das offne Fenster wiederzufinden suchten . Er raffte nun die Decke zusammen und schlug mehrmals durch die Luft , um die Störenfriede wieder hinauszujagen . Aber das unter diesem Jagen und Schlagen immer nur ängstlicher werdende Geziefer schien sich zu verdoppeln und summte nur dichter und lauter als vorher um ihn herum . An Schlaf war nicht mehr zu denken , und so trat er denn ans offne Fenster und sprang hinaus , um , draußen umhergehend , den Morgen abzuwarten . Er sah nach der Uhr . Halb zwei . Die dicht vor dem Salon gelegene Gartenanlage bestand aus einem Rondel mit Sonnenuhr , um das herum , in meist dreieckigen und von Buchsbaum eingefaßten Beeten , allerlei Sommerblumen blühten : Reseda und Rittersporn und Lilien und Levkojen . Man sah leicht , daß eine ordnende Hand hier neuerdings gefehlt hatte , trotzdem Krist zu seinen vielfachen Ämtern auch das eines Gärtners zählte ; die Zeit indes , die seit dem Tode der Gnädigen vergangen war , war andrerseits eine viel zu kurze noch , um schon zu vollständiger Verwilderung geführt zu haben . Alles hatte nur erst den Charakter eines wuchernden Blühens angenommen , und ein schwerer und doch zugleich auch erquicklicher Levkojenduft lag über den Beeten , den Schach in immer volleren Zügen einsog . Er umschritt das Rondel , einmal , zehnmal , und balancierte , während er einen Fuß vor den andern setzte , zwischen den nur handbreiten Stegen hin . Er wollte dabei seine Geschicklichkeit proben und die Zeit mit guter Manier hinter sich bringen . Aber diese Zeit wollte nicht schwinden , und als er wieder nach der Uhr sah , war erst eine Viertelstunde vergangen . Er gab nun die Blumen auf und schritt auf einen der beiden Laubengänge zu , die den großen Parkgarten flankierten und von der Höhe bis fast an den Fuß des Schloßhügels herniederstiegen . An mancher Stelle waren die Gänge noch obenhin überwachsen , an andern aber offen , und es unterhielt ihn eine Weile , den abwechselnd zwischen Dunkel und Licht liegenden Raum in Schritten auszumessen . Ein paarmal erweiterte sich der Gang zu Nischen und Tempelrundungen , in denen allerhand Sandsteinfiguren standen : Götter und Göttinnen , an denen er früher viele hundert Male vorübergegangen war , ohne sich auch nur im geringsten um sie zu kümmern oder ihrer Bedeutung nachzuforschen ; heut aber blieb er stehn und freute sich besonders aller derer , denen die Köpfe fehlten , weil sie die dunkelsten und unverständlichsten waren und sich am schwersten erraten ließen . Endlich war er den Laubengang hinunter , stieg ihn wieder hinauf und wieder hinunter und stand nun am Dorfausgang und hörte , daß es zwei schlug . Oder bedeuteten die beiden Schläge halb ? War es halb drei ? Nein , es war erst zwei . Er gab es auf , das Auf und Nieder seiner Promenade noch weiter fortzusetzen , und beschrieb lieber einen Halbkreis um den Fuß des Schloßhügels herum , bis er in Front des Schlosses selber war . Und nun sah er hinauf und sah die große Terrasse , die , von Orangeriekübeln und Zypressenpyramiden eingefaßt , bis dicht an den See hinunterführte . Nur ein schmal Stück Wiese lag noch dazwischen , und auf eben dieser Wiese stand eine uralte Eiche , deren Schatten Schach jetzt umschritt , einmal , vielemal , als würd er in ihrem Bann gehalten . Es war ersichtlich , daß ihn der Kreis , in dem er ging , an einen andern Kreis gemahnte , denn er murmelte vor sich hin » Könnt ich heraus ! « Das Wasser , das hier so verhältnismäßig nah an die Schloßterrasse herantrat , war ein bloßer toter Arm des Sees , nicht der See selbst . Auf diesen See hinauszufahren aber war in seinen Knabenjahren immer seine höchste Wonne gewesen . » Ist ein Boot da , so fahr ich . « Und er schritt auf den Schilfgürtel zu , der die tief einmündende Bucht von drei Seiten her einfaßte . Nirgends schien ein Zugang . Schließlich indes fand er einen überwachsenen Steg , an dessen Ende das große Sommerboot lag , das seine Mama viele Jahre lang benutzt hatte , wenn sie nach Karwe hinüberfuhr , um den Knesebecks einen Besuch zu machen . Auch Ruder und Stangen fanden sich , während der flache Boden des Boots , um einen trockenen Fuß zu haben , mit hochaufgeschüttetem Binsenstroh überdeckt war . Schach sprang hinein , löste die Kette vom Pflock und stieß ab . Irgendwelche Ruderkünste zu zeigen war ihm vorderhand noch unmöglich , denn das Wasser war so seicht und schmal , daß er bei jedem Schlage das Schilf getroffen haben würde . Bald aber verbreiterte sich ' s , und er konnte nun die Ruder einlegen . Eine tiefe Stille herrschte ; der Tag war noch nicht wach , und Schach hörte nichts als ein leises Wehen und Rauschen und den Ton des Wassers , das sich glucksend an dem Schilfgürtel brach . Endlich aber war er in dem großen und eigentlichen See , durch den der Rhin fließt , und die Stelle , wo der Strom ging , ließ sich an einem Gekräusel der sonst spiegelglatten Fläche deutlich erkennen . In diese Strömung bog er jetzt ein , gab dem Boote die rechte Richtung , legte sich und die Ruder ins Binsenstroh und fühlte sofort , wie das Treiben und ein leises Schaukeln begann . Immer blasser wurden die Sterne , der Himmel rötete sich im Osten , und er schlief ein . Als er erwachte , war das mit dem Strom gehende Boot schon weit über die Stelle hinaus , wo der tote Arm des Sees nach Wuthenow hin abbog . Er nahm also die Ruder wieder in die Hand und legte sich mit aller Kraft ein , um aus der Strömung heraus und an die verpaßte Stelle zurückzukommen , und freute sich der Anstrengung , die ' s ihn kostete . Der Tag war inzwischen angebrochen . Über dem First des Wuthenower Herrenhauses hing die Sonne , während drüben am andern Ufer die Wolken im Widerschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See warfen . Auf dem See selbst aber begann es sich zu regen , und ein die Morgenbrise benutzender Torfkahn glitt mit ausgespanntem Segel an Schach vorüber . Ein Frösteln überlief diesen . Aber dies Frösteln tat ihm wohl , denn er fühlte deutlich , wie der Druck , der auf ihm lastete , sich dabei minderte . » Nahm er es nicht zu schwer ? Was war es denn am Ende ? Bosheit und Übelwollen . Und wer kann sich dem entziehn ! Es kommt und geht . Eine Woche noch , und die Bosheit hat sich ausgelebt . « Aber während er so sich tröstete , zogen auch wieder andre Bilder herauf , und er sah sich in einem Kutschwagen bei den prinzlichen Herrschaften vorfahren , um ihnen Victoire von Carayon als seine Braut vorzustellen . Und er hörte deutlich , wie die alte Prinzeß Ferdinand ihrer Tochter , der schönen Radziwill , zuflüsterte : » Est-elle riche ? « – » Sans doute . « – » Ah , je comprends . « Unter so wechselnden Bildern und Betrachtungen bog er wieder in die kurz vorher so stille Bucht ein , in deren Schilf jetzt ein buntes und bewegtes Leben herrschte . Die darin nistenden Vögel kreischten oder gurrten , ein paar Kiebitze flogen auf , und eine Wildente , die sich neugierig umsah , tauchte nieder , als das Boot plötzlich in Sicht kam . Eine Minute später , und Schach hielt wieder am Steg , schlang die Kette fest um den Pflock und stieg unter Vermeidung jedes Umwegs die Terrasse hinauf , auf deren oberstem Absatz er Krists Frau , der alten Mutter Kreepschen , begegnete , die schon auf war , um ihrer Ziege das erste Grünfutter zu bringen . » Tag , Mutter Kreepschen . « Die Alte schrak zusammen , ihren drinnen im Gartensalon vermuteten jungen Herrn ( um dessentwillen sie die Hühner nicht aus dem Stall gelassen hatte , bloß damit ihr Gackern ihn nicht im Schlafe stören sollte ) jetzt von der Frontseite des Schlosses her auf sich zukommen zu sehn . » Jott , junge Herr . Wo kümmen S ' denn her ? « » Ich konnte nicht schlafen , Mutter Kreepschen . « » Wat wihr denn los ? Hätt et wedder spökt ? « » Beinah . Mücken und Motten waren ' s. Ich hatte das Licht brennen lassen . Und der eine Fensterflügel war auf . « » Awers worümm hebben S ' denn dat Licht nich utpuust ? Dat weet doch jed-een , wo Licht is , doa sinn ook ümmer Gnitzen un Motten . Ick weet nich ! Un mien oll Kreepsch , he woahrd ook ümmer dümmscher . Jei , jei . Un nich en Oog to . « » Doch , Mutter Kreepschen . Ich habe geschlafen , im Boot , und ganz gut und ganz fest . Aber jetzt frier ich . Und wenn ' s Feuer brennt , dann bringt Ihr mir wohl was Warmes . Nicht wahr ? ' ne Supp oder ' nen Kaffee . « » Jott , et brennt joa all lang , junge Herr ; Füer is ümmer dat ihrst . Versteiht sich , versteiht sich , wat Warms . Un ick bring et ook glieks ; man blot de oll Zick , de geiht för . Se jloben joar nich , junge Herr , wie schabernacksch so ' n oll Zick is . De weet , as ob se ' ne Uhr in ' n Kopp hätt , ob et feif is o ' r söss . Un wenn ' t söss is , denn wohrd se falsch . Und kumm ick denn un will ehr melken , joa , wat jloben Se woll , wat se denn deiht ? Denn stött se mi . Un ümmer hier in ' t Krüz , dicht bi de Hüft . Un worümm ? Wiel se weet , dat ick doa miene Wehdag hebben deih . Awers nu kummen s ' man ihrst in uns Stuw , un setten sich en beten dahl . Mien oll Kreepsch is joa nu groad bie ' t Pierd und schütt ' t em wat in . Awers keen Viertelstunn mihr , junge Herr , denn hebben s ' ehren Koffe . Un ook wat dato . De oll Semmelfru von Herzberg wihr joa all hier . « Unter diesen Worten war Schach in Kreepschens gute Stube getreten . Alles darin war sauber und rein , nur die Luft nicht . Ein eigentümlicher Geruch herrschte vor , der von einem Pfeffer- und Koriandermixtum herrührte , das die Kreepschen als Mottenvertreibungsmittel in die Sofaecken gesteckt hatte . Schach öffnete deshalb das Fenster , kettelte den Haken ein und war nun erst imstande , sich all der Kleinigkeiten zu freun , die die » gute Stube « schmückten . Über dem Sofa hingen zwei kleine Kalenderbildchen , Anekdoten aus dem Leben des großen Königs darstellend , » Du , du « stand unter dem einen , und » Bon soir , Messieurs « unter dem andern . Um die Bilderchen und ihre Goldborte herum hingen zwei dicke Immortellenkränze mit schwarzen und weißen Schleifen daran , während auf dem kleinen , niedrigen Ofen eine Vase mit Zittergras stand . Das Hauptschmuckstück aber war ein Schilderhäuschen mit rotem Dach , in dem früher , aller Wahrscheinlichkeit nach , ein Eichkätzchen gehaust und seinen Futterwagen an der Kette herangezogen hatte . Jetzt war es leer , und der Wagen hatte stille Tage . Schach war eben mit seiner Musterung fertig , als ihm auch schon gemeldet wurde , » daß drüben alles klar sei « . Und wirklich , als er in den Gartensalon eintrat , der ihm ein Nachtlager so beharrlich verweigert hatte , war er überrascht , was Ordnungssinn und ein paar freundliche Hände mittlerweile daraus gemacht hatten . Tür und Fenster standen auf , die Morgensonne füllte den Raum mit Licht , und aller Staub war von Tisch und Sofa verschwunden . Einen Augenblick später erschien auch schon Krists Frau mit dem Kaffee , die Semmeln in einen Korb gelegt , und als Schach eben den Deckel von der kleinen Meißner Kanne heben wollte , klangen vom Dorfe her die Kirchenglocken herauf . » Was ist denn das ? « fragte Schach . » Es kann ja kaum sieben sein . « » Justement sieben , junge Herr . « » Aber sonst war es doch erst um elf . Und um zwölfe dann Predigt . « » Joa , so wihr et . Awers nu nich mihr . Un ümmer den dritt ' n Sünndag is et anners . Twee Sünndag , wenn de Radenslebensche kümmt , denn is ' t um twölwen , wiel he joa ihrst in Radensleben preestern deiht , awers den dritten Sünndag , wenn de oll Ruppinsche röwer kümmt , denn is et all um achten . Un ümmer , wenn uns oll Kriwitz von sine Turmluk ut unsen Ollschen von dröwen abstötten seiht , denn treckt he joa sien Klock . Und dat ' s ümmer um seb ' n. « » Wie heißt denn jetzt der Ruppinsche ? « » Na , wie sall he heten ? He heet ümmer noch so . Is joa ümmer noch de oll Bienengräber . « » Bei dem bin ich ja eingesegnet . War immer ein sehr guter Mann . « » Joa , dat is he . Man blot , he hett keene Teihn mihr , ook nich een , un nu brummelt un mummelt he ümmerto , un keen Minsch versteiht em . « » Das ist gewiß nicht so schlimm , Mutter Kreepschen . Aber die Leute haben immer was auszusetzen . Und nun gar erst die Bauern ! Ich will hingehen und mal wieder nachsehen , was mir der alte Bienengräber zu sagen hat , mir und den andern . Hat er denn noch in seiner Stube das große Hufeisen , dran ein Zehnpfundgewicht hing ? Das hab ich mir immer angesehn , wenn ich nicht aufpaßte . « » Dat woahrd he woll noch hebben . De Jungens passen joa all nich upp . « Und nun ging sie , um ihren jungen Herrn nicht länger zu stören , und versprach ihm ein Gesangbuch zu bringen . Schach hatte guten Appetit und ließ sich die Herzberger Semmeln schmecken . Denn seit er Berlin verlassen , war noch kein Bissen über seine Lippen gekommen . Endlich aber stand er auf , um in die Gartentür zu treten , und sah von hier aus über das Rondel und die Buchsbaumrabatten und weiter dahinter über die Baumwipfel des Parkes fort , bis sein Auge schließlich auf einem sonnenbeschienenen Storchenpaar ausruhte , das unten , am Fuße des Hügels , über eine mit Ampfer und Ranunkel rot und gelb gemusterte Wiese hinschritt . Er verfiel im Anblicke dieses Bildes in allerlei Betrachtungen ; aber es läutete gerade zum dritten Mal , und so ging er denn ins Dorf hinunter , um , von dem herrschaftlichen Chorstuhl aus , zu hören , » was ihm der alte Bienengräber zu sagen habe « . Bienengräber sprach gut genug , so recht aus dem Herzen und der Erfahrung heraus , und als der letzte Vers gesungen und die Kirche wieder leer war , wollte Schach auch wirklich in die Sakristei gehen , dem Alten danken für manches gute Wort aus längst vergangener Zeit her und ihn in seinem Boot über den See hin zurückbegleiten . Unterwegs aber wollt er ihm alles sagen , ihm beichten und seinen Rat erbitten . Er würde schon Antwort wissen . Das Alter sei allemal weise , und wenn nicht von Weisheits , so doch bloß schon von Alters wegen . » Aber « , unterbrach er sich mitten in diesem Vorsatze , » was soll mir schließlich seine Antwort ? hab ich diese Antwort nicht schon vorweg ? hab ich sie nicht in mir selbst ? Kenn ich nicht die Gebote ? Was mir fehlt , ist bloß die Lust , ihnen zu gehorchen . « Und während er so vor sich hin redete , ließ er den Plan eines Zwiegesprächs fallen und stieg den Schloßberg wieder hinauf . Er hatte von dem Gottesdienst in der Kirche nichts abgehandelt , und doch schlug es erst zehn , als er wieder oben anlangte . Hier ging er jetzt durch alle Zimmer , einmal , zweimal , und sah sich die Bilder aller der Schachs an , die zerstreut und in Gruppen an den Wänden umherhingen . Alle waren in hohen Stellungen in der Armee gewesen , alle trugen sie den Schwarzen Adler oder den Pour le mérite . Das hier war der General , der bei Malplaquet die große Redoute nahm , und das hier war das Bild seines eigenen Großvaters , des Obersten im Regiment Itzenplitz , der den Hochkirchner Kirchhof mit vierhundert Mann eine Stunde lang gehalten hatte . Schließlich fiel er , zerhauen und zerschossen , wie alle die , die mit ihm waren . Und dazwischen hingen die Frauen , einige schön , am schönsten aber seine Mutter . Als er wieder in dem Gartensalon war , schlug es zwölf . Er warf sich in die Sofaecke , legte die Hand über Aug und Stirn und zählte die Schläge . » Zwölf . Jetzt bin ich zwölf Stunden hier , und mir ist , als wären es zwölf Jahre ... Wie wird es sein ? Alltags die Kreepschen und sonntags Bienengräber oder der Radenslebensche , was keinen Unterschied macht . Einer wie der andre . Gute Leute , versteht sich , alle gut ... Und dann geh ich mit Victoire durch den Garten , und aus dem Park auf die Wiese , dieselbe Wiese , die wir vom Schloß aus immer und ewig und ewig und immer sehn und auf der der Ampfer und die Ranunkeln blühn . Und dazwischen spazieren die Störche . Vielleicht sind wir allein : aber vielleicht läuft auch ein kleiner Dreijähriger neben uns her und singt in einem fort : › Adebar , du Bester , bring mir eine Schwester . ‹ Und meine Schloßherrin errötet und wünscht sich das Schwesterchen auch . Und endlich sind elf Jahre herum , und wir halten an der › ersten Station ‹ , an der ersten Station , die die › stroherne Hochzeit ‹ heißt . Ein sonderbares Wort . Und dann ist auch allmählich die Zeit da , sich malen zu lassen , malen zu lassen für die Galerie . Denn wir dürfen doch am Ende nicht fehlen ! Und zwischen die Generäle rück ich dann als Rittmeister ein , und zwischen die schönen Frauen kommt Victoire . Vorher aber hab ich eine Konferenz mit dem Maler und sag ihm : › Ich rechne darauf , daß Sie den Ausdruck zu treffen wissen . Die Seele macht ähnlich . ‹ Oder soll ich ihm geradezu sagen : › Machen Sie ' s gnädig ‹ ... Nein , nein ! « Fünfzehntes Kapitel Die Schachs und die Carayons Was immer geschieht , geschah auch diesmal : die Carayons erfuhren nichts von dem , was die halbe Stadt wußte . Dienstag , wie gewöhnlich , erschien Tante Marguerite , fand Victoiren » um dem Kinn etwas spitz « und warf im Laufe der Tischunterhaltung hin : » Wißt ihr denn schon , es sollen ja Karikatüren erschienen sein ? « Aber dabei blieb es , da Tante Marguerite jenen alten Gesellschaftsdamen zuzählte , die nur immer von allem » gehört haben « , und als Victoire fragte : » Was denn , liebe Tante ? « , wiederholte sie nur : » Karikatüren , liebes Kind . Ich weiß es ganz genau . « Und damit ließ man den Gesprächsgegenstand fallen . Es war gewiß ein Glück für Mutter und Tochter , daß sie von den Spott- und Zerrbildern , deren Gegenstand sie waren , nichts in Erfahrung brachten ; aber für den Drittbeteiligten , für Schach , war es ebenso gewiß ein Unglück und eine Quelle neuer Zerwürfnisse . Hätte Frau von Carayon , als deren schönster Herzenszug ein tiefes Mitgefühl gelten konnte , nur die kleinste Vorstellung von all dem Leid gehabt , das , die ganze Zeit über , über ihren Freund ausgeschüttet worden war , so würde sie von der ihm gestellten Forderung zwar nicht Abstand genommen , aber ihm doch Aufschub gewährt und Trost und Teilnahme gespendet haben ; ohne jede Kenntnis jedoch von dem , was inzwischen vorgefallen war , ägrierte sie sich gegen Schach immer mehr und erging sich von dem Augenblick an , wo sie von seinem Rückzug nach Wuthenow erfuhr , über seinen » Wort-und Treubruch « , als den sie ' s ansah , in den heftigsten und unschmeichelhaftesten Ausdrücken . Es war sehr bald , daß sie von diesem Rückzuge hörte . Denselben Abend noch , an dem Schach seinen Urlaub angetreten hatte , ließ sich Alvensleben bei den Carayons melden . Victoire , der jede Gesellschaft peinlich war , zog sich zurück , Frau von Carayon aber ließ bitten und empfing ihn mit besondrer Herzlichkeit . » Daß ich Ihnen sagen könnte , lieber Alvensleben , wie sehr ich mich freue , Sie nach so vielen Wochen einmal wiederzusehen . Eine Welt von Dingen hat sich seitdem zugetragen . Und ein Glück , daß Sie standhaft blieben , als man Ihnen den Luther aufzwingen wollte . Das hätte mir Ihr Bild ein für allemal verdorben . « » Und doch , meine Gnädigste , schwankt ich einen Augenblick , ob ich ablehnen sollte . « » Und weshalb ? « » Weil unser beiderseitiger Freund unmittelbar vorher abgelehnt hatte . Nachgerade widersteht es mir , immer wieder und wieder in seine Fußtapfen zu treten . Gibt es ihrer doch ohnehin schon genug , die mich einfach als seinen Abklatsch bezeichnen , an der Spitze Zieten , der mir erst neulich wieder zurief : › Hüten Sie sich , Alvensleben , daß Sie nicht als Schach II in die Rang- und Quartierliste kommen . ‹ « » Was nicht zu befürchten steht . Sie sind eben doch anders . « » Aber nicht besser . « » Wer weiß . « » Ein Zweifel , der mich aus dem Munde meiner schönen Frau von Carayon einigermaßen überrascht und unsrem verwöhnten Freunde , wenn er davon hörte , seine Wuthenower Tage vielleicht verleiden würde . « » Seine Wuthenower Tage ? « » Ja , meine Gnädigste . Mit unbestimmtem Urlaub . Und Sie wissen nicht davon ? Er wird sich doch nicht ohne vorgängigen Abschied von Ihnen in sein altes Seeschloß zurückgezogen haben , von dem Nostitz neulich behauptete , daß es halb Wurmfraß und halb Romantik sei . « » Und doch ist es geschehen . Er ist launenhaft , wie Sie wissen . « Sie wollte mehr sagen , aber es gelang ihr , sich zu bezwingen und das Gespräch über allerhand Tagesneuigkeiten fortzusetzen , bei welcher Gelegenheit Alvensleben zu seiner Beruhigung wahrnahm , daß sie von der Haupttagesneuigkeit , von dem Erscheinen der Bilder , nicht das geringste wußte . Wirklich , es war der Frau von Carayon auch in der zwischenliegenden halben Woche nicht einen Augenblick in den Sinn gekommen , etwas Näheres über das von dem Tantchen Angedeutete hören zu wollen . Endlich empfahl sich Alvensleben , und Frau von Carayon , alles Zwanges nunmehr los und ledig , eilte , während Tränen ihren Augen entstürzten , in Victoirens Zimmer , um ihr die Mitteilung von Schachs Flucht zu machen . Denn eine Flucht war es . Victoire folgte jedem Wort . Aber ob es nun ihre Hoffnung und Zuversicht oder umgekehrt ihre Resignation war , gleichviel , sie blieb ruhig . » Ich bitte dich , urteile nicht zu früh . Ein Brief von ihm wird eintreffen und über alles Aufklärung geben . Laß es uns abwarten : du wirst sehn , daß du deinem Verdacht und deiner Verstimmung gegen ihn mehr nachgegeben hast , als recht und billig war . « Aber Frau von Carayon wollte sich nicht umstimmen lassen . » Ich kannt ihn schon , als du noch ein Kind warst . Nur zu gut . Er ist eitel und hochfahrend , und die prinzlichen Höfe haben ihn vollends überschraubt . Er verfällt mehr und mehr ins Ridiküle . Glaube mir , er will Einfluß haben und zieht sich im stillen irgendeinen politischen oder gar staatsmännischen Ehrgeiz groß . Was mich aber am meisten verdrießt , ist das , er hat sich auch plötzlich auf seinen Obotritenadel besonnen und fängt an sein Schach- oder Schachentum für etwas ganz Besondres in der Weltgeschichte zu halten . « » Und tut damit nicht mehr , als was alle tun ... Und die Schachs sind doch wirklich eine alte Familie . « » Daran mag er denken und das Pfauenrad schlagen , wenn er über seinen Wuthenower Hühnerhof hingeht . Und solche Hühnerhöfe gibt es hier überall . Aber was soll uns das ? Oder zum wenigsten was soll es dir ? An mir hätt er vorbeistolzieren und der bürgerlichen Generalpächterstochter , der kleinen Roturière , den Rücken kehren können . Aber du , Victoire , du ; du bist nicht bloß meine Tochter , du bist auch deines Vaters Tochter , du bist eine Carayon ! « Victoire sah die Mama mit einem Anfluge schelmischer Verwunderung an . » Ja , lache nur , Kind , lache laut , ich verüble dir ' s nicht . Hast du mich doch selber oft genug über diese Dinge lachen sehen . Aber , meine süße Victoire , die Stunden sind nicht gleich , und heute bitt ich deinem Vater ab und dank ihm von Herzen , weil er mir in seinem Adelsstolze , mit dem er mich zur Verzweiflung gebracht und aus seiner Nähe hinweggelangweilt hat , eine willkommene Waffe gegen diesen mir unerträglichen Dünkel in die Hand gibt . Schach , Schach ! Was ist Schach ? Ich kenn ihre Geschichte nicht und will sie nicht kennen , aber ich wette diese meine Broche gegen eine Stecknadel , daß du , wenn du das ganze Geschlecht auf die Tenne wirfst , da , wo der Wind am schärfsten geht , daß nichts übrigbleibt , sag ich , als ein halbes Dutzend Obersten und Rittmeister , alle devotest erstorben und alle mit einer Pontaknase . Lehre mich diese Leute kennen ! « » Aber , Mama ... « » Und nun die Carayons ! Es ist wahr , ihre Wiege hat nicht an der Havel und nicht einmal an der Spree gestanden , und weder im Brandenburger noch im Havelberger Dom ist je geläutet worden , wenn einer von ihnen kam oder ging . Oh , ces pauvres gens , ces malheureux Carayons ! Sie hatten ihre Schlösser , beiläufig wirkliche Schlösser , so bloß armselig an der Gironde hin , waren bloß Girondins , und deines Vaters leibliche Vettern fielen unter der Guillotine , weil sie treu und frei zugleich waren und uneingeschüchtert durch das Geschrei des Berges für das Leben ihres Königs gestimmt hatten . « Immer verwunderter folgte Victoire . » Aber « , fuhr Frau von Carayon fort , » ich will nicht von Jüngstgeschehenem sprechen , will nicht sprechen von heute . Denn ich weiß wohl , das Vonheutesein ist immer ein Verbrechen in den Augen derer , die schon gestern da waren , gleichviel wie . Nein , ich will von alten Zeiten sprechen , von Zeiten , als der erste Schach ins Land und an den Ruppiner See kam und einen Wall und Graben zog und eine lateinische Messe hörte , von der er nichts verstand . Eben damals zogen die Carayons , ces pauvres et malheureux Carayons , mit vor Jerusalem und eroberten es und befreiten es . Und als sie heimkamen , da kamen Sänger an ihren Hof , und sie sangen selbst , und als Victoire de Carayon ( ja , sie hieß auch Victoire ) sich dem großen Grafen von Lusignan vermählte , dessen erlauchter Bruder Großprior des hohen Ordens vom Spital und endlich König von Zypern war , da waren wir mit einem Königshause versippt und verschwägert , mit den Lusignans , aus deren großem Hause die schöne Melusine kam , unglücklichen , aber Gott sei Dank unprosaischen Angedenkens . Und von uns Carayons , die wir ganz andere Dinge gesehn haben , will sich dieser Schach abwenden und sich hochmütig zurückziehn ? Unsrer will er sich schämen ? Er , Schach . Will er es als Schach oder will er es als Grundherr von Wuthenow ? Ah , bah ! Was ist es denn mit beiden ? Schach ist ein blauer Rock mit einem roten Kragen , und Wuthenow ist eine Lehmkate . « » Mama , glaube mir , du tust ihm unrecht . Ich such es nach einer andern Seite hin . Und da find ich es auch . « Frau von Carayon beugte sich zu Victoire nieder und küßte sie leidenschaftlich . » Ach , wie gut du bist , viel , viel besser als deine Mama . Und nur eines ist gut an ihr , daß sie dich liebt . Er aber sollte dich auch lieben ! Schon um deiner Demut willen . « Victoire lächelte . » Nein , nicht so . Der Glaube , daß du verarmt und ausgeschieden seiest , beherrscht dich mit der Macht einer fixen Idee . Du bist nicht so verarmt . Und auch er ... « Sie stockte . » Sieh , du warst ein schönes Kind , und Alvensleben hat mir erzählt ,