anderemal , der letzte Grund ihrer scheinbar unerklärlichen Handlungsweise . Tschun fühlte an jenem Morgen dunkel , daß eine ganz einzige Gelegenheit unwiederbringlich versäumt worden war , und daß sich das irgendwie rächen müsse . Eine Ahnung sagte ihm , daß die letzten Worte der Hingerichteten sich erfüllen sollten , daß all das , wonach diese gestrebt hatten , schließlich wohl erreicht werden würde , aber nicht auf friedliche Weise , wie sie es gewollt , sondern mit Kämpfen und Schrecknissen , unter denen jene vielleicht mit zu leiden haben würden , die heute in träger Kurzsichtigkeit das Reformwerk preisgegeben hatten . Aber es waren dies Tage , die niemandem Muße ließen zum Grübeln über die Geschehnisse des Gestern , weil ja jedes Heute allzuviel Neues brachte . Dafür sorgte schon Tzü Hsi . Ihrem Rachedurst hatten das Blut der Hingerichteten und die Tränen so mancher anderen , die verbannt und entehrt worden , offenbar noch nicht genügt . Ihre Seele hungerte nach höherem Opfer . Und die greise » Pekinger Zeitung « , die schon das Kommen und Gehen so vieler Menschengenerationen berichtet , begann zu melden , daß der Kaiser Kwang Hsü schwer erkrankt sei . Alle Chinesen wußten , was das zu bedeuten habe . Und die Barbiere machten bekümmerte Gesichter , denn nach eines chinesischen Kaisers Tod darf sich ja während hundert Tagen kein Untertan den Vorderschädel rasieren lassen - da sah die Geschäftskonjunktur freilich düster aus ! » Der Himmelssohn lebt der Gnadenreichen viel zu lange , « flüsterte man in den Teehäusern . » Sie hatte ihn ja gerade wegen seiner Schwächlichkeit für die Thronfolge ausgesucht . « - » Sie hat schon einen neuen Kaiser in Aussicht genommen , ein kleines Kind ist es , dann führt sie die Regentschaft wieder auf viele Jahre . « Aber für den armen jungen Kaiser , den doch eigentlich niemand gekannt , weil er auch schon vor seiner Gefangennahme , strenger noch als von den purpurnen Mauern der verbotenen Stadt , durch tausend uralte Etikettevorschriften von der Welt abgeschlossen gewesen war und nur wie ein Phantom hatte regieren dürfen - für die Rettung dieses Kaisers regten sich jetzt manche Hände . Es ward bekannt , der Taotai von Schanghai habe an Tzü Hsi eine Adresse gesandt , die von Tausenden unterschrieben worden war , und in der die Hoffnung ausgedrückt wurde , daß der Kaiser sich erholen und dann wieder die Regierung übernehmen möge . Im Süden sprach man deutlicher ; ein mächtiger Vizekönig meldete , daß ernste Revolten zu befürchten seien , falls des Kaisers Krankheit sich etwa verschlimmern sollte . Ja sogar die Fremden rührten sich . Die chinesischen Lehrer der Dolmetscher erzählten , » eine Gesandtschaft habe im Tsungli-Yamen angedeutet , daß sie es peinlich empfinden würde , wenn der von ihrem Souverän erst kürzlich dekorierte Kaiser nun plötzlich verschwinden sollte . « - Tzü Hsis Antwort auf all das war ein Edikt , das die Absetzung des Taotai von Schanghai verkündete . Der mächtige Vizekönig des Südens dagegen war ein zu unabhängiger Satrap , als daß sie wagen mochte , sich in diesem Augenblick mit ihm zu messen . Da würde die Zeit vielleicht Rat schaffen . Einstweilen mußte sie sich begnügen , ihm einen allgemein ermahnenden Erlaß zu senden . - Am allerwenigsten konnte sie naturgemäß den Fremden anhaben - einstweilen wenigstens , denn auch darin konnte die Zeit ja Wandel bringen ! - Mit den Reformern war sie ja so leicht fertig geworden - vielleicht würde sich doch noch einmal der Augenblick finden , wo sie endgültig auch mit jenen abrechnen konnte , deren Anwesenheit und Lehren doch den Ursprung alles Uebels bildeten . Auffallend war , in wie übertriebener Darstellung der fremden Gesandtschaft sehr bescheidener Schritt zugunsten des Kaisers zur Kenntnis des großen Publikums kam . Absichtlich aufreizende Ausstreuungen mußten da gewirkt haben . Man führte sie zurück auf den zunehmenden Einfluß Kang yis , den schon die bloße Gegenwart der Ausländer in Peking eine mit ungeduldigem Haß ertragene Demütigung dünkte . - » Die Anmaßung der Fremden , ihre Einmischungen in unsere Angelegenheiten werden immer unerträglicher , « sagten Leute vom Schlage des alten Lin te i , » es geht sie doch gar nichts an , wie unsere Herrscher ihre Differenzen untereinander austragen . « Und die konservativen Gelehrtennaturen , denen überhaupt alles gut schien , was sich mit Beispielen aus der Vergangenheit belegen ließ , sagten : » Gegen ein Verschwinden Kwang Hsüs unter den obwaltenden Umständen würde nichts Erhebliches einzuwenden sein , denn es ließen sich dafür geschichtliche Präzedenzfälle anführen . « Immerhin erreichten die verschiedenen Fürsprecher doch so viel , daß eine Verschlimmerung im Befinden des Kaisers einstweilen ausblieb . Ja , er wurde sogar gezeigt . Am Tage , da im Mondtempel die alljährlichen weißen Opfer an Perlen , Seide und Stieren vom Himmelssohn selbst im Namen des ganzen Volkes dargebracht werden müssen , ward Kwang Hsü , bleich und schattenhaft , von seinem Inselgefängnis aus hingetragen . Ein ungeheures Aufgebot von Palastwächtern und Soldaten umgab die gelbe kaiserliche Sänfte . Für ein Ehrengeleit konnten sie gelten und waren doch lauter Kerkermeister . Und sogar einige der verhaßten Ausländer sollten den Kaiser zu sehen bekommen . Aus Angst , in ihren reaktionären Maßregeln vielleicht zu weit gegangen zu sein , entschloß sich nämlich die göttliche Mutter , die Frauen der fremden Gesandten in ihre gnadenreiche Gegenwart zu entbieten . Denn Tzü Hsis leidenschaftlicher Wesensart entsprach das bedächtige Schreiten auf goldener Mittelstraße nie so recht . Sie gehörte eher zu dem Typus jener Herrscher , die das Wippesystem bevorzugen und , gottähnlich , daran Gefallen finden , je nach Belieben erhöhen und erniedrigen zu können . Daß das Gefühl für richtiges Maß dabei bisweilen verloren ging , und Aufstiege und Stürze mitunter etwas plötzlich erfolgten , lag in der Natur des schwindelerregenden Spiels . Als sich in der Gesandtschaft die Nachricht verbreitete , daß die Taitai zur Audienz bei der Kaiserin geladen sei , empfand Tschun ein ähnliches Gruseln wie damals im Tempel , als er zusehen mußte , wie seine Herrin lachend den greulichen Götzen Räucherkerzen spendete . Und da er von seiner Pagenzeit her noch gewisse Privilegien genoß , obschon er längst kein kleiner Junge mehr war , sondern ein lang und schmal aufgeschossener Boy , so faßte er sich ein Herz , ging in das Zimmer der Taitai und neigte vor ihr das Knie , was die Feierlichkeit der Gelegenheit bekunden sollte . » Was gibt es , Tschun ? « frug die Taitai , die sich gerade von Madame Angèle ihre schönsten Kleider hatte bringen lassen und prüfend erwog , welches für die Audienz wohl am geeignetsten sein dürfte . » Ich wollte Euch bitten , Taitai , « stammelte Tschun , » geht nicht zur Kaiserin ! tut das nicht ! « Die Taitai sah ihn starr an . » Nicht dabei sein , wo hier endlich mal was Amüsantes passiert ! « rief sie . » Ja , und warum denn ? « » Sie ist böse , böse , « sagte Tschun . » Denkt , was ich von ihr gesehen habe , und was sie seitdem alles getan hat . Ihr gehört nicht dahin ! Sie ist böse , böse ! « Die Taitai lachte und antwortete : » Wenn man sich danach richten wollte , könnte man ja beinah so einsam leben wie der alte indische Einsiedler . Nein , nein , Tschun , ich freu mich unbändig auf diese Audienz ! Endlich mal was Neues und Merkwürdiges in diesem stumpfsinnigen Aufenthalt ! « » Und wenn sie Euch was Schlimmes antäte ? « entgegnete Tschun . Aber da richtete die Taitai ihre Gestalt , die in der Mitte so merkwürdig dünn war , ganz hoch auf , warf den Kopf empor , blickte geringschätzig aus den seltsam hellen Augen und sagte von oben her : » Du bist wohl nicht recht klug , Tschun ! Eure Kaiserin wird schon nicht vergessen , was sie den Frauen fremder Vertreter schuldet . « Und dann setzte sie hinzu : » Ich glaube überhaupt , Ihr malt sie ein bißchen schwarz . Ihr bloßer Wunsch , uns zu empfangen , zeigt ja , daß sie gar nicht so fremdenfeindlich sein kann . « - So mußte denn Tschun mit ansehen , wie an einem bitterkalten Wintermorgen all die bevorzugten Taitais in einem langen Zug von Sänften durch den hartgefrorenen Schmutz der Straßen der Kaiserstadt getragen wurden . Mafus auf zottigen Ponies bahnten den Weg durch das Gewühl der zerlumpten , vor Kälte schlotternden , stier hinstarrenden Bevölkerung , schafften Platz zwischen den langen Zügen der aneinander gebundenen mongolischen Kamele , zwangen die Führer der schweren , knarrenden Pekinger Karren vor den Barbarenfrauen auszuweichen . Am Tschiao-Yüan-Tor hielt der Zug . Tschun war bis dahin mitgelaufen , und auch einige der jungen Herren , die der Taitai als lebende Schatten dienten , waren so weit neben ihrer Sänfte hergeritten . Doch hier mußten all die Taitais ihre eigene Eskorte verlassen und wurden von harrenden Leuten der Kaiserin in Empfang genommen . Tschun glaubte manche dieser pergamentenen Gesichter , dieser bösen Schlitzäuglein vom Sommerpalast her wiederzuerkennen . Er sah , wie sie mit hämischem Grinsen die Fremden in die Kaiserstadt geleiteten , er sah , wie das schwere Tor sich dröhnend hinter ihnen schloß . Spät am Nachmittag kehrte die Taitai endlich heim , da schon Besorgnisse über die ungewöhnlich lange Dauer der Audienz laut zu werden begannen und Madame Angèle sich in düstersten Prophezeiungen erging . Und die Taitai konnte gar nicht rasch genug sprechen , so viel hatte sie den auf sie Wartenden zu erzählen . Sie habe sich prachtvoll amüsiert , versicherte sie . Chinesische Theateraufführungen hatten im Palast mit großartigen Banketten abgewechselt , die verschiedensten Hallen , Pavillons und Höfe waren ihr gezeigt worden , sämtliche Prinzessinnen und die junge Kaiserin seien dagewesen , und auch den Kaiser habe sie kennen gelernt , es sei also offenbar gar nicht wahr , daß er so streng gefangengehalten würde . Und die alte Kaiserin ? Oh , das sei überhaupt eine liebe alte Dame , von größter Freundlichkeit und ungeniert behaglichem Wesen . Allerhand Geschenke hatte sie den Damen mitgegeben . Die Taitai zeigte die ihrigen voller Stolz . Und Tschun dachte : Nein , weise sind diese Fremden wahrlich nicht . Eher gleichen sie den kleinen Kindern , die ob eines bunten Spielzeugs alles vergessen . So war die kurze Aera der Reformen mit einem Feste endgültig begraben worden . Und unter den Fremden ward es bald üblich , von Tzü Hsis Staatsstreich und seinen blutigen Folgen als einem kleinen , rasch erledigten kaiserlichen Familienzwist zu reden , der durch die Unüberlegtheiten des krankhaft erregten Kaisers hervorgerufen worden sei . Wer aber , wie der Vetter Sin schen , ins Haus Li lien yings oder zu anderen Vertrauten Tzü Hsis kam , der mochte dort ein Echo des spöttischen Kicherns vernehmen , das die Leichtgläubigkeit und Lenksamkeit dieser fremden Teufel der Gewaltigen entlockten . Die drei kardinalen Regierungstugenden , Wohlwollen zu simulieren , Niedrige als Gleichstehende zu behandeln und reiche Geschenke darzubieten , - die der alte Philosoph Chia yi der Han-Dynastie einst zu erfolgreicher Behandlung der Hunnen empfahl , hatte sie diesen moderneren Barbaren gegenüber angewendet . Und diese alterprobten » Lehren für den Verkehr mit starken und wilden Völkerschaften « hatten sich auch hier wieder bewährt : die Fremden waren dadurch hypnotisch eingeschläfert worden . Doch der fortschrittliche Vetter Wang pao ließ sich nicht so leicht täuschen , er sagte warnend : » Glaubt mir , all die Leutseligkeit , die Tzü Hsi jetzt zur Schau trägt , ist nur Trug , und man sollte ihr am wenigsten trauen , wenn sie freundlich ist . Mir erscheint sie einer heimtückisch lauernden Spinne gleich ; in den dunklen Tiefen der Paläste spinnt sie im Verborgenen an geheimnisvollen Netzen weiter und übt nach Beispielen aus den Klassikern Versöhnlichkeit in Abwartung geeigneter Gelegenheit zu Feindseligkeiten « . Und wirklich ward den Sehenden bald bewußt , daß irgendwelche Ereignisse sich vorbereiteten . Kommende Dinge lagen in der Luft . Die christlichen Chinesen fühlten es , die Missionare im Innern sahen die Zeichen und begannen ihren Oberen davon zu berichten . Aber die Fremden im Pekinger Gesandtschaftsviertel merkten einstweilen noch nichts . Da hatte alles wieder den altgewohnten Gang angenommen . Die Vertreter der fremden Mächte wetteiferten untereinander im Bestreben , Chinas Gunst und Aufträge zu erringen . Jeder arbeitete gegen den anderen . Denn da war keiner , der nicht etwas gewollt , was der Nachbar ebenfalls wollte . Und alle wurden sie von ihren Heimatsbehörden in langen weisheitsvollen Erlassen und kurzen ungeduldigen Depeschen angetrieben , Vorteile zu erringen , oder wenigstens andere an ihrer Erreichung zu hindern . Der Schwarm der Konzessionenjäger , den die Ereignisse des Staatsstreichs einen Augenblick aufgescheucht hatten , war wieder über Peking niedergegangen , gleich wie hungrige Vögel in ein überreifes Kornfeld einfallen . Sie bestürmten die Gesandtschaften , und die Boys hatten bei den Ta-jens immer neue Herren zu melden , die in ihren verschiedenartigen Bestrebungen unterstützt sein wollten . Ja , das Wettrennen war wieder in vollem Gange ! Und wenn Tschun jetzt im Arbeitszimmer des Gesandten Soda und Whisky servierte , dann hörte er ihn sicher mit den Sekretären und Dolmetschern über Lieferungen und Unternehmungen reden , über Geschütze , Minen , Bahnlinien und Anleihen . Es waren alles noch dieselben Worte , die Tschun zuerst so verheißungsvoll aus der Welt der Fremden entgegengeklungen hatten , und die ihm beinahe wie unfehlbare Beschwörungsformeln gegen alle Uebel erschienen waren - und doch war da irgend etwas verändert . Lag es an den gepriesenen Dingen und ihren Befürwortern , lag es an ihm selbst ? - Er wußte es nicht , fühlte nur , daß er nicht mehr so zuversichtlich wie einst an all das glauben konnte . Aus den Tagen nach dem Staatsstreich mußten seine ersten leisen Zweifel wohl herstammen , oder von noch früher ? Er suchte sich zu erinnern . Und wußte schließlich nur noch das eine : diese fremden Menschen vertraten in Stunden der Gefahr nicht unbedingt das , was sie doch vorher selbst empfohlen hatten . Da lag die Frage nahe : durfte man ihnen und ihren Ratschlägen überhaupt so ganz blind vertrauen ? Wenn Tschun jetzt so über das Wesen der Ausländer nachdachte und Vergleiche anstellte zwischen ihren Lehren und ihren Handlungen , dann war ihm , als sei er , wie manchmal im Traum , in eine ganz fremde Stadt geraten , wo er die Straßen nicht kannte und sich angstvoll frug , auf welcher er nun wohl weiterschreiten sollte , da er doch von keiner wußte , wohin sie führen mochte . Während nun aber die Herren gewohnter Arbeit also oblagen , erfüllten die Damen ebenso gewohnheitsgemäß , was sie die gesellschaftlichen Verpflichtungen nannten . Die hätte der oberflächliche Beobachter freilich für Vergnügen halten können , aber Tschun wußte es besser , denn er hatte ja oft die Taitais seufzend erklären hören : » das sei erst recht Arbeit « . Auf alle Fälle aber trugen Ernst und Spiel den gleichen Charakter des Stereotypen , und über die Einförmigkeit von beidem wurde von den Fremden viel geklagt . Neben der Präokkupation um all diese immer wiederkehrenden Aufgaben des Alltags gab es aber noch etwas , was ihre Gedanken beständig beschäftigte : das war das Spekulieren , Kombinieren und Diskutieren über die persönlichen Karriereaussichten ! Von Versetzungsmöglichkeiten hörte Tschun die Fremden oftmals untereinander reden . Sie alle waren schon in vielen Ländern gewesen und wollten offenbar noch in viele mehr kommen . Und das Hauptziel eines jeden schien zu sein , an Orte innerhalb Europas versetzt zu werden . Aber , grübelte Tschun , was mochten dort die Gesandten wohl für Geschäfte haben ? In Europa waren ja alle Menschen Christen , da wurden also keine Missionare massakriert und bedurften keines besonderen Schutzes . Und da all diese verschiedenartigen Fremden sich darin glichen , daß sie China gegenüber nicht nur als Verkäufer und Unternehmer auftraten , sondern daß auch ein jeder China immer vor den Erzeugnissen aus der Heimat des anderen warnte , so kauften sie sich untereinander sicherlich nichts ab . All jene Tätigkeit der Gesandten in Peking , die im Anpreisen eigener Lieferanten bestand , mußte also dort wegfallen . War vielleicht an europäischen Posten die Damenarbeit , die Diners und Jours und Bälle die Hauptaufgabe ? Gerade in dieser Zeit hörte Tschun wieder mal besonders viel von Versetzungsmöglichkeiten reden . Es hieß , daß bald ein sehr schöner Posten irgendwo frei werden sollte , und daß der Ta-jen ihn vielleicht erhalten würde . Von Madame Angèle wußte Tschun , daß der Ta-jen und die Taitai , die sonst über alle Dinge entgegengesetzter Ansicht waren , hier einmal den Wunsch , auf jenen Posten zu kommen , beide gleich heftig hegten , und daß sie auch fänden , sie hätten Ansprüche darauf . Aber vor seinen Kollegen tat der Ta-jen doch scheinbar bescheiden abwehrend : » Solche Auszeichnung würde weit über seine schwachen Verdienste gehen , « antwortete er feierlich auf eine Frage . Die vielen jungen Herren , die die Taitai stets umschwirrten , besonders aber der hübsche , weiße , schienen alle ganz geknickt bei der bloßen Möglichkeit ihrer Abreise . Trauernd starrten sie bei dem Jour der Taitai in die Teetassen . Sie aber sagte nur lachend : » Es sei ja noch gar nicht entschieden . « Ja , mit lauter solch kleinem Tun und Trachten wurden die rasch fliehenden Stunden des Sonnenscheins gefüllt . Und niemand schien zu ahnen , daß es vielleicht die letzten sein würden . Denn über all diese , Zeit und Gedanken gefangennehmenden Dinge war keine rechte Aufmerksamkeit übrig geblieben für die Anzeichen großer , aus dem Rahmen alles bisher Erlebten heraustretender Ereignisse . Unbemerkt war das Unwetter aufgestiegen und stand nun schon dunkel und dräuend am Himmel . Mit einer kleinen Wolke in Schantung hatte es angefangen . Jetzt lag ihr Schatten schon weit über Petschili . Seit Monaten schon hatte man ab und zu in den Gesandtschaften Kunde erhalten von Ueberfällen auf einheimische Christen und Bedrohungen europäischer Missionare , die in Schantung stattgefunden haben sollten . Aber das gehörte ja so sehr zu den alltäglichen Aeußerungen der chinesischen Volksseele , daß man es stillschweigend hingenommen hatte , nur wünschend , daß die Ereignisse nicht einen Umfang annehmen möchten , der Einsprache oder Einschreiten unvermeidlich machte . Doch dies Hoffen hatte sich nicht erfüllt . Aergere Ausschreitungen waren gefolgt : große Plünderungen christlicher Dörfer , Metzeleien ihrer Bewohner , Vertreibung , ja sogar Verwundungen von Missionaren wurden gemeldet . Auf die nun nötig gewordenen milden Vorstellungen beim Tsungli-Yamen erfolgte die Antwort , diese von der chinesischen Regierung sehr bedauerten Vorkommnisse seien auf Räuberbanden zurückzuführen , die sich in letzterer Zeit durch das große Elend stark vermehrt hätten . Und dies klang glaubwürdig genug , denn nie noch waren die von Luft- und Wassergöttern geschaffenen Zustände dem Volkswohl so ungünstig gewesen ! Dürre in den einen Gebieten , Wolkenbrüche in den anderen hatten allerwärts die Ernten vernichtet . Der Gelbe Fluß war ausgetreten und hatte , alle Deiche durchbrechend , weite Ländereien überschwemmt . 160.000 Menschen sollten dort obdachlos sein . Die größte Hungersnot , die je erlebt worden , herrschte seitdem in ganzen Landesteilen . Da mochten leicht einmal von den in großen Banden nach Nahrung Suchenden Uebergriffe begangen werden . Mit diesen offiziellen Erklärungen beruhigte man sich . Aber nun kamen Nachrichten von den Missionaren im Innern , daß es sich bei den Ausschreitungen doch keineswegs bloß um gewöhnliches räuberisches Gesindel handle , das sich zufällig , von der Not getrieben , zusammengerottet habe , sondern daß , neben diesen , andere weit gefährlichere Scharen beständen , die wohlorganisiert seien und einen ausgesprochen fremdenfeindlichen Charakter trügen . Sie schienen alle zu einer geheimen Sekte zu gehören , die sich I ho Chüan nenne , allerhand seltsame Riten übe und die wunderliche Behauptung aufstelle , durch den Schutz übernatürlicher Mächte unverwundbar zu sein . Das Schlimmste aber sei , daß diejenigen Distriktsmagistrate , die diesen Geheimbündlern anfänglich energisch entgegengetreten seien , von den oberen lokalen Behörden dafür Verweise erhalten hätten ; seitdem ließen sie die Unruhestifter zum mindesten gewähren , wenn sie sie nicht gar begünstigten . Von Yü Hsien , dem Gouverneur Schantungs , sei allgemein bekannt , daß er die ganze Bewegung unterstütze . Das Tsungli-Yamen erwiderte auf Vorstellungen der Gesandten , Geheimgesellschaften seien bekanntlich in China seit altersher aufs strengste verboten - was eigentlich so viel bedeutete , als daß sie von altersher bestanden hatten - , wenn daher von organisierten Banden die Rede sei , so könne es sich nur um die autorisierten lokalen Dorfmilizen handeln , die eben jene Räuberbanden bekämpften . Was schließlich angebliche Ansprüche auf übernatürliche Kräfte beträfe , so seien das Kindereien , die von den Missionaren aufgebauscht würden . Das Verhalten der Beamten solle in den einzelnen Fällen untersucht werden . Wiederum beruhigte man sich , obschon die Meldungen über Ausdehnung der Bewegung mit beinahe langweilig werdender Monotonie einliefen . Aber Schantung schien weit . Außerdem wollte auch keiner der Gesandten als derjenige gelten , der als erster im Tsungli-Yamen mit scharfen Worten Vorstellungen gemacht . Jeder hegte die gleiche Scheu , die chinesische Regierung dadurch zu verstimmen und so ihre vielumworbenen Aufträge und sonstigen Begünstigungen einem schmiegsameren Rivalen zuzuwenden . Die emsigen Konzessionsjäger und Anleihevermittler boten ihrerseits allen Einfluß auf , um jedes energische Vorgehen zu hindern , denn bei dem für sie einzig maßgebenden Zweck , vorteilhafte Geschäfte rasch abzuschließen , bildeten wenigstens scheinbar ruhige Zustände ein Haupterfordernis . Ohne weiterzuschauen und stets nur von der Eifersucht auf den politischen oder kommerziellen Konkurrenten geleitet , bedachten sie alle nur immer die Erfordernisse der augenblicklichen Marktlage . Wenn Tschun solcherlei Erwägungen gelegentlich von den Herren der Gesandtschaft erörtern hörte , wollte es ihm jetzt , bei zunehmender Reife , bisweilen scheinen , als handle es sich für die Fremden in China vielleicht doch weniger um Kulturaufgaben als um Gelderwerb . Er erinnerte sich der Geschichte vom goldenen Kalbe in der Bibel . Das sollte ja damals zertrümmert worden sein . Aber vielleicht hatte die Taitai recht , als sie ihm im Tempel vor Tsä schens Bilde erzählte , es wären statt des einen goldenen Kalbes in den Ländern jenseits der Meere dem Gott des Reichtums zahllose Altäre errichtet worden . Inzwischen spielten sich in den Pekinger Kaiserpalästen Ereignisse ab , die von den europäischen Beobachtern kaum bemerkt wurden , den Landeskindern aber voll unheimlicher Bedeutung erschienen . Da nämlich der schattenhafte Kaiser Kwang Hsü schon über fünf Jahre verheiratet war , ohne daß ihm ein Erbe geboren worden , war es , altem Brauch gemäß , an der Zeit , nach einem präsumtiven Erben Umschau zu halten und zu seiner Ernennung zu schreiten . Tzü Hsis Wahl fiel auf den vierzehnjährigen Sohn des Prinzen Tuan , und sie proklamierte ihn zum Ta a ko , obschon der mächtige südliche Vizekönig Liu ku nyi , der auch zur Zeit des Staatsstreichs zugunsten Kwang Hsüs seine Stimme erhoben hatte , vor der Wahl gerade dieses Prinzen mit Entschiedenheit warnte . Die eventuelle Thronfolge erschien den Fremden als eine interne Angelegenheit der Dynastie , die kein sonderliches Interesse verdiene , um so mehr , als der Kaiser ja noch jung war . Auch kannte niemand unter den Ausländern den so plötzlich erhöhten jugendlichen Prinzen noch seinen Vater . Man wußte nur , daß dieser vor einem Menschenalter bei Hof in Ungnade gefallen sei und seitdem fast ausschließlich in der Mandschurei gelebt habe . Warum Tzü Hsi gerade diese Familie für die Eventualität der Thronfolge ausersehen hatte , war mal wieder eines der vielen chinesischen Rätsel , doch was lag schließlich daran ! Aber der Vetter Sin schen hörte im Hause Li lien yings , daß ursprünglich keineswegs bloß die Ernennung eines eventuellen Thronerben , sondern die unmittelbare Abdankung des Kaisers und seine Ersetzung durch den Sohn des Prinzen Tuan beabsichtigt gewesen sei . In der geheimen Ratssitzung , wo diese Frage erwogen worden , hätte Tzü Hsi erklärt , » es gäbe Präzedenzfälle für solches Verfahren « , und sogar der Titel , den der abgesetzte Kwang Hsü später führen werde , sei festgesetzt worden . Die Mandschus wären übereingekommen , daß er , mit Anspielung auf seine reformatorischen Anwandlungen , Hunte-kung - Herzog der irregeleiteten Tugend - heißen solle . - Erst die versteckte Drohung Liu ku nyis , » er stände für nichts , was im Süden geschehen würde , falls der Herr der zehntausend Jahre widerrechtlich abgesetzt würde « , hatte Tzü Hsi veranlaßt , den für den Thronwechsel zuerst bestimmten Termin des kommenden Neujahrsfestes einstweilen unbestimmt zu verschieben . - So war dem Regiment des schattenhaften Herrschers die Frist noch einmal verlängert worden , und das nahende Jahr würde nicht , wie Tzü Hsi gewollt , den Namen eines neuen Kaisers tragen , sondern als sechsundzwanzigstes der Aera Kwang Hsü auf die Geschichte übergehen . Aber es hieß , nur schwer und grollenden Herzens ertrüge Tzü Hsi diese Vereitlung der unmittelbaren Ausführung ihrer Absicht . Die sie kannten , erzählten flüsternd , ihre Wut gegen den Kaiser , der es einst gewagt , gegen ihre Autorität vernichtungwollende Pläne zu schmieden , sei mit den sinkenden Monden nicht schwächer , sondern nur immer heftiger geworden ; sein beabsichtigtes Vergehen erschiene ihr noch immer nicht genügend gesühnt ; das Gefühl angetasteter Majestät , die Furcht , daß ihm vielleicht doch noch einmal Anhänger erstehen könnten , ließen ihr keine Ruhe . - Wenn Tschun solche Worte vernahm , malte er sich aus , wie sehr diese furchtbare Hasserin wünschen mußte , daß der Kaiser verschwände und mit ihm auch alles , was ihn beeinflußt hatte und was sie sich selbst feindlich fühlte : alles Fortschrittliche , alles Fremde . - Und zu solchem Vorhaben würde ihr sicherlich jede Waffe , jedes Mittel willkommen sein . Bisher aber hatte es eben gerade an Waffen gefehlt , und Tzü Hsi hatte sich in ungeduldig ertragenes Abwarten fügen müssen . Doch nun endlich schien der langersehnte Augenblick gekommen . Scharen nahten , die der Kaiserin Kräfte anboten , mit denen sich jeder Kampf aufnehmen ließ ! - Wenn sie sich nur als echt erwiesen ? - Einstweilen , so hatte Li lien ying bedauernd geäußert , zauderte die göttliche Mutter ja noch . Aberglauben und Mißtrauen mochten in ihr , wie in jedem chinesischen Gemüt , um die Herrschaft kämpfen . - Aber Prinz Tuan hatte ja so bestimmt gesprochen . Unüberwindlich , ja sogar unverwundbar sollten diese freiwilligen Kämpfer sein ! Und wahrlich lockend erschien der Gedanke , sogar übernatürliche Kräfte in den Dienst eigener Rache zu stellen . An der Grenze Petschilis standen sie jetzt schon , diese geheimnisvollen Großmessermänner . - Nun , man würde ja sehen , was sie vermochten , prüfen , ob man sich ihnen anvertrauen dürfe . So nahte das neue Jahr . Es wurde aber von allen erfahrenen Leuten vorausgesagt , daß es ein ganz schlimmes werden würde . Und es konnte ja auch gar nicht anders sein , denn sein achter Monat würde ein eingeschobener Schaltmonat sein , und das ist bei Jahren , die wie dieses das zyklische Zeichen » Keng « führen , seit altersher von unheilvollster Vorbedeutung gewesen ! Als Tschun am Morgen des ersten Tages dieses im voraus so übel beleumundeten Jahres seine besten Kleider angelegt hatte , begab er sich zuerst mit allen anderen Boys zum Ta-jen und der Taitai , um vor ihnen mit gebeugtem Knie den Ta ke u-Gruß zu machen . Dabei empfing er , wie all die übrigen , den Betrag eines Monatsgehalts , der das in Peking althergebrachte Neujahrsgeschenk der Herrschaft bildet . Es war Tschun höchst willkommen , denn er selbst hatte viel Geschenke zu machen . Sein erster Besuch galt der Mutter , vor der er sich ehrfurchtsvoll niederwarf . Sie war in den letzten Jahren recht alt und kränklich geworden , aber sie hatte sich längst mit Tschuns Stellung bei den Fremden ausgesöhnt , denn sein regelmäßiger Verdienst war ihr sehr willkommen . Von da ging Tschun weiter zu den verschiedenen älteren Verwandten . In all den Häusern sah es festlich aus . Blitzblank waren die Stuben . Bei den heidnischen Familien der Verwandtschaft hatte man nachts zuvor die alten rußig gewordenen Bilder der häuslichen Schutzgötter unter allerhand Ehrfurchtsbezeigungen im Herdfeuer verbrannt und dazu gebetet , daß sie trotz aller etwa wahrgenommenen Mängel und Vergehen im Jenseits günstigen Bericht über das Haus erstatten und den Himmelsgroßvater , Thiau lao ye , veranlassen möchten , für das kommende Jahr wieder recht wirksame Schutzgötter zu senden . Da aber die Reise ins Jenseits weit ist , waren für die abziehenden Schutzgötter und ihre Pferde Proviant sowie Wasser und Heu im Hof vorsorglich aufgestellt worden . Dann hatte man die neuen Götzenbilder feierlich aufgehängt und auch an die Haustür eine Abbildung der Götterkatze geklebt , welches sagenhafte Untier imstande sein soll , alle schädlichen Geister und bösen Einflüsse zu bannen . Also behütet , konnte man allenfalls dem noch im Dunkel des Unbekannten liegenden Unheilsjahr entgegengehen , im Bewußtsein , sein Teil an Vorkehrungen mit Weisheit getroffen zu haben . In den Zimmern standen Bretter umher , mit je vier verschiedenen Geschenken , wie es sich für eine anständige Festgabe ziemt . Die großen roten Visitenkarten der Spender , mit einer Liste der gesandten Dinge , lagen darauf . Auch Tschun hatte seine Angebinde geschickt : ein paar Lichter , Schweinefleisch , eine Schale Lotoskerne und ein Paket Nudeln , deren Länge eine Anspielung auf die Länge des Lebens bedeutete , die er den Empfängern wünschte . Beim alten Großonkel Lin te i fand er Kuang yin sowie die meisten Verwandten versammelt . Auch sein einstmaliger Lehrmeister