und sie schämte sich für die Schwester . Sie mochte Lenore nicht mehr anschauen , sie faßte einen Widerwillen gegen sie und konnte sich kaum entschließen , ihr den Gruß zurückzugeben . Der Verirrten Vorhaltungen zu machen , dazu fehlte ihr das Wort , sie war des Wortes nur in geringem Grade mächtig , sie mußte alles in sich hineinwürgen , Unrecht und Schmerz . So härmte sie sich um Lenores willen und wurde zugleich immer erregter und wilder , als locke sie etwas am Tun der Schwester , und sie konnte häufig keinen Schlaf finden . Ihre Unruhe war so groß , daß sie nicht lange mehr am Stickrahmen sitzen blieb und überhaupt keine Arbeit mehr richtig zu Ende brachte . Es trieb sie hinaus , und war sie draußen , so trieb es sie wieder heim . Das Herz klopfte ihr , wenn sie allein im Zimmer war , und war der Vater oder der Bruder oder Lenore da , so hielt sie deren Gegenwart nicht aus und flüchtete in ihre Kammer . Wenn es heiß war , schloß sie die Fenster , wenn es kalt war , lehnte sie sich hinaus . Wenn es still war , wurde ihr bange , wenn es laut war , sehnte sie sich nach Ruhe . Sie hatte kein Gebet , es war alles so dumpf in ihr , sie spürte die Verkettungen der Stunde als etwas Grausames , sie wünschte Jahre überschlagen zu können , wie man viele Seiten eines quälenden Buches überschlägt , und wußte sie keinen Ausweg mehr , so eilte sie in die Frauenkirche und warf sich vor den Altar hin und blieb regungslos , das Gesicht verhüllt , bis die Seele wieder stiller war . Es drängte sie zu Lenore hin , sie konnte sich nicht dagegen wehren , nicht bloß , weil sie wachsam sein und Unheil verhüten wollte ; es war etwas Schauriges , eine grauenvolle Neugier , und bisweilen folgte sie der Schwester heimlich und sah einmal von ferne , daß sie mit einem Manne ging , der auf sie gewartet hatte . Da vermochte sie sich nicht mehr von der Stelle zu rühren , und Lenore gewahrte sie . Am andern Tag aber kam Lenore von selbst zu ihr und sprach mit anmutiger Offenheit über ihre Beziehung zu Eberhard von Auffenberg . Was sie von seinem Schicksal wußte , darüber schwieg sie ; sie deutete nur an , daß er sehr unglücklich sei . Sie erzählte , wie sie ihn im vorigen Winter beim Eisfest auf dem Dutzendteich kennen gelernt ; wie er an ihr hänge , wie zart und rücksichtsvoll er sich stets gegen sie betragen habe , wie gern sie ihm Freundschaft erweise und wie sehr er ihrer Freundschaft bedürftig sei . Darauf schwieg Gertrud lange , endlich sagte sie mit jener tiefen Stimme , die klang , als ob sie aus Fülle geborsten wäre : » Entweder müßt ihr heiraten , oder ihr dürft euch nicht mehr sehen . Was du tust , ist ein Verbrechen . « » Ein Verbrechen ? « erwiderte Lenore erstaunt ; » wieso denn ? « » Frag nur dein Gewissen , « war die mit gesenkten Augen gegebene Antwort . » Mein Gewissen ist aber ganz ruhig . « » Dann hast du eben keins , « sagte Gertrud hart . » Du lügst und läßt dich belügen . Du bist in der Schlechtigkeit drinnen , da ist keine Rettung . Wie die unreinen Blicke von dem Mann und seine häßlichen Gedanken und die von den andern an dir sind ! Du bist ja über und über befleckt . Du weißt es ja nicht , ich aber weiß es . « Sie stand auf , wobei sie den Stuhl geräuschvoll mit den Kniekehlen zurückstieß und schaute Lenore mit ihren unheimlichen , schwarzen Augen an . » Sprich mir nie wieder davon , « flüsterte sie mit zitternden Lippen , » nie wieder . « Damit ging sie hinaus . Da empfand Lenore etwas wie Abscheu vor der Schwester . Von einer geheimnisvollen Ahnung bewegt , spürte sie in Gertrud die ihr vom Schicksal bestimmte Widersacherin . 15 Als der Herbst anfing , kalt zu werden , kam Daniel wieder häufig zu Jordans hinauf . Obwohl er nun zu Hause selbst einen warmen Ofen hatte , erinnerte er sich gern des gemütlichen Winkels vom vorigen Jahr . Er besaß eine Anhänglichkeit für Dinge und Räume , die größer war als die für Menschen . Den Inspektor traf er nur selten , der war jetzt immer unterwegs , da er ohne feste Stellung für verschiedene Gesellschaften tätig war ; Benno kam nach den Bureaustunden bloß heim , um sich in seinem Zimmer zu rasieren und für den Abend so elegant wie möglich zu machen . Mit Gertrud wollte er nicht allein sein , deshalb stellte er sich gewöhnlich erst nach sechs Uhr ein , wenn Lenore schon zu Hause war . Da er wußte , daß Lenore seit einiger Zeit eifrig Französisch und Englisch lernte und diese Abendstunden ihr unentbehrlich waren , bat er sie , sich nicht stören zu lassen . Er behauptete , er finde es am angenehmsten , ruhig sitzen zu können und nicht sprechen zu müssen . Nach einer Stunde oder nach zweien ging er mit einem undeutlich gemurmelten Gruß wieder fort . Bisweilen hatte er ein Buch mit und las . Erhob er den Blick , so sah er die über das Schreibheft gebeugte Gestalt Lenores , ihre vom Lampenlicht goldig durchleuchteten Haare , die über dem Scheitel und an den Schläfen noch in feinen Fäden blitzten , und den entschlossen verpreßten Mund mit den lieblich hinabgebogenen Ecken . Dann sah er Gertrud , die jetzt die Haare nicht mehr lose trug , sondern in einem dichten Knoten über dem Nacken , auch kein grünes Kleid mehr , sondern ein braunes , welches vorne eine Reihe großer , glänzend schwarzer Knöpfe hatte . Manchmal flog ein Wort von Lenore zu ihm , und er erwiderte es ; manchmal spann sich das eine Wort zu einem Geplänkel aus . Lenore hänselte , und er war grob ; oder er spottete , und Lenore hielt eine kleine Strafpredigt . Da hatte Gertrud einen ratlos staunenden Blick , und sie kehrte das Gesicht gegen die Fensterscheibe . Mit Absicht blieb sie unbeschäftigt , mit Absicht verschob sie ihre häuslichen Obliegenheiten ; der Gedanke , daß die beiden allein im Zimmer weilten , war ihr unerträglich . Was Daniel tat und sagte , ja sogar , wie er ging und saß und stand , wie er die Hände in die Hosentaschen steckte und die Lippen fletschte , alles das erregte Furcht und Scham in ihr . Sie fühlte sich beleidigt durch jede seiner Gebärden . Seine Freimütigkeit erschien ihr als freche Anmaßung , seine Launenhaftigkeit als böswillige Unvernunft , seine nachlässigen Manieren und seine Schmähsucht wie der Hohn eines Teufels . Da geschah es , daß er einmal eine gallige Bemerkung über die Mucker fallen ließ , die den lieben Gott für einen Sittenwächter und jeden angefressenen Pfarrherrn für einen Erzengel nehmen . Mit einem Ruck erhob sich Gertrud und starrte ihn an . Er hielt dem Blick stand und zuckte die Achseln . » Menschen ohne Glauben sind schlimmer als ansteckende Krankheiten , « flüsterte sie . Daniel lachte . Dann verfinsterte sich sein Gesicht , und er fragte , was sie denn Glauben nenne ? Ob sie der Meinung sei , daß der Glaube im Lippendienst bestehe ? Sie antwortete mit geducktem Kopf , sie könne über das , was ihr heilig sei , nicht mit jemand reden , der sich von aller Religion losgesagt habe . Da flammte Daniel auf und nannte ihre Reden lästerlich ; ob sie sich wohl schon irgendwelche Mühe mit ihm gegeben habe , daß sie mit ihrem Urteil so rasch fertig geworden sei ? Und ob sie denn so genau wisse , ob ihr sogenannter Glaube etwas Besseres sei als sein sogenannter Unglaube ? Woher sie denn das Maß nehme und den Mut und die Sicherheit ? Und ob sie sein Inneres kenne , und ob sie beim lieben Gott Audienz gehabt habe ? Er lachte wieder , pfiff dann und ging fort . Gertrud blieb eine Weile stehen und schaute zu Boden . Lenore hatte das Kinn auf die Hand gestützt und sah sie mitleidig an . Plötzlich begann Gertrud am ganzen Leib zu zittern und streckte , ohne den Blick zu heben , ihren Arm gegen Lenore aus . Lenore erschrak , aber sie wußte nicht , was diese anschuldigende Bewegung zu bedeuten hatte . Und das nächstemal , als Daniel auf seinem Ofenplatz saß , fing er , aus tiefem Schweigen heraus , auf einmal an , über Religion zu sprechen . In vorgesetztem Trotz ; wie aus einem Hinterhalt , aus dem man Pfeile sendet ; mit berechneter Bosheit und kalter Auflehnung ; als ein Geschlagener und Gejagter , einer , der der himmlischen Regierung noch weniger vorgibt als der irdischen . So saß er da , eine leibhaftige Blasphemie , und hatte wieder sein Affengesicht . Doch Lenore fühlte , daß er sich und seinen Gott verleugnete , und zwar mit viel Gewalt . Sie trat zu ihm und legte die Hand auf seine Schulter ; derweil schritt Gertrud mit leichenblasser Miene an ihr und Daniel vorüber und zeigte sich an diesem Abend nicht mehr . An diesem nicht und an den folgenden nicht . Sie mied jetzt seine Gegenwart . In einer höchst wunderlichen Sekunde , nicht länger hatte es gedauert , war Daniels Blick , indes sich das Mädchen erhob , auf dem Umriß ihrer Beine heften geblieben . In dieser Sekunde wurde ihm bewußt , daß sie ein Weib war , und er ein Mann . In dieser Sekunde nahm er das Äußere ihres Körpers wahr , aber ohne die verkleidende Hülle . Ja , er dachte sie nackt ; eine einzige Sekunde lang , aber er dachte sie nackt ; und alles , was sie gesprochen hatte , wie auch alles , was sie tat und sagte , fiel als Kleiderhülle von ihr ab . Da war es ihm , als könne er zum ersten Male sehen , und als sehe er den Körper der Welt . Ihr Bild folgte ihm nach ; er sträubte sich gegen die Beunruhigung . Es war ihm dergleichen noch nie passiert ; er rief das Bild auf , um es mit kühlem Sinn zu zerstören , es wich nicht , und als er Gertrud eines Tages beim schönen Brunnen begegnete , blieb er wie versteinert stehen und vergaß zu grüßen . 16 Es war Mitte Dezember , ein klarer Frosttag . Lenore wäre nach Tisch gerne aufs Eis gegangen . Sie war eine treffliche Schlittschuhläuferin und in der ganzen Stadt dafür berühmt . Eine unbezähmbare Lebens- und Freiheitslust durchpulste ihren Körper ; es dünkte sie jämmerlich , daß sie sich in der stickigen Ofenluft sollte zu den Schreibern setzen und schreiben . Indessen ging sie hin und schrieb wie täglich bei den Schreibern , und die Augen des Herrn Zittel hinter den Brillengläsern erschienen ihr wie zwei grüne Giftfläschchen . Es gelang ihr die Arbeit nicht , träg schlich die Zeit hin , träger noch als Herr Diruf durch die Säle . Lenore hob den Kopf , ihr war , als ruhe sein finsterer Blick auf ihr , und im Bewußtsein ihrer Pflichtversäumnis errötete sie . Endlich schlug es sechs , lärmend standen die Schreiber auf , doch Lenore wartete wie immer , bis es leer war , denn sie liebte es nicht , sich unter sie zu mischen . Da humpelte Benjamin Dorn herein . » Fräulein Jordan soll zum Chef kommen , « rief er und bog den langen Hals wie ein Schwan . Lenore wunderte sich ; es gab nichts , was zwischen ihr und Herrn Diruf zu besprechen war . Vielleicht ist es Bennos wegen , dachte sie . Alfons Diruf saß an seinem Schreibtisch , als sie eintrat . Er schrieb noch eine Zeile , dann richtete er den Blick starr auf sie . Es war etwas in diesem Blick , was ihr das Blut aus den Wangen trieb . Unwillkürlich schaute sie an sich herab und spürte ihre Haut . » Sie haben mich rufen lassen , « sagte sie . » Ja , ich habe Sie rufen lassen , « sagte Herr Diruf und machte einen müden Versuch , zu lächeln . Es entstand wieder eine Pause . Beunruhigt blickte Lenore von einem Gegenstand zum andern , bald auf die badende Nymphe an der Wand , bald auf die Vorhänge aus Damast , bald auf den chinesischen Lampenschirm . » Nun , Schätzchen , « sagte Herr Diruf , und aus dem Lächeln wurde eine Art von Krampf ; » wir sind nicht übel ; beim Bart des Propheten ; wir haben alles an der rechten Stelle . He ? « Lenore warf den Kopf auf . Sie glaubte nicht gut gehört zu haben . » Sie haben mich rufen lassen , « wiederholte sie mit lauter Stimme . Diruf legte die flache Hand auf den Bord des Schreibtischs . Der Solitär schleuderte Funken . » Ich kann euch alle zertrümmern , « sagte er und schob die Hand ein wenig nach vorwärts , gegen Lenore hin . » Das Bürschchen da draußen , Ihr Bruder , ist ein heimlicher Filou . Ich kann ihn über sich selber purzeln lassen , wenn ich will . « Er schob die fette Hand abermals ein Stück vorwärts , als wäre sie eine gefährliche Maschine und der Solitär eine zur Warnung daran befestigte Laterne . » Ich kann euch alle tanzen lassen , sobald es mir beliebt . He , Schätzchen ? Capito ? Comprenez-vous ? « Mit einem namenlosen Erstaunen blickte Lenore in Alfons Dirufs Pflaumenaugen . Da erhob sich Diruf , trat an ihre Seite und legte den Arm um ihre Schultern . » Ist jener ein genäschiger Kater , den man vom Weg locken kann , so sei du eine schnurrende Miezekatz , « sagte er mit einer gräßlichen Zärtlichkeit in der Stimme und hielt zugleich Lenore so fest , daß sie sich minutenlang nicht rühren konnte . » Ruhig , Schätzchen ! Ruhig , mein kleiner Busen ! Ruhig , du Satan ! « Aber da rieselte ihr der heiße und kalte Schauder bis ins Mark ; die Berührung wirkte auf sie wie etwas Ungeheures , in schwersten Träumen nie so schrecklich Geahntes ; ein Ruck , als gelte es alles , Leib und Leben , und sie war frei . Mit einem Gesicht , das weiß flammte , stand sie da und lächelte dennoch ; ein seltsames Lächeln war es , ganz außerhalb der Grenzen dessen , was sonst so genannt wird , und Alfons Diruf war plötzlich nicht mehr fett und finster , sondern er war wie ausgeblasen , zunichte geworden und stierte dumm vor sich hin , als er sich allein fand . Lenore eilte durch die Gassen , und auf einmal fand sie , daß sie in der langen Zeile ging . Dorthin hatte sie aber nicht gehen wollen , und sie kehrte wieder um . Da gewahrte Benda , der eben zu Daniel wollte , die hastig Schreitende , erkannte sie im Schein einer Gaslampe , blieb stehen , als sie an ihm vorüberging und schaute ihr betroffen nach . Zu Hause angelangt , sank sie in der Wohnstube erschöpft aufs Sofa . Um sich vor der Erinnerung an die vergangene Stunde zu retten , flüchtete sie in ihre Sehnsucht , die Sehnsucht nach dem südlichen Land . Sie sehnte sich mit solchem Schmerz und solcher Lust , daß ihr Antlitz wie im Fieber glänzte . Aber die gläserne Kugel hatte einen Sprung bekommen . Als es kurz vor acht Uhr läutete , sagte sie zu Gertrud : » Wenn es Daniel ist , schick ihn fort , ich kann heut niemand sehen . « » Bist du krank ? « fragte Gertrud eigentümlich streng . » Ich weiß es nicht , ich will niemand sehen , « sagte Lenore und lächelte wieder wie im Zimmer Dirufs . Es war wirklich Daniel . Benda hatte ihm gesagt , daß et Lenore gesehen habe , unten vor dem Haus , und als er erfuhr , daß sie nicht bei Daniel gewesen , nahm seine Besorgnis zu . » Da ist etwas nicht in Ordnung , « meinte er , » du mußt zu ihr gehen . « Und nachdem sie noch eine Weile geplaudert hatten , begleitete er Daniel bis zum Egydienplatz , um sicher zu sein , daß er sich nach Lenore erkundigen würde . Gertrud öffnete die Gittertür . » Lenore will nicht , daß Sie hineinkommen , « sagte sie mit einem Schimmer von Freude in den Augen . » Warum nicht ? Was ist geschehen ? « » Sie will es nicht , « sagte die Einsilbige und blickte in das Licht des Flurlämpchens . » Ist sie krank ? « » Nein ! « » Dann soll sie mir selber sagen , daß sie ' s nicht will . « » Gehn Sie ! « befahl Gertrud und warf den Kopf zurück . Ihr düsteres Auge verfing sich in seinem Blick , und sie standen einander gegenüber wie zwei Wettläufer , die von verschiedenen Seiten an dasselbe Ziel kommen . Dann drehte sich Daniel schweigend um und ging die Stiege hinunter . Gertrud blieb noch eine Weile stehen , und ihr Kopf sank immer tiefer auf die Brust . Plötzlich schlug sie die Hände vors Gesicht , und durch ihren Körper lief ein Erbeben . 17 Bevor Lenore schlafen ging , schrieb sie einen Brief an den Bureauchef Zittel , worin sie ihren sofortigen Austritt aus dem Dienst der Prudentia anmeldete . Im Bette liegend , konnte sie keinen Schlummer finden . Sie sah sich auf dem Eis , wie sie kühne und neuartige Figuren lief ; Zuschauer standen bewundernd im weiten Bogen . Sie sah das Meer mit Fischerbooten und farbigen Segeln und sah Gärten voller Rosen . Der Vater und Benno waren längst zu Hause . Von der Kirche drüben schlug es zwölf , dann eins , dann zwei . Da hörte sie Schritte in der Wohnung , eine Tür wurde auf- und zugemacht , dann war es wieder still , dann erschallten wieder die Schritte . Sie verließ das Bett , ging zur Tür und lauschte . Von nebenan , aus der Wohnstube , drang ein tiefer Seufzer an ihr Ohr . Leise öffnete sie die Tür und schaute durch den Spalt hinein . Am offenen Fenster stand Gertrud ; sie war im Hemd und bloßfüßig . Über dem Platz draußen schien der Mond , und der Schnee glitzerte kalt auf den Dächern . Die geisterhafte Beleuchtung machte auch das Gesicht des Mädchens geisterhaft , und das lose hängende Haar sah schwarz wie Ebenholz aus . Lenore lief ins Zimmer und schloß das Fenster . » Was tust du , Gertrud ! « rief sie erschrocken , » willst du dir den Ton holen ? « Gertruds schlanker Körper zitterte vor Frost . Ihre Zehen waren krampfhaft eingebogen . » Ja , « antwortete sie dumpf , » das möcht ich . « » Das möchtest du ? « versetzte Lenore , ebenfalls vor Kälte schlotternd , » und der Vater ? Denkst du an ihn nicht ? Soll er sich noch mehr abhärmen ? Was fehlt dir , du Verrückte ? « » Ich bin eine Sünderin , Lenore , « schrie Gertrud , stürzte auf die Knie und umklammerte Lenores Hüften . » Ich bin eine Sünderin . « » So ? was für eine Sünde hast du denn begangen ? « fragte Lenore und beugte sich ängstlich nieder . » Warum bin ich in dem Haus da ! « stöhnte Gertrud und wies um sich , » in dem Gefängnis da ! « und sie faßte sich an ihre Brust . » Es ist etwas Böses über mich gekommen , böse , sündige Gedanken . Schau mich nicht an , Lenore , schau mich nicht an ! « Ihre Stimme war zu einem Kreischen geworden , entsetzt wich Lenore zurück , und Gertrud fiel mit der Stirn gegen den Boden . Die Haare bedeckten den gekrümmten , zuckenden Rücken . Da öffnete sich die Tür , die zum Schlafzimmer des Inspektors führte , und er selbst kam mit einer brennenden Kerze herein . In Ermangelung eines Schlafrocks hatte er einen karierten Schal um die Schultern geworfen , dessen Fransen um die Knie baumelten , und auf seinem Kopf saß eine weiße Zipfelmütze . Verstört musterte er die beiden Mädchen und wollte fragen , brachte aber kein Wort über die Lippen . Er hatte in bedrängten Lagen eine Art , düster zu schmunzeln , die in Lenore das innigste Mitleid erweckte . » Es ist nichts , Vater , « stammelte sie mit einer schamhaften Gebärde , die ihn bat , sich zu entfernen , » Gertrud hat Magenschmerzen . Sie hat nur in der Hausapotheke nachsehen wollen , ob Tropfen da sind . Geh nur , Vater , ich bring sie schon wieder zu Bett . « » Da werd ich doch zum Doktor gehen , Kind , oder Benno wecken , daß er es tut , « sagte Jordan . » Nein , Vater , ' s ist nicht nötig , geh nur , geh . « Er verstand die Ungeduld Lenores und zog sich gehorsam zurück . Die Kerzenflamme schirmte er mit der Hand , und sein riesiger Schatten schwankte wie ein Tier hinter ihm her . » Steh auf , Gertrud , « sagte Lenore , » steh auf und komm mit mir . « Gertrud ließ sich in ihre Kammer führen . Als sie schon eine Weile im Bette lag , pochte es an der Tür , und Jordans Stimme fragte , wie sie sich befinde . Lenore beruhigte ihn . Bis der Mond hinter dem Kirchendach verschwunden war , blieb Lenore an Gertruds Bett sitzen und hielt deren große , stumme Hand in ihrer Hand . Sie hatte den Mantel umgetan , gleichwohl fror sie . Während Gertrud mit offenen , stummgewordenen Augen dalag , zeigte das bewegliche , jede Veränderung der Seele treu spiegelnde Antlitz Lenores eine unendliche Folge ernster Gedanken . Als es nun finster wurde , wandte Gertrud den Kopf gegen Lenore hin und sagte weich : » Leg dich zu mir , Lenore . Seh ich dich schlafen , dann kam ich vielleicht auch schlafen . « Lenore warf den Mantel ab und schlüpfte unter die Decke . Nach kurzer Zeit schlummerten sie alle beide , dicht aneinander geschmiegt . Stimmen von außen und Stimmen von innen 1 Daniel gewann Anhänger . Die vom Knechtlein eroberten Mäzene waren nicht Anhänger zu heißen ; es waren Patrioten , die es erbaulich fanden , daß aus dem fränkischen Herzland ein erdgebürtiger Meister erstehen sollte . Sie interessierten sich für die Person ihres Schützlings wenig . Daniels Anhänger waren junge Leute . Der Professor Herold war ein wunderlicher Mann . Er genoß einen Ruf weit über die Grenzen der Provinz hinaus , aber eben seiner Wunderlichkeit wegen mochte er die Provinz nicht lassen . Den musikbeflissenen Söhnen und Töchtern der ansässigen Bürger gab er seinen ganzen Sarkasmus zu kosten , und sein Bemühen war darauf gerichtet , ihnen die Lust an der Pfuscherei zu verleiden . Es gelang in keinem Fall , das Klavierspielen gehörte zur Bildung , und in den Kaufmannsfamilien war Bildung geschätzt . Es kam aber auch allerlei Volk von weither zu Professor Herold , angelockt durch seinen Namen . Als er die Vineta-Partitur gelesen hatte , sagte er zu zweien von diesen : » Geht hin und bringt mir den Kerl , tot oder lebendig . « Da brachten sie ihn . Die zwei kamen öfter zu Daniel , dann andere , Professor Wackerbarths und Professor Döderleins Schüler . Bisweilen hatte er in der Kneipe Zusammenkünfte mit ihnen . Wir wollen sie die Langmähnigen nennen , oder die Marmorbleichen ; viele hatten Ähnlichkeit mit Schlangenbändigern . Sie waren fast ausnahmslos sehr dumm , hatten aber alle große Rosinen im Kopf . Es waren auch junge Mädchen dabei ; wir wollen sie die Schmachtäugigen nennen , oder die Traumverlorenen . Daniel war ihnen abgeneigt . Die Langmähnigen schätzte er ebenfalls wenig . Von dieser Abneigung sprach er einmal zum Alten , wie Professor Herold kurzweg hieß . Er schnappte wie ein bissiger Hund , strich die weißen Borsten auf seinem ungeheuren Schädel zurück und sagte : » Da haben Sie aber eine Entdeckung gemacht , Sie Originalmännlein ! Wissen Sie denn nicht , daß gerade die Musik das allernichtswürdigste Gesindel in ihren Zauberkreis zieht ? Item , daß sie eine Ausrede ist für jede Versäumnis von Menschenpflichten ? Item , daß der wollüstige Dunst , den sie über die Städte breitet , eine allgemeine Auszehrung der Herzen zur Folge hat ? Item , daß von fünfhundert sogenannten Künstlern vierhundertneunundneunzig bloße Krüppelgarde unseres Herrgotts sind ? Leitsatz : Wer zur Musik nicht das allerreinste Feuer bringt , Urtiefenfeuer , dessen Blut verwandelt sie in Leim , dessen Geist in einen Kehrichthaufen . « Damit schob er Daniel zur Tür hinaus , weil er an seinen Bilderchen malen wollte . Es hingen an den Wänden seiner Stube viele Bilderchen , die er in seinen Mußestunden verfertigte , schlechte kleine Bilderchen , auf die er stolz war . Sie stellten Szenen aus dem Landleben dar . 2 Der Impresario Dörmaul gab in der Neujahrsnacht ein Festessen im Schwänlein , zu welchem Daniel eingeladen war . Der Impresario Dörmaul zeigte sich Daniel gnädig gesinnt . Er sagte , er habe die Begabung des hoffnungsvollen jungen Mannes beim Anblick der ersten Note erkannt . Er versprach , die Komposition Vineta , sowie die andere , inzwischen beendete , die sich nürnbergische Serenade nannte , in seinen Verlag zu nehmen . Auch schien er gewillt , die Anstellung bei der Wanderoper ernstlich in Betracht zu ziehen . Zu dem Festmahle kamen die Professoren Herold und Wackerbarth , ferner Wurzelmann , einige von den Langmähnigen und einige von den Traumverlorenen . Andreas Döderlein hatte sein Erscheinen für eine spätere Stunde zugesagt . Er trat fünf Minuten vor Mitternacht in die weit aufgerissene Türe , feierlich wie das neue Jahr in Person . Er ging auf Daniel zu und bot ihm die Rechte . » Siehe da , unser Benjamin , unser Johannes , um nicht zu sagen unser Daniel , « redete er ihn an . » Gratulor , junger Stern ! Was vermelden die Annalen von Andreas Döderleins Spürnase ? Damals in Bayreuth , als man noch Wein auf Flaschen zog , hat er nur hingerochen und wußte schon Bescheid . Kann es geleugnet werden , Benjamin ? « Es wurde nicht geleugnet . Daniel ließ Gnade für Recht ergehen , und der mächtige Mann warf seinen Wetterkragen von den Schultern , als sei es ein Hermelin , dessen er sich entledigte , bevor er sich unter die gemeinen Sterblichen mischte . Professor Wackerbarth hatte eine Frau , die ihn prügelte und ihm nichts zu essen gab . Er erachtete die Gelegenheit für günstig , sich einmal satt zu essen und lustig zu sein . Es war eine kümmerliche Lustigkeit . Einer von den Langmähnigen sang das Champagnerlied , und Wurzelmann hielt eine witzige Rede . Döderlein gab zu verstehen : man lasse die Mäuse tanzen , man lasse die Flöhe hüpfen . Als eine von den Traumverlorenen den Davidsbündlermarsch spielte , der nach den Vorschriften von Bayreuth nicht zur wahren Musik gerechnet werden konnte , rief er : » Gebt mir Lethe , meine Söhne , « womit er den Punsch meinte . Auch Daniel trank Lethe . Er umarmte den alten Herold , drückte Andreas Döderleins Hand und versuchte , mit Wurzelmann einen Walzer zu tanzen . Er war nicht betrunken , er war nur glücklich . Dann wurde es ihm zu enge hier , er nahm Hut und Mantel und eilte ins Freie . Die Luft war lau , es wehte Föhnwind . Himmel oben , Himmel unten , die Häuser standen auf Wolken . Jeder Atemzug machte nach dem nächsten durstig . Da , ein Erker , so schön , daß man hätte knien mögen ; ein Brunnen , so fremd und lauschig wie etwas Erdichtetes ; die Brückenbögen und das matt spiegelnde Wasser ; zwei Türme spinnwebenzart . Er jubelte stumm : Welt , bist du es wirklich ? meine Welt , und ich lebe ? Meine Welt , mein Jahr , meine Zeit , und ich darin , ich selbst ! 3 Er stand auf dem Egydienplatz und schaute hinauf zu den Jordanschen Fenstern . Alle Fenster waren schwarz . Gern hätte er gerufen , aber der Name , der sich auf seine Lippen drängte , flößte ihm Angst ein . Die leidenschaftliche Wallung wollte seine Brust sprengen . Er mußte noch etwas mit sich anfangen , mußte reden , mußte fragen und eine Stimme hören . So eilte er zur Füll und rief unter Bendas Fenstern Bendas Namen . Die Uhren schlugen drei . Endlich wurde ein Vorhang aufgerollt und Bendas dickliche Gestalt zeigte sich am offenen Fenster . » Daniel , du ? Was ist geschehen ? « » Nichts ist geschehen . Das Jahr will ich dir bringen . « » Ob du mir damit was Gutes bringst ? Geh heim und leg dich aufs Ohr . « » Willst mich nicht hinauflassen , Friedrich ? Reden wir noch ein wenig vom Glück ! « » Sei nicht übermütig . Wir könnten ' s verreden . « » Philister ! Gib mir wenigstens deinen Segen . « » Den hast du . Jetzt geh nur