Stück Eisen ein . Sonst , wenn Dachhausen an eine Arbeit herantrat , wußte er sofort , wozu sie war , wohin sie gehörte , ob sie gut oder schlecht war , er fühlte dann ordentlich mit Behagen , wie der praktische Sinn in ihm schnell und genau funktionierte . Heute nun kamen ihm hier ganz ungewohnte , phantastische Gedanken , es war ihm , als fühlte er den Zorn des Hammers , der auf das rote , wunde Eisen niedersauste . War er denn verrückt ? Schnell verließ er die Schmiede , er ging in den Kuhstall . Es war Futterzeit , von der Deckluke ward das Heu herabgeworfen , die Mägde standen und ließen lächelnd die grünen , duftenden Heumassen auf sich niederregnen , dann faßten sie sie mit den Armen und trugen sie zu den Krippen . Wenn sie an Dachhausen vorüberkamen , warfen sie scheue Blicke auf ihn , denn sie sahen es gleich , der Herr war heute nicht guter Laune . Dachhausen aber stand da , nagte an seiner Unterlippe und dachte an Dietz Egloffs geheimnisvolle Abenteuer , von denen die Leute erzählten , seinen nächtlichen Ritten , und plötzlich stieg in Dachhausen ein Bedürfnis auf , sich über jemand zu ärgern , laut zu schelten und zu schimpfen , er lief im Stall umher und suchte nach einer Unordnung . Einen Augenblick blieb er vor dem Stier stehen , es gefiel ihm zuzusehen , wie das Tier blies , die Augen rollte und wie der ganze mächtige Körper von Bosheit geschwellt schien . Da er hier keine Unordnung fand , ging er in den Pferdestall hinüber . Jürgen , der Stallknecht , striegelte gerade den Schimmel , auch er erkannte auf den ersten Blick , daß der Herr heute in gefährlicher Stimmung war . Dachhausen ging nun von Pferd zu Pferd , musterte ein jedes genau , ja , da hatte er es , der Rappe war am Hinterlaufe aufgerieben , warum war er aufgerieben ? Warum war es nicht gemeldet worden ? Warum geschah nichts dafür ? es war eine unerhörte Unordnung . Dachhausen begann sehr laut zu sprechen , der Zorn fuhr ihm heiß in die Glieder , er faßte Jürgen am Rockaufschlag und schüttelte ihn , der große , blonde Bursche errötete und sah seinen Herrn verwundert an , Dachhausen aber stampfte mit dem Fuß , er tanzte ordentlich vor Wut . Da zuckten die Lippen des Burschen in einem kaum merklichen Lächeln , Dachhausen schwieg plötzlich , der Bursche lacht mich aus , fuhr es ihm durch den Sinn , er wandte sich kurz um und verließ den Stall . Draußen kam der Inspektor auf ihn zu , aber den mochte er jetzt nicht sprechen , drum schlug er eilig den entgegengesetzten Weg ein . Ziellos irrte er zwischen den Feldern umher , der Roggen war gut eingegrast und der Weizen auch . Wie die Lerchen heute dort oben tobten , er blieb stehen und schaute hinauf , er wollte sie zählen , eins , zwei , drei , vier , aber wozu ? Das hatte ja keinen Sinn , alles das hatte keinen Sinn . Es war wohl Zeit , zum Frühstück nach Hause zu gehen , vielleicht würde Liddy am Frühstückstische sitzen wie sonst und ihn anlächeln . Eine starke , kindische Hoffnung ließ ihn eilen , aber , als er in das Speisezimmer trat , sah er , daß nur ein Gedeck aufgelegt war . Er seufzte . Wie lange war es denn schon , daß er so einsam wie ein Junggeselle seine Mahlzeiten einnahm . Das Frühstück war gut , der Koch hatte da ein Fischgericht au gratin gemacht , das Dachhausen sonst sehr anzuerkennen pflegte . Er verstand es ja so gut , die kleinen Freuden des Lebens zu genießen , aber wenn man mit Sorgen allein bei Tische sitzt , dann wird einem die beste Speise vergällt . Mein Gott , warum wurde denn gerade sein Glück gestört , er verlangte ja vom Leben nichts , als daß es korrekt und heiter sei . Er hatte stets seine Pflicht getan , früher im Regiment und jetzt als Gutsbesitzer . Selbst der alte von der Warthe hatte seine Landwirtschaft gelobt . Er war kein Spieler wie Dietz und war seiner Frau nicht untreu wie der Graf Bützow , warum mußte nun etwas Rätselhaftes kommen und gerade ihm das Liebste , das er hatte , seine Ehe , stören . Er verstand das nicht . Gleich nach dem Frühstück ging er zu Liddy hinüber . Er trat in das Zimmer ein , ohne anzuklopfen , er wollte sich nicht wieder abweisen lassen . Lydia lag auf der Couchette in ihrem hellrosa Morgenrock , das Haar hing in zwei langen schwarzen Zöpfen über die Schultern hinüber , das Gesicht war sehr weiß , sie regte sich nicht , als Dachhausen eintrat und schaute mit den blanken Augen unverwandt zur Decke hinauf . » Liddy , « rief er im zärtlichsten Ton , den er aufbringen konnte , » wieder eine schlechte Nacht , was tun wir wohl , diese verdammten Nerven ! « Er beugte sich über sie und küßte das regungslose Gesicht . » Wie fühlst du dich jetzt ? « » Müde « , erwiderte Lydia , ohne ihn anzusehen . Er zog einen Stuhl heran und nahm ihre Hand , die schlaff in der seinen lag . » Ja , ja , « fuhr er fort , » das ist dieses Frühlingswetter , es sieht hübsch aus , aber es ist giftig . Alle spüren das . « Lydia antwortete nicht , da wurde auch Dachhausen befangen . Was sollte er mit dieser Frau beginnen , die tat , als sei er gar nicht da ? Er fing an etwas zu erzählen : » Ich war gestern in Witzow , die arme Gertrud ist auch leidend . Nun , und die beiden Alten , die brummen so herum in gewohnter Weise . Die Baronin regte sich darüber auf , daß Dietz und Fastrade jeden Abend lange Spaziergänge im Walde machen , sie meinte , das muß wohl eine amerikanische Sitte sein . Aber der Alte sagte : ob es amerikanisch ist , weiß ich nicht , aber unschicklich ist es . « Ein wenig Röte stieg in Lydias Wangen , und sie sprach feierlich zur Decke hinauf : » Ich finde es auch unschicklich . « » Unschicklich , wieso ? « entgegnete Dachhausen , » in unseren Zeiten denkt man darüber doch freier . « Jetzt sah Lydia ihn an und zwar ziemlich böse : » Du hast mir ja immer gepredigt , « sagte sie , » daß man sich den Sitten und Gesetzen der Gesellschaft , in der man lebt , fügen soll , warum können denn die beiden tun , was sie wollen ? « Dann zog sie die Augenbrauen hoch und wandte das Gesicht ab : » Ach Gott , es ist ja auch so gleichgültig , was diese beiden tun , amüsieren wird sich der gute Egloff auf diesen Spaziergängen mit der langweiligen Fastrade nicht . « » Wieso langweilig ? « protestierte Dachhausen , » Fastrade ist doch ein edles und interessantes Mädchen . « » Vielleicht wegen dieser kitschigen Verlobung mit dem Hauslehrer « , höhnte Lydia . » Warum hast du denn nicht sie geheiratet , wenn sie edel und interessant ist ? Ich bin weder edel noch interessant . « Da wurde Dachhausen wieder zärtlich , er streichelte die kleine , schlappe Hand , die in der seinen lag und sagte mit einer Stimme , die vor Erregung bebte : » Weil ich dich geheiratet habe , weil du für mich die Edelste und Interessanteste bist . Sieh , Liddy , es kommt mir vor , als ob in der letzten Zeit wir einander nicht recht nahe gewesen sind , es ist mir so , als ob dich etwas drückt , das du mir verschweigst . Sprich dich aus , erstens , dazu ist man ja verheiratet , daß man alles teilt , und dann , es ist auch lächerlich , wie das , was einem Sorge macht , vollständig verschwindet , wenn man es ausspricht . « Lydia sah wieder zur Decke empor , und es klang müde und schläfrig , als sie antwortete : » Ich verstehe dich nicht , ich habe nichts auszusprechen , nichts zu sagen . Ich glaube , wir beide haben uns in letzter Zeit überhaupt wenig zu sagen . « Sie schloß die Augen . » Ich denke , ich versuche ein wenig zu schlafen « , sagte sie . Dachhausen war blaß geworden , er erhob sich schnell und ging , ohne ein Wort zu sagen , aus dem Zimmer . Drüben in seinem Zimmer setzte er sich auf einen Sessel , lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen . Nun war es klar , mit seiner Ehe stand es übel , aber wissen wollte er , was sein Glück zerstörte . Er war es müde , kleine Ereignisse aus seiner Erinnerung hervorzuholen , er wollte etwas haben , er wollte jemanden haben , an den er sich halten konnte . So saß er lange kummervoll sinnend da . Endlich klingelte er und bestellte einzuspannen , die Jagddroschke und die Schimmel , er wollte nach Grobin , ins Städtchen , fahren , dort wohnten seine Mutter und seine Schwester Adine . Als Dachhausen heiratete , waren die beiden Damen mit den alten Möbeln und den alten Dienstboten in das Städtchen gezogen , um der neuen Schloßherrin , den modernen Möbeln und neuen Dienstboten Platz zu machen . Für Dachhausen war das Haus in der Stadt ein Stück des alten Barnewitz seiner Jugend . Hier wehte die milde , verwöhnende Luft , die ihn von Kindheit auf umgeben hatte , dorthin fuhr er gern , wenn er verstimmt war und sich trösten lassen wollte . Lydia liebte es nicht , ihre Schwiegermutter zu besuchen , » sie sind dort sehr freundlich , « sagte sie , » aber es ist eine Freundlichkeit , die einem den Atem bedrückt . « Frau von Dachhausen und Adine ihrerseits bewunderten Lydia . » Deine Lydia , « wiederholten sie immer wieder , » ist ja so hübsch und so elegant « , allein sie blieb ihnen fremd , sie war für sie ein schönes Instrument , auf dem sie nicht zu spielen verstanden . Die Fahrt durch den Frühlingsnachmittag war hübsch , die Birken standen grellgrün am Waldesrande , weiter unter den Tannen fanden sich große Gesellschaften weißer Anemonen zusammen und zitterten im Winde , der Wegrain war mit kleinen gelben Blumen bedeckt , Kinder trieben Schafe auf die Weide , lagen auf den Abhängen auf dem Bauch und sangen . Dachhausen , der sonst immer gern mit dabei war , wo es fröhlich zuging , konnte heute mit der Heiterkeit , die über dem Lande lag , nicht mit , sie machte ihn traurig und schwach . Ein Vers ging ihm durch den Sinn , den die alte Marri , seine Wärterin , ihm vorgesungen hatte , als er noch ein ganz kleiner Knabe war , und er mußte ihn beständig vor sich hinsummen : » Weißt du , was die Blume spricht ? Armes Fritzchen , weine nicht . Sonnenschein lacht dir ins Gesicht , Armes Fritzchen , weine nicht . « Auch im Städtchen sah es frühlingsmäßig aus , die Mädchen trugen helle Blusen , lange Reihen von Gymnasiasten spazierten Arm in Arm durch die Straßen . Kommis standen in den offenen Türen der Läden und ließen die bleichen Gesichter vom Frühlingswinde anwehen . Im Hause seiner Mutter wurde er von einem kleinen listig aussehenden Dienstmädchen empfangen , er kannte das , seine Mutter nahm stets solche Mädchen zu sich , um sie zu erziehen und zu bessern , und die gerieten meist nicht sonderlich . Dann kam Adine , Ende der dreißig , klein und stark , das Gesicht mußte früher fein und hübsch gewesen sein , jetzt war es in die Breite gegangen und die Züge verloren sich in ihm , aber die blauen Dachhausenschen Augen belebten es freundlich . Adine verbreitete um sich eine wohltuende Atmosphäre von Behäbigkeit und Herzlichkeit . In der Sofaecke saß Frau von Dachhausen , klein und gebrechlich wie eine Motte , das Gesicht unter den weißen Spitzen der Haube , noch immer weiß und rosa , war ganz zusammengeschrumpft , aber die Falten standen ihm gut , es waren lauter horizontale Falten der Freundlichkeit . » Ach Fritzchen , setz ' dich her « , sagte sie und die Augen wurden ihr feucht ; jedesmal , wenn sie ihren Sohn wiedersah , wurden ihr die Augen feucht , und Fritzchen saß nun da in dem altbekannten Lehnsessel , die Sonne schien durch die Goldlackbüsche im Fenster auf das blanke Parkett mit dem roten Läufer . Adine ging ab und zu und richtete den Kaffeetisch her , brachte die großen weichen Bretzeln , die auch von Barnewitz hier in die Stadt übergesiedelt waren . Dachhausen begann es schon wohler zu werden , er fing an sich anzuklagen , sprach von Liddys Krankheit , von seiner Einsamkeit , und die aufmerksame Teilnahme , mit der seine Mutter und seine Schwester ihm zuhörten , machte ihn ganz weich . Hier waren zwei , die unbedingt für ihn Partei nahmen , die von jeher jedes Mißgeschick , das ihn traf , als eine Ungerechtigkeit des Schicksals betrachteten , hier brauchte er nicht männlich zu sein , hier konnte er sich nach Herzenslust bedauern lassen . Der Kaffee kam , Adine und Frau von Dachhausen fingen nun an , die kleinen Stadtgeschichten zu erzählen , fingen an in ihrer milden und gemütlichen Art zu klatschen , der Abendsonnenschein lag schon ganz rot auf den Wänden , als Dachhausen noch immer dort saß , er wußte , es war Zeit heimzukehren , aber er konnte sich nicht dazu entschließen , zu Hause erwartete ihn die Einsamkeit und all das Feindliche , von dem er sich jetzt umstellt fühlte . Zwölftes Kapitel Der Mond stand schon hoch am Himmel , als Egloff und Fastrade noch zusammen die Waldwege entlang gingen . Der Wind trieb kleine Wolken am Monde vorüber und über den Mond hin , auch dem Walde ließ der Wind keine Ruhe , er fuhr in die Bäume , bog sie hin und her , und die Krähen , die in den Wipfeln schlafen wollten , schlugen immer wieder laut mit den Flügeln . Dazu waren die Windstöße ganz voll von betäubendem Duft der jungen Birkenblätter . » Der Wald ist heute betrunken « , sagte Egloff . - » Ach ja , « meinte Fastrade , » alles schwankt , als ob wir auf einem Schiffe spazieren gehen und denken , daß das Padurensche Fräulein mit dem wilden Egloff noch um diese Zeit in einem betrunkenen Walde spazieren geht , was werden die Schlösser sagen ! « » Was die Schlösser sagen , ist unwichtig , « erwiderte Egloff , » das einzig Wichtige bist du . « » Warum bin ich so wichtig ? « fragte Fastrade . Egloff schwieg einen Augenblick , um einen lauten Windstoß ausreden zu lassen , dann begann er sinnend : » Ich ging einmal um die Mittagszeit in Venedig durch die kleinen Straßen ; du weißt , gerade um diese Zeit gleichen diese Straßen mehr denn je Korridoren eines Armeleutehauses ; die Leute sitzen da herum und essen ; es riecht nach Zwiebeln und Fischen , Wirte stehen in den Haustüren und rufen : La minestra è pronta ! Kleine Jungen hocken in dämmerigen Torwegen und halten goldgelbe Polentaschnitte - nun ja , und da kam ich an einen Platz , ich weiß nicht , wie er heißt , von der einen Seite steht ein einzelner gotischer Turm , ganz mit Schnörkelwerk bedeckt , als hätte er Großmutters Spitzenmantille umgenommen . Ein kleines Wirtshaus ist dort auch , vor das ich mich hinsetzte . Über den ganzen Platz aber waren Leinen gezogen , auf denen Wäsche hing , Bettücher und Hemden , grell weiß in der Mittagssonne , und im Winde flatternd . Venezianische Mädchen kamen ganz schlank in ihren schwarzen Tüchern , schöne , bleiche , verhungerte Gesichter mit großen Augen , und sie hoben die Arme auf und bogen die Köpfe mit dem schweren , dunklen Haar zurück , standen da in all dem Weiß und hingen noch mehr Wäsche auf die Leine . Das gefiel mir . An meinem Tisch saß ein kleiner , alter Mann mit einem spitzen , grauen Bart , offenbar ein Deutscher , vielleicht ein Professor , denn er hatte langes , graues Haar , das haben die Germanisten auch oft . Er sah mich böse an und sagte in einem gereizten Tone , als hätten wir uns die ganze Zeit gestritten : Da laufen sie in Venedig herum und gaffen und bewundern lauter Kitsch . Ich komme hierher , denn dieses hier ist wichtig . In dem Augenblicke leuchtete mir das ein . « » Warum war das so wichtig ? « fragte Fastrade . Egloff lachte : » Ja , das weiß ich nicht , ebenso wenig wie ich es weiß , warum du mir so wichtig bist . Aber sieh , eigentlich ist das ein Zeichen von der Unberührtheit meiner Seele . Dir war schon mit vierzehn Jahren jeder Held eines englischen Romans wichtig , ihr alle zehrt ja von Jugend auf von eurer Seele , ich habe meine Seele gar nicht in Gebrauch genommen , ich habe bisher ohne Seele gelebt und für dich ziehe ich nun diese ungebrauchte , funkelnagelneue Seele heraus , ich schneide sozusagen für dich erst meine Seele an . Das will doch etwas heißen , wenn es auch nicht bequem ist . « » Ach ja , Lieber , tue das « , sagte Fastrade . Jetzt gingen sie unter großen , alten Tannen hin , in denen das Mondlicht nur hie und da wie silberne Funken sprühte ; auf einer kleinen Lichtung aber hell beschienen stand die Auerhahnhütte . » Die wollte ich dir zeigen , « sagte Egloff , » hier habe ich meine besten Stunden verbracht . « Er öffnete die Tür , der Raum war voller Mondlicht und großer schwankender Schatten der Tannenzweige . Er zog Fastrade auf das Ruhebett nieder , » hier habe ich dich immer am deutlichsten gesehen , wenn du nicht da warst , hier habe ich dich am deutlichsten gefühlt , in jedem Nerv habe ich dich gespürt , es ist , als ob du hier wohntest . Scheint es dir nicht , als ob dir hier alles bekannt sei , daß du hier schon oft gewesen bist ? « » Ja , « sagte Fastrade sinnend , » im Traume , glaube ich , habe ich dieses kleine Zimmer gesehen , ganz gelb von Mondlicht . « » Du mußt es kennen « , meinte Egloff und drückte sie an sich und begann langsam ihre Augen und ihren Mund zu küssen ; er beugte sie zurück , seine Hände faßten sie , daß es ihr weh tat , ein Knopf ihrer Jacke sprang klirrend zu Boden . Fastrade richtete sich auf , erhob sich von ihrem Sitz , machte einige Schritte , dann lehnte sie sich gegen die Tür , breitete die Arme aus und stützte die Handflächen gegen die Bretterwand , als wollte sie jemand den Eintritt verwehren . » O nein « , sagte sie schwer aufatmend . Egloff saß noch auf dem Ruhebette , ganz in den Schatten zurückgebogen . » Nein , « wiederholte er leise und zischend , » natürlich , ihr seid die Reinen , die Unnahbaren , die Heiligen , nur daß ihr die Liebe dadurch zu etwas verdammt Lächerlichem und Verlogenem macht . « » Nein , nein « , sagte Fastrade wieder , und das Schwingen in ihrer Stimme zeigte , wie stark ihr Herz schlug . » Ich bin nicht unnahbar , ich bin nicht heilig , aber , wenn ich dir helfen soll , wenn ich neben dir stehen soll , dann - dann darfst du mich nicht behandeln wie die anderen . « Aber aus der dunkeln Ecke klang es leise und böse zurück : » Ich will nicht , daß du mir hilfst , ich will , daß du mich liebst . « » Ich will dir helfen , « erwiderte Fastrade laut und klar , » gerade das will ich , das ist meine Art zu lieben . « Beide schwiegen . Egloff schaute zu Fastrade hinüber , wie sie an der Tür lehnte mit ausgebreiteten Armen , hell vom Monde beschienen , das blonde Haar hing ihr ungeordnet in die Stirne , eine flimmernde Haarsträhne fiel über die kindliche Rundung der Wangen , die Augen glitzerten , die Lippen waren ein wenig geöffnet , ja Egloff sah es deutlich , sie lächelten ein seltsam erregtes , triumphierendes Lächeln . Endlich trat sie von der Tür fort an Egloff heran , legte die Hand auf seine Schulter und sagte freundlich und mitleidig : » Komm , gehen wir , deine Auerhahnhütte gefällt mir nicht mehr . Sitze nicht so da . « Egloff lachte kurz auf . » Oh , du brauchst mir nicht zu sagen , « meinte er , » wie ich dasitze , das weiß ich wohl , also gehen wir . « Sie traten wieder hinaus , draußen empfing sie das gewaltsame Wehen und Duften , sie mußten ordentlich gegen den Wind ankämpfen . » Halte mich , halte mich « , rief Fastrade und lachte hell in das große Rauschen hinein . Es war spät geworden , als Fastrade nach Hause kam . Sie beeilte sich zu ihrem Vater hinüber zu gehen , der sie schon erwarten mußte ; aber als sie den dunkeln Saal durchschritt , war es , als versagten ihr plötzlich die Kräfte , eine große Mattigkeit ergriff sie und ihre Knie zitterten . Sie mußte sich auf einen Sessel niederlassen . Vom Zimmer ihres Vaters her hörte sie die Stimme der Tante Arabella , welche St. Simons Memoiren vorlas , auf der anderen Seite sang Couchons zitternde Stimme ihr : » Ah repondit Collette , osez , osez toujours . « Vor den Fenstern jauchzte der Frühlingswind . Fastrade schlug die Hände vor das Gesicht und weinte , nicht aus Schmerz , es war nur ein unendlich wohltuendes Sichlösen der großen Spannung ihrer Seele . Dreizehntes Kapitel In Sirow fand das große Souper statt . Die Baronin ging durch die Zimmer , um einen letzten Blick auf die Veranstaltungen zu werfen . Langsam zog sie ihre Atlasschleppe über das Parkett , vor einem Spiegel blieb sie stehen und rückte die Diamantbrosche zurecht , ein Geschenk der hochseligen Großherzogin . Dann setzte sie sich auf ihren Sessel und erwartete die Gäste . Die Kerzen in den Kronleuchtern brannten alle , obgleich draußen der Maiabend noch hell über dem Garten war . Die Glastüren zur Veranda standen offen , und der Duft des Flieders drang herein , der wie eine Mauer aus weißem und hellblauem Gewölke den Garten einhegte . Die Baronesse Arabella und Fastrade waren die ersten , die anlangten . » Mein liebes Kind , du siehst gut aus « , sagte die Baronin zu Fastrade mit dem milden Ernst , den sie im Umgang mit ihrer künftigen Schwiegertochter anzuwenden liebte , aber heute ruhten ihre Augen doch mit Wohlgefallen auf dem aufrechten , blonden Mädchen , über dessen rundem Gesicht , über dessen Schultern und Armen ein so wundersam warmer Jugendglanz lag . Fastrade trug ein weißes Spitzenkleid und einen Veilchenstrauß an der Brust . » Komm , meine Tochter , « fuhr die Baronin fort , » setze dich zu mir , bis die anderen kommen , können wir uns ein wenig genießen « , und sie begann genau zu beschreiben , wie sie solche große Gesellschaften zu organisieren pflegte , wie sie alles im voraus genau bestimmte , so daß das Uhrwerk später tadellos von selbst funktionierte . Eine Unterrichtsstunde , dachte Fastrade und schob ein wenig die Unterlippe vor . Nun kamen auch die anderen Gäste , zuerst die von Teschens aus Rollow mit drei Töchtern in Rosa , Blau und Lila . Die Fräulein von Teschen waren immer in Rosa , Blau und Lila , in Rollow hatte man zehn Kinder , mußte mit dem Gelde sparen und ging nur wenig in Gesellschaft . Wenn aber die drei Mädchen mit den kleinen braunen Augen in den unregelmäßigen , erwartungsvollen Gesichtern einmal ausgeführt wurden , dann warfen sie sich mit Heißhunger auf alles , was wie Unterhaltung aussah . Die Gräfin Bützow zog ein in rotem Samt , stattlich und streng , gefolgt von ihrem kleinen , blonden Gemahl , der in einem breiten rosa Gesicht ein großes Monokel trug . Die Ports kamen , die Baronin in stahlblauen Atlas gekleidet wie in eine weitläufige Rüstung . Gertrud trug ein weißes Kleid mit griechischen Ärmeln , sie hatte ihrem hageren , spitzen Gesichtchen ein wenig Rot aufgelegt und ihre fieberblanken Augen vorsichtig mit dem Stifte unterstrichen . » Sehen Sie doch unsere Gertrud , « sagte die Gräfin Bützow zu Frau von Teschen , » wenn die Mädchen auch nur etwas mit dem Theater in Berührung kommen , gleich hängt ihnen etwas Komödiantenhaftes an . « Frau von Teschen seufzte : » Ach ja , das Theater ist eine ansteckende Krankheit . Ich habe sechs Töchter , aber wenn Gott mir noch sechs Töchter mehr gegeben hätte , keine sollte mir aus dem Hause , ehe sie heiratet . « Der Saal füllte sich , da waren auch die Herren aus der Stadt , der schöne Leutnant von Klette , der Referendar und Doktor Hansius . Es wurde Tee herumgereicht , man stand beieinander und unterhielt sich ein wenig zerstreut , weil ein jeder nach der Tür sah , um die Neuankommenden zu betrachten . Mit einem Schweigen der Bewunderung wurde Lydia von Dachhausen empfangen , sie trug ein schwarzes Samtkleid , an der Brust einen großen Strauß pfirsichfarbener Rosen , Gloire de Dijon ; ihr schönes Gesicht , ihre Schultern , ihre Arme waren alabasterweiß , und die Augen hatten den intensiven Glanz der Edelsteinaugen einer griechischen Marmorgöttin . » Das muß man sagen , « flüsterte der Referendar dem Doktor Hansius zu , » diese Baronin von Dachhausen , die ist Großstadt , die ist Grandmonde . « » Und schlechte Nerven « , brummte der Doktor . Durch das Gesumme der Stimmen im Saal klang deutlich und klar die Stimme der Baronin Egloff , sie sprach mit der Gräfin Bützow von den Hofsitten einst und jetzt , sie fand , daß die Hofsitten jetzt an Würde , ja geradezu an Würde verloren hätten . Früher , wenn die hochselige Kaiserin von Rußland in einen Saal trat , dann ging eine Hoheit von ihr aus , daß es einem kalt über den Rücken lief . Auf der anderen Seite des Saales aber wurde laut gelacht . Dachhausen hatte sich zu den Fräuleins von Teschen gesetzt und machte sie lachen , indem er selbst beständig lachte . Der Arme zwang sich heute zu einer gewaltsamen Heiterkeit , er wollte nicht , daß die Leute es merkten , wie elend ihm zumute war . Das rosa Fräulein von Teschen jedoch sprang plötzlich auf und rief : » Da steht ja der Leutnant von Klette , ich will gehen mit ihm flirten , ich flirte so furchtbar gern und habe so selten Gelegenheit . « Sie ging zum Leutnant hinüber und stellte sich vor ihm auf . Zuweilen ging eine der Damen auf die Veranda hinaus ; der Abend war milde , aber es lief doch ein Schauer über die nackten Schultern . » Wie schön , wie wunderschön « , sagte sie dann und ließ die Worte gefühlvoll klingen ; die Ruhe der Abenddämmerung , die feierlich über den Tulpen- und Narzissenbeeten lag , ergriff sie . Ein fremder Herr fiel in der Gesellschaft besonders auf , ein russischer Gardeoberst , der Graf Schutow , der seit einigen Tagen Egloffs Gast war , eine große , schwere Gestalt , Haar und Backenbart leicht ergraut , das regelmäßige Gesicht bleich und schlaff , die schweren Augenlider mit den langen Wimpern , die sich nur selten hoben , verdeckten graue , sentimentale Augen . Der Graf bewegte sich mit einer trägen Sicherheit , begrüßte und ließ sich vorstellen und musterte dabei ruhig und genau die Reihen der Damen . Er liebte es nicht zu stehen , wenn er aber saß , saß er gern neben der schönsten Frau der Gesellschaft . So ging er auch auf Lydia zu und nahm neben ihr Platz . Leicht zur Seite gebogen stützte er sich auf die Armlehne des Stuhles , um dem schönen Arme näher zu sein , und begann mit seiner singenden Stimme die Unterhaltung : » Ich freue mich sehr , hier einmal die Damen der Gegend kennenzulernen . Damen überhaupt sind ja für jeden wichtig , aber wir Russen , wir wären ohne Damen verloren . « » Wieso ? « fragte Lydia und verschanzte sich hinter ihrem Federfächer vor den grauen Augen , die sie mit unheimlicher Gründlichkeit betrachteten . » Ja , sehen Sie , « fuhr der Graf fort , » Rußland ist furchtbar groß , zu viel Raum , ehe man es sich versieht , ist man allein . Man reist Tage und Tage , immer allein . Man ist auf seinem Gut , die anderen Güter sind ganz weit . Man geht auf die Jagd , nur die Steppe und kein Mensch . In der Nacht schläft man auf einem der großen Heuhaufen , um einen alles ganz weit und still , über einem der Himmel , - nun