streitwitz , der hier im Garten begraben liegen sollte . Verstimmt bog er in den grünen Laubgang ein , der ihm am nächsten lag . Der heutige Nachmittag mit all dem unangenehmen Erlebten stieg wieder vor ihm auf ; widerwärtige Empfindungen bemächtigten sich seiner ; die Erinnerung an das Gespräch zwischen Onkel und Großmama mit den vielfach malitiösen Andeutungen , die wie aufflammende Leuchtkugeln häßliche Streiflichter auf die Vergangenheit geworfen , die Erinnerung an die eigensinnige Erklärung Blanka ’ s , nicht hier wohnen zu wollen , und dann an die strafenden Worte , die ihm Lieschen zugerufen dort in der Allee , als er sie bitten wollte , von dem