sagte : » Nein , ' s ist ein Fieber . Und wir dürfen ' s nicht stören . Er muß Ruhe haben und Luft und Schlaf , oder er stirbt . « Und sie brachten ihn ins Bett , und Melcher wachte die Nacht und hörte die Phantasien des Kranken . Am anderen Tag aber kam der Ilseburger Doktor , und Grissel versagte sich ' s nicht , auf Melcher und seinen Eigensinn zu schelten . » Und wenn er stirbt , so hat er ihn auf dem Gewissen . « » Er hat ihn gerettet « , sagte der alte Doktor . » Ein Tropfen Blut , und es war vorbei . « 14. Kapitel . Drei Jahre später Vierzehntes Kapitel Drei Jahre später Es war nun wieder Herbst , der dritte , seitdem Baltzer Bocholt in seine schwere Krankheit gefallen war , und die Berglehnen hüben und drüben standen wieder in Rot und Gelb , und die Sommerfäden zogen wieder , und der Rauch aus den Häusern und Hütten stieg gerade auf in die klare , stille Luft . Es hatte sich nichts geändert im Tal , am wenigsten oben auf dem Schloß , und die Beamten und Verwalter kamen alle Freitage nach wie vor zum Rapport , und das Feuer brannte nach wie vor in der Halle bei Winter- und Sommerzeit . Auch die schwarze Witwenhaube der Gräfin hatte noch dieselbe tiefe Schnebbe wie vordem , und nur ihr Haar , das unter der Haube hervorsah , war um ein weniges weißer und spärlicher geworden . Und wie die Gräfin oben auf dem Schloß , so Sörgel unten in seiner Pfarre , der nach wie vor zu Lust und Erbauung seiner Emmeroder predigte , trotzdem er nahe an achtzig war . Und wenn er so sonntags auf seiner Kanzel stand und den Schwindel kommen fühlte , daran er seit Jahren litt , so wußt er rasch ein Ende zu finden und sagte nur : » Der Friede Gottes , der besser ist als alle Vernunft , sei mit euch allen ! « und gab nach der Orgel hin ein Zeichen . Und ehe eine Minute vorüber war , sang die Gemeinde ihren letzten Vers , und war keiner unter ihnen , der an dem Predigtabbruch einen ernstlichen Anstoß genommen hätte . Vielmehr schloß ihn mancher in sein Gebet ein und betete zu Gott , daß er ihnen den alten Sörgel , krank oder gesund , noch lange Zeit erhalten möge . Denn er war ein guter , christlicher Mann , christlich in seinem Gemüte , wenn auch nicht immer in seinem Bekenntnis , und liebte seine Gemeinde , darin er über fünfzig Jahre getraut und getauft und mit all seiner Aufklärung keinen nachweisbaren Schaden angerichtet hatte . Und wie drinnen in Pfarr und Kirche , so war auch draußen auf dem Kirchhof alles beim alten geblieben , und wenn ein Unterschied gegen früher war , so war es der , daß die Stechpalmen etwas höher über die Feldsteinmauer hinausgewachsen und zwei Gräber etwas besser gepflegt waren als seit lange : das von Hildes Mutter und das von des Heidereiters erster Frau . Beide standen wieder in Blumen , und während auf dem einen die Gitterknöpfe neu vergoldet waren , waren auf dem anderen die gelben Buchstaben und das Dach über dem Holzkreuz erneuert worden . In der Tat , nichts hatte sich verändert , und wer in die Talschlucht einbog , der hörte wie früher das Klappern und Stampfen von Diegels Mühle her und sah wie früher die schrägliegende Tanne , die von Ellernklipp herab ihre Nadeln auf den schmalen , an der Felswand hinführenden Fußweg streute . Nichts hatte Wandel oder Abweichung erfahren , auch das Einerlei des Herkommens nicht , und die Tage dreier Jahre , weil sie so gleichmäßig gewesen , waren auch dem Gedächtnis gleichmäßig entschwunden . Alle , nur einen ausgenommen . Und wenn dieser eine , was nicht selten geschah , unter mancher Zutat und Ausschmückung in der Spinnstube durchgesprochen wurde , so hieß es von der einen Seite : wie schön sie gewesen sei und wie blaß . Aber andere lachten bloß und bestritten es und sagten : sie sei nicht blasser gewesen als sonst . Und warum auch ? Es sei doch , trotz seiner fünfzig , ein Glück für sie . Denn was habe sie denn mitgebracht in die Ehe ? Natürlich die langen Wimpern . Aber die Wimpern , du mein Gott , die hätten ja von Jugend auf die Mauser gehabt , und neben einer fehlten immer zwei . Und dann das bißchen rote Haar . I nun , das möchte gehen . Aber woher habe sie ' s denn ? Von der Muthe nicht , die sei schwarz gewesen ; und von dem Rochussen erst recht nicht , der sei pechschwarz gewesen und eigentlich überhaupt bloß ein Zigeuner . Und so ging das Gerede und Gelach . Aber an dem Tage , wo die Hochzeit stattgefunden hatte , da war es anders gewesen , und alles hatte sich herzugedrängt , um das Paar zu sehen . Überall , an der Hecke hin , hatten sie schon vom ersten Läuten an gestanden , und in der Kirche hatte kein Apfel mehr zur Erde gekonnt . Und hatte nicht anders sein können , denn auch viele Ilseburger waren herübergekommen , und in dem gräflichen Chorstuhl hatte nicht bloß die Gräfin gesessen , sondern auch ihr Besuch : Offiziere aus dem Preußischen und Sächsischen her , und darunter ein alter General mit bloß einem Auge und einem schwarzen Seidenfleck auf dem anderen . Und dann war der alte Sörgel von der Sakristei her erschienen und hatte vor dem Altar ein kurzes Gebet gesprochen , ernst und schön ; aber eine kleine Weile , da war ihm das Zittern gekommen , an dem er noch mehr litt als an dem Schwindel , und sie hatten ihm einen Stuhl bringen müssen . Und weil er nun so niedrig saß , waren Baltzer Bocholt und Hilde niedergekniet , und so zu den Knienden hatte der Alte gesprochen und ihnen die Traurede gehalten . Er hatte den Text dazu wohlweislich aus dem Buche Ruth genommen , weil er sich der Vorliebe Hildens für das Weib des Boas aus früheren Tagen her sehr wohl erinnert hatte . Der Text aber hatte gelautet : » Und Ruth sprach zu Naemi : Laß mich aufs Feld gehen und Ähren lesen , dem nach , vor dem ich Gnade finde . « So waren die Worte gewesen , über die der Alte geredet , eindringlich , liebevoll und kurz . Und als er zuletzt die Formel gesprochen und sie zusammengegeben , hatte sich Hilde von der Bank erhoben , auf der sie gekniet ; aber Baltzer Bocholt war noch auf seinen Knien geblieben und hatte sich erst aufgerichtet , als ihm Hilde zugeflüstert , es sei Zeit . Und danach hatte jeder sehen können , wie ' s ihm um den Mund gezuckt , keiner aber deutlicher als der alte Melcher Harms , der all die Zeit über unterm Chorstuhl der Gräfin gestanden . Und danach hatte man die Kirche verlassen , und alle Geladenen waren in das Hochzeitshaus hinübergegangen , um an dem Schmaus und der Freude des Tages teilzunehmen ; an Melcher Harms aber , der seitens des Heidereiters nicht aufgefordert worden , war einer der gräflichen Diener mit der Weisung herangetreten , daß ihn die Gräfin um die sechste Stunde zu sprechen wünsche . Da hatte sich der Alte verneigt . Und mit dem sechsten Glockenschlage war er erschienen und durch die große Halle hin auf einen mit einem vergoldeten Gitter eingefaßten Balkon geführt worden , auf dem die Gräfin mit ihren Gästen Platz genommen und eben ein angeregtes Gespräch begonnen hatte . Zumeist mit dem alten General , der quer saß und mit seinem zugeklebten Auge – denn die Dinge dieser Welt bedeuteten ihm nichts mehr – in die Landschaft sah . Als aber die Gräfin ihres Schützlings ansichtig geworden , hatte sie sich erhoben und ihn ihren Gästen als ihren » besten Freund « vorgestellt , was bei den jungen Herren ein Lächeln und eine Verwunderung , bei dem alten General indessen , der ein Zinzendorfscher war , eine freudige Zustimmung gefunden hatte . » Setzt Euch , Melcher Harms . Hierher , bitte . Ich habe den Herren von Euch erzählt . Und der Herr General , der im Bekenntnis steht und an die Wunder und Wege Gottes glaubt , möcht Euch kennenlernen und ein Wort von Euch vernehmen . Ihr waret in der Kirche heut und habt den alten Sörgel gehört . Wie schien er Euch ? « » Er hat mir das Herz getroffen . Und das hat er , weil er die Liebe hat . In der steht er und wirket in Segen , obwohlen er den Quell des Glaubens vermissen läßt , um die , die wahrhaft dürsten , damit zu tränken . Er hat nur die zweite Liebe , die Menschenliebe ... Zumeist aber liebt er die Hilde , das liebe Kind , das nun heute seines Pflegevaters ehelich Weib geworden ist . Und Gott gebe seinen Segen und tue das Füllhorn seiner Gnaden auf und woll alles zum Guten und Besten wenden . « » Aber , Vater Melcher , das klingt ja fast , als fürchtet Ihr ein Gegenteil ! Und ich denke doch , alles liegt gut . Ich habe wohl reden hören von des Heidereiters Sohn , und daß sie den geliebt hätt und nicht den Alten . Aber Ihr wißt , wir haben ihn in unseren Amtsblättern aufrufen lassen und danach in allen Gazetten , ohne daß er gekommen wär oder ein Zeichen seines Lebens gegeben hätte . Und ist nun tot befunden und erklärt . Oder glaubt Ihr , er werde wiederkommen ? « » Er wird nicht wiederkommen « , antwortete Melcher , indem er seine Stimme hob . » Und wenn er wiederkommt , so kommt er , woher wir ihn nicht rufen können . Und kommt freiwillig , um noch zu ordnen , was zu ordnen ist . Denn ewig und unwandelbar ist das Gesetz ! « Alle horchten auf . Die Gräfin aber entgegnete : » Ich weiß , Vater Melcher , daß Ihr an solche Erscheinungen glaubt , und ist nicht Ort und Stunde , dafür oder dawider zu streiten . Und auch nicht darüber « – und hier verbeugte sich der alte General gegen die Gräfin – , » ob nicht die Gnade mächtiger und unwandelbarer ist als das Gesetz . Über all das nicht heute . Heute nur das : Ihr wißt , daß er tot ist ? « Der Alte bejahte . » Nun denn , so seh ich nicht , was Euch Furcht oder Sorge schafft . Oder mißtraut Ihr dem Manne ? Daß er bei Jahren , ist nicht vom Übel . Es sind nicht die schlechtesten Ehen , wo der Mann sein Ansehen verdoppelt , weil er zugleich ein Vater und Erzieher ist . Ich hab umgekehrt mehr Ehen daran scheitern sehen , daß dies Ansehen fehlte . Der Baltzer Bocholt aber hat das Ansehen ; er ist ein ehrenhafter Mann und wird die Hilde nicht an den Altar gezwungen haben . « Der Alte schwieg . » Ihr schweigt . Wenn Ihr es anders wißt , so sagt es . Ich hab eine Teilnahme für das Kind . Ich meine für die junge Frau . « » Nein , er wird die Hilde nicht an den Altar gezwungen haben « , wiederholte Melcher Harms die Worte der Gräfin . » Und doch ist es ein Zwang . « » Ihr müßt deutlicher sprechen , Vater Melcher . Ihr seid zu vorsichtig in Eurer Rede . « » Nun denn , Gräfin , sie hat nie vergessen , was er an ihr getan ; aber zugleich auch ist sie die Furcht vor ihm nie losgeworden . Und aus Furcht und Dankbarkeit ist es gekommen , und aus Furcht und Dankbarkeit hat sie ja gesagt . « Unter diesem Gespräch hatte sich die Teilnahme des alten Generals , dem in der Tat ein gut herrnhutisch Herz in der Brust schlug , immer aufrichtiger dem » Erweckten von Emmerode « zugewandt ; die Gräfin aber antwortete : » Sörgel und Ihr , Melcher Harms , ihr seid ihr Freund . Aber Ihr wißt doch , was die Leute sagen : sie lebe so müd und matt in den Tag hinein ; und stille Wasser seien tief . Und sei keiner , dem sie ' s nicht angetan . Und habe doch selber kein Herz und keine Liebe . Ja , lächelt nur ! Ihr seht , ich habe meine Zuträgerschaften . Aber ich mißtraue solchem Urteil , und nun sagt mir das Eure . « » Wer das alles von der Hilde gesagt hat , der hat sie gut genug gekannt . Aber er ist auf halbem Wege stehengeblieben . Ja , Gräfin , es ist eine sehnsüchtige Natur , die Liebe will . Und daß ich ' s sagen muß : auch irdische Liebe . Danach trachtete sie durch Tag und Jahr und wartete darauf und wartet noch . Und ist all ' umsonst , wie lang sie warte . Denn ich seh ihre Zukunft so klar wie die Tanne drüben auf Ellernklipp , und weil sie ' s auf Erden nicht finden wird , so wird sie ' s suchen lernen dort oben und wird sich klären und in himmlischer Liebe leben und sterben . Und wird ein Engel sein auf Erden . All das seh ich , und sehe nichts mehr von ihrer Schuld und Schwäche . Ja , Gräfin , eine Gebenedeite wird sie sein , sie , die heute nach dem unerforschlichen Ratschlusse Gottes ihres Pflegevaters Frau geworden ist . Und wird die Kraft haben , viel manchen von uns freizubeten , zumal auch einen , den ich heute nicht nennen will . « Er hatte das alles mit dem ganzen Leuchteblick eines echten Konventiklers gesprochen , der sich seiner Prophetengabe voll bewußt ist , und selbst die jungen Herren , die sich anfangs nur spöttische Bemerkungen über das » Orakel von Emmerode « zugeflüstert hatten , waren still geworden . Der alte General aber , als Melcher Harms jetzt aufstand , stand mit ihm auf und gab ihm das Geleite durch Saal und Halle hin bis an die Wendeltreppe . Die jungen Offiziere ihrerseits hatten inzwischen ihren Übermut wiedergewonnen und zogen sich , ungestört von der Gräfin , in eine Balkonecke zurück , die jedem einzelnen einen Blick auf das Tal und das gegenüberliegende Haus des Heidereiters gönnte . » Sieh , Lothar « , sagte der eine , » sie stecken jetzt drüben die Lichter an . « » Aber ohne Hymens Fackel . « » Es wird so schlimm nicht sein « , entgegnete der erste wieder . » L ' appetit vient ... Und nun gar die : blaß und rotblond und matt und müde . Wir sagen › languissant ‹ , und ich denke , wir wissen , was es meint . « » Aber languissant ist irdisch . Und du hast doch gehört , mit dem Irdischen ist es für sie vorbei . « » Nicht doch . Er sprach bloß von der Zukunft . Und wenn wir auf die warten , ich mein auf die Zukunft , so wachsen wir uns auch noch in die himmlische Liebe hinein . Beiläufig , wie denkst du sie dir ? « » Entbehrlich . « Und sie lachten und medisierten weiter . In des Heidereiters Haus aber wuchs der festliche Lärm , und als spät nach Mitternacht alles heimkehrte , war keiner , der nicht versichert hätte , daß dies die lustigste Hochzeit seit Menschengedenken gewesen sei . » Und je lustiger die Hochzeit , desto glücklicher das Paar . « 15. Kapitel . Das kranke Kind Fünfzehntes Kapitel Das kranke Kind Ja , das war der Tag , der unvergessen in Emmerode fortlebte , und nur einer war , der eine beinahe gleiche Teilnahme geweckt hatte , der , an dem es hieß : » Die Störche ziehen , aber in Bocholts Haus ist einer angekommen . « Und so war es ; Hilde war eines Kindes genesen , eines Knäbleins mit spärlichem rotblondem Haar , und die weise Frau hatte gesagt : » Es wird nicht alt . Es ist zu hübsch und zu durchsichtig und sieht aus , als wüßt es alles . « Und nur zu bald zeigte sich ' s , daß die weise Frau richtig gesprochen , obschon es anfänglich gedieh und runde rote Backen hatte . Doch ehe noch ein Vierteljahr um war , konnte jeder sehen , daß es krank war , denn mit eins wurd es blaß , und seine Wimpern schlossen sich , und das Atmen wurd ihm schwer . Und wenn dann der Anfall vorüber war , schlief es ein und nahm keine Nahrung und schlief viele Stunden lang , als wär es tot . Und dann kniete Hilde vor der Wiege nieder und seufzte leise : » Armes Kind « , und küßte es , erst still und dann leidenschaftlich ; ach ! sie durft es , ohne Furcht und Sorge , es aus dem Schlafe zu wecken . Das müde Kind schlief eben weiter . Und zuletzt kam Grissel , die , seit das Kind da war , wieder zu Hilde hielt , und schickte die junge Frau hinaus , in Feld oder Garten , » daß sie doch mal was anderes säh als das arme kranke Wurm « , und setzte sich selbst heran , auf einen Schemel oder eine Fußbank , und sang ihr » Buküken von Halberstadt « mit solcher Gewalt über die Wiege hin , daß es immer war , als ob sie dem Kinde was von ihrer eigenen Lebenskraft einsingen wollte . Und dabei ging die Wiege wie auf hoher See . Wenn dann aber ein neuer Anfall kam , so holte sie heiße Tücher vom Ofen oder aus der Küche her und legte sie auf den Leib des Kindes ; denn sie hatte ganz bestimmte Heilmittel und ging davon aus , daß es ein » Reißen « sei ; » Kinder hätten immer das Reißen , und sei kein Unterschied , ob in Kopf oder Zahn oder Ohr oder Leib « . Aber die heißen Tücher machten es nur schlimmer , und die heftigen Anfälle minderten sich erst , als Grissel eines Tages mit dem alten Melcher Harms gesprochen und dieser ihr gesagt hatte : sie solle die heißen Tücher lassen und statt ihrer einen Doppel-Spezies oder einen großen Mansfelder Taler auf die Herzgrube des Kindes legen . Und wenn er da drei Vaterunser lang gelegen , dann solle sie den Spezies oder den Mansfelder wieder fortnehmen und einen neuen hinlegen . Denn das Kind brauche Kühle , nicht aber Hitze . Das half denn auch , wenigstens auf Wochen hin , und der alte Melcher Harms würde vielleicht noch weiter geholfen und jedenfalls der Mutter ein Trosteswort gesprochen haben , wenn er nur hätte ins Haus kommen und das Kind sehen dürfen . Aber das litt der Heidereiter nicht , und als Hilde sich ein Herz nahm und es bei sich bietender Gelegenheit in bestimmten Worten von ihm erzwingen wollte , wurd er rot und sah so bös aus wie früher , wenn ihm die Zornader schwoll . In allem anderen aber war er stiller geworden und weniger streng und ließ vieles hingehen , und nur gegen den Melcher Harms , wie Hilde mit jedem Tage mehr erfahren mußte , verblieb ihm ein Groll , der um so tiefer saß , als er sich mit dem mischte , was er sonst nicht kannte : mit Furcht . Er mutmaßte nämlich , daß der Alte damals , als er an seinem Bette gewacht , allerlei von dem , was das Fieber auszuplaudern pflegt , gehört haben müsse . Von diesem Verdachte konnt er nicht los , und eines Tages , bald nach der Hochzeit , wurd es ihm wie zur Gewißheit . An diesem Tage war Melcher Harms wie gewöhnlich des Weges gekommen , seinen Spitz neben sich und sein Strickzeug in der Hand , und die Kühe des Heidereiters , als sie das Läuten von fernher gehört , waren von selbst aus der offenen Stalltür getreten und hatten sich angeschlossen . Alles wie sonst . Und so war der Alte vorbeigezogen , mit einem Gruß gegen Hilde , die , blasser noch als gewöhnlich , an dem offenen Fenster gestanden hatte . Hinter dem Gehöft aber war er nicht nach rechts hin auf die Berglehne hinaufgebogen , sondern hatte , weil die Sieben-Morgen schon abgeweidet waren , alles weiter talaufwärts , auf Diegels Mühle zu , getrieben . Überall stand Unterholz , und der schmale verwachsene Weg hielt ihm von beiden Seiten her die Herde zusammen . Und so war er bis dicht an den Fuß von Ellernklipp herangekommen und hatte schon das Elsbruch oder doch die Vorläufer davon zu seiner Rechten , als sein Spitz , ein altes abgerissenes Stück Zeug zwischen den Zähnen , aus dem Gebüsch herauskam und es zu Füßen seines Herrn niederlegte . Der bückte sich , und weil er sparsam sein gelernt hatte , nahm er ' s auf und tat es in seine Ledertasche . Und siehe , es traf sich , daß er auf der Stelle fast einen Nutzen daraus ziehen sollte . Denn als sie wenige Minuten später aus dem Bruche wieder heraus waren und eben etwas lehnan an einem Plankenzaune vorbei wollten , wurde die vorderste von des Heidereiters Kühen in die Planken hineingedrängt und riß sich an einem rostigen alten Nagel das Fleisch dicht über dem Knöchel auf . Es blutete heftig , und Melcher , als er ' s sah , legte den Leinenlappen , den ihm sein Spitz aufgestöbert hatte , sorglich um die Wunde herum . So verging der Tag . Als aber Joost am Abend in der Stalltür stand und beim Anblick der rückkehrenden Herde gewahr wurde , daß die Braune , die die beste Milchkuh war , lahm ging und bei jedem Schritt einknickte , rief er den Heidereiter , daß er käme und sähe , was es sei . Der kam denn auch und wickelte zunächst den Verbandlappen wieder ab . Als er ihn aber in Händen hielt und sah , daß es das Stück Sacktuch war , das er damals abgerissen und um den Spatenstock gewickelt hatte , kam ihm ein Schwindel , und er fiel ohnmächtig an der Stalltür nieder . Und in der Nacht sprach er wieder irr , und alle glaubten , daß er einen Rückfall in die schwere Krankheit haben werde . Doch er überwand es , und eine Woche später ging er wieder in den Wald und hatte seinen Mut und seine Farbe wieder ; nur dem Melcher Harms wich er aus , weil es bei ihm feststand , er hab es ihm zeigen wollen . Darin aber ging er fehl . Alles war Zufall gewesen ( wenn es einen Zufall gibt ) , und nur in dem einen traf er ' s , daß der Alte , sowenig er einen bestimmten Beweis in Händen hatte , vor sich selber fest überzeugt war : der Heidereiter wisse nicht bloß um Martins Tod , sondern sei schuld daran . Unter allen Umständen aber war es von dem Tag an , daß Baltzer Bocholt erklärt hatte , den Melcher Harms in seinem Hause nicht mehr sehen zu wollen . Ja , sein Groll war weitergegangen und hatte von Hilde gefordert , daß sie die Freundschaft mit ihm fallenlasse . Das passe sich nicht für sie . Die Gräfin oben , die dürfe das . Aber eines Heidereiters Frau , die müsse sich in ihrem Stand halten und dürfe nicht Freundschaft haben mit einem Schäfer . Und Hilde widersprach nicht und unterwarf sich in allem . Als aber das Kind kam und kränkelte , da schickte sie doch die Grissel heimlich hinauf und ließ fragen , und als es immer schlimmer ward und auch der Spezies und der große Mansfelder Taler auf der Herzgrube nicht mehr helfen wollten , da faßte sie sich ein Herz und stieg selber hinauf auf die Sieben-Morgen und brachte dem Alten oben das Kind , daß er sähe , was es sei . Und er legte sein Ohr an die Brust des Kindes und behorchte den Atem und wie das Herz ging . Und dann gab er es ihr zurück und sagte : » Ja , Hilde , das Kind ist krank . « » Ach , was ist es ? Ihr seid so klug , Melcher Harms . Macht es mir wieder gesund . Ihr kennt alle Kräuter und habt so viele Mittel und Sprüche . Helft ihm doch . Seht , es ist mein ein und alles . Und wenn es stirbt , so hab ich nichts mehr . Denn ich werde kein anderes haben . Und ich will auch kein anderes ; nein , nein ! Ach , weiß es Gott , ich habe mir auch dieses nicht gewünscht . Aber nun ist es da und sieht mich immer so still und so traurig an , und nun möcht ich doch , es bliebe mir . Und ist mir mehr wert als die ganze Welt . Und mir ist , als lebt ich nur noch , daß ich ihm mit Tränen und Küssen den Blick fortschaffe . Ja , das möcht ich , Melcher Harms . Und daß es mal lächelt und ohne Klag und Vorwurf . Und ist mir gleich , ob Ihr ihm Kräuter gebt oder ob Ihr es besprecht . Ich will nur , daß es lebt und nicht mehr so traurig sieht . « Er hatte der jungen Frau Hand genommen und sagte : » Was ich wußte , Hilde , das hab ich gesagt . Und da hilft kein Kraut , von dem ich weiß . « » Ach , so betet es gesund . « Er schüttelte den Kopf . » Du bist noch jung . Wer aber alt ist , der weiß , mit dem Beten ist es ein eigen Ding und ist nicht wohlgetan , es eigensinnig von Gott abringen zu wollen . Er willfahrt uns , denn das Gebet ist mächtig mitunter , aber er tut es widerwillig , und ich habe noch keinen Segen davon gesehen . Und darum mag ich ' s nicht . Und ist was Gewaltsames dabei . Nein , Hilde , laß es . Aber irdisch Wissen und irdische Mittel , die sind erlaubt , und so rat ich dir , versuch es mit dem alten Schliephake drüben und fahr hinüber nach Ilseburg . Der ist klug und hat deinen Mann aus der großen Krankheit wieder aufgebracht . Und wenn wer helfen kann , so wird der helfen . Aber du mußt dich eilen und deinem Mann nicht sagen , daß ich dir ' s geraten habe , sonst sagt er nein . Denn er mißtraut mir und glaubt , daß ich Übles gegen ihn im Schilde führe . Darum nenn ihm meinen Namen nicht ... Du bist ja ' ne Frau und wirst dir zu helfen wissen . « Und sie versprach es lächelnd und ging . Und der Alte sah ihr nach . Aber es war die Hilde nicht mehr , die , die Butt auf dem Kopf und die rechte Hand in die Seite gestemmt , auf die Sieben-Morgen hinaufgestiegen war . Elend war sie , elend und lebensmüde wie das Kind , das sie weinend an ihrem Busen barg . 16. Kapitel . Eine Fahrt nach Ilseburg Sechzehntes Kapitel Eine Fahrt nach Ilseburg Hilde tat nach des alten Melchers Rat , und es vergingen nicht drei Tage , so hielt der kleine Jagdwagen vor der Treppe des Hauses , und Hilde stieg auf und ließ sich das Kind reichen , das heute das Köpfchen fast verdrießlich in die Kissen barg . Es war , als ob es wisse , was ihm diese Fahrt bedeute . Zuletzt erschien auch der Heidereiter , schwang sich über das Rad weg auf den Vordersitz hinauf und nahm die Leinen aus Joosts Hand , der schon vorher das Büchsgewehr in den anderen Eckplatz gestellt hatte . Denn in Ilseburg war Freischießen , und Baltzer , der seit Jahr und Tag nicht hinübergekommen war , wollte mal wieder mit dabeisein . Und nun zogen die Pferde an , und Grissel , die dem Fuhrwerke nachsah , sagte zu Joost : » Oll Schliephake ... Klook is he ... Awers wat helpt et ? He wahrd ook nich veel ut em moaken . « » Worüm sall he nich ? « » Wiel uns ' Lütt utgeiht as ' n Licht ... Un weetst , wat ick disse Nacht siehn heww ? « » Nei . Wohier sall ick ? « antwortete Joost . » ' n Sarch wier et ... Un stunn upp unsen Floor . « » Un wihr leeg in ? « » lck künn et nich recht siehn . Een witt Doog leeg dröver , un ick glöw , et wihr de Lütt ... Un denn wihr et ook wedder so grot . « » Se seggen joa , dat bedüt ümmer wat Goods . « » Joa , vör twelven . « Und während sie so sprachen , fuhr der Wagen durchs Dorf und alsbald an einer hohen , etwas zurücktretenden Berglehne hin , über deren Tannenwald ein bläulicher Nebel lag . Aber zur anderen Seite der Straße dehnte sich alles in klarer Luft : Brachund Stoppelfelder und dazwischen ein paar verspätete Haferstreifen . Und wo das Feld inmitten des Flachlandes leise wieder anstieg , standen ein paar Burgtrümmer und Schindeltürme . Die Bocholtschen Eheleute sprachen