meiner bemächtigte , als Mrs. Reed mein wildes Flehen um Verzeihung verlachte und mich zum zweitenmal in das düstere , gespenstische Zimmer sperrte . Ich war zu Ende . Schweigend betrachtete Miß Temple mich einige Minuten ; dann sagte sie : » Ich habe von Mr. Lloyd gehört ; ich werde an ihn schreiben ; wenn seine Antwort mit deinen Angaben übereinstimmt , so sollst du öffentlich von jeder Anklage freigesprochen werden . Für mich , Jane , stehst du schon jetzt unschuldig da . « Sie küßte mich und behielt mich noch an ihrer Seite . Mir gewährte das Betrachten ihres Angesichts , ihres Kleides , ihrer wenigen prunklosen Schmuckgegenstände , ihrer weißen Stirn , ihrer dicken , glänzenden Locken und strahlenden schwarzen Augen ein kindliches Vergnügen . Zu Helen Burns gewandt , fuhr sie fort : » Wie geht es dir heute Abend , Helen ? Hast du während des ganzen Tages viel gehustet ? « » Nicht ganz so viel wie sonst , glaube ich . « » Und der Schmerz in deiner Brust ? « » Er ist nicht mehr so heftig . « Miß Temple erhob sich , nahm ihre Hand und prüfte den Puls . Dann kehrte sie auf ihren Sitz zurück ; ich hörte , wie sie leise seufzte . In Nachdenken versunken , verharrte sie einige Minuten ; dann erwachte sie gleichsam und sagte fröhlich : » Aber heute Abend seid ihr beide meine Gäste ; ich muß euch als solche bewirten . « Sie zog die Glocke . » Barbara , « sprach sie zu dem Mädchen , welches hierauf eintrat , » ich habe noch keinen Thee getrunken , bringe das Theebrett und bringe auch Tassen für diese beiden jungen Damen . « Bald wurde das Theebrett gebracht . Wie hübsch erschienen der glänzende Theetopf und die Porzellantassen meinen Augen , als sie auf dem kleinen Tisch neben dem Kamin standen ! Wie köstlich war das Aroma des heißen Getränks . Und nun erst der Duft der gerösteten Weißbrotschnitten ! Zu meinem Bedauern – denn der Hunger begann jetzt , sich bei mir fühlbar zu machen – sah ich nur eine kleine Portion davon auf dem Teller ; auch Miß Temple schien diese Entdeckung zu machen , » Barbara , « sagte sie , » könntest du mir nicht noch etwas Brot und Butter bringen ? Es ist nicht genug für drei . « Barbara ging hinaus . – Gleich darauf kam sie zurück . » Madame , Mrs. Harden sagt , sie habe die gewöhnliche Portion heraufgeschickt . « Ich muß bemerken , daß Mrs. Harden die Haushälterin war , eine Frau nach Mr. Brocklehursts Herzen , die aus gleichen Teilen Fischbein und Eisen zusammengesetzt war . » Schon gut , schon gut ! « entgegnete Miß Temple ; » dann muß es wohl für uns genug sein , Barbara . « Als das Mädchen fort war , fügte sie lächelnd hinzu : » Glücklicherweise liegt es in meiner Macht , dem Mangel dieses eine Mal noch abzuhelfen , « Nachdem sie Helen und mich aufgefordert hatte , uns an den Tisch zu setzen , und jeder von uns eine Tasse heißen Thee ' s und eine Scheibe köstlichen gerösteten Weißbrots gegeben hatte , erhob sie sich , öffnete eine Schieblade , nahm aus derselben ein in Papier gewickeltes Paket und enthüllte vor unseren Augen einen großen , prächtigen Krümelkuchen , » Ich hatte die Absicht , jeder von euch ein Stück hiervon mit auf den Weg zu geben , « sagte sie , » da man uns aber so wenig Toast bewilligt hat , sollt ihr es jetzt schon haben , « und sie begann mit großmütiger Hand , den Kuchen in Scheiben zu schneiden . Wir schmausten an diesem Abend wie von Nektar und Ambrosia ; und es war nicht die kleinste Freude dieses Festes , daß unsere Wirtin uns mit freundlich zufriedenem Lächeln zusah , wie wir unseren regen Appetit an den köstlichen Leckerbissen , welche sie uns vorsetzte , stillten . Als der Thee getrunken und der Tisch abgeräumt war , rief sie uns wieder an den Kamin ; wir setzten uns an jede Seite von ihr , und jetzt folgte ein Gespräch zwischen Helen und ihr , welchem lauschen zu dürfen allerdings eine Begünstigung war . Miß Temple hatte stets etwas von Seelenfrieden in ihrem Äußeren , von Hoheit in ihrer Miene , von geläutertem Anstand in ihrer Sprache , welches jede Abweichung in das Feurige , Erregte , Ungestüme ausschloß – ein Etwas , welches die Freude jener heiligte , welche ihr zuhörten , welche sie anblickten , und allen ein Gefühl der Ehrfurcht einflößte . In diesem Augenblick war es auch meine Empfindung : – was aber Helen Burns anbetraf , so überraschte sie mich aufs höchste . Das erfrischende Mahl , das wärmende Feuer , die Gegenwart ihrer geliebten Lehrerin oder vielleicht mehr als alles dieses etwas in ihrem eigenen seltenen Gemüt , hatte alle Kräfte und Gaben in ihr geweckt . Sie erwachten , sie entflammten ; zuerst glühten sie in den strahlenden Farben ihrer Wangen , welche ich bis zu dieser Stunde niemals anders als bleich und blutleer gekannt hatte ; dann strahlten sie in dem feuchten Glanz ihrer Augen , welche plötzlich eine Schönheit bekommen hatten , die noch eigentümlicher war , als jene Miß Temples – eine Schönheit , die weder in der schönen Farbe noch in den langen Wimpern oder den herrlich gezeichneten Augenbrauen lag , – sondern in dem Ausdruck , in der Bewegung , in dem Glanz . Jetzt trug sie das Herz auf der Zunge und die Sprache floß – aus welcher Quelle weiß ich nicht – denn hat ein vierzehnjähriges Mädchen ein Herz , das groß genug , stark und kräftig genug ist , um den brausenden Quell der reinen , vollen , feurigen Beredsamkeit fassen zu können ? Dies war die Eigenart von Helens Gesprächsweise an diesem mir unvergeßlichem Abende ; es war , als wolle ihr Geist sich beeilen , in einer kurzen Spanne Zeit ebenso voll und ganz zu leben , wie die meisten Menschen während eines langen Daseins . Sie sprachen über Dinge , von denen ich niemals gehört hatte ; von längst geschwundenen Zeiten und Nationen ; von fernen Ländern , von entdeckten oder nur geahnten Naturgeheimnissen – sie sprachen von Büchern . Wie viele sie gelesen hatten ! Welchen reichen Schatz von Kenntnissen sie besaßen ! Dann schienen sie so vertraut mit französischen Namen und französischen Schriftstellern ; aber mein Erstaunen stieg aufs höchste , als Miß Temple Helen fragte , ob sie zuweilen einen freien Augenblick erübrigen könne , um das Latein , welches ihr Vater sie gelehrt hatte , zu wiederholen ; dann nahm sie ein Buch von einem Bücherbrett und bat sie , eine Seite des Virgil zu lesen und zu übersetzen ; Helen gehorchte und mein Sinn für Verehrung und Hochachtung erweiterte sich , während ich lauschte . Kaum hatte sie geendet , als die Glocke ertönte , welche die Zeit des Schlafengehens verkündete ; wir durften nicht länger verweilen ; Miß Temple umarmte uns beide und sagte während sie uns an ihr Herz zog : » Gott segne euch , meine Kinder ! « Helen hielt sie ein wenig länger ans Herz gedrückt als mich ; sie ließ sie widerstrebender von sich ; Helen folgte ihr Auge bis an die Thür ; ihr galt der traurige Seufzer , welcher ihre Brust hob , ihr die Thräne , welche sie schnell zu trocknen bemüht war . Als wir das Schlafzimmer erreichten , hörten wir Miß Scatcherds Stimme ; sie sah nach , ob die Schiebladen in Ordnung waren ; gerade hatte sie jene von Helen Burns herausgezogen , und als wir eintraten , wurde Helen mit einem scharfen Verweise begrüßt und die Lehrerin kündigte ihr an , daß sie am folgenden Tage mit einem halben Dutzend unordentlicher Dinge an die Schulter geheftet umher gehen werde . » Meine Sachen befanden sich allerdings in einer empörenden Unordnung , « flüsterte Helen mir zu , » ich hatte die Absicht gehabt aufzuräumen , aber ich vergaß es . « Am nächsten Morgen schrieb Miß Scatcherd mit weithin sichtbaren Buchstaben auf ein Stück Pappe das Wort » Schlampe « und band es wie einen Denkzettel um Helens große , intelligente und milde Stirn . Geduldig und ohne Murren trug sie es bis zum Abend , es wie eine verdiente Strafe ansehend . Kaum hatte Miß Scatcherd sich nach den Nachmittags-Unterrichtsstunden zurückgezogen , als ich auf Helen losstürzte , es herabriß und es ins Feuer warf . Die Wut , deren sie nicht fähig war , hatte den ganzen Tag über in meiner Seele getobt , und große , heiße Thränen hatten fortwährend meine Wangen genetzt ; denn der Anblick ihrer traurigen Resignation gab mir einen unerträglichen Stich ins Herz . Ungefähr eine Woche nach den oben erwähnten Erzählungen erhielt Miß Temple , welche an Mr. Lloyd geschrieben hatte , dessen Antwort ; wie es schien , ergänzte das , was er sagte , meinen Bericht . Miß Temple rief die ganze Schule zusammen und verkündete , daß die Anklagen , welche gegen Jane Eyre erhoben , genau und sorgfältig untersucht worden , und daß sie glücklich sei , mich von jeder Schuld freisprechen zu können . Darauf schüttelten die Lehrerinnen mir die Hände und küßten mich , und ein Murmeln der Freude lief durch die Reihen meiner Gefährtinnen . Eine schwere Last war mir vom Herzen genommen ; und von dieser Stunde an begann ich von neuem ernstlich zu arbeiten ; ich war fest entschlossen , mir einen Weg über alle Schwierigkeiten hinfort zu bahnen ; ich mühte mich ab , und der Erfolg entsprach meinen Anstrengungen ; mein Gedächtnis , welches von Natur nicht sehr stark war , besserte sich durch stete Übung ; mein Verstand wurde durch die Arbeit geschärft ; nach einigen Wochen wurde ich in eine höhere Klasse versetzt ; in weniger als zwei Monaten gestattete man mir , mit dem Französischen und Zeichnen zu beginnen . Ich lernte die ersten beiden Zeiten des Verbums être und skizzierte meine erste Hütte – deren Mauern nebenbei gesagt in schräger Richtung den hängenden Turm von Pisa bei weitem übertrafen – an demselben Tage . Als ich an jenem Abend zu Bette ging , vergaß ich , in meiner Phantasie das Barmeciden-Souper von heißen Bratkartoffeln und Weißbrot und frischgemolkener Milch zu bereiten , mit dem ich sonst mein inneres Sehnen zu befriedigen pflegte ; statt dessen ergötzte ich mich an dem Anblick idealer Zeichnungen , welche ich im Dunkeln sah , alle das Werk meiner eigenen Hand : fein gezeichnete Häuser und Bäume , malerische Felsen und Ruinen , stattliche Viehherden , reizende Malereien von Schmetterlingen , welche halberschlossene Rosen umflogen ; Vögel , welche an reifen Kirschen pickten , Nester von Zaunkönigen , in denen perlgroße Eier lagen , während junge Epheuranken sie umwucherten . Im Gedanken ventilierte ich auch die Möglichkeit , ob ich jemals imstande sein würde , ein gewisses kleines französisches Geschichtenbuch , welches Madame Pierrot mir an jenem Tage gezeigt hatte , fließend übersetzen zu können ; – aber noch war dieses Problem nicht zu meiner Zufriedenheit gelöst , als ich sanft einschlief . Wie richtig hat Salomo gesagt : – » Besser ein Mahl von frischen Kräutern , wo die Liebe ist , als ein gemästeter Ochse , wo der Haß ist . « Jetzt hätte ich Lowood mit all seinen Entbehrungen nicht mehr gegen Gateshead-Hall mit seinem täglichen Luxus eingetauscht . Neuntes Kapitel . Aber der Entbehrungen oder vielmehr der Mühseligkeiten in Lowood wurden auch weniger . Der Frühling kam ´ – er war in der That schon gekommen ; die Winterfröste hatten aufgehört ; der Schnee war geschmolzen , die schneidenden Winde hatten nachgelassen . Meine armen Füße , welche die Lüfte des Januar geschunden und entzündet hatten , begannen zu heilen und unter den warmen Winden des April ihre alte Gestalt anzunehmen ; die Nächte und Morgen ließen mit ihrer kanadischen Temperatur nicht länger das Blut in unseren Adern erfrieren ; wir ertrugen es jetzt , die Spielstunde im Garten zuzubringen ; zuweilen an besonders sonnigen Tagen begann es schon angenehm und freundlich zu werden , ein zartes Grün begann die braunen Beete zu überziehen , täglich wurde es frischer und erweckte die Vorstellung , daß die Hoffnung während der Nacht über sie hinschreite und jeden Morgen schönere Spuren ihrer Schritte zurücklasse . Unter den Blättern blickten Blumen hervor : Schneeglöckchen , Krokus , dunkelrote Aurikeln und goldäugige Dreifaltigkeitsblumen . An Donnerstagnachmittagen – ein halber Ferialtag – machten wir jetzt lange Spaziergänge und fanden am Feldrain , unter den Hecken noch schönere Blumen . Ich entdeckte auch , daß ein großes Vergnügen , ein Genuß , welchem nur der Horizont eine Grenze setzte , außerhalb der hohen und mit eisernen Spitzen gekrönten Mauern unseres Gartens lag , – dieser Genuß bestand nämlich in der Aussicht , welche eine lange Reihe hochgipfeliger , grüner und schattiger Hügel bot – in einem klaren Bach voll dunkler Steine und funkelnder Wirbel und Strudel . Wie ganz anders hatte dieses Bild ausgesehen , als ich es in Frost erstarrt , in ein Leichentuch von Schnee gehüllt unter dem bleiernen Himmel des Winters gesehen ! Wenn todeskalte Nebel vom Ostwind gejagt über diese düsteren Gipfel hinzogen und über Wiesen und Anhöhen hinunterrollten , bis sie sich mit dem gefrorenen Nebel des Baches vereinigten ! Dieser Bach selbst war damals ein Strom , zügellos und tobend ; er durchriß den Wald und erfüllte die Luft mit tosendem Lärm und wildem Sprühregen ; und der Wald an seinen Ufern war nichts als eine Reihe von Gerippen . Aus dem April wurde Mai ; ein klarer , schöner Mai ; all seine Tage brachten blauen Himmel und milden Sonnenschein und leise westliche oder südliche Winde . Und jetzt reifte die Vegetation mit Macht ; Lowood schüttelte seine Locken ; es wurde grün und blütenreich ; seine großen Ulmen- und Eschen- und Eichen-Skelette wurden majestätischem Leben zurückgegeben . Waldpflanzen sprießten in allen Ecken und Winkeln ; zahllose Abarten von Moos füllten die Vertiefungen , und die wilden Schlüsselblumen bedeckten den Boden wie mit Sonnenstrahlen ; oft habe ich an schattigen Stellen ihren zarten , goldigen Glanz für hellen Sonnenschein gehalten . Und alles dies genoß ich oft und voll , frei , unbewacht und fast immer allein ; diese ungewohnte Freiheit , dieses Vergnügen hatte eine Ursache , von welcher zu reden jetzt meine Aufgabe sein muß . Habe ich die Lage meines Wohnsitzes nicht als eine reizende geschildert , wenn ich erzählte , daß dieser in Hügel und Wald gebettet liegt und sich am Rande eines Stromes erhebt ? Reizend in der That ; ob aber gesund oder nicht , das ist eine andere Frage . Jenes Waldthal , in welchem Lowood lag , war die Brutstätte von Nebeln und einer aus Nebel entstandenen Pestilenz ; diese wuchs mit dem Frühling , kroch in das Waisenasyl , hauchte den Typhus in die überfüllten Schlafsäle und Schulzimmer , und bevor der Mai gekommen , war die Erziehungsanstalt in ein Hospital umgewandelt . Durch Hunger und vernachlässigte Erkältungen war die Mehrzahl der Schülerinnen für die Ansteckung veranlagt ; von achtzig Mädchen wurden fünfundvierzig zu gleicher Zeit von der Krankheit ergriffen . Die Schulstunden hörten auf , alle Regeln blieben unbeachtet . Den Wenigen , welche gesund blieben , wurde eine fast unbeschränkte Freiheit gewährt , denn der Arzt bestand auf der Notwendigkeit häufiger Bewegung in freier Luft , um sie gesund zu erhalten ; und selbst wenn es anders gewesen wäre , so hatte niemand Zeit oder Lust , sie zu bewachen oder zurückzuhalten . Miß Temples ganze Aufmerksamkeit war von den Patientinnen in Anspruch genommen ; sie wohnte im Krankenzimmer ; niemals verließ sie es , mit Ausnahme von wenigen Stunden der Nacht , wo sie selbst die ihr so nötige Ruhe suchte . Die Lehrerinnen waren vollauf mit dem Packen oder anderen notwendigen Vorbereitungen für die Abreise jener Mädchen beschäftigt , welche glücklich genug waren , Freunde und Verwandte zu besitzen , die sie von dem Seuchenherd entfernten . Viele , welche den Keim der Ansteckung bereits in sich trugen , kehrten nur nach Hause zurück , um zu sterben ; einige starben in der Anstalt und wurden schnell und ruhig begraben , da die Natur der Krankheit keinen Aufschub duldete . Während so die entsetzliche Krankheit eine Bewohnerin von Lowood geworden war und der Tod sein häufiger Besucher ; während innerhalb seiner Mauern Furcht und Trauer herrschten ; während die Dünste eines Hospitals durch Zimmer und Korridore zogen , und Tränke und Pastillen umsonst versuchten , der Ausdünstung des Todes entgegen zu wirken , – leuchtete draußen der strahlende Mai über stolze Hügel und herrliches Waldland . Der Garten prangte im Blumenflor : Rosenpalmen waren so hoch wie Bäume in die Höhe geschossen ; Lilienkelche waren erschlossen , Tulpen und Rosen standen in Blüte ; die Ränder der kleinen Beete strahlten in ihrem Schmuck von rosa Seenelken und dunkelroten Tausendschönchen ; Morgen und Abend strömten die Heckenrosen ihren würzigen Duft aus – und diese blühenden Schätze waren jetzt für die meisten Bewohnerinnen von Lowood wertlos – nur zuweilen legte man ihnen eine Handvoll Blüten und Kräuter in den Sarg . Aber ich und die übrigen , welche gesund blieben , genossen in vollen Zügen die Schönheit des Frühlings und der Gegend ; man ließ uns wie Zigeuner im Walde umher streifen ; wir thaten von morgens bis abends nur , was uns gefiel , gingen wohin wir wollten – und führten überhaupt ein besseres Dasein als früher . Mr. Brocklehurst und seine Familie kamen Lowood jetzt gar nicht mehr zu nahe ; die Angelegenheiten der Haushaltung wurden nicht mehr geprüft ; die böse Haushälterin war fort ; die Furcht vor Ansteckung hatte sie fortgetrieben ; ihre Nachfolgerin , welche in der Armenapotheke in Lowton Vorsteherin gewesen war , kannte die Gebräuche ihres neuen Aufenthalts noch nicht und versorgte uns mit verhältnismäßiger Freigebigkeit . Außerdem waren unserer ja weniger , die da Nahrung verlangten ; die Kranken konnten wenig essen ; unsere Frühstücksschüsseln wurden besser gefüllt ; wenn sie keine Zeit hatte , ein regelrechtes Mittagessen herzurichten – ein Fall , der ziemlich häufig eintrat , – pflegte sie uns ein großes Stück kalter Pastete zu geben oder eine große Schnitte Brot und Käse , und diesen Proviant nahmen wir dann mit uns in den Wald hinaus , wo jede von uns ihr Lieblingsplätzchen aussuchte und ein königliches Mahl hielt . Mein Lieblingssitz war ein breiter , glatter Stein , welcher weiß und trocken mitten aus dem Waldbache herausragte ; er war nur zu erreichen , indem ich durch das Wasser watete , und diese That vollbrachte ich denn ziemlich oft und zwar barfuß . Der Stein war gerade breit genug , um außer mir noch einem anderen Mädchen bequemen Platz zu gewähren ; dies war Mary Ann Wilson , damals meine auserwählte Gefährtin ; sie war ein kluges , beobachtendes Geschöpf , deren Gesellschaft mir Freude machte , teilweise weil sie witzig und originell war , und teilweise , weil sie Manieren und Sitten hatte , welche mir besonders zusagten . Um einige Jahre älter als ich , kannte sie mehr von der Welt und konnte mir von vielen Dingen erzählen , die ich gern hörte ; in ihrer Gesellschaft wurde meine Neugierde befriedigt ; mit meinen Fehlern hatte sie die größte Nachsicht und niemals versuchte sie meinen Worten Zwang oder Zügel anzulegen . Sie hatte ein großes Erzählertalent , – ich besaß Talent für die Analyse ; sie liebte es zu belehren – ich zu fragen ; so wurden wir prächtig miteinander fertig und zogen wenn auch nicht viel Belehrung , so doch viel Vergnügen aus unseren gegenseitigen Verkehr . Und wo war inzwischen Helen Burns ? Weshalb brachte ich diese süßen Tage der Freiheit nicht in ihrer Gesellschaft zu ? Hatte ich sie vergessen ? Oder war ich so leichtsinnig , so unwürdig , daß ich ihrer veredelnden Gesellschaft müde geworden ? Gewiß war die obenerwähnte Mary Ann Wilson jener meiner ersten Freundin nicht ebenbürtig ; sie konnte mir nur lustige Geschichten erzählen oder irgend einen witzigen Klatsch wiederholen , der mir gerade Vergnügen machte , während Helen , wenn ich die Wahrheit über sie gesprochen habe , geeignet war , denen , welche das Vorrecht , die Begünstigung ihrer Unterhaltung genossen , Sinn und Geschmack für höhere , reinere Dinge einzuflößen . Das ist wahr , mein teurer Leser , und ich wußte und fühlte das ; – und obgleich ich ein unvollkommenes Geschöpf bin mit vielen Fehlern und wenigen guten Eigenschaften , so war ich Helen Burns ' doch noch niemals überdrüssig geworden ; niemals hatte ich aufgehört , für sie eine Liebe zu hegen , die so stark , so zärtlich und so achtungsvoll war , wie nur je ein Gefühl mein Herz bewegt hat . Wie hätte es denn auch anders sein können , wenn Helen zu allen Zeiten und unter allen Umständen mir eine ruhige und treue Freundschaft bewiesen hatte , welche keine böse Laune je verbitterte , kein Streit jemals störte ? – Aber Helen war augenblicklich krank ; seit mehreren Wochen war sie meinen Augen bereits entrückt ; ich wußte nicht , in welchem Zimmer sie sich jetzt befand . Man hatte mir gesagt , daß sie sich nicht in der Hospitalabteilung unter den Fieberkranken befände ; denn ihre Krankheit war die Schwindsucht , nicht der Typhus , und ich in meiner Unwissenheit stellte mir unter Schwindsucht etwas mildes vor , das durch Pflege und Fürsorge mit der Zeit geheilt werden müsse . In dieser Idee wurde ich noch dadurch bestärkt , daß sie einigemal an sonnigen , warmen Nachmittagen herunter kam und von Miß Temple in den Garten geführt wurde ; bei diesen Gelegenheiten gestattete man mir aber nicht , mit ihr zu sprechen oder mich ihr auch nur zu nähern ; ich sah sie nur aus dem Fenster des Schulzimmers und dann nicht einmal deutlich ; denn sie war in viele Tücher gehüllt und saß in einiger Entfernung auf der Veranda . Eines Abends im Anfang des Monats Juni war ich sehr spät mit Mary Ann im Walde geblieben ; wie gewöhnlich hatten wir uns von den anderen getrennt und waren weit gewandert , so weit , daß wir den Weg verloren und denselben in einer einsamen Hütte erfragen mußten , wo ein Mann und eine Frau wohnten , die eine Herde voll halbwilder Schweine zu hüten hatten , welche von der Eichelmast im Walde gemästet wurden . Als wir endlich zurückkamen , war der Mond schon aufgegangen ; ein Pony , welches wir als dasjenige des Arztes erkannten , stand an der Gartenpforte . Mary Ann bemerkte , daß wahrscheinlich irgend jemand schwer erkrankt sein müsse , wenn Mr. Bates noch so spät am Abend geholt worden sei . Sie ging in das Haus ; ich blieb zurück , um noch eine Handvoll Wurzeln , die ich im Walde ausgegraben , in meinem Garten einzupflanzen ; ich fürchtete , daß sie bis zum nächsten Morgen verwelken würden . Nachdem dies geschehen , verweilte ich noch einige Minuten ; die Blumen dufteten so süß , als der Thau fiel ; es war ein so wunderschöner Abend , so rein , so ruhig , so warm ; und der noch gerötete Westen versprach wiederum einen schönen Tag . Im dunklen Osten stieg majestätisch der Mond empor . Ich beobachtete dies alles und freute mich daran , wie ein Kind sich zu freuen vermag , – da plötzlich kam mir der Gedanke , wie niemals zuvor : » Wie traurig ist es doch , jetzt auf dem Krankenbett liegen zu müssen und in Todesgefahr zu schweben ! Diese Welt ist so schön – wie entsetzlich wäre es , abberufen zu werden und wer weiß wohin gehen zu müssen ! « Und dann machte meine Seele die erste ernste Anstrengung , das zu begreifen , was man in Bezug auf Himmel und Hölle in sie gelegt hatte ; zum erstenmal blickte ich um mich und sah vor mir , neben mir , hinter mir nichts als einen unermeßlichen Abgrund ; zum erstenmal bebte meine Seele entsetzt zurück , sie empfand und fühlte nichts sicheres mehr als den einen Punkt , auf welchem sie stand – die Gegenwart , alles andere war eine formlose Wolke , eine unergründliche Tiefe – es schauderte mich bei dem Gedanken zu straucheln , zu wanken – und in das Chaos hinabzutauchen . Als ich noch diesen neuen Gedanken nachhing , hörte ich , wie die große Hausthür geöffnet wurde ; Mr. Bates trat heraus , mit ihm eine Krankenwärterin . Nachdem sie gewartet bis er aufs Pferd gestiegen und fortgeritten war , wollte sie die Thür wiederum schließen . Ich lief zu ihr . » Wie geht es Helen Burns ? « » Sehr schlecht , « lautete die Antwort . » War Mr. Bates ihretwegen gekommen ? « » Ja . « » Und was sagt er ? « » Er sagt , daß sie nicht mehr lange bei uns verweilen wird . « Hätte ich diese Phrase gestern gehört , so würde sie nur den Glauben in mir wachgerufen haben , daß man sie nach Northumberland in ihre Heimat bringen wolle . Ich würde nicht vermutet haben , daß es bedeute , sie sei sterbend , – aber jetzt begriff ich sofort ; es wurde mir augenblicklich klar , daß Helen Burns ' Tage auf dieser Welt gezählt seien , und daß sie bald hinauf in die Region der Geister gehen würde – wenn es überhaupt eine solche Region gab . Im ersten Moment bemächtigte sich meiner ein namenloser Schrecken ; dann empfand ich den heftigsten Schmerz , dann einen Wunsch – den Wunsch , sie zu sehen . Und ich fragte , in welchem Zimmer sie läge . » Sie ist in Miß Temples Zimmer , « sagte die Wärterin . » Kann ich hinauf gehen und mit ihr sprechen ? « » O nein , Kind ! Das geht nicht an . Und jetzt ist es auch für Sie Zeit , hinein zu gehen ; Sie werden das Fieber bekommen , wenn Sie draußen sind , während der Thau fällt . « Die Wärterin schloß die Hausthür ; ich ging durch den Seiteneingang , welcher zu dem Schulzimmer führte ; ich kam noch zu rechter Zeit ; es war neun Uhr , und Miß Miller rief gerade die Schülerinnen zum Schlafengehen . Es mochte vielleicht zwei Stunden später , ungefähr elf Uhr sein ; es war mir nicht möglich gewesen einzuschlafen und aus der tiefen Ruhe , welche im Schlafzimmer herrschte , schloß ich , daß meine Gefährtinnen fest schliefen ; leise stand ich auf , zog mein Kleid über mein Nachtgewand und schlich mich barfuß aus dem Gemach , um Miß Temples Zimmer zu suchen . Es befand sich am entgegengesetzten Ende des Hauses ; aber ich kannte den Weg , und die Strahlen des unbewölkten Sommermondes halfen mir , ihn zu finden . Ich verspürte einen scharfen Geruch von Kampher und gebranntem Essig , als ich mich dem Zimmer der Fieberkranken näherte ; schnell eilte ich an der Thür vorüber , aus Furcht , daß die Krankenwärterin , welche die ganze Nacht wachen mußte , mich hören könne . Ich hatte Angst davor , entdeckt und zurückgeschickt zu werden , denn ich mußte Helen sehen , – ich mußte sie umarmen bevor sie starb , – ich mußte ihr einen letzten Kuß geben , noch ein letztes Wort mit ihr sprechen . Nachdem ich die Treppe hinuntergegangen war , einen Teil vom Erdgeschoß des Hauses durchschritten hatte und es mir gelungen war , ohne Geräusch zwei Thüren zu öffnen , erreichte ich eine zweite Treppe ; diese stieg ich wieder hinauf und befand mich gerade vor der Thür von Miß Temples Zimmer . Durch das Schlüsselloch und eine Spalte unterhalb der Thür fiel ein Lichtschein ; überall herrschte tiefste Stille . Als ich näher kam , fand ich die Thür ein wenig geöffnet , wahrscheinlich um in das dumpfe Krankengemach etwas Luft dringen zu lassen . Nicht gewillt zu zögern , von ungeduldigem Drange beseelt – Seele und alle Sinne in heftigem Schmerz erbebend – öffnete ich sie ganz und blickte hinein . Mein Auge suchte Helen und fürchtete – den Tod zu finden . Dicht neben Miß Temples Bett und mit den weißen Vorhängen desselben halb verhängt , stand ein kleines Bettchen . Ich sah die Umrisse einer Gestalt unter der Bettdecke , doch das Gesicht war durch die Gardinen verdeckt . Die Wärterin , mit welcher ich im Garten gesprochen hatte , saß in einem Lehnstuhl und schlief ; eine halbherabgebrannte Kerze , die auf dem Tische stand , verbreitete ein trübes Licht . Miß Temple war nicht sichtbar ; später erfuhr ich , daß sie zu einer im Delirium liegenden Fieberkranken gerufen worden . – Ich wagte mich weiter ins Zimmer hinein ; dann stand ich neben dem kleinen Bette still ; meine Hand faßte den Vorhang , doch hielt ich es für besser , zu sprechen , bevor ich denselben zur Seite zog . Ein Schauer faßte mich bei dem Gedanken , daß ich vielleicht nur noch eine Leiche sehen könnte . » Helen , « flüsterte ich sanft , » wachst du ? « Sie bewegte sich , schob den Vorhang zurück – – und ich blickte in ihr bleiches , abgezehrtes aber ruhiges Gesicht . Sie schien so wenig verändert , daß meine Furcht augenblicklich schwand . » Bist du ' s wirklich , Jane ? « fragte sie mit ihrer gewohnten , sanften Stimme . » Ah ! « dachte ich , » sie wird nicht sterben ; sie irren sich alle ; wäre es der