... « » Ist er ? So ! « » Valtin ist tot , und ich bin allein . Ich hab ihm auf seinem Sterbebette versprechen müssen , euch um Verzeihung zu bitten . Und da bin ich nun und tu ' s und bitte dich um eine Heimstatt und um einen Platz an deinem Herd . Ich bin müde des Umherfahrens und will still und ruhig werden . Ganz still . Und ich will euch dienen ; das soll meine Buße sein . « Und sie warf sich , als sie so gesprochen , mit einem heftigen Entschlusse vor ihm nieder , mehr rasch als reuig , und sah ihn fragend und mit sonderbarem Ausdruck an . Das Kind aber hielt sie mit der Linken unter ihrem Mantel . Gerdt war in seiner bequemen Lage geblieben und sah an die Zimmerdecke hinauf . Endlich sagte er : » Buße ! Nein , Grete , du bist nicht bußfertig geworden . Ich kenne dich besser , dich und deinen stolzen Sinn . Und in deiner Stimme klingt nichts von Demut . Aber auch wenn du Demut gelernt hättest , unsere Schwester kann nicht unsre Magd sein . Das verbietet uns das Herkommen und das Gerede der Leute . « Grete war in ihrer knienden Stellung verblieben und sagte : » Ich dacht es wohl . Aber wenn ich es nicht sein kann , so sei es das Kind . Ich lieb es , und weil ich es so liebe , mehr als mein Leben , will ich mich von ihm trennen und will ' s in andere Hände geben . In eure Hände . Es wird nicht gut ' und glückliche Tage haben , ich weiß ja welche , aber wenn es nicht in Glück aufwächst , so wird es doch in Sitt und Ehren aufwachsen . Und das soll es . Und so ihr euch seiner schämt , so tut es zu guten Leuten in Pfleg und Zucht , daß es ihr Kind wird und mich vergißt und nichts an ihm bleibt von Sünd und Makel und von dem Flecken seiner Geburt . Erhöre mich , Gerdt ; sage ja , und ihr sollt mich nicht wiedersehen . Ich will fort , weit fort , und mir eine Stelle suchen , zum Leben und zum Sterben . Tu ' s ! Ach , Lieb und Haß haben mir die Sinne verwirrt , und vieles ist geschehen , das besser nicht geschehen wäre . Aber es ist nichts Böses an dieser meiner Hand . Hier lieg ich ; ich habe mich vor dir niedergeworfen , nimm mich wieder auf ! Hilf mir , und wenn nicht mir , so hilf dem Kind . « Gerdt sah auf die kniende Frau , gleichgültig und mitleidslos , und sagte , während er den Kopf hin und her wiegte : » Ich mag ihm nicht Vater sein und nicht Vormund und Berater . Du hast es so gewollt , nun hab es . Es schickt sich gut , daß du ' s unterm Mantel trägst , denn ein Mantelkind ist es . Bei seinem vollen Namen will ich ' s nicht nennen . « Und er ließ sie liegen und griff nach dem Aktenbündel , als ob er der Störung müde sei und wieder lesen wolle . Grete war jetzt aufgesprungen , und ein Blick unendlichen Hasses schoß aus ihren Augen . Aber sie bezwang sich noch und sagte mit einer Stimme , die plötzlich tonlos und heiser geworden war : » Es ist gut so , Gerdt . Aber noch ein Wort . Du hast mich nicht erhören wollen in meiner Not , so höre mich denn in meinem Recht . Ich bin als eine Bittende gekommen , nicht als eine Bettlerin . Denn ich bin keine Bettlerin . Ich bin des reichen Jacob Minde Tochter . Und so will ich denn mein Erbe . Hörst du , Gerdt , mein Erbe . « Gerdt faltete die Bogen des Aktenstücks zusammen , schlug damit in seine linke Hand und lachte : » Erbe ! Woher Erbe , Grete ? Was brachte deine Mutter ein ? Kennst du das Lied vom Sperling und der Haselnuß ? Erbe ! Du hast keins . Du hast dein Kind , das ist alles . Versuch es bei den Zernitzens , sprich bei dem Alten vor . Der Valtin hat ein Erbe . Und Emrentz , denk ich , wird sich freuen , dich zu sehn . « » Ist das dein letztes Wort ? « » Ja , Grete . « » So gehab dich wohl , und dein Lohn sei wie dein Erbarmen . « Und damit wandte sie sich und schritt auf die Tür und den Flur zu . Als sie draußen an dem Fenster vorüberkam , sah sie noch einmal hinein , aber Gerdt , der abgewandt und in Gedanken dasaß , bemerkte nichts . Er sah auch noch starr vor sich hin , als Trud eintrat und einen Doppelleuchter vor ihn auf den Tisch stellte . Denn es dunkelte schon . Sie waren kein plaudrig Ehepaar , und die stummen Abende waren in ihrem Hause zu Hause ; heut aber stellte Trud allerlei Fragen , und Gerdt , dem es unbehaglich war , erzählte schließlich von dem , was die letzte Stunde gebracht hatte . Über alles ging er rasch hinweg ; nur als er an das Wort » Erbe « kam , konnt er davon nicht los und wiederholte sich ' s zweimal , dreimal und zwang sich zu lachen . Trud aber , als er so sprach , war an das Fenster getreten und klopfte mit ihren Nägeln an die Scheiben , wie sie zu tun pflegte , wenn sie zornig war . Endlich wandte sie sich wieder und sagte : » Und was glaubst du , was nun geschieht ? « » Was geschieht ? Ich weiß es nicht . « » Aber ich weiß es . Meinst du , daß diese Hexe sich an die Landstraße setzen und dir zuliebe sterben und verderben wird ? Oh , Gerdt , Gerdt , es kann nicht guttun . Ich hätt ' s gedurft , vielleicht gedurft , denn wir waren uns fremd und feind von Anfang an . Aber du ! Du durftest es nicht . Ein Unheil gibt ' s ! Und du selber hast es heraufbeschworen . Um guten Namens willen , sagst du ? Geh ; ich kenn dich besser . Aus Geiz und Habsucht und um Besitz und Goldes willen ! Nichts weiter . « Er sprang auf und wollte heftig antworten , denn so stumpf und gefügig er war , so zornmütig war er , wenn an seinem Besitz gerüttelt wurde . Trud aber , uneingeschüchtert , schnitt ihm das Wort ab und sagte : » Sprich nicht , Gerdt ; ich lese dir das schlechte Gewissen von der Stirn herunter . Deine Mutter hat ' s eingebracht , ich weiß es . Aber als die Spansche , Gott sei ' s geklagt , in unser Haus kam , da hatte sich ' s verdoppelt , und aus eins war zwei geworden . Und so du ' s anders sagst , so lügst du . Sie hat ein Erbe . Sieh nicht so täppisch drein . Ich weiß es , und so sie ' s nicht empfängt , so wollen wir sehen , was von deinem und ihrem übrigbleibt . Lehre mich sie kennen . Ich hab ihr in die schwarzen Augen gesehen , öfter als du . Gezähmt , sagst du ? Nie , nie . « Und sie zog ihren Knaben an sich , der , während sie sprach , ins Zimmer getreten war . » Ihr sprecht von der Frau « , sagte das Kind . » Ich weiß . Sie hat mich bei der Hand nehmen wollen . Drüben . Aber ich habe mich vor ihr gefürchtet und von ihr losgerissen . « 19. Kapitel . Grete vor Peter Guntz Neunzehntes Kapitel Grete vor Peter Guntz Grete war allem Anscheine nach ruhig aus dem Hause getreten ; aber in ihrem Herzen jagte sich ' s wie Sturm , und hundert Pläne schossen in ihr auf und schwanden wieder , alle von dem einen Verlangen eingegeben , ihrem Haß und ihrer Rache genugzutun . Und immer war es Gerdt , den sie vor Augen hatte , nicht Trud ; und auf seinen Schultern stand ein rotes Männlein mit einem roten Hut und einer roten vielgezackten Fahne , das wollt er abschütteln ; aber er konnt es nicht . Und sie lachte vor sich hin , ganz laut , und nur in ihrem Innern klang es leise : » Bin ich irr ? « Unter solchen Bildern und Vorstellungen war sie grad über den Rathausplatz hinaus , als sie plötzlich , wie von einem Lichtscheine geblendet , sich wieder umsah und der halben Mondesscheibe gewahr wurde , die still und friedlich , als regiere sie diese Stunde , über dem Giebelfelde des Rathauses stand . Und sie sah hinauf , und ihr war , als lege sich ihr eine Hand beruhigend auf das Herz . » Es soll mir ein Zeichen sein « , sagte sie . » Vor den Rat will ich es bringen ; der soll mich aufrichten ... Nein , nicht aufrichten . Richten soll er . Ich will nicht Trost und Gnade von Menschen mund und Menschenhand , aber mein Recht will ich , mein Recht gegen ihn , der sich und seiner Seelen Seligkeit dem Teufel verschrieben hat . Denn der Geiz ist der Teufel . « Und sie wiederholte sich ' s und grüßte mit ihrer Hand zu der Mondesscheibe hinauf . Dann aber wandte sie sich wieder und ging auf das Tor und die Vorstadt zu . Draußen angekommen , setzte sie sich zu den Gästen und sprach mit ihnen und bat um etwas Milch . Als ihr diese gebracht worden , verabschiedete sie sich rasch und stieg in die Bodenkammer hinauf , darin ihr die Wirtin ein Bett und eine Wiege gestellt hatte . Und todmüde von den Anstrengungen des Tags , warf sie sich nieder und schlief ein . Bis um Mitternacht , wo das Kind unruhig zu werden anfing . Sie hörte sein Wimmern und nahm es auf , und als sie ' s gestillt und wieder eingewiegt , öffnete sie das Fenster , das den Blick auf die Vorstadtsgärten und dahinter auf weite , weite Stoppelfelder hatte . Der Mond war unter , aber die Sterne glitzerten in beinah winterlicher Pracht , und sie sah hinauf in den goldenen Reigen und streckte beide Hände danach aus . » Gott , erbarme dich mein ! « Und sie kniete nieder und küßte das Kind . Und ihren Kopf auf dem Kissen und ihre rechte Hand über die Wiege gelegt , so fand sie die Wirtin , als sie bei Tagesanbruch eintrat , um sie zu wecken . Der Schlaf hatte sie gestärkt , und noch einmal fiel es wie Licht und Hoffnung in ihr umdunkeltes Gemüt , ja , ein frischer Mut kam ihr , an den sie selber nicht mehr geglaubt hatte . Jeder im Rate kannte sie ja , und der alte Peter Guntz war ihres Vaters Freund gewesen . Und Gerdt ? der hatte keinen Anhang und keine Liebe . Das wußte sie von alten und neuen Zeiten her . Und sie nahm einen Imbiß und spielte mit dem Kind und plauderte mit der Wirtin , und auf Augenblicke war es , als vergäße sie , was sie hergeführt . Aber nun schlug es elf von Sankt Stephan . Das war die Stunde , wo die Ratmannen zusammentraten , und sie brach auf und schritt rasch auf das Tor zu und wie gestern die Lange Straße hinauf . Um das Rathaus her war ein Gedränge . Marktfrauen boten feil , und sie sah dem Treiben zu . Ach , wie lange war es , daß sie solchen Anblick nicht gehabt und sich seiner gefreut hatte ! Und sie ging von Stand zu Stand und von Kram zu Kram , um das halbe Rathaus herum , bis sie zuletzt an die Rückwand kam , wo nur noch ein paar einzelne Scharren standen . In Höhe dieser war eine Steintafel in die Wand eingelassen , die sie früher an dieser Stelle nie bemerkt hatte . Und doch mußte sie schon alt sein , das ließ sich an dem graugrünen Moos und den altmodischen Buchstaben erkennen . Aber sie waren noch deutlich zu lesen . Und sie las : Hastu Gewalt , so richte recht , Gott ist dein Herr und du sein Knecht ; Verlaß dich nicht auf dein ' Gewalt , Dein Leben ist hier bald gezahlt , Wie du zuvor hast ' richtet mich , Also wird Gott auch richten dich ; Hier hastu gerichtet nur kleine Zeit , Dort wirstu gerichtet in Ewigkeit . » Wie schön ! « Und sie las es immer wieder , bis sie jedes Wort auswendig wußte . Dann aber ging sie rasch um die zweite Hälfte des Rathauses herum und stieg die Freitreppe hinauf , die , mit einer kleinen Biegung nach links , unmittelbar in den Sitzungssaal führte . Es war derselbe Saal , in dem , zu Beginn unsrer Erzählung , die Puppenspieler gespielt und das verhängnisvolle Feuerwerk abgebrannt hatten . Aber statt der vielen Bänke stand jetzt nur ein einziger langer Tisch inmitten desselben , und um den Tisch her , über den eine herunterhängende grüne Decke gebreitet war , saßen Bürgermeister und Rat . Zuoberst Peter Guntz , und zu beiden Seiten neben ihm : Caspar Helmreich , Joachim Lemm , Christoph Thone , Jürgen Lindstedt und drei , vier andre noch . Nur Ratsherr Zernitz hatte sich mit Krankheit entschuldigen lassen . An der andern Schmalseite des Tisches aber wiegte sich Gerdt auf seinem Stuhl , dasselbe Aktenbündel in Händen , in dem er gestern gelesen hatte . Er verfärbte sich jetzt und senkte den Blick , als er seine Schwester eintreten sah , und aus allem war ersichtlich , daß er eine Begegnung an dieser Stelle nicht erwartet hatte . Grete sah es und trat an den Tisch und sagte : » Grüß Euch Gott , Peter Guntz . Ihr kennt mich nicht mehr ; aber ich kenn Euch . Ich bin Grete Minde , Jacob Mindes einzige Tochter . « Alle sahen betroffen auf , erst auf Grete , dann auf Gerdt , und nur der alte Peter Guntz selbst , der so viel gesehen und erlebt hatte , daß ihn nichts mehr verwundersam bedünkte , zeigte keine Betroffenheit und sagte freundlich : » Ich kenn dich wohl . Armes Kind . Was bringst du , Grete ? Was führt dich her ? « » Ich komm , um zu klagen wider meinen Bruder Gerdt , der mir mein Erbe weigert . Und dessen , denk ich , hat er kein Recht . Ich kam in diese Stadt , um wiedergutzumachen , was ich gefehlt , und wollte dienen und arbeiten und bitten und beten . Und das alles um dieses meines Kindes willen . Aber Gerdt Minde hat mich von seiner Schwelle gewiesen : er mißtraut mir ; und vielleicht , daß er ' s darf . Denn ich weiß es wohl , was ich war und was ich bin . Aber wenn ich kein Recht hab an sein brüderlich Herz , so hab ich doch ein Recht an mein väterlich Gut . Und dazu , Peter Guntz und ihr andern Herren vom Rat , sollt ihr mir willfährig und behülflich sein . « Peter Guntz , als Grete geendet , wandte sich an Gerdt und sagte : » Ihr habt die Klage gehört , Ratsherr Minde . Ist es , wie sie sagt ? Oder was habt Ihr dagegen vorzubringen ? « » Es ist nicht , wie sie sagt « , erhob sich Gerdt von seinem Stuhl . » Ihre Mutter war einer armen Frauen Kind , ihr wisset all , wes Landes und Glaubens , und kam ohne Mitgift in unser Haus . « » Ich weiß . « » Ihr wißt es . Und doch soll ich sprechen , wo mir zu schweigen ziemlicher wär . Aber Euer Ansinnen lässet mir keine Wahl . Und so höret denn . Jacob Minde , mein Vater , so klug er war , so wenig umsichtig war er . Und so zeigte sich ' s von Jugend auf . Er hatte keine glückliche Hand in Geschäften und ging doch gern ins Große , wie die Lübischen tun und die Flandrischen . Aber das trug unser Haus nicht . Und als ihm zwei Schiffe scheiterten , da war er selbst am Scheitern . Und um diese Zeit war es , daß er meine Mutter heimführte , von Stendal her , Baldewin Rickharts einzige Tochter . Und mit ihr kam ein Vermögen in unser Haus ... « » Mit dem Euer Vater wirtschaftete . « » Aber nicht zu Segen und Vorteil . Und ich habe mich mühen müssen und muß es noch , um alte Mißwirtschaft in neue Gutewirtschaft zu verkehren , und alles , was ich mein nenne bis diese Stunde , reicht nicht heran an das Eingebrachte von den Stendalschen Rickharts her . « » Und dies sagt Ihr an Eides Statt , Ratsherr Minde ! « » Ja , Peter Guntz . « » Dann , so sich nicht Widerspruch erhebt , weis ich dich ab mit deiner Klage . Das ist tangermündisch Recht . Aber eh ich dich , Grete Minde , die du zu Spruch und Beistand uns angerufen hast , aus diesem unserem Gericht entlasse , frag ich dich , Gerdt Minde , ob du dein Recht brauchen und behaupten oder nicht aus christlicher Barmherzigkeit von ihm ablassen willst . Denn sie , die hier vor dir steht , ist deines Vaters Kind und deine Schwester . « » Meines Vaters Kind , Peter Guntz , aber nicht meine Schwester . Damit ist es nun vorbei . Sie fuhr hoch , als sie noch mit uns war ; nun fährt sie niedrig und steht vor Euch und mir und birgt ihr Kind unterm Mantel . Fragt sie , wo sie ' s herhat . Am Wege hat sie ' s geboren . Und ich habe nichts gemein mit Weibern , die zwischen Heck und Graben ihr Feuer zünden und ihre Lagerstatt beziehn . Unglück ? Wer ' s glaubt . Sie hat ' s gewollt . Kein falsch Erbarmen , liebe Herren . Wie wir uns betten , so liegen wir . « Grete , während ihr Bruder sprach , hatte das Kind aus ihrem Mantel genommen und es fest an sich gepreßt . Jetzt hob sie ' s in die Höh , wie zum Zeichen , daß sie ' s nicht verheimlichen wolle . Und nun erst schritt sie dem Ausgange zu . Hier wandte sie sich noch einmal und sagte ruhig und mit tonloser Stimme : » Verlaß dich nicht auf dein Gewalt , Dein Leben ist hier bald gezahlt , Wie du zuvor hast › richtet mich , Also wird Gott auch richten dich – « und verneigte sich und ging . Die Ratsherren , deren anfängliche Neugier und Teilnahme rasch hingeschwunden war , sahen ihr nach , einige hart und spöttisch , andere gleichgültig . Nur Peter Guntz war in Sorg und Unruh über das Urtel , das er hatte sprechen müssen . » Ein unbillig Recht , ein totes Recht . « Und er hob die Sitzung auf und ging ohne Gruß und Verneigung an Gerdt Minde vorüber . 20. Kapitel . Hier hastu gerichtet nur kleine Zeit ... Zwanzigstes Kapitel Hier hastu gerichtet nur kleine Zeit , Dort wirstu gerichtet in Ewigkeit Grete war die Treppe langsam hinabgestiegen . Das Markttreiben unten dauerte noch fort , aber sie sah es nicht mehr ; und als sie den Platz hinter sich hatte , richtete sie sich auf , wie von einem wirr-phantastischen Hoheitsgefühl ergriffen . Sie war keine Bettlerin mehr , auch keine Bittende ; nein ; ihr gehörte diese Stadt , ihr . Und so schritt sie die Straße hinunter auf das Tor zu . Aber angesichts des Tores bog sie nach links hin in eine Scheunengasse und gleich dahinter in einen schmalen , grasüberwachsenen Weg ein , der , zwischen der Mauer und den Gärten hin , im Zirkel um die Stadt lief . Hier durfte sie sicher sein , niemandem zu begegnen , und als sie bei der Mindeschen Gartenpforte war , blieb sie stehen . Erinnerungen kamen ihr , Erinnerungen an ihn , der jetzt auf dem Klosterkirchhof schlief , und ihr schönes Menschenantlitz verklärte sich noch einmal unter flüchtiger Einkehr in alte Zeit und altes Glück . Aber dann schwand es wieder , und jener starr-unheimliche Zug war wieder da , der über die Trübungen ihrer Seele keinen Zweifel ließ . Es war ihr mehr auferlegt worden , als sie tragen konnte , und das Zeichen , von dem die Domina gesprochen , heut hätt es jeder gesehen . Und nun legte sie die Hand auf die rostige Klinke , drückte die Tür auf und zu und sah , ihren Vorstellungen nachhängend , auf die hohen Dächer und Giebel , die von drei Seiten her das gesamte Hof- und Gartenviereck dieses Stadtteils umstanden . Einer dieser Giebel war der Rathausgiebel , jetzt schwarz und glasig , und hinter dem Giebel stand ein dickes Gewölk . Zugleich fühlte sie , daß eine schwere , feuchte Luft zog ; Windstöße fuhren dazwischen , und sie hörte , wie das Obst von den Bäumen fiel . Über die Stadt hin aber , von Sankt Stephan her , flogen die Dohlen , unruhig , als ob sie nach einem andren Platze suchten und ihn nicht finden könnten . Grete sah es alles . Und sie sog die feuchte Luft ein und ging weiter . Ihr war so frei . Als sie das zweite Mal ihren Zirkelgang gemacht und wieder das Tor und seinen inneren Vorplatz erreicht hatte , verlangte sie ' s nach einer kurzen Rast . Eine von den Scheunen , die mit dem Vorplatz grenzte , dünkte ihr am bequemsten dazu . Das Dach war schadhaft und die Lehmfüllung an vielen Stellen aus dem Fachwerk herausgeschlagen . Und sie bückte sich und schlüpfte durch eines dieser Löcher in die Scheune hinein . Diese war nur halb angefüllt , zumeist mit Stroh und Werg , und wo der First eingedrückt war , hing die Dachung in langen Wiepen herunter . Sie setzte sich in den Werg , als wolle sie schlafen . Aber sie schlief nicht , von Zeit zu Zeit vielmehr erhob sie sich , um unter das offene Dach zu treten , wo der Himmel finster-wolkig und dann wieder in heller Tagesbläue hereinsah . Endlich aber blieb die Helle fort , und sie wußte nun , daß es wirklich Abend geworden . Und darauf hatte sie gewartet . Sie bückte sich und tappte nach ihrem Bündel , das sie beiseite gelegt , und als sie ' s gefunden und sich wieder aufgerichtet hatte , gab es in dem Dunkel einen blassen , bläulichen Schein , wie wenn sie einen langen Feuerfaden in ihrer Hand halte . Und nun ließ sie den Faden fallen und kroch , ohne sich umzusehen , aus der Fachwerköffnung wieder ins Freie hinaus . Wohin ? In die Stadt ? Dazu war es noch zu früh , und so suchte sie nach einem schon vorher von ihr bemerkten , aus Ziegel und Feldstein aufgemauerten Treppenstück , das , von der Innenseite der Stadtmauer her , in einen alten , längst abgetragenen Festungsturm hinaufführte . Und jetzt hatte sie das Treppenstück gefunden . Es war schmal und bröcklig , und einige Stufen fehlten ganz ; aber Grete , wie nachtwandelnd , stieg die sonderbare Leiter mit Leichtigkeit hinauf , setzte sich auf die losen Steine und lehnte sich an einen Berberitzenstrauch , der hier oben auf der Mauer aufgewachsen war . So saß sie und wartete ; lange ; aber es kam keine Ungeduld über sie . Endlich drängte sich ein schwarzer Qualm aus der Dachöffnung , und im nächsten Augenblicke lief es in roten Funken über den First hin , und alles Holz- und Sparrenwerk knisterte auf , als ob Reisig von den Flammen gefaßt worden wäre . Dazu wuchs der Wind , und wie aus einem zugigen Schlot heraus fuhren jetzt die brennenden Wergflocken in die Luft . Einige fielen seitwärts auf die Nachbarscheunen nieder , andre aber trieb der Nordwester vorwärts auf die Stadt , und eh eine Viertelstunde um war , schlug an zwanzig Stellen das Feuer auf , und von allen Kirchen her begann das Stürmen der Glocken . » Das ist Sankt Stephan « , jubelte Grete , und dazwischen , in wirrem Wechsel , summte sie Kinderlieder vor sich hin und rief in schrillem Ton und mit erhobener Hand in die Stadt hinein : » Verlaß dich nicht auf dein Gewalt . « Und dann folgte sie wieder den Glocken , nah und fern , und mühte sich , den Ton jeder einzelnen herauszuhören . Und wenn ihr Zweifel kamen , so stritt sie mit sich selbst und sprach zugunsten dieser und jener und wurde wie heftig in ihrem Streit . Endlich aber schwiegen alle , auch Sankt Stephan schwieg , und Grete , das Kind aufnehmend , das sie neben sich in das Mauergras gelegt hatte , sagte : » Nun ist es Zeit . « Und sicher , wie sie die Treppe hinaufgestiegen , stieg sie dieselbe wieder hinab und nahm ihren Weg , an den brennenden Scheunen entlang , auf die Hauptstraße zu . Hunderte , von Furcht um Gut und Leben gequält , rannten an ihr vorüber , aber niemand achtete der Frau , und so kam sie bis an das Mindesche Haus und stellte sich demselben gegenüber , an eben die Stelle , wo sie gestern gestanden hatte . Gerdt konnte nicht zu Hause sein , alles war dunkel ; aber an einem der Fenster erkannte sie Trud und neben ihr den Knaben , der , auf einen Stuhl gestiegen , in gleicher Höhe mit seiner Mutter stand . Beide wie Schattenbilder und allein . Das war es , was sie wollte . Sie passierte ruhig den Damm , danach die Tür und den langen Flur und trat zuletzt in die Küche , darin sie jedes Winkelchen kannte . Hier nahm sie von dem Brett , auf dem wie früher die Zinn- und Messingleuchter standen , einen Blaker und fuhr damit in der Glutasche des Herdes umher . Und nun tropfte das Licht und brannte hell und groß , viel zu groß , als daß der Zugwind es wieder hätte löschen können . Und so ging sie den Flur zurück , bis vorn an die Tür , und öffnete rasch und wandte sich auf das Fenster zu , von dem aus Trud und ihr Kind nach wie vor auf die Straße hinausstarrten . Und jetzt stand sie zwischen beiden . » Um Gottes Barmherzigkeit willen « , schrie Trud und sank bei dem Anblick der in vollem Irrsinn vor ihr Stehenden ohnmächtig in den Stuhl . Und dabei ließ sie den Knaben los , den sie bis dahin angst- und ahnungsvoll an ihrer Hand gehalten hatte . » Komm « , sagte Grete , während sie das Licht auf die Fensterbrüstung stellte . Und sie riß den Knaben mit sich fort , über Flur und Hof hin und bis in den Garten hinein . Er schrie nicht mehr , er zitterte nur noch . Und nun warf sie die Gartentür wieder ins Schloß und eilte , den Knaben an ihrer Hand , ihr eigenes Kind unterm Mantel , an der Stadtmauer entlang auf Sankt Stephan zu . Hier , wie sie ' s erwartet , hatte das Stürmen längst aufgehört , Glöckner und Mesner waren fort , und unbehelligt und unaufgehalten stieg sie vom Unterbau des Turmes her in den Turm selbst hinauf : erst eine Wendeltreppe , danach ein Geflecht von Leitern , das hoch oben in den Glockenstuhl einmündete . Als die vordersten Sprossen kamen , wollte das Kind nicht weiter , aber sie zwang es und schob es vor sich her . Und nun war sie selber oben und zog die letzte Leiter nach . Um sie her hingen die großen Glocken und summten leise , wenn sie den Rand derselben berührte . Und nun trat sie rasch an die Schalllöcher , die nach der Stadtseite hin lagen , und stieß die hölzernen Läden auf , die sofort vom Winde gefaßt und an die Wand gepreßt wurden . Ein Feuermeer unten die ganze Stadt ; Vernichtung an allen Ecken und Enden , und dazwischen ein Rennen und Schreien , und dann wieder die Stille des Todes . Und jetzt fielen einige der vom Winde heraufgewirbelten Feuerflocken auf das Schindeldach ihr zu Häupten nieder , und sie sah , wie sich vom Platz aus aller Blicke nach der Höhe des Turmes und nach ihr selber richteten . Unter denen aber , die hinaufwiesen , war auch Gerdt . Den hatte sie mit ihrer ganzen Seele gesucht , und jetzt packte sie seinen Knaben und hob ihn auf das Lukengebälk , daß er frei dastand und im Widerscheine des Feuers von unten her in aller Deutlichkeit gesehen werden konnte . Und Gerdt sah ihn wirklich und brach in die Knie und schrie um Hülfe , und alles um ihn her vergaß der eigenen Not und drängte dem Portal der Kirche zu . Aber ehe noch die Vordersten es erreichen oder gar die Stufen der Wendeltreppe gewinnen konnten , stürzte die Schindeldecke prasselnd zusammen , und das Gebälk zerbrach , an dem die Glocken hingen