besonders Vergnügen empfand , theils weil sie witzig und originell war , und theils , weil sich gut mit ihr umgehen ließ . Einige Jahre älter als ich , wußte sie mehr den der Welt und konnte mir viele Dinge sagen , die ich gern hörte . Bei ihr fand meine Neugierde Befriedigung ; auch gegen meine Fehler war sie nachsichtig und suchte mich nie zu zügeln oder zu lenken , wenn ich etwas sagte . Sie hatte Anlage zur Erzählung , ich zur Prüfung ; sie belehrte gern und ich fragte gern ; so lebten wir mit einander und fanden viel Unterhaltung an unserm gegenseitigen Umgange , wenn wir auch nicht sehr dadurch gebessert wurden . Und wo war inzwischen Helene Burns ? Warum brachte ich diese lieblichen Tage der Freiheit nicht mit ihr zu ? Hatte ich sie vergessen ? Oder war ich so werthlos , um ihrer reinen Gesellschaft überdrüßig zu werden ? Gewiß stand Maria Anna Wilson meiner ersten Bekannten nach : sie konnte mir nur unterhaltende Geschichten erzählen und mein unbedeutendes Geplauder erwidern , während , wenn ich von Helene die Wahrheit gesprochen habe , sie befähigt war , denen , welche sich des Vorrechtes ihrer Unterhaltung erfreuten , einen Geschmack an höhern Dingen zu gewähren . Es ist wahr , Leser , auch wußte und fühlte ich dies ; und obgleich ich ein mangelhaftes Geschöpf bin , mit vielen Fehlern und wenigen aussöhnenden Eigenschaften , so wurde ich doch der Gesellschaft Helenens niemals müde , und hörte nie auf , ein so mächtiges , zärtliches und respectvolles Gefühl für sie zu hegen , wie nur je eins mein Herz belebte . Wie konnte es auch anders sein , da Helene zu allen Zeiten und unter allen Umständen für mich eine ruhige und getreue Freundschaft zeigte , die nie durch üble Laune verbittert oder durch Reizbarkeit getrübt wurde ? Aber Helene war jetzt krank , schon seit einigen Wochen war sie mir aus dem Gesichte gekommen , und ich wußte nicht , in welchem Zimmer sie sich befand . Man sagte mir , sie sei nicht in dem zum Hospitale eingerichteten Theile des Hauses bei den Fieberkranken , denn sie leide an der Auszehrung und nicht am Typhus ; und unter Auszehrung verstand ich in meiner Unwissenheit etwas Mildes , was durch Zeit und Sorgfalt , gewiß wieder aufgehoben werden würde . Ich wurde in dieser Ansicht durch den Umstand bestärkt , daß sie einigemal an sehr warmen und sonnigen Nachmittagen herunterkam und von Miß Temple im Garten umhergeführt wurde . Aber bei diesen Gelegenheiten wurde es mir nicht gestattet , zu ihr zu gehen und mit ihr zu reden , ich sah nur ihre Gestalt aus dem Schulfenster und noch nicht einmal deutlich , denn sie war eingehüllt und saß in einiger Entfernung unter dem bedeckten Gange . Eines Abends zu Anfang des Junius war ich mit Maria Anna sehr spät im Walde geblieben : wir hatten uns , wie gewöhnlich , von den Andern getrennt und waren weit umhergewandert , so daß wir uns verirrt hatten und in einer einsamen Hütte , wo ein Mann und eine Frau wohnten , die eine halbwilde Schweineherde hüteten , die im Walde auf die Mast ging , nach dem Wege fragen mußten . A1s wir zurückkehrten , war der Mond schon aufgegangen und es stand ein Pferd an der Gartenthür , welches wir als das des Arztes erkannten . Maria Anna sprach die Vermuthung aus , es müsse Jemand sehr krank sein , da man Herrn Bates noch so spät habe rufen lassen . Sie ging ins Haus und ich blieb noch einige Minuten zurück , um eine Handvoll Wurzeln in meinen Garten zu pflanzen , die ich im Walde ausgegraben , und von denen ich fürchtete , daß sie bis zum Morgen verwelken möchten , wenn ich sie nicht schon jetzt in die Erde setzte . Als dies geschehen war , verweilte ich noch ein wenig länger : die Blumen dufteten so lieblich , als der Thau fiel : es war ein so angenehmer , heiterer und warmer Abend ; der noch glühende Westen verhieß einen schönen Morgen : der Mond erhob sich mit solcher Majestät im dunklen Osten . Ich beobachtete diese Dinge und erfreute mich ihrer , wie ein Kind es kann , als mir , wie oft zuvor , der Gedanke einfiel : " Wie traurig , jetzt auf dem Krankenlager zu liegen , in Gefahr und dem Tode nahe zu sein ! Diese Welt ist angenehm -- es muß schrecklich sein , von ihr abgerufen zu werden und gehen zu müssen , wer weiß wohin ? " Und dann machte mein Geist seine erste ernste Anstrengung , zu begreifen , was man mir von Himmel und Hölle gesagt hatte ; und zum ersten Male wich er nach einer vergeblichen Bemühung zurück , und zum ersten Male blickte er hinter sich , zu jeder Seite hin und vor sich , und Alles erschien ihm wie ein unergründlicher Schlund : er fühlte den einzigen Punkt , wo er stand -- die Gegenwart ; alles Uebrige war eine formlose Wolke und eine leere Tiefe , und er schauderte bei dem Gedanken , in dieses Chaos hinabzustürzen . Während ich diese neue Idee erwog , hörte ich die Vorderthür aufgehen ; Herr Bates kam von einer Wärterin begleitet heraus . Als sie ihn das Pferd besteigen und fortreiten sah , war sie im Begriff , die Thür zu schließen , doch ich lief zu ihr hin . " Wie geht es mit Helene Burns ? " " Sehr schlecht , " war die Antwort . " Ist Herr Bates um ihretwillen gekommen ? " " Ja . " " Und was sagt er von ihr ? " " Er sagt , sie werde nicht lange mehr hier sein . " Wäre dieser Ausspruch gestern gethan worden , so würde ich nur verstanden haben , man werde sie in ihre Heimath nach Northumberland bringen . Ich würde nicht vermuthet haben , daß es heißen solle , sie werde sterben ; aber jetzt wußte ich es augenblicklich : es war mir klar , daß Helene Burns ihre letzten Tage in dieser Welt zähle , und daß sie im Begriff sei , in die Region der Geister aufgenommen zu werden , wenn es eine solche Region gäbe . Ich empfand ein lebhaftes Entsetzen , dann einen tiefen Schmerz dann den Wunsch -- die Nothwendigkeit , sie zu sehen , und fragte , in welchem Zimmer sie liege . " Sie ist in Miß Temple ' s Zimmer , " sagte die Wärterin . " Darf ich zu ihr gehen und mit ihr reden ? " " O nein , Kind ! es ist nicht passend ; und jetzt ist es auch Zeit , daß Du herein kommst : Du wirst das Fieber bekommen , wenn Du draußen bleibst , während der Thau fällt . Die Wärterin machte die Vorderthür zu ; ich ging durch die Seitenthür herein , die zu dem Schulzimmer führe : ich kam gerade zur rechten Zeit , denn es war neun Uhr , und Miß Miller rief die Schülerinnen herbei , um zu Bette zu gehen . Es mochte etwa zwei Stunden später sein , wahrscheinlich gegen elf Uhr , als ich -- nicht im Stande einzuschlafen , und aus der vollkommenen Stille , die in dem Schlafsaale herrschte , schließend , daß alle meine Gefährtinnen im tiefen Schlummer lagen -- leise aufstand , meine Kleid über mein Nachtgewand anzog , ohne Schuhe aus dem Zimmer schlich und Miß Temple ' s Gemach aussuchte . Es befand sich ganz am andern Ende des Hauses ; aber ich wußte den Weg , und das Licht des unbewölkten Mondes , welches hier und da durch die Fenster des Ganges hereindrang , setzte mich in den Stand , es ohne Schwierigkeit zu finden . Ein Geruch von Kampfer und verbrannten Weinessig warnte mich , als ich in die Nähe des Fieberzimmers kam , und ich ging rasch an der Thür vorüber , denn ich fürchtete , die Wärterin , die die ganze Nacht dort wachte , möchte mich hören . Ich fürchtete zurückgeschickt zu werden , denn ich mußte Helene sehen -- Ich mußte sie umarmen ehe sie starb -- ich mußte ihr noch einen letzten Kuß geben und noch ein letztes Wort mit ihr wechseln . Als ich die Treppe hinuntergestiegen , durch einen Theil des untern Hauses gegangen war , und zwei Thüren ohne Geräusch geöffnet und geschlossen hatte , erreichte ich eine neue Treppe . Diese stieg ich hinauf und gerade vor mir befand sich Miß Temple ' s Zimmer . Ein Licht schien durch das Schlüsselloch und die Spalte unter der Thür : riefe Stille herrschte . Als ich in die Nähe kam , fand ich die Thür nur angelehnt , wahrscheinlich um ein wenig frische Luft in das Krankenzimmer einzulassen . Nicht zum Zaubern geneigt und voll ungeduldiger Regungen , öffnete ich sie und blickte hinein . Mein Auge suchte Helene und fürchtete , sie todt zu finden . Dicht neben Miß Temple ' s Bette und von den weißen Vorhängen desselben halb bedeckt , stand ein kleineres Bett . Ich sah die Umrisse einer Gestalt unter der Bettdecke , aber das Gesicht war hinter den Vorhängen verborgen . Die Wärterin , mit der ich im Garten gesprochen , saß schlafend in einem Lehnstuhle und ein ungeputztes Licht brannte trübe auf dem Tische . Miß Temple war nicht zu sehen , und ich erfuhr später , daß sie zu einer Fieberkranken gegangen war . Ich trat näher , blieb an der Seite des kleinen Bettes stehen , meine Hand faßte den Vorhang , aber ich wollte lieber erst reden sehe ich ihn entfernte . Ich fürchtete immer , eine Leiche zu sehen . " Helene ! " flüsterte ich leise , " wachst Du ? " Sie regte sich , schob selber den Vorhang zurück , und ich sah ihr bleiches und abgefallenes , aber völlig gefaßtes Gesicht ; sie sah so wenig verändert aus , daß meine Furcht sogleich verschwand . " Ei , bist Du es , Johanna ? fragte sie mit ihrer eigenthümlich sanften Stimme . " O ! " dachte ich , " sie wird nicht sterben : man irrt . sie könnte nicht so ruhig reden und aussehen , wenn es der Fall wäre . " Ich neigte mich über ihr Bett und küßte sie : ihre Stirn war kalt und ihre hohle Wange ebenfalls , so wie auch ihre Hand und ihr Handgelenk ; aber sie lächelte , wie immer . " Warum bist Du hierher gekommen , Johanna ? Es ist elf Uhr vorbei ; ich hörte es vor einigen Minuten schlagen . " " Ich komme , um Dich zu sehen , Helene : ich horte , Du wären sehr krank , und konnte nicht schlaffen , bis ich mit Dir gesprochen . " " Du kamst also , um Abschied von mir zu nehmen : Du kommst wahrscheinlich gerade zur rechten Zeit . " " Wohin gehst denn , Helene ? Gehst Du in Deine Heimath ? " " Ja , in meine ewige - meine letzte Heimath . " " Nein , nein , Helene -- " Ich hielt vor Schmerz inne . Während ich meine Thränen zu verschlucken suchte , wurde Helene von einem herzigen Anfall von Huften ergriffen , doch erwachte sie die Wärterin nicht davon ; als der Husten vorüber war , lag sie einige Minuten erschöpft da und flüsterte mir dann zu : " Johanna , Deine kleinen Füße sind bloß ; lege Dich nieder und decke Dich mit meiner Decke zu . " Ich that es : sie legte ihren Arm über mich und ich nistelte mich dicht bei ihr ein . Nach langem Schweigen fuhr sie , noch immer flüsternd , fort : " Ich bin sehr glücklich , Johanna : und wenn Du hörst , daß ich todt bin , so mußt Du ruhig sein und Dich nicht betrüben : es ist keine Ursache zur Betrübniß . Wir Alle müssen einst sterben , und die Krankheit , die mich hinwegnimmt , ist nicht schmerzlich ; sie geht sanft und stufenweise vor sich ; mein Gemüth ist ruhig . Ich lasse Niemand zurück , der mir sehr bedauern wird ; Ich habe nur einen Vater , der sich kürzlich wieder verheirathet hat , und mich nicht vermissen wird . Dadurch , daß ich jung sterbe , werde ich großem Leiden entgehen . Ich besaß keine Fähigkeiten oder Talente , um mein Glück in der Welt zu machen ; ich wäre beständig im Nachtheil gewesen . " " Aber wohin gehst Du , Helene ? Siehst Du es ? Weißt Du es ? " " Ich glaube und hege das feste Vertrauen , daß ich zu Gott gehe . " " Wo ist Gott ? Was ist Gott ? " " Mein und Dein Schöpfer , der nimmermehr zerstören wird , was er geschaffen hat . Ich verlasse mich unbedingt auf seine Macht und vertraue völlig seiner Güte : ich zähle die Stunden bis zu jenem verhängnißvollen Augenblick , der mich ihm wiedergeben und mir ihn offenbaren wird . " " Bist Du denn gewiß , Helene , daß es einem solchen Ort gibt , wie der Himmel , und daß unsere Seelen hineinkommen können , wenn wir sterben ? " " Ich bin gewiß , daß es einen künftigen Zustand gibt : ich glaube , Gott ist gut , und ich kann ihm meinen unsterblichen Theil ohne Furcht übergeben . Gott ist mein Vater ; Gott ist mein Freund : ich liebe ihn , und glaube , daß er mich liebt . " " Und wenn ich Dich wiedersehen , Helene , wenn ich sterbe ? " " Du wirst in dieselbe Region des Glückes kommen , und von demselben mächtigen und allgemeinen Vater aufgenommen werden , zweifle nicht , liebe Johanna . " Ich fragte wieder , aber diesmal nur in meinen eigenen Gedanken : " Wo ist jene Region ? Existirt sie wirklich ? Und ich schloß Helene fester in meine Arme . sie schien mir theurer als je ; es war mir , als ob ich sie nicht loslassen könne , und ich lag da und verbarg mein Gesicht an ihrem Halse . Plötzlich sagte sie im lieblichsten Tone : " Wie angenehm ist mir zu Muthe ! Dieser letzte Husten hat mich ein wenig ermüdet und es ist mir , als könne ich schlafen . Aber verlaß mich nicht . Johanna : ich habe Dich gern bei mir . " " Ich will bei Dir bleiben , liebe Helene . Niemand soll mich von Dir wegbringen . " " Bist Du warm , mein Liebling ? " " Ja . " " Gute Nacht , Johanna . " " Gute Nacht , Helene . " Sie küßte mich , ich küßte sie , und wir schliefen bald ein . Als ich erwachte , war es Tag : eine ungewöhnliche Bewegung erweckte mich ; ich blickte auf ; ich lag in Jemandes Armen ; die Wärterin trug mich durch den Gang in den Schlafsaal zurück . Ich wurde nicht gescholten , weil ich mein Bett verlassen . Man hatte etwas Anderes zu bedenken und gab keine Antwort auf meine vielfachen Fragen , aber einen oder zwei Tage später erfuhr ich , daß Miß Temple , als sie am Morgen in ihr Zimmer zurückgekehrt , mich in dem kleinen Bette , mein Gesicht an Helenens Schulter , meine Arme um ihren Hals geschlungen , gefunden . Ich schlief und Helene war -- todt . Ihr Grab befindet sich auf dem Kirchhofe zu Brocklebridge : fünfzehn Jahre lang nach ihrem Tode war es nur mit einem Rasenhügel bedeckt ; jetzt aber bezeichnet eine graue Marmorplatte mit ihrem Namen und dem Worte " Auferstehen " die Stelle . Zehntes Kapitel Bisher habe ich die einzelnen Umstände meines unbedeutenden Daseins ausführlich erzählt , und den zehn ersten Jahren meines Lebens fast eben so viel Kapitel gewidmet . Aber dies soll keine regelmäßige Selbstbiographie sein : ich bin nur verbunden , das Gedächtniß anzurufen , wo ich weiß , daß seine Antworten irgend von Interesse sein werden : daher übergehe ich jetzt einen Zeitraum von acht Jahren fast mit Schweigen , denn wenige Zeilen sind nur nöthig , die Verbindungsglieder zu bilden . Als das Typhusfieber seine Aufgabe der Verwüstung in Lowood erfüllt hatte , verschwand es fast gänzlich von dort doch nicht eher , als bis die Wuth der Krankheit und die Anzahl der Opfer die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Schule gerichtet hatte . Es wurden Nachforschungen nach dem Ursprunge der Seuche angestellt , und nach und nach kamen verschiedene Thatsachen zum Vorschein , die den allgemeinen Unwillen im höchsten Grade erregten . Die ungesunde Lage des Ortes ; die Quantität und Beschaffenheit der Speisen der Kinder ; das schlechte Wasser , welches bei der Bereitung derselben angewendet wurde ; die elende Kleidung und Wohnung der Zöglinge : dies Alles wurde entdeckt , und die Entdeckung brachte einen kränkenden Erfolg für Herrn Brocklehurst , aber einen wohlthätigen für die Stiftung hervor . Mehrere reiche und wohlwollende Personen in der Grafschaft subscribirten reichlich für die Errichtung eines bequemeren Gebäudes in einer besseren Lage ; es wurde ein neues Reglement entworfen , Verbesserungen in den Speisen und in der Kleidung eingeführt und die Fonds der Schule einem Comité zur Verwaltung anvertraut . Herr Brocklehurst , der seines Reichtthums und seiner Familienverbindungen wegen nicht übergangen werden konnte , behielt seinen Posten als Schatzmeister : aber er wurde in der Ausübung seiner Pflichten von Männern unterstützt , die nicht so engherzig waren und gefühlvolle Seelen hatten : auch sein Amt als Inspector theilte er mit denen , welche Vernunft mit Strenge , Bequemlichkeit mit Sparsamkeit , Mitgefühl mit Aufrichtigkeit zu vereinen wußten . Die so verbesserte Schule wurde zu ihrer Zeit eine wahrhaft nützliche und edle Anstalt . Ich blieb nach ihrer Erneuerung noch acht Jahre innerhalb dieser Mauern : sechs Jahre als Schülerin und zwei als Lehrerin ; und in beider Hinsicht muß ich mein Zeugniß von dem Werthe und der Vortrefflichkeit derselben ablegen . Während dieser acht Jahre war mein Leben zwar einförmig aber nicht unglücklich , denn es war nicht unthätig . Die Mittel einer vortrefflichen Erziehung waren in meinem Bereiche , die Neigung zu einigen meiner Studien , und der Wunsch , mich in andern auszuzeichnen nebst dem lebhaften Verlangen , meinen Lehrerinnen zu gefallen , besonders denen , die ich liebte , trieb mich an , und ich benutzte vollkommen die mir gebotenen Vortheile . In nicht langer Zeit wurde ich die Erste der ersten Klasse und dann übertrug man mir das Amt einer Lehrerin , welches ich zwei Jahre lang mit Eifer verwaltete . Nach Verlauf dieser Zeit trat ich in eine and ehe Laufbahn ein . Bei allen Veränderungen war Miß Temple Vorsteherin der Anstalt geblieben : ihrer Belehrung verdanke ich den größten Theil meiner erworbenen Fähigkeiten ; ihre Freundschaft und ihre Gesellschaft waren mein beständiger Trost , sie vertrat bei mir die Stelle der Mutter , so wie der Erzieherin , und endlich wurde sie meine Freundin . Um diese Zeit verheirathete sie sich und zog mit ihrem Manne -- einem Geistlichen , einem vortrefflichen Manne , und fast einer solchen Gattin würdig -- in eine entfernte Grafschaft und war folglich für mich verloren . Von dem Tage an , als sie uns verlies , war ich nicht mehr dieselbe -- mit ihr war jedes gewohnte Gefüh1 , jede Erinnerung , die Lowood gewissermaßen zu meiner Heimath machte , dahingeschwunden . Ich hatte etwas von ihrer Natur und viel von ihren Gewohnheiten eingesogen , harmonischere Gedanken , besser geordnete Gefühle waren die Bewohner meines Geistes geworden . Ich hatte mich der Pflicht und Ordnung geweiht ; ich war ruhig , ich glaubte zufrieden zu sein : für die Augen Anderer und gewöhnlich auch für meine eigenen erschien ich als ein wohldisciplinirter und gemäßigter Charakter . Aber das Schicksal in Gestalt des hochehrwürdiger Herrn Nasmyth trat zwischen mich und Miß Temple . Ich sah sie in ihrem Reiseanzuge , kurz nach der Trauung in eine Postchaise steigen , ich sah den Wagen den Hügel hinauffahren und hinter demselben verschwinden ; zog mich dann auf mein Zimmer zurück und brachte dort den größten Theil des halben Feiertages , den man dieser Gelegenheit zu Ehren gewährt , in Einsamkeit zu . Ich ging den größten Theil der Zeit in dem Zimmer auf und ab . Ich bildete mir ein , ich bedaure nur mein Loos und denke darauf , es zu verbessern ; als aber meine Betrachtungen geschlossen waren , und ich aufblickte und fand , daß der Nachmittag vorübergegangen sei un der Abend heranrücke , da dämmerte eine andere Entdeckung in mir auf : nämlich daß in der Zwischenzeit ein umwandelnder Prozeß in mir vorgegangen , daß mein Geist Alles abgelegt was er von Miß Temple geborgt oder vielmehr , daß sie die heitere Atmosphäre mitgenommen , die ich in ihrer Nähe geathmet -- und daß ich jetzt in meinem natürlichen Elemente zurückgeblieben war und die früheren aufregenden Empfindungen wieder zu fühlen begann . Es war nicht , als ob eine Stütze weggenommen werde , sondern vielmehr als ob ein Antrieb verschwunden sei : es war nicht die Macht , ruhig zu sein , die mir fehlte , aber die Veranlassung zur Ruhe war nicht mehr da . Seit einigen Jahren war meine Welt in Lowood gewesen : meine Erfahrung hatte sich auf die Regeln und Systeme der Anstalt beschränkt : jetzt erinnerte ich mich daß die wirkliche Welt groß sei , und daß ein wechselndes Feld von Hoffnungen und Befürchtungen , von Empfindungen und Aufregungen derjenigen warte , die Muth haben den weiten Raum zu betreten , um wahre Kenntnisse des Lebens unter seinen Gefahren zu suchen . Ich trat an mein Fenster , öffnete es und blickte hinaus . Da waren die beiden Flügel des Gebäudes : da war der Garten und die Umgebung von Lowood ; da war der von Hügeln begrenzte Horizont . Mein Auge schweifte über all : andern Gegenstände hinweg , um auf jenen entferntesten blauen Spitzen zu ruhen : diese wünschte ich zu übersteigen -- Alles innerhalb der Umgrenzung der Felsen und der Haide schien mir ein Gefängniß und ein Verbannungsort . Ich folgte dem weißen Wege , der sich um den Fuß eines Berges zog , und in einer Schlucht zwischen zweien verschwand . Es verlangte mich , ihn weiter zu verfolgen ! Ich erinnerte mich der Zeit , wo ich im Omnibus auf diesem Wege gefahren war : ich erinnerte mich , wie ich in der Dämmerung den Hügel hinuntergefahren war : ein Menschenalter schien seit dem Tage vergangen zu sein , der mich zuerst nach Lowood gebracht hatte , und ich hatte es seitdem nicht verlassen . Meine Ferien wurden alle in der Anstalt zugebracht : Mistreß Reed hatte mich nie aus Gateshead abholen lassen : weder sie noch irgend ein Mitglied ihrer Familie hatte mich je besucht . Ich hatte keinen brieflichen oder mündlichen Verkehr mit der äußeren Welt gehabt : Schulordnungen , Schulpflichten , Schulgewohnheiten und Ansichten , Stimmen und Gesichter , Ausdrücke und Kostüme , Vorliebe und Widerwillen : dies war Alles , was ich von dem Dasein kannte . Und nun fühlte ich , daß es nicht genug war : ich wurde der Gewohnheit von acht Jahren in einem Nachmittag überdrüßig . Ich wünschte Freiheit , verlangte nach Freiheit , betete um Freiheit : doch schien mein Gebet von dem matt wehenden Winde verweht zu werden . Ich gab es auf und sprach eine demüthigere Bitte aus : um Veränderung , um neue Anregung , doch auch diese Bitte schien in dem weiten Raume zu verhalten . " Dann , " rief ich halb verzweiflungsvoll , " gewähre mir wenigstens eine neue Knechtschaft . " Die Glocke , die zum Abendessen läutete , rief mich die Treppe hinunter . Es war mir nicht möglich , den unterbrochenen Faden meines Nachdenkens wieder anzuknüpfen , als bis die Zeit des Schlafengehens kam , und auch da hielt mich eine Lehrerin , die mit mir dasselbe Zimmer bewohnte , durch einen langen Erguß unbedeutenden Geschwätzes von dem Gegenstande ab , zu dem ich zurückzukehren wünschte . Wie sehr verlangte es mich , daß der Schlummer sie zum Schweigen bringen möchte ! Es schien mir , wenn ich nur zu der Idee zurückkommen könne , die zuletzt meinen Geist beschäftigt hatte , da ich am Fenster gestanden , als hätte mir ein göttlicher Einfall zu Hülfe kommen müssen . Endlich schnarchte Miß Gryce . Sie war eine schwerfällige Waliserin , und bisher hatte ich ihre gewohnten Nasaltöne beständig nur als eine Belästigung betrachtet : heute Abend aber begrüßte ich die ersten tiefen Klänge mit Zufriedenheit ; ich war von Störung frei , und mein halb erloschener Gedanke belebte sich augenblicklich wieder . " Eine neue Knechtschaft ! Darin liegt etwas Vernünftiges , “ dachte ich bei mir selber , denn ich sprach nicht laut . " Ja , ich weiß es , denn das Wort klingt nicht lieblich ; es gleicht nicht solchen Ausdrücken wie Freiheit , Aufregung Wonne , welches freilich entzückende Klänge sind ; aber nicht mehr als Klänge für mich , und so hohl und verrauschend , daß es nur Zeit verschwenden heißt , auf sie zu hören . Aber Knechtschaft ! das muß etwas Wirkliches sein . Jetzt kann dienen : ich habe hier acht Jahre gedient : Alles , was ich wünsche , ist jetzt , anderswo zu dienen . Kann ich nicht so weit meinen eigenen Willen haben ? Läßt sich die Sache nicht leicht ausführen ? Ja -- ja -- der Zweck ist nicht sehr schwierig zu erreichen , wenn nur mein Gehirn thätig genug wäre , um die Mittel , es zu erreichen , ausfindig zu machen . Ich setzte mich aufrecht im Bette hin , um dies ermattete Gehirn aufzuregen : es war eine kalte Nacht ; ich bedeckte meine Schultern mit einem Shawl , und begann darauf wieder mit aller Macht nachzudenken . " Was bedarf ich ? Eine neue Stellung in einem neuen Hause , unter neuen Gesichtern und neuen Verhältnissen . So will dies , weil es unnütz wäre , etwas Besseres zu wollen ? Wie machen es die Leute , um eine neue Stelle zu bekommen ? Sie wenden sich vermuthlich an Freunde : ich habe aber keine Freunde . Es gibt viele Andere , die keine Freunde haben , und die müssen für sich selber sorgen und ihre eignen Helfer sein ; und welches ist ihr Auskunftsmittel ? " Ich konnte es nicht sagen : Nichts antwortete mir , und ich befahl dann meinem Gehirn , eine Antwort zu finden , und zwar schnell . Es arbeitete stärker und stärker : ich fühlte , wie die Pulse in meinem Kopfe und an meinen Schläfen schlugen ; aber beinahe eine Stunde lang war er von einem Chaos umgeben und erreichte kein Resultat . Und fieberhaft von der vergeblichen Anstrengung stand ich auf und ging im Zimmer auf und ab , zog die Vorhänge zurück und beobachtete einige Sterne . Da ich aber vor Kälte zitterte , so kroch ich wieder in mein Bett . Ohne Zweifel hatte eine gütige Fee in meiner Abwesenheit die geforderte Antwort auf mein Kissen niedersinken lassen : denn als ich mich niederlegte , fiel mir ganz ruhig und natürlich ein : " Wer eine Stelle sucht , macht es bekannt ; Du mußt es also im Herold der Grafschaft M. bekannt machen . " " Aber wie ? ich weiß nicht , wie man dabei zu Werke gehen muß . " Jetzt stellten sich sogleich bestimmte und geeignete Antworten ein : " Du mußt die Ankündigung und das Geld dafür einschließen und an den Herausgeber des Herold adressiren ; Du mußt es bei der ersten Gelegenheit zu Lowton auf die Post geben . Die Antworten sollen unter J. E. an das dortige Postamt adressirt werden ; Du kannst ja eine Woche später nach einem Briefe fragen , wenn einer kommen sollte , und darnach handeln . " Diesen Plan überlegte ich zwei bis drei Mal : dann war er in meinem Geiste gereift : ich hatte ihn meiner klaren und praktischen Gestalt , fühlte mich beruhigt und schlief ein . Mit Anbruch des Tages stand ich auf : ich schrieb meine Ankündigung , schloß sie ein und überschrieb sie , ehe die Glocke zum Aufstehen der Schülerinnen läutete ; sie lautete folgendermaßen : " Eine junge Dame , die im Unterrichten geübt ist , ( war ich nicht zwei Jahre Lehrerin gewesen ? ) wünscht eine Stellung in einem Privathause , wo die Kinder unter vierzehn Jahren sind ( ich dachte , da ich selber erst achtzehn wäre , so würde es nicht gut sein , die Leitung von Schülerinnen zu übernehmen , die mir an Alter näher ständen ) . Sie ist befähigt in den gewöhnlichen Gegenständen einer guten englischen Erziehung , so wie auch im Französischen , im Zeichnen und in der Musik zu unterrichten ( in jenen Tagen hielt man dies kurze Verzeichnis von Fähigkelten schon für ziemlich umfassend ) . Briefe unter J. E. werden von dem Postamte zu Lowton befördert . " Dieses Dokument blieb den ganzen Tag in meinem Schranke verschlossen : nach dem Thee hat ich die neue Vorsteherin , nach Lowton gehen zu dürfen , um einige kleine Geschäfte für mich und einige der anderen Lehrerinnen zu besorgen . Die Erlaubniß wurde mir bereitwillig ertheilt und ich ging . Es war ein Gang von zwei Meilen und das Wetter naß , aber die Tage waren noch lang : ich besuchte einige Läden , schob den Brief in den Briefkasten auf dem Posthause und kehrte in heftigem Regen mit durchnäßten